8,99 €
«Wir hangeln uns von Unzufriedenheit zu Unzufriedenheit. Wer sagt, es gehe ihm gut, den treffen entgeis-terte Blicke. Wir sind heutzutage gestresst oder genervt oder haben das Gefühl, noch nicht ganz am Ziel unserer Träume zu sein. Wer einfach glücklich ist, wird verdächtigt, keine Ziele zu haben. Oder gar keine Hoffnung. Es gibt ja noch so vieles, was man machen könnte. Lernen müsste. Erfahren müsste. Sehen müss-te. Wo gibt es denn so was? Einfach in den Tag hinein leben und gelassen tun, was einem der Augenblick aufträgt? In meinem Leben gibt es das. Seit 30 Jahren bin ich Kapuziner.» Offen und schonungslos lädt Bruder Paulus dazu ein, zu streiten – um das glückliche Leben, das Leben im Heute.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2009
Bruder Paulus Terwitte
Das Leben findet heute statt!
Ein Anschlag auf die Vertröstungsgesellschaft
Zitat
Vorwort
1. Die Klosteranlage
2. Die Klosterpforte
3. Das Sprechzimmer
4. Die Klosterkirche
5. Der Chorraum
6. Die Klosterküche
7. Das Refektorium
8. Die Klosterzelle I
9. Die Klosterzelle II
10. Der Zellengang
11. Der Klostergarten
12. Die Waschküche
13. Das Bad
14. Der Vorratsraum
15. Die Ökonomie
16. Der Beichtstuhl
17. Die Gästezimmer
18. Das Krankenzimmer
19. Die Armenstube
Epilog
«Ich neige dazu, wie ich mit Bedauern feststelle, mich allzu oft als Sammler zu benehmen. Warum? Woran liegt diese Unruhe? Gewiss steht an der Wurzel dieser Gier vor allem das Bewusstsein der Zeit, die vergeht, das Bewusstsein des Unwiderruflichen. Das Leben ist kurz; man muss dies und jenes noch hinzufügen. Doch sobald ich über den Wert nachdenke, den diese Ansammlung haben könnte, erscheint sie mir lächerlich…»
aus: Gabriel Marcel: «Schöpferische Treue», München 1963
Wir haben Angst, im Leben nicht genug zu bekommen. Wer allein lebt, sucht die perfekte Beziehung. Wer einen Partner hat, schielt danach, ob nicht noch was Besseres im Angebot ist. So jedenfalls hörte sich die Antwort des 28-Jährigen an, den ich fragte, warum er denn seine Freundin nicht heirate, mit der er seit acht Jahren zusammenlebte: «Es könnte ja noch was Interessanteres kommen!», dachte er womöglich. Arbeiter und Angestellte träumen sich vom Heute in den Urlaub. Dort erst könne man endlich richtig leben, meinen sie. Und wer ohne Arbeit ist, sucht nicht nur eine Anstellung. Es muss jetzt sofort der Traumjob her. Und der perfekte Chef. Oder man möchte selbst endlich einer sein. Und wer es dann irgendwie bis oben geschafft hat, findet – wie könnte es anders sein–, dass es die da unten viel besser haben.
Nur da, wo wir gerade leben, können wir nicht zufrieden sein. Das Gras auf der anderen Seite des Zauns ist immer grüner. Die anderen haben es stets besser. Wenn man doch auch so viel Geld besäße! Wenn man doch auch so viel Glück auf seiner Seite hätte! Wenn man doch auch so groß oder so attraktiv, so intelligent oder so tatkräftig wäre wie der Nachbar oder Kollege – ja wenn, dann würde man selbst auch richtig leben können und auch zufrieden sein.
So hangeln wir uns von Unzufriedenheit zu Unzufriedenheit. Wer sagt, es gehe ihm gut, den treffen entgeisterte Blicke. Wir sind heutzutage gestresst oder genervt oder haben immer das Gefühl, noch nicht ganz am Ziel unserer Träume zu sein. Wer einfach glücklich ist, wird verdächtigt, keine Ziele zu haben. Oder gar keine Hoffnung. Es gibt ja noch so vieles, was man machen könnte. Lernen müsste. Erfahren haben müsste. Sehen müsste. Wo gibt es denn so was? Einfach in den Tag hinein leben und gelassen tun, was einem der Augenblick aufträgt?
In meinem Leben gibt es das. Seit 30Jahren bin ich Kapuziner. Der Orden ist in Deutschland nicht mehr sehr bekannt. Unsere Wurzeln liegen in Italien. Wir gehen auf den heiligen Franziskus von Assisi zurück. Heute bin ich einer von etwa 160Brüdern in Deutschland. Die Lebenseinstellung der Kapuziner hat mich schon als junger Mann so fasziniert, dass ich gleich nach dem Abitur ins Kloster eingetreten bin. Mir war mein Ziel klar. Manche haben mich gewarnt: «Du hast ja noch gar nichts vom Leben gehabt!» Darauf parierte ich, dass ich in einer Gemeinschaft mit einer solchen Tradition und einer so kraftvollen Spiritualität schon genügend gute Erfahrungen sammeln würde. Wieder andere wollten von mir wissen, was ich denn mit dem Ordenseintritt erreichen wolle. Denen antwortete ich, dass ich schon vor meinem Schulabschluss etwas Todernstes gelernt hatte. Zum ersten Mal – und zum Schrecken meiner Mitabiturienten – hatte ich davon bei meiner Rede zu diesem wichtigen Anlass gesprochen: Aus unserem Jahrgang waren zwei Mitschüler durch Unfälle verstorben, ein dritter brach aufgrund einer ernsthaften psychischen Krankheit zusammen und konnte nicht an den Prüfungen teilnehmen. Das ließ mich innehalten und in mir die Frage aufkommen: Wenn die nur gelebt haben, um Abitur zu machen, haben die dann nicht umsonst gelebt? Wenn der Motor unseres Lebens nur das Morgen ist, das wir erreichen wollen, verpassen wir hier und jetzt wichtige Momente. Der Reichtum unseres Lebens kommt nicht erst, sondern er ist schon da, und wir können nur in diesem Bewusstsein handeln. Wenn ich es richtig betrachte, wurde schon damals der Grundstein zu meiner Lebenseinstellung gelegt, und zu diesem Buch: Das Leben fängt nämlich wirklich heute an! Sofort.
Jetzt erst fällt mir auf, wie sinnlos lange wir uns damals im Religionsunterricht mit der Behauptung des Philosophen Ludwig Feuerbach, die Religion vertröste den Menschen auf ein Jenseits, gequält haben. Damals habe ich noch nicht gesehen, was aber auch da schon gültig war: wie sehr sich Menschen selbst auf ein Später verlegen, damit sie heute nicht alles geben müssen. Nicht ohne Grund. Wer seine Kräfte spart, wird gelobt. Wer die Tricks kennt, um seine Kraft effizienter einzusetzen, erntet Anerkennung. Diplomarbeiten werden munter zusammengegoogelt, damit man heute spart, um morgen, bald, woanders oder sonst wie zu zeigen, was man kann.
Das ist nicht neu. Der Mensch war immer schon bequem. Denn das Wasser windet sich auf dem leichtesten Weg zum Meer. Was die meisten an diesem Bild übersehen: Es fließt Stufe um Stufe tiefer. Ein Wissenschaftler würde sagen, es werde von der Schwerkraft angezogen. Ich füge hinzu, es geht nicht anders: Es wird automatisch heruntergeführt. Auf dem leichtesten Weg kann es nur nach unten gehen! Aber gäbe es auch eine Alternative?
Mich spricht das Bild unmittelbar an: Wer glaubt, man müsse heute Energie sparen und könne sich vom Leben treiben lassen, zum großen Glück hin, der irrt. Der wird unheilvoll heruntergezogen. Die Geschwindigkeit, die man darin zuweilen erreicht, wird fatalerweise Fortschritt genannt. Bei Licht betrachtet ist es aber nur eine, wenn auch aufregende Episode im Abwärtstrend der Vertröstungsgesellschaft. Weil wir auf das Morgen setzen, können wir heute nicht richtig leben. Vor lauter Vorbereitung auf ein besseres Leben machen wir uns unsere Existenz in der Gegenwart zur Qual. Wir packen uns den Keller voll, als käme ein neuer Weltkrieg auf uns zu. Die Schränke quellen über vor Kleidung, die uns morgen vielleicht passen wird, man kann ja nie wissen. Und so viele ruhige Stunden kann es gar nicht geben, wie wir für sie Musik in zig CD-Ständern stehen haben.
Wir müssen diese unheilvolle Vertröstung auf Unbestimmtes überwinden. Sie gaukelt uns etwas vor, das wir nie erreichen können. Wir schreiben unseren eigenen Science-Fiction-Roman, der sich spannend liest, aber unser Heute wie eine Ödnis erscheinen lässt. Beladen mit so vielen Vorstellungen vom richtigen Leben, das erst noch kommen wird, später. So gehen wir heute keinen Schritt voran. Wir werden krank durch das Ergebnis unserer täglichen Kontrolle und der Nachfrage, ob wir schon so weit sind, wie wir (oder wer auch immer) uns gern haben möchten. Das ganze Leben wird zu einer einzigen großen Pause, von hohlen Formeln bestimmt: Halten Sie sich zurück! Atmen Sie durch! Sammeln Sie Kräfte! Vereinfachen Sie Ihr Leben! Sparen Sie Zeit! Werden Sie natürlich! Entgiften Sie sich! Treten Sie in die Pedale! Laufen Sie auf dem Trainingsband! Nehmen Sie genug Vitamine zu sich! Sorgen Sie heute für morgen! Worauf ich aus unserer Ordenstradition heraus nur sagen kann: Wer gesund lebt, der stirbt gesünder.
«Warten Sie es ab», mag mir da einer zurufen. «Nein», antworte ich, «ich warte nicht ab!» Das Leben ist da. Ich lade Sie deshalb ein, jetzt, genau in diesem Moment, mit mir durch ein Kloster zu gehen, wie die Kapuziner es kennen. Bei uns kommt man weniger zu sich selbst. Bei uns kommt man zum Mitbruder, zum Mitmenschen und zu den Aufgaben, die heute angepackt werden müssen. Die Glocke, die zum Gebet ruft, weckt für das Heute auf. Es gibt keine sogenannten Umstände! Oder ganz allgemein: keinen Menschen, der uns davon freispricht, selbstverantwortlich zu handeln. Unverwechselbar. Besonders. Liebenswert. Wir setzen heute unsere ganze Kraft ein und warten nicht darauf, dass uns Lösungen später oder übermorgen einfallen werden. Uns erfüllt eine Hoffnung, die im Heute dem Leben traut, gleich nach Lösungen sucht und sie auch umsetzt. Wir wehren uns gegen die allgemeine Unentschlossenheit, die von der Angst hervorgerufen wird, noch nicht im richtigen Leben angekommen zu sein. Damit sind wir ziemlich anders als unsere Zeitgenossen. Wir erlauben uns das gern. Denn wie alle Menschen sind auch wir als Originale, als Einzelstücke, geboren. Und wir sollten nicht als Kopie sterben.
Mich haben bei den Kapuzinern von Anfang an die Charakterköpfe fasziniert, die mir im Orden begegnet sind. Manchen verdanke ich die Idee zu diesem Buch. Sie haben mir gezeigt, dass es im Leben keine Probleme gibt, sondern nur Herausforderungen, für die eine Lösung zu finden ist. Wir dürfen und müssen uns ihnen heute stellen – und wir können es auch. Es ist nicht alles nur schwierig, kompliziert und im schlimmsten Fall etwas für die sprichwörtliche lange Bank. Die Umstände unseres Lebens sind unsere Umstände. Sie sind der Ort, an dem wir reifen sollen. «Können Sie auch wieder austreten aus dem Kloster?», gehört zu den ersten Fragen, die mir bei Klosterführungen gestellt werden. Darauf kann ich nur antworten: «Können Sie aus Ihrem Leben austreten?» Wir müssen lernen, dass jeder in seinem Leben autorisiert ist, die Welt zu prägen. Und hoffentlich zum Guten hin zu verwandeln. Der Punkt, damit anzufangen, ist heute.
Auf der Tour durchs Kloster mache ich mit Ihnen jetzt eine Tour d’Horizon durch unsere Gesellschaft. Alle Lebensbereiche unseres Hauses erzählen etwas von der Glaubens- und Lebenseinstellung meines Kapuzinerordens und zeigen viel Weisheit auf – auch für das Leben draußen. Wir schöpfen dabei aus der Inspiration des heiligen Franziskus von Assisi, der unseren Orden gegründet hat. Seine Zeit, das 13.Jahrhundert, war von Machtkämpfen kirchlicher und weltlicher Gruppenkämpfe bestimmt. Franziskus setzte in dieser Situation auf gelebte Brüderlichkeit unter den Menschen. Das Geld spielte zunehmend eine vorherrschende Rolle, weil der innereuropäische Warenhandel zu blühen begann. Franziskus dagegen lebte freiwillig in großer Einfachheit, weil er fand, dass der Vorrang materieller Güter die Brüderlichkeit zerstöre. Statt sich auf die gängigen Glückskonzepte seiner Zeit zu beziehen, lernte er ganz neu von der alten Botschaft des Evangeliums. Er fand darin so etwas wie die Ursprache aller Menschen. Die wollte er lernen. Die wollte er leben.
Er lebte das einfache Menschsein so überzeugend, dass sich bald Tausende von Männern und Frauen fanden, die es so machen wollten wie er. Wir Kapuziner verstehen uns auch als direkte Nachfolger des Heiligen von Assisi. Wir sehen ihn weniger als den Tierliebhaber oder als den, der sich im Sonnengesang als Naturliebhaber erweist. Er ist für uns vielmehr einer, der wegen seines neuen Umgangs mit Gott und den Menschen ein wichtiger Kritiker seiner Zeit war. Als seine Brüder, die heute leben, lernen wir von ihm, einfach mit Gott und unseren Mitmenschen zu sein.
Unsere Klöster atmen zudem den Geist der Lebenseinstellung des heiligen Franziskus. Während ich Ihnen die Pforte, den Essraum oder unsere Küche zeige, werde ich Ihnen noch davon erzählen. Sie werden kennenlernen, was einen Kapuziner in seinem Kloster bewegt und wie er auf die Gesellschaft schaut, in der er ein Mensch des 21.Jahrhunderts ist. Im Spiegel unserer Lebensräume betrachte ich mit Ihnen, was sich in der Welt tut, in der wir leben. Uns werden die Werte begegnen, von denen so viele reden und die doch so wenig gelten. Wir sprechen im Klostergarten über Muße und Wege, wie wir lernen, uns wieder als Teil der Schöpfung sehen zu können. Ich nehme Sie mit in unser Gästezimmer und denke mit Ihnen darüber nach, wie man im Kloster vielleicht zur Ruhe kommen kann, aber dabei auch heilsam beunruhigt wird angesichts der Wirklichkeit dieser Welt.
Dieses Ziel der Beruhigung und gleichzeitig des Aufrüttelns lässt mich mit diesem Buch auf den Marktplatz gehen. Kommen Sie mit. Unser Haus steht Ihnen offen. Besichtigen wir unser Kloster und aus seinem Geist unser Leben und unsere Zeit. Es wartet auf Menschen, die wie Franziskus innehalten und Lösungen für ihre Fragen suchen, finden und in die Tat umsetzen wollen, denn ihm war klar: Das Leben fängt heute an. Treten Sie ein!
«Dürfen Sie fernsehen?» Oder: Die neue Kurzsichtigkeit
Bei einer Klosterführung geht es zu wie im richtigen Leben: Sie dürfen sich erst mal nicht vorstellen, was Sie erwartet. Und weil es erstens immer anders kommt und zweitens als man denkt – pardon, als Mönch sage ich natürlich: als Gott lenkt–, fängt alles mit einer Enttäuschung an. Sie sehen hier keine riesige Abtei. Es wohnen dort auch nicht 60Männer – oder ein paar weniger. Dort erklingt auch kein großartiger Gesang (obwohl ich selbst gern und, wie andere sagen, gut singe). Das Kloster ist nicht reich. Hier lebt man nicht wie im Mittelalter. Es gibt keinen Kerker. Sie können hier nicht die Vergangenheit erleben. Und ich bin auch nicht von gestern.
Ordensleben ist heute anders, als Sie es in Filmen wie «Leben einer Nonne» oder «Der Name der Rose» sehen. Diese sind erfolgreich, weil uns Vorstellungen von ungezügelter Autorität, asketischer Selbstzerfleischung, organisierter Lebensunlust und geheimen Wünschen, sich Begierden zu erfüllen, faszinieren. Das hat aber mehr mit dem Inneren des Menschen zu tun. Nicht nur ein Kloster ist ein Geheimnis. Wir selbst sind auch eines.
Jetzt fehlt nur noch die Frage: Haben Sie einen Fernseher? Die wird mir tatsächlich gestellt, obwohl mich sogar mancher, der so fragt, selbst im Fernsehen gesehen hat. Die alten Bilder vom Ordensleben haben sich in vielen Köpfen sehr festgesetzt. Da hilft es nicht einmal, wenn man einen Ordensmann mit einer eigenen Sendung live erlebt: Auch der wird gefragt, ob es bei ihm daheim einen Fernseher gebe.
Ein anderes Beispiel für schaurige Vorstellungen, die den Blick auf die Wirklichkeit des Klosterlebens trüben: Mir sagte eine Mutter, die während einer meiner Lesungen erfahren hatte, dass ich für die Nachwuchssuche im Orden zuständig bin: «Aber bitte nicht meinen Sohn anwerben!» Auf die Frage, warum denn nicht, kam spontan die Antwort: «Der darf dann ja nie raus!» Auf meine Gegenfrage hin: «Ja, bin ich denn nicht gerade unterwegs und eben nicht im Kloster?», musste sie dann doch lachen.
Ob sie davon gelernt hat für den Moment, in dem der Sohn ihr vielleicht genau diesen Wunsch vortragen wird, wage ich zu bezweifeln. Man kann sich noch so sehr anstrengen als Mönch, aber auch als Politiker oder Fußballspieler: Wirklich ist, was die Leute zu wissen meinen. Die wirkliche Wirklichkeit interessiert keinen mehr. Mehr noch: Man setzt alles daran, die eigene Meinung, woher immer sie auch kommen mag, über die Wirklichkeit zu stellen. Der Kommunikationsforscher, Konstruktivist und Psychologe Paul Watzlawick hat das treffend in seiner «Anleitung zum Unglücklichsein» am Beispiel eines Mannes klargemacht, der alle zehn Sekunden in die Hände klatscht. Nach dem Grund für dieses merkwürdige Verhalten befragt, erklärt er: «Um die Elefanten zu verscheuchen.» Auf den Hinweis, es gebe hier doch gar keine Elefanten, antwortet der Mann: «Na, also! Sehen Sie?»
Zu den Elefanten heute zählt nicht nur unser Kloster, in dem das Leben nach Überzeugung vieler Zeitgenossen einfach verstaube, mittelalterlich oder gar unmenschlich verlaufen müsse. Wie es da wirklich zugeht und warum es da so zugeht: Das scheint auf viele zu komplex zu wirken. Da müsste man ja genauer hinsehen. Dafür müsste man sich ja Zeit nehmen. Wie schön, dass Sie sich diesen Moment jetzt nehmen! Dem Kloster und seinen Bewohnern geht es da ähnlich wie anderen Elefanten. Dass etwa ein Bürgermeister ehrlich sein kann, ein Manager kein Egoist sein muss und nicht jeder Bischof hinterm Mond lebt, ahnt man zwar, aber man bleibt lieber kurzsichtig für die differenzierte Wirklichkeit. Wie es aktuell aussieht im Kloster, in einer Staatsverwaltung oder einer Bank, interessiert niemanden. Man möchte an seinem Weltbild festhalten. Man könnte ja sonst herausbekommen, dass die Menschen dort ebenso sind wie man selbst. Menschen nämlich mit individueller Entscheidungsfreiheit wie du und ich. Man würde erkennen, dass nicht nur andere Fehler machen, sondern auch man selbst. Es würde deutlich werden, dass jeder am Rad der Geschichte mitdreht. Durch diesen Blick aufs Ganze würde sich einem die Frage aufdrängen, was man denn selbst tut, um nicht so schrecklich zu sein wie die da. Das ist anstrengend. Zu anstrengend. Also bleibt man lieber bei den meist schlimmen Bildern, die man sich von den anderen gemacht hat. Wir schauen bei ihnen oft nicht genauer hin, weil wir bei uns selbst nicht anfangen wollen, unser Leben gut oder besser zu gestalten. Statt am Heute zu arbeiten, gehen wir lieber zurück. Geschichte boomt. Nachgestellte Szenen aus dem Mittelalter dürfen in keiner Dokumentation fehlen. Wen kümmert es schon, ob Dichtung und Wahrheit dabei vermischt werden? Es wird schon irgendwie so gewesen sein.
Das Fernsehen überschlägt sich mit History-Fiction-Produktionen. Der historische Roman wird gelesen wie ein Geschichtsbuch. Der Run auf die Klöster passt da ins Bild. Es ist eine Hinwendung zum Gestern. Man flieht in die alte Ordnung, die dort ja noch herrschen soll, um den Schmerz zu lindern, den man im Chaos von heute empfindet.
Historienmärkte werden so selbstverständlich besucht, dass ich hin und wieder angesprochen werde: «Zu welchem Event fahren Sie denn?» Kein Wunder, denn auch jene, die als Gaukler oder Mägde dort auftreten, reisen in ihrer Verkleidung zum Ort des Geschehens – so selbstbewusst ist die Szene geworden. Viel zu viele halten für bare Münze, was auf alt getrimmte Wagen und Zelte da vorspielen. Das ist es auch – für jene, die daran verdienen. Gut erfunden, möchte man immer wieder reinrufen. Ein schönes Spiel!
Nur war es leider ganz anders, das Leben früher. Wer es genau verstehen wollte, müsste sich mit den Widersprüchen auseinandersetzen, die es damals in der Zeit ebenso gab wie heute. Ich wünsche mir zu jedem Event eine passende Ausstellung zu der Zeit, die dargestellt wird. Auch ein seriöser Geschichtsvortrag kann Interessenten finden, die vom dritten Stand mit Honigwein oder Folterinstrumenten schon angeödet sind. Natürlich duftet ein Brot aus dem Holzofen verführerisch. Dazu gehört aber auch eine Tabelle, die darüber Auskunft gibt, was man sich für den Wert eines Brots damals leisten konnte und warum trotz voller Ähren auf dem Feld dennoch Hunger ins Land einziehen konnte. Statt eines dümmlichen Theaters von Kampfspielern in Ritterrüstung, die in der Pause durch den Schlitz des Helms gelangweilt ihre Zigarette rauchen, könnten intelligentere Spiele dargeboten werden. Das Geflecht von Besitzstreben, Neid, Eifersucht und Geltungsgier ist in Stücken der Literatur tausendfach aufgegriffen worden und erfreut Zuschauer, wie es sie gleichermaßen darüber aufklärt, welche Wege es geben kann, aus dem ebenso sinnlosen wie Geld verzehrenden bluternsten Kriegsspiel auszusteigen.
Sei es im kreativen Spiel, im Vortrag oder in einer Ausstellung: Solche Events könnten gescheit machen für heute, statt alle dumm zu halten mit dem Vorgaukeln einer früheren Welt, die es so doch gar nicht gab. Sie könnten darüber aufklären, dass damals Heilige existierten und Sünder, Gescheite und Narren, Irrtum und Wahrheit – und dass Geschichte nur einen Sinn hat: dass wir daraus für heute lernen. Was man von einem Bad im Zuber oder einem Spanferkel am Ritterspieß nun ganz und gar nicht behaupten kann.
Unsere Kirche, dieses Kloster und seine Klostermauern haben auch ihre individuelle Geschichte. Was wir heute damit noch anfangen können, werden Sie im Lauf der Führung näher kennenlernen – oder vielleicht auch durch ein persönliches Erlebnis wie dieses: Ich erinnere mich, wie unsere Familie einmal einen Ausflug zur Benediktinerabtei Gerleve im westfälischen Münsterland machte. Die mächtigen Klostermauern beeindruckten mich sehr. Mit Herzklopfen lief ich als Zwölfjähriger an der Mauer entlang. Ein Tor stand offen. Es zu durchschreiten, das lockte mich. Gleichzeitig schreckte ich davor zurück. Mehr als zehn Schritte habe ich mich nicht hineingewagt. Aber immerhin – so viele waren es. Ich fühlte mich beobachtet. Obwohl niemand zu sehen war, erschien mir das ganze Gelände voller Augen, die mich bei dieser Grenzüberschreitung verfolgten. Nach dem zehnten Schritt flüchtete ich zurück zur Familie, die schon nach mir Ausschau hielt. Ich war froh, dass mich keiner genauer fragte, wo ich denn gewesen sei.
Ich spürte, dass ich den abgeschlossenen Bezirk betreten hatte, der in der lateinischen Sprache Claustrum heißt. Daher hat das Kloster seinen Namen. In diesem umfriedeten Bereich sollte sich ein eigener Lebensraum entfalten und erhalten. Seit dem 5. nachchristlichen Jahrhundert haben sich Männer einerseits und Frauen andererseits zusammengetan, um abgeschieden vom Alltag einem neuen Gesetz zu folgen. Sie wollten wenigstens in einem kleinen Ausschnitt dieser Welt verwirklichen, was sie dem Evangelium Jesu entnahmen. Deshalb war es ihnen auch wichtig, einen geschützten Innenraum zu haben. Die Gemeinschaft baut nach außen, was auch für das Innen gilt: Denn jeder Mensch braucht zum Leben einen umfriedeten Bereich. Dort ist er mit sich allein. Dort ist er vor Angriffen geschützt. Niemand kann da hineinsehen. Dort kann er Frieden finden und mit sich ins Reine kommen. Da kann er aber auch von ständiger Unruhe erfüllt sein, weil er zu viel hereingelassen hat und nun kaum allein damit fertig wird. Für diesen Sektor gibt es viele Namen: Herzenskammer, Gewissen, aber auch der Leib, der ja mehr ist als der Körper. Das Ich. Das Selbst. Das Ich-Selbst.
Gerade der klösterliche Innenbereich hatte mich in meiner kindlichen Neugier interessiert. Diese Entdeckerlust gehört zum Erwachsenwerden. Ein Kind kann noch nicht den eigenen Innenraum und den Innenraum anderer Menschen schützen. Es ist noch ganz vom Äußeren eingenommen. Es untersucht arglos die Welt, wie sie ist. Ihm ist eine Respektlosigkeit eigen, die man ihm gern verzeiht. Es überschreitet Grenzen, weil es nur die Sache sieht. Es sieht noch nicht dahinter. Es kann in aller Unschuld plötzlich intime Sachen fragen, die uns Erwachsene in peinliche Situationen bringen. Langsam erst lernt es, dass es eine Verbindung zwischen dem Äußeren und dem Inneren gibt. Für mich als Kind war das Kloster ein Tor und ein Gelände dahinter. Für die Mönche ist es die Pforte zu einem Garten, der ihnen etwas von Gott erschließt. Ein Kind darf da hineingehen. Ein Kind darf alles untersuchen. Ein Kind darf mit seinem Entdeckerdrang in jeden Winkel hineinschauen. Einem Erwachsenen verzeihe ich das nicht.
Das Kloster erinnert mit seinem Claustrum daran, dass es Bereiche im menschlichen Leben gibt, die wir nicht betreten dürfen. Und ich habe den Eindruck, dass in vielerlei Hinsicht solche Umgrenzungen wieder gezogen werden müssen.
Wir sind zu einer Gucklochgesellschaft geworden, die das ganze Leben für eine einzige Peepshow hält. Man überschlägt sich im Heranzoomen. Die Kamera wird erbarmungslos draufgehalten. Das Detail muss en gros gezeigt werden. Jeder will in der ersten Reihe sitzen. Die Katastrophe wird ausgeschlachtet. Wir starren auf die täglichen Schreckensnachrichten und fühlen uns seltsam wohl dabei: Solange es bei den anderen so schlimm ist, geht es uns ja noch gut. Warum sollen wir uns da bessern? Das hat noch bis morgen Zeit.
Eine Gesellschaft von Kurzsichtigen ist gefangen im Starren auf Nahaufnahmen. Ich sehe die Zeiten kommen, in denen Fernseher Nahseher genannt werden. Anstatt dass sich jeder ein Bild vom Leben macht, das er zu leben versucht, lassen wir uns vor dem Bildschirm vom Leben der anderen lähmen. Wir verplempern die Zeit mit der gespielten Wirklichkeit und schauen gebannt auf Soaps wie «Rote Rosen» oder die «Lindenstraße» und wundern uns nur noch, warum es bei uns selbst nicht so drehbuchgerecht zugeht.
Die neue Kurzsichtigkeit klebt unseren Blick an die Mattscheibe und den Computerbildschirm. Wir trauen uns nicht, dem Nächsten in die Augen zu sehen. Eindrücklich erlebe ich das, wenn ich Verwandte besuche, die mit anderen älteren Menschen in einer Wohnanlage kaserniert leben. Die Angebote zum gemeinsamen Tun werden nur spärlich wahrgenommen; stattdessen dringen, wegen der Schwerhörigkeit der Bewohner, die einschlägigen Stimmen der verschiedenen Nachmittagsshows laut durch die verschlossenen Türen.
Mir fällt in mediterranen Ländern auf, dass man dort gewohnt ist, vor der Tür zu sitzen und miteinander zu plauschen. Man macht sich im Gespräch ein Bild von der Wirklichkeit. So sehr dabei auch die Gefahr besteht, nur noch Gerüchte breitzutreten: Da gibt es noch den Kontakt zwischen den Menschen, bei dem man sich vergewissert, dass man dazugehört. Da fällt auf, wenn einer plötzlich in seiner Wohnung schwer erkrankt. Wir brauchen einen neuen Weg, die erste, wirkliche Wirklichkeit ernst zu nehmen, in der wir leben: Es ist die Wirklichkeit im Hier und Jetzt. Heute. An diesem Ort. Mit diesen Personen. Damit kann ich etwas anfangen. Mehr jedenfalls als mit denen, die mir für einige Minuten auf der Mattscheibe etwas vorspielen.
Statt mit denen, die einen umgeben, die wahre Welt zu teilen, sucht man lieber in den Medien die Bilder vom scheinbar richtigen Leben, die man schon immer dort angeboten bekommen hat. Ein durchschnittlicher Fernsehkonsum von drei bis vier Stunden pro Werktag besagt ebenso wie die Frage der Menschen beim ersten persönlichen Kontakt zu mir, ob wir im Kloster fernsehen: Wer nicht fernsieht, nimmt nicht teil an der Wirklichkeit. Oder noch kürzer: Ohne Medien kein Mensch!
In der kleinsten Studentenbude ist immer noch genug Platz für einen Fernseher. Für manche überdimensionalen Plasmabildschirme muss wahrscheinlich erst noch die richtige Wohnung gebaut werden. Dass die Besitzergreifung des persönlichen menschlichen Lebensraums durch das Medium Fernsehen zum Begriff des Hausaltärchens führte, spricht Bände. Perfide Strategien sollen uns zwingen, andächtige Zuschauer zu bleiben. Der Filmabspann ganz klein neben dem Bildschirmfenster mit dem Anfang des nächsten Films ist da nur eine der leichtesten Übungen. Schlimmer wird es, wenn per Fernseher gezeigt wird, wovor man einst die Augen züchtig verschloss. Ich sehe schon kommen, wie der Fernseher bald nicht nur Nahseher, sondern auch Nacktseher getauft werden wird. Im digitalen Kanal finden Sie dafür heute schon die ekelhaftesten Gründe. Es scheint kaum noch jemanden zu stören, dass sich dort Menschen schlicht und ergreifend gegen alle hohen Lieder von der Würde zur Befriedigung niedriger Gefühle anbieten. Oder es werden Geschäfte mit der Angst gemacht in Ratgebersendungen, die diesen Namen nicht wert sind. Aber das übersieht die Gesellschaft der Kurzsichtigen leicht. Sie bezahlt ja auch am liebsten für die Zeitung, die Tag für Tag die unsittlichsten Entblößungen zeigt, um auf derselben Seite den Sittenstrolch zur Jagd freizugeben, selbstverständlich mit einem Foto aus dessen Familienalbum. Niemand sieht da einen Zusammenhang. Wir sind eben doch so blöd!
Aber auch was klare Bewertungen angeht, vertrösten wir uns gern auf morgen. Wir haben keine Zeit, heute zu handeln, weil wir vor lauter Bildern, die uns vom Heute gemacht werden, nicht mehr wahrnehmen können, was wirklich wichtig ist. Wir werden auf diese Weise bewusst verwirrt, ganz nach dem Motto: Alles ist schlimm. Dann macht es doch gar nichts, wenn ihr da einfach mitmacht.
Und so wird uns gebetsmühlenartig suggeriert: Wer noch keine Grenzen überschritten hat, bleibt unter seinen Möglichkeiten und ist out. Eine tugendhafte Frau? Die ist doch langweilig. Und ein tugendhafter Mann? Der kann es nicht weit bringen. Fehler? Gibt es nicht. Verzeihung? Ist nicht nötig, denn alles lässt sich erklären. (Dabei weiß jeder, der sich wirklich einmal eine Stunde der Stille in seinen eigenen vier Wänden gönnt: Wir haben ein Gewissen, das uns als Kompass untrüglich weisen kann, was wir zu tun und was wir zu lassen haben, was wir besser getan und was wir besser gelassen hätten.
Unsere Kinder bekommen Bilder vom Leben ins Hirn, die weit entfernt sind von dem, was uns in Deutschland einmal stark gemacht hat: der Glaube daran, dass es einen Sinn hat, zum Beispiel zugunsten des gemeinschaftlichen Anpackens persönlich zurückzustehen. Die Hoffnung, dass auch Tiefen ein Ende haben werden, wenn wir sie gemeinsam durchstehen. Die Liebe, die den Menschen dazu befähigt, sich an Werten zu orientieren, die ihm mehr bedeuten als der eigene Geldbeutel. Stattdessen heißt es, dass es im Leben eben «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» gibt. Ein 30-minütiger drehbuchgerechter Episodenmix nährt Vorstellungen vom Leben, die mit der Wirklichkeit rein gar nichts zu tun haben. So schnell kann man sich überhaupt nicht streiten, versöhnen, wieder streiten, einen neuen Partner finden etc. Da alles so rasch geht, verliert unsere Jugend das Gefühl für den persönlichen Spannungsbogen des Lebens. Zu diesem gehört, dass sich alles langsam entwickelt und wir darin mit Achtsamkeit und für das Heute verantwortlich die Weichen stellen müssen. Stattdessen werden die jungen Leute glauben gemacht, es entwickle sich alles von selbst; das Wichtigste sei, dass es Spaß mache. Jetzt. Sofort. Und später noch mehr. Man müsse nur dranbleiben.
Mich wundert nicht mehr, dass die Jugendlichen es für normal halten, mit der Handycam Gewalt an Mitschülern aufzuzeichnen. Sie lassen Videos übelster Machart in der Gruppe zirkulieren und merken gar nicht, wie sie dem Werbekonzept des Anbieters auf den Leim gehen, der sich ebendadurch eine bessere Position in der Gruppe erhofft. Die Kinder tun, was sie von uns Erwachsenen lernen: Es zählt nur noch, dass die Bilder teuer verkauft werden können. Und: Je voyeuristischer und abstoßender sie sind, umso höher die Einschaltquote. Als Papst BenediktXVI. anlässlich des Weltjugendtags 2005 auf dem Kölner Domplatz war, entschied ein Nachrichtensender, die Liveübertragung dieses friedlichen Fests abzubrechen – zugunsten der Übertragung von Livebildern einer Gewaltaktion in Israel. (Was sich im Nachhinein als Fehlentscheidung erwies: Die Quote sank!) Und als ich vorschlug, man könne als gute Reportage die behinderten Jugendlichen nach ihren Eindrücken von der Begegnung mit dem Papst fragen, erhielt ich die lakonische Antwort: «Wir können das gern drehen, aber gesendet wird das sowieso nicht; das senkt die Quote.»
Immerhin: Sie sind nun hier vor unserem Kloster. Sie wollen sich selbst ein Bild machen. Sie sind zum echten Nahsehen entschlossen. Die offene Begegnung ist der beste Weg zu einer fundierten Überzeugung. Bei allem Respekt vor den Medien: Nichts ersetzt das Selbst-in-Augenschein-Nehmen. Gehen Sie nur recht nah heran. Wer aus einer Gesellschaft kommt, in der Kurzsichtigkeit proklamiert wird, muss sich regelrecht dazu durchringen, genauer hinschauen zu wollen. Dass Sie das nun tun, ist ein Zeichen Ihrer Liebe: Sie möchten den Wert erkennen, der im echten Leben liegt. Sie sind bereit, Ihre Einstellung auf den Prüfstand der Wirklichkeit zu stellen. Und das ist gut so! Liveerfahrung ist durch nichts zu ersetzen. Sie geben dem Wort «Interesse» die Ehre. Es bedeutet so viel wie Dazwischensein, Austausch, Begegnung und Bildung. Wir müssen wieder lernen, unsere Bilder von der Wirklichkeit mit dem zu vergleichen, was wirklich ist.
Einfach ist das nicht. Es ist sogar ein gewisses Abenteuer. Denn wenn sich durch unser aufrichtiges Interesse unsere Vorstellungen verändern, verändern wir uns damit auch selbst. Nicht umsonst hat man Kopernikus lange bekämpft, weil seine Himmelsbeobachtung die Vorstellung zerstörte, die Erde sei der Mittelpunkt der Welt. Eine ähnliche Wende steht Deutschland noch bevor, wenn wir endlich mitbekommen, dass auch wir hier nicht den Mittelpunkt der Welt bilden.
So ein Kloster, wie Sie es hier sehen, versteht sich nicht als Tresor mit vielen Schließfächern, in denen die Brüder den eigenen Wert konservieren. Franziskus von Assisi, unser Ordensgründer, war sogar ganz gegen Klöster: Er setzte einfach nur auf Begegnung. Seine Idee war die einer verbindlichen Brüderlichkeit, die unter denen herrschen sollte, die beim Eintritt in die Gemeinschaft auf jeden persönlichen Besitz verzichtet und sich voneinander abhängig gemacht hatten. Deswegen wurde er selbst auch der Poverello genannt: einer, der sich ganz arm gemacht hat. Die eigentliche Klosterzelle, so sagte er, sei für den franziskanischen Bruder das Ordensgewand und die noch kleinere der eigene Leib. In dieser Weisung steckt Musik. Die Brüder sollten ganz offen und frei sein für den Kontakt zum Mitmenschen. Die selbstgewählte Besitzlosigkeit öffnete ihnen dafür die Türen. Wer keine Angst davor habe, etwas zu verlieren, so sagte Franziskus, könne ohne Furcht auf andere zugehen. Er brauche auch keine Waffen, um sein Eigentum zu verteidigen. So sehen Friedensboten aus! Sie können die Furcht der Menschen voreinander aufbrechen. Deswegen gab ihnen Franziskus auch den Auftrag, folgenden Gruß zu sprechen: «Der Herr gebe dir den Frieden!»
Wenn Sie sich nun mit mir ins Kloster begeben, sind Sie herausgefordert, aufzugeben, was sie an Bildern über unser Leben besitzen. Wenn Sie offen sind, werden Sie auch Bilder vergessen wollen, die Sie über Ihr eigenes Leben haben. Aus unseren Vorstellungen über das Leben müssen Begegnungen werden, die einen wirklich leben lassen und Lust an der eigenen Gestaltung wecken. Als ich zum entscheidenden Gespräch mit dem damaligen Provinzial der Kapuziner die Schwelle seines Klosters in Münster überschritten hatte, holte mich der Bruder schnell auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Er gestand mir, dass er, der Obere, am Vorabend noch einen richtigen Krach mit den Brüdern gehabt habe. Das hat mir sehr imponiert damals. Und ich bekam Lust auf ein Leben, das so ehrlich geführt werden darf, dass auch Niederlagen benannt werden können.
Damit man die Werte erreichen kann, die hinter dieser Lebensauffassung stecken, braucht man einen Schutzraum. Die Klostermauer steht für den Rahmen, den so ein Wachstumsprozess braucht. Weil darin die Begegnung mit den Brüdern und mit Gott eine Rolle spielt, sind diese feste Klostermauer und die Tagesordnung im Gemeinschaftsleben hilfreich. Die Begrenzung gibt gleichzeitig den Freiraum für den spirituellen Wandlungsprozess, in den wir uns hineinfallen lassen. Sie werden diesen sichtbaren, erfahrbaren und begreifbaren Rahmen in den nächsten Kapiteln dieses Buchs noch näher kennenlernen. Auf unserer Besichtigungstour zeige ich Ihnen, wie wir regelmäßig beten, was uns das Essen bedeutet und wie wir unsere Termine und Orte für das gemeinschaftliche Gespräch gestalten.
Eine Klosteranlage schlägt Ihnen vor, nach dem Schutzraum für Ihr Leben zu fragen. Sie haben das Recht, nicht alles an sich herankommen lassen zu müssen. Sie müssen auch nicht alles aufbewahren, was da einmal hereingekommen ist. Trennen Sie sich von Dingen, die unwichtig geworden sind. Die Ausstattung Ihrer Wohnung darf wohlüberlegt sein. Sie sollte ein Spiegel Ihrer Persönlichkeit sein. Auch müssen Sie nicht immer für jeden und alles offen sein. Jeder darf sich Zeiten der Unerreichbarkeit einräumen. Lernen Sie von den Klostermauern, dass Telefonanrufe und E-Mails auch einmal außen vor bleiben dürfen, sprich: Sie müssen nicht immer parat stehen für all das, was an Sie heranbrandet. Und noch einmal zum Fernseher: Sie müssen keinen haben. Ob es eine Lösung ist, wie ich es immer öfter höre, den Apparat in die Abstellkammer zu bringen, um sich ganz von diesen Eindrücken abzuschließen, bezweifle ich; das hört sich eher an wie eine Bankrotterklärung. Besser ist es, wie wir zu sagen: «Ja, wir haben einen Fernseher – aber wir sind so frei, den Takt für unser Leben selbst zu bestimmen.» Auch für die Zeiten, in denen wir uns informieren oder unterhalten sein wollen.
