Seltener Besuch - Erhard Schümmelfeder - E-Book

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Erhard Schümmelfeder

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Beschreibung

In den Sommerferien lernt Tobias in einer Jugendherberge seinen sensiblen Stiefbruder Andy kennen. Der idealistische Andy wird von gleichaltrigen Jugendlichen unterdrückt. Als Tobias Andy vor den anderen beschützen will, kommt es zu Prügeleien unter den Jugendlichen. Gemeinsam verlassen Tobias und Andy die Feriengruppe und suchen Unterschlupf bei Onkel Nelles, einem nörglerischen Zyniker, den die Leute nicht ohne Grund "Kinderfresser" nennen. Die Begegnung von vollkommen unterschiedlich geprägten Menschen steht im Mittelpunkt dieses Romans, der das Tragische mit dem Komischen zu verbinden versucht. - LESERSTIMMEN: "Moderner Stoff in einer zeitlosen, ganz eigenen Sprache ... spritzig, witzig und originell." (MissGlueck) "Großartig und ausgereift!" (Antja M.) "... tiefgründig und spannend." (Kalindamarie) "Wunderbar lebendige Romanfiguren ..." (Liana) "Besser gehts nicht!" (Heike Wolter) * Dieses Werk gehört zu den Gewinner-Beiträgen im 4. neobooks-Wettbewerb 2011

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Erhard Schümmelfeder

Seltener Besuch

oder Der Junge der keine Probleme hatte

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Die Vorgeschichte

M o n t a g

D i e n s t a g

M i t t w o c h

D o n n e r s t a g

F r e i t a g

S a m s t a g

S o n n t a g

Das Ende der Geschichte

Impressum neobooks

Die Vorgeschichte

Der Zyniker Cornelius Schenkhut war bekannt für seine bissigen Reden, in denen er sich über die Dummheit in der Welt ereiferte. Nur selten bekam er Besuch von Verwandten; Bekannte und Nach­barn gingen ihm aus dem Weg, weil seine beleidigenden Bemerkungen zu Fragen des menschlichen Mitein­anders stets in Streit ausarteten. Oft beklagte er voller Verbitterung die Ver­dorbenheit des Lebens und die schier grenzenlose Torheit der Menschen. Am Fenster seiner Küche sitzend, schickte er in Selbstge­sprächen üble Flüche in die Welt hinaus, um seinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen. So lebte der nörglerische Mann allein in seinem Haus am Rande des Bevertals.

Unter den Kindern der Nachbarschaft wurde Cornelius Schenkhut nur der Kinderfresser genannt, nachdem sich herumgesprochen hatte, dass mit diesem Zeitgenossen nicht zu spaßen sei. Auch Prospektverteiler und Handelsreisende, die den hitz­köpfigen und rechthaberischen Sonderling längst kannten, mie­den das Haus, denn hier war nichts zu bewegen oder gar zu holen.

Einmal im Jahr, zumeist im Frühling, verirrten sich zwei Männer in die Straße, an deren Ende Cornelius Schenkhut wohnte. Immer war einer der bei­den Män­ner uniformiert, während der andere Zivilkleidung trug. Die von Jahr zu Jahr wechseln­den Spen­densammler des Kyffhäuser Soldatenbun­des schell­ten auch jedes Mal an der Haustür von Cornelius Schenkhut, um ihr Anliegen vorzu­tragen: »Guten Tag, wir sammeln für die Kriegsgräberpflege in Russ­land. Möchten Sie etwas spenden?« Die Sammel­büchse, die stets von dem uniformierten jungen Mann gehalten wurde, veranlasste Cornelius Schenkhut im ersten Jahr dazu, ein bissig hingebell­tes »Nein» ertönen zu lassen, bevor die Tür sich vor den verdutzt-erschrockenen Män­nern wieder ver­schloss. Im darauffolgenden Jahr wiederholte er seine schroffe Verneinung und ließ die Tür mit Wucht ins Schloss fallen. Im Laufe der Zeit wurde der Besuch der Spendensammler zu ei­ner fast will­kommenen Abwechselung im eintö­nigen Le­ben des alten Mannes. Einmal zwang er sich zu ei­nem sarka­stisch-freundlichen »Nein«, wobei er seine nicht mehr vollständig vorhandene Zahnreihe ent­blößte, während er zwölf Monate später einen ge­langweilten und gleichgültigen Kommentar äußerte.

Da es keine anderen Auseinandersetzungen mit dem Leben und den Menschen gab, war der Be­such der Spenden­sammler gleichzeitig immer eine Gele­genheit, den angestauten Groll mit leidenschaftli­cher Inbrunst hinauszubrüllen. Sobald er die bei­den Männer in der Straße auf sein Haus zukommen sah, rieb er sich die Hände anlässlich der bevorste­henden Begeg­nung, auf die er zwölf Monate schimp­fend gewartet hatte. Die Palette seiner Nein-Varia­tionen war bunt und voller Gefühlsregungen: sach­lich, lauthals, drohend, fauchend, hustend, kräch­zend, hämisch grinsend, verächtlich glot­zend, em­pört prustend und einmal sogar ge­künstelt singend, hatte er seine ablehnende Haltung bekundet.

Seine verbale Aus­drucksweise wich bald einer non­verbalen Form: Einmal schüttelte er nur mit zusammengepressten Lippen sein Haupt. Im darauffolgenden Jahr vollführte er schadenfroh grinsend ein bedauerndes Achselzucken. Nie erlaubten sich die Bitt­steller ein Wort des Wider­spruchs oder gar der Kri­tik; immer zogen sie sich kommentar­los zurück und gingen weiter zur näch­sten Straße.

Wieder einmal schellte es an der Haustür. Wieder öffnete Cornelius Schenkhut, doch ließ er dem Sprecher keine Zeit, seine Bitte vorzutragen und sagte nur knapp: »Nein, nein und nochmals nein.« Schon wollte er die Tür zuschlagen, da fragte der Unifor­mierte mit der Sammelbüchse interes­siert: »Und warum nicht?«

Die unverhoffte Frage irritierte Cornelius Schenkhut einen Moment. Schweigen. Nachdenken. Endlich fasste er sich und schnauzte den Männern seinen Standpunkt ins Gesicht: »Für Kriegsopfer spende ich, für Kriegstäter aber nicht. Basta!«

Von seinem Fenster aus beobachtete er die bei­den Männer, die sich eilig aus der Straße entfern­ten. Bevor sie seinen Blicken ent­schwanden, zog der Mann in Zivil ein Notizbuch aus der Jacke und notierte etwas mit einem Stift. Aha, dachte der Zyniker, das saß!

Im folgenden Frühling hockte Cornelius Schenkhut wie­der am Fenster seiner Küche und äugte lauernd die Straße entlang. Endlich erblickte er die beiden Sammler, deren Gesichter er nicht kann­te. Vergeb­lich rieb er seine Hände, denn nachdem sie das vor­letzte Haus der Straße besucht hatten, kehrten sie um, ohne sein Haus auch nur zu beach­ten. Die Flü­che, die Cornelius Schenkhut ausstieß, können an dieser Stelle nicht alle wiedergegeben werden. Nur soviel sei versichert: sie waren recht übel und keinesfalls gesellschaftsfähig.

Im folgenden Frühling blieb der Besuch der Spendensammler wieder aus. In diesem Leben, soviel hatte Cornelius Schenkhut begriffen, würde er wahrscheinlich keine Spen­denbitten mehr hören. Hatte er sich richtig verhalten? Ja, ja und nochmals ja, sagte er sich. Kein Wort würde er je von seiner Meinung zurückneh­men.

Trotzdem vermisste er merkwürdigerweise den Be­such der beiden Männer.

*

Tobias Schenkhut hatte es sich zur Gewohn­heit ge­macht, alle Ereignisse seines Lebens mit Sym­pathienoten zu versehen. Die Ferien in der Weserstadt Höxter bewegten sich auf seiner imaginären Bewer­tungsskala launisch zwi­schen 1 und 6. Heute würde er auf dem Bahnhof den Jungen treffen, der keine Probleme hatte...

So könnte ein Roman aus der Sicht eines allwissenden Erzählers beginnen...

4 minus, dachte er, als ihm einfiel, dass es keine Möglichkeit gab, die erste Begegnung mit seinem Stief­bruder Andy an einen günstigeren Ort zu verlegen...

