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Tong - Durchgang, Kommunikation - ist ein zentrales Konzept des chinesischen Denkens. Davon ausgehend entwirft die Sinologin und Medizinwissenschaftlerin Dominique Hertzer eine neuartige, eigenständige "Philosophie des Kommunizierens", die auch im Kontext aktueller Debatten über die kommunikativen Herausforderungen im digitalen Zeitalter einen wichtigen Beitrag zu leisten vermag. Eine besondere Dimension gewinnt das vorliegende Buch nicht zuletzt durch die langjährigen Erfahrungen der Autorin in der Praxis chinesischer Medizin. Kommunikation gehört zu den grundlegenden Bedingungen des menschlichen Daseins. Anhand von chinesischen Originalquellen vermittelt die Autorin einen unserem Denken wenig geläufigen Blick auf das Phänomen der "Durchgängigkeit" (tong), der Voraussetzung für jede Art von "Kommunikation" (tong). Sie verfolgt die verschiedenen Bedeutungsfacetten von "tong" innerhalb des polaren chinesischen Denkens aus fünf verschiedenen Perspektiven. So kann Tong - Durchgängigkeit beispielsweise im Hinblick auf das chinesische Resonanzverständnis als (selbst)kultivierbares Lebensgefühl begriffen werden, das ein neues Verhältnis vom Selbst zum Anderen eröffnet. Ein spannendes Buch für alle, die sich für Kommunikation interessieren - unverzichtbar für alle, die beruflich mit Menschen kommunizieren müssen.
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Seitenzahl: 138
Veröffentlichungsjahr: 2019
Mit den zehntausend Dingen zu kommunizieren – das bezeichnet man als die Freude des Himmels.
(Zhuangzi)
Dominique Hertzer
DURCHGÄNGE
Tong
通
Eine chinesische Philosophiedes Kommunizierens
© 2019 Dominique Hertzer
Umschlag, Illustration: Dominique Hertzer
Lektorat, Korrektorat: Oliver Norkauer
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreihe
40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback 78-3-7482-3710-5
Hardcover 978-3-7482-3711-2
e-Book 978-3-7482-6913-7
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Inhaltsverzeichnis
1. Durchbruch
1.1 Vorgehen
1.2 Lexikalische Bedeutungen für tong通
2. Durch Raum und Zeit
2.1 Durchgängigkeit im Buch der Wandlungen (Yijing易經)
2.2 Tong in den Hexagrammen „der Friede“ und „die Stockung“
2.3 Durchgängigkeit in der Zeit
2.4 Tong und das Wasser
3. Tong – Erkenntnis durch Teilhabe
3.1 Die Erkenntnis des Herzens
3.2 Erkenntnis des Dao道
3.3 Erkenntnis vermöge der Essenz Jing精
4. Durchlässigkeit: Leere und Nichthandeln
4.1 Wuwei無為 – Nicht-Eingreifen
4.2 Die Leere (xu虛) – Fasten des Herzens
4.3 Wollen verhindert Durchgängigkeit
5. Durchgängigkeit und Resonanz
5.1 Resonanz durch Gegensätzlichkeit und Übereinstimmung
5.2 Resonanzen in der Chinesischen Medizin
5.3 Relative und absolute Resonanz
6. Das Leben (ming命)durchdringen
6.1 Das Durchdringen des Lebens in der Chinesischen Medizin
6.2 Die Erkenntnis des Schicksals als geistige Haltung
7. Durch-Drehen
8. Bibliographie
9. Endnoten
1. Durchbruch
Der, der mit dem Dao kommuniziert (tong), ist wie die Achse eines Wagens, er bewegt sich nicht (in sich) selbst, doch mit dem Rad reicht seine Bewegung 1000 Li weit, er dreht sich bis zum Ursprung des Grenzenlosen.
Der, der nicht mit dem dao kommuniziert, ist hingegen verwirrt und verliert die Richtung. Wenn man ihm Ost, West, Süd und Nord erklärt, so ist ihm seine Position klar. Doch sobald das Rad ins Rollen kommt, begreift er es nicht, ist sich (der Richtung) nicht mehr bewusst und wieder völlig verwirrt. So ist er am Ende ein Diener der Anderen, er ist wie ein Fähnchen im Wind, nicht stabil für einen einzigen Moment.1
Die Frage nach dem „Hindurch“, dem Durchgehen, der Durchgängigkeit, dem Durchfluss, dem Durchdringen, der Fortdauer, der (gegenseitigen) Verbindung und Kommunikation – all dies sind mögliche Übersetzungen für das Schriftzeichen tong通 – ist von wesentlicher und oftmals unterschätzter Bedeutung in der chinesischen Philosophie und Medizin. Sie wurde bereits in den ältesten Schriften und dies auf mehrfache Weise gestellt. Vor dem Hintergrund eines eher auf den Prozess als auf den Zustand ausgerichteten Denkens geht es ganz allgemein darum, wie eine gelungene Kommunikation und gegenseitige Durchdringung zwischen Mensch und Kosmos sowie den Menschen untereinander vorzustellen sei und funktionieren könnte.
Die Frage nach dem „hindurch“ – tong通
Die Bedeutung von tong通 im Sinne eines „Hindurch“,eines „Durchganges“,„Durchbruchs“ bzw. der „Durchgängigkeit“,die es zu finden, zu erschaffen oder zu entstehen lassen gilt, ist aus einer chinesischen Perspektive nicht von dem Phänomen des Kommunizierens zu trennen. Denn geglückte Kommunikation gelingt nur vermöge ungehinderter Durch- und Zugänge, die sich jedoch auf vielen verschiedenen Ebenen befinden können.
Kommunikation innerhalb und zwischen den Menschen
Im Folgenden soll auf der Grundlage chinesisch-philosophischer Texte ein, unserem Denken wenig geläufiger Blick auf das Phänomen der „Durchgängigkeit“ (tong通)aufgezeigt werden, die gleichermaßen Ausdruck wie Voraussetzung für jede Art von Kommunikation ist, sei sie medizinischer, sozialer oder gesellschaftlicher Natur.
Tong als Ausdruck und Voraussetzung für Kommunikation
Doch was für viele Fragestellungen der westlichen Philosophie gilt, will man sie auf die chinesische Philosophie anwenden, trifft auch für tong zu. Durchgängigkeit wird nicht als einzelnes philosophisches Konzept verhandelt, es gibt keinen allgemeinen philosophischen Diskurs zu tong. Es ist vielmehr so, dass Durchgängigkeit in den verschiedensten Texten, seien sie philosophischer, medizinischer oder politischer Natur, aufgegriffen und in Beziehung zu anderen Begriffen bzw. Konzepten gesetzt und somit auch unterschiedlich gedeutet wird. Dies hängt nicht zuletzt mit der Polysemie der chinesischen Schriftzeichen zusammen.
Es existiert kein eigenständiger Diskurs zu tong
Hinzu kommt, dass es sich bei tong um einen Begriff handelt, der als impliziter Bestandteil für viele andere Konzepte dient. Um dieser Perspektivenvielfalt Ausdruck zu verleihen, wird das Phänomen der Durchgängigkeit aus fünf verschiedenen philosophischen Blickwinkeln betrachtet, die jeweils einen unterschiedlichen Aspekt von Kommunikation repräsentieren.
Auch aus anthropologischer Sicht und mit Blick auf die Chinesische Medizin ist tong ein impliziter Ausdruck dafür, wie sich der Mensch in seinem Körper und der Welt vorfindet.2
Insofern findet Kommunikation ebenso jenseits von Sprache statt wie sie zu den grundlegenden Bedingungen des menschlichen Daseins gehört:
Kommunikation ist als Ganzes, im Kampf und im Zusammenspiel all ihrer Formen, die ,universale Bedingung des Menschseins und der umfassendste Ursprung des Philosophierens‘.3
Kommunikation: Ursprung der Philosophie
Mit dem technischen Fortschritt und der Digitalisierung hat sich die Dimension von Kommunikation in den letzten Jahrzehnten jedoch ganz wesentlich verändert. So ermöglicht die globale Vernetzung eine Kommunikation mit der ganzen Welt und erschafft über große Distanzen hinweg eine (vermeintliche) Nähe zum Anderen. Inwieweit es jedoch möglich ist, bei dieser Form der Kommunikation dem Anderen tatsächlich zu begegnen, mag in Frage gestellt werden. Denn das Wesen der Kommunikation ist ambivalent, sie benötigt ebenso echte Nähe wie sie echten Abstand erfordert:
Digitalisierung hat die Kommunikation verändert
Die heutige Hyperkommunikation unterdrückt die Freiräume des Schweigens und der Einsamkeit, in denen es möglich wäre, Dinge zu sagen, die es wirklich verdienten, gesagt zu werden. Sie unterdrückt die Sprache, zu der wesentlich das Schweigen gehört.4
Kommunikation benötigt Nähe UND Abstand
Dabei ist die Sprache freilich nur eine Form von Kommunikation. Aus der Perspektive von Byun Chul Han verschwindet das Gegenüber immer mehr aus der eigenen Wahrnehmung und der Kommunikation:
Das Gegenüber verkommt immer mehr zum Spiegel, in dem man sich bespiegelt. Die ganze Aufmerksamkeit gilt dem Ego. ….Wir sind einander Schaufenster, die um Aufmerksamkeit ringen.5
Vor dem Hintergrund eines potentiellen Missverstehens, das eine primär auf sich selbst bezogene Kommunikation mit sich bringt und wie sie uns heute in den sozialen Medien begegnet, mag ein Perspektivwechsel in Gestalt des chinesischen Denkens hilfreich sein, um den Auswirkungen der gegenwärtigen Kommunikationspraxis anders begegnen zu können.
Auf sich selbst bezogene Kommunikation
Bereits die Kontexte, in welchen der Diskurs über Kommunikation geführt wird, unterscheiden sich deutlich von denen des Abendlandes. So ist es dem chinesischen Denken ein wesentliches Anliegen, die Dimension von Raum und Zeit, wie sie sich mit Blick auf die Kommunikation zwischen Himmel und Erde zeigt, auf den Menschen zu übertragen. Ferner wird tong通 ebenso im Sinne einer geistigen Erkenntnis verhandelt wie sie Ausdruck von Resonanzfähigkeit sein kann. Im Hinblick auf die Frage, wie wir in und mit der Welt leben, gilt es sogar die Kommunikation mit dem eigenen Schicksal zu erkunden.
China: andere Kontexte der Kommunikation
Dabei wird sich zeigen, dass Kommunikation und Durchgängigkeit nicht ohne ihr Gegenteil, die „Stagnation“ gedacht werden können. So stellt sich auch die Frage, ob Durchgängigkeit, Verbindung und Kommunikation tatsächlich immer wünschenswert oder herstellbar sind. Welchen Einfluss hat der Mensch auf seine Verbindungen zur Welt und auf die Durchgängigkeit seines eigenen Lebens? Und inwieweit unterscheiden sich die Verbindungen und die Durchgängigkeit der einzelnen Individuen qualitativ voneinander?
Kommunikation nicht ohne Stagnation
Schließlich hat das Konzept von tong („Durchgängigkeit“) in der Szene der Chinesischen Medizin immer mehr an Bedeutung gewonnen, gerade vor dem Hintergrund einer allmählich lauter werdenden Kritik an dem sogenannten „Konstrukt“ TCM. Denn während sich die TCM unter dem Einfluss des maoistisch-kommunistischen Denkens den schulmedizinisch-naturwissenschaftlichen Kriterien gebeugt hat, habe sie viel von ihren ursprünglichen Wurzeln verloren. Dazu gehört auch die Annahme, dass das Konzept „der Durchgängigkeit“ (tong) von Leitbahnen und Organen seine ursprüngliche Bedeutung und Energetik eingebüßt habe und, zumindest teilweise, der naturwissenschaftlichen Standardisierung von Symptomkomplexen zum Opfer gefallen sei. Inwieweit dies so zu verallgemeinern ist oder ob eine solche Haltung nicht (auch) Ausdruck einer abendländischen Idealisierung energetischer Medizinsysteme und einer Sehnsucht nach „Ganzheitlichkeit“ in der Medizin ist, kann und soll an dieser Stelle nicht beantwortet werden.
„Durchgängigkeit“ in der Chinesischen Medizin
Im Huangdi Neijing皇帝内經(Klassiker des Gelben Kaisers) spielt das Konzept von tong zwar durchaus eine Rolle, doch ist es vielen anderen Konzepten gleichgeordnet. So tritt tong通 beispielsweise ebenso häufig auf wie der Begriff xie泄(„ausleiten“).6
Tong im Huangdi Neijing
Die medizinische Vorstellung der Durchgängigkeit (tong通)wurde von Dan Bensky, Charles Chace, Volker Scheid und Yanhua Zhang bereits an anderer Stelle ausführlich dargestellt,7 so dass die vorliegende Untersuchung immer wieder auf die Medizin Bezug nimmt, sie aber nicht in den Mittelpunkt stellt.
Das chinesische Denken ist aufgrund seiner sprachlichen Bedingungen sehr kontextgebunden, weswegen sich unterschiedliche Bedeutungen einzelner Schriftzeichen oder philosophischer Konzepte häufig erst vermöge jeweils wechselnder Kontexte offenbaren. Deswegen werden im Folgenden fünf philosophische Perspektiven auf tong diskutiert. Denn diese demonstrieren – eine jede für sich wie ihre Gesamtheit – die verschiedenen Ebenen der Kommunikation, in die jede Art menschlichen Handelns, auch das medizinische, eingebettet ist.
Fünf Perspektiven auf tong通
1.1 Vorgehen
Ausgangspunkt ist das Buch der Wandlungen (Yijing易經)mit seiner Auffassung zum Wirken von tong in Raum und Zeit (Kap.2) und der Frage, wie Kommunikation – ebenso wie ihr Gegenteil sai塞(„das Hindernis, die Verstopfung“) – als Ausdruck des polaren Verhältnisses von yin陰 und yang陽 vorzustellen sind.
Tong in Raum und Zeit
Dies führt uns führt uns unmittelbar zum Aspekt von tong im Sinne einer geistigen Durchdringung (Kap.3). Wir werden sehen, dass tong zu einer Erkenntnis durch Teilhabe führt, die sich vor allem durch eine Verbindung zum dao道 und dem Einen (yi一 ) auszeichnet.
Tong als geistige Durchdringung
Voraussetzung hierfür ist eine Durchlässigkeit des eigenen Herzens (Kap.4), die erfordert, das Herz zu entleeren, da die Leere (xu虛)in diesem Fall keinen Mangel, sondern ein großes Potential darstellt. Nachdem Denken, Erkenntnis und Handeln im chinesischen Denken nicht scharf voneinander getrennt sind, ist die Durchlässigkeit des eigenen Herzens unmittelbar mit der daoistischen Vorstellung vom Nicht-Eingreifen (wuwei無為) verbunden. Es wird zu zeigen sein, dass Durchgängigkeit oftmals nur durch wuwei erreicht werden kann. Denn viele Situationen sind durch ein Moment der „Unverfügbarkeit“ gekennzeichnet, da wir sie entweder gar nicht oder nur indirekt beeinflussen können.
Leere und wuwei als Voraussetzung für tong
Überdies besteht eine unmittelbare Verbindung zwischen tong通 und dem Phänomen der Resonanz (ganying感應). So entstehen viele Verbindungen – auch eine geglückte Kommunikation – nicht vermöge einer Ursache-Wirkungsbeziehung, sondern durch Resonanz (Kap.5).8
Resonanz und Durchgängigkeit
Dies führt uns schließlich zu der Frage, wie es dem Einzelnen gelingen kann, mit sich selbst und der Welt in Kommunikation zu bleiben. Voraussetzung hierfür ist, dass er sein eigenes Leben und Schicksal in Gestalt von ming命 zu durchdringen vermag. (Kap. 6). Hier wird die philosophische durch die medizinische Ebene ergänzt, da die geistige Haltung und die Gesunderhaltung des Organismus gleichermaßen bedeutsam für das eigene Schicksal sind. So mögen uns die dadurch gewonnenen Einsichten schließlich zu einem gewissen Durchblick auf das Phänomen der Durchgängigkeit als Ganzes und in seinen verschiedenen Facetten verhelfen (Kap.7).
Durchgängigkeit und das eigene Schicksal
Diese Perspektiven können nicht nur vor dem Hintergrund der oben erwähnten Auswirkungen der zunehmenden Globalisierung von Bedeutung sein, sondern der Blick auf das chinesische Denken zeigt uns ebenso neue Kommunikationsformen wie bislang ungedachte Voraussetzungen für eine gelungene Kommunikation.
Um die unterschiedlichen Übersetzungen und Assoziationen zu tong in den einzelnen Kapiteln besser nachvollziehen zu können, gilt es zunächst kurz das ursprüngliche Auftreten von tong通 sowie seine wichtigsten lexikalischen Bedeutungen zu skizzieren.
1.2 Lexikalische Bedeutungen für tong通
Bereits die älteste lexikalische Bedeutung des Schriftzeichens tong通 reflektiert die charakteristische Bedeutung von „durch“. Im ersten Wörterbuch Shuowenjiezi (1. Jh.v.Chr.) wird tong mit dem Schriftzeichen da達 gleichgesetzt, welches ursprünglich „sich an die Oberfläche bewegen, ins Offene gelangen“ bedeutet und später meist im Sinne von „erreichen, durchdringen oder verstehen“ verwendet wird. Doch zunächst repräsentiert es das Sprießen einer Pflanze und ihren Durchbruch durch die Oberfläche der Erde ans Licht.
Tong 通 in der Bedeutung von „durch“
Das Schriftzeichen tong通 begegnet uns sehr vereinzelt bereits auf den Ursprüngen der chinesischen Schrift, den Orakelknocheninschriften. Dort erkennen wir als linken Bestandteil das Radikal für „gehen“ 彳,der rechte Bestandteil ist hingegen, im Unterschied zur späteren und heute üblichen Schreibweise yong勇,der Lauter yong用.
Tong auf den Orakelknocheninschriften
Tong wird auf den Orakelknocheninschriften als Name für einen angrenzenden Feudalstaat verwendet, der angegriffen werden sollte:
Divination im 34. Jahr, zu Beginn des zehnten Monats greift der König den angrenzenden Staat tong an.9
Beide lautangebenden Bestandteile, also yong用 und yong勇 sehen nicht nur sehr ähnlich aus, sondern haben auch dieselbe Aussprache. Die etwas späteren Bronzeinschriften lassen bereits die heute übliche Schreibweise mit eben diesem Lauter yong勇 erkennen.
Dort ist es abgesehen von der Bedeutung „erreichen, durchdringen“ häufig in Kombination mit dem Schriftzeichen lu祿(„gutes Omen“; „Beamtengehalt“) in der Bedeutung „glücksverheißend“ bzw. „erfolgversprechend“ anzutreffen.
Tong通 in der Bedeutung von „erfolgversprechend“
Eine weitere frühe lexikalische Bedeutung von tong通 im Shuowenjiezi zeigt sich im Zusammenhang mit der Erklärung für das Schriftzeichen für „König“ (wang王):
Als man in alter Zeit die Schriftzeichen machte, verband man die drei Striche (der Zahl drei, san ) in der Mitte durch einen weiteren Strich und bezeichnete das als
„König“ (wang王). Die drei symbolisieren den Himmel, die Erde und den Menschen, und das, was die drei miteinander in Verbindung bringt (tong) ist der König. Konfuzius sagt:‘ Die eins (der eine Strich) durchzieht die drei und macht sie zum König‘.10
Tong schafft hier – in Gestalt des einen vertikalen Striches – eine vertikale Verbindung zwischen Himmel, Mensch und Erde, so dass der König – im Sinne der ursprünglichen Bedeutung des Schriftzeichens– nicht aufgrund seiner hierarchisch höheren Stellung und der damit einhergehenden Macht, sondern vermöge seiner verbindenden Qualität zum Herrscher wird. Der König verbindet Himmel, Erde und Mensch zu einer Einheit bzw. Gesamtheit. So finden wir als weitere Bedeutung für tong通 auch den Aspekt des „Gesamten“ oder „Vollständigen“.
Tong: Verbindung zwischen Himmel-Mensch-Erde
Das Shuowenjiezi verwendet den Begriff tong auch an vielen weiteren Stellen im Sinne dieser verbinden Qualität von oben und unten:
Oben und unten stehen in Verbindung (tong) miteinander.11
Abgeleitet von diesen frühen Bedeutungen des „Durchbrechens“, „der Durchgängigkeit“ und „des Verbindens“ finden wir als lexikalische Bedeutung für tong auch „durchbohren“.
Mit dem „Durchbohren“ ist häufig das Ausbaggern und Kanalisieren der Wasserwege gemeint, welches ursprünglich dem mythischen Kaiser Yu zugeschrieben wurde:
Tong: „durchbohren“
Der große Yu hat sich Verdienste erwiesen, er hat die Überschwemmungen gestoppt und das Unheil vom Volk abgewendet… Er hat im Norden die neun Flüsse kanalisiert, die Gebiete der zwölf Inseln durchgängig (tong) gemacht und die drei Flüsse ausgebaggert.12
Die Regulierung der Wasserwege ist bis in die moderne Zeit hinein eine wesentliche Aufgabe der Regierung, um den Frieden und die Ernährung des Volkes sicherzustellen. Sie steht ferner in engem Zusammenhang mit der Chinesischen Medizin, wo es ebenfalls darum geht, die Lebenskraft (qi氣)in den Gefäßen und Leitbahnen zu regulieren und sie durchgängig zu machen.
Regulierung der Wasserwege
Wenn die Gefäße nicht durchgängig sind, dann fließt das Blut nicht.13
Diese Regulierung der Wasserwege bzw. der Lebenskraft soll „Offenheit“, bzw. einen „ungehinderten Zugang“ bewirken, mit dem Ziel ein „freies Zirkulieren“ (tong) der Lebenskraft (qi氣)zu gewährleisten. In Assoziation hiermit steht auch die Bedeutung „reibungslos, gelingen, oder „erfolgreich“, wie sie uns bereits auf den Orakelknocheninschriften begegnet war.
Tong: „Offenheit“, „ungehinderter Zugang“
Tong通 in der Bedeutung „Durchdringen“ meint ferner auch das „geistige Durchdringen“, im Sinne eines „gründlichen und allumfassenden Verstehens“– weswegen tong auch „Experte“ meint – und nicht zuletzt Voraussetzung für jede gelungene Form von Kommunikation ist:
Durchdringt (versteht) man das dao von hell und dunkel so weiß man (um die Wandlungen).14
Tong: allumfassendes Verstehen
Die Verwendung von tong im Sinne von „rein, unvermischt (an Substanz oder Farbe)“ lässt einen weiteren Aspekt der Durchgängigkeit erkennbar werden:
Aus der reinen(durchgängigen) Seide werden die Flaggen hergestellt.15
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass tong通 primär als Verb verwendet wird, was unser Augenmerk mehr auf den Prozess als auf den Zustand lenken soll. Viele der hier aufgeführten Bedeutungen beschreiben einen bestimmten Aspekt im oder eine Perspektive auf den Prozess des „Durchgängigmachens“ bzw. „Kommunizierens“.
Tong wird primär als Verb verwendet
Nachdem all die eben aufgeführten Bedeutungen jedoch abhängig vom jeweiligen Kontext sind, gilt es im Folgenden die verschiedenen Aspekte von tong im Hinblick auf die unterschiedlichen Kontexte auszuloten, mit dem Ziel andere Kommunikationsformen ebenso wie bislang ungedachte Voraussetzungen für eine gelungene Kommunikation kennen zu lernen.
Ausgangspunkt sind dabei die Fragen wie Kommunikation ganz prinzipiell in Raum und Zeit vorzustellen sei, ob sie immer wünschenswert oder herstellbar sei und welches Verhältnis zum Gegenteil von tong – im Sinne der „Stockung“ – besteht.
