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Das Leben ist unberechenbar. Veränderungen, Unsicherheiten und Rückschläge gehören dazu – mehr denn je, gesellschaftlich wie persönlich. Viele meinen, wahres Glück komme erst dann zu einem, wenn bestimmte Ziele erreicht sind. Doch das Leben zeigt uns eine andere Wahrheit: Scheitern ist unvermeidlich. Vielleicht sogar notwendig? Bruder Paulus, Kapuzinermönch und erfahrener Lebensbegleiter, lädt dazu ein, den Widrigkeiten des Lebens mutig zu begegnen. Für ihn gehört das Hinfallen genauso zum Leben wie das Auf(er)stehen. Anhand inspirierender Beispiele und Begegnungen aus seiner langjährigen Tätigkeit macht er deutlich: Das Leben ist zu kurz, um im Hadern zu verharren. Es ist Zeit, den Wandel anzunehmen, sich auf den Weg zu machen und zu handeln. Mit dem uralten Wissensschatz der Menschheit zeigt Bruder Paulus, wie wir in der modernen Welt den Turbulenzen gewachsen sein können. Sein Buch ermutigt dazu, aus Krisen gestärkt hervorzugehen und persönliches Wachstum zu erleben – denn jede Veränderung birgt die Chance eines Neuanfangs. Ein Buch voller Zuversicht und Mut – für alle, die bereit sind, das Leben "trotz allem" in die Hand zu nehmen.
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Seitenzahl: 222
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Bruder Paulus
Bruder Paulus
durch den Wandel
Halt, Orientierungund Zuversichtin Zeiten der Veränderung
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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Klimaneutrale Produktion.
Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem Papier.
1. Auflage 2025
Copyright © 2025 Bonifatius GmbH Druck | Buch | Verlag Karl-Schurz-Str. 26 | 33100 Paderborn | Tel. 05251 153-171
Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München, werkstattmuenchen.com
Umschlagfoto: © Max König / 06.2024
Satz: Melanie Schmidt, Bonifatius GmbH, Paderborn
Redaktion: Karoline Kuhn
Lektorat: Gisela Appelbaum
Druck und Bindung: Pustet, Regensburg
ISBN: 978-3-98790-941-2
www.bonifatius-verlag.de
Einleitung: Das Einzige, was sich nicht ändert, ist die Veränderung
1. Die Spiritualität des Wandels
2. Plan oder Überraschungsherz?
3. Jeder Mensch ist eine Stiftung
4. Die fünf ”Gefühlsaufbrüche“ der Verwandlung
5. ”Wandelhemmer“ Angst – Leben, wenn es eng wird
6. Wem oder was gebe ich Macht über mein Leben?
7. Die Wandlungspunkte im Leben selbst erkennen
8. Nicht bleiben, wie wir waren – warum es uns umbringt, den alten Zustand wiederherstellen zu wollen
9. Scheitern, Schmerz, Leid und Sterben – und die ”Auferstehung“
10. Wünsche ans Universum, Selbstoptimierung und Ignatius von Loyola
11. Ressourcen entdecken – Über die Kraft der Erinnerung
12. Ach du meine Seele: Wie Sie für sich sorgen können
13. Sich für den Wandel bereiten wie die Mönche. Die etwas andere Klosterbesichtigung
14. Zum Schluss
Bonuskapitel: Den Stier bei den Hörnern packen – Umgang mit Wandel am Beispiel KI
Wir hatten uns so schön daran gewöhnt: Das Leben ist planbar. Wir können erreichen, was wir wollen. Doch die Zeiten ändern sich. Es stürmt gewaltig. Im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben wird erschüttert, was gewiss schien. Nichts scheint mehr zu halten. Kein fester Boden unter den Füßen mehr. Risse in den Alltagsgewohnheiten. Im Zukunftsplan. In der Vision über das Leben und wie wir uns darin bewegen. Das Eis wird dünner, auf dem wir gehen.
In solchen Bildern versuche ich zu erfassen, wie es mir gerade geht. Ich bin in guter Gesellschaft mit denen, die Politik mal wichtig fanden als Ort, an dem Konsens im Streit zum Wohle aller gesucht und gefunden wurde. Mit den Managern der Wirtschaft, die ohne Fragen nach Klima und sozialer Verantwortung meinten, für alle Ewigkeit aus dem Vollen schöpfen zu können, mit denen, die Kirche anders kannten. Und den Kulturschaffenden, die sich sicher waren, dass Theater und Oper und Museen immer bleiben werden. Und die nun um ihre Existenz bangen im Wandel der Zeit. Der Gesellschaft. Des Einzelnen. Und mittendrin ich als Ordensmann, dessen Orden sich konzentrieren muss. Fast wie in der Wirtschaft. Im Klartext: Der Nachwuchs fehlt. Wir müssen Niederlassungen schließen. Das hätte ich mir nicht träumen lassen, als ich begeistert in dieses Leben eintrat.
Es ist anstrengend, vertrieben aus der Heimat des Gewohnten leben zu müssen. Was Einzelne, viele Einzelne erleben, treibt auch Unternehmen, Vereine, Stiftungen, ja, die ganze Gesellschaft um. Oder: vor sich her. Neu ist das nicht. Neu aber ist, dass immer weniger damit leben können. Damit leben wollen. Das wiederum lässt mich lächeln. Denn in einem schlimmen, verkrusteten Sinn konservativ waren doch bis jetzt oft nur „die anderen“. Nun aber sind es viele selbst. Sie haben vergessen:
Das Leben ist in ständiger Bewegung und verändert sich. Immer und unaufhörlich. Das Gestern weiß nicht, wie das Morgen geht. So sehr die Zukunftsforscher Konjunktur haben: Keiner kann gewiss sein, wie es weitergeht. Das kann einem gefallen oder auch nicht, aber diesen ständigen Wandel können wir nicht aufhalten.
Veränderungen und Wandel finden wir nur dann gut, wenn sie etwas mit Aufbau, Sattwerden und Stärkerwerden zu tun haben. Der aktuelle Wandel – Klimawandel, politischer Wandel, gesellschaftlicher Wandel – riecht eher nach Schwäche, Verzichtenmüssen und Abbau dessen, was so schön aufgebaut wurde. Was soll nun alles werden? Wie sollen wir das schaffen? Oder schaffen wir es vielleicht diesmal nicht? Und was dann?
Auf Unbekanntes reagieren wir instinktiv eher mit Abwehr und Angst. Ängste und Depressionen sind folglich fast schon eine Volkskrankheit. Psychotherapeuten sind auf Monate oder Jahre ausgebucht. Burnout hat seine Ursache nicht nur in unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Ausgebrannt wird die Seele auch, wenn sie sich dabei überanstrengt, sich dem Wandel, der sich anbahnt, entgegenzustemmen – einer der wichtigsten Gründe für Singlekrisen, Ehekrisen und Arbeitskrisen. Eine „bunte“ Arbeitsbiografie kann auch offenbaren: „Ich konnte den Wandel nicht mitmachen, den es erfordert hätte, mich auf Kollegen, Kunden und technische Neuerungen einzulassen.“
Doch wie geht das: Veränderung und Wandel anders wahrzunehmen? Nicht als Bedrohung, sondern als Chance?
Es hat doch auch etwas für sich, wenn sich die Wahrheit zeigt. Etwa: Die vermeintlichen Sicherheiten waren gar keine. Die Ent-Täuschung darüber hat auch viel Gutes. Sie zeigt uns: Wir haben uns getäuscht in den Sicherheiten, von denen wir träumten. Ent-täuscht sehen wir klarer: Wir werden gezwungen, uns wieder auf die Dinge zu besinnen, die wirklich tragen.
*
In der griechischen Mythologie konnten Menschen und Götter ihre Form ändern und sich in andere Wesen verwandeln. Im Christentum wird gesagt, dass wir im Glauben wiedergeboren werden und uns im Tod ins ewige Leben verwandeln. Im Buddhismus ist die Idee des Wandels ein grundlegendes Prinzip, das sich in der Lehre von der Unbeständigkeit aller Dinge widerspiegelt. Veränderung, Aufbruch, Neugeburt, das sind Begriffe, in denen sich die Religionen einig sind.
Sich in der Krise dem Blick nach vorn verweigern, um im Gewohnten wohnen zu bleiben? Das wird nichts. Die Ehefrau von Lot im biblischen Bericht über den Untergang von Sodom und Gomorra schaute sich zu ihrer untergehenden Heimatstadt um – und erstarrte zur Salzsäule. Das Gewohnte, in dem wir uns eingerichtet haben, bequemt sich nicht, ein guter Gastgeber zu sein. Es gewährt uns zwar Heimat, aber nur zur Stärkung, um daraus weiterziehen zu können.
Mich begleitet schon lange die Beschreibung der Dichterin Nelly Sachs für dieses Phänomen:
…
Eingehüllt in der Winde Tuch Füße im Gebet des Sandes der niemals Amen sagen kann denn er muß von der Flosse in den Flügel und weiter –
…
An Stelle von Heimat halte ich die Verwandlungen der Welt.
Darin wird deutlich: Auch wenn es noch so schön wäre, irgendwann ganz angekommen zu sein – tatsächlich hört der Wandel niemals auf. Vom ewigen Angekommensein, der ewigen Ruhe können wir zwar träumen. Doch hier auf Erden wird es keine Minute ohne Wandel geben. Man kann angesichts dieser Erkenntnis die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Und sich schon erschöpft fühlen, bevor es überhaupt losgeht mit dem ersten Schritt in die Wandlung, die gerade auf einen zukommt, sich anbahnt, mehr geahnt als gewusst wird.
Das kann so weit gehen, dass es zur Haltung wird: Ein erstarrtes Erschrecken vor dem Leben. „Kann es denn nicht irgendwann auch mal gut sein?“ Gerade so, als sei der Wandel etwas, was im eigentlichen Lebensvollzug stört. „Wenn die ständige Veränderung nicht wäre, dann könnte ich eigentlich gut leben …“ Nur – dann sind Sie tot.
Dennoch: Diese merkwürdige Einstellung hat Vorfahrt bekommen in der Weltsicht vieler. Sie ist allerdings lebensfeindlich. Denn alles im Leben ist Verwandlung. Und gerade in der Natur ist die Verwandlung oft so krass, dass kaum noch etwas an den vorherigen Zustand erinnert. Eine Eichel im Herbst wird in hundert Jahren Frühling-Sommer-Herbst-Winter-Frühling-Sommer und so weiter zu einer Eiche, die das kleine Ding vom Anfang vergessen macht. Und der Schrank ganz in Eiche – wem fällt da der Wandlungsweg der Eichel vom Herbst ein? Oder die Raupe. Sie hat weder optisch noch bewegungstechnisch irgendwas mit einem Schmetterling zu tun. Und doch ist er die Frucht des Wandels in der Verpuppung der Raupe.
Solche Bilder malt mir meine Seele, wenn mein Verstand im Wandel verzagen will. Offensichtlich zieht die Natur ihre Kraft daraus, dass sie sich wandelt. Sie wächst und gedeiht nicht trotz des Wandels, sondern im Wandel. Und der geht nicht nur schön; schön langsam oder schön in geplanter Manier: Nein, die Evolution, das Wunderwerk des Lebens schlechthin, ist das Ergebnis ungeplanter, unvorbereiteter Wandlungen, mit denen keiner gerechnet hat und die doch alles noch weiter zum Blühen und zur Entwicklung gebracht haben.
Mittendrin der Mensch. Frucht des Wandels. Mit einem Geist ausgestattet, der zum Wandel herausgefordert wird. Ich behaupte sogar, dass der Geist, unser Verstand, die Seele, unsere menschliche Person aus dem Wandel geboren wurden und zum Wandel bestimmt sind. Wir entwickeln uns weiter, ob wir wollen oder nicht.
Und wir haben doch grundsätzlich auch Lust darauf. Wenn morgen die Welt unterginge, dann wollte Martin Luther heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.
Es gibt kein „Weiter so, wie es war“. Nie. Bei niemandem. Täglich werden Sie neu geboren. Die Unabgeschlossenheit des menschlichen Lebens hört nie auf. Es ist eben nicht so, wie Trapattoni einst sagte: „Ich habe fertig!“ Nein, ich habe nie fertig.
Wussten Sie, dass sich alle sieben Jahre alle Körperzellen erneuert haben? Und dass niemand zweimal in den gleichen Fluss steigen kann? Denn alles fließt, wie uns die griechische Philosophie lehrt. Von Menschen der Geschichte wird erzählt, dass sie sich so stark verwandelten, dass sie sogar einen neuen Namen erhielten. In der Bibel kennen wir das von Abraham, Jakob, Paulus, Petrus. Darum habe ich bei meinem Ordenseintritt, der eine große Verwandlung bedeutete – oder besser: der die Folge einer bestimmten Abfolge von Verwandlungen war –, einen neuen Namen gewählt. Wenn Sie heiraten, nehmen Sie vielleicht einen neuen Namen an. Oder auch ein Negativbeispiel: Die Tochter von Brad Pitt hat gerade seinen Nachnamen abgelegt, ein klares Zeichen für eine Ab-Wandlung. Doch wird sie sich dem Wandel nicht entziehen können, denn auch ohne den Namen „Pitt“ kann sie diesen nicht aufhalten.
Und schon gar nicht zu einem Punkt zurückkehren, wie er einmal war. Das Leben kennt keine Reset-Taste.
Der Kopf weiß das. Aber das Herz? Die Seele? Die sind konservativer als der ganze Vatikan zusammen. Bei jedem Menschen. Am besten soll alles so bleiben, wie es ist. Wie Sie sich die Zähne putzen; spätestens so lange, bis die Prothese kommt. Bei welcher Bank Sie sind; bis Sie merken, dass der Service dort wirklich schlecht ist. Die Automarke, der Urlaubsort. Man hat seine Gewohnheiten. Darin steckt das Wort „wohnen“. So, als könnte man im Fluss des Lebens irgendwo fest wohnen. Paradox. Im Fluss fest wohnen zu wollen. Und dort vielleicht planen, wie es weitergeht? Ohne dem schrecklichen Wandel ausgeliefert zu sein?
Es ist kein gutes Gefühl, scheinbar hilflos vom Wandel mitgeschleift zu werden. Aufweckend, stärkend und anfeuernd dagegen könnte es sein, den Wandel aktiv zu begrüßen als Provokation zu neuen, ungeahnten Möglichkeiten.
„Stark durch den Wandel“ – dieses Versprechen möchte ich mit diesem Buch durchaus erfüllen, wenn auch vielleicht ein bisschen anders als gedacht.
Wenn Sie sich davon versprochen haben, dass Sie erfahren, wie Sie durch Probleme und Veränderungen gehen, ohne dass Sie „angekratzt“ oder im Innersten berührt werden – dann muss ich Sie ent-täuschen. Denn das ist nicht die Stärke, die ich meine. Weil es gar nicht möglich ist. Zumindest nicht in meiner Welt.
Das ist nicht die Stärke, die mich bewegt: wie eine Siegessäule inmitten des Chaos zu stehen, starr und unverrückbar. Sondern: Eingeständnis von Schwäche im Wandel. Fragen stellen können. Zu Unsicherheiten stehen. Nach der Kraft des anderen fragen und nicht mit der eigenen Restkraft protzen.
Niemand hat die Kontrolle über den Wandel. Es erfordert Vertrauen, Zeit und Geduld. Veränderungen geschehen nicht über Nacht, sondern entwickeln sich schrittweise. Darin sind Ausdauer und Durchhaltevermögen gefragt. Begrüßen Sie den Wandel persönlich und schrecken Sie nicht vor ihm zurück: Er kann Ihnen ein wunderbarer Lehrer sein. Am Ende eines Wandlungsschrittes werden Sie sich selbst besser kennen. Sie haben Ihre Stärken entfaltet und neue Beziehungen gefunden.
Ich möchte mit Ihnen fragen:
Was gibt Halt, wenn alles in Bewegung ist?
Woran kann man sich halten?
Was ist das Fundament, das trägt, aber dennoch flexibel genug ist, um sich zu bewegen und die Schwingungen des Lebens zuzulassen?
Lassen Sie uns das gemeinsam herausfinden!
So geht also Leben: Veränderung passiert unausweichlich, immer und überall. Was aber stärkt uns für den Wandel?
Die Natur ist uns das beste Vorbild in Sachen ständige Wandlungsfähigkeit. Ein Same fällt in die Erde, verwandelt sich zu einem Keimling, zu einer Weizenähre, zu einem Brotteig. Und bleibt in alledem immer lebendig. Eine Raupe verpuppt sich zu etwas, das tot wirkt, und heraus kommt ein wunderschöner Schmetterling.
Kürzlich habe ich einen Artikel gelesen über einen Pilz, der nur aus einer Zelle besteht: „Es gibt Wesen auf der Erde, die die Dreistigkeit besitzen, vom Menschen bis heute nicht ganz verstanden zu werden. Bärtierchen etwa, die sterben und wiederauferstehen können. Oder Physarum polycephalum, eine Schleimpilz-Art. Sieht aus wie ein Pilzgeflecht, verhält sich wie ein Tier, ist aber keines von beidem. Und auch keine Pflanze. Der rätselhafte Organismus besteht aus nur einer einzigen Zelle. Und die hat es in sich: Sie kann wachsen, sich erinnern, lernen und komplexe Aufgaben lösen. Woran Menschen Jahrzehnte arbeiten, schaffen Schleimpilze in einem Tag. Ohne Gehirn.“
Tatsächlich ist der Schleimpilz ein solcher Vernetzungsprofi, dass Forscher der Universität Toronto in einem Computermodell simulierten, wie Schleimpilze ihre Bahnen aufbauen. Denn die Netzwerke, die der Schleimpilz bildet, sind gleichzeitig extrem effizient und resilient, also weniger anfällig für Störungen. Was das für ein Verkehrsnetz bedeuten würde, kann sich jeder denken, der schon mal mit der Deutschen Bahn gereist ist. Oder es zumindest versucht hat.
Das Fazit des Forschers Raphael Kay, der heute als Doktorand an der Harvard-Universität zu bio-inspirierten Materialien und Technologien forscht: „Wenn Dinge in der Natur kaputtgehen, versagt nicht direkt das gesamte System. Es passt sich an. Gerade in Zeiten des Klimawandels sollten wir uns das abschauen.“
Drei Dinge haben mich bei diesem Artikel regelrecht „angesprungen“. Erstens der erste Satz, dass es bei all unserem Wissen, unserer Aufklärung, unserem Denkvermögen immer noch Dinge gibt, die „die Dreistigkeit besitzen“, sich unserem Verständnis zu entziehen. Zweitens, dass alles, was lebt, sich verbinden will. Die Natur lebt vom Miteinander aller Geschöpfe. Belebte und unbelebte Natur bilden ein riesiges Kommunikationsnetz. Und drittens die Erkenntnis, dass die Natur so geschaffen ist, dass sie den ständigen Wandel nicht nur toleriert, sondern daran wächst. Das scheint zum großen Plan dahinter zu gehören.
Ich bin der festen Überzeugung, dass unter und in der Welt, die uns umgibt, ein ganzes Netz aus Dingen und Zusammenhängen besteht, die wir nicht verstehen und auf deren Sinnhaftigkeit wir uns dennoch verlassen dürfen. Ständig geschehen Wachstumsprozesse, Heilungsprozesse, Kommunikationsprozesse, die unerwartet sind und die uns herausfordern, ja provozieren.
Provokation und Ver-Antwort-ung
Das Wort „Provokation“ kommt von lateinisch „provocare“, das bedeutet „herausrufen“. Könnte es sein, dass das Leben vielleicht eben doch eine große Provokation ist? Der große Psychotherapeut Viktor Frankl sagte, dass nicht wir dem Leben Fragen stellen, sondern dass das Leben uns Fragen stellt. Was wir darauf antworten, ist unsere Ver-Antwort-ung.
Vielleicht sollten wir weniger fragen: „Wie kann alles so bleiben, wie es ist?“, sondern: „Zu was bin ich herausgerufen?“ und „Wie kann ich mich mit dem Wandel mitwandeln?“.
Der Wandel ist nicht etwas, was sich schicksalhaft ereignet und von uns abgewehrt werden muss. Wandel geschieht ständig und überall. Die Frage ist, wie wir auf diese „Provokation“ oder diesen Aufruf antworten.
Das unterscheidet meinen Ansatz vielleicht von dem der Esoterik. Ich sage nicht: „Das Leben ereignet sich, alles geschieht, wie es geschehen soll.“ Nein, ich vertrete den Standpunkt: „Ich muss schon auch mitgehen und meine Entscheidungen treffen.“
Immer wieder schickt einem das Leben Provokationen: Man hat einen Autounfall mit schweren körperlichen Folgen, die Mutter bekommt eine Krebsdiagnose oder der Job ist gefährdet. Die Hälfte der Speaker, die auf der Bühne stehen, erzählen davon, wie sie etwa einen Burnout erlitten haben oder nach einem schrecklichen Ereignis nun auf den Rollstuhl angewiesen sind und es dennoch geschafft haben, wieder ein gutes Leben zu finden. Wir hören andauernd, dass Niederlagen Chancen sein können, die einen weiterführen, aber häufig fällt es uns schwer, das zu glauben.
Letztlich muss jeder seinen eigenen Kampf kämpfen. Höchstpersönlich. Es hilft nur bedingt, wenn man von anderen hört, wie sie es geschafft haben – aber es macht Hoffnung und gibt einem vielleicht ein paar Anregungen für den eigenen Weg. Und die größte Hilfe ist, dass man so erfährt, gemeinsam mit anderen durch diese Herausforderungen zu gehen. Ich hoffe, dass auch dieses Buch Sie ermutigt und Ihnen Kraft gibt für die nächsten Schritte.
Natur und Spiritualität als Lebenselixier
Für mich hängen Natur und Spiritualität untrennbar zusammen. Als franziskanischer Ordensbruder ist diese Einstellung ein Lebenselixier. Franziskus von Assisi gilt als einer, der die Versöhnung von Natur und Spiritualität gelebt hat. So sehr, dass dieser ganz und gar katholische Heilige über alle Grenzen von Religionen und Philosophien hinweg als „Bruder aller Menschen“ verehrt wird von allen, die sich ihm angenähert haben. Wie für ihn ist auch für mich Spiritualität die Aufmerksamkeit für einen und das Für-möglich-Halten eines tieferen Sinns in allen Herausforderungen.
Wenn Sie von sich selbst sagen „Ich bin Atheist“, dann versuchen Sie doch bitte trotzdem einfach mal, mir zu folgen wie einem Fremden. Ich muss von Berufs wegen von Gott reden, weil ich aus dem Innersten heraus ein Mönch bin. Andersherum finde ich einen Menschen, der mir sagt, dass er aus seinem Innersten heraus nicht an Gott glauben kann, hochinteressant, weil er mir etwas zeigen kann vom Denken und von der Welt, was ich vielleicht übersehe wegen meiner ach so tollen Frömmigkeit.
Es wird so viel über Toleranz und Diversität geredet, jetzt können Sie das ja mal an mir üben. Oder trauen Sie sich vielleicht sogar, für eine Stunde so zu tun, als seien Sie gläubig. Schaden kann es ja nicht. Und vielleicht gewinnen Sie etwas daraus.
Ich habe es mir jedenfalls zur Gewohnheit gemacht, in meinem festen Glauben den Zweifel zuzulassen. Der Wandel auch im Glauben gehört zum Urgestein des Christlichen. Von Jesus heißt es, er sei Wahrheit, Leben – und: Weg. Christsein, Menschsein – das ist ein beständiges Unterwegssein. Aufbrechen. Niederlassen. Aufbrechen.
Itineranz – zu Hause im Wandel
Der heilige Franziskus hat das „Itineranz“ genannte Prinzip des ständigen Unterwegsseins so verinnerlicht, dass er das ambulante Mönchtum erfunden hat. Sein Gedanke war, dass man ein Zuhause im Unterwegssein hat. Weil Christus auch keinen Stein hatte, auf den er sein Haupt legen konnte. Die franziskanischen Brüder sind durch die Welt gezogen und haben den Leuten mitgeteilt: „Wir brauchen euch. Wir sind auf andere angewiesen und wollen zeigen, dass dies eigentlich die Grundbefindlichkeit jedes Menschen ist: ‚Ich brauche dich. Ich kann ohne dich nicht sein. Ich werde nie etwas werden ohne den anderen.‘“ Die Franziskaner haben die Menschen eingeladen, selbst auch wieder „aus sich herauszukommen“.
Überall, wo die Brüder waren, haben sie Kommunikation angeregt, sind mit Leuten in Kontakt getreten, haben Menschen miteinander verbunden und kurzum das gemacht, was neudeutsch „Networking“ heißt. Und da ein paar Dutzend solcher Brüder über Jahre durch Europa zogen, kann man sich leicht ausrechnen, was sie unterwegs an Kommunikationspunkten gestiftet haben.
Die Idee war und ist, zu einem Menschen zu werden, der seine größte Freude daran hat, wenn er voller Liebe und Würde auf andere zugeht, Barrieren niederreißt und Gräben überspringt. „Milde, friedfertig und bescheiden, sanftmütig und demütig sein und anständig reden mit allen, wie es sich gehört“, wie es in der Regel des heiligen Franziskus heißt. Wir sollen uns Kleidung anziehen „nach Maßgabe der Orte und Zeiten und kalten Gegenden“ und losgehen.
Flexibilität oder auch das heute so bezeichnete „agile Arbeiten“, das sind ganz moderne und zugleich ganz alte Prinzipien. Unsere Aufgabe ist, dass wir den Menschen sagen: „Es gibt eine Zusammengehörigkeit, die euch eingestiftet ist, und wir erinnern euch daran.“
Die ersten Sparkassen sind mit franziskanischen Brüdern entstanden. Sie kannten arme Leute, die etwas konnten, und reiche Leute, die nichts dafür konnten, dass sie so reich waren. Und sie haben diese Menschen miteinander verbunden, haben Kreditwürdigkeit vermittelt und, wieder neudeutsch, Win-win-Situationen für alle erzeugt. Gut, manchmal waren da sicher über die Jahrhunderte auch mal Hallodris drunter, wie überall in dieser Welt. Aber mit dieser grundsätzlichen Intention sind sie unterwegs gewesen.
„Itineranz“ ist das Unterwegssein als ein Charakteristikum des franziskanischen Lebens. Das lateinische Wort bedeutet, unterwegs zu sein, sich keinen Ort zu eigen zu machen und keine Wurzeln zu schlagen.
Interessanterweise wird im Christlichen von Gott so gesprochen, dass er selbst in Wandlung ist. Die Trinität oder Dreieinigkeit, die wie eine Art merkwürdige mathematische Formel klingt, heißt ja eigentlich, dass es in Gott einen Tanz und eine Bewegung gibt, die sich in der Schöpfung der Welt verströmt hat und nun alles Lebendige einschließt. Perichoresis heißt das auf Griechisch, zusammengesetzt aus peri, „um etwas herum“, und chorea, „schwingen“. Eine ewige, bewegliche Abhängigkeit des Vaters zum Sohn im Heiligen Geist. Ein dynamisches Beziehungsgeschehen.
Beziehung, Vernetzung und Abhängigkeit voneinander sind daher ebenso ein Grundprinzip allen Seins wie der ständige Wandel – von den planetarischen Umkreisungen, die überhaupt erst das Leben auf der Erde ermöglichen, über uns als Beziehungswesen, bis hin in die kleinste Zelle. Das Leben ist ein ewiges Miteinander-Tanzen mit immer neuen Wendungen und Schritten, und wir können uns einreihen und mittanzen. Und wenn jemand aus der Reihe tanzt, kommt der ganze Tanz durcheinander und muss sich neu ordnen. Aber er geht trotzdem immer und überall weiter.
Ich bin auch deswegen gern Kapuziner, weil das zur DNA der franziskanischen Brüder gehört. Vielleicht auch aufgrund dieser tiefen Prägung bin ich ganz grundsätzlich mit Wandel einverstanden, wenn er sich spürbar ereignet, weil er sich ja sowieso ereignet und niemand davon verschont bleibt.
Und auch da haben wir in der Geschichte unser Lehrgeld bezahlt, weil natürlich auch der Orden irgendwann stolz darauf war, in einem Kloster zu wohnen, einen Garten zu haben. Und nun müssen wir in der jetzigen Situation, wo kein Nachwuchs mehr kommt, das alles wieder aufgeben und verlassen. Da kommt eine Identitätskrise, eine Wandlung, und wir müssen neu lernen, dass wir wieder zu unserer eigentlichen Identität hingeführt werden – der Itineranz, dem Zuhausesein im Wandel.
Welche Frage stellt Ihnen das Leben aktuell?
Wo werden Sie provoziert?
Wo haben Sie sich so sehr häuslich niedergelassen, dass Sie Veränderung blockieren?
Hartmut Rosa hat uns den wunderbaren Begriff „Unverfügbarkeit“ geschenkt. Er ist Professor für Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. In seinem wunderbaren Buch zu diesem Begriff beginnt er mit einem Blick auf den Schnee. So weiß, so perfekt … und so vergänglich. Ein Geschenk, das niemand machen kann. Wie das Leben mit all seinen Widerfahrnissen. Es kann von uns nicht beherrscht, kontrolliert oder optimiert werden.
Dabei sind wir ständig bemüht, das Bessere, Schönere oder Größere machen zu wollen. Im richtigen Maß ist das die Triebfeder für jeden Fortschritt. Dennoch ist auch wahr: Die größten Schritte taten Forschende, indem sie geduldig am Werk blieben, um dann, unerwartet, den Durchbruch zu schaffen – oder sagen wir es doch ehrlich: sich schenken zu lassen.
Wir sind Menschen im ständigen Grundkonflikt zwischen Verfügbarmachen und Geschehenlassen. Sich auf Fremdes, Irritierendes, Unplanbares einzulassen ist unvermeidlich, wenn man eine lebendige, „klingende“ Begegnung mit der Welt erleben will. Und deshalb ist die Frage für unser Thema so entscheidend: Mit welcher Haltung gehe ich eigentlich durchs Leben?
Kennen Sie das: „Ich habe einen Plan. Und diesem Plan muss ich jetzt folgen.“ Diese Haltung scheint mir sehr weit verbreitet zu sein.
In der Zeit, als ich Berufungsberatung gemacht habe – also versucht habe, die jungen Männer zu finden, die vielleicht Kapuziner werden könnten –, war ich einmal auf einer Messe der Arbeitsagentur. Dort hatte ich mich ganz frech angemeldet, denn ich hatte ja auch einen ordentlichen Beruf anzubieten. Natürlich habe ich die ungünstigste Zeit bekommen, morgens um acht Uhr dreißig. Aber immerhin, eine halbe Stunde konnte ich vor einigen jungen Menschen sagen, was der Beruf des Ordensmannes und des Priesters für faszinierende Perspektiven bietet. Als ich fertig war, standen schon viele junge Leute vor der Tür Schlange. Ein Mann mit seinem Notebook kam herein und ich sagte: „Ah, Sie sind der Nächste. Sie haben ja viel Publikum.“
„Ja“, sagte er, „ich stelle hier eine Karriereplanungssoftware vor.“
Spontan kam mir da der Gedanke, dass ich als Kapuziner eigentlich jetzt ein Kästchen auspacken müsste. Und in diesem Kästchen wäre ein Totenkopf, wie ihn meine Mitbrüder Jahrhunderte zuvor gern auf die Kanzel gestellt haben als schaurige Begleitung ihrer Bußpredigten, und den würde ich auf das Notebook legen und sagen: „Meine Damen und Herren, Sie können eine Karriere planen, wie Sie wollen – ich weiß schon, wie sie endet.“
Wofür also planen? Und so planen? Und nicht anders? Blind für andere, ungeplante Möglichkeiten? Könnte nicht die sinnvollere Haltung sein: Statt selbst alles im Griff haben und behalten zu wollen, und dies nun auch noch computergestützt, lieber die Hände und die Sinne freizuhalten für das, was sich ereignet, und uns darin am eigenen Leben formen zu lassen? Wenn Sie die vielen Lebensläufe von Menschen anschauen, die Sie kennen oder die Bücher über ihr Leben geschrieben haben, werden Ihnen diese ausnahmslos zeigen, dass ihr Leben ganz anders verlaufen ist, als sie geplant hatten. Martin Luther King hätte nie gedacht, dass er einmal diese „I have a dream“-Rede halten würde. Albert Einstein hat als Teenager sicher nicht den Plan gehabt, einmal einer der berühmtesten Wissenschaftler der Welt zu werden. Alexander Fleming hat durch einen dummen „Zufall“ das Penicillin entdeckt.
Das Leben von niemandem läuft so, wie er/sie sich das vorgestellt hat. Es kommt immer anders, als man denkt. Und zwar meist ganz anders.
Und dann?
Wir müssen den Gedanken loslassen, dass wir erst glücklich sein können, wenn etwas Bestimmtes erreicht worden ist. Selbst wenn Sie „es“ erreichen, bleibt es vermutlich nicht lange so. Vergessen Sie die Vorstellung, wie alles zu sein hat. Das Leben fängt jeden Tag neu an. Und jeder von uns kann jeden Tag in ein neues und vermutlich anderes Leben auferstehen und neu beginnen.
Dafür braucht es eine Lebensart, die sich überraschen lässt. Es gibt Menschen, die gehen durch einen Wald, um Walderdbeeren zu suchen. Sie ärgern sich zu Tode, wenn sie keine finden. Und verpassen dabei die Blaubeeren und deren Köstlichkeit.