Aber ich bin nicht allwissend. Ich möchte aus meiner subjektiven und somit begrenzten Sicht etwas erzählen über den lange zurückliegenden Sommer, der ein Teil meiner eigenen Lebensgeschichte ist. Es ist die konfliktlastige Beschreibung vom Zusammentreffen dreier Menschen mit unterschiedlicher Prägung: Ein Realist, ein Idealist und ein grantiger Zyniker verbringen einige Tage in einem Haus auf dem Lande. Ich will versuchen, die merkwürdigen Ereignisse dieser Begegnung in Worte zu fassen. Mein Interesse für Menschen und die oft verborgenen Beweggründe ihres Handelns war in der Zeit meines neunzehnten Lebensjahres nur schwach entwickelt. Tiefgreifende Reflexionen über die prägenden Faktoren in der Lebensgeschichte anderer Leute, die mir begegneten, beschäftigten mich nicht. Die wesentlichste Erfahrung dieses Sommers - der plötzliche und unerwartete Tod eines mir nahestehenden Menschen - hat bis zum heutigen Tag Spuren in meinem Denken hinterlassen. In manchen Augenblicken sehne ich mich danach, die Zeit zurückzudrehen, um das Lebensgefühl dieses Sommers noch einmal zu erleben.

Wie soll ich mit meiner Schilderung anfangen?

Allein die Vorstellung, dass ein Junge namens Andy nun mit seiner Mutter unter einem Dach wohnte, war noch gewöhnungsbedürftig. Nach der Trennung sei­ner Eltern hatte seine Mutter wieder geheiratet und hieß nicht mehr Schenkhut, sondern Simon. Ihre Absicht, Tobias und Andy zusammenzuführen, war vereitelt worden durch eine Sommergrippe. Mit einwö­chiger Ver­spätung sollte Andy gleich in der Stadt eintref­fen, um die verbleibenden sechs Ta­ge »unter Jungen sei­nes Alters« zu ver­bringen...

Nein, das ist noch nicht der Ton jener Melodie, die in meiner Erinnerung spielt, wenn ich an meine erste Begegnung mit Andy denke. - Ich halte in Gedanken die Zeit an und spule sie - wie einen Film - zurück bis zu dem Julitag, an dem die Geschichte beginnt...

M o n t a g

Ich bin unterwegs. Als ich die Stufen zum Bahn­hofsgebäude hinauf steige, schlägt die Kirchturmuhr über den Dächern der Stadt elf Mal. Ich öffne die Eingangstür, gehe durch den Warteraum auf den Bahnsteig hinaus und höre aus dem Lautsprecher die Ankündigung des in Kürze eintreffenden Zuges. Auf der Bank verschränke ich beide Arme vor der Brust und blic­ke zur Nebenbank, auf der ein Junge Gitarre spielt. Kenne ich das Lied? Klingt wie Kein schöner Land. Ich meine, Passagen der Nationalhymne aus dem Saitenspiel herauszuhören.

1, denke ich.

Dann fällt mir der gestrige Telefonanruf meiner Mutter ein.

»Andy ist schon sehr gespannt auf seinen Stief­bruder. Ich bin sicher: Ihr werdet euch gut verstehen.«

5, geht es mir durch den Sinn.

»Andy ist der sanftmütigste Junge der Welt. Er ist ein Mensch, der bislang keine Probleme hatte.«

»Dann ist er wohl zu beneiden.«

»Das glaube ich kaum. Ich finde, er ist zu viel al­lein. Ich wünschte, er hätte ein paar Probleme, denn daraus könnte er etwas fürs Leben lernen. Üb­rigens ist das der Grund, weshalb ich dich anrufe.«

5.

»Verstehe. Du meinst, wenn es um Probleme geht, ist er bei mir gut aufgehoben.«

»Tobias, du sprichst mir aus der Seele. Er sollte öfter mit Jungen seines Alters zusammen sein. In der Vergangenheit hast du oft bis zum Hals in irgend­welchen Schwierigkeiten gesteckt. Es hat dir aber nie geschadet. Versprichst du mir, dich ein wenig um Andy zu kümmern?«

6.

»Ja, ich werde es versuchen.«

»Du bist ein Schatz.«

»Mama, wir haben hier in unserer Gruppe auch etliche Grippefälle. Es wäre nicht gut für Andy, wenn er sich noch einmal anstecken würde.«

»Keine Sorge, Tobias. Unser Hausarzt hat für die Reise grünes Licht gegeben.«

Grünes Licht.

6.

