Das Möbel-Handbuch - Frida Ramstedt - E-Book

Das Möbel-Handbuch E-Book

Frida Ramstedt

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Beschreibung

Worauf sollte man beim Auswählen oder Umstellen von Möbeln besonders achten? Welche Maße und Details sind bei einem Möbelstück besonders wichtig? Wie arrangiert man verschieden große Stücke am besten miteinander?  Egal, welchen Stil das eigene Zuhause hat: Wir alle wollen, dass unsere Räume einladend und gemütlich wirken. Das Geheimnis dahinter sind Möbelstücke, die den individuellen Lebensstil unterstreichen. In ihrem faszinierenden Handbuch verrät die schwedische Bloggerin und Bestsellerautorin Frida Ramstedt die hierfür wichtigsten Regeln: vom perfekten Esstisch zur idealen Sitzgelegenheit bis zur Anordnung der Wohnzimmermöbel werden die grundlegenden Prinzipien vermittelt, die Einrichtungsprofis heute anwenden - und was wir daraus lernen können. Mit so einfachen wie eleganten Illustrationen ist Das Möbel-Handbuch Ihr Schlüssel, um schöne, persönliche Räume in Ihrem Zuhause zu schaffen. 

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

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FRIDA RAMSTEDT

Das Möbel-Handbuch

Ein Leitfaden für Auswahl, Anordnung und Pflege von Objekten in Ihrem Zuhause

Aus dem Schwedischen von Anja Lerz

ullstein extra

Inhalt

VORWORT

Machen Sie es sich bequem

1

MIT DEM KÖRPER ALS MASSSTAB

Anthropometrie

Der ergonomische Balanceakt

Proxemik

2

DES KAISERS NEUE MÖBEL

Komfort, Kunstwerk, Konzept oder Cashcow?

Qualitätskriterien für Möbel

Gutes Holz und hochwertige Arbeit

3

SITZMÖBEL

Stühle

Hocker

Barhocker

Bänke

Schreibtischstühle

Sofas

Sessel

Schaukelstühle

4

TISCHE

Esstische

Klapptische

Couchtische

Kleine Tische

Schreibtische

Nachttische

5

STAURAUM

Kleiderschränke

Kommoden

Bücherregale

Vitrinen

Sideboards

Fernsehtische

Flurmöbel und Wandgarderoben

6

BETTEN

Die Wahl des Bettes

Was versteckt sich im Bett?

Matratzen

Kopfteile

Etagenbetten

Kinderbetten

Schlafsofas

7

MATERIALIEN

Holz

Furniere

Verbundwerkstoffe

Stein

Leder

Textilien

Metalle und Legierungen

Glas

8

ZEITLEISTE

Von der Armut zur Ästhetik

9

PLANUNGSGRÖSSEN UND KONZEPTE

Bedienbereiche

Möblierbarkeit

Das Näheprinzip

Das ABL-Prinzip

Raumformen, Figuren und Zonen

Lichteinfall und Schatten

Der Kontrasteffekt

Lichtreflexionswert

Anhang

Gütezeichen in der Möbelbranche

Schlusswort

Quellen und Leseempfehlungen

Verzeichnis der abgebildeten Möbel

Dank

Machen Sie es sich bequem

Was genau soll das eigentlich heißen? Natürlich kann man die Aufforderung ganz unterschiedlich interpretieren, aber dann könnte man auch sagen: Nehmen Sie Platz, setzen Sie sich oder: lehnen Sie sich zurück und fühlen Sie sich wie zu Hause. Eine gut gemeinte Geste, die heutzutage jedoch lange nicht bei allen Möbeln und Einrichtungsformen umsetzbar ist. So vieles spricht uns optisch an, ist aber unfassbar unbequem für den Körper. Wie kommt das? Und was können wir dagegen tun?

In meinem ersten Buch habe ich Tipps und Tricks von erfahrenen Raumausstattern und Stylisten verraten und die Grundprinzipien einer gelungenen Inneneinrichtung geschildert. In diesem Buch nun versammle ich Fachwissen und Faustregeln von Möbeldesignern und Tischlern: Alles, was man wissen muss, wenn man Möbel kaufen möchte, die schön und bequem sind.

Je mehr ich über das Thema Einrichten lerne, desto mehr begreife ich, dass ich es nicht beherrsche. Klingt vielleicht schräg, aber ich denke, umgekehrt betrachtet ergibt es durchaus Sinn: In dieser Erkenntnis liegt Sprengkraft. Wenn mir mit meinen siebzehn Jahren Berufserfahrung im Bereich Raumausstattung und Inneneinrichtung immer noch so viele wichtige Einzelheiten in Bezug auf Konstruktion und Funktion von Möbeln neu sind, bin ich damit wohl kaum allein. Diese Perspektive hilft mir, das Potenzial darin zu erkennen, dass mein Wissen ausbaufähig ist, anstatt das als Problem wahrzunehmen.

In den vergangenen zehn Jahren haben wir mehr Geld für Einrichtung ausgegeben als je zuvor. Wir kaufen nicht nur mehr und teurere Sachen für unser Zuhause, sondern auch immer mehr Möbel, die wir vor dem Kauf gar nicht ausprobiert haben. Außerdem standen uns noch nie zuvor so viele Auswahlmöglichkeiten wie heute zur Verfügung; Internet und Onlineshopping sei Dank können wir in jedem Winkel der Welt einkaufen. Trotzdem gibt es erstaunlich wenig handfeste Informationen darüber, was wirklich wichtig ist und was man wissen sollte – einmal abgesehen von Tipps zur Farbgebung und bezüglich der Frage, welcher Stil diese Saison gerade angesagt ist.

Innendesign: Ein Handbuch für alle, die ihr Zuhause lieben schrieb ich, weil ich kein vergleichbares Buch finden konnte. Das Buch, das Sie nun in Händen halten, ist quasi aus der gegenteiligen Situation heraus entstanden: Genau genommen gibt es eine Unmenge an Büchern, die sich mit Verbraucherinformationen zum Thema Möbelwahl befassen. Die meisten davon sind jedoch über siebzig Jahre alt. Ratschläge, die in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts aktuell waren, werden dem enormen Angebot und den neuen Materialien und Produktionsmethoden von heute aber einfach nicht mehr gerecht. In der Einrichtungsbranche haben sich in den vergangenen Jahrzehnten bahnbrechende Veränderungen vollzogen, in der Fachliteratur aber so gut wie gar keine.

Heute wissen wir oft eher, welche Stühle uns optisch ansprechen, als welche wir bequem finden. Manchmal muss man sich sogar erst einmal vergewissern, ob man auf den Traumstühlen überhaupt sitzen kann. Sind sie einzigartige Skulpturen oder auch bequem? Und falls ja – für wen? Was sind denn eigentlich die wichtigsten Bewertungs- und Vergleichskriterien bei einem Möbelstück, worauf muss man bei einer fundierten Entscheidung achten? Wenn wir nachhaltiger und langfristiger konsumieren möchten, ist es nicht nur wichtig, das Bewusstsein für Fragen hinsichtlich besserer Materialwahl und kürzerer Transportwege zu schärfen, sondern auch, ernsthaft danach zu streben, unsere Einrichtung persönlicher zu gestalten – davon bin ich überzeugt. Wir erwarten schließlich auch nicht, dass ein und dasselbe Jeans-Modell auf alle Hintern passt, wie könnten wir das dann von ein und demselben Stuhl erwarten?

Mancher malt abstrakte Kälber,

und wird als Genie verehrt.

Doch wer schreinern möchte selber,

muss Hand anlegen ehrenwert.

Mancher dichtet frei und vage

und wird mit reichlich Lob beschenkt.

Doch einen Tisch für alle Tage

bringt nur zustande, wer klar denkt.

Unendlich ist der Träume Land

das Auge schwärmt von Wunderdingen,

doch die Intelligenz der Hand

kann kein Mensch je erzwingen.

Alf Henriksons Gedicht »Handen« (»Die Hand«)

Mit dem Körper als Maßstab

Dass bequeme Möbel bequem oder unbequeme Möbel unbequem sind, ist kein Zufall. In diesem Kapitel erfahren Sie, welche Messpunkte ausgebildete Möbeldesigner beim Entwerfen ihrer Stücke normalerweise berücksichtigen, aber auch, auf welche Maße Sie bei sich beim Ausprobieren und Bewerten achten sollten, um besser entscheiden zu können, welche Passform optimal für Sie geeignet ist. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, oder wie war das? Aber es geht nicht nur um unterschiedliche Geschmäcker, sondern vor allem um sehr unterschiedliche Formen.

Anthropometrie

Der Körper ist der Maßstab, den wir immer zur Verfügung haben. Indem wir uns selbst als Ausgangspunkt nehmen, lernen wir, die Proportionen der Objekte in unserer Umgebung einzuschätzen und zu verstehen. Auch bei der Passform und der Anwendbarkeit der Dinge, die wir schaffen, spielt der »Maßstab Mensch« eine entscheidende Rolle. Wenn ein Möbeldesigner ein Möbelstück entwirft, das nicht nur schön aussehen, sondern auch einen gewissen Nutzwert haben soll, sind statistische Daten der angepeilten Zielgruppe deshalb das wichtigste Handwerkszeug.

Die Lehre von den Körpermaßen des Menschen und der Proportionalität der Körperteile heißt Anthropometrie, ein Wort, das sich vom Griechischen anthropos (Mensch) und metron (Maß, Messwerkzeug) ableitet. Indem man eine größere Anzahl Menschen vermisst, erhält man Daten, mittels derer die statistische Normalverteilung berechnet werden kann. Einfacher ausgedrückt: Man ermittelt, welche Maße am häufigsten vorkommen.

Messpunkte in Stillstand und Bewegung

Bei der Vermessung des menschlichen Körpers wird zwischen strukturellen und funktionellen Maßen unterschieden. Die strukturellen Maße beziehen sich auf bestimmte Messpunkte am stillstehenden Körper, die funktionellen dagegen beschreiben unsere Schritt- und Reichweite und den Raum, den wir in der Bewegung oder bei der Durchführung bestimmter Aktivitäten benötigen. Das funktionelle Maß wird mitunter auch als dynamisches Maß bezeichnet. Dabei sind diese Begriffsdefinitionen oder exakte Maße gar nicht so wichtig. Es geht vielmehr darum, die Grundprinzipien zu verstehen und zu berücksichtigen, dass die Definitionen und Maße dabei eben eine Rolle spielen.

Beim Gehen oder aber beim Stehen benötigen wir unterschiedlich viel Platz – logisch, oder? Ebenso liegt es auf der Hand, dass wir abhängig von unserer jeweiligen Körperlänge eine unterschiedlich große Reichweite haben, etwa, wenn wir zu einem Oberschrank in der Küche hinauflangen. Demselben Gedankengang entsprechend verwundert es dann auch nicht, dass der gleiche Sessel von unterschiedlichen Personen mit unterschiedlichen Körperformen oder Sitzpositionen unterschiedlich wahrgenommen wird.

WUSSTEN SIE, DASS …?

Homo mensura, also Protagoras’ These, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, ist das Motto der 1923 gegründeten Möbelschule der Dänischen Kunstakademie. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum sich die dänischen Designklassiker aus dem 20. Jahrhundert bis heute so gut halten.

Äußerlichkeiten, auf die es ankommt

Das anthropometrische Maß wird angewendet, um Produkte zu entwickeln, die so vielen Menschen wie nur möglich gerecht werden. Das bedeutet, man strebt nach einem Produkt, dessen physische Passform für so viele Mitglieder der gedachten Zielgruppe wie möglich geeignet ist.

Traditionell galten in der schwedischen Häuserplanung die Männer als der ausschlaggebende Maßstab für den Platzbedarf, beispielsweise hinsichtlich der Höhe und Breite von Türöffnungen. Andererseits geben Frauen, die ganz allgemein betrachtet häufig nicht ganz so hochgewachsen sind, die Reichweite vor, also wie hoch der höchste Regalboden oder die Kleiderstange im Kleiderschrank angebracht werden sollte.

Wichtige Messgrößen für Raumausstatter und Möbeldesigner

Ein kurzer Rundumblick in der Stadt reicht, um festzustellen, dass alle Menschen unterschiedlich groß sind und es zudem bei der ein und derselben Größe eine Menge unterschiedlicher Körperformen gibt. Für Designer von Möbeln und anderen Objekten gibt es sowohl Bücher als auch Aus- und Fortbildungen, bei denen man lernt, wie man Möbel so entwirft, dass sie für möglichst viele Menschen bequem sind.

Es folgen einige Maße aus dem Standardwerk Human Dimensions & Interior Space (1979), die als Grundlage für das Beurteilen von Abständen und Orientierungshilfe bei konstruktionstechnischen Fragen dienen. Auch Ihnen helfen diese Maße gewiss weiter, weil Sie mit diesem Wissen die formbedingten Funktionen der Möbel rascher erfassen.

Maße im Stehen

A. Körperhöhe

Nützliche Messwerte zur Festlegung von Standardmaßen und Mindesthöhen für alle möglichen Elemente, von Türstöcken und ‑blättern bis hin zur Höhe von Hindernissen, die sich über dem Kopf befinden (wie Deckenleuchten oder Regalen).

B. Augenhöhe im Stehen

Damit lässt sich unter anderem die optimale Höhe für alles Mögliche bestimmen, von Sichtschutzwänden und Bilderhängungen bis hin zur Anordnung von Leuchten. Auch die kleinste Person im Haushalt sollte in der Lage sein, aus dem Fenster zu schauen und ihr Gesicht im Badezimmerspiegel zu sehen.

C. Schulterbereich

Mithilfe der Maße von Schulterhöhe und ‑breite beurteilen wir die optimale Breite, Gestaltung und Höhe der Rückenlehnen von Sofas, Sesseln und Stühlen – aber auch die Sitzbreite mehrerer Personen nebeneinander, da die Schultern vieler Menschen breiter sind als ihre Hüften.

D. Ellenbogenhöhe stehend

Wird für die standardisierte Höhe von unter anderem Spülen und Arbeitsflächen in Küchen verwendet, in denen im Stehen gearbeitet wird, aber auch für Waschtische in Badezimmern. Laut dem von der schwedischen Verbraucherzentrale herausgegebenen Buch Kök, planering och inredning (1972) sollte sich der Ellenbogen etwa 10 Zentimeter über der Oberfläche der Arbeitsplatte befinden, wenn man den Oberarm locker herabhängen lässt und den Unterarm nach vorn dreht. In Human Dimensions & Interior Space (1979) wird diese Angabe sogar präzisiert: Der Abstand sollte 7,6 Zentimeter betragen.

E. Kniehöhe

Die Kniehöhe dient zum Beispiel dazu, die richtige Höhe von Stühlen und Sitzmöbeln zu bestimmen. Auch bei der Gestaltung von Tischen dient sie als Richtschnur, um zu verhindern, dass man gegen das Untergestell stößt.

F. Reichweite in der Senkrechten

Wird für die Bestimmung der Standardabmessungen des obersten Regals von beispielsweise Küchenschränken, Bücherregalen, Vitrinen, Kleiderschränken, Garderoben und Hutablagen verwendet.

G. Maximale Körpertiefe

Um die Tiefe des Körpers zu vermessen, orientiert man sich an dem – von der Seite betrachtet – vordersten und dem hintersten Punkt des Körpers. Vorn befindet sich der Punkt mit der größten Tiefe häufig in Brusthöhe, hinten dagegen meist im Bereich des Gesäßes. Dieses Maß eignet sich unter anderem dazu, den Bedarf an Mindestdurchgangsmaßen in engen Räumen abzuschätzen.

H. Maximale Körperbreite

Die maximale Entfernung zweier Punkte etwa auf Schulter-/Achselhöhe, von vorne betrachtet. Dieses Maß wird zur Berechnung von allem Möglichen herangezogen, von der Mindestbreite von Rückenlehnen bis zu Türöffnungen. Hier sind Fehler schnell passiert, denn auch die Bewegungsfreiheit (das funktionale Maß) muss berücksichtigt werden, um sicherzustellen, dass man sich nicht eingeengt fühlt.

Maße im Sitzen

A. Popliteale Höhe

Die Höhe der Kniekehle wird im Sitzen gemessen und gibt den Abstand zwischen der Fußsohle und dem unteren Teil des Knies an. Anhand dieses Wertes wird die geeignete Höhe, Form und Ausführung von beispielsweise Stühlen und Polstermöbeln festgelegt.

B. Popliteale Länge

Diese Messung bezieht sich auf den horizontalen Abstand von der Innenseite des Knies/des Unterschenkels bis zum äußersten Punkt der Gesäßrückseite. Sie wird für die Bestimmung der geeigneten Tiefe von Sitzmöbeln wie Stühlen, Sofas, Sesseln und auch Toiletten verwendet. In diesem Fall reicht das Augenmaß oft schon aus, um zu erkennen, dass viele Sessel und Sofas viel zu tief sind, weshalb man auf ihnen mit ausgestreckten Beinen sitzen muss.

C. Oberschenkel im Sitzen

Man misst von der Sitzfläche bis zum höchsten Punkt des Oberschenkels. Dieses Maß wird beispielsweise bei der Gestaltung von Tischen angewandt, damit man nicht mit den Beinen an das Untergestell stößt, es ist aber auch für Sie als Käufer nützlich, um Fehlanpassungen oder Zusammenstöße zu vermeiden. Nachdem sich der Größte aus der Familie auf einen Ihrer Stühle gesetzt hat, messen Sie doch einmal, wo sich der höchste Punkt der Oberschenkel befindet, und vergleichen Sie das Ergebnis mit dem Abstand zum niedrigsten Punkt der Tischplatte oder des Untergestells. Ist genug Luft dazwischen oder stößt derjenige mit den Beinen an den Tisch?

Hüftbreite sitzend

Wie breit sind Ihre Hüften und Ihr Gesäß im Sitzen? Bei Stühlen mit höherer Rückenlehne und Seitenwangen oder Armlehnen ist dies ein hilfreicher Richtwert, denn bei zu geringem Abstand fühlt man sich schnell eingeengt.

Breite der Ellenbogen

Gibt den Abstand zwischen den Ellenbogen an. Anhand dieses Maßes lässt sich berechnen, wie viele Personen an einem Esstisch Platz haben, wenn sie mit Messer und Gabel essen (was schnell mal vernachlässigt wird, ob Sie es glauben oder nicht), oder wie viel Platz man am Schreibtisch zum Zeichnen und Schreiben benötigt.

GEOGRAFISCHE UNTERSCHIEDE

Völlig wertfrei können wir aufgrund anthropometrischer Messungen festhalten, dass es bei den Körpermaßen der Menschen in verschiedenen Teilen der Welt geografische Unterschiede gibt. Im Laufe der Zeit haben sich Gene und sozioökonomische Faktoren (wie der Zugang zu nahrhaften Lebensmitteln und sauberem Wasser) in den verschiedenen Regionen der Welt unterschiedlich entwickelt, wodurch, so wird vermutet, das Wachstum und die durchschnittlichen Körpermaße der jeweiligen Bevölkerung beeinflusst wurden.

Und was hat das nun mit Ihnen zu tun? Im Bereich der Möbelbranche ist dies von großer Relevanz, weil es unter Umständen Probleme mit sich bringt, Möbel und Einrichtungsgegenstände aus anderen Teilen der Welt zu bestellen, da die Abmessungen und Standards von den uns vertrauten abweichen können. Das kann dazu führen, dass das Einrichtungspuzzle sich nicht wie erwartet zusammenfügt oder die Passform der Möbel nicht ganz Ihrer Körperform entspricht.

Der ergonomische Balanceakt

Wussten Sie, dass der Kopf etwa fünf Kilogramm wiegt? Wir balancieren also quasi eine kleine Bowlingkugel auf unserem Körper. Vor diesem Hintergrund ist es leicht nachzuvollziehen, dass auch die Berechnungen hinter gut gemachten Möbeln ein ergonomischer Balanceakt sind.

Die meisten kennen das Konzept der Ergonomie wahrscheinlich vom Arbeitsplatz und wissen, dass es dabei um das Zusammenspiel von Mensch und Arbeitsmitteln geht. Die Ergonomie ist ein interdisziplinäres Fachgebiet, in dem Kenntnisse aus Biologie, Technik und Psychologie kombiniert werden, um Gesundheitsrisiken zu verringern und Unfälle zu vermeiden. Wichtig war das Wissen über Ergonomie ursprünglich vor allem fürs Büro, aber da heute immer mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten, liegt es nahe, sich auch Gedanken über die Ergonomie im häuslichen Bereich zu machen.

1. Ein Möbelstück, das ohne Berücksichtigung des menschlichen Wohlergehens entworfen wurde, trägt eher zu einer Sitzhaltung bei, die den Körper belastet.

2. Die natürliche S‑Kurve des Rückens, die ein gut konzipiertes Möbelstück unterstützen sollte.

Wie sieht Ihre Ergonomie zu Hause aus? Wie setzen Sie Ihren Körper im täglichen Leben ein? Sitzen Sie anständig auf Ihren Stühlen? Schlafen Sie bequem in Ihrem Bett? Wie stehen Sie beim Kochen in der Küche? Wie ist die Beleuchtung in Ihren Räumen positioniert und ausgerichtet?

Für jemanden, der sich gleich in die kreative Phase der Inneneinrichtung stürzen will, klingt das vielleicht sehr trocken – aber in ein paar Jahren werden Sie sich dafür bedanken, dass Sie nicht nur an den Raum, sondern auch an Ihr eigenes Wohl gedacht haben, da bin ich mir ganz sicher.

Bei der Wahl eines Bürostuhls für die Arbeit machen sich die meisten Gedanken über die Ergonomie, beim Serienschauen auf dem Sofa oder bei einem ausgiebigen gemeinsamen Essen am Küchentisch denken wir allerdings kaum über unsere Sitzhaltung nach. Mit der Zeit kann man jedoch auch dadurch Rückenschmerzen oder Nackenprobleme bekommen. Deshalb halte ich es für absolut angebracht, solcherlei Dinge auch bei der Anschaffung von Möbeln, die nicht für die Arbeit bestimmt sind, im Hinterkopf zu behalten, schließlich nutzen wir sie ja ebenfalls stundenlang und können uns dabei ebenso im Laufe der Zeit Verletzungen durch wiederholte Beanspruchung (englisch Repetitive-Strain-Injury-Syndrom oder kurz RSI-Syndrom) zuziehen.

WUSSTEN SIE, DASS …?

Die Krümmung der menschlichen Wirbelsäule nach vorn wird als Lordose bezeichnet. Am Beckenkamm, etwa dort, wo man den Gürtel trägt, sollte die Lordose gestützt werden. Wenn man sich auf einem Stuhl zurücklehnt, benötigt der Körper in diesem Bereich am meisten Halt, damit der Rücken seine natürliche Form behält.

In unserem täglichen Leben kommt den Möbeln die Aufgabe zu, das Gewicht unseres Körpers so zu verteilen, dass wir uns ausruhen können, ohne die natürliche S‑Kurve unseres Rückens zu stören. Im Sitzen wird unser Gewicht hauptsächlich von unseren Sitzbeinhöckern getragen, wodurch unsere Füße und Knie entlastet werden. So können sich die nicht beanspruchten Muskeln entspannen. Ungünstig gestaltete Möbel hingegen führen mitunter dazu, dass ein Teil des Körpers auf Kosten anderer geschont wird, weil das Gewebe gestaucht, die Durchblutung behindert und die Hüfte in einer Position nach vorn geschoben wird, durch die sich die Wirbelsäule krümmt, was wiederum den Hals dazu veranlasst, die Fehlhaltung auszugleichen – er wird zusätzlich belastet.

Proxemik

Neben den physischen Messungen gibt es auch Theorien über unser emotionales Bedürfnis nach Abstand zu anderen Menschen, die bei der Planung von Möbeln miteinbezogen werden sollten. Je nachdem, wie gut wir die Menschen um uns herum kennen oder welche Tätigkeit wir ausüben wollen, gilt es, unterschiedliche Abstände zu berücksichtigen. In der Fachsprache wird dies Proxemik genannt, nach dem lateinischen Wort proximare für »sich nähern«. Dabei handelt es sich um ein Forschungsgebiet, das sich mit der Frage nach Nähe und Distanz zwischen Mensch und Objekt beschäftigt. Und warum ist das bei der Auswahl von Möbeln so interessant? Weil es bei dem Abstand zwischen den Sitzplätzen auf einem Sofa oder der Breite eines Tisches eben nicht nur darum geht, wie viel Raum wir für unseren Körper benötigen, sondern auch für unser Wohlbefinden. Gut möglich, dass wir rein körperlich durchaus in der Lage wären, näher neben jemandem auf dem Sofa zu sitzen, wir uns damit aber schlicht nicht wohlfühlen würden. Diese Distanzen variieren von Kultur zu Kultur; man spricht gewöhnlich von Hoch- und Niedrigkontaktkulturen. Das Konzept der Proxemik wurde 1963 von dem amerikanischen Forscher und Anthropologen Edward T. Hall eingeführt, der vier Zonen identifizierte, die Ihnen bei der Einrichtung Ihrer Wohnung nützlich sein können. Um Halls Ideen anzuwenden, braucht man nicht mit einem Meterstab zu hantieren. Meiner Meinung nach führt es schon zu deutlich besseren Entscheidungen, wenn man sich die Bereiche einfach nur grob vorstellt.

A.Intimdistanz:0 bis 45 Zentimeter.

B.Persönliche Distanz(bei einem Gespräch etwa): circa 45 Zentimeter bis 1,20 Meter

C.Soziale Distanz:circa 1 bis 3 Meter

D.Öffentliche Distanz(im öffentlichen Raum): über 3 Meter Abstand

Des Kaisers neue Möbel

Skandinavisches Design folgt seit Langem dem Leitspruch »Form follows function«. Für die kompromisslose Verbindung von Ästhetik und Ergonomie, Kunstfertigkeit und Konstruktionstechniken sind wir international bekannt. Aber mal ganz ehrlich: Stimmt das noch? Wenn man bedenkt, welche Möbel wir heute in großen Mengen kaufen und welche Modelle in Magazinen und anderen Medien die meiste Aufmerksamkeit erhalten? Das Interesse an der Inneneinrichtung und die Bereitschaft, in das eigene Heim zu investieren, hat in den vergangenen Jahrzehnten enorm zugenommen, keine Frage. Aber haben unser Wissen und unser Sinn für Funktionalität und Qualität bei Möbeln mit dieser Entwicklung Schritt gehalten – oder sich gar verschlechtert?

Vom englischen Windsor-Stuhl inspirierter Sprossenstuhl in vier Varianten, mit vier unterschiedlichen Schwerpunkten. 1. Klassisch (bequem) 2. Kunstwerk (skulptural) 3. Konzeptuell (experimentell) 4. Kommerziell (rationalisiert)

Komfort, Kunstwerk, Konzept oder Cashcow?

Klingt seltsam, ist aber so: Man kann sich nicht immer darauf verlassen, dass ein Stuhl ein Stuhl ist – oder gar, dass er mit dem Gedanken an Komfort entworfen wurde. Hinter den Formen und Proportionen der heutigen Möbel stecken unzählige Beweggründe und Zielsetzungen. Manche sind eher Skulpturen oder Kunstobjekte als Sitzmöbel, während andere das Ergebnis konzeptioneller Experimente von Designern und Herstellern sind, denen es vor allem darum geht, ihren Namen oder ihre Marke in Szene zu setzen – und nicht Sie auf einen Stuhl, in eine bequeme Position.

Einige Möbel haben sich auch zu wichtigen Einsteiger- und Massenprodukten entwickelt, etwa Stühle, weil sie so oft als Ensemble verkauft werden. Wer Stühle an einen Kunden liefert, wird wahrscheinlich mehr als einen verkaufen, mit etwas Glück auch noch einen dazu passenden Tisch – und wie wäre es noch mit einer Lampe?

Und mit einem Mal geht es für die Einzelhändler um so hohe Summen (und bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern um hohe Zinssätze für Kredite), dass sich der Kampf um den Kunden nicht nur auf die Tageseinnahmen auswirkt, sondern womöglich sogar auf den gesamten Jahresumsatz, wenn es gelingt, eine größere Menge Menschen für sich zu gewinnen. Da liegt es nahe, zugunsten besserer Gewinnspannen oder ästhetischer Reize Kompromisse bei der Ergonomie und den menschlichen Proportionen einzugehen.

Ich möchte klarstellen, dass dies kein Entweder-oder sein muss: Die Form stellt nicht unbedingt das Gegenteil von Funktion dar. Ein Designer muss in der Lage sein, eine solche Dualität zu schaffen, das ist die Grundlage seiner Arbeit. Dennoch bleibt der Komfort erstaunlich oft auf der Strecke. Vielleicht, weil nicht immer Möbeldesigner als Produktmanager tätig sind, sondern eher Einkäufer und Betriebswirte oder eben diejenigen, die sich besser mit Marketing und Strategie als mit Tischlerei auskennen.

Die Möbel im Geschäft auszuprobieren, anstatt sie nur online zu bestellen, bietet natürlich eine gewisse Orientierungshilfe, aber eigentlich fühlt sich das meiste doch ganz passabel an, wenn man sich nur kurz hinsetzt. Jeder, der schon einmal eine Bergwanderung unternommen hat, kann das wahrscheinlich bestätigen – dabei kommt einem selbst ein harter Felsen manchmal unerwartet bequem vor. In der Regel merkt man erst dann, wo die Probleme liegen, wenn man einen Stuhl über einen längeren Zeitraum hinweg einem Belastungstest unterzogen hat, also welche Schwachstellen die Möbel haben, wie sich die verschiedenen Teile nach ein paar Stunden Benutzung anfühlen und andere wichtige Aspekte – die man vielleicht hätte bedenken sollen, bevor man ein halbes Dutzend davon mit ebenso vielen Wochen Lieferzeit bestellt. Für die Herstellung von Möbeln für öffentliche Einrichtungen gelten strenge Anforderungen, während vieles, was an Privatpersonen verkauft wird, so weit rationalisiert wurde, dass es die Bezeichnung Möbel eigentlich nicht mehr verdient. Ich habe mal gehört, wie jemand dieses Phänomen als das Supermarktbrot der Raumausstattung bezeichnet hat: Zwischen dem Aussehen und der tatsächlichen Wahrnehmung der Dinge gibt es einen enormen Unterschied.

Je mehr Sie über die Grundsätze für die Konstruktion von Stühlen erfahren, desto mehr wird Ihnen auffallen, wie oft Kunst und Konzept, vor allem aber der Kommerz, Vorrang vor Komfort und Nutzen haben.

Qualitätskriterien für Möbel

Was macht eigentlich – abgesehen von seinem ästhetischen Wert – die Qualität eines Möbelstücks aus? Bevor wir uns mit der Anatomie der Möbel befassen und ihre Bestandteile analysieren, finden Sie hier einige Anhaltspunkte, die bei den weiteren Betrachtungen nützlich sein werden.

Gebrauchswert

Wie sieht es mit der Zweckmäßigkeit des Möbelstücks aus? Inwieweit eignet es sich für den vorgesehenen Zweck? Der tatsächliche Gebrauchswert der heutzutage verkauften Möbel ist sehr unterschiedlich. Viele Möbelstücke sind zwar schön, aber längst nicht alle in gleichem Maße zweckmäßig.

Werkhöhe

Ich habe irgendwo gelesen, dass die Poesie der Handwerkskunst genauso wichtig ist wie die Wunder der neuen Technologien. Eleganter kann ich es auch nicht ausdrücken, wenn es darum geht, die handwerkliche Leistung hinter einem Möbelstück zu erkennen. Bei genialen Konstruktionen geht es nicht um Abkürzungen, sondern um die Feinheiten, durch die sich Design von der Dutzendware abhebt.

Zweck und Zusammenhang

Ist das Möbelstück für den Zweck konzipiert, für den Sie es verwenden möchten? Nehmen wir einmal den klassischen Kaffeehausstuhl: Er ist das Ergebnis einer rationalisierten industriellen Herstellung und verfügt über viele Eigenschaften, die in der Gastronomie besonders geschätzt werden. Er sieht gut aus und ist kompakt, sodass viele Gäste auf kleinem Raum Platz finden, und wiegt auch nicht viel, sodass man die Tische rasch umstellen kann. Ausgehend von dem heutigen Wissensstand über Ergonomie und das Thema Sitzen ist der Sitzkomfort allerdings nicht gerade optimal. In einem Café macht das nicht so viel aus, dort möchte man schließlich, dass die Gäste nicht allzu lange verweilen. Aber wenn solche Stuhlmodelle in Privathaushalten Einzug halten und im Trend liegen, sieht die Sache schon ein bisschen anders aus. Dort will man sich schließlich zu langen gemütlichen Mahlzeiten zusammenfinden und es bequem haben. Reißt man ein Möbelstück aus seinem ursprünglichen Zusammenhang heraus, ist oft der neue Kontext das Problem, nicht das Objekt selbst.

Langlebigkeit

Wie gut halten die Möbel dem Verschleiß durch den täglichen Gebrauch stand? Einige Hersteller führen selbst Tests durch und bewerten die zeitliche Belastbarkeit, damit sie für eine bestimmte Nutzungsdauer Garantien geben können. Andere wiederum machen keine Angaben dazu und hoffen, dass man nicht danach fragt.

Nachhaltigkeit

Wie wurden die Möbel hergestellt und wo? Welche Materialien wurden verwendet, und wie wurden sie transportiert? Wie wirkt sich das auf die für uns alle wichtigen natürlichen Ressourcen und auf die Menschen in der Produktionskette aus?

Sicherheit

Ist das Möbelstück sicher? Für jeden? Gibt es Schwachstellen oder Mängel in der Bauweise, die Menschen oder anderen Gegenständen schaden könnten? Dieser Punkt ist in den verschiedenen Ländern unterschiedlich geregelt, wird aber leicht übersehen, wenn man Möbel aus dem Ausland bestellt.

»Die Aufgabe des Möbelarchitekten besteht darin, eine gute Funktion mit einer ausdrucksstarken Form zu verbinden.«

Erik Berglund, Tala om kvalitet (Über Qualität reden)

Gutes Holz und hochwertige Arbeit

In der Möbelbranche wird heute viel über Nachhaltigkeit geredet, aber meist geht es dabei vor allem um das Material, weniger um die handwerkliche Fertigung oder die Feinheiten der Konstruktion. Dabei sind bezüglich der Frage, wie lange wir ein Möbelstück benutzen können und (viel wichtiger) wollen, Komfort und Verarbeitung mindestens genauso wichtig. Gerade in diesem Bereich gibt es viel Neues zu lernen und zu bestaunen. Daher lehne ich mich mal aus dem Fenster und verspreche Ihnen, dass Sie nach der Lektüre dieses Buches Möbel mit einem ganz neuen Blick betrachten werden!

Wie wäre es, wenn wir Autos auf die gleiche Weise bewerteten, wie wir es inzwischen aus der Presse in Bezug auf neue Möbel gewohnt sind? »Hersteller X hat ein neues Fahrzeug auf den Markt gebracht, das in zehn verschiedenen Farben erhältlich ist. Die stromlinienförmige Karosserie ist von der Natur inspiriert.« Und sonst so? Wie fährt es sich? Wie hoch ist seine Höchstgeschwindigkeit, welche technischen Eigenschaften hat es? Was verbirgt sich unter der Motorhaube, und zeichnet sich das Design durch etwas Einzigartiges oder Innovatives aus? Was hat der Hersteller gut, was weniger gut gemacht?

Völlig undenkbar, dass ein Motorjournalist bei der Vorstellung eines neuen Fahrzeugmodells keine Fragen zur Funktion oder zum Design stellt! Doch bei der Berichterstattung über Innenarchitektur gehen die meisten kaum über subjektive Urteile zur Ästhetik eines neuen Möbelstücks und zur Inspiration des Designers hinaus. Dabei kosten viele exklusive Möbelstücke und Lampen inzwischen mindestens so viel wie ein Kleinwagen und werden im Alltag von uns genauso oft genutzt, wenn nicht sogar intensiver.

Ist ja auch nicht so, als würde alles auf dem Möbelmarkt mit dem gleichen Maß an Sorgfalt und Qualität hergestellt. Und zwar mit voller Absicht. Einige Hersteller greifen zu Tricks, um die Preise zu senken und Mängel geschickt zu kaschieren, was uns Verbrauchern die Beurteilung zusätzlich erschwert. Von Möbelkäufern wird außerdem erwartet, dass sie intuitiv wissen, wie man die verschiedenen Elemente am besten miteinander kombiniert. Dabei sind alle Möbel Teamplayer, und der Beruf des Raumausstatters erfordert eine mehrjährige Ausbildung. Wenn wir unsere Einkäufe nach Hause geliefert bekommen, führt das daher nicht selten zu Kopfzerbrechen und Frust. Da haben wir wochenlang auf etwas gewartet, und dann passt das womöglich nicht einmal zu den Möbeln, die wir bereits zu Hause haben. Aber selbst dieses Problem wird bei den heutigen Einrichtungsanregungen oft nicht berücksichtigt. Nicht einmal offenkundige Ungenauigkeiten werden in den Homestorys aufgezeigt (meistens bleiben sie sogar unerwähnt). Deswegen tun wir diesen Unsinn vielleicht mit einem Achselzucken ab, werden unzufrieden und tauschen Möbel vorschnell aus, lange bevor ihr physisches Leben zu Ende ist. Ich glaube, so langsam verstehen Sie meine Verdrossenheit, oder? Vor diesem Hintergrund wundert es mich, dass wir keine höheren Anforderungen an diejenigen stellen, die über Raumgestaltung berichten und schreiben – es geht um so viel mehr als nur um das Beschreiben des Aussehens und der Bezugsquellen.

In den vergangenen Jahren haben die Meldungen an die Allgemeine Beschwerdekammer zugenommen. Vermutlich, weil nicht alles, was verkauft wird, den Standards entspricht, die wir für selbstverständlich halten.

Die schwedische Verbraucherschutzbehörde hat kürzlich einen Test von Etagenbetten für Kinder durchgeführt, bei dem nur eines von siebzehn als ausreichend sicher eingestuft wurde! Wir haben es also mit einem großen Problem zu tun: Trotz Zertifizierungen und Sicherheitsanforderungen, trotz EU‑Normierung und verschiedener Kennzeichnungen finden immer noch nicht ordnungsgemäß konstruierte Möbel den Weg in unsere Wohnungen und unser Leben, weil wir sie in gutem Glauben kaufen.

Sitzmöbel

Neben dem Bett kommt Sitzmöbeln für viele oft eine hohe Bedeutung zu. Ein gut gemachter Stuhl, ein Sofa oder Sessel, der den Körper am Ende eines langen Tages umfängt, fühlt sich fast wie eine Umarmung an, ist ein sicherer Ort, der einen Moment der Ruhe und neue Energie bietet. Das Leben ist viel zu kurz, um ungemütlich zu sitzen. In diesem Abschnitt befassen wir uns mit Begriffen wie Sitzwinkel, Rückenlehnen, Oberflächen und wichtigen Körperkontaktpunkten, damit Sie sich in dem riesigen Angebot einen Überblick verschaffen und eine bessere Vorstellung davon entwickeln können, welche Modelle Sie bequem finden und warum.

Stühle

Beginnen wir mit dem Gegenstand, auf dem man am häufigsten sitzt – dem Stuhl. Man sagt, er sei die Bewährungsprobe für Möbeldesigner, wie die Soße für einen Koch. Ein gut gemachter Stuhl ist ein Balanceakt zwischen Form, Funktion, Proportion und Stabilität. Selbst ein Blinder vermag oft schnell zu erkennen, ob bei einem Stuhl eine handwerkliche Werkhöhe gegeben ist oder nicht. Allerdings ist es im heutigen Handelsverkehr nicht immer möglich, Probe zu sitzen, und das Angebot so groß, dass es gar nicht zu schaffen ist, alle Modelle auszuprobieren.

Glücklicherweise lässt sich die Fähigkeit, Möbel einzuschätzen und die grundlegende Grammatik der Designsprache zu verstehen, so weit trainieren, dass Sie schon per Augenmaß eine Vorstellung davon bekommen, was Ihrem Körper guttut und was nicht – fast so intuitiv wie mithilfe der Körperwahrnehmung.

DER ÅKERBLOM-STUHL

BENGT ÅKERBLOM (1901–1990) war ein schwedischer Arzt. Er vertrat die Ansicht, dass die Stühle, die zur Zeit seines beruflichen Wirkens auf dem Markt waren, den unteren Rücken nicht ausreichend stützten, weil die Strebe der Rückenlehne zu weit oben angebracht war. Außerdem war er der Meinung, dass sich Sitzfläche und Rückenlehne eines Stuhls nicht in einem 90‑Grad-Winkel treffen sollten, die Lehne vielmehr zur besseren Entlastung des Rückens leicht nach hinten geneigt sein müsste. Åkerblom empfahl zudem, die Standard-Sitzhöhe der Stühle so weit zu senken, dass die Füße auf dem Boden einen guten Stand haben. Dies vermeide Druck auf die Unterseite der Oberschenkel und fördere so die Durchblutung der Beine und Füße. Infolge der niedrigeren Sitzhöhe müssten auch die Tische niedriger gestaltet werden, um Schulterverspannungen zu verhindern.

Åkerblom beauftragte den Architekten Gunnar Eklöf, auf der Grundlage seiner ergonomischen Prinzipien eine Reihe verschiedener Stühle zu entwerfen, die von mehreren Fabriken hergestellt und unter dem Namen Åkerblom-Stuhl verkauft wurden. Zwischen 1949 und 1958 wurden etwa 120 000 Åkerblom-Stühle verkauft, 45 000 davon ins Ausland. Bengt Åkerblom interessierte sich brennend für Anatomie und Ergonomie und promovierte 1948 mit seiner Dissertation Standing and Sitting Posture (Die Haltung des Menschen im Stehen und Sitzen). Die charakteristische Krümmung der Stuhllehne wurde als Åkerblom-Knick bekannt und inspiriert Möbeldesigner bis heute.

Die Anatomie des Stuhls

Für die Analyse eines Stuhls muss man ihn in seine Hauptbestandteile zerlegen. Dabei gibt es vorrangig drei Dinge, die es einzeln und in ihrer Beziehung zueinander zu bewerten gilt: die Sitzfläche, die Lehne und die Beine.

Die Sitzfläche

Obwohl uns von Kindheit an beigebracht wird, am Esstisch still zu sitzen, tun wir das in der Praxis nur selten. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zwischen guten und schlechten Stühlen ist, dass wir in der Lage sein müssen, darauf gelegentlich die Position zu wechseln. Beim Essen beispielsweise müssen wir unsere Sitzposition mehrmals ändern können: Zum einen, weil wir ständig automatische Signale von den inneren Organen des Körpers (über das Muskelspindelsystem) erhalten, dass es Zeit für einen Wechsel ist, und zum anderen, weil wir in der Lage sein müssen, unsere Arme und unseren Oberkörper zu bewegen, wenn wir mit Besteck essen, das Essen zum Mund führen oder nach dem Trinkglas auf dem Tisch greifen. Eine gut geformte Sitzfläche sollte Unterstützung und Entlastung bieten, ohne den Körper in einer statischen Position zu fixieren.

Zu tief sollte die Sitzfläche auch nicht sein, da wir uns sonst nicht mit dem Rücken an der Lehne abstützen können. Vorzugsweise ist sie etwas kürzer als der Abstand zwischen Gesäß und Knie, da wir andernfalls unsere Beine nicht beugen können und Gefahr laufen, wie eine Puppe mit ausgestreckten oder baumelnden Beinen dazusitzen. Die Kante des Sitzes in der Nähe der Kniekehle sollte sanft abgerundet sein, wie ein Wasserfall, ohne scharfe Kanten, die das empfindliche weiche Gewebe kurz vor der Kniekehle eindrücken oder einschneiden könnten. Nach Möglichkeit sollte zwischen der Vorderkante des Sitzes und der Kniekehle ein paar Fingerbreit Platz sein, damit die Unterseite des Beins, wo sich oberflächliche Blutgefäße und Nerven befinden, nicht belastet wird. Dies soll den Blutfluss in den Beinen bei langem Sitzen erleichtern, damit es nicht zu einer Stauung in den Beinen kommt. Ist die Sitzfläche zu kurz, zu knapp oder zu schmal, drückt sie gegen die Außenseite der Oberschenkelmuskeln, was bei längerem Sitzen ebenfalls Beschwerden verursachen kann.

Ein Stuhl mit verstellbarer Rückenlehne sollte eine Sitzfläche haben, die vorn nach oben geneigt und vorzugsweise griffig (nicht rutschig) ist, damit der Unterkörper nicht nach vorn gleitet und der Rücken bei längerem Sitzen, etwa bei einer Tischgesellschaft, nicht in eine unbequeme Position gerät.

Die Form der Sitzvorderkante, die Tiefe und die Neigung der Sitzfläche beeinflussen den Sitzkomfort eines Stuhls oft maßgeblich.

Und zuletzt ist es wichtig, darauf zu achten, ob die Sitzhöhe gut mit dem Abstand zwischen Fußsohle und Kniekehle harmoniert (mehr zur poplitealen Höhe im Abschnitt über Anthropometrie auf Seite 14).

Wenn der Sitz zu hoch ist, erreichen wir den Boden nicht mit den Fußsohlen, ist er zu niedrig, bilden die Knie einen spitzen Winkel. Das fühlt sich beinahe an, als säße man in der Hocke, und das ist auf Dauer nicht sonderlich bequem.

Worauf Sie bei der Sitzfläche achten sollten

• Größe, Form und Konturen der Sitzschale müssen zu Ihrem Po passen.

• Die Sitztiefe sollte nicht zu großzügig bemessen sein – sonst reichen Sie nicht mehr an die Rückenlehne, die Ihren Oberkörper erheblich entlasten soll.

• Die Sitzhöhe muss stimmen. Denken Sie daran, dass das Sichtmaß bei gepolsterten Stühlen von den Maßen beim tatsächlichen Gebrauch abweichen kann. Um zu prüfen, ob die Sitzhöhe zum vorgesehenen Tisch passt, messen Sie sie immer im zusammengedrückten Zustand (also wenn jemand auf dem Stuhl sitzt). Vergessen Sie dabei nicht, dass ein schwerer Mensch einen Polstersitz stärker zusammendrückt als ein leichter. Bereits wenige Zentimeter können einen erheblichen Unterschied ausmachen und zu unnötigen Verspannungen in Schultern und Nacken führen.

• Die Vorderkante des Sitzes ist sanft abgerundet oder wasserfallförmig, nicht scharf oder kantig.

• Die Sitzfläche ist leicht nach hinten geneigt, damit Sie nicht rutschen oder sich anstrengen müssen, um eine bequeme Sitzposition beizubehalten.

Die Rückenlehne

Stühle, die eine leicht nach hinten geneigte Rückenlehne haben, sind zu bevorzugen, weil sie eine bequemere Sitzposition am Tisch bieten und eine Entlastung des Oberkörpers ermöglichen, ohne ihn zu blockieren. Durch die leichte Rückwärtsneigung werden außerdem der Sitzwinkel und die Hüfte um etwas mehr als 90 Grad geöffnet, was die Durchblutung erleichtert.

Die Rückenlehne sollte weder zu hoch noch zu gerade oder zu schmal sein, sonst wird der Körper eingeengt, was dazu führt, dass man das Kinn nach vorn schiebt oder nur schwer die Sitzposition wechseln kann. Die Rückenlehne muss sowohl breit als auch stabil genug sein, um das Gewicht des Oberkörpers zu tragen, andernfalls sitzt man praktisch auf einem Hocker. Ich vergleiche das Gefühl gerne mit dem Tragen von zu kleiner Unterwäsche: Wenn BH‑Träger in den Rücken schneiden, kann einem das den ganzen Tag verderben, egal, wie schön die Kleidung ist, die man darüber trägt.

Höhe und Form der Rückenlehne im Verhältnis zu den Schulterblättern, dem Neigungswinkel des Rückens und der Unterstützung im Lendenwirbelsäulenbereich (Lordosenstütze) sind oft ausschlaggebend dafür, wie bequem das Zurücklehnen auf einem Stuhl ist.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die senkrechte Wölbung der Rückenlehne und die Position der Lordosenstütze, sprich, wie hoch sie sich über der Sitzfläche befindet, denn dies beeinflusst die Sitzqualität. Fehlt sie ganz, plumpst der Rücken bei schlechter Haltung ins Leere wie ein Brief in den Briefkasten.

Form und Position der Rückenlehne im Verhältnis zur S‑Kurve des Rückens wirken sich auf Komfortgefühl und Entlastung aus.

Ohne eine Lordosenstütze 17 Zentimeter über der Sitzfläche besteht die Gefahr, dass sich die Lendenwirbelsäule (bei längerem Sitzen) krümmt, was zu Beschwerden und Schmerzen führen kann.

Worauf Sie bei der Rückenlehne achten sollten

• Die Neigung der Rückenlehne, denn sie beeinflusst den Sitzwinkel des Stuhls und die Möglichkeit, die Hüfte um mehr als neunzig Grad zu öffnen.

• Die Höhe der Rückenlehne, denn sie wirkt sich darauf aus, wie stark Sie den Stuhl als Entlastung für Ihren Oberkörper empfinden. Eine zu niedrige Rückenlehne bietet wenig Halt, eine zu hohe Rückenlehne schränkt möglicherweise die Bewegungsfreiheit des Kopfes ein und führt dazu, dass man sich nach vorn lehnt.

• Die Breite der Rückenlehne, aber auch ihre Wölbung in der Waagerechten und ihre Form beeinflussen den empfundenen Sitzkomfort, wenn man sich nach hinten lehnt. Eine konkave Rückenlehne ist oft bequemer als eine gerade, da sie dem Oberkörper mehr Bewegungsfreiheit bietet und der Sitzende seine Position auf dem Stuhl besser anpassen kann.

• Oberfläche und Struktur der Lehne können beim Anlehnen mehr oder weniger bequem sein. Mitunter scheuern Rückenlehnen mit einer dreidimensionalen Struktur und/oder Hohlräumen oder üben Druck auf die Wirbelsäule oder empfindliche Stellen aus, sodass es einem manchmal beinahe so vorkommt, als würde man sich an ein Nagelbrett anlehnen.

Beine, Streben und Stege

Mit dem Fußboden verbunden ist der Stuhl durch Beine und Stege beziehungsweise die Mittelstrebe des Stuhls. Ihre Anzahl, Positionierung und Neigung bestimmt, wo der Schwerpunkt des Stuhls liegt und wie stabil der Stuhl sowohl bei Benutzung als auch bei Nichtbenutzung ist. Drehen Sie den Stuhl ruhig einmal um und schauen Sie sich die Eckklötze unter der Sitzfläche an, die geben nämlich Aufschluss über die Verarbeitungsqualität und die Haltbarkeit des Stuhls.