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Der sensationelle Grabfund von Mawangdui, einer kleinen Stadt im Süden Chinas, hat eine Version des Yijing – des Buches der Wandlungen – ans Licht gebracht, die in das Jahr 168 v.Chr. datiert werden kann und somit um rund 1000 Jahre älter ist als die bisher bekannte früheste Ausgabe. In dem Band "Das alte und das neue Yijing " hat Dominique Hertzer bereits die neu gefundene mit der bislang bekannten Yijing-Fassung verglichen, mit dem Ziel, einen neuen Weg zum Verständnis des Yijing - im Sinne eines Werkes zur Bestimmung der Zukunft aus Vergangenheit und Gegenwart - aufzuzeigen. Mit dem vorliegenden Band "Das Mawangdui Yijing. Text und Deutung" liegt die erste deutsche Übersetzung des Textes vor. Das vorliegende Buch enthält den kompletten Text – auf Deutsch und auf Chinesisch – in direkter Gegenüberstellung zur Übersetzung Richard Wilhelms sowie eine detaillierte Kommentierung und Auslegung. Ein enormer Gewinn für alle Yijing- Forscher wie alle Freunde und Anwender des Yijing. Ferner bietet das E-Book allen Chinesisch Interessierten erstmals die Möglichkeit den Chinesischen Text zu durchsuchen. Dieses Buch basiert auf der Promotion von Dominique Hertzer im Jahre 1993 über den Textfund des Yijing aus Mawangdui im Fach Sinologie. Der vorliegende Band ist eine zweite überarbeitete Auflage - die erste Auflage ist ursprünglich im Diederichs Verlag erschienen- , in die der gegenwärtige Forschungsstand zum Mawangdui-Yijing, verschiedene inhaltliche Aktualisierungen und nicht zuletzt zwanzig Jahre Erfahrung mit dem Yijing eingeflossen sind.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Der sensationelle Grabfund von Mawangdui, einer kleinen Stadt im Süden Chinas, hat eine Version des Yijing – des Buches der Wandlungen – ans Licht gebracht, die in das Jahr 168 v.Chr. datiert werden kann und somit um rund 1000 Jahre älter ist als die bisher bekannte früheste Ausgabe.
In dem Band "Das alte und das neue Yijing " hat Dominique Hertzer bereits die neu gefundene mit der bislang bekannten Yijing-Fassung verglichen, mit dem Ziel, einen neuen Weg zum Verständnis des Yijing - im Sinne eines Werkes zur Bestimmung der Zukunft aus Vergangenheit und Gegenwart - aufzuzeigen. Mit dem vorliegenden Band "Das Mawangdui Yijing. Text und Deutung" liegt die erste deutsche Übersetzung des Textes vor. Das vorliegende Buch enthält den kompletten Text – auf Deutsch und auf Chinesisch – in direkter Gegenüberstellung zur Übersetzung Richard Wilhelms sowie eine detaillierte Kommentierung und Auslegung. Ein enormer Gewinn für alle Yijing- Forscher wie alle Freunde und Anwender des Yijing. Ferner bietet das E-Book allen Chinesisch Interessierten erstmals die Möglichkeit den Chinesischen Text zu durchsuchen.
Dieses Buch basiert auf der Promotion von Dominique Hertzer im Jahre 1993 über den Textfund des Yijing aus Mawangdui im Fach Sinologie. Der vorliegende Band ist eine zweite überarbeitete Auflage - die erste Auflage ist ursprünglich im Diederichs Verlag erschienen- , in die der gegenwärtige Forschungsstand zum Mawangdui-Yijing, verschiedene inhaltliche Aktualisierungen und nicht zuletzt zwanzig Jahre Erfahrung mit dem Yijing eingeflossen sind.
Dominique Hertzer
Das Mawangdui-Yijing
Text und Deutung
Mit einem Vorwort von
Wolfgang Bauer
Dao.works
Die Darstellung auf dem Umschlag zeigt zwei mythische Gottheiten, die miteinander spielen. Es handelt sich um ein Detail der Bemalung eines Sarges aus dem Grab Nr.1 von Mawangdui. (Aus: Mawangdui Hanmu wewu, Hunan: Hunan chubanshe 1992, S.10)
Die Deutsche Bibliothek – CIP Einheitsaufnahme
Hertzer, Dominique
Das Mawangdui-Yijing: Text und Deutung/Dominique Hertzer-Utting: Dao.works, 2016
© Dominique Hertzer dao.works, Utting 2016
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrages sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages und der Autorin reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlagsgestaltung: Philine Delf
INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort von Wolfgang Bauer
Vorbemerkung und Danksagung
Vorwort zur zweiten Auflage
Einleitung
Quellengrundlage für die Übersetzung der Andersschreibungen im Mawangdui-Yijing
Anmerkungen zum Orakelvokabular und zu spezifischen Ausdrücken im Mawangdui-Yijing
Technisches Vorwort zur Übersetzung
Reihenfolge der Hexagramme iüberlieferten Text und im Mawangdui Yijing
Tabelle zum Auffinden der Hexagramme
ÜBERSETZUNG DES TEXTES
Hexagramm 1 – Jian 鍵
Hexagramm 2 – Fu 婦
Hexagramm 3 - Yuan掾
Hexagramm 4 - Li禮
Hexagramm 5 - Song訟
Hexagramm 6 - Tongren同人
Hexagramm 7 - Wumeng無孟
Hexagramm 8 - Gou 狗
Hexagramm 9 - Gen根
Hexagramm 10 - Taixu 太蓄
Hexagramm 11 - Bo剝
Hexagramm 12 - Sun損
Hexagramm 13 - Meng蒙
Hexagramm 14 - Fan蘩
Hexagramm 15 - Yi頤
Hexagramm 16 - Ge箇
Hexagramm 17 - Xikan習贛
Hexagramm 18 - Ru襦
Hexagramm 19 -Bi比
Hexagramm 20 - Jian蹇
Hexagramm 21 - Jie節
Hexagramm 22 - Jiji既濟
Hexagramm 23 - Zhun屯
Hexagramm 24- Jing 井
Hexagramm 25 - Chen辰
Hexagramm 26 – Taizhuang泰壯
Hexagramm 27 - Yu餘
Hexagramm 28 – Shaoguo 少過
Hexagramm 29 - Guimei 歸妹
Hexagramm 30- Jie解
Hexagramm 31 - Feng 豐
Hexagramm 32 - Heng 恆
Hexagramm 33 - Chuan川
Hexagramm 34 - Tai泰
Hexagramm 35 - Qian嗛
Hexagramm 36 - Lin林
Hexagramm 37 - Shi師
Hexagramm 38 Mingyi明夷
Hexagramm 39 - fu復
Hexagramm 40 - Deng登
Hexagramm 41 - Duo奪
Hexagramm 42 - Guai夬
Hexagramm 43 - Cu卒
Hexagramm 44 - Qin欽
Hexagramm 45 - Kun困
Hexagramm 46 - Ge革
Hexagramm 47 - Sui隋
Hexagramm 48 - Taiguo泰過
Hexagramm 49 - Luo羅
Hexagramm 50 - Daoyou大有
Hexagramm 51 - Zan𣸄
Hexagramm 52 - Lü旅
Hexagramm 53 - Guai乖
Hexagramm 54 - Weiji 未濟
Hexagramm 55 - Shi筮
Hexagramm 56 - Ding鼎
Hexagramm 57 - Suan算
Hexagramm 58 - Shaoyi 少蓺
Hexagramm 59 - Guan觀
Hexagramm 60 - Jian漸
Hexagramm 61 - Zhongfu中復
Hexagramm 62 - Huan渙
Hexagramm 63 - Jiaren家人
Hexagramm 64- Yi 益
Literatur
Sternenkarte
Originaltext der Seidenrolle
Um das »Buch der Wandlungen« hat sich in den letzten Jahrzehnten im Westen und jüngst auch in China eine so riesenhafte Literatur gebildet, dass man eine neue Veröffentlichung darüber kaum noch zur Kenntnis nehmen mag. Das Werk ist zu einem »Kult-Buch« geworden mit einem Eigenleben, das sich von seiner ursprünglichen Bedeutung schon weit entfernt hat und die absonderlichsten, teils rein phantastischen, teils naiv pseudowissenschaftlichen Blüten treibt. Vor diesem Hintergrund erscheint es daher fast unmöglich, dass noch wesentlich Neues über diese Schrift ausgesagt werden könne: Gewinnt man doch bei den meisten jüngeren Veröffentlichungen eher den Eindruck, als sollten dem populären, aber eben bereits ausgelaugten Thema mit Gewalt noch einige ungewöhnliche Ideen abgepresst werden. aufregender ist es, dass es tatsächlich einen völlig neuen, nur eben noch nie beschrittenen Zugang zum »Buch der Wandlungen« gibt, der durch einen nunmehr 22 Jahre zurückliegenden sensationellen Manuskriptfund eröffnet worden ist. Das hier vorliegende Buch der Sinologin Dominique Hertzer ist die erste westliche Veröffentlichung überhaupt, die sich eingehend mit diesem eigenständigen, im Vergleich zu den frühesten vollständig erhaltenen Fassungen der überlieferten Version um rund tausend Jahre älteren Text auseinandersetzt.
Dieser Text, der eine neue Epoche in der wissenschaftlichen Erforschung des »Buches der Wandlungen« eingeleitet hat, war Teil einer ganzen Bibliothek von über fünfzig auf Seide geschriebenen Werken, die, aufbewahrt in einer gewaltigen, langen Lacktruhe, 1973 in Mawang-dui, einem Vorort von Changsha, der Hauptstadt der Süd-Provinz Hunan, in einem Grab entdeckt wurde. Der Grabeigner, wahrscheinlich ein hochrangiger Militärführer, konnte zwar nicht namentlich festgestellt werden, wohl aber das Jahr der Schließung des Grabes: 168 v. Chr.
Bemerkenswerterweise bildete die Region damals ein weitgehend selbständiges Gebiet, nämlich das Königreich Changsha, das dem herrschenden Reich der Han-Dynastie nur als Lehen unterstellt war und bis 154 v. Chr. existierte. Es stellte einen wesentlichen Teil des alten südchinesischen Staates Chu dar, der über eine eigene hochentwickelte, vom Norden schon immer etwas verschiedene Kultur verfügte. Der Text, der sämtliche Orakelaussagen zu den 64 Hexagrammen wie auch zu den jeweils sechs Einzellinien enthält, dagegen nicht den stark konfuzianisch beeinflussten »Bild«-Kommentar, wurde erstmals 1984 in Umschrift publiziert, aber erst 1993 in einem Faksimile der Wissenschaft zugänglich gemacht, das die verschiedenen fehlerhaften früheren Umschreibungen und Einfügungen erkennen ließ.
Diese späte Veröffentlichung mag mit der äußere Grund dafür gewesen sein, dass es bis heute noch keine einzige westliche Untersuchung oder gar Übersetzung gibt, die die neue Textversion bei der Interpretation überhaupt zur Kenntnis nimmt. Die Ursachen liegen in Wirklichkeit aber tiefer. Die weitaus meisten jüngeren westlichen Interpretatoren des »Buchs der Wandlungen« verfügten — wenn überhaupt — nur über so eingeschränkte Kenntnisse des Chinesischen, dass sie sich einfach in die schwierige Auseinandersetzung mit dem neuen Text, der nicht zuletzt die Durcharbeitung einer sehr umfangreichen modernen chinesischen Fachliteratur verlangt, nicht hineinwagten. Viele von ihnen waren sich auch der Tragweite des Textfundes - soweit sie von ihm überhaupt vernommen hatten - nicht bewusst. Und sie überhörten gerade die wichtigste Botschaft, die er zu verkünden hatte: nämlich die von der »Plastizität« seiner alten geschriebenen Form, die sicherlich keine beliebigen, wohl aber innerhalb eines bestimmten Rahmens sehr beträchtliche Variationen zuließ. Tatsächlich konnte deshalb zwar das »Buch der Wandlungen«, wie alle anderen Klassiker, 175 n. Chr. auf Befehl eines Kaisers buchstäblich in Stein gehauen werden, aber abgesehen davon, dass von diesen daraus resultierenden, auf 64 riesigen Platten niedergelegten »Steinklassikern« heute nur noch einzelne Trümmer erhalten geblieben sind, war ihre (im übrigen relativ späte) Herstellung in sich selbst ein Beweis für den generell etwas schwebenden Charakter bei der schriftlichen Überlieferung ältester chinesischer Literatur, dem eben bei solch heiligen Texten durch diese Aktion entgegengewirkt werden sollte. Für das »Buch der Wandlungen« mit seinem naturgemäß oftmals dunklen Inhalt galt das in erhöhtem Maße. Schon in dem üblichen Text haben einzelne, ganz zentrale Zeichen eine völlig ungewöhnliche, primär nur auf das Buch selbst zurückführbare Bedeutung, die erst im nachhinein lexikalisiert wurde. Es führt also nicht sehr weit — und oftmals sogar gerade in die Irre jedes Zeichen in der überlieferten Version wie »in Stein gehauen« aufzufassen und jeder seiner Bedeutungen nachzugehen, ohne sich bewusst zu machen, dass es vielleicht »ursprünglich« mit einem ihm lautlich oder graphisch nahestehenden oder auch mit einem völlig anderen vertauscht wurde und so grundsätzlich in einer Art offenen Konkurrenz zu anderen Zeichen stand.
Gerade diese Vorstellung, die nach Entdeckung des Textes von Mawangdui unabweisbar geworden ist, hat aber auch etwas Beunruhigendes an sich. Das empfindet verständlicherweise der am ärgsten, dem angesichts dieser plötzlich um eine ganze Dimension schwieriger gewordenen Interpretation mangels differenzierteren sprachlichen und kulturellen Hintergrundwissens die Orientierung verlorenzugehen droht. Gegenüber dem altvertrauten, scheinbar unverrückbaren (und angenehmerweise vielfach vorübersetzten) Text empfindet er jede Veränderung als bedrohlich und neigt deshalb dazu, sie entweder einfach zu ignorieren oder als eine Art Sakrileg aufzufassen. Interessanterweise findet sich die zweitgenannte Reaktion aber auch in China, wenngleich aus ganz anderen Gründen. Denn dort gilt das »Buch der Wandlungen« zu Recht als ein Grundpfeiler der nationalen Kulturtradition, an dem allzu sehr zu rütteln wenig Beifall finden würde.
So tendiert denn auch ein wichtiger chinesischer Bearbeiter des Mawangdui-Textes, Deng Qiubo, dessen umfangreiches einschlägiges, 1987 erschienenes Werk in dem vorliegenden Buch durchgängig berücksichtigt wurde, dazu, alle Unterschiede gegenüber dem tradierten Text nach Möglichkeit herunterzuspielen. Das geht auch bei einer rein in Chinesisch abgefassten Untersuchung insofern viel leichter, als die genaue begriffliche Festlegung der einzelnen abweichenden Schriftzeichen mehr im Hintergrund, gleichsam in der Schwebe, bleibt, solange man Chinesisches in Chinesisch erklärt. Bei einer Übersetzung jedoch, die unausweichlich in dem oft wolkenartig ausgebreiteten Begriffsfeld den Kernbegriff namhaft machen muss, kommt man um eine Festlegung nicht herum. So gewinnen die Unterschiede zwischen den beiden Textversionen in der Übersetzung denn auch mehr an Schärfe und Profil, ihre tatsächliche Verschiedenheit lässt sich nicht mehr übersehen oder verschleiern.
Insgesamt ist etwa ein Viertel des »Buches der Wandlungen« in der Mawangdui-Version mit anderen Zeichen geschrieben als in der überlieferten, wobei die Art der Unterschiede uneinheitlich ist: Sie reicht von Abweichungen, die tatsächlich als bloße Schreibvarianten angesprochen werden können, bis zu völlig anderen Zeichen, die mit ihren Entsprechungen im tradierten Text absolut nicht mehr in Einklang zu bringen sind. Hierzu gehören vor allem sämtliche Bezeichnungen der Acht Trigramme. Einheitlich ist dagegen durchgehend der jeweilige - positive oder negative — Wert der Orakelaussage zu den einzelnen Hexagrammen und zu den ihnen zugeordneten sechs Linien. Die Unterschiede betreffen also mehr die Begründungen der Urteile als die Urteile selbst. Damit ist aber trotzdem Grundsätzliches berührt. Denn das Wesen des »Buches der Wandlungen« besteht ja geradenichtin apodiktischen Zukunftsaussagen, sondern in Zustands- und Tendenzbeschreibungen von existenziellen Situationen, die gleichzeitig — einmalig in der mantischen Literatur weltweit - Ratschläge und damit eine menschliche Einflußmöglichkeit auf die letztliche Verwirklichung der Zukunft mit einschließen. Die in Bildern und Assoziationen gefassten »Begründungen« sind also auch für die Qualifizierung der »Urteile« entscheidend, weil sie eben die Reaktion darauf weitgehend bestimmen. Die beiden in dem vorliegenden Buch gegeneinander gesetzten Übersetzungen aller Orakelsprüche - auf der einen Seite die weiterhin in sich gültige Übersetzung von Richard Wilhelm nach dem überlieferten Text, auf der anderen Seite die (manchmal sogar doppelte) von Dominique Hertzer nach dem Text von Mawangdui - legen davon beredtes Zeugnis ab.
Die Erklärung und damit auch die Einschätzung dieser Verschiedenheiten beruht auf drei teilweise miteinander verbundenen Elementen: Am wichtigsten ist zunächst die schon genannte Tatsache, dass die chinesische Schrift bis weit ins 2. vorchristliche Jahrhundert hinein noch keineswegs gefestigt war, so dass man davon ausgehen kann, dass ein über weite Strecken noch mündlich tradierter und obendrein dunkler Text wie das »Buch der Wandlungen« angesichts der unzähligen, für die chinesische Sprache charakteristischen Homonyme, d.h. gleichlautende Worte verschiedener Bedeutung, schon rein theoretisch zwangsläufig unterschiedlich verschriftet worden sein muss. Diese Bedingungen aber galten, zweitens, in besonderem Maße für die Region des ehemaligen Staates Chu im Süden, der vor der Einigung des Reiches unter dem »Ersten Kaiser der Qin-Dynastie« 221 v. Chr. sogar eine eigene, besonders abweichende Schriftentwicklung durchgemacht hatte und mit seiner Art der Verschriftung zugleich eine spezifische Interpretation des Textes einführen konnte. Da das durch den Staat Chu repräsentierte Südchina der Tradition nach als ein besonderer Hort, wenn nicht gar als die Ursprungsregion des Daoismus galt — im Gegensatz zu dem mehr vom Konfuzianismus beherrschten Norden ist der stärkere Akzent auf der Orakel-Funktion des »Buches der Wandlungen«, die sich für den Mawangdui-Text nachweisen lässt, nur folgerichtig, ebenso wie umgekehrt die größere Betonung seiner moralischen Funktion im Norden, wo sich der überlieferte Text zusammen mit seinen Kommentaren eher als ein »Weisheitsbuch« durchsetzte. Drittens scheinen aber auch noch rein lokal- und zeitpolitische Ausdeutungen an einzelnen Stellen der Mawangdui- Version eine Rolle gespielt zu haben, die mit der besonderen Situation des Königreiches von Changsha in der damaligen Periode zu tun hatten; denn schließlich wurde das »Buch der Wandlungen« ja weniger für private als für staatliche Entscheidungen benutzt.
Das vorliegende Buch geht allen diesen für den Mawangdui-Text wichtigen Voraussetzungen in minuziösen Einzelanalysen nach unter Heranziehung der weitverzweigten, vorwiegend chinesischen wissenschaftlichen Literatur, wobei es sich an kritischen Stellen immer wieder in genaue inhaltliche Auseinandersetzungen einlässt.
Dieses sich bei jedem Schritt absichernde Vorgehen ist mühsam, aber notwendig. Denn es gilt ja vielfach, gegen fest eingefahrene Ideen über das »Buch der Wandlungen« anzudenken und statt des bisher bekannten starren Konzeptes ein bewegliches vorzuführen, kurz — um es mit den Worten von Dominique Hertzer zu sagen - »die Wandlungen des >Buchs der Wandlungen< selbst begreiflich zu machen.«
Unter diesen Bedingungen wird auch die Frage gegenstandslos, welche der beiden uns jetzt zur Verfügung stehenden Versionen nun eigentlich die »richtige« sei. Denn wie auf vielen anderen Gebieten, so entzieht sich auch hier das chinesische Gedankensystem der uns eher geläufigen Frage nach einem klaren Entweder-Oder mit einem gleichsam zur Seite tretenden (und doch nicht einfach »ausweichenden«) Sowohl-als-Auch. Das bedeutet konkret, dass die beiden Versionen des Textes nebeneinander bestehen und sich gegenseitig ergänzen, auch und sogar vor allem dann, wenn man sich für das »Buch der Wandlungen« als einem Wahrsagebuch interessiert, als das es ja in seiner Mawangdui-Version noch eindeutiger benutzt wurde als in seiner bisher überlieferten. Durch die beiden Versionen werden also Grenzpfähle gesteckt, zwischen denen sich die Beschreibungen der existenziellen Situationen, deren Spannungsgefüge das »Buch der Wandlungen« grundsätzlich wiederzugeben sucht, bewegen können. Der Text von Mawangdui setzt den uns bekannten Text damit nicht außer Kraft, sondern er bereichert ihn, und vor allem: Er haucht ihm neues Leben ein, indem er ihm die Wandlungsfähigkeit zurückgibt, die er von jeher besaß.
So ist denn diese von bisher unbekanntem Material ausgehende und auf präziser wissenschaftlicher Analyse aufbauende Doppelübersetzung des »Buches der Wandlungen« ein Werk, das völlig neue Horizonte erschließt. Man möchte es jedem in die Hand wünschen, der sich von diesem ältesten Buch der chinesischen Kultur faszinieren lässt, nicht nur um sein Verständnis dafür zu vertiefen, sondern auch um ihm Gelegenheit zu geben, an einem geistigen Abenteuer teilzunehmen.
München, im Dezember 1995 Wolfgang Bauer
Das Mawangdui-Yijing ist Ausdruck der »Wandlungen des Buches der Wandlungen«, und seine Übersetzung in eine westliche Sprache, die den vielschichtigen Charakter des Chinesischen entbehrt, kann dem Bedeutungsreichtum und den Assoziationsmöglichkeiten des Originals nicht gerecht werden. Um trotzdem das Verständnis für die Besonderheit des Chinesischen wie auch des Yijing zu wecken, habe ich in den Fällen, in denen offensichtlich verschiedene Interpretationsebenen eines Hexagramm- oder Linientextes erkennbar sind, mehrere Übersetzungsvorschläge nacheinander aufgeführt, auf die Gefahr hin, dass einzelne Hexagrammlinien nicht unbedingt mit dem gesamten Hexagrammkontext übereinstimmen. Doch anders als etwa Richard Wilhelm und viele chinesische Gelehrte gehe ich davon aus, dass es sich beim Yijing nicht um das kohärente Werk eines Verfassers handelt, sondern um eine Zusammenstellung einzelner Textbausteine verschiedenster Herkunft. Natürlich steht bei jedem Hexagramm ein bestimmtes Thema im Mittelpunkt, wie auch die graphische und thematische Beziehung der Hexagramme untereinander nicht zu bestreiten ist, doch besteht die Gefahr, dass, um einer vollkommenen inhaltlichen Stringenz willen, das jeweilige Thema in jede einzelne Hexagrammlinie »hineininterpretiert« wird. Angesichts dessen sollen meine eigenen Anmerkungen lediglich »als Hintergrundwissen« für das Textverständnis dienen, um die individuelle Interpretation und ein tiefes Verständnis über die eigene Intuition und Phantasie bei den Lesern so wenig wie möglich einzuschränken.
Die Hintergründe zum sensationellen Grabfund von Mawangdui sowie eine eingehende Erläuterung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten der überlieferten Yijing-Version und der in Mawangdui gefundenen sind in dem Band »Das alte und das neue Yijing - Die Wandlungen des Buches der Wandlungen« (Diederichs Gelbe Reihe Band 126) enthalten. Dieser und der vorliegende Band beruhen auf meiner Arbeit, die im Januar 1993 von der Ludwig-Maximilians-Universität als Dissertation angenommen wurde.
Auf dem Weg zur Fertigstellung dieser Bücher haben mich Menschen begleitet, denen an dieser Stelle aufrichtig für ihre Unterstützung gedankt sei. An erster Stelle danke ich meinem Lehrer, Herrn Prof. Dr. Wolfgang Bauer, sehr herzlich, der sich sehr viel Zeit für unsere Gespräche genommen hat und mich menschlich wie fachlich mit viel Einfühlungsvermögen über all die Jahre betreut und motiviert hat. Mein besonderer Dank geht auch an meinen langjährigen Freund und Studienkollegen Dr. Axel Schneider, der die Atmosphäre meines Studiums ganz entscheidend mitgeprägt hat und der ebenso wie mein Kollege Roland Winkler, mit unendlich viel Geduld all die Schwierigkeiten, die die verschiedenen Computerprogramme mit sich gebracht haben, gelöst hat. Ferner danke ich Herrn Prof. Dr. Michael Friedrich für seine konstruktive Kritik und seine wertvollen Hinweise. Zuletzt, aber gewiß nicht am wenigsten, geht mein Dank an meine Eltern, die mir mein Studium ermöglicht haben, sowie an meinen Freund Oliver Norkauer, der all die Höhen und Tiefen, die dieses Buch mir sich brachte, mit mir geteilt hat.
München, im Januar 1996 Dominique Hertzer
In dieselben Flüsse
steigen wir hinab und nicht hinab.
Wir sind es und sind es nicht,
denn in denselben Strom
vermag man nicht zweimal zu steigen.
(Heraklit)
Seit der Erstauflage dieses Buches vor zwanzig Jahren hat mich mein Weg zunächst weg von der rein universitären Laufbahn hin zur Chinesischen Medizin in Theorie und Praxis geführt. Doch auch, oder besser vielleicht gerade in der Chinesischen Medizin ist das Buch der Wandlungen das Fundament, auf dessen Grundlage die verschiedenen Schulen und Ansätze der Chinesischen Medizin ihren Ausgangspunkt genommen haben. Wie es in einem medizinischen Klassiker heißt, gilt es „die Medizin (als das Wissen) um die Wandlungen“ zu verstehen, so dass mich nicht zuletzt das Bemühen um ein tieferes Verständnis der Chinesischen Medizin wieder zum Yijing zurückgeführt und mir zugleich neue Perspektiven auf das Studium der Wandlungen eröffnet hat.
Diese zweite Auflage als E-Book ist insofern etwas Besonderes und zugleich Aufwändiges, als der chinesische Text des Mawangdui -Yijing hier erstmals in einer elektronischen Form veröffentlicht und damit für den Chinesisch kundigen Leser auch durchsuchbar ist. Die Schriftzeichen, die bislang lexikalisch nicht überliefert sind, wurden als Bilddatei in den Text eingefügt. Ferner wurden in dieser zweiten Auflage die jüngsten wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Text und den Andersschreibungen des Mawangdui eingearbeitet sowie verschiedene inhaltliche Aktualisierungen vorgenommen.
Die Tatsache, dass es sich um einen gemischtsprachigen Text handelt und ferner sehr viele alte chinesische Schriftzeichen auftreten, die in dieser Form jedoch nicht mehr überliefert sind und als Bild eingefügt werden mussten, hat leider dazu geführt, dass einige E-book Reader aufgrund von technischen Schwierigkeiten die Formatierungen nicht korrekt darstellen. Dies kann stellenweise dazu führen, dass einzelne Textabschnitte in unterschiedlichen Schriftarten dargestellt werden. Dies ist so nicht beabsichtigt und hat keine inhaltlichen Folgen. Es hängt ferner von den Fonts der einzelnen E-book Reader ab, welche der äußerst selten auftretenden Schriftzeichen dargestellt werden können.
Ich widme dieses E-book meinem verstorbenen Lehrer, Wolfgang Bauer, der mir bis zum heutigen Tage eine große Quelle der Inspiration ist und mich ermutigt, meinen Weg als unabhängige Wissenschaftlerin zu gehen.
Utting, im Januar 2016 Dominique Hertzer
Bei der Untersuchung der Andersschreibungen, also der Schriftzeichen, die sich in der Mawangdui-Version vom Textus receptus unterscheiden, lassen sich drei verschiedene Ebenen voneinander differenzieren, dieZeichengestalt, die Aussprache und die Zeichenbedeutung,welche aus einer notwendigen Trennung von Zeichen und Wort im Chinesischen resultiert. Denn ein chinesisches Schriftzeichen ist ja nicht unbedingt mit einem Wort gleichzusetzen, da es nur die graphische Darstellung eines Wortes mit einer ganz bestimmten Bedeutung repräsentiert. Bereits die Tatsache, dass das geschriebene Chinesisch während der Zhou-Zeit dem gesprochenen Chinesisch sehr viel näher stand, als es bereits 1000 Jahre später der Fall war, weist darauf hin, dass eine Gegenüberstellung der unterschiedlichen Schriftzeichen nicht in einem Vergleich zwischen bildhaften oder abstrakten Zeichen besteht, sondern in einem Vergleich von Worten. Der Irrtum, dasseinSchriftzeichen infolge des weitgehend monosyllaben Charakters der chinesischen Sprache immereinemWort entspricht, zeigt sich demgegenüber in der Möglichkeit, ein Wort, dessen Aussprache immer dieselbe bleibt, mit mehreren Zeichen wiederzugeben, wie es bei den Lehnschreibungen der Fall ist. Ebenso können einzelne Zeichen je nach Kontext unterschiedlich ausgesprochen werden und somit für mehrere Worte stehen.1Die geringe Silbenanzahl im Chinesischen hat zur Folge, dasseineLautung theoretischmehrereWorte wiederzugeben vermag, so dass die jeweilige Bedeutung beim reinen Anhören nur aus dem Sinnzusammenhang erschlossen werden kann. Eventuell daraus resultierende Verständnisschwierigkeiten werden durch die Existenz der Schriftzeichen in gewisser Weise wieder kompensiert.
Bei der Beurteilung, ob die unterschiedlichen Schriftzeichen des Textus receptus und der Mawangdui-Version dieselbe oder eine voneinander unterschiedene Bedeutung haben, d.h., ob hier dasselbe Wort gemeint sein kann, ist dieAusspracheder Schriftzeichen der entscheidende Faktor. Da für die Aussprache des alten Chinesisch (8. bis 3. Jahrhundert v. Chr.), im Gegensatz zum Mittelchinesischen (ca. 6. Jahrhundert), keine chinesischen Quellen vorliegen, sind wir auf die Rekonstruktionen chinesischer und westlicher Wissenschaftler angewiesen. Die einzigen existierenden Quellen sind die phonetischen Elemente der Schriftzeichen, wie sie im ersten Wörterbuch - demShuowen—wiedergegeben werden, sowie die Kommentare zu den Klassikern und die Reime des »Buches der Lieder« - desShijing.2Da jeder, der sich um eine Rekonstruktion des Altchinesischen bemüht hat, auch sein eigenes System entwickelt hat, ist davon auszugehen, dass es sich bei allen Lautwerten nur um approximative, hypothetische Werte handelt. Insofern gibt es auch kaum objektive Kriterien zur Beurteilung der verschiedenen Systeme; eines der wenigen ist die innere Kohärenz einer Rekonstruktion.
Die nicht nur im Westen am weitesten verbreitete Rekonstruktion ist die von Bernhard Karlgren,3 wenngleich sie aufgrund neuer linguistischer Erkenntnisse inzwischen teilweise überholt zu sein scheint.4Unter den chinesischen Gelehrten sind vor allem Dong Tonghe, der mit seiner eigenen Rekonstruktion die Karlgrens kritisiert,5 Zhoufagao und Li Fanggui zu nennen. Die Rekonstruktionen von Li Fanggui haben in letzter Zeit internationale Anerkennung gefunden, doch wurde bisher noch kein entsprechendes Wörterbuch veröffentlicht, sondern Li hat die Prinzipien seiner Rekonstruktion in einem Artikel vorgestellt, anhand derer sich die alte Aussprache einzelner Zeichen rekonstruieren lässt.6
Beim Vergleich der Aussprache der unterschiedlichen Mawangdui- und Textus receptus-Zeichen habe ich mich für das Werk von Zhou Fagao entschieden, der sich sowohl mit den Schriftzeichen selbst wie ihrer Aussprache im klassischen und vorklassischen Chinesisch beschäftigt hat.7 Er hat ein Wörterbuch herausgegeben, welches sowohl seine eigenen Rekonstruktionen enthält, als auch einen sehr guten Überblick über die anderen wichtigsten und umfassendsten Rekonstruktionen bietet. Dort sind drei verschiedene Rekonstruktionen der Aussprache des archaischen Chinesisch (ca. 700 v. Chr.) - die von Dong Tonghe, Bernhard Karlgren und seine eigene - tabellarisch nebeneinander geordnet, und ferner zwei Lautungen des Mittelchinesischen (B. Karlgren und seine eigene) sowie die Aussprache der modernen Hochsprache und des Kantonesischen angeben.8
Zur Definition der Unterschiede bei der Aussprache habe ich vier Kategorien gewählt, in die die voneinander abweichenden Schriftzeichen eingeteilt wurden, und zwar a) dieselbe Aussprache b) Alliteration c) Reim d) unterschiedliche Aussprache.Kategorie a) ist selbstevident, während Kategorie d) nur eintritt, wenn die ersten drei Kategorien ausgeschlossen sind. Da das Ziel des Vergleiches der unterschiedlichen Zeichen darin besteht festzustellen, ob und inwieweit es sich — wie die bisherigen Untersuchungen zum Mawangdui-Yijing größtenteils ermittelt haben wollen - bei den zu vergleichenden Zeichen um Lehnschreibungen handelt,9habe ich mich, hinsichtlich der Kriterien von Reim und Alliteration denen von Bernhard Karlgren angeschlossen. Denn er har als einziger im Rahmen der Ausspracherekonstruktion des archaischen Chinesisch und des Mittelchinesischen ein geschlossenes System zur Reimlehre, Alliteration und den
Lehnschreibungen entworfen. Alle anderen Rekonstruktionen setzten sich mit der Problematik der Lehnschreibungen nicht auseinander.
Die Kombination derlautlichenundgraphischenBeziehung zwischen den Mawangdui- und Textus receptus-Zeichen sind bereits Hinweis auf ihre inhaltliche Beziehung wie auf eine eventuelle Lehnschreibung. Anders als man zunächst vermuten könnte, handelt es sich beispielsweise bei den Zeichen, die graphisch betrachtet dasselbe Phonetikum aufweisen, d.h. sich nur durch das Radikal und eventuell weitere Bestandteile unterscheiden und deswegen zu einem großen Teil ehemals auch dieselbe Aussprache hatten, nicht um eigentliche Lehnschreibungen. In Anlehnung an die Definition von Karlgren und anderen chinesischen Sprachwissenschaftlern besteht die theoretische Möglichkeit einer Lehnschreibung immer dann, wenn zwei Zeichen, die inhaltlich und graphisch nicht miteinander verwandt, sondern homophon sind; ein Schriftzeichen wurde dabei nicht in seiner ursprünglichen, ihm eigenen Bedeutung verwandt, sondern es hat (an dieser Textstelle) die Bedeutung eines anderen Zeichensentliehen.Dies kann sowohl auf Worte zutreffen, die bisher kein eigenes Zeichen hatten, als auch auf Worte, die bereits ein anderes Schriftzeichen für sich in Anspruch nehmen konnten.10Diese Möglichkeit besteht, wie gesagt,theoretischfür alle die Fälle, in welchen zwei Zeichen nicht verwandt, aber homophon sind, dochin der Praxisist die Lehnschreibung ausschließlich an der Zeichenbedeutung innerhalb des jeweiligen Kontextes zu belegen, da die geringe Silbenanzahl im Chinesischen ansonsten eine nicht zu überblickende Anzahl von Lehnschreibungen ermöglichen würde. In dem Augenblick, wo zwei Zeichen graphisch und inhaltlich nicht miteinander verwandt sind und lediglich phonetische Ähnlichkeiten im An- oder Auslaut aufweisen, ist eine Lehnschreibung in vielen Fällen strittig und bedarf einer detaillierten Untersuchung.11
In diesem Zusammenhang ist auch die Theorie, dass all die Zeichen, die ein Phonetikum gemeinsam haben, auch in ihrer Bedeutung sinnverwandt sind, zurückzuweisen.12 Es besteht vielmehr die Möglichkeit, dass infolge der noch nicht endgültig fixierten Schreibweise vieler Schriftzeichen Radikale vertauscht, weggelassen oder hinzugefügt wurden. Andererseits bedarf die Hypothese, dass der Mawangdui-Text früher als der Textus receptus niedergeschrieben wurde und seine Schriftzeichen dementsprechend als die »ursprünglichen« betrachtet werden können, ebenso der Überprüfung.
Der Bedeutungsauswahl der einzelnen Schriftzeichen wurden verschiedene Lexika und Kommentare zugrunde gelegt, die ich im folgenden näher darlegen werde. Zunächst gilt es jedoch, zwischen der lexikalischen und der Glossenbedeutung eines Schriftzeichens zu unterscheiden. Während erstere sowohl die ursprüngliche wie die im Regelfall zutreffende Bedeutung angibt, handelt es sich bei letzterer um eine von der eigentlich lexikalischen abweichende Bedeutung, die nur in einem ganz bestimmten Kontext zutrifft und insofern ebenfalls eine Lehnschreibung sein kann. Eine Glossenbedeutung muss in ihrer Verwendung allerdings nicht auf eine Textstelle oder ein Werk beschränkt sein, sondern findet häufig auch in anderen (klassischen) Werken Verbreitung. Quelle für die Glossen sind hauptsächlich die Kommentare zu den Klassikern, in welchen einzelne Zeichen, da sie innerhalb des vorgegebenen Kontextes in einer für den damaligen Sprachgebrauch unüblichen Bedeutung verwandt wurden, einer besonderen Erklärung bedurften. Der Zeitpunkt, zu dem ein Zeichen das erste Mal in der jeweiligen Glossenbedeutung verwandt wurde, ist dabei nur aus der Datierung des entsprechenden Werkes ersichtlich, in dem die Glosse vorkommt. So sinnvoll demzufolge eine Trennung von lexikalischer und Glossenbedeutung für die Übersetzung auch wäre, da die Glossenbedeutung eines Zeichens, gerade weil sie einmalig ist und auf Kommentarwerken beruht, oftmals Ergebnis eines Missverständnisses oder einer bewusst intendierten Interpretation des Autors sein kann, so problematisch ist sie auch.
Davon abgesehen, dass bei einer korrekten Darlegung der verschiedenen Glossenbedeutungen jede einzelne in den Quellen auf ihre Richtigkeit überprüft werden müsste, so wie es beispielsweise in der Grammata Serica Recensa geschehen ist, stellt sich die Frage, ob dies unter den gegebenen Voraussetzungen überhaupt zweckmäßig erscheint. Wie bereits ausgeführt wurde, spielt bei der vorliegenden Untersuchung die Textgattung — das Yijing in seiner Funktion als Handbuch zur Wahrsagung — eine ganz wesentliche Rolle. Insofern gilt es zunächst, alle möglichen Bedeutungen eines Schriftzeichens aufzuzeigen, da sie - nicht zuletzt unter Beachtung der gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen des Mawangdui- Yijing - als potentiell gleichwertig betrachtet werden können. Besteht ein Ziel bei der Zusammenstellung bzw. Abfassung des Textes in seiner Verschlüsselung, so ist auch davon auszugehen, dass man sich nicht unbedingt der allgemein üblichen, sondern einer metaphorischen oder nur selten auftretenden Bedeutung bediente.13 Aus dem Grunde wurde keine Unterscheidung zwischen der lexikalischen und der Glossenbedeutung getroffen, sondern sie wurden als gleichwertige Bedeutungsmöglichkeiten nebeneinander gestellt. Daraus resultiert theoretisch zwar eine große Anzahl von unterschiedlichen Bedeutungen, die jedoch in der Praxis durch den inhaltlichen Kontext wieder reduziert wird.
An erster Stelle wird, sofern vorhanden, immer die älteste verifizierbare Bedeutung, die auf Orakelknochen- und Bronzeinschriften, sowie die Shuowen-Bedeutung genannt. Als Quellengrundlage dienten das Zhongzheng xingyinyi cidian sowie in Einzelfällen das Jiaguwen bian und das Jinwen gulin bu von Zhou Fagao. Da sich Zhou Fagao jedoch ausschließlich auf die Bronzeinschriften der westlichen Zhou-Zeit (1045-771 v. Chr.) stützt und von den Mawangdui-Zeichen nur sehr wenige enthalten sind, wurde Fagaos Werk vor allem bei den Schriftzeichen zu Rate gezogen, die, da sie eine alte Schreibweise repräsentieren, in keinem anderen Wörterbuch enthalten sind. 14
Als weitere Quellen dienten das Kangxi zidian, das nicht nur aufgrund seines Radikalsystems nach wie vor ein Standardwerk ist, das Zhongwen dacidian, das Hanyu dazidiansowie dasHanyu dacidian, das Dacidian sowie die Grammata Serica Recensa und schließlich das Werk Loan Characters in Pre Han-Texts von Karlgren. Hier könnte der Einwand erhoben werden, dass »Wörterbücher« in einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht als Quelle verwendet werden dürfen, da sie selbst ja keine Primärquellen darstellen und, je nach Qualität, selbst ebenfalls nicht den Anforderungen einer wissenschaftlichen Arbeitsweise genügen. Doch im Rahmen der vorliegenden Übersetzung ist es die einzige Lösungsmöglichkeit, die einen möglichst umfassenden Überblick der verschiedenen Bedeutungsmöglichkeiten gewährleistet und gleichzeitig arbeitstechnisch zu bewältigen ist. Um eventuelle Fehlerquellen in den Wörterbüchern aufzudecken, habe ich versucht, ein möglichst breites Spektrum an Material zu berücksichtigen. Die Entscheidung für die Kombination der genannten Wörterbücher resultiert aus der Überlegung, dass sowohl die Bedeutungen in den alten Wörterbüchern wie Erya Shuowen, Guangyun,Qieyun,Fangyan etc. enthalten sein sollten, sowie auch die jüngsten Untersuchungen zu Orakelknochen- und Bronzeinschriften und die wichtigsten Grabfunde berücksichtigt werden sollten.
Darüber hinaus wurden auch verschiedene Kommentare zum Yijing selbst berücksichtigt. Neben dem Werk Zhouyi yiwenkao, das eine wertvolle Sammlung von Andersschreibungen der wichtigsten Yijing-Ausgaben und
Kommentare, speziell während der Han-Zeit, darstellt,15 habe ich mich auf die Kommentarsammlung Zhouyi yizhu beschränkt, der die wichtigsten traditionellen Kommentare von der Wei-Qin- bis zur Qing-Zeit umfasst,16 sowie die textkritisch orientierten Kommentare von Gu Jiegang, Quwanli und Gao Heng.17 Da kein anderer Klassiker so zahlreich kommentiert wurde wie das Yijing, habe ich mit der Auswahl der Kommentare versucht, einen Ausschnitt zu wählen, der die Extreme der unterschiedlichen Interpretationsrichtungen aufzeigt, wobei der Schwerpunkt eindeutig auf der textkritisch ausgerichteten Kommentarliteratur liegt. Im Hinblick auf die apokryphe Kommentarliteratur (chanwei) zum Yijing stütze ich mich auf das Werk Zhongxiu weishu jicheng, das eine vollständige Sammlung der verschiedenen Textfragmente ist.
Anmerkungen zum Orakelvokabular und zu spezifischen Ausdrücken im Mawangdui-Yijing
Insgesamt gibt es zwölf verschiedene Möglichkeiten des Orakelentscheids, die zwischen den beiden Extremen »glücksbringend« und »unglücksbringend« liegen und die, indem sie untereinander kombiniert oder mit einer Verneinung bzw. anderen Zusätzen versehen werden, noch verändert werden können:18
1. Ji 吉»Glücksverheißend«. Dies ist natürlich der positivste aller Orakelentscheide, und er tritt häufig mit anderen Orakelentscheiden kombiniert auf. Das Schriftzeichen setzt sich aus den beiden Bestandteilen shi 士 »der Gelehrte« und kou口 »der Mund« zusammen, weswegen es ursprünglich zur Bezeichnung »guter Worte« und später auch im Sinn von »sehr gut« verwendet wird.
2.Yuan 元: Es bildet ursprünglich den »großen Kopf« eines Menschen ab, und davon abgeleitet tritt es im Yijing ebenso als Bezeichnung für den »Ursprung, Beginn« wie in der Bedeutung »sehr groß« auf. In Kombination mit den drei Schriftzeichen heng li亨利und zhen 真wie sie uns im ersten Hexagramm begegnet, veranschaulicht es eine der vier Phasen in einem abgeschlossenen Zyklus, die in verschiedener Hinsicht interpretiert werden können. So repräsentiert das Schriftzeichen yuan innerhalb eines Entwicklungsprozesses die Phase des »Beginns« und im Hinblick auf die konfuzianischen Tugenden die »Menschlichkeit«. Im Zyklus der Jahreszeiten nimmt es dementsprechend die Position des »Frühlings« ein.
3.Heng亨 Dieses Schriftzeichen ist ursprünglich nicht von dem sehr ähnlich aussehenden Schriftzeichen xiang 享zu unterscheiden, weswegen die traditionelle Kommentarliteratur zum Yjing beide zunächst im Sinne von »ein Opfer darbringen« gedeutet haben. Im Rahmen des eben erwähnten Entwicklungsprozesses steht es für »das Wachstum«, im Sinne eines „Aufschwunges“- wenn das qi 氣des ursprünglichen Anfanges seinen Aufschwung nimmt – und in der Abfolge der Jahreszeiten symbolisiert es den “Sommer“. Als Tugend wird ihm schließlich die »Rite« zugeordnet Die verschiedenen Grabfunde des Yijing in den letzten zwanzig Jahren haben jedoch gezeigt,19 dass in den frühesten Versionen des Yijing die Schriftzeichen xiang享,xiang亯, heng 亨, xiang饗 und xiang鄕, alle ähnlich verwendet wurden und deren ursprüngliche Bedeutung „ein Opfer darbringen“, erhalten“ und „genießen“ ist. 20Als einer der wichtigsten Orakelentscheide im Yijing charakterisiert er die jeweiligen Handlungen insofern als »erfolgreich«. In der Mawangdui Version steht anstelle von heng 亨immer xiang 亯 geschrieben, und mit Blick auf die anderen Textfunde wurde klar, dass xiang 亯, wenn es am Atzende steht oder als Verb verwendet wird, die im Sinne von „erfolgreich“ zu verstehen ist, tritt es jedoch in der Kombination mit yong 用“gebrauchen“ auf (also yong heng用亨), so ist es in der Bedeutung »ein Opfer darbringen« zu verstehen.
4. Li 利: Im Shuowen wird seine ursprüngliche Bedeutung mit »schneidend, scharf« angegeben,21 während es im Wenyan-Kommentar des Yijing im Sinn von he和 »friedlich, harmonisch« verstanden wird. Als dritte Phase innerhalb des Entwicklungsprozesses beschreibt es das Stadium der »Reife« und dementsprechend auch den »Herbst«. Abgeleitet von diesen verschiedenen Aspekten, wird es als Orakelentscheid im Yijing immer im Sinn von »vorteilhaft, günstig« verwendet, während es im Hinblick auf die konfuzianischen Tugenden der »Rechtschaffenheit« entspricht.
5.Zhen真: Abgeleitet von seinen graphischen Bestandteilen, wird es im Shuowen in der Bedeutung »eine Frage durch Wahrsagung stellen« wiedergegeben, und später wird es meist im Sinn von »aufrecht, wahr«, »richtig« oder »feststehend« verwendet. Bei seiner Verwendung auf den Orakelknocheninschriften hat sich herausgestellt, dass es je nach Zusammenhang und Satzstellung drei verschiedene Ebenen des Orakelentscheids repräsentiert, die, ausgehend von einem unbestätigten Orakelentscheid in der Bedeutung »verifiziere, ob«, über die etwas sicherer erscheinende Möglichkeit »man kann es bestimmen« bis hin zur festgelegten »Bestimmung« des Orakelentscheids selbst reichen.22 Diese Differenzierung ist m.E. auch immer noch gegeben, weswegen ich es je nach Satzstellung auch unterschiedlich übersetzt habe.
Als letzte der vier Phasen im Entwicklungsprozess beschreibt es schließlich das Stadium der »Festigkeit«, und des »Winters«. Als konfuzianische Tugend wird ihm schließlich das »Wissen« zugeordnet. Darüber hinaus wird es im Yijing selbst auch zur Bezeichnung »des unteren von den beiden Trigrammen« verwendet.
6.Li she da chuan: 利涉大川 »Es ist vorteilhaft, einen großen Fluss zu überqueren«. Dieser Orakelentscheid ist als Aufforderung zu verstehen, die eigenen Grenzen zu überschreiten, große Unternehmungen anzugehen. Hier gilt es, die Erfahrungsdimension des Tages durch die der dunklen Nachtwelt zu ergänzen, um eine ganzheitliche Betrachtungsweise zu gewinnen und den Übergang von der Welt des Sichtbaren zur Welt des Unsichtbaren zu vollziehen.
7.Youhui 有悔 »Es gibt Reue«. Im Shuowen wird das Schriftzeichen hui im Sinn von »sehr bedauern, bereuen« definiert,23 d.h., man hasst sich selbst aufgrund von Handlungen oder Fehlern, die man begangen hat.
Im Zusammenhang damit steht auch die Bedeutung »Fehler korrigieren«. Ferner gibt es im Yijing noch, die Unterscheidung zwischen wu hui 無悔 »es gibt keine Reue« und hui wang 悔亡 » die Reue schwindet«.
8. Lin 吝: »Eigensucht, Schwierigkeit «. Seine ursprüngliche Bedeutung wird sowohl im Sinn von »bedauern« —ähnlich wie das Schriftzeichen hui 悔 —als auch im Sinn von »Eigensucht, Geiz« angegeben.24Im Xicizhuan wird das Zeichen lin als Gegenstück zu dem Zeichen hui definiert:»hui und lin sind Symbole für Trauer und Sorge«.25Zhu Xi charakterisiert hui und lin folgendermaßen: »Wenn sich Glück und Unglück gegenüberstehen, dann befinden sich hui und lin in ihrer Mitte, hui bedeutet, dass man selbst unglücklich ist und nach dem Glück strebt, (während) lin bedeutet, dass man selbst glücklich ist, aber dem Unglück entgegengeht«.26Das heißt, das Gegensatzpaar hui und lin ist ein Richtungsweiser dafür, ob sich ein Mensch auf dem Weg vom Glück ins Unglück oder umgekehrt befindet. Ist ein Mensch in einer unglücklichen Lage, aber sucht die Ursache dafür bei sich selbst und zeigt Reue (hui) über die begangenen Fehler, so wird sich die Lage zu seinen Gunsten verändern; befindet er sich dagegen in einer glücklichen Ausgangsposition, so kann diese durch eine Eigenschaft wie Eigensucht bzw. Geiz (lin) zu einer unglücklichen werden.27Im Mawangdui-Yijing tritt das Schriftzeichen lin in eben dieser Schreibweise nicht auf, sondern es steht immer das Schriftzeichen lin 閵, welches ursprünglich »einen gelbgefiederten Vogel« bezeichnet - ähnlich einem »Würgeschnäpper« —, der wahrscheinlich als schlechtes Omen galt und daher als Orakelentscheid ebenso wie das Schriftzeichen lin verwendet wird.
9. Wu jiu 無咎»Unglück, Fehler«. Im Shuowen wird zunächst die relativ allgemeine Definition »Unglück, Unheil« gegeben; etwas differenzierter ist die erweiterte Bedeutung »Krankheit«.28 Im Shujing wird von einem »vom Himmel gesandten Unglück« gesprochen, in jedem Fall ist das Unheil jedoch mit einem persönlichen »Verlust« verbunden.29 Laut Gao Heng wiegt der unheilvolle Charakter des Zeichens jiu 咎im Yijing leichter als der des Zeichens xiong aber schwerer als der des Zeichens hui 30 Als Einzelzeichen tritt es im Yijing jedoch nur fünfmal auf, am häufigsten wird es in der Verbindung wu jiu »es gibt keinen Verlust« verwendet.
10. Li厲:»Gefahr, Bedrohung«. Ursprünglich bezeichnet es einen »Schleifstein«, während es im Wenyan-Kommentar zum Hexagramm Nr. 1 Qian sowie in weiteren, unterschiedlichen Kommentaren zum durchgängig als »gefährlich« interpretiert wird31
11.Xiong 兇 : »Furchterregend«. Dieses Schriftzeichen existiert nur in der Mawangdui-Version und steht häufig anstelle des Schriftzeichens xiong 凶im Textus receptus. Es zeigt einen »Menschen, der sich in einer unglücklichen Lage befindet« , so dass er sich »fürchtet«. Im Unterschied zum Schriftzeichen xiong凶wird hier nicht eine allgemeine Situation, sondern das individuelle Schicksal eines Menschen als »furchterregend« bestimmt.
11a.Xiong 凶: »Unheilvoll, verhängnisvoll«. Im Shuowen wird seine ursprüngliche Bedeutung mit e 惡 »schlecht, übel«, dem Gegenteil von »glücksverheißend« angegeben.32 Das Zeichen ist Abbild für »einen Menschen, der in eine Falle geraten ist« und ist weniger Ausdruck für die Gefühle des betroffenen Menschen, als es die allgemeinen Folgen einer solch misslichen Situation charakterisiert.
12. Zai 灾 : »Das Unheil«. Hier kann es sich ebenso um eine Naturkatastrophe handeln wie um ein (absichtlich) durch Dritte herbeigeführtes Unheil.
Eine gewisse Sonderstellung nimmt der Begriff youfu 有復 »Es gibt die Antwort des Orakels« ein. Diese Wendung steht im Mawangdui- Yijing durchgängig anstelle der im Textus receptus verwendeten Schriftzeichen youfu有孚. Youfu 有復 bezeichnet den Bericht über die Antwort des Orakels, den der große Orakelmeister an seinen König überbringt. Nachdem diesem Ausdruck auch meist ein oder mehrere Orakelentscheide folgen, habe ich es durchwegs als Zitat des Orakelmeisters bzw. des Orakels selbst gewertet. Das Schriftzeichen fu 復, dessen ursprüngliche Bedeutung »Gehen und Kommen« ist, zeigt somit an, dass der Orakelmeister geht, das Orakel zu befragen, und zur Berichterstattung zum König zurückkommt.Laut Chen Guying ist es ferner so, dass die beiden Schriftzeichenfu 復 undfu 孚 im Kontext der Wahrsagung mit Orakelknochen und Schafgarben in der Bedeutung „Beleg, Nachweis, Beweis“ verwendet wurden.33Das Ergebnis der Orakelbefragung hat gleichsam einen „Nachweis“ erbracht, dem man „vertrauen kann“. „Vertrauen“ ist ebenfalls eine frühe Bedeutung des Schriftzeichensfu孚. So „gibt es“ nach der Rückkehr (fu復) des Orakelmeisters „eine Antwort (youfu 有復)“ des Orakels, welche in Gestalt des Orakels sichtbar nachgewiesen werden konnte. Hier zeigt sich einmal mehr, wie die Andersschreibungen der Mawangdui-Version eine weitere Bedeutungsebene der überlieferten Version offenbaren.
Auffallend bei der Betrachtung dieser Möglichkeiten des Orakelentscheids sind die — in der Übersetzung nur sehr schwer wiederzugebenden — Schattierungen bei den negativen Prophezeiungen. Die Intention dieser differenzierten Abstufung besteht in der Verhinderung eines (vielleicht bevorstehenden) Unglückes, also auch hier wieder die Zielsetzung, Unglück zu vermeiden bzw. dieses in Glück zu verwandeln. Ganz allgemein lässt sich sagen, dass die beiden Extreme »glücksbringend« und »unglücksbringend« stärker auf die weiter entfernte Zukunft, während die anderen Orakelentscheide mehr auf die Gegenwart bzw. nähere Zukunft gerichtet sind.34
Prinzipiell wurde diePinyin-Umschrift wendet. Chinesische Begriffe, Titel und Hervorhebungen erscheinen im Textkursiv.Alte, vor 1911 erschienene chinesische Texte werden nach der Rolle(juan卷)und der Seitenzahl der benutzten Ausgabe zitiert. Die bibliographischen Nachweise in den Fußnoten erfolgten nach dem Prinzip der Angabe des Autors und des Jahres, in dem das zitierte Werk erschienen ist, alle weiteren bibliographischen Angaben sind im Literaturverzeichnis zu finden. In der vorliegenden Übersetzung ist der chinesische Text der Mawangdui-Version der Textus receptus gegenübergestellt. Dabei steht die Abkürzung »HT« für Hexagrammtext und »LT« für Linientext,»MWD« für Mawangdui und »TR« für Textus receptus. Als Originaltext wurde der photomechanische Nachdruck, welcher in dem SammelbandMawangdui hanmu wenwu(S. 106—117) enthalten ist, zugrunde gelegt. Aufgrund der Feststellung, dass die Transkribierung des Originaltextes in derWenwu-Ausgabe von 1984/3 an verschiedenen Stellen zu ungenau ist, wurde zunächst eine originalgetreue handschriftliche Transkribierung vorgenommen, die dann nochmals in die heute üblichen Schriftzeichen übertragen wurde. Grundlage der überlieferten Version desYijingist der Text aus dem Harvard Yenching-Index.
Alle Schriftzeichen, welche im Vergleich zum Textus receptus Andersschreibungen darstellen, sind mit einem nachfolgenden # versehen. Die Schriftzeichen, die infolge von äußerer Beeinträchtigung nur teilweise oder gar nicht mehr zu erkennen sind, aber entsprechend dem Zusammenhang bzw. anderer Textstellen von mir ergänzt wurden, sind in [eckige Klammern] gesetzt. Zeichen, deren Transkribierung in die heutige Schreibweise ungewiss sind, wurden mit <spitzen> Klammern gekennzeichnet. Zeichen, die vollkommen unleserlich sind, wurden mit [] gekennzeichnet, und bei längeren Textlücken wurde die Länge der Textlücke in [cm] angegeben.
Jian 鍵(TR Hexagramm 1 Qian 乾)
HT-TR:乾,元亨,利貞.
Wilhelm: Das Schöpferische wirkt erhabenes Gelingen, fördernd durch Beharrlichkeit.
HT-MWD:鍵#元 亯#利貞.
Das Schloss, der Beginn, das Wachstum, die Reife, die Beständigkeit. Der Stern Jian [leuchtet], bereitet man eine große gekochte Speise als Opfermahlzeit zu, so ist das von vorteilhafter Bestimmung.
Im ersten Hexagramm wird das Prinzip des reinen Yang陽 — im Sinn der einen von den beiden komplementären Wirkkräften, aus welchen ebenso der gesamte Kosmos mit all seinen vielfältigen Erscheinungsformen wie der Mensch selbst besteht - und die ihm eigenen Qualitäten veranschaulicht. Die Verdoppelung des Trigrammes mit den sechs durchgezogenen Linien symbolisiert die Dynamik in ihrer Phase der höchsten Aktualität, weswegen als seine besondere Eigenschaft auch »das Schöpferische« gilt. Die Energie »des Schöpferischen« gibt immer wieder den Impuls zu neuem Leben und bewirkt die Wandlung vom Unbelebten zum Belebten. In der Natur entspricht dem Trigramm qian乾der Himmel, der einerseits durch sein Licht immer wieder neues Leben zu schenken vermag und andererseits den zeitlichen Rhythmus des Menschen bestimmt. Denn das Auf- und Untergehen der Sonne am Himmel, die zyklisch wechselnden Mondphasen und die kreisenden Sternbilder machen die Qualität der Zeit für den Menschen ja erst erfahrbar und lassen ihn sich seiner selbst im Strom der Zeit bewusst werden.35Qian ist im Sinne eines Prozesses das initiatorische Vermögen, das Schöpferische innerhalb eines Prozesses, das nicht mit einem - wie auch immer gedachten - „Schöpfer“ verwechselt werden darf. Qian bildet mit seinem polaren Gegensatz kun 坤, der Erde, „dem Empfangenden“ und somit dem rezeptiven Vermögen eine nicht zu trennende Einheit.
Schließlich symbolisiert das Trigrammqianauch eine Form der Stärke und Stabilität, wie sie aus einer Zusammenballung von Energie entstehen kann. Das Schriftzeichenjian鍵in der Mawangdui-Version bezeichnet zunächst den »Türriegel« in Form eines schweren Holzbalkens, der vor eine Tür geschoben wird, um sie abzuschließen, woraus die allgemeine Bezeichnung »Schloss, Schlüssel« resultiert. Es diente jedoch ebenso als Bezeichnung für die »Griffe« bzw. »Henkel eines Opfergefäßes«, die sich ähnlich wie der Türriegel vor allem durch Stabilität auszeichneten und gleichzeitig den Gebrauch des Opfergefäßes erleichterten bzw. erst ermöglichten. Im Hinblick auf die Position des Schriftzeichens imYijing—als erstes Schriftzeichen überhaupt — darf es sicherlich als Schlüssel, der die Tür zu den 64 Hexagrammen öffnet, verstanden werden. Darüber hinaus versinnbildlicht es den Schlüssel zum Verständnis des kosmischen Wandels ganz allgemein, da die vier Zeichenyuan元 »der Beginn«,heng亨»das Wachstum«,li利 »die Reife« undzhen真»die Beständigkeit«, wie im vorangegangenen Vorwort bereits erläutert, die vier Phasen eines abgeschlossenen Zyklus darstellen und gleichzeitig mit den vier Jahreszeiten korrespondieren. Versteht man die Schriftzeichen hingegen in ihrer Funktion als Orakelentscheid, so ist es in einer »Schlüsselsituation« von vorteilhafter Bestimmung, zuerst eine große Opfermahlzeit zuzubereiten und darzubringen.
In der Astronomie, die in China ja in enger Beziehung zur Kunst der Wahrsagung stand, wurde das Schriftzeichenjian 鍵 auch als Name für einen Stern verwendet, der nordöstlich des 4. Mondhausesfangliegt.Aufgrund der Überzeugung, dass sich das himmlische Geschehen auf der einen und das Staatsgeschehen (jedoch nicht das Volk oder gar ein Individuum) auf der anderen Seite gegenseitig beeinflussen, wurde in der chinesischen Astronomie der gesamte Sternenhimmel zunächst in vier gleichmäßige Segmente eingeteilt - auch die vier Paläste (der östliche, westliche, südliche und nördliche) genannt welche wiederum in 28 Mondhäuser(xiu)unterteilt waren. Jedem Palast waren dabei sieben Mondhäuser zugeteilt. Das Zeichenxiu宿bezeichnet ursprünglich eine Art Stall, der aus Matten gefertigt war und eine Unterkunft bildete, so dass die 28 Mondhäuser als Rastplätze für die Planeten, die Sterne, die Sonne und vor allem den Mond gedacht waren. Die Zahl 28 basiert dabei wahrscheinlich auf der Beobachtung, dass die Sterne und der Mond während einer Phase durchschnittlich 28 Tage benötigen, um zu ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren.36Jedem der einzelnen Mondhäuser entspricht nun ein ganz bestimmter Teil der Regierung bzw. des kaiserlichen Palastes. Das Mondhausfang房wird hierbei sinnbildlich für die Abteilung der Regierungsbeamten und Minister verwendet.
Bereits in den ältesten astrologischen Texten wird berichtet, dass der Sternjian —entsprechend seiner ursprünglichen Bedeutung -den »Schlüssel zu dem Mondhausfangdarstellt und im Regelfall nicht leuchtet. Ist er jedoch ausnahmsweise dennoch zu sehen, so bedeutet dies, dass im Inneren (des Palastes) Unordnung bzw. Unzucht herrscht.37Eine Orakelbefragung unter derartigen Umständen kann jedoch trotzdem von vorteilhafter Bestimmung sein, wenn von der betroffenen (Herrscher-)Familie oder einer entsprechenden Person ein großes Opfer dargebracht wird, welches hier in Form einer gekochten Opferspeise zuzubereiten ist. Das Schriftzeichen 亯unterscheidet sich hier von dem in den folgenden Hexagrammen immer wieder auftretenden Schriftzeichenheng亨welches je nach Stellung im Satz, bzw. in der Kombination mityong用“gebrauchen“ sowohl »ein Opfer darbringen« wie »erfolgversprechend« bedeuten kann.38Bei dem vorliegenden Zeichen handelt es sich jedoch um die ursprüngliche Schreibweise des Zeichenspeng烹, welches im Sinn von »eine Speise kochen und als Opfer darbringen« verwendet wird.
LT-TR:初九潛龍,勿用.
Wilhelm: Anfangs eine Neun bedeutet: Verdeckter Drache. Handle nicht.
LT-MWD:初九#龍勿用.
Am Anfang Neun: Überfluteter Drache; nicht handeln!
Am Anfang Neun: Verdeckter(s) [Sternbild] Drache; nicht handeln!
Der Drache (long 龍) besitzt gerade, aber nicht nur in China eine sehr weitreichende Symbolik.39In den zahlreichen Kommentaren zumYijing