Von meinem Platz aus sehe ich den weißen Rad­dampfer, der mit vergnügt winkenden Gästen auf der Weser stromaufwärts fährt. Die beiden Bahn­schranken senken sich. Auf der Brücke stauen sich die Autos zu einer blechernen Schlange. Reisende mit Koffern hasten auf den Bahnsteig. Fast lautlos fährt der Zug ein. Türen öffnen sich zi­schend. Leute steigen aus, Leute steigen ein. Trotz meines Verdrusses bin ich ins­geheim auch ein wenig neugierig auf den Jun­gen, der bislang keine Probleme hatte. Ich bleibe sit­zen und lasse meinen Blick zwischen den eiligen Fahrgästen prüfend hin und her wandern. Ki­chernde Mädchen mit Lippenstift-Herzen auf den Wangen. Ein junger Bursche mit wallenden Haaren und Stirnband geht mit dem Gitarristen zum Aus­gang. Ritterlich schleppt ein weißhaariger Greis die beiden Koffer einer vornehmen Dame. Dann, als der Bahnsteig sich zu leeren beginnt, entdeckte ich Andy zwischen zwei Reisetaschen, einem Rucksack und einem länglichen Stoffbeutel. Er ist mindestens zwei Jahre jünger als ich ist, höchstens sechzehn.

4 minus, mein erster Gedanke.

Es ist ungerecht, einen Jungen nach einem ober­flächlichen Blick auf seine äußere Erscheinung ne­gativ zu bewerten. Weiß ich. Ohne darüber nachzu­denken, habe ich ein Urteil gefällt: 4 minus. Woran liegt es? An seiner Kleidung? Ja, auch an der Kleidung. Jacke und Hose sind khakifarben. Altmännerklamotten. Braune Bergsteigerschuhe. Hm. Der Schnürsenkel seines linken Schuhs hat sich un­bemerkt gelöst und liegt nun zur Hälfte unter einer Tasche auf dem Bahnsteigboden.

Das wird Probleme geben, denke ich und kann mich nicht entschließen, auf meinen Stiefbruder zu­zugehen. Etwas hält mich zurück.

Was die Stimme aus dem Lautsprecher sagt, nehme ich nicht wahr. Der Schaffner hebt die Blechkelle und lässt die Pfeife zwischen seinen Lip­pen trillern. Die Türen des Zuges schließen sich zi­schend. Fast geräuschlos zieht die Kolonne der Wa­gen auf den Schienen davon. Ich sehe, wie Andy in die Brusttasche seiner Jacke fasst und ein silbernes Gerät hervorholt. Ein Handy? Nein, es ist ein Diktiergerät. Er blickt dem Zug nach, sieht, wie die Bahnschranken sich öffnen, während sich der Strom der wartenden Autos in Bewegung setzt. Andy hält das Diktiergerät vor seinen Mund, sagt ein paar Worte in den Mikrofonschlitz und steckt es zurück in die Tasche. Nanu. Erst jetzt sehe ich Andys Gesicht deutlich: ein arg­loses Gesicht, irgendwie heiter, zuversichtlich. Die Haare: blond, ordentlich nach links gescheitelt. Das spricht gegen ihn.

5, wenn nicht schlimmer.

Mit staunenden Augen betrachtet er die Häuser­zeile auf der anderen Straßenseite. Der Kiosk, das Arbeitsamt, das Modegeschäft, die Kneipe, der Ge­schenkladen ... Frauen mit Kopftüchern, Touristen, Kinder, ein Bettler, ein Straßenfe­ger ... Was fasziniert meinen Stiefbruder an diesen Eindrücken?

Ich räuspere mich, stehe auf und gehe über den Platz zu Andy, der sich mit freudiger Erregung her­umdreht.

»Dein Schuhband hat sich gelöst«, sage ich und weise auf den Steinboden. »Kannst du schon eine Schleife binden, oder willst du dir von deinem Stiefbruder helfen lassen?«

»Tobias! Ich dachte es mir gleich, als ich dich sah!«

Der Druck seiner Hand ist ohne Kraft, doch un­gewöhnlich herzlich und anhaltend. »Sei gegrüßt, mein Bruder!« Er verschluckt sich vor Aufregung und fährt fort:»Ich ehre das Licht in dir!«

Ich kratze mich am Hinterkopf. »Ach, wirklich?«

»Das muss ich dir natürlich erklären«, sagt er. »Weißt du, die Menschen in Nepal begrüßen sich mit diesen schönen Worten. Für unsere Ohren klingt es viel­leicht ein wenig ungewohnt.«

