HARRY CHRISTMAS - Erhard Schümmelfeder - E-Book

HARRY CHRISTMAS E-Book

Erhard Schümmelfeder

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Beschreibung

Herr Grobotzky, der mürrische ich-Erzähler dieser turbulenten Weihnachts-Geschichte, erfährt von einem Wanderbettler, der mit seiner Sense durch das Land zieht. Als seine Frau den musizierenden Bettler am Nikolaustag zum Abendbrot einlädt, um wieder einmal Gutes zu tun, bahnt sich eine peinliche Situation an, denn Herr Grobotzky kennt den in Lumpen gekleideten Fremden aus früherer Zeit. Um sein Geheimnis vor seiner Frau und dem Schwiegervater zu hüten, spielt Herr Grobotzky den Ahnungslosen in einer unfreiwilligen Komödie, die sich dramatisch zuspitzt und mit einer unvermeidlichen Weihnachtskatastrophe endet.

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Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Erhard Schümmelfeder

HARRY CHRISTMAS

oder Der Bettler mit der Sense - Eine weihnachtliche Fußballade

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Harry Christmas oder Der Bettler mit der Sense Eine weihnachtliche Fußballade

DAS SCHÖNSTE DEUTSCHE WORT

Impressum neobooks

Harry Christmas oder Der Bettler mit der Sense Eine weihnachtliche Fußballade

Im vergangenen Jahr fassten meine Frau und ich den Entschluss, am Nikolaustag wieder einmal einen obdachlosen Bettler in unser Haus am Bach einzuladen, zu verwöhnen und mit ein wenig Geld zu beschenken, denn Mitmenschlichkeit im Alltag sollte nicht nur ein Wort ...

Ich korrigiere mich: Schon der erste Satz meiner Geschichte ist ungenau und somit falsch, denn Clara, meine Frau, bedrängte mich geradezu eifernd in den stürmisch-kalten Dezembertagen mit ihrem edlen Vorhaben, welchem ich (als desillusionierter Realist) mit einer verständlichen Reserviertheit begegnete. Schließlich wurde ich von ihr überstimmt und ...

Auch der zweite Satz, mein lieber Stanislaus, ist falsch. Richtigerweise müsstest du schreiben: Ich war von Anfang an dagegen, einen fremden Menschen in unser Haus zu holen.

Wie auch immer: Am Ende einer vernunftorientierten Diskussion mit Clara beugte ich mich teilweise überzeugt (wie im zurückliegenden Jahr) ihrem Bedürfnis nach gelebter Nächstenliebe ...

Darf ich dich bei deiner Schilderung noch einmal unterbrechen?

Wenn es sich nicht vermeiden lässt ...

Du vergisst, verschweigst oder verdrängst, dass wir bereits im Vorfeld dieses Plans beim Frühstück darüber diskutierten, ob wir unserem Weihnachtsgast das helle Zimmer neben der Küche oder die muffige Abstellkammer über der Garage als Quartier anbieten sollten.

Das gehört überhaupt nicht hierher! Wichtig ist nur eines: Ich erklärte mich letzlich einverstanden - wenn auch unter Vorbehalt - den Kanonenofen im Garagenzimmer zu aktivieren. Ich bin ja kein Unmensch.

Bist du mir noch böse, weil ich dich als engherzigen Spießer bezeichnet habe?

Sekundäraspekte unserer ehelichen Auseinandersetzungen interessieren niemanden, der meinen Bericht lesen wird.

Mich schon.

Darf ich nun mit meiner Geschichte fortfahren?

Selbstverständlich. Aber durch die Sache mit dem Bettler - erwähn das bitte -, bist du emotional, intellektuell, kulturell und bakteriell an deine Grenzen geraten.

Bakteriell?

Erinnerst du dich an deine Argumentation im Hinblick auf die Auswahlkriterien für die Einladung eines Bettlers?

Im Gegensatz zu dem Bettler, den wir im Vorjahr eine Nacht bei uns beherbergten, sollte er gewaschen sein. Das war keineswegs zu viel verlangt, wie mir noch heute scheint.

Sympatisch sollte er außerdem sein, charmant, wohlerzogen, mit guten Umgangsformen ausgestattet, unterhaltsam und - nicht zu vergessen - bescheiden, artig und dankbar.

Du übertreibst.

Du untertreibst.

Meine liebe Clara,vielleicht wäre es besser, DU würdest die Geschichte in Worte kleiden.

Diesen Part überlasse ich dir, mein Schatz. Mir reicht es, wenn ich dir beim Schreiben auf die Finger sehe.

Du, ich kann nicht schreiben, wenn mir jemand beim Tippen von hinten über die Schulter schaut. Es blockiert mich und ....

Wärst du damit einverstanden, wenn ich an den Rand deiner Geschichte ein paar ergänzende Klarstellungen schreibe?

Abgelehnt!

Nicht einmal ein paar klitzekleine Fragezeichen?

Gegen EIN klitzekleines Fragezeichen am Ende meines Berichtes ist grundsätzlich nichts einzuwenden.

Wie großzügig von dir!

Nun brauche ich Ruhe, denn ich beginne mit geübten Fingern auf der Tastatur des Laptops meine Erzählung mit dem denkwürdigen Tag vor genau einem Jahr, als ich zum ersten Mal den Namen Harry Christmas im BIBERTALER BOTEN las.

?

Schnee flockte vom Himmel, als ich am Morgen die Augen öffnete und durch unser Schlafzimmerfenster in den Garten schaute. Der kahle Apfelbaum mit der schräg angelehnten Leiter in der Mitte des mit Raureif bedeckten Rasens weckte die Gedankenverknüpfung an einen frierenden Bettler mit Krückstock in eisiger Winterkälte. Ich zog die Bettdecke bis unter mein Kinn und genoss die letzten Augenblicke wohliger Wärme an der Seite meiner schönen Frau. Dass der Platz im Bett neben mir leer war, bemerkte ich erst, als meine Nase den milden Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee und knusprigen Brötchen registrierte. Als Rentenbezieher im vorzeitigen (Un-) Ruhestand gehört es zu meinen selbstgewählten Hausaufgaben, Clara, die noch als Arzthelferin halbtags berufstätig ist, morgens ein Frühstück zu bereiten. Eine biorhythmusbedingte Morgenschläfrigkeit vereitelt fast täglich alle guten Vorsätze. Clara hat Verständnis für mein unreparierbares Gebrechen, unter welchem ich selbst am meisten leide. Anforderungen, die an mich gestellt werden, bleiben naturgemäß bis zur zweiten Kaffeetasse in einer biologischen Warteschleife - dann erst werden sie von mir mit angemessener Tatkraft angepackt.

»Hast du gestern Abend noch die Unterwäsche in der Machine gewaschen?«, fragte Clara mich wenig später, als ich mit meinem eingegipsten Fuß in die Küche humpelte.

»Ja.«

»Denkst du daran, sie aus der Maschine zu nehmen und auf dem Ständer aufzuhängen?«

»Ich denke unentwegt an nichts Anderes.«

»Vergisst du auch nicht den Rotwein für meinen Vater?«

Tatsächlich hatte ich den Besuch von Herbert weitgehend verdrängt.

»Ich kümmere mich um alles. Versprochen.«

Dann fiel ihr ein: »Außerdem müsstest du heute Morgen in der Stadt den Einkauf erledigen.« Sie schob mir den ausgefüllten Zettel für Besorgungen zwischen Zuckerstreuer und Marmeladenschälchen über den Küchentisch, wobei ich ihre langen Fingernägel mit der dunkelroten Lackierung bemerkte.

Ich überflog mit einem Blick die aufgelisteten Dinge: Brot, Marmelade, Obst und sehr viel Gemüse.

