Das Leben ist gut - Alex Capus - E-Book

Das Leben ist gut E-Book

Alex Capus

4,5

Beschreibung

Max ist seit fünfundzwanzig Jahren mit Tina verheiratet, sie ist die Liebe seines Lebens. Er betreibt eine kleine Bar, tagsüber bringt er das Altglas weg, repariert das Mobiliar – oder begibt sich auf die Suche nach einem ausgestopften Stierkopf, der unbedingt über dem Tresen hängen soll. Max liebt sein Leben, so wie es ist, seine Familie, seine Freunde. Das wird ihm einmal mehr bewusst, als Tina zum ersten Mal in ihrer gemeinsamen Ehe beruflich ohne ihn unterwegs ist. „Das Leben ist gut“ verteidigt mit scharfem und versöhnlichen Blick, das, was im Alltag schnell übersehen wird. Es ist ein Roman über das Menschsein – vor allem aber eine Hymne an die Liebe.

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Über das Buch

Abends steht Max hinter dem Tresen seiner Bar und hört sich die Geschichten der Gäste an. Tagsüber bringt er mit seinem Handkarren das Altglas weg, repariert das Mobiliar, begibt sich auf die Suche nach einem aus-gestopften Stierkopf – oder legt sich mit Immobilien-spekulanten an. In seinem neuen Roman stellt Alex Capus einen Erzähler in den Mittelpunkt, der mit sich selbst im Reinen ist, der mit scharfem und versöhnlichem Blick das verteidigt, was im Alltag und der Hektik schnell übersehen wird. Das Leben ist gut ist ein Roman über das Menschsein, gute Freundschaften und das Leben – vor allem aber eine Hymne auf die große Liebe.

Hanser E-Book

Alex Capus

DAS LEBEN IST GUT

Roman

Carl Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-25409-1

Alle Rechte vorbehalten

© Carl Hanser Verlag München 2016

Umschlag: Peter-Andreas Hassiepen, München © akg-images / Imagno

Satz: Satz für Satz, Wangen im Allgäu

Unser gesamtes lieferbares Programm und viele andere Informationen finden Sie unter www.hanser-literaturverlage.de.

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Datenkonvertierung E-Book: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ICH KANN SIE VERSTEHEN. Sie muss wieder mal weg aus diesem Kaff. Bei mir ist das anders. Ich könnte von hier weg, wenn ich wollte, aber ich muss nicht. Vielleicht werde ich es eines Tages wollen, dann werde ich es tun. Aber bis auf weiteres muss ich nicht. Ich bin hier aufgewachsen, kenne jeden im Städtchen und fühle mich in dessen engen Gassen wohl wie ein Eber im Schweinekoben. Sie hingegen lebt erst halb so lang hier. Als junges Mädchen ist sie der Liebe wegen im Ort hängengeblieben. Wegen mir. Deshalb kennt sie hier nicht wirklich jeden, sondern nur fast jeden. Und sie hat mit keinem im Sandkasten gespielt. Da kann man verstehen, dass sie wieder mal wegwill. Nach fünfundzwanzig Jahren.

In dieser Zeit hat es nur wenige Nächte gegeben, die wir nicht zusammen im selben Bett verbracht haben. Wir haben gemeinsam die Welt bereist, Bäume gepflanzt und drei Söhne gezeugt. Und nun, da die Bäume Früchte tragen und die Söhne halbwegs groß sind, will sie zu neuen Ufern aufbrechen, zumindest für eine Weile. Die Koffer sind gepackt. Morgen früh um sieben Uhr neunundzwanzig fährt ihr Zug.

»Es ist die Sorbonne, Max«, sagt sie. »Paris. Eine solche Chance kommt nicht wieder.«

»Ich verstehe«, sage ich.

Ich verstehe tatsächlich. Eine einjährige Gastprofessur für internationales Strafrecht mit Forschungsauftrag in der Lichterstadt, wie hätte sie die Einladung ausschlagen können. Ich freue mich für sie. Wirklich. Wahr ist aber auch, dass kein Mann auf Erden im tiefsten Grund seiner Seele wirklich verstehen kann, wieso die Frau nicht einfach zu Hause bleiben, zufrieden aufs eheliche Heim achtgeben und die gemeinsame Brut großziehen kann.

»Jemand wird für dich die Glühbirnen auswechseln müssen«, sage ich. »Wer soll das tun, wenn ich nicht da bin?«

»Ich werde im Hotel wohnen«, sagt sie.

»Auch in Hotels wechselt man Glühbirnen. Gerade in Hotels.«

»Es sind nur vier Tage die Woche. Donnerstagabend bis Montagmorgen bin ich zu Hause. Übrigens habe ich doch noch ein Zimmer bekommen im Hôtel du Nord. Du erinnerst dich?«

»Natürlich. Trotzdem bin ich in Sorge. Jemand wird für dich die Glühbirnen wechseln müssen.«

»Ich rufe dich an, wenn ich eine Glühbirne gewechselt haben will.«

»Gut.«

»Es sind ja nur drei Stunden mit der Bahn.«

»Drei Stunden können sehr lang sein.«

»Das halte ich aus. Ich möchte keinesfalls, dass jemand anders mir die Glühbirnen wechselt.«

»Was ist bei einem Notfall?«

»Notfalls nimmst du notfallmäßig die Bahn.«

»Und wenn kein Zug mehr fährt? Glühbirnen muss man immer nachts wechseln. Wenn’s dunkel ist. Am Tag merkt man gar nicht, dass eine gewechselt werden muss.«

»Bei mir darfst nur du die Glühbirnen wechseln«, sagt sie.

»Tagsüber denkt kein Mensch an Glühbirnen. Nur nachts. Wenn keine Züge mehr fahren.«

»Dann nimmst du eben den Frühzug. Und ich sitze solange im Dunkeln.«

»Da wird’s ganz schön dunkel werden.«

»Ich weiß«, sagt sie und schmiegt sich unter der Decke an mich. »Schwarze Nacht wär’s in meinem Leben ohne dich.«

»Siehst du.«

»Und kalt.«

»Ich weiß«, sage ich.

»Wirst du immer da sein, um mir die Glühbirnen zu wechseln?«

»Hoffentlich nicht.«

»Nein?«

»Nur solange ich lebe.«

AM NÄCHSTEN MORGEN zwitschern in der Birke vor meinem Haus die Meisen, hinter der Dampfwolke des Atomkraftwerks geht die Sonne auf. Ein schöner und heißer Tag kündigt sich an. Die Frau ist schon weg. Sie hat mich vor dem Haus umarmt und auf den Hals geküsst, dann ist sie um die Straßenecke verschwunden mit wehendem Haar und freudig wackelndem Hintern.

Ich trinke meinen Frühstückskaffee auf der Terrasse und lese Zeitung. Inzwischen sind auch meine drei Söhne aufgestanden. Es gibt Gepolter im Obergeschoss, dann rauschen Wasserleitungen und ziehen Düfte von Duschgels, Deodorants und Rasierwassern durchs Haus. Ich werde sie wieder mal daran erinnern müssen, dass billige Rasierwasser immer schlecht sind und gute immer teuer.

Als Erster taucht der Erstgeborene auf der Terrasse auf. Er fragt: »Ist Mama schon weg?«

Dann kommt der Jüngste. Er schaut sich suchend um. »Wo ist Mama?«

Und zuletzt der Mittlere: »Ist Mama noch da?«

Jetzt sitzen sie frisch geduscht hinter ihren Cornflakes und fingern an ihren Handys. Vertraut und doch scheu sitzen wir beieinander, meine Söhne und ich. Sohnesscheu und vatersscheu. Gleich werden auch sie aus dem Haus gehen. Bald werden sie »Tschüss, Papa, danke schön« sagen und für immer aus dem Haus gehen. Aber heute gehen sie nur für ein paar Stunden fort. Heute Abend werden sie alle wieder zu Hause sein.

Ich begleite noch immer jeden einzeln zur Tür, wenn er morgens mit seiner Schultasche aus dem Haus geht. Vielleicht sollte ich damit aufhören. Beim Jüngsten, der erst dreizehn ist, darf ich das wohl noch eine Weile tun. Wenn ich hinter meiner Zeitung nicht bemerke, dass er zum Aufbruch bereit ist, sucht er meinen Blick und sagt »Okay, ich gehe dann mal«. Dann stehe ich auf und gehe mit ihm hinaus. Draußen im Vorgarten bittet er mich um Geld fürs Mittagessen. Ich gebe ihm welches. Dann schaut er mich seelenvoll an mit seinen bernsteinfarbenen Augen und sagt: »Ach, Papa, warum nur haben wir keinen Hund?«

Jetzt ist das Haus leer. Als ob nichts geschehen wäre – es ist ja auch nichts geschehen –, spüle ich das Frühstücksgeschirr, steige aufs Rad und fahre durch den morgendlichen Stoßverkehr in die Sevilla Bar. Meine Arbeitswoche beginnt damit, dass ich das Altglas vom Wochenende zur Sammelstelle bringe. Dann kontrolliere ich den Warenbestand im Getränkelager, rufe die Brauerei und den Weinhändler an und gebe meine Bestellungen durch. Ich fülle die Kühlschubladen am Tresen auf, bezahle Rechnungen und laufe zur Post, um Kleingeld für die Kasse zu besorgen. Nachmittags befasse ich mich mit Wartungsarbeiten. Ich flicke einen aus dem Leim gegangenen Stuhl oder befestige eine neue Wandhalterung für die Billardqueues. Ich male auf der Damentoilette die Decke zartrosa an, weil die Damen sich das so gewünscht haben. Oder ich fahre zum Flohmarkt, weil ich ein Sofa für die Zeitschriftenecke brauche. Um siebzehn Uhr schiebe ich dann das Rollgitter hoch, nehme hinter dem Tresen Aufstellung und bediene die Gäste bis zur Polizeistunde um halb eins. Heute wird es ein ruhiger Sommerabend werden. Viele Stammgäste sind in den Ferien, und meine Barkeeper sind alle weggefahren. Diese Woche bin ich allein zuständig. Zum Glück ist die Putzequipe noch da, die jeden Morgen zwischen fünf und halb sieben das ganze Haus saubermacht.

Frühmorgens ist es angenehm kühl und still in der Bar. Ich liebe den Augenblick, in dem ich den Schlüssel drehe, die Tür aufstoße und dieser freundliche, vertraute Ort sich mir öffnet, der in der Nacht ein paar Stunden ruhen konnte. Das Eichenparkett glänzt im Dämmerlicht und duftet nach Wachs. Der Billardtisch schaut mich erwartungsvoll an, der blankpolierte Tresen lächelt. In der Ecke rumpelt die Eismaschine, die Kaffeemaschine schläft noch, im Keller brummen die Kühlaggregate. Die Toiletten sind gereinigt, die Seifenspender und Handtuchhalter aufgefüllt, überall duftet es nach Putzmitteln.

Ich hole die Kisten mit den leeren Schnaps- und Weinflaschen aus dem Keller und stelle sie auf meinen Handkarren. Die Flaschen stoßen aneinander und klingeln wie die Glocken einer Ziegenherde, als ich den Karren über den Bordstein hinunter auf die Unterführungsstraße stoße.

Ich muss schauen, dass ich rasch auf die andere Straßenseite komme. Dicht an dicht fahren Lastwagen unter den Gleisen des Hauptbahnhofs hindurch stadtauswärts, dem Autobahnkreuz entgegen. Sie haben Kennzeichen aus Polen, Litauen, Portugal, Großbritannien. Sie fahren nicht schnell, aber sie sind schwer und haben lange Bremswege.

Als ich den Karren auf der anderen Seite über den Bordstein hieve, klingeln die Flaschen erneut.

Ich gehe vorbei an einem Bauzaun, hinter dem drei Bagger ein Kaufhaus aus den sechziger Jahren abreißen. Die Schaufenster sind mit vergilbten Plakaten überklebt, die Mauern mit ungelenken Graffiti bedeckt. Das Kaufhaus musste zu Beginn der achtziger Jahre zusperren, als nebenan ein neues Einkaufszentrum mit integriertem Parkhaus entstand. Es war die Zeit des Nato-Doppelbeschlusses, als man in Europa jederzeit damit rechnen musste, dass einem eine russische oder amerikanische Atombombe aufs Autodach fiel; niemand wollte mehr unter freiem Himmel parken, alle suchten die Sicherheit von Tiefgaragen unter meterdickem Stahlbeton. Das alte Kaufhaus aus den sechziger Jahren aber hatte nicht nur kein Parkhaus, sondern überhaupt keine Parkplätze. Niemand ging da mehr hin.

Im Bauzaun sind Gucklöcher, durch die man das paläontologisch anmutende Ballett der Bagger beobachten kann. Davor stehen alte Männer. Manche pfeifen durch die Zähne, dass es klingt wie Mäusefiepen. Alte Schlagermelodien. »Ein Bett im Kornfeld«. »Stairway to heaven«. »Azzurro«. Sie pfeifen, um die Stille nicht hören zu müssen, die sich in ihrem karg gewordenen Leben breitgemacht hat. Andere rauchen Zigaretten. Altertümliche Marken. Brunette. Arlette. Stella. Boston. Parisienne Carré. Aus ihren Rocktaschen lugen altertümliche Herrenmagazine. Praline. Schlüsselloch. Sexy. Manche führen kleine Hunde mit sich. Zuweilen hat einer ein Enkelkind dabei, das hebt er dann hoch zum Guckloch.

An einem freien Guckloch bleibe ich stehen, schiebe meinen Handkarren gegen den Zaun und gucke ebenfalls. Die linke Seite des alten Kaufhauses ist noch nahezu unversehrt, ein roter Bagger streckt sein stählernes Gebiss in die Höhe und knabbert an Regenrinnen, Armierungseisen und erblindeten Leuchtreklamen. In der Mitte hämmert ein blauer Bagger mit einem baumstammdicken Meißel armierten Beton mürbe. Auf der rechten Seite ist schon das ganze Mauerwerk abgetragen, ein gelber Schaufelbagger schiebt im Untergrund weißen Rundkies zusammen. Ich frage mich, ob das noch die Kofferung des Kellergeschosses ist oder schon das alte Kiesbett des Flusses, der hier vor hundert, tausend und hunderttausend Jahren durchs Tal mäandrierte.

Die alten Männer vermeiden sorgfältig jeden Blickkontakt. Ich auch. Wir schauen den einstürzenden Fußböden und den einsinkenden Mauern hinterher, und jeder hängt seinen Erinnerungen an das alte Kaufhaus nach. Der eine denkt vielleicht daran, wie er hier 1967 ein Paar Tennisschuhe kaufte, der andere erinnert sich, dass er in der Schallplattenabteilung 1971 seine erste Jimi-Hendrix-LP erstand. Ich erinnere mich, dass dort, wo jetzt der blaue Bagger hämmert, Mitte der siebziger Jahre eine hinreißende Fleischverkäuferin mit rotem Haar und grünen Augen arbeitete. Sie hatte Sommersprossen im Dekolleté. Unterdessen ist sie wohl in Rente. Falls sie noch lebt.

Und wenn wir uns sattgesehen haben, geht jeder seines Wegs.

Aber auch das atombombensichere Einkaufszentrum aus den Achtzigern musste nach wenigen Jahren zusperren, weil Michail Gorbatschow an die Macht kam und den Menschen die Angst vor Atombomben nahm. Fortan gingen die Leute wieder ins Freie, zaghaft erst nur, dann immer ausgiebiger und lustvoller. In den Innenstädten entstanden Fußgängerzonen und Straßencafés, Robinsonspielplätze und Gartenschachanlagen; niemandem stand mehr der Sinn nach schummrigen Parkhäusern unter meterdickem Stahlbeton, in denen jederzeit Vergewaltiger, Kindsentführer oder Bombenleger lauern konnten.

So war es nur eine Frage der Zeit, bis gleich hinter dem Einkaufszentrum aus den Achtzigern eine neue Shopping-Mall mit großzügigem Open-Air-Parkplatz entstand. Sie befindet sich in den Hallen einer ehemaligen Gießerei, die ihre Produktion nach Polen verlagert hat. Ob die Produktion in Polen geblieben ist, weiß ich nicht. Vielleicht wurde sie inzwischen weiter nach Osten verlagert, nach Kirgisien oder so. Und von dort noch mal weiter. Dann müsste man nur warten, bis die Produktion die Erde umrundet hätte und wieder hier ansässig sein würde.