»Ungewohnt. Kann man sagen. Warst du schon einmal in Nepal? «

»Oh ja. Ich war auch in den Vereinigten Staaten von Amerika, in Kanada, in Mexiko, in Norwegen und in Afrika.«

»Dann hast du ja einiges von der Welt gesehen.«

»Wahrhaftig, das habe ich. - Aber wozu in die Ferne schweifen - das Schöne liegt so nahe. - Ich bin fasziniert vom malerischen Weserbergland. Es ist eine poetische Landschaft, wie von Zauberhand geschaf­fen.«

Ich denke nur: Malerisch, poetisch, Zauber­hand, du lieber Himmel. Schon wieder räuspere ich mich. »Ich helfe dir bei deinem Gepäck. Lass uns gehen.«

»Oh, das ist sehr nett von dir. Ich nehme immer zu viele Sachen mit auf eine Reise. Ist es weit von hier bis zur Jugendherberge?«

»Zu Fuß fünfzehn stramme Minuten«, sage ich und zwänge mich mit einer Tasche die Stufen der Treppe hinunter auf den Bürgersteig. »Sag mal, was schleppe ich hier eigentlich mit mir herum? Back­steine?«

»Ein Leben ohne Bücher kann ich mir nicht vor­stellen«, bekennt Andy. »Kommen wir zu spät zum Mittagessen?«

»Es ist noch genügend Zeit. Wir essen um halb eins. Wenn ich nicht pleite wäre, würde ich dich vorher zu einem Eis einladen.«

»Ein Eis - das ist das richtige Stichwort zur richti­gen Zeit. Auf der Stelle lade ich dich ein. Das lasse ich mir nicht nehmen.«

»Wie du meinst«, sage ich beim Überqueren der Straße, die in die Innenstadt führt. »In der Nähe ist ein Eis-Café. Dort können wir uns noch etwas un­terhalten.«

»Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich freue, dich endlich kennenzulernen.«

»Hm.«

Schon nach wenigen Minuten erreichen wir das Cafe´.

»Was darf ich Ihnen bringen?« fragt die dunkel­häutige Kellnerin kurz darauf, als wir im Schatten des Sonnenschirms die Eiskarte studieren.

»Bananensplit.«

»Ich nehme das Gleiche wie mein Bruder«, ent­scheidet Andy. Seine Stimme klingt feierlich.

»Dein Schuh ist ja immer noch offen«, bemerke ich.

»Stimmt. Dann will ich ihn schnell zubinden.«

Als das Mädchen durch die Eingangstür ins In­nere des Cafés geht, werfe ich einen Blick auf die umliegenden Tische, die von kaffeetrinkenden Gä­sten besetzt sind. Von den Leuten aus der Herberge ist hier niemand zu sehen. Ich beschließe plötzlich, Andy gegenüber Klartext zu reden. »Es ist schon merkwürdig. Gestern hatte ich fast einen kleinen Zorn auf dich.«

»Einen Zorn?« Andy umfasst mit Zeigefinger und Daumen der rechten Hand einen Bügel seiner Bril­le. »Wie ist das möglich?«

»Ich will es dir erklären. - Die Jungs aus unserer Gruppe haben mich aus dem Zimmer geekelt, weil sie lieber mit dir zusammen sein wollen.«

»Ja, aber wissen sie denn nicht, dass wir Stiefbrü­der sind?«

»Nein. Sie sollten es auch nicht erfahren. Du hättest nämlich sonst nur Scherereien.«

Andy denkt mit einer offensichtlichen Bestür­zung über meine Worte nach. »Ich glaube, ich ver­stehe«, sagt er dann. »Ihr habt euch gestritten.«

»So ist es.«

»Wo schläfst du jetzt?«

»Am Anfang des Ganges im Erdgeschoss. Ich habe ein 4-Bett-Zimmer für mich allein.«

»Für mich wäre es vielleicht auch besser, wenn ich in einem Einzelzimmer schlafen würde«, über­legt Andy im Flüsterton. Es klingt wie ein peinliches Geständnis.

»Weshalb?«

»Erstens bin ich gern allein und zweitens möchte ich niemanden stören bei meinen abendlichen Atemübungen.«

»Was für Atemübungen?«

»Weißt du, es sind Meditationen, bei denen ich vollkommene Entspannung finde.«

»Hast du diese Methoden auch aus Nepal mitge­bracht?«

»Ja.«

»Also, Andy, es geht mich nichts an, was du für Übungen machst. Aber ich möchte dir den Rat ge­ben, den Jungs in der Gruppe nichts davon zu erzählen.«

»Warum nicht?« fragt er arglos.

Ich versuche, meinen Standpunkt in passende Worte zu kleiden: »Die Jungs im Zimmer würden sich totlachen.« Während ich das ausspreche, fühle ich mich wie ein Schulmeister, der einen Schüler belehrt.

»Totlachen? »Du meinst, sie würden es befremdlich finden?«

»Glaubs mir doch. Du solltest ihnen auch den nepale­sischen Gruß verschweigen. Die Jungs wissen, was eine Disco-Lightshow ist; mit dem Begriff Laserka­none können sie etwas anfangen; aber wenn du ih­nen sagst, du würdest das Licht in ihnen ehren, werden sie dir den Puls fühlen und dich fragen, ob du noch alle Tassen im Schrank hast.«

Andy wirkt betroffen. »So ist das also hier.«

»Ja, ich kanns nicht ändern.«

Die beiden Taschen und der Rucksack lagern auf einem der freien Stühle am Tisch, während der läng­liche grüne Stoffbeutel noch immer an einer Schnur über Andys Schulter hängt.

»Was trägst du denn in dem Beutel mit dir herum?« erkundige ich mich.

»Oh, das ist mein kleines Geheimnis. Aber dir werde ich es heute Abend verraten.«

»Da bin ich aber gespannt. Was hast du vorhin in dein Diktiergerät gesprochen, wenn ich dich da­nach fragen darf?«

»Weißt du, Tobias, ich schreibe alle meine Ein­drücke in mein Grübel-Buch. Unterwegs zeichne ich die eine oder andere Wahrnehmung mit dem Diktiergerät auf, da­mit ich sie nicht vergesse.«

»Interessant.«

»Finde ich auch. Es gibt so viele Beobachtungen und Empfindungen, die ich festhalten möchte. Wie vorhin auf dem Bahnhof.«

»Ach. Welche Empfindung hast du in diesem Augen­blick?«

»Um ehrlich zu sein: Ich habe ein ungutes Ge­fühl. Ich war noch nie mit fremden Jungen auf ei­nem Zimmer. Könnte ich vielleicht mit dir zusam­men -«

»Nein, könntest du nicht. Ich habe mit meiner Mutter über dich gesprochen. Sie hat mir dein Pro­blem erklärt. Du bist ein Bücherwurm und kennst fast nur Büchermenschen. Meine Mutter meint, du solltest auch einmal ein paar Leuten aus Fleisch und Blut begegnen.«

»Damit hat sie bestimmt recht. Aber -«

»Mach dir keine Sorgen. Bleib cool. Ich bin immer in deiner Nähe. Dir wird schon nichts Schlimmes passieren.« Mein Gott, denke ich. Jetzt rede ich, als wäre ich doppelt so alt wie er.

»Du machst mir wirklich Mut. Sind die anderen Jungs in der Herberge denn nett?«

»Was weiß ich. Sind zumindest keine Unmenschen oder so. Sie ha­ben ein paar Ecken und Kanten - aber wer hat die nicht?«

»Wahrhaftig, da stimme ich dir zu.«

»In der ersten Zeit solltest du versuchen, dich mit den anderen Jungen anzufreunden. Vergiss nicht: Niemand sollte von unserer geheimen Bruderschaft erfahren.«

»Aus welchem Grund hat es denn Streit zwi­schen dir und den anderen gegeben?«

»Es geht um ein Mädchen.«

»Ein Mädchen?«

»Sie heißt Monique. Das erkläre ich dir ein an­dermal.

Die Serviererin bringt das Eis auf den Tisch. An­dy gibt ihr das Geld, nimmt den Löffel und probiert genüsslich mehrere Male eine dünne Sahnespur, wo­bei immer nur die Spitze des Löffels bedeckt wird. Sorgfältig seziert er die Bestandteile auf seinem Tel­ler, bis die drei Eiskugeln - Erdbeere, Vanille, Scho­kolade – zwischen der längs zerteilten Banane sicht­bar werden. Er fragt plötzlich kummer­voll: »Wie heißen denn meine Zimmergenossen?«