»Kannst du deinen Knöchel wieder belasten?«

»Yes I can.«

»Das freut mich.«

»Die Salatköpfe würden für eine halbe Schulklasse ausreichen», brummte ich müde vor mich hin. »Wozu brauchen wir so viel Gemüse?«

»Für unseren Gast. Heute ist Nikolaustag. Hast du vergessen, was wir gestern Abend besprochen haben?«

»Nein. Haben wir denn schon einen Gast?«

»Vielleicht findest du einen Kandidaten in der Einkaufspassage.«

»Soll ich ihn gleich zum Abendessen nach Hause einladen?«

»Ich rechne fest damit. Traditionen sollte man pflegen.«

»Clara«, sagte ich und zersäbelte zerknirscht mein Brötchen. »Ich halte es für geboten, nicht den erstbesten Bettler von der Straße zu uns einzuladen. Spätestens seit dem letzten Jahr wissen wir: Es gibt auch bei obdachlosen Leuten soLcHe und SOLCHE und SOLCHE. Ich finde, wir sollten sorgsam und in Ruhe überlegen, wen wir an unseren Tisch holen.«

»Ich habe meine Entscheidung bereits getroffen«, vertraute sie mir halsundbeinbruchvergnügt an.

»Ach«, entfuhr es mir. »Und wann?«

»Vor fünf Minuten.« Sie legte ihre langen Beine übereinander, nahm die neben dem Butterfass liegende Zeitung auf den Schoß, schlug sie auf und las die Balkenüberschrift im Lokalteil des BIBERTALER BOTEN: Mein Leben ist eine Fußballade.

»Wer sagt das?«

»Ein Bettler aus der Stadt. - Willst du den Artikel selber lesen?«

»Nein, nicht jetzt. Sag mir, was drin steht.«

»In der Reihe Menschen in unserer Stadt wird heute ein musizierender Wanderbettler vorgestellt.«

»Hm.«

»Er heißt Harry Christmas und zieht mit seinem Bollerwagen und einer Sense durchs Land.«

»Harry Christmas? - Ist das ein Werbename für eine PR-Aktion mit dem handelsüblichen Rucksack und der albernen Nikolausmütze?«

»Das könnten wir ihn selber fragen. Man kann ihn auch für ein Hauskonzert buchen.«

»Welches Instrument spielt er denn?«

»Sense.«

»Auch das noch!«

An dieser Stelle unserer Morgenunterhaltung hätte ich nach christlicher Tradition ein paar wertschätzende Worte über ihre hinreißende neue Pagenfrisur äußern müssen, doch dazu kam es nicht.

»Clara«, sagte ich beschwörend. »Harry Christmas - das klingt nicht seriös.«

»Hast du einen besseren Vorschlag?«

»Nein. Aber ich werde mich in der Stadt einmal umsehen. Vielleicht finde ich einen armen Teufel, den wir mit Speis und Trank beglücken könnten.«

»Stanislaus, du nimmst mich nicht ernst«, beklagte sich Clara und befingerte die goldene Traumfängerkugel, die an der Kette auf ihrer Brust lag. »Gestern noch waren wir uns einig, dass wir ...«

»Ja, ich weiß. Wir sind uns auch heute noch einig. Also: Es bleibt dabei. Ich kümmere mich um unseren Gast fürs Abendessen, um den Wein für deinen Vater und um den Einkauf.«

»Was willst du denn kochen?«, fragte sie und hob interessiert beide Augenbrauen.

Als Mensch mit der weltanschaulich begründeten Neigung zu einer unspecktakulären Ernährung stand meine Wahl schnell fest. »Passend zum Ereignis: Eine dünne Armeleutesuppe mit Kartoffelschalen und ohne Fleisch.«

??

Die Absicht, einen Bettler zum Abendbrot einzuladen und ihn womöglich bei uns übernachten zu lassen, lastete schwer auf meiner Seele. Mein üblicher Tagesablauf war plötzlich gestört. Eine wachsende Unruhe befiel mich.

Nach einem erfüllten Arbeitsleben als Übersetzer verbringe ich achtzig Prozent meiner freien Zeit mit den angenehmen Dingen des Lebens: Ich spiele Geige und Klavier, fotografiere unberührte Landschaften, lese gute Bücher und schreibe mit Leidenschaft an einem Sachbuch über die Feinheiten der deutschen Sprache. Ich suche die oft von einfachen Leuten kreierte Sprache, die von derber, zugleich aber auch von treffender Genauigkeit geprägt ist. Ich liebe Wörter wie Sternenhimmel, Morgennebel, Sonnenschein, Windstille. Stets bin ich auf der Suche nach dem schönsten deutschen Wort. In dem Nachschlagewerk, an welchem ich arbeite, behandele ich die häufig verwendeten Redewendungen und bildhaften Vergleiche, die sich im allgemeinen Sprachgebrauch befinden, jedoch in den amtlichen Wörterbüchern nur unzureichend erläutert sind. Die Übersetzung der im Volksmund verwendeten Erscheinungsformen der deutschen Sprache ins Englische hat mich immer brennend interessiert und wird mich bis zum Ende meines Lebens begleiten. Mein Traum ist ein digitaler Sprachübersetzer, der in Gedankenschnelle ein über ein Mikrofon eingegebenes Wort aus dem Volksmund in allen Nuancen erklärt. Ein Tourist hört beispielsweise bei seinem Besuch in Deutschland die von einem Einheimischen geäußerten abfälligen Worte: »Das is n Dünnbrettbohrer!« Der mündlichen Eingabe des Satzes folgt sogleich die schriftliche und/oder auditive Übersetzung: »Er ist ein oberflächlicher Mensch.« - Ja, so stelle ich es mir vor.

Gleichzeitig liebe ich es, meinen poetischen Wahrnehmungshorizont zu erweitern und mit gesprochenen und geschriebenen Worten zu musizieren und zu malen, kurz: zu musimalzieren. Ich denke immer: Ein guter Satz kann eine Insel sein, sozusagen eine Satzinsel. -Insofern ist es nicht verwunderlich, dass ich an diesem Dezembermorgen, als Clara durch die Lücke in der Hecke in die Stadt zur Arbeit fuhr, die mir zugestandenen achtzig Prozent Freiheit auf 90 Prozent zu erhöhen gedachte, um meinen Lieblingsbeschäftigungen nachzugehen.

Aber zuerst die Arbeit - dann das Spiel: Ich öffnete die noch dunstbeschlagene Bullaugentür der Waschmaschine im Bad und schaufelte beidhändig die Unterwäsche in die blaue Wanne, um sie auf dem Ständer mit Klammern zu befestigen. Sofort fiel mir mein Fehler vom Vorabend auf: Aus Versehen hatte ich eine schwarze Jeans mitgewaschen. Ich schüttelte sie kräftig aus, damit der knittrige Stoff sich glättete. Ich erinnerte mich an Claras Ausspruch: »Du musst Hosen vor dem Trocknen ausschütteln, weil sie sonst knorkelig werden!« Ich nahm mir vor, das Adjektiv knorkelig umgehend in meine Sprachschatz-Sammlung aufzunehmen. Mit zusammengebissenen Zähnen und seitlich geöffnetem Mund sagte ich mehrmals »knorkelig, knorkelig« vor mich hin, um mir das Wort vertiefend einzuprägen. Abgelenkt wurde ich von unserer weißen Unterwäsche, die mit einem vorwurfsvollen Grau überzogen war. Befremdet bemerkte ich die schwarzen Damenslips und Unterhemdchen, die auf die weiße Wäsche abgefärbt hatten. Wer in drei Teufels Namen trägt bei uns schwarze Unterwäsche?, fragte ich mich. Ich nicht, verteidigte ich mich, um meine Unschuld an dem Malheur zu bekunden. »Ich mag schwarze Unterwäsche«, hörte ich Claras Stimme aus der Öffnung der Waschmaschine zu mir sagen. »Seit wann?«, fragte ich neugierig-verwundert. - »Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß« , antwortete die Waschmaschine vorlaut, obwohl meine Frage sich an Clara richtete.

Das Klingeln unseres Telefons weckte mich aus meinen Tagträumen, die Clara mit milder Nachsicht das mir eigene Grobotzkysieren nennt. Ohne die Hilfe meines Stockes erreichte ich mit beginnendem Knochenbruchschmerz im linken Fußknöchel den Schreibtisch in meinem Arbeitszimmer und nahm den Hörer ab.

»Knorkelig« , sagte ich leidend, verbesserte mich aber umgehend, indem ich ein sachlich-neutrales »Grobotzky« murmelte.

Eine Glücksfee aus einem Call-Center versuchte wortgewandt, ein paar Lotterielose an mich zu verkaufen. Höflich neindankte ich und legte den Hörer auf.