Die einst rußgeschwärzten Hallen der Gießerei sind jetzt knallbunt angemalt. Die Schlote wurden weggesprengt. Auf den alten Shed-Dächern leuchten die Schriftzüge von Douglas, Tally Weijl und McDonald’s.

Der Vorplatz der Gießerei, der jetzt ein Open-Air-Parkplatz ist, war in meiner Kindheit ein Labyrinth aus Türmen fabrikneuer Schachtdeckel und Pyramiden aufeinandergestapelter Gussrohre. Das Areal war nicht umzäunt, die Produkte der Gießerei wogen derart schwer, dass man sie nicht gegen Diebstahl sichern musste. In der Ecke neben dem Portierhäuschen, wo sich heute die Altglassammelstelle befindet, stand ein herrenloser alter Kirschbaum, den man plündern durfte.

Die Sammelstelle besteht aus vier Einwurfschächten aus Chromstahl, durch welche die Flaschen geräuscharm in unterirdische Container fallen. Zwei Schächte sind für die grünen Flaschen bestimmt, je einer für die braunen und die weißen Flaschen.

Ich gebe mein Bestes, die Flaschen in die richtigen Schächte zu werfen. Bei manchen bin ich unsicher, wo sie hingehören, bei den braungrünen Rioja-Flaschen zum Beispiel oder bei den hellblauen Ginflaschen.

Mein Freund und Stammgast Vincenzo sagt, ich solle mir über die Farben der Flaschen nicht den Kopf zerbrechen, weil alle Schächte unterirdisch in denselben großen Container münden; das Sortieren sei nur eine Schikane des Staates zu dem einzigen Zweck, das Fußvolk zu blindem Wohlverhalten zu konditionieren. Wenn ich Vincenzo dann zu bedenken gebe, dass erstens nach meinem Wissensstand das Glas-Recycling nicht staatlich, sondern privatwirtschaftlich organisiert ist, und dass zweitens jedermann jeden Donnerstag beobachten kann, wie ein Kranlastwagen vier kleine Container aus dem Boden hebt – jawohl, vier kleine und nicht einen großen –, so winkt er ab und nennt mich ein Schaf. Eine leichtgläubige Sklavennatur. Einen obrigkeitshörigen Untertan. Ein gut dressiertes Zirkusvieh.

Was Vincenzo weiß, das weiß er. Er lässt sich nicht für blöd verkaufen. Vor allem vom Staat nicht. Der Staat will uns bei jeder Gelegenheit für blöd verkaufen, in allen Bereichen des Lebens. Diese Druckknöpfe bei Fußgängerübergängen zum Beispiel: Auf die fällt Vincenzo längst nicht mehr herein. Die sind reines Placebo und haben gar keinen Einfluss auf die Ampeln. Wenn’s anders wäre, könnte jedes Kind per Knopfdruck den motorisierten Privatverkehr eines ganzen Stadtteils lahmlegen. Kilometerlange Staus wären die Folge, die volkswirtschaftlichen Schäden enorm. Daran kann dem Staat nicht gelegen sein, und deswegen liegt auf der Hand, dass die Druckknöpfe reine Attrappe sind. Die meisten sind gar nicht verkabelt. Vincenzo weiß das, auf solche Tricks fällt er nicht herein. Er ist doch nicht blöd. Er beachtet die Knöpfe gar nicht, die Ampeln übrigens auch nicht. Wenn sich eine Lücke im Verkehrsfluss auftut, läuft er. Wenn sich keine auftut, läuft er auch. Dann müssen die Autos eben bremsen.

Ich hingegen neige zur Annahme, dass die Druckknöpfe durchaus verkabelt sind. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass der Staat einen derart großen Aufwand betreibt zu dem einzigen Zweck, uns für blöd zu verkaufen. Eines Tages haben Vincenzo und ich uns derart darüber gestritten, dass ich einen Schraubenzieher holte und am nächsten Fußgängerübergang unter Vincenzos mitleidigen Blicken das Blechgehäuse des Ampelknopfs entfernte. Wie sich herausstellte, war der Knopf fest verdrahtet mit einem roten, einem gelben und einem schwarzen Kabel. Aber für Vincenzo bewies das gar nichts. Konnte ich denn mit Bestimmtheit sagen, dass die Kabel irgendwohin führten? Konnte ich glaubwürdig darlegen, dass sie an ihren entgegengesetzten Enden mit dem Steuerungssystem der Ampelanlage verbunden waren?

Nein, das konnte ich nicht. Die Kabel verschwanden in der Tiefe des feuerverzinkten Ampelmasts. Das war alles, was ich mit Sicherheit wusste.

Aha, sagte Vincenzo. Woher nahm ich dann meine Gewissheit, dass die Knöpfe zu etwas nütze sind? Hatte ich vielleicht mit einer Stoppuhr die Dauer der Rot- und Grünphasen gemessen? Mit und ohne Knopfdrücken? Und die Resultate verglichen? Na, hatte ich?

Nein, hatte ich nicht.

Wieso nicht?

Weil mir das zu blöd gewesen wäre.

So so. Ich hatte also keine empirischen Daten zur Hand. Worauf stützte ich dann meine Behauptung? Auf eine vage Vermutung? Auf die blauäugige Hoffnung, dass die Welt nicht ganz so verschissen sei, wie sie leider ist? Vincenzo schnaubte. Er wusste Bescheid. Die Kabel führten ins Leere, wenn er es mir doch sagte. Einziger Daseinszweck der Druckknöpfe war es, leichtgläubigen Herdenwesen wie mir die Illusion zu vermitteln, sie seien Herren über ihr eigenes Schicksal, damit sie brav am Straßenrand stehen bleiben, bis der Große Bruder den kleinen Ampelmann auf Grün schaltet. Vincenzo klopfte mir gönnerhaft auf die Schulter. Der Große Bruder hatte mich ganz schön am Wickel. Fußgängerampeln waren noch das Geringste, Vincenzo könnte mir da Sachen erzählen … Dann gab er mir den väterlichen Rat, besser rasch das Gehäuse wieder über dem Druckknopf festzuschrauben, bevor die Polizei käme. Ich Schaf.

Eigentlich bin ich ja Schriftsteller von Beruf und sollte nicht Altglas entsorgen, sondern Bücher schreiben. Aber erstens entsorge ich gern Altglas, und zweitens schreibe ich nicht immer gern Bücher. Das Altglasentsorgen ist ohne Zweifel eine sinnvolle Tätigkeit. Wenn ich es unterließe, würde sich die Bar rasch mit leeren Flaschen füllen. Was hingegen das Bücherschreiben betrifft, hege ich manchmal Zweifel. Muss das wirklich sein? Noch mal und noch mal? Es gibt doch schon so viele Bücher, auch sehr viele sehr gute; viel mehr jedenfalls, als ein Mensch in seiner Lebenszeit lesen kann. Zudem scheint mir an manchen Tagen, dass das Leben schon genug sei – dass es das Leben selbst sei, dem man Schönheit einhauchen müsse, statt es mit Kunst aufzuhübschen wie einen Weihnachtsbaum.

Meinen Handkarren habe ich eigens fürs Altglasentsorgen auf dem Flohmarkt gekauft. Als Fahrradanhänger taugt er nicht, dafür ist er zu groß und zu schwer. Für einen Autoanhänger hingegen ist er zu klein. Der Trödler konnte mir nicht sagen, welchem Zugfahrzeug er ursprünglich zugedacht war. Er hat altertümliche Gussräder mit Vollgummireifen und eine hölzerne Ladefläche zwischen dicken, vielfach schwarz übermalten Stahlrohren, die in einer kugelförmigen Anhängerkupplung enden.

Ich liebe meinen Karren. Er hat für mich die richtige Größe, vier große Kisten Altglas passen drauf. Die Kugelkupplung liegt mir angenehm in der Hand, sein Gewicht gibt mir ein wohliges Gefühl von Bodenhaftung. Man braucht als Mensch doch eine gewisse Masse, ein gewisses Maß an Bürde, um in Schwung zu kommen. Ob mein Karren das geeignete Vehikel ist, meinem Leben Schönheit einzuhauchen, weiß ich nicht. Auch habe ich meine Zweifel, ob ich bis ans Ende meiner Tage mit Vergnügen Altglas entsorgen werde. Aber immerhin bin ich in den drei Jahren, die ich das nun mache, auf meinem Weg zur Sammelstelle immer zufrieden und mit mir im Reinen gewesen.

Heute Morgen jedoch beschleichen mich Zweifel. Heute frage ich mich, wie ich eigentlich dazu komme, diesen Karren durch die Gegend zu schieben. Heute säße ich, wenn ich es mir aussuchen könnte, lieber mit Tina bei Kaffee und Croissants im TGV, in einem Waggon erster Klasse bitte, während vor den Fenstern das Burgund mit seinen Weiden und Rindern vorüberzöge. Vor ein paar Tagen hätte ich es mir noch aussuchen können. Vermutlich hätte Tina sich gefreut, wenn ich sie begleitet hätte. Andererseits war es wohl doch klug, die Frau jetzt mal alleine gehen zu lassen.

Beim Shopping-Parkplatz angekommen, gehe ich in die Ecke, in der früher der Kirschbaum stand. Meinen Karren stelle ich so zwischen die Einwurfschächte, dass ich im Stehen alle drei Farben bedienen kann. Mit einer Rumpfbeuge nach rechts erreiche ich den Einwurf für die grünen Flaschen, mit einer Rumpfbeuge nach links jenen für die braunen Flaschen, mit einer Verbeugung nach vorn den Einwurf für die weißen Flaschen. Bei einem Bestand von hundertzwanzig Flaschen ergibt das eine ganz ordentliche Morgengymnastik. Vincenzo würde sich diese Mühe wie gesagt nicht machen, er würde alles in einen Schacht kippen. Gewöhnlich schläft er um diese Tageszeit noch. Die Gefahr, dass er mich bei meiner Untertanengymnastik beobachtet, ist gering.

Auf dem Rückweg zur Sevilla Bar ist meine Stimmung meist etwas gedämpfter als beim Hinweg. Der Karren ist jetzt leer und klingelt nicht mehr, die Arbeit ist erledigt. Der Rückweg ist einfach nur der Rückweg, über ihn gibt es nichts zu sagen. Er ist genauso notwendig wie der Hinweg, keine Frage, aber er hat nun mal kein anderes Ziel und keinen anderen Zweck als die Rückkehr. Das macht ihn ein wenig fad.

Beidseits der Straße stehen neue Häuserkuben aus Beton, Stahl und Glas. Von Jahr zu Jahr höher und dichter schießen die Türme aus dem Boden, das Bahnhofsviertel gilt als Wachstumszone im Städtchen. Die neue Fachhochschule für Betriebswirtschaft steht hier, daneben eine Zweigstelle des Bundesamts für Statistik und die Ortsfiliale der UBS, etwas weiter vorn das Logistikzentrum der Schweizerischen Bundesbahnen sowie das Personalhaus des Roten Kreuzes und ein ökumenisches Wohnheim für Demenzpatienten. Wie vom Himmel gefallene Legosteine stehen diese Glasburgen im Asphalt; wären da nicht die Aufschriften an den gläsernen Schiebetüren, man wüsste sie kaum voneinander zu unterscheiden.

Um diese Uhrzeit bin ich ziemlich allein auf dem Gehsteig. Die Büroleute sind in ihren Büros, die Kinder in der Schule und die Arbeitslosen noch zu Hause beim Frühstück. Hoch über der Häuserschlucht spannt sich ein schmaler Streifen Himmel. Ein großer, dunkler Vogel fliegt vorbei. Hallo, Vogel, was bist du denn für einer? Ein Prachtkerl bist du mit deinem gegabelten Schwanz, ein Rotmilan vielleicht? Dreh dich bitte ein wenig zur Seite, damit ich die Farbe deiner Schwanzfedern sehen kann – jawohl, ein Rotmilan. Was guckst du zu mir herunter, Rotmilan? Hier unten ist nichts als Asphalt und Blech; nichts, was dich interessieren könnte, kein Lebewesen weit und breit mit Ausnahme von mir. Schaust du etwa mich an? Mach jetzt bitte keinen Fehler. Kein unbedachter Sturzflug jetzt, ich passe nicht in dein Beuteschema; du übrigens auch nicht in meines. Lass mich in Frieden, dann lasse ich dich auch in Frieden. Wenn ich du wäre, würde ich sowieso nicht hier meine Kreise ziehen. Ich würde eine Weile geradeaus fliegen, und zwar westwärts, dem Sonnenuntergang entgegen. Im Westen findest du weite Wiesen und Wälder bis zum Ozean, dort kannst du dir etwas Hübsches jagen. Das ist hier doch nichts für dich, all der Asphalt, die Lastwagen, die Eisenbahn und die Legosteine. Wenn ich so ein eleganter Segler wäre wie du, würde ich mich ganz bestimmt nicht für einen schwerknochigen Säuger wie mich interessieren, der hier seinen nach schalem Bier und sauren Rotweinresten riechenden Karren über toten Asphalt stößt.

Ich rede gern zu Tieren. In der Stadt rede ich zu Hunden und Vögeln, auf dem Land zu Pferden und Kühen. Tina ist es immer ein wenig peinlich, wenn ich zu Tieren spreche; fehlt nur noch, dass ich Bäume umarme und Blumen streichle. Aber immerhin rede ich nicht zu Autos, wie andere Männer das machen. Dafür liebt mich Tina, das weiß ich. Manchmal ist mir, als würde ich nur zu Tieren reden, um ihr zu gefallen.

Wo mag der TGV jetzt sein? Ich empfinde ein süßes Sehnen in der Brust und freue mich darüber. Fast tut es mir leid, dass Tina mir manchmal so auf die Nerven geht. Ganz furchtbar kann sie mir auf die Nerven gehen, besonders während jener paar Tage im Monat, in denen sie diese schrecklichen weiten Hosen anziehen muss und ihr das Haar radial vom Kopf absteht, als stände sie unter Strom. An jenen Tagen knallen an ihrem Kleiderschrank die Schubladen und zischt am Waschbecken scharf der Wasserstrahl, und ihre Fersen hämmern übers Parkett, dass es durchs ganze Haus dröhnt; wenn sie Zeitung liest, klingt das Umblättern wie Peitschenknallen, und wenn sie eine Mahlzeit zubereitet, verdirbt sie diese unausweichlich mit großen Mengen Ingwer, Zitronengras und Koriander, manchmal auch mit Muskatnuss.

Das sind die Tage ihrer Unzurechnungsfähigkeit, an denen ihr Gang nicht zu meinem passen will, zu ihrem aber auch nicht. Unsere Söhne ducken sich dann höflich weg und übernachten, wenn möglich, bei Freunden. Mir aber fällt in dieser Zeit die Aufgabe zu, Tina Gesellschaft zu leisten und ihre Unausstehlichkeit, unter der sie selbst am meisten leidet, mit Nachsicht zu vergelten. Ein paar Tage lang kann ich das recht gut. Aber wenn es eine Woche oder länger dauert, wird’s hart. Manchmal geht sie mir so sehr auf die Nerven, dass ich vergesse, wie schön die guten Zeiten sind. Dann möchte ich das Ehebett in Brand stecken oder mit dem Vorschlaghammer die Küche zertrümmern.

Um das nicht zu machen, nehme ich mein Rennrad aus dem Schuppen und fahre ein paar Stunden übers Land. Während der ersten Kilometer zische ich krude Flüche und Schimpfwörter in den Fahrtwind. Dann gehe ich dazu über, klinische Bezeichnungen für verhaltensgestörte weibliche Paarhufer zu erfinden, sage sie halblaut vor mich hin und ergötze mich an ihrem Wohlklang. Anorektische Kleekuh mit posttraumatischer Belastungsstörung. Narzisstisch gekränktes Milchkalb mit Aufmerksamkeitsdefizit und evangelisch verkorkster Libido. Autoerotische Bergziege mit analfixierten Allmachtsphantasien. Paranoides Wollschaf mit dissozialer Persönlichkeitsstörung.

Höhnisch grinse ich in die Welt hinaus. Mein Rad fliegt, die Landschaft ist mir untertan.

Wieder und wieder sage ich die Namen auf, die schönsten in vielfacher Wiederholung. Ich strample im größten Gang und fliege mit fünfundzwanzig, achtundzwanzig, vierunddreißig Stundenkilometern gen Westen, dem Ozean entgegen. Nach einer Stunde oder zweien werde ich müde, schalte ein paar Gänge zurück und atme durch. Dann ist es Zeit, den rhetorischen Zweihänder beiseitezulegen und das Stilett hervorzuholen, das feinere, aber umso tiefere, schmerzhaftere und schlechter heilende Wunden schlägt. Ich stelle mir vor, wie ich Tina zur Rede stellen und ihr in einem fein ziselierten Fachreferat ihr Fehlverhalten vor Augen führen werde.

Zur Einleitung zitiere ich einige unbestreitbare Fallbeispiele ihrer Missetaten. Dann analysiere ich deren Ursachen und Wirkungen in Bezug auf mich, unsere Ehe und unsere Söhne sowie auf unser Umfeld und die ganze Welt. Zum Schluss lege ich ihr in einer flammenden Conclusio die kurz-, mittel- und langfristigen Konsequenzen dar, die unausweichlich eintreten müssen, falls sie nicht unverzüglich Besserung gelobt und sich ernstlich um selbige bemüht. Lustvoll schmiede ich an meiner Argumentationskette, die möglichst dicht und lückenlos sein soll, und wenn ich sie beisammenhabe, redigiere und streiche und kürze ich, bis mir ein rhetorisches Feuerwerk von derartiger Wahrhaftigkeit, Eleganz und logischer Stringenz auf den Lippen brennt, dass ich sofort bremsen, mein Rad wenden und nach Hause fahren muss.

Auf dem Rückweg stimmt mich dann jeweils schon die Vorstellung milder, dass Tina – falls noch ein Rest Wahrheitsliebe in ihrer Seele glimmt – nicht anders können wird, als mir in sämtlichen Punkten bedingungslos zuzustimmen und mich wenn nicht gar um Verzeihung, so doch mindestens um Milde zu bitten. Die verbleibende Zeit der Heimfahrt verwende ich darauf, die Kraft meines Vortrags noch zu erhöhen, indem ich ihn weiter straffe, bis nur noch ein hochverdichtetes Konzentrat, die eigentliche Essenz meiner Tirade, übrig bleibt. Diese besteht meist aus der Umschreibung eines verhaltensgestörten weiblichen Paarhufers, wobei ich das Medizinerlatein nach Möglichkeit durch allgemeinverständliche Wörter ersetze, bis nur noch eine klassische Beschimpfung von allergrößter Verständlichkeit und Ausdruckskraft übrig bleibt.

»Du dumme Kuh!«, zum Beispiel.

Eigentlich ist es immer das. Das rufe ich, wenn ich zu Hause eintreffe, lauthals durchs Treppenhaus.

»Was?«, ruft Tina von irgendwoher zurück.

»Du dumme Kuh!«, brülle ich.

»Was?«, ruft sie noch mal. Dabei hat sie mich schon beim ersten Mal bestens verstanden.

»DU DUMME KUH!«

Und weil das dermaßen jenseits aller Konventionen bürgerlichen Konfliktmanagements ist, bekomme ich dann immer ihr Lachen zu hören, das mir so gefällt. Dann bin ich froh, ihr die ausführliche Fassung meiner Tirade, die sie ja längst auswendig kennt, erspart zu haben.

Hoffentlich hat sie einen Fensterplatz. Wenn sie es sich aussuchen kann, nimmt sie immer einen Fensterplatz. Tina will eine Kuschelecke, freien Zutritt zum Mittelgang braucht sie nicht. Drei Stunden Fahrt bringt sie locker hinter sich, ohne zur Toilette zu gehen. Auf unseren gemeinsamen Reisen haben wir uns oft darüber gewundert, wie frei und unbeschwert die prüdesten Menschen sich in öffentlichen Verkehrsmitteln unter aller Augen zur Unterleibsentleerung begeben.

Wenn Tina einen Fensterplatz hat, polstert sie ihre Ecke mit Mantel, Foulard und Pullover aus. Besondere Sorgfalt verwendet sie darauf, die Lüftungsschlitze zu verschließen. Tina mag es nicht, wenn es zieht. Wahrscheinlich hat sie in diesem Augenblick ihren Laptop auf dem Schoß. Sie geht ihre erste Vorlesung durch oder arbeitet Korrespondenz ab. Auf dem Tischchen unter dem Fenster hat sie einen Bücherstapel abgelegt, obendrauf eine halbleere Tasse Milchkaffee und ein angebissenes Croissant. Sie arbeitet konzentriert, die Landschaft vor dem Fenster interessiert sie selten. Auch hat sie kaum einen Blick für Mitreisende. Zumindest nicht, wenn ich dabei bin. Vielleicht ist das diesmal ein bisschen anders. Schon möglich. Würde mich nicht wundern. Na gut. Neugier ist menschlich. Und ihre Mitreisenden werden auch schon bemerkt haben, dass sie hübsche Beine und schöne Augen hat.

Ich würde wetten, dass ihre Brieftasche griffbereit neben der Kaffeetasse liegt. Das macht sie immer so. Tina ist ein aufmerksamer und gewissenhafter Mensch. Wenn der Schaffner kommt, will sie ihn nicht unnötig warten lassen, sondern ihre Fahrscheine und Ausweise zur Hand haben, und im Zweifelsfall wird sie eher einen Ausweis zu viel vorweisen als einen zu wenig. Ich habe schon erlebt, dass sie dem Schaffner ihren Führerschein zeigte, einmal auch den Blutgruppenausweis. Mich wundert allein schon, dass jemand seinen Blutgruppenausweis bei sich haben kann; ich besitze nicht mal einen und kenne auch meine Blutgruppe nicht.

Als wir noch jung waren, informierte Tina das Bahnpersonal zudem gern ungefragt über die Tatsache, dass sie noch keine sechsundzwanzig sei; auch in Berg- und Seilbahnen, die gar keinen Jugendrabatt kannten. Als diese Peinlichkeit mit ihrem sechsundzwanzigsten Geburtstag ein Ende hatte, war ich froh. Heute bedaure ich, dass es mir peinlich war.

WO DIE GLÄSERNE HÄUSERSCHLUCHT in die Unterführungsstraße mündet, habe ich wieder freie Sicht auf die Sevilla Bar, die mit ihrem moosbewachsenen Ziegeldach und ihren Efeuranken klein, schmal und kaum zwei Stockwerke hoch in der ansonsten lückenlosen Reihe gläserner Hochhäuser steht. Sie ist eines der ältesten Bauwerke im Bahnhofsviertel, ein Zeugnis längst vergangener Zeiten, da die Menschen ihre Plattenspieler noch von Hand aufzogen und jung an Blinddarm starben. Trotzig steht das Häuschen an seinem Platz seit bald hundert Jahren, während ringsum die Bürotürme alle paar Jahrzehnte niedergerissen und wieder hochgezogen, niedergerissen und hochgezogen werden. Es ist, als ob das ganze Bahnhofsviertel nur darauf warte, dass auch die Sevilla Bar endlich Platz macht.

Aber sie macht nicht Platz.

Das gefällt mir. Ich liebe Dinge, die bleiben.

In seiner äußeren Erscheinung ist das Häuschen ein architektonischer Witz mit seinen absonderlichen Proportionen. Während es im Erdgeschoss ein recht imposantes Bauwerk ist mit vier Meter hohen Räumen und altem Eichenparkett, zwei großzügigen Schaufenstern und einer hübschen Kunststeinfassade mit einem Hauch von Art déco, folgt über dem vornehmen Parterre nicht der zu erwartende kleine Wolkenkratzer, sondern nur eine Art hölzerner Dachboden und ein ziegelgedecktes Satteldach.

Die Bescheidenheit des Oberbaus steht in keinem Verhältnis zu den massiven Fundamenten; das Haus ist das Gegenteil eines Sitzriesen, sozusagen ein Stehzwerg. Diese Charakteristik verdankt es seinem Erbauer, dem Malermeister Jules Weber, der am 3. März 1925 im Stadthaus ein Baugesuch für einen hübschen kleinen Wolkenkratzer einreichte.

Jules Weber war ein junger Mann von Mitte zwanzig, der alles, was er hatte und war, von seinen Eltern geerbt hatte; die kleine Statur und den kleinbürgerlichen Familiennamen, der in den Annalen des Städtchens seit dem 14. Jahrhundert verzeichnet ist, ebenso sein kleines Wohnhaus an der Rosengasse und das kleine Malergeschäft mit kleinem Kundenstamm. Er war ein zuverlässiger Handwerker und ein fröhlicher Karnevalsbruder, aber er hatte keinen wirklichen Freund und war noch nie in Gesellschaft einer Frau gesehen worden.

Jules Webers Welt war klein. Alles an ihm war klein, aber seine Träume waren groß. Er träumte von skandinavischen Frauen und Transatlantikdampfern, den Wolkenkratzern New Yorks und den Weiten Oklahomas. Und weil dies in seinen Träumen alles miteinander zusammenhing und das eine ohne das andere nicht zu haben war, beschloss er, für den Anfang im Gemüsegarten seines Elternhauses, der am südlichen Ende an die neu gebaute Unterführungsstraße stieß, einen kleinen Wolkenkratzer zu bauen. Alles andere – die Ozeandampfer, Oklahoma und die skandinavischen Frauen – würde dann schon folgen.

Seine Pläne umfassten ein edles Ladengeschäft im Erdgeschoss und gediegene Wohnungen mit Stuckatur an den Decken und Schiebetüren aus geschliffenem Kristallglas auf sieben Etagen sowie Dachkammern für die Dienstmädchen. Es sollte einer der repräsentativsten Bauten im Städtchen werden, die Baudirektion bewilligte das Vorhaben umgehend. Wenige Tage später fuhren die Baumaschinen einer angesehenen einheimischen Baufirma auf. Ende März war der Aushub beendet, Mitte April das Kellergeschoss betoniert; die Arbeiten schritten flott voran. Als aber im Mai das Erdgeschoss fertiggestellt war und im ersten Obergeschoss die Stützpfeiler für die zweite Etage in die Höhe ragten, fiel dem Buchhalter der angesehenen einheimischen Baufirma auf, dass der junge Jules Weber die vertraglich vereinbarte Akontozahlung von fünfzigtausend Franken noch nicht geleistet hatte. Die Zahlungsaufforderung kam per Einschreiben, war in unangenehm trockenem Ton gehalten und gab Jules Weber eine Frist von drei Tagen.