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Wer in Geschichten verstrickt ist, lebt intensiver – ich erzähle, also bin ich. Doch nicht nur das eigene Leben wird als Narration prägnanter. Mittels Erzählungen gelingt es uns auch, die Erfahrungen eines einzelnen Menschen zu solchen von vielen anderen zu machen. Dazu müssen unsere Gehirne und die Weisen, wie wir Geschichten erzählen, aufeinander abgestimmt sein. Doch wie genau geschieht das? Fritz Breithaupts brillantes Buch unternimmt eine Neubestimmung des Menschen als narratives Wesen. Narratives Denken, so zeigt er, wird stets mit spezifischen Emotionen belohnt, und das heißt: Wir leben, wie wir leben, weil wir diesen Belohnungsmustern folgen. In Narrationen kann darüber hinaus aber auch immer alles anders kommen, und ebendies erlaubt uns den Aufbruch zu neuen Ufern.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
3Fritz Breithaupt
Das Narrative Gehirn
Was unsere Neuronen erzählen
Suhrkamp
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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2022
Der vorliegende Text folgt der Originalausgabe, 2022
© Suhrkamp Verlag AG, Berlin, 2022
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Umschlaggestaltung: Brian Barth
eISBN 978-3-518-77247-8
www.suhrkamp.de
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Einleitung
Ich bin im falschen Film
Im richtigen Film sein
Fragen und Thesen
Grundbegriffe
Kapitel 1 Das Denken in Episoden: Vom Chaos zur Ordnung
Segmentierung: Anfang und Ende (Neurowissenschaften)
Die Mitte (Gustav Freytag)
Zusammenfassung
Kapitel 2 Was sind Narrationen?
Zwei Definitionen
Ereignis, Perspektive
Gedankenexperiment
Funktionen von Narration
Zusammenfassung
Kapitel 3 Stille-Post-Spiele
Kausalität (Frederic Bartlett)
Vulnerabilität (Brüder Grimm)
a. Kinder als Helden
b. Entdeckung der Veränderbarkeit
c. Die Narration der Verwundbarkeit
d. Die Struktur der List
e. Das doppelte Märchen: Die Belohnung der Verwundbarkeit
f. Verwundbarkeit als Ideologie und Waffe
Emotionale Bewertungen (Experimental Humanities Laboratory)
Zusammenfassung
Kapitel 4 Emotionen als Belohnung des narrativen Denkens
Tagträume
Triumph
Staunen als Belohnung von Neugier
Genugtuung bei verdienter Strafe (Satisfaktion)
Rührung, vor allem Rührung als Resultat von Wiedererkennung
Überraschung und Neuheit
Lachen als Entschärfung des Peinlichen
Liebe und Erotik als narrative Emotionen
Zusammenfassung
Kapitel 5 Das Narrativ als Antwort auf eine Krise
Was ist ein Narrativ?
Narrative zur Beendung von Krisen: Das Beispiel von 9/11
Narrative Therapie
Fehlende Narrative. Was ist das künftige Corona-Narrativ?
Zusammenfassung
Kapitel 6 Identität als Pathologie
Lob der Spielbarkeit (Tulpamancie)
Tracking. Zur Genese des Konstrukts von Person
Rechtfertigen als Basis der narrativen Person
Identität als Pathologie
Zusammenfassung
Kapitel 7 Multiversionale Wirklichkeit, vielschichtige Narrationen
Antizipation (
predictive brain
)
Multiversionalität (Spannung)
Modell des multiversionalen Denkens
Narratives Denken
Zusammenfassung
Kapitel 8 Evolution des narrativen Gehirns: Die Bühne als Geburtsort der Bewusstseinsmobilität
Geteilte Aufmerksamkeit
Der Darsteller: Von der Täuschung zur Vorführung für die anderen
Der Beobachter: Die Kultivierung der Rezeptivität
Narrative Elemente der frühen Bühne
Zusammenfassung
Ausblick Auszug aus der narrativen Unmündigkeit
Danksagung
Anmerkungen
Einleitung
Kapitel 1 Das Denken in Episoden: Vom Chaos zur Ordnung
Kapitel 2 Was sind Narrationen?
Kapitel 3 Stille-Post-Spiele
Kapitel 4 Emotionen als Belohnung des narrativen Denkens
Kapitel 5 Das Narrativ als Antwort auf eine Krise
Kapitel 6 Identität als Pathologie
Kapitel 7 Multiversionale Wirklichkeit, vielschichtige Narrationen
Kapitel 8 Evolution des narrativen Gehirns: Die Bühne als Geburtsort der Bewusstseinsmobilität
Ausblick Auszug aus der narrativen Unmündigkeit
Bibliographie
Informationen zum Buch
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Warum verbringen wir so viel Zeit mit Narrationen? Damit meine ich nicht nur die Filme, die wir uns reinziehen, und die Bücher, die wir lesen, sondern auch die vielen Unterhaltungen, die wir darüber führen, wer was mit wem gemacht hat, die Posts in den sozialen Medien sowie unsere eigenen Gedanken dazu, was wir in bestimmten Situationen tun sollen, die uns wie kleine Clips erscheinen können, welche wir anschauen.
Die Antwort auf diese erste Frage ist einfach: In den Narrationen erleben wir die Erlebnisse von anderen mit und teilen ihre Erfahrungen. Das ist möglich, weil wir uns in Narrationen ja an die Stelle von anderen versetzen können und dann tatsächlich »ihre« Erfahrungen selbst machen. Wir müssen nicht selbst auf eine Herdplatte fassen, nicht selbst eine Bank überfallen oder unseren Partner betrügen, um zu erkennen, dass das vielleicht keine so gute Idee ist. Etwas in uns hält uns davor zurück, und das ist nicht die Moral oder das bessere Wissen, sondern eine irgendwie schon gemachte Erfahrung. Und zugleich kommen wir durch Narrationen in den Genuss, auch das Verbotene einmal zu erproben. Auf Englisch sagt man so schön: »You can't have your cake and eat it.« Doch mit Narrationen können wir ebendies: Wir können die Erfahrungen (narrativ, mental) machen und zugleich die Handlungen nicht ausführen. Wir verdoppeln unser Leben. Wir können auch bereits Getanes ein zweites Mal 10miterleben oder uns eine geplante Handlung vor Augen führen – von minimalen Reaktionen bis zu den großen Lebensentscheidungen.
Insofern ist narratives Denken ein großartiges Medium des Erlebens und Planens. Man muss kein Evolutionsbiologe sein, um zu erkennen, dass narratives Denken einen echten Überlebensvorteil bietet. Wir sind so auf mehr Lebenssituationen vorbereitet und können künftiges Handeln planen. Wir lernen alle voneinander und uns gelingt dabei etwas Unglaubliches: Die Erfahrungen von einem Menschen können zu den Erfahrungen von anderen Menschen werden. Wir sind keine Einzelwesen, sondern ein Netzwerk von Individuen. Schwämme, Ameisen und Säugetierherden schaffen es nur in Fällen unmittelbarer Gefahr, diese Erfahrung als blinde Panik weiterzugeben. Wir dagegen multiplizieren unsere Erfahrungen ständig.
Doch hier stellt sich eine zweite Frage: Warum lassen wir uns auf dieses narrative Denken ein? Nur weil etwas uns Selektionsvorteile verschafft, machen wir es nicht. Wir lassen uns ja auch auf die mühselige Fortpflanzung mit all den Problemen der Partnersuche nicht ein, weil sie unseren Genen bei der Verbreitung hilft, sondern weil Sex uns magisch anzieht und die Liebe uns glücklich macht. Umgekehrt ist nicht alles, was wir tun, in evolutionärer Hinsicht sinnvoll. Ich wage es etwa zu bezweifeln, dass die hier in den USA beliebtesten Nahrungsmittel meinen Mitbürgern guttun.
Diese zweite Frage, warum wir uns auf das narrative Denken einlassen, ist die Ausgangsfrage, mit der sich dieses Buch beschäftigt. Auch hier werden wir eine einfache These als Antwort geben: Wir lassen uns auf das narrative Denken ein, weil es uns mit dem Erleben von Emotionen belohnt. Die jeweilige Emotion ist an sich bereits etwas, das wir positiv 11bewerten. Und zugleich haben die meisten Emotionen auch je eigene Stoppfunktionen, die uns erlauben, aus der Narration auszusteigen. Die narrativen Emotionen, von denen in diesem Buch die Rede sein wird, bestimmen, wie wir leben und auch wie wir gut leben.
Diese These wiederum wird uns zu einem dritten Gedanken führen. Narrationen machen uns in einem gewissen Sinne süchtig. Oder vorsichtiger gesagt: Bestimmte narrative Abfolgen prägen sich uns so sehr ein, dass wir sie immer wieder aufsuchen und uns an sie gewöhnen. Jeder hat da seine eigenen Schwächen. Manche wollen sich als Helden sehen, andere zelebrieren dagegen Opferrollen, denen sie emotional etwas abgewinnen können. Hier stellt sich die Frage, ob uns das narrative Denken, das uns aus unserem engen Dasein hinausführt und das Leben anderer miterleben lässt, nicht auch gefangen hält. Anders gefragt: Können wir unsere »Narrative ändern«, wie heutzutage gerne gesagt wird?
Damit kommen wir zu einer letzten, großen Frage, zu der danach, wer wir sind, weil wir in Narrationen denken, miterleben und leben. Sind wir narrative Lebewesen?
Jeder ist seines Glückes Schmied, so heißt es. Aber vor allem kennen wir den umgekehrten Fall: Wir graben uns unsere Grube selbst. Das heißt nicht nur, dass wir unbeabsichtigt in die Fallen tappen, die wir anderen stellen. Vielmehr vertiefen wir unser Unglück immer wieder, indem wir unsere Weltsicht auf ein solches Unglück ausrichten. Wer kennt nicht einen Pessimisten, für den noch die beste Nachricht irgend12wie zum Beleg seines Unglücks wird. Man möchte solch einen Pessimisten rütteln und schütteln, doch es würde nichts ändern, sondern ihm nur wieder bestätigen, dass alle gegen ihn sind, inklusive der Freunde, die ihn schütteln. Es ist offensichtlich nicht leicht, seine Muster zu ändern.
Ebenso wie der Pessimist können wir alle gefangen sein in unserer Sicht der Dinge. Dahinter steckt aber nicht nur irgendeine schwammige Weltsicht, sondern vielmehr konkrete Erwartungen, wer wir sind, wo wir sind und wie wir uns unsere Zukunft vorstellen. Gute Mädchen kommen in den Himmel, um einen Erfolgstitel zu zitieren, aber wir anderen bleiben, wo wir sind. Und das heißt vor allem, wir alle sind immer wieder in unseren Narrationen gefangen. Wir erwarten bestimmte Dinge und sind in unseren Erwartungen verstrickt, bis diese eintreten. Und wenn sie nicht eintreten, warten wir so lange, bis sie dann doch eintreten. Im Prozess des Wartens gestalten wir die tatsächlichen Ereignisse in unserem Geist so um, dass sie unserer Sicht entsprechen. In jeder lächelnden Großmutter starrt manchem nur der Wolf entgegen. Und in den USA können viele Menschen auch nach sechs skandalträchtigen Jahren nicht anders, als Trump für einen Helden zu halten.
Als Professor kenne ich viele Kollegen, die an einer Vision aus Teenager-Jahren festhalten. Sie wollen Professor in Harvard werden, einen Nobelpreis gewinnen oder ein Allheilmittel gegen Krebs finden. Das sind alles schöne Ziele, die zur Arbeit anspornen. Doch statt dass solche Visionen die Kollegen glücklich machen, sind sie bitter, frustriert und neidisch auf das, was andere geschafft haben. Die Narration, die sich diese Kollegen ausgesucht haben, passt nicht mehr zu ihrem Leben. Aber fallen lassen können sie sie anscheinend auch nicht.
13Andere Menschen sehen sich ständig in der Opferrolle. Es ist natürlich wichtig, zu erkennen, wann man unterdrückt wird, um sich dagegen aufzulehnen oder Hilfe zu suchen. Doch das Opfersein kann auch zur Rolle werden, die immer wieder aufgesucht wird, weil jemand diese Rolle zu gut kennt und in sie wie in einen passenden Schuh schlüpfen kann. Immerhin stellt die Opfernarration das Opfer moralisch als überlegen dar und spricht ihm die Verantwortung und Handlungsmöglichkeit ab. Für das Opfer ist die Narration insofern eine Entlastung.
Eine weitere Variante, die ich häufig von meinen deutschen Freunden höre, ist die Narration von der einen fleißigen Arbeitsbiene und den hundert faulen Parasiten. Leider ist es kein Märchen mit gutem Ausgang, denn meine Freunde sehen sich von Ausbeutern und Faulpelzen umstellt. Am Ende gewinnt immer der Falsche, obwohl doch meine Freunde allein den Betrieb aufrechterhalten.
Genauso können bestimmte Familienrollen uns gefangen nehmen. Eine davon ist die Supermutter, die in vielen Kulturen anzutreffen ist. Immer lächelnd, hält sie den Haushalt am Laufen, ist die beste Freundin der Freunde ihrer Kinder, hat in einer sauberen Küche immer Essen für alle parat und macht zugleich noch Karriere … Der Druck ist groß, da bleibt kaum eine freie Minute, vor allem, wenn etwas mal nicht klappt.
Oder man verliebt sich in den falschen Menschen. Eigentlich verliebt man sich ja in den richtigen Menschen, aber wