Das Land der weißen Männer - Ijeoma Oluo - E-Book

Das Land der weißen Männer E-Book

Ijeoma Oluo

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Beschreibung

Dieses Buch eröffnet einen radikal neuen Blick auf ein Land, das seinen weißen Bewohnern von Generation zu Generation das Versprechen gab, naturgemäß an der Macht zu sein.

 

Die Geschichte der USA ist eine Geschichte weißer Männer, die sich über andere hinwegsetzten – über Schwarze, Frauen und andere weiße Männer. Von den Cowboys, die sich mit dem Colt in der Hand den Weg in den Westen freischossen, über die Baumwollfarmer, deren Erfolg am Besitz Schwarzer gemessen wurde, bis hin zu den Quarterbacks der NFL und einem Präsidenten, der Frauen zwischen die Beine greift. Eindrucksvoll und anschaulich erzählt Ijeoma Oluo wie das Ideal der weißen Männlichkeit die Gesellschaft bis heute prägt und eine Verständigung so schwierig macht. 

 

In Das Land der weißen Männer zeigt die gefeierte Autorin die wahren Konsequenzen der weißen männlichen Vorherrschaft, und entwirft eine neue Identität für weiße Männer, die eine Zukunft ohne Rassismus und Sexismus möglich macht.

 

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Seitenzahl: 649

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Ijeoma Oluo

Das Land der weißen Männer

Eine Abrechnung mit Amerika

Aus dem amerikanischen Englisch von Benjamin Mildner

Hoffmann und Campe

Dieses Buch ist den Schwarzen Frauen gewidmet: Ihr seid wichtiger als die weiße Vorherrschaft.

Einleitung

Ganz wie beabsichtigt

Ich war für eine Weile an einen idyllischen Rückzugsort für Schriftstellerinnen gefahren. Die Tage verbrachte ich in einer bezaubernden, von Bäumen umgebenen Hütte, die mit einem kleinen Holzofen geheizt wurde. Als ich aus dem Fenster auf die riesigen Nadelbäume schaute, die um meine Hütte herum standen, hätte eigentlich der Funken der Inspiration zu mir überspringen sollen. Aber ich fühlte noch keine Inspiration. Diese Umgebung war für jemanden wie mich ziemlich ungewöhnlich: Als alleinerziehende Mutter zweier Jungen kannte ich nichts anderes, als bei dem Hintergrundlärm aus Krachen und Knallen und Schreien und ungeachtet meiner eigenen Aufmerksamkeitsschwäche zu schreiben. Ich war es gewohnt, auch kreativ zu sein, wenn ich regelmäßig von einem Teenager unterbrochen wurde, der mir sagt, dass er mehr Snacks will – und der sie immer noch nicht alleine finden kann.

Aber dieser Rückzugsort war dazu da, schreibende Frauen von den Rufen nach »Mom!« oder »Schatz?« zu befreien, die so oft um unsere Aufmerksamkeit buhlen. Hier sollten wir unsere Kreativität würdigen, indem wir ihr die Zeit und den Raum gaben, die sie verdiente. Keine Kinder, keine Männer, kein Internet, kein Fernsehen.

Und so arbeiteten wir jeden Tag, jede für sich, und jeden Abend gegen sechs verließen wir fünf Schriftstellerinnen unsere jeweiligen Hütten und kamen zum gemeinsamen Essen im großen Haupthaus der Farm zusammen. Bei einem liebevoll zubereiteten Abendessen mit frisch aus dem hauseigenen Garten geernteten Gemüse sprachen wir über unsere Schreibprojekte, stellten uns gegenseitig Fragen und gaben uns Unterstützung und Zuspruch. Wir redeten über die Arbeit, an der wir gerade saßen: die Bücher, die wir schrieben, die Stücke, die wir schreiben wollten. Wir tauschten Ideen aus, fragten nach Ratschlägen zu Agenturen und Verlagen. Wir lachten und tranken Wein.

Aber vor allem redeten wir über Männer. Nicht unsere Partner oder Freunde oder Brüder – wir redeten über die Scheißtypen. Und obwohl wir im Hinblick auf race, »Ethnizität«1 und sozioökonomischen Status verschiedene Hintergründe hatten, kannten wir alle eine Menge Typen, über die wir reden konnten. Wir redeten über die weißen2 Männer in den Verlagen, die immerfort unsere Arbeit schlechtmachen. Wir redeten über die Schriftsteller, die dir auf Buchmessen an den Hintern grabschen oder dir Feedback zu deiner Arbeit geben wollen und dann versuchen, dich ins Bett zu kriegen. Wir redeten darüber, wie viel Zeit wir schon damit verbracht hatten, über weiße Scheißtypen zu schreiben. Denn wenn wir nicht gerade über den Präsidenten schrieben, dann schrieben wir darüber, dass Männer ohne Gebärmütter nicht über unsere Familienplanung entscheiden sollten, oder dass Vergewaltiger für ihre Vergewaltigungen tatsächlich ins Gefängnis gehen sollten – selbst wenn sie talentierte Sportler waren.

Jeden Abend trafen wir uns und redeten darüber, wie wir in einer Welt zu schreiben und zu leben versuchten, die von Männern bestimmt war; von Männern, die ziemlich entschlossen schienen, uns unsere Stimme zu verwehren, unseren Erfolg – unsere Chancen auf ein freies und unabhängiges Leben. Und ich weiß, dass das kein Problem ist, das sich nur auf den Literaturbetrieb beschränkt. Ich habe schon ähnliche Gespräche geführt, als ich noch in der Werbung und in der Technologiebranche gearbeitet habe. Ich bin sicher, dass Frauen solche Gespräche in so ziemlich allen Arbeitsbereichen führen, in jeder Schule, die sie besuchen, in jeder Gemeinschaft, in der sie leben. Überall findet man Scheißtypen im Überfluss, und es scheint, als könnten wir nicht aufhören, über sie zu reden.

 

»Ganz wie beabsichtigt.«

Dieser Satz wurde von mir und vielen anderen, die über den Kampf gegen RassismusRassismus schreiben, schon oft benutzt, wenn wirklich schreckliche Dinge genauso passieren, als wären sie vorherbestimmt gewesen. Ein Polizist erschießt einen unbewaffneten Schwarzen3 Mann, und eine Jury entscheidet, dass der Polizist nicht mal vor Gericht muss? Ganz wie beabsichtigt. Ein Junge of Color, der Gras verkauft, muss für Jahre ins Gefängnis, während ein wohlhabender weißer Mann, der zum zweiten Mal betrunken Auto gefahren ist, wird unter Hausarrest gestellt wird? Ganz wie beabsichtigt.

Diese Redewendung mag bestürzend kaltherzig klingen, aber sie ist unsere Art, uns selbst daran zu erinnern, dass das größte Übel, dem wir uns ausgesetzt sehen, nicht ungebildete Individuen sind, sondern unser unterdrückerisches System. Sie erinnert uns daran, dass die Tode von Trayvon MartinMartin, Trayvon und Sandra BlandBland, Sandra keine Einzelfälle sind. Dass wir nicht zulassen dürfen, dass uns unsere Erschütterung und unsere Wut ablenken und uns glauben lassen, diese Vorfälle würden nicht alle aus derselben Wurzel stammen, die man zerschlagen muss. Diese Wurzel ist die weiße männliche Vorherrschaft.

Weiße Männer führen unsere ineffektive Regierung, mit geradezu garantierter Wiederwahl. Sie führen unsere korrupte und gewalttätige Strafjustiz, der sie höchstwahrscheinlich selbst nie ausgesetzt sein werden. Sie kontrollieren unsere zunehmend polarisierten und falsch informierenden Medien und heimsen Auszeichnungen ein für die Aufrechterhaltung der Vorstellung, dass die Dinge am besten laufen, solange weiße Männer das Sagen haben. Das ist keine Glückssträhne für weiße Männer; so funktionierten unsere Systeme weißer männlicher Vorherrschaft schon immer.

Und wenn ich von weißer Vorherrschaft spreche, dann meine ich damit nicht nur die klassische »White SupremacyWhite Supremacy«, also zum Beispiel den Ku-Klux-KlanKu-Klux-Klan und die Neonazis. Offen rassistischer Terrorismus – wenn auch tödlich und entsetzlich – hat nie die größte Bedrohung für Menschen of Color in den USA dargestellt. Die Sache ist heimtückischer. Ich meine mit weißer Vorherrschaft die Art und Weise, wie unsere Klassenzimmer, die Politik, die Populärkultur, die Vorstandsetagen und viele andere allesamt die weiße race gegenüber jeder anderen bevorzugen. In unserer Gesellschaft ist weiße Kultur die Norm, das Allgegenwärtige, während Kulturen of Color dämonisiert, exotifiziert oder ausgelöscht werden.

Der durchschnittliche Schwarze Haushalt in den USA besitzt nur ein Dreizehntel des Vermögens über das ein durchschnittlicher weißer Haushalt verfügt; beim durchschnittlichen hispanoamerikanischen Haushalt ist es ein Elftel. Jeder dritte Schwarze Mann in den USA wird im Laufe seines Lebens mindestens einmal ins Gefängnis kommen. So krass diese Zahlen auch scheinbar sind, wir Menschen of Color – und speziell wir Frauen – müssen mit diesen Gegebenheiten tagtäglich leben. Unsere gesamte Gesellschaft ist darauf ausgerichtet sicherzustellen, dass weiße Männer immer mehr Macht anhäufen. Und es muss daran erinnert werden, dass die von diesen Systemen am Schlimmsten verletzten Frauen und Menschen of Color diejenigen sind, die darüber hinaus queer, Transmenschen oder Menschen mit Behinderung sind.

Die »männliche Vorherrschaft« in weißer männlicher Vorherrschaft ist schon ein Bestandteil weißer Kultur gewesen, bevor weiße Menschen sich selbst als weiß wahrgenommen haben. Jahrhundertelang durften Frauen nicht über Besitz verfügen, durften nicht studieren, nicht wählen. Das Maß an Freiheit, das Frauen und Mädchen in ihrem öffentlichen und privaten Leben besaßen, wurde von Männern bestimmt.

Frauen verbringen immer noch einen Großteil ihres Lebens damit, sich von Männern ihr grundlegendes Recht auf Würde und Sicherheit zu erkämpfen. Sie sehen sich dem andauernden geschlechterspezifischen Lohngefälle ausgesetzt, der Tatsache, dass eine von fünf Frauen in ihrem Leben Opfer eines sexuellen Übergriffes wird, und der anhaltenden Debatte darüber, ob männliche Missbrauchstäter ihren Arbeitsplatz und sogar ihren Status behalten sollten oder nicht.

Diese Ungerechtigkeiten sind nicht gottgegeben. Diese unterdrückerischen Systeme sind menschengemacht – mit unseren Wählerstimmen, unserem Geld, unseren Personalentscheidungen – und sie können auch von Menschen wieder rückgängig gemacht werden.

Als wir also an diesem wunderschönen Esstisch in einem Farmhaus im Wald saßen und immer weiter über diese weißen Männer und ihre ungebremste Wut, Angst und Verantwortungslosigkeit sprachen, kam mir diese Redewendung immer wieder in den Sinn: Ganz wie beabsichtigt.

Ich dachte über die weißen Männer nach, die mich in Meetings unterbrochen hatten. Ich dachte über einen Film nach, in dem der weiße Hauptdarsteller in seiner Box in einem Großraumbüro sitzt, sein Schicksal beweint und darüber klagt, dass er so viel mehr aus sich hätte machen sollen. Ich dachte über die weißen Männer mit den HakenkreuzenHakenkreuze in CharlottesvilleCharlottesville (Virginia) nach, die aus Wut über das eigene Versagen die Menschen anschrien, die sie dafür verantwortlich machten.

Ich dachte über all die Zeitungskommentare nach, die seit der Wahl 2016 versuchten, den neuen wütenden weißen Mann zu erklären. Er war desillusioniert, er hatte Angst. Er war unzufrieden mit seinem Job und seinen gewählten Volksvertreter*innen. Er fühlte sich vergessen und zurückgelassen. Unsere moderne, pluralistische Welt mit ihrem Fokus auf DiversitätDiversität hatte weißen Männern substanziellen Schaden zugefügt und damit zu diesem Zeitalter der weißen männlichen Wut geführt. Das sagten zumindest die Fachleute.

Und hier saßen wir nun, eine Gruppe kultivierter Frauen, und redeten über die weißen Männer, als wären sie ein Problem, das soeben aus dem Himmel auf uns herabgefallen ist, und nicht das vorhersehbare Produkt jahrhundertelanger kultureller, politischer und wirtschaftlicher Konditionierung.

Und auf einmal verschwanden die Sorgen der letzten Tage, denn ich wusste, dass ich dieses Buch schreiben würde.

 

»Herr, gib mir das Selbstvertrauen eines mittelmäßigen weißen Mannes.«

Als die Schriftstellerin Sarah HagiHagi, Sarah2015 diesen Satz sagte, zog er Tausende Memes, T-Shirts und Kaffeetassen nach sich. Der Satz gehört mittlerweile zum Repertoire vieler Frauen und Menschen of Color – insbesondere jenen, die in den sozialen Medien aktiv sind. Er traf bei vielen von uns einen Nerv, denn während wir davon ausgingen, besser sein zu müssen als alle anderen, nur um über die Runden zu kommen, schien es, als würden weiße Männer darin bestärkt – und dafür belohnt –, nur Mittelmaß zu sein.

Die Mittelmäßigkeit weißer Männer scheint sich auf jeden Aspekt unseres Lebens auszuwirken, und doch könnte man meinen, dass dieses Ungleichgewicht nur Menschen auffällt, die keine weißen Männer sind.

Damit will ich nicht sagen, jeder weiße Mann sei mittelmäßig. Ich glaube nicht, dass irgendeine Hautfarbe oder irgendein Geschlecht eine Prädisposition für Mittelmäßigkeit in sich trägt. Was ich damit meine, ist, dass weiße männliche Mittelmäßigkeit die Richtschnur darstellt, das vorherrschende Narrativ, und dass alles in unserer Gesellschaft darauf basiert, weiße männliche Macht zu erhalten, unabhängig von weißem männlichem Können oder Talent. Mir ist auch bewusst, dass viele weiße Männer großartige Dinge geschaffen haben. Aber ich behaupte, dass weiße Männer darauf konditioniert werden zu glauben, es sei nicht nur das höchste Ziel in ihrem Leben, sich Frauen und Menschen of Color überlegen zu fühlen, sondern dass ihnen ihre Überlegenheit automatisch zugesprochen werden sollte, einfach nur weil sie weiße Männer sind. Nicht nur beschränkt die Belohnung weißer männlicher Mittelmäßigkeit die Tatkraft und Phantasie weißer Männer; sie erlegt auch dem Erfolg von Frauen und Menschen of Color zwangsläufig Beschränkungen auf, um das Versprechen der weißen männlichen Vorherrschaft einlösen zu können. Weiße männliche Mittelmäßigkeit schadet uns allen.

Wenn ich von Mittelmäßigkeit spreche, dann spreche ich nicht von etwas Belang- und Harmlosem. Ich spreche von einer kulturellen Gleichgültigkeit gegenüber Systemen, die schrecklich repressiv sind. Ich spreche von einer Hingabe an Ignoranz und HassHass, die Menschenleben kostet, aus keinem anderen Grund als der Tatsache, dass weiße Männer darauf konditioniert sind zu glauben, Ignoranz und Hass seien ihre Geburtsrechte und die Bemühungen um Aufklärung und Verbundenheit eine Ungerechtigkeit, der sie sich nicht ausgesetzt sehen sollten.

Wenn ich von Mittelmäßigkeit spreche, dann spreche ich davon, wie wir irgendwie übereingekommen sind, dass wohlhabende weiße Männer sich am besten dazu eignen, dem Rest von uns Wohlstand zu verschaffen, wenngleich ihr eigener Wohlstand nur etwas ist, das unseren Arbeitskräften gestohlen wurde.

Wenn ich von Mittelmäßigkeit spreche, dann spreche ich davon, dass Aggression Herrschaft ist und Arroganz Stärke – selbst, wenn diese weißen männlichen Wesenszüge jene Männer selbst schädigen und auch die Königreiche, die sie zu beherrschen hoffen.

Wenn ich von Mittelmäßigkeit spreche, dann spreche ich davon, dass Erfolg nur daran gemessen wird, wie viel besser es weißen Männern ergeht als Menschen, die keine weißen Männer sind.

Wenn ich von Mittelmäßigkeit spreche, dann auch davon, dass wir uns die USA nicht als ein Land vorstellen können, in dem Frauen bei der Arbeit nicht sexuell belästigt werden, wo junge Menschen of Color nicht automatisch in unterfinanzierte Schulen kommen – weil wir damit das Konzept des weißen Mannes als Mittelpunkt unseres Landes hinterfragen würden. Es geht hier nicht um eine gutartige Mittelmäßigkeit; sie ist brutal. Es ist Mittelmäßigkeit, die einen gewalttätigen, sexistischen, rassistischen Status quo aufrechterhält, der es den Vielversprechendsten von uns verwehrt, wahre Größe zu erreichen.

Indem wir Größe als Geburtsrecht weißer Männer definieren, trennen wir sie automatisch von echter, messbarer Größe – Größe, die Nutzen bringt, die etwas erschafft. Weiße Männer setzen ihre angeborene Größe als gegeben voraus, und man bringt ihnen bei zu glauben, dass nur sie ein scheinbar unerschöpfliches Potenzial zur Größe haben. Unsere Kultur hat die Erwartung von Größe ausschließlich um weiße Männer herum geformt, indem sie die Errungenschaften von Frauen und Menschen of Color aus unserer Geschichtsschreibung gestrichen hat, indem sie Frauen und Menschen of Color vom Heldentum unserer Filme und Bücher ausgeschlossen hat, indem sie klargemacht hat, dass der Vorrat an qualifizierten Jobbewerber*innen sich nur auf weiße männliche soziale Netzwerke beschränkt.

Doch die Erwartung von Leistung ist selbst noch keine Leistung. Indem wir Weißsein und Männlichkeit zu ihren Belohnungen machen, bieten wir weißen Männern keinen Anreiz mehr dafür, sich ihren privilegierten Status zu erarbeiten. Wenn du immerfort für großartig gehalten wirst, nur weil du weiß und männlich bist, warum solltest du dich anstrengen, einen wirklichen Beitrag zu leisten? Warum ein Risiko eingehen oder einen entschlossenen Versuch zu etwas machen, das schiefgehen kann, wenn du dafür belohnt werden kannst, in der Masse mitzuschwimmen? Gesellschaftliche Anreize verführen zur Mittelmäßigkeit.

Die meisten Frauen und Menschen of Color müssen sich ihren Weg zu einer Chance auf Erfolg oder Macht mühselig erkämpfen, wir müssen doppelt so hart arbeiten wie weiße Männer und unser außergewöhnliches Talent unter Beweis stellen, bevor wir auch nur anfangen können, über wirklich gleichwertige Repräsentation an unseren Arbeitsplätzen oder in unserer Regierung zu diskutieren. Aus irgendeinem Grund glauben wir, dass man von weißen Männern nicht verlangen sollte, die gleichen Belastungen des Wachsens und des Ringens zu ertragen, die durchzustehen man von uns erwartet, wenn wir etwas Substanzielles erreichen wollen.

Wie oft haben Sie das Argument gehört, dass wir die Gleichberechtigung der Geschlechter und der races nur langsam realisieren sollen, damit die Gesellschaft keinen »Schock« erleidet? Wer ist diese »Gesellschaft«, über die da geredet wird? Ich kann garantieren, dass Frauen mit gleichen Löhnen oder einem belästigungsfreien Arbeitsumfeld ohne Weiteres klarkommen würden, ohne Anlauf. Ich bin sicher, dass Menschen of Color mit gleichberechtigter politischer Repräsentation und gleichen wirtschaftlichen Möglichkeiten zurechtkämen, wenn man sie heute einführen würde. Wem nützt es also, wenn wir es langsam angehen? Wie können weiße Männer unsere geborenen Anführer sein und gleichzeitig so zerbrechlich, dass sie keinen gesellschaftlichen Wandel aushalten?

Was uns durch den wirtschaftlichen Komplex des mittelmäßigen weißen Mannes als großartig verkauft wurde, ist wohl nicht immer so großartig. Die Vorstellung des idealen weißen Mannes – des mutigen und selbstbewussten Mannes, den wir dann idolisieren, befördern, ins Amt wählen –, diese Vorstellung ist oftmals der Inbegriff der Mittelmäßigkeit. Und wenn man ihnen dann die Machtpositionen anvertraut, dann machen solche Männer ihre Arbeit eben so gut, wie man es von jemandem mit mittelmäßigen Voraussetzungen erwarten würde: Das Ergebnis sehen wir in unserer wirtschaftlichen Krise und in unserer festgefahrenen Regierung. Anstatt das Risiko einzugehen, Schwäche zu zeigen, indem sie Fehler zugeben, verstärken weiße Männer diese noch. Anstatt Frauen oder Menschen of Color als gleichberechtigte Kandidat*innen für Machtpositionen in Erwägung zu ziehen, wiederholen weiße Männer das Mantra, dass ein Führungswechsel aus irgendeinem Grund »zu riskant« sei, als dass man die Macht jenen Gruppen zuteilwerden lassen könnte, die sie bewusst als »unerfahren« darstellen.

Die Diskrepanz zwischen unserem begrenzten Begriff von Größe und dem, was wir am Ende bekommen, hängt zum Teil mit unserer permanenten Behauptung zusammen, wir würden in einer MeritokratieMeritokratie leben, auch wenn das offensichtlich nicht stimmt. Es gibt eine Vielzahl von Systemen und institutionellen Hindernissen, die seit Jahrhunderten dafür sorgen, dass große Teile unserer Gesellschaft – unabhängig von Talent, Fähigkeit oder Charakter – niemals die Chance haben werden, ihre Armut und Machtlosigkeit hinter sich zu lassen.

Der Wohlstand dieses Landes beruht auf Ausbeutung und Gewalt, und diejenigen, die am härtesten für seinen Aufbau gearbeitet haben, wurden durch seinen Erfolg weder reicher noch mächtiger – sie waren versklavte Menschen, Arbeitsmigrant*innen oder Hausangestellte. Große Teile der Infrastruktur dieses Landes wurden beispielsweise mithilfe von Sklavenarbeit aufgebaut, und später mit der Arbeit von Eingewanderten und Häftlingen. Viele unserer wirtschaftlichen und politischen Führungskräfte bekamen die Möglichkeit, ihre Zeit und Energie ihrem beruflichen Erfolg zu widmen, durch die unbezahlte Arbeit ihrer Ehefrauen und Mütter und die unterbezahlte Arbeit von Kindermädchen und Haushaltskräften.

Die, die von dieser Arbeitskraft profitieren konnten, haben kaum mehr dafür getan, als mit einer Peitsche in der Hand geboren worden zu sein. Und trotzdem wurde ein Narrativ der Größe um sie aufgebaut. Wir sagen, dass sie sich ihre Größe verdient haben und dass wir, wenn wir diese brutalen und mächtigen weißen Männer nachahmen, eines Tages dort stehen werden, wo sie sind.

Wenn ich »wir« sage, dann meine ich nicht mich. Ich bin eine Schwarze Frau. Es stimmt zwar, dass mir immer und immer wieder gesagt wurde, dass meine beste Chance auf Erfolg darin besteht, die bevorzugten Eigenschaften weißer Männlichkeit so weit wie möglich zu imitieren. Trotzdem entspricht das Bild von mir weder den Bildern der großen Anführer in unseren Geschichtsbüchern noch den Helden in unseren Geschichten. Irgendetwas Großartiges zu erwarten, ohne außergewöhnliches Talent und Glück zu haben, war für jemanden wie mich bestenfalls töricht und schlimmstenfalls gefährlich. Es ist nicht mein Geburtsrecht.

 

Es gab immer eine quälende Diskrepanz zwischen dem Versprechen und der Realität weißer Männlichkeit. Weiße Männer haben oft den leisen Zweifel gehegt, dass der Amerikanische TraumAmerikanischer Traumnur eine Fiktion ist. Gleichzeitig haben weiße Männer immer Angst vor der Möglichkeit gehabt, diese eine große Überlegenheit zu verlieren – das Besser als. Wenn alles, was du hast, ein Besser als ist – besser als Frauen, besser als Menschen of Color, nicht mehr und nicht weniger als das –, warum solltest du diese eine Auszeichnung, die du dir nie hast verdienen müssen, einfach so aufgeben?

Und so klammern sich diese weißen Männer oftmals an ein verstörendes Konstrukt und geben den weniger Mächtigen die Schuld für die Unzulänglichkeiten dieses Konstrukts. Für viele scheint das eine bessere Option zu sein, als die versprochene große Belohnung infrage zu stellen, die sie vermeintlich erwartet. Nachdem sich die reichsten weißen Männer ihren Anteil genommen haben, bleibt für den durchschnittlichen weißen Mann nie genug übrig für sein eigenes Königreich. Aber wir als Gesellschaft hören nicht auf, weißen Männern zu erzählen, dass ihre Thronbesteigung gleich hinter der nächsten Ecke winkt.

Zu viele Frauen und Menschen of Color haben den Zorn eines weißen Mannes zu spüren bekommen, der geduldig darauf gewartet hat, der nächste Präsident oder Geschäftsführer zu werden. Wenn er dann letztendlich begreift, dass er nie zum Zug kommen wird, sucht er jemanden, dem er vorwerfen kann, seinen Posten bekommen zu haben – er denkt, sein Verlust sei der Preis für die Chancen anderer. Aber er schaut nie nach oben zu den elitären weißen Männern, denen er nachgeeifert hat. Wenn wir unter die Füße vieler weißer Männer schauen, denen wir so viel Macht zugestehen, dann sehen wir die Massen von Menschen, die sie mit ihrem Versagen zerquetscht haben – einschließlich anderer weißer Männer.

Auch wenn wir es gerne glauben würden, ist es meist nicht Qualität, die sich durchsetzt: Unsere Gesellschaft belohnt Verhalten, das in Wirklichkeit unvorteilhaft für alle ist. Studien haben gezeigt, dass Eigenschaften, die lange Zeit als Zeichen von Führungsstärke eingeschätzt wurden (so wie übermäßiges Selbstbewusstsein und AggressivitätAggressivität), sowohl in Wirtschaft als auch in Politik tatsächlich verheerend wirken. Diese Eigenschaften werden weithin als maskulin angesehen, während Merkmale, die zumeist mit Schwäche oder fehlenden Führungsqualitäten assoziiert werden (Geduld, Entgegenkommen, Kooperation) als feminin gelten. Dies ist ein globales Phänomen von kontraproduktiven Werten, das Soziolog*innen schon lange ein Rätsel ist.

Der Mann, der nie zuhört, der unvorbereitet ist, der darauf beharrt, sich durchzusetzen – das ist ein Mann, mit dem die meisten von uns (solange es angenehmere Optionen gibt) nicht gerne zusammenarbeiten, zusammenleben oder befreundet sein wollen würden.

Und doch sind wir als Gesellschaft irgendwie davon überzeugt, dass unsere Anführer inkompetente Arschlöcher sein sollten.

Diese patriarchale Erhöhung der Inkompetenz genießt jedoch eine besondere Aura in einer kapitalistischen und individualistischen Gesellschaft wie den Vereinigten Staaten. Wenn wohlhabende weiße Männer die Macht unter sich versammeln, benötigen sie eine kosteneffiziente Methode, um die Massen davon abzuhalten, den Status quo zu gefährden. Wie kriegt man den durchschnittlichen weißen männlichen Amerikaner dazu, sich für ein System einzusetzen, das ihn benachteiligt?

Man gibt ihm das Weißsein. Man gibt ihm Männlichkeit. Man gibt ihm eine IdentitätIdentität, die ihm ein Erfolgsgefühl gibt, in guten wie in schlechten Zeiten. Alles, was man als weißer Mann zum Erfolg braucht, ist, dass es einem besser geht als Frauen und Menschen of Color. Alles, was man tun muss, um weiße Männer davon abzulenken, wie es ihnen tatsächlich geht, ist, ihnen die Verantwortung dafür zu geben, dass Menschen of Color und Frauen ihnen nicht das wegnehmen, was ihnen gehört, so wenig es auch sein mag.

Weiße männliche IdentitätIdentität ist nicht angeboren – sie ist ein Konstrukt. Diese Identität ist nicht darauf ausgerichtet, so intelligent, produktiv und innovativ wie möglich zu sein. Um diesen hohen Status zu erreichen, ist viel weniger nötig. Die wohlhabenden und erfolgreichen weißen Männer brauchen keine wirkliche Konkurrenz von aufstrebenden und ehrgeizigen durchschnittlichen weißen Männern. Stattdessen erhält man diesen Status qua Geburt, er hat nichts mit tatsächlichen Leistungen zu tun. Es ist eine Identität, an der die Mittelmäßigkeit klebt.

 

Ich glaube, es war nie leicht, eine Frau of Color in den USA zu sein, aber in diesen letzten Jahren, seit der Wahl von Donald TrumpTrump, Donald2016, ist es noch härter gewesen. Jeden Tag sehen wir uns einem neuen Ansturm männlicher Wut, Aggression, Angst und Inkompetenz ausgesetzt. Meine Freund*innen und ich schauen uns darüber nur erstaunt an. Wie sind wir an diesen Punkt gekommen?, scheinen sich alle zu fragen. Ist es wegen TrumpTrump, Donald? Sind all diese Männer nur wütend auf ObamaObama, Barack? Liegt es am Internet? Oder am Niedergang des öffentlichen Schulwesens? Wird es noch schlimmer werden? Wie konnten wir es so weit kommen lassen? Diese Fragen tauchten am Esstisch in dem Farmhaus immer wieder auf.

Was ich weiß, ist, dass die Auswirkung, die weiße Männer auf mein Leben und das so vieler anderer gehabt haben, nichts Neues ist. Was wir gerade in unserem politischen Klima sehen, ist weder neu noch unerklärlich. Es ist ganz wie beabsichtigt. Ja, natürlich ist der durchschnittliche weiße Mann mit seinem Schicksal unzufrieden – das ist ja auch so gewollt. Ja, natürlich stellt sich heraus, dass unsere mächtigen und angesehenen Männer in Wirklichkeit Missbrauchstäter und Betrüger sind – auf die Weise wurden sie ja mächtige und angesehene Männer. Und ja, der durchschnittliche weiße männliche Wähler (und die Mehrheit der weißen Wählerinnen, deren beste Chance auf Macht die Nähe zu weißen Männern ist) sieht in einem lüsternen, verzogenen, inkompetenten, untalentierten Rüpel den besten Repräsentanten ihrer Vision der USA – und das ist er auch.

Während ich mit jenen Frauen beim Abendessen saß und wir über wütende, durch PrivilegienPrivilegien verwöhnte weiße Männer redeten, verstand ich langsam nach und nach, was die Bestimmung dieser Männer ausmacht. Ich sah den Weg, der den wütenden weißen Männern, die wir heutzutage sehen, geebnet worden ist. Ich sah, wie sie von jedem Helden, jedem Anführer und jedem Geschichtsbuch dazu ermutigt wurden, zu dem zu werden, der sie waren. Ich sah auch, wie sich der Weg, der schon lange vor der Präsidentschaftswahl 2016 gebahnt wurde, lange bevor alle unsere politischen Machthaber geboren worden sind, in die Zukunft erstreckt, ganz gleich, wer die nächsten Wahlen gewinnt. Und ich wollte die gesamte Landkarte sehen. Ich wollte sehen, ob wir vielleicht einen anderen Weg einschlagen können, bevor es zu spät ist.

Also ging ich auf die Suche. Ich fing mit den heutigen Titanen weißer männlicher Mittelmäßigkeit an – mit den arroganten, verhätschelten, verantwortungslosen, vorsätzlich ignoranten Rüpeln, die es zu Macht und Berühmtheit gebracht und uns zugleich in die Verzweiflung gerissen hatten – und arbeitete mich zurück in die Vergangenheit. Ich fing an, nach ihren früheren Inkarnationen zu suchen, durch alle Generationen hindurch, an jedem Wendepunkt der Geschichte unseres Landes.

Ich schaute, wo und wie wir als Gesellschaft die Eigenschaften dieser weißen Männer gefördert und idealisiert haben, auch wenn wir es dann politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich teuer bezahlen mussten.

Und als ich mir unsere Geschichte so anschaute, begann ich Muster zu erkennen. Ich begann zu sehen, wie immer und immer wieder alles, was man als eine Gefahr für weiße Männlichkeit ansah, angegriffen wurde, ganz egal, wie wichtig diese neue Person oder Idee für die Weiterentwicklung unseres Landes sein mochte. Ich sah, wie die Rüpelhaftigkeit und die Selbstgerechtigkeit, die wir an unseren Anführern so schätzten, zuverlässig zu Misserfolgen führten. Es sind Eigenschaften, von denen wir unseren Kindern sagen, dass sie schlecht sind, aber wenn wir uns anschauen, wen unsere Gesellschaft letztendlich belohnt, dann sehen wir, dass eben diese Eigenschaften aktiv gefördert werden.

Indem ich einige dieser Geschichten hier erzähle, versuche ich ein Porträt davon zu zeichnen, wie weiße männliche Mittelmäßigkeit in den Vereinigten Staaten aussieht und wie sie versucht, sich selbst aufrechtzuerhalten – in unserem Schulsystem, unseren Sportmannschaften, unseren Unternehmen und unserer Politik. Ich möchte zeigen, wie wir schon in den Kreisläufen der Selbstverstümmelung verfangen sind, die zahllose Menschenleben gekostet und uns wirtschaftlich und gesellschaftlich ausgebremst haben. Mit einem ungetrübten Blick auf unsere Vergangenheit können wir dann vielleicht versuchen, für die Zukunft etwas anderes auszuprobieren.

Während ich mir diese Geschichten anschaute, sah ich auch Teile von mir selbst – nicht nur, wie ich unter den Mächtigen hatte leiden müssen, sondern auch, wie ich selbst versucht hatte, die mir zugeteilte Rolle zu erfüllen, in der Hoffnung, meinen persönlichen Teil der Macht zu erringen. Wir sind alle dazu ausgebildet worden, die weiße männliche Version des Erfolgs wertzuschätzen und anzustreben. Ich sah, wie kraftvoll diese Botschaft war, und wie empfänglich wir alle dafür sind.

Wenn wir die Hierarchien der PrivilegienPrivilegienHierarchiePrivilegien im Hinblick auf race, Gender und Klasse betrachten, dann wird deutlich, dass einige von uns eine größere Rolle als andere dabei gespielt haben, dieses gefährliche Bild weißer Männlichkeit lebendig zu halten. Aber ich denke auch, dass wir alle, unabhängig von demographischen Faktoren, unseren Teil dazu beigetragen haben, weiße männliche Vorherrschaft aufrechtzuerhalten. Wir alle sind darauf getrimmt, den größten Bissen von unserem Stück des Kuchens haben zu wollen – egal, wie mickrig unser Stück auch sein mag.

Die Mittelmäßigkeit konstruierter weißer männlicher IdentitätIdentität ist nicht nur für diese selbst enttäuschend, sondern auch verheerend für jene von uns, die als Erste geopfert werden, wenn die vorhersehbaren Auswüchse der Mittelmäßigkeit zutage treten. Diejenigen von uns, die keine weißen Männer sind, sind die Arbeitskräfte, die ausgebeutet werden, die Sündenböcke, denen man die Schuld zuschiebt, die Boxsäcke, auf die man eindrischt. All diese Wut lenkt uns ab davon zu erkennen, wie wir ein System aufgebaut haben, das nie jemandem zugutegekommen ist außer den mächtigsten weißen Männern, den wenigen Auserwählten, die die Profite aus den Systemen von race und Gender und Gesellschaftsschicht anhäufen. Wir müssen uns darüber klar werden, dass sich die Menschen, zu denen wir aufschauen, und die Eigenschaften, die wir als Gesellschaft fördern, ändern können und müssen, wenn wir überleben wollen.

Lassen Sie uns jetzt eine Reise machen und auf die Erschaffung des weißen männlichen Amerikas zurückblicken, in dem ich heute lebe. Schauen wir uns an, inwiefern die Verhältnisse von heute auf kollektiven früheren Entscheidungen beruhen. Schauen wir, wie die Glorifizierung weißer männlicher AggressivitätAggressivität die Brutalität der WestexpansionWestexpansion der USA zur Folge hatte, wie die Verachtung für arbeitende Frauen die Große DepressionGroße Depression verschlimmert hat, wie die Angst vor DesegregationDesegregation zur »Great Migration«, der Großen MigrationGroße Migration, führte, und werfen wir anhand vieler weiterer Beispiele einen Blick darauf, welch schrecklicher Preis für den Aufbau und die Zementierung des weißen männlichen Amerikas gezahlt werden musste. Wir können sehen, wie die Entscheidungen, die vor Jahrzehnten – sogar vor Jahrhunderten – in dem verzweifelten Versuch der Bewahrung weißer männlicher Vorherrschaft gemacht wurden, dieses Land an den Rand des gesellschaftlichen und politischen Zusammenbruchs gebracht haben.

Erzählen wir diese Geschichten, auf dass wir lernen, wie wir in Zukunft bessere schreiben.

Kapitel 1Cowboys und Patrioten

Das war der Wilde Westen

Wir alle haben diesen einen Verwandten, dessen Name nie ohne einen frustrierten Seufzer oder ein schauderndes Stöhnen ausgesprochen wird. Den einen Verwandten, der keine Gelegenheit auslässt, unangebrachte Kommentare vom Stapel zu lassen, beim Essen, weit über Zimmerlautstärke. In unserer Familie war das jemand, den ich hier Brian nennen will. Brian war einer der wenigen in unserer Familie, der Fox NewsFox News schaute. Er sprudelte immer vor konservativen Gesprächsthemen über, die er im Fernsehen aufgeschnappt hatte, und wenn sein Vorrat an auswendig gelernten Halbwahrheiten zu Ende ging, erfand er Argumente, die seine These stützten. Manchmal schien er keinen anderen Standpunkt zu haben als: »Was auch immer du gerade sagst, ich widerspreche lautstark.«

Man musste noch nicht mal über Politik sprechen, um plötzlich von ihm in eine verschwurbelte politische Debatte gezogen zu werden. Du sprachst vielleicht gerade über dein neues Handy, und alle sagten, dass es wirklich ein schönes Handy sei, und auf einmal unterbrach Brian das Gespräch, um zu sagen, dass sein Mobilfunkanbieter besser sei als deiner und dass der Grund, warum du bei dem und dem Anbieter warst, nur der sei, dass die große linke Medienverschwörung darauf ausgerichtet sei, »dich zu verarschen«. Brian war sich ziemlich sicher, dass vieles auf der Welt dazu da war, uns alle zu verarschen – Mobilfunkanbieter, Banken, Autofirmen, Universitäten –, und irgendwie waren immer die linken Medien daran schuld.

Zu unserem Glück war Brian ein entfernter Verwandter; wir mussten ihn nur bei Hochzeiten, Beerdigungen und den alljährlichen Weihnachtsfeierlichkeiten ertragen, die die erweiterte Familie zusammenbrachten. Wir setzten ein falsches Lächeln auf und gaben uns Mühe, das Thema zu wechseln, immer in dem Wissen, dass wir bald nach Hause fahren und ihn vergessen konnten, bis wieder jemand in der Familie starb.

Das alles änderte sich mit den sozialen Medien. Plötzlich war Brian überall, und online war er so viel mehr Brian. Alles wurde verstärkt – die Verschwörungstheorien, die aufgezwungenen Diskussionen, die ausgedachten Argumente – alles in Großbuchstaben. Ich hatte nicht geglaubt, dass der Online-Brian noch anstrengender sein könnte als der echte, schwafelnde, Gespräche unterbrechende, anzügliche Witze erzählende Brian – aber ich sollte mich irren, er war tatsächlich irgendwie schlimmer.

Als meine Karriere als Schriftstellerin langsam in Gang kam, entschied Brian, dass ich die ideale Sparringspartnerin für seine Online-Diskussionen wäre. Ich hatte seine Posts schon früh blockiert, war also nicht mehr seinen täglichen Hasstiraden über illegale Einwanderer ausgeliefert oder seinen Angstphantasien, dass ObamaObama, Barack uns alle unsere Rechte wegnehmen würde, aber er schrieb seine sehr lauten Meinungen beharrlich auch auf meine Pinnwände in den sozialen Medien. Er tauchte einfach bei irgendwelchen Status-Updates von mir auf und forderte mich zu intellektuellen Diskussionen zu Themen heraus (er sagte wirklich: »Ich fordere dich heraus«), die ich überhaupt nicht diskutieren wollte. Jedes Mal ignorierte ich ihn, oder ich lehnte höflich ab und wünschte ihm einen schönen Tag. Manchmal versuchte er mit anderen Leuten zu debattieren, die auf meine Posts reagierten, und dann bat ich ihn, damit aufzuhören.

Ich verstand nicht, was Brian von dieser ganzen Online-Feindseligkeit hatte. Fast niemand sprang auf seine Diskussionsherausforderungen an; niemand dankte ihm für seine ungebetenen Meinungen. Die sexistischen, fremdenfeindlichen, homophoben, rassistischen Politiker*innen und Grundsätze, die er vertrat, standen nicht nur in krassem Widerspruch zu den Überzeugungen der Familie, die er von ganzem Herzen zu lieben schien; sie verletzten auch viele Familienmitglieder und brachten einige von ihnen (besonders jene, die queer, muslimisch oder Menschen of Color waren) in Gefahr.

Eines Tages, nachdem er einen besonders langen Kommentar auf meiner FacebookFacebook-Seite verfasst hatte, in dem er mir erzählte, dass er TrumpTrump, Donald unterstütze, weil alle demokratischen Kandidaten zu nachlässig bei der Einwanderung und der Bekämpfung von Terrorismus seien, biss ich an. Ich fragte ihn, wie er jemanden unterstützen könne, der seine Familie ganz konkret in Gefahr brachte, warum er immer und immer wieder Fox-News-Schwachsinn von sich gebe, selbst nachdem einige seiner engsten Familienmitglieder deutlich gesagt hatten, dass er sie damit verletze. Er antwortete, seine eigene Familie – selbst die dunkelhäutigen muslimischen Familienmitglieder – sei nicht in Gefahr, weil sie nicht die Terroristen seien, um die es TrumpTrump, Donald gehe. Er sprach darüber, dass die linken Medien mich blind gemacht hätten gegenüber den Gefahren, die mich erwarteten, wenn die Demokraten die Kontrolle in der Regierung übernähmen.

Wochen später, nach einem weiteren schrecklichen AmoklaufAmoklauf in den USA, tauchte er wieder auf meiner FacebookFacebook-Seite auf, diesmal, um das Recht auf SchusswaffenRecht auf Schusswaffen zu verteidigen. Die Geschichte, die er erzählte, war ziemlich aufschlussreich. Er berichtete von einer schicksalhaften Nacht, als er allein zu seinem Auto gegangen sei und ein »Gangster« mit einem »Hoodie« ihn mit einer Waffe bedroht habe. »Es ging um Leben und Tod«, sagte er. Gott sei Dank hatte Brian eine Knarre dabei. Wenn Brians Pistole nicht gewesen wäre, dann wäre er jetzt tot. Er deutete an, dass der »Gangster« bekommen habe, was er verdiente, und dass er selbst immer tun würde, was notwendig sei, um sich und seine Familie zu beschützen.

Das Aufschlussreiche an dieser Geschichte ist, dass – und da bin ich ziemlich sicher – nichts davon passiert ist. Ich will Brian kurz beschreiben. Brian ist ein weißer Typ fortgeschrittenen mittleren Alters, der in einem Vorort im Mittleren Westen lebt. Er stopft seine Disney-T-Shirts in seine Jeans-Shorts und zieht seine weißen Socken hoch bis zu den Knien. Brian ist ein Typ, der in seinem Leben wenige Abenteuer gehabt hat und noch weniger Freunde. Ich habe ihn noch nie in der Nähe einer Schusswaffe gesehen. Wenn er jemals einen »Gangster« auf offener Straße erschossen hätte, hätte ich davon ziemlich sicher schon vorher gehört.

Aber keiner von Brians so energisch vertretenen politischen Grundsätzen hatte etwas mit der Realität zu tun. Kein »Gangster« hatte je versucht, ihn auf der Straße zu ermorden, und trotzdem klammerte er sich an die Vorstellung, er brauche Zugang zu WaffenRecht auf Schusswaffen, um sich zu verteidigen. Er hatte in seinem Vorort im Mittleren Westen noch nie einen muslimischen Terroristen gesehen, aber trotzdem war er überzeugt, es gäbe Terroristen, die nur darauf warteten, über die Grenze zu kommen, um sein Städtchen zu zerbomben. Aus diesen leeren Horrorvorstellungen, diesen fiktiven Gegnern, erschuf er die Figur eines Schurken, der des brutalen Draufgängertums würdig war, das Brian sich einbildete zu entwickeln, wenn er besagtem Schurken gegenüberstünde. Dieses Netz aus rassistischen Lügen brauchte er, um sich als Mann zu fühlen. Er erfand eine Geschichte von Bösewichten, die es auf ihn abgesehen hatten, und er wiederholte sie so oft, bis er sie selbst glaubte. Dann erfand er eine andere Geschichte – von sich als Helden, der sich und seine Familie gegen die schreckliche Gefahr verteidigte –, und auch die wiederholte er so oft, bis er sie glaubte. Brian schrieb sich selbst in seinen persönlichen amerikanischen Western hinein, in eine Welt von Cowboys und Indianern, Räubern und Gendarmen. Und für einen Mann ohne Job, mit wenigen Freunden und einer Familie, die ihn nicht ausstehen konnte, war die Vorstellung, die Hauptfigur eines blutigen amerikanischen Mythos zu sein, das, was einem Zugehörigkeitsgefühl am nächsten kam.

Ich dachte an all die Schwarzen Menschen, derentwegen man die Polizei gerufen hatte, weil sie versucht hatten, bei der Bank einen Scheck einzulösen, weil sie in einem Laden einkaufen wollten, weil sie es wagten, öffentlich zu existieren – und ich fragte mich, welche Geschichten sich die verängstigten weißen Menschen erzählt haben mussten, die ihre Angst rechtfertigten. Ich überlegte, welche Geschichte sich George ZimmermanZimmerman, George erzählt haben musste, als er den siebzehnjährigen Trayvon MartinMartin, Trayvon erschoss, weil er als Schwarzer Jugendlicher in einer Gated Community herumgelaufen war. Ich überlegte, welche Geschichte Michael DunnDunn, Michael sich erzählt haben musste, als er das Feuer auf ein Auto voller Schwarzer Jugendlicher eröffnete, weil sie zu laut Musik hörten, und dabei den siebzehnjährigen Jordan DavisDavis, Jordan tötete. Ich überlegte, welche Geschichte Wade Michael PagePage, Wade Michael (der sich wahrscheinlich in seiner Zeit bei der US-Armee durch islamfeindliche Propaganda radikalisiert hatte)[1] sich wohl erzählt hatte, als er auf einen Sikh-Tempel in Wisconsin schoss und dabei die 41-jährige Paramjit KaurKaur, Paramjit, den 65-jährigen Satwant Singh KalekaKaleka, Satwant Singh, den 39-jährigen Prakash SinghSingh, Prakash, den 41-jährigen Sita SinghSingh, Sita, den 49-jährigen Ranjit SinghSingh, Ranjit und den 81-jährigen Suveg SinghSingh, Suveg tötete.

Ich bin so froh, dass Brian wahrscheinlich in Wirklichkeit gar keine Schusswaffe trägt, und ich hoffe, das es auch so bleibt. Mittelmäßige weiße Männer, die gerne Helden wären, haben zu oft das Gefühl, Dämonen erschaffen zu müssen, um ihre eigene erfundene Rolle zu rechtfertigen – selbst wenn das mit sich bringt, ganze Bevölkerungsgruppen zu dämonisieren. Ihre Träume von großen Abenteuern sind nur Marotten und Phantastereien, aber die Gewalt, die diese weißen Männer anderen zufügen, ist oft sehr, sehr echt.

Ein Cowboy wird geboren: Buffalo Bill tritt ins Rampenlicht

Auf der Bühne befindet Buffalo BillBuffalo Bill sich gerade in einer erbitterten Schlacht. Er und seine Scouts kämpfen gegen eine Gruppe wilder Cheyenne-Krieger. Das Publikum hält den Atem an, die Furcht einflößenden Cheyenne drohen die Oberhand zu gewinnen. Doch in dem Moment, als alles verloren scheint, kommt Buffalo BillCody, William F. – in einem eleganten schwarz-samtenen, spitzenverzierten mexikanischen Vaquero-Kostüm –, zielt auf den Häuptling der Cheyenne, Yellow HandYellow Hand, und schießt. Der Häuptling ist tot, die Cheyenne sind besiegt. Buffalo BillCody, William F. geht hinüber zu Yellow HandsYellow Hand leblosem Körper, zieht sein Messer und skalpiert ihn. Triumphierend reckt Buffalo BillCody, William F. den Skalp in die Luft. »Für CusterCuster, George Armstrong!«, ruft er aus.

Im Publikum bricht tosender Applaus und Jubel los. »Für CusterCuster, George Armstrong!«, schreien sie.

In Buffalo BillsCody, William F. Bühnenshow The Red Right Hand: or The First Scalp for CusterRed Right Handor The First Scalp for Custer, The (Cody) ist die Skalpierung von Yellow HandYellow Hand ein Akt der Gerechtigkeit. George Armstrong CusterCuster, George Armstrong war ein gefeierter Armeegeneral, der zusammen mit seinem gesamten Führungsstab während der Indianerkriege in der Schlacht am Little BighornSchlacht am Little Bighorn im Juni 1876 getötet wurde. Das berühmte Gefecht wurde bekannt als »Custers letzte Schlacht«. In der weißen amerikanischen Kultur verehrt man CusterCuster, George Armstrong für seinen Führungsstil im Kampfgeschehen, aber viele Native Americans kennen ihn vor allem aufgrund der Rolle, die er bei ihrer erzwungenen Abschiebung von ihrem Land und in die Reservate spielte. Im Juli 1876, nur Tage nach der Schlacht am Little BighornSchlacht am Little Bighorn, konnte sich Buffalo BillCody, William F. an den brutalen Indianern für ihren Mord an CusterCuster, George Armstrong rächen, indem er ihre eigenen barbarischen Methoden anwandte. Die blutige Tat war die Rache dafür, dass sie einen der Seinen umgebracht hatten.[2] Schon Ende desselben Jahres sollte Buffalo BillCody, William F. damit beginnen, die Skalpierung von Yellow HandYellow Hand zur Unterhaltung eines zahlenden Publikums nachzuspielen.

Die Vorstellung, dass das SkalpierenSkalpieren ein den Ureinwohnern eigener Akt der Barbarei sei, hält sich hartnäckig. Doch der Akt des SkalpierensIndigeneSkalpieren eines Feindes existierte in europäischen Kulturen schon über zweitausend Jahre vor dem Eintreffen europäischer Siedler an den Küsten Amerikas. Und seit den frühen Tagen der Kolonialisierung dieses Kontinents hatte man das SkalpierenSkalpieren der Ureinwohner*innen durch europäische Siedler nicht nur gefördert, sondern sogar belohnt.

In Kanada, den amerikanischen Kolonien und Mexiko zahlten die Regierungen stattliche Summen für die Skalps von Männern, Frauen und Kindern der Ureinwohner.[3] Im New Hampshire des 18. Jahrhunderts erhielt man bis zu einhundert Pfund für jeden Skalp eines Ureinwohners, fünfzig Pfund für jeden Skalp einer Ureinwohnerin und fünfundzwanzig Pfund für den Skalp eines UreinwohnerkindesIndigeneSkalpieren.[4] Dabei handelte es sich nicht um individuelle Ureinwohner*innen, die man wegen bestimmter Verbrechen suchte – die Belohnung galt für jeden Ureinwohnerskalp, einzig und allein dafür, dass man die Welt um einen von ihnen erleichtert hatte.

Obgleich sowohl Ureinwohner als auch Menschen in Europa das SkalpierenSkalpieren als Kampfmethode anwendeten, wurde der europäische Gebrauch des Skalpierens als eines der vielen Instrumente des Völkermords zu großen Teilen aus den Geschichtsbüchern gestrichen. Statt dieser grausigen Geschichte erzählt man den Menschen in Amerika meist Halbwahrheiten, in denen das angebliche Leid und Heldentum der europäischen Kolonialisten glorifiziert wird.

Die Geschichte von der SkalpierungSkalpieren des Häuptlings Yellow HandYellow Hand durch Buffalo BillCody, William F. wurde ein Teil dieser Mythologie – eine Geschichte, die größtenteils von ihm erfunden worden war, so wie er auch seine eigene Legende selbst erfunden hatte. Bevor William F. CodyCody, William F. zu Buffalo BillCody, William F. wurde, war er vieles andere gewesen. CodyCody, William F. hatte als Farmer gearbeitet, als Fuhrmann, als Pelzjäger, Kutscher und Soldat. Aber die meiste Zeit hatte CodyCody, William F. davon geträumt, als berühmter Schauspieler die Bühne zu erobern.

Cody, William F.Den Namen Buffalo BillCody, William F. hatte Cody für sein Talent erhalten, BüffelBüffel (Amerikanische Bisons) (wie man Amerikanische Bisons damals nannte) abzuschlachten. Im ganzen Land gab es sie im Überfluss, und die BüffeljagdBüffeljagd war ein populärer Sport, doch CodyCody, William F. war auf obszöne Weise produktiv beim Töten – mit einer angeblichen Quote von 4280 getöteten Büffeln in nur 18 Monaten.[5] Zuerst jagte er die BüffelBüffel (Amerikanische Bisons) als Nahrungsquelle, denn von den Eisenbahngesellschaften hatte den Job erhalten, BüffelBüffel (Amerikanische Bisons) zu töten, damit die Eisenbahnarbeiter versorgt werden konnten. Doch schnell ging es bei der Arbeit um mehr als nur um das Töten von Büffeln; es ging darum, Indianer zu töten.

Als die amerikanischen Kolonialisten Mitte und Ende des 18. Jahrhunderts ihre Gebiete durch den Bau der Eisenbahn westwärts immer mehr erweiterten, kam es zu direkten Konflikten mit den Ureinwohnern, die auf diesem Land seit Jahrhunderten gelebt hatten. Die besten Eisenbahngebiete waren oft auch das beste Weideland, und man fand wertvolle Ressourcen wie Gold in den Gegenden, in denen die Sioux jagten. Die US-Regierung hatte den Native Americans überall dort faktisch den Krieg erklärt, wo sie die Vereinigten Staaten in ihrer ExpansionWestexpansion nach Westen behinderten. Die Vereinigten Staaten griffen die Indianer an, wo immer es ging – sie bekriegten sie auf dem Schlachtfeld, töteten Frauen und Kinder in ihren Dörfern, verbreiteten Krankheiten, zwangen sie zur Umsiedlung – vor nichts machten sie halt. Trotzdem kämpften die Gemeinschaften der Ureinwohner um ihre Gebiete, und sie kämpften gut.

»Cheyenne, LakotaIndigene VölkerLakota und Arapaho waren damals im Grunde Freiheitskämpfer, die versuchten, sich, ihre Heimat und ihre Art zu leben zu verteidigen«, erklärte mir Russell BrooksBrooks, Russell, ein Filmemacher der Cheyenne, der auch Wissenschaftler und Pädagoge ist.[6]

1869 ernannte Präsident Ulysses S. GrantGrant, Ulysses S., konfrontiert mit einem langwierigen Kampf gegen Stämme wie die Sioux, Philip SheridanSheridan, Philip zum Kommandierenden General der Armee und beauftragte ihn, das »Indianer-Problem« ein für alle Mal zu lösen. SheridanSheridan, Philip wandte sich an William Tecumseh ShermanSherman, William Tecumseh, der sich während des BürgerkriegesAmerikanischer Bürgerkrieg durch die Kampftaktik der verbrannten Erde hervorgetan hatte, und bat ihn um Rat. ShermanSherman, William Tecumseh erkannte, dass, wo immer BüffelBüffel (Amerikanische Bisons) lebten, die Indianer nicht weit waren, und dass diese weiter um das Land kämpfen würden, auf dem BüffelBüffel (Amerikanische Bisons) existierten. ShermansSherman, William Tecumseh Rat an SheridanSheridan, Philip war simpel: Beseitige den BüffelBüffel (Amerikanische Bisons), und du beseitigst den Indianer. »Ich denke, es wäre schlau, alle Jäger aus England und Amerika diesen Herbst dorthin einzuladen für eine große BüffeljagdBüffeljagd, und sie allesamt hinwegzufegen«, schrieb ShermanSherman, William Tecumseh an SheridanSheridan, Philip.[7] Keine BüffelBüffel (Amerikanische Bisons), keine Indianer.

Aufgrund seiner wachsenden Reputation als geschickter Jäger fing CodyCody, William F. an, für SheridanSheridan, Philip zu arbeiten, und tötete so viele BüffelBüffel (Amerikanische Bisons), wie er konnte. Die BüffeljagdBüffeljagd wurde zu einem extrem populären Sport für weiße Menschen im Westen – nun, »Sport« ist ein viel zu großmütiger Begriff, von Sportsgeist konnte hier eigentlich keine Rede sein. Männer aus dem ganzen Land stiegen in Züge, die nach Westen fuhren, und schossen dann aus den Zugfenstern heraus mit großkalibrigen Gewehren auf BüffelBüffel (Amerikanische Bisons). Sie töteten jeden Tag Tausende Tiere und ließen die leblosen Kadaver an Ort und Stelle liegen und verwesen.

Reiche und mächtige Männer von der Ostküste und sogar aus Europa machten sich auf in den Westen, um an dem Spaß teilzuhaben, angeführt von William CodyCody, William F., zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt als Buffalo BillCody, William F.. CodyCody, William F. bemerkte die Journalisten, die mit den reichen Männern mitreisten, um für die Zeitungen des ganzen Landes über die Jagden zu berichten, und er erkannte seine erste wirkliche Chance auf Ruhm. Als Buffalo BillCody, William F. zunehmend in den Artikeln großer Zeitungen auftauchte, als Symbol für die Abenteuer im Wilden Westen, schlug CodyCody, William F. Kapital aus der Aufmerksamkeit. Er begann sich mit Autoren von Groschenromanen zusammenzutun und Theaterstücke über seine Heldentaten in Auftrag zu geben. Schon bald reiste er regelmäßig durchs Land – um im Osten in Bühnenshows aufzutreten und dann wieder im Westen das massenhafte Abschlachten der BüffelBüffel (Amerikanische Bisons) fortzusetzen.[8]

Weil berühmte Jäger wie CodyCody, William F. die BüffeljagdBüffeljagd populär machten und sich infolgedessen unzählige Männer am Töten beteiligten, mussten sie auf der Suche nach den zunehmend dezimierten Büffeln immer weiter westwärts reisen. Die Begeisterung für das massenhafte Abschlachten begann abzuebben. CodyCody, William F., mittlerweile auf den Geschmack des Ruhms gekommen, machte sich auf die Suche nach noch größerem Ansehen und fand es im Kampf. Als erfahrener Scout der US-Armee verpflichtete er sich 1876 für die Kriege in den Great Plains und verkündete in einer seiner Shows von der Bühne herab, dass er »die Schauspielerei« hinter sich lasse, um »echte Abenteuer« zu suchen. Er packte sein Kostüm ein und machte sich auf in den Krieg.

Nach etwas über einem Monat bot sich die erste Gelegenheit dazu, nachdem CodyCody, William F. sich der 5. Kavallerie im südlichen Wyoming angeschlossen hatte. Man hatte eine kleine Gruppe von Cheyenne-Kriegern gesehen, die zwei Kuriere des US-Militärs in Richtung Westen verfolgten. CodyCody, William F. erhielt von seinen Vorgesetzten die Erlaubnis, die Krieger mit einem kleinen Kampftrupp anzugreifen. Bevor sie losritten, zog sich CodyCody, William F. die gewöhnliche robuste, grobe Kleidung der Kavallerie aus und stattdessen sein Kostüm an. Mit schwarzer Samthose und rotem, mit Silberknöpfen verziertem Seidenhemd ritt er los, auf der Jagd nach Ruhm und Reichtum.

Der Kampf selbst war unspektakulär. Es kam zu einem Feuergefecht. CodyCody, William F. und einer der Cheyenne schossen aufeinander, der Krieger verfehlte CodyCody, William F. knapp, CodyCody, William F. wiederum traf den Indianer ins Bein und streckte dessen Pferd nieder. CodysCody, William F. Pferd trat in ein Erdloch und fiel ebenfalls zu Boden. CodyCody, William F. und der Krieger zielten erneut aufeinander, CodyCody, William F. traf wieder besser und tötete Hay-o-weiHay-o-wei, seinen Gegner. Der Name Hay-o-weiHay-o-wei bedeutet übersetzt »Gelbes Haar«, bezieht sich also auf die blonde Haarfarbe des jungen Cheyenne. Hay-o-weiHay-o-wei war kein Häuptling, er war nur ein Krieger ohne besonderen Rang. Der ganze Kampf dauerte nicht länger als ein paar Minuten.[9]

Der Rest der Cheyenne-Krieger flüchtete, und während CodysCody, William F. Männer die Verfolgung aufnahmen, ging CodyCody, William F. hinüber zu Hay-o-weisHay-o-wei Leiche, skalpierteSkalpieren den toten Krieger und nahm dessen Warbonnet (die Federhaube) und Waffen als Trophäe an sich. CodyCody, William F. zufolge streckte er den Skalp in die Luft und rief: »Der erste Skalp für CusterCuster, George Armstrong!« Niemand sonst, der an dem Scharmützel beteiligt gewesen war, erinnerte sich an diesen Ausruf. Keiner der Cheyenne, gegen die die Männer gekämpft hatten, hatte an der Schlacht am Little BighornSchlacht am Little Bighorn teilgenommen, und wahrscheinlich hatte auch keiner von ihnen je CusterCuster, George Armstrong zu Gesicht bekommen.

Innerhalb einer Woche nach diesem Scharmützel Hay-o-weierreichten Geschichten über CodysCody, William F. Mut im Feuergefecht die Öffentlichkeit. Der Erste, der über CodysCody, William F. Heldentaten schrieb, war sein Freund Charles KingKing, Charles beim New York HeraldNew York Herald. In seiner Nacherzählung wurde der kurze Kampf sehr viel dramatischer. Andere Zeitungen übernahmen die aufregende Erzählung über CodysCody, William F. ersten SkalpSkalpieren für CusterCuster, George Armstrong. Die Kavalleristen, die bei dem Zusammenstoß mit der kleinen Gruppe von Cheyenne-Kriegern an CodysCody, William F. Seite gekämpft hatten, waren überrascht, als sie merkten, wie aus einem so belanglosen Geplänkel auf einmal eine Schlacht epischen Ausmaßes geworden war.

CodyCody, William F. plusterte die Erzählungen in einem Brief an seine Frau LouisaCody, Louisa, der das Paket mit den Kriegstrophäen ankündigte, sogar noch weiter auf. Er schrieb: »Es gab einen Kampf. Ich habe Hay-o-weiHay-o-wei getötet, einen Cheyenne-Häuptling, Mann gegen Mann. [Ich werde dir] sein Warbonnet schicken, seinen Schild, sein Zaumzeug, seine Peitsche, seine Waffen, und seinen Skalp. […] Der Jubel, als er fiel, war ohrenbetäubend.« Doch das Paket erreichte LouisaCody, Louisa noch vor dem Brief; als sieCody, Louisa es in der Erwartung eines Geschenks ihres Mannes öffnete und stattdessen einen menschlichen Skalp fand, fiel sie in Ohnmacht.[10]

Ein paar Monate nach dem Kampf verließ CodyCody, William F. die Kavallerie und kehrte auf die Bühne zurück. The Red Right Hand: or The First Scalp for CusterRed Right Handor The First Scalp for Custer, The (Cody) schockierte und begeisterte das Publikum gleichermaßen. Jede Nacht trat CodyCody, William F. fortan in derselben Aufmachung auf die Bühne, die er im Kampf getragen hatte, um eine grotesk dramatisierte Version der Ermordung von Hay-o-weiHay-o-wei aufzuführen, den er mittlerweile in »Yellow HandYellow Hand« umgetauft und vom einfachen Krieger zum Häuptling befördert hatte. Manchmal fiel Yellow HandYellow Hand einer Schusswunde zum Opfer; manchmal starb er im Nahkampf mit CodyCody, William F.. Während die Zeitungen die marktschreierische Gewaltverherrlichung verurteilten, drängte das Publikum ins Theater, um CodyCody, William F. zu sehen, wie er den SkalpSkalpieren von Yellow HandYellow Hand siegreich in der Luft herumschwenkte.

Es war nicht das erste Mal, dass CodyCody, William F. versuchte, durch eine gewaltsame Konfrontation mit den Cheyenne Berühmtheit zu erlangen. »Er war kein Freund der Cheyenne«, erzählte mir Russell BrooksBrooks, Russell. CodyCody, William F. war schon seit Langem in Kampagnen der US-Armee involviert, die zum Ziel hatten, Cheyenne und LakotaIndigene VölkerLakota gewaltsam aus ihren Gebieten zu vertreiben. Er hatte an einem Gefecht teilgenommen, das den meisten Amerikaner*innen als »Schlacht von Summit SpringsSchlacht von Summit Springs« bekannten ist, und das BrooksBrooks, Russell und andere Cheyenne als »Schlacht der Weißen Felsen« bezeichnen. Bei dieser gewaltsamen Auseinandersetzung überfiel die US-Armee einen Trupp von Cheyenne, der auf seinem Weg nach Norden zu einer Gruppe LakotaIndigene VölkerLakota gerade eine Rast eingelegt hatte, und tötete zwanzig Krieger, sieben Frauen und vier Kinder. CodyCody, William F. erschoss dabei einen Cheyenne-Krieger und behauptete später, es habe sich dabei um den Häuptling Tall BullTall Bull (Cheyenne) gehandelt. Andere Anwesende sagten später aus, Tall BullTall Bull (Cheyenne) sei schon zu Beginn des Kampfes gefallen und CodyCody, William F. habe stattdessen nur jemanden getötet, der auf Tall BullsTall Bull (Cheyenne) Pferd geritten sei.[11]

Später entwickelte CodyCody, William F. weitere Bühnenproduktionen, in denen die brutale MaskulinitätMaskulinität des Westens sehr erfolgreich zur Schau gestellt wurde. 1883 erfolgte das Debüt seiner berühmtesten Show, Buffalo Bill’s Wild West and Congress of Rough Riders of the WorldBuffalo Bill’s Wild West and Congress of Rough Riders of the World. Das Timing von CodysCody, William F. Show war perfekt. Mitte des 19. Jahrhunderts sorgten sich weiße Männer in England und den Vereinigten Staaten um ihre jungen Männer. Diese jungen Männer hätten es zu leicht, ihr Wohlstand und ihr Komfort hätten sie verweichlicht. In den Vereinigten Staaten, einem Land, das noch darum kämpfte, die Gebiete zu behalten, die man den Ureinwohnern gestohlen hatte, stellte diese Weichheit eine Bedrohung für die Expansion auf dem Kontinent dar. Die Aufforderung an die weißen Männer Amerikas, ihre körperliche Kraft auszubilden, war nicht nur eine politische; sie war ein spiritueller Aufruf. Das sogenannte Muskulöse ChristentumMuskulöses Christentum erfreute sich wachsender Popularität in den USA und Europa, und die weißen männlichen Eliten leiteten davon den religiösen Auftrag ab, sowohl auf den Rugby- wie auch auf den Schlachtfeldern siegreich zu sein. Den Anhängern des Muskulösen ChristentumsMuskulöses Christentum zufolge hatte die körperliche Schwäche der Männer die traditionelle Männlichkeit untergraben und zu einer intellektuellen und moralischen Weichheit geführt.

Weil die Ehefrauen und Töchter dieser reichen weißen Männer immer stärker in das gesellschaftliche und politische Leben drängten, fühlten sich Männer in ihrer maskulinen IdentitätMaskulinität zusätzlich bedroht. Diese Angst vor der »Verweiblichung« wohlhabender junger Amerikaner ließ Rufe nach Geschichten von »starken, brutalen Männern, heißblütig und von zügelloser Leidenschaft, mit kräftigem Blut und Knochen und Eingeweiden« laut werden.[12] »Maskulines« Theater, Groschenromane, Männerromane, voller Härte und Gewalt, genossen unter dem Begriff »heißblütiger Realismus« zunehmende Popularität. Der Grund lag vor allem in der Bedrohung durch den großen Erfolg weiblicher Schriftstellerinnen wie Harriet Beecher StoweStowe, Harriet Beecher und Susan WarnerWarner, Susan (die der Autor Nathaniel HawthorneHawthorne, Nathaniel als eine »verdammte Meute kritzelnder Frauen« abtat)[13] und von Theaterstücken, die auf ein weibliches Publikum ausgerichtet waren. Junge weiße Männer machten Groschenromane populär, wilde Erzählungen, die von Gefahren und Entdeckungsreisen handelten, von der Jagd und von Schießereien. Zuerst enthielten sie Geschichten von Daniel BooneBoone, Daniel und Davy CrockettCrockett, Davy, später fiktionalisierte Berichte der Großtaten von Helden und Aussätzigen wie Kit CarsonCarson, Kit und Billy the KidBilly the Kid. Buffalo BillsCody, William F. eigene Abenteuergeschichten fanden Einzug in Dutzende höchst erfolgreicher Groschenromane. Männer auf der Suche nach Formen wahrer MaskulinitätMaskulinität schauten zunehmend nach Westen.

CodysCody, William F.Wild-WestBuffalo Bill’s Wild West and Congress of Rough Riders of the World-Show bot alles, wonach sich weiße Männer sehnten, die es nach Macht und Ruhm dürstete. In CodysCody, William F. Show waren weiße Männer edel und mutig. Furchtlos zähmten sie Tiere und kämpften gegen die Wilden. »Rothäute«, selbst wenn CodyCody, William F. sie einmal nicht ausschließlich als hirnlose Tötungsmaschinen darstellte, galten als Relikte der Vergangenheit, bezwungen von der Überlegenheit des weißen Mannes. Gefangene, bedeutende Krieger wurden vor einem weißen Publikum zur Schau gestellt wie Tiger im Zoo, um zu zeigen, wie großartig der weiße Mann sein musste, der ein Volk physisch besiegt hatte, das für kaum mehr als Gewalt geschaffen zu sein schien.

Als diese jungen Leser dann zu MännernMaskulinität wurden, hatte sich der Reiz des Western-Abenteuers noch nicht verbraucht. Stattdessen zogen sie aus, um in ihren eigenen Geschichten von körperlicher Überlegenheit die Hauptrollen zu spielen. Ein Mann, der zutiefst von der CowboyCowboy-Mythos-Mythologie beeinflusst war und dann selbst eine ganze Generation nach diesem Ideal formte, war Theodore RooseveltRoosevelt, Theodore. RooseveltRoosevelt, Theodore war die Galionsfigur derer, die sich eine männliche Regeneration durch die Erfahrung von Gewalt im Western versprachen. In jungen Jahren bekannt als dürrer, fistelstimmiger Dandy, zog er in den späten 1880ern ins Ödland von Dakota, um sich selbst neu zu erfinden. Als er an die Ostküste zurückkehrte, braun gebrannt, muskelbepackt und bis zum Rand voll mit Geschichten, die vom Zähmen wilder Tiere und von Kämpfen mit Viehdieben handelten, wurde er zu dem amerikanischen Mann, der jeder amerikanische Mann gerne sein wollte.

RooseveltRoosevelt, Theodore war nicht nur ein glühender Anhänger der CowboyCowboy-Mythos-Mythologie und des Muskulösen ChristentumsMuskulöses Christentum, er war zudem direkt inspiriert vom Image William CodysCody, William F.. Als RooseveltRoosevelt, Theodore1898 im Spanisch-Amerikanischen KriegSpanisch-Amerikanischer Krieg kämpfte, nannte er sein Regiment die »Rough RidersRough Riders«, ein Zitat aus CodysCody, William F.Wild-WestBuffalo Bill’s Wild West and Congress of Rough Riders of the World-Show. Im Gegenzug machte CodyCody, William F. den Kampf der Rough RidersRough Riders in der berühmten Schlacht bei San Juan HillSchlacht bei San Juan Hill zum Teil seiner Bühnenshow.[14] Offensichtlich dachte RooseveltRoosevelt, Theodore in denselben brutalen, rassistischen Stereotypen über die Native Americans, wie sie in den frühen Wild-WestBuffalo Bill’s Wild West and Congress of Rough Riders of the World-Shows dargestellt wurden; ein berüchtigtes Zitat von ihm aus dem Jahr 1886 lautet: »Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass nur ein toter Indianer ein guter Indianer ist, aber ich glaube, auf neun von zehn Indianern trifft das Sprichwort zu, und allzu genau möchte ich mich mit dem zehnten auch nicht befassen.«[15]

RooseveltsRoosevelt, Theodore Besessenheit von der körperlichen Überlegenheit des weißen Mannes beeinflusste auch seine politischen Entscheidungen als Präsident der Vereinigten Staaten. RooseveltRoosevelt, Theodore verstand den Westen als einen Ort, den man erobern musste, und in seiner Wahrnehmung hatten die weißen Amerikaner ihn bereits erobert – indem sie sowohl die Gebiete besetzt als auch die Ureinwohner besiegt hatten. Für RooseveltRoosevelt, Theodore war es die ehrenvolle Pflicht der Amerikaner, die Schönheit der westlichen Territorien zu bewahren und zu beschützen, auf dass auch zukünftige Generationen weißer Amerikaner sich an ihnen würden erfreuen können. Viele Millionen Hektar Land, die zuvor den Ureinwohnern versprochen worden waren, beanspruchte RooseveltRoosevelt, Theodore für die Vereinigten Staaten – Land, das zahllose Generationen von Native Americans bis dahin genutzt hatten. Daraus wurden die bekannten amerikanischen Nationalparks und Staatsforste.

In einem Artikel im American Indian Law JournalAmerican Indian Law Journal schreibt die amerikanisch-indigene Wissenschaftlerin und Juraprofessorin Angelique Townsend EagleWomanEagleWoman, Angelique Townsend, dass, obwohl RooseveltRoosevelt, Theodore heute als großer Umweltschützer gilt, der Nationalparks und Staatsforste geschaffen hat, seine Maßnahmen in Wirklichkeit »eine illegale, nicht vereinbarte Vereinnahmung von Land der Ureinwohnerstämme waren, das dann auf Grundlage des Rechtes des Stärkeren zu einem Besitz der Vereinigten Staaten erklärt wurde«.[16]RooseveltsRoosevelt, Theodore Entscheidung war nicht nur kaltschnäuzig, sondern kalkuliert. Der Professor für amerikanische Geschichte Gary GerstleGerstle, Gary beschreibt RooseveltRoosevelt, Theodore als einen Mann, der »davon ausging, dass sie [die Ureinwohner] in Amerika ausgerottet würden, ausgelöscht in ihrem Wettstreit mit den weißen Männern, die den Kontinent besiedelten, den Menschen, deren Hinterwäldlertum er verehrte. Und er brauchte die Indianer als unermüdliche Gegenspieler, durch die die Amerikaner ihre eigene Tapferkeit unter Beweis stellen konnten. Aber er machte sehr deutlich, dass sie in dem modernen Amerika, das er aufbaute, ausgerottet würden, entweder im Kampf oder einfach durch ihre Unfähigkeit, sich an das moderne Leben anzupassen.«[17]

Die weiße Kultur des Westens war tief verwurzelt in der Erwartung des Triumphes über Land und Menschen. RooseveltRoosevelt, Theodore teilte diese Ansicht mit CodyCody, William F., dessen Geschichten über den Sieg der Weißen sowohl über den Westen als auch über die Menschen, die dort zuvor gelebt hatten, ein Gefühl der Unvermeidlichkeit und des paternalistischen RassismusRassismus in sich trugen. »Diesen Kontinent muss man sich verdienen«, schrieb CodyCody, William F.. »Wir dürfen nicht unsere Zeit damit vergeuden, uns mit jenen Gefühlsmenschen herumzuärgern, die aufgrund irgendeines abstrakten Grundsatzes glauben, dass es richtig gewesen wäre, diesen Kontinent den dreckigen Wilden als Jagdgebiet zur Verfügung zu stellen. Er war dazu bestimmt, von der weißen Rasse genommen zu werden.«[18] Hypermaskuline Männer sangen prompt ein Loblied auf CodysCody, William F. Bühnenshow, die mit der SkalpierungSkalpieren eines Indianers begann und in der dann in einer Tour geschossen, geritten, Rinder eingefangen und andere phantastische männliche Dinge getan wurden. Ein Rezensent schrieb, dass im Vergleich zu Buffalo BillsCody, William F.Wild WestBuffalo Bill’s Wild West and Congress of Rough Riders of the World »alle Opern der Welt wie süße Spielereien für kastrierte Kinder wirken«.[19]CodyCody, William F. selbst befeuerte diese Beweihräucherung der übertriebenen Männlichkeit. Ein Plakat für die Wild-WestBuffalo Bill’s Wild West and Congress of Rough Riders of the World-Show von 1902 kündigt großspurig an, die Show stehe »wie ein Obelisk über und jenseits von allen anderen. Eine perfekte Phalanx von allem, was GROSS, PRÄCHTIG und HELDENHAFT ist.« Es wirbt für »eine Zusammenkunft von außergewöhnlicher Wirkung, die gebührend zeigt, was LEBENSSTROTZENDE, MUSKULÖSE, HELDENHAFTE MÄNNLICHKEIT alles durchstehen kann und durchgestanden hat«.[20]

CodyCody, William F. erweiterte seine Show von einer kleinen Bühne zu einem Spektakel von der Größe einer kleinen Stadt. Er engagierte echte Indianer als Indianer-Darsteller. Revolverhelden und Cowboys traten dem Ensemble bei. Irgendwann kamen noch »Zulu-Krieger«, mexikanische »Vaqueros«, Türken und Dutzende andere »exotische« Attraktionen hinzu. Buffalo BillsCody, William F.Wild WestBuffalo Bill’s Wild West and Congress of Rough Riders of the World wurde die berühmteste Show in Amerika, und er selbst einer der reichsten und bekanntesten Unterhaltungskünstler der Welt.

Buffalo BillCody, William F.CodyCody, William F., Wild Bill HickokHickok, Wild Bill und viele andere Groschenromanhelden inspirierten eine ganze Generation junger weißer Männer dazu, sich auf den Weg in den Westen zu machen, auf der Suche nach ihrer Bestimmung. Als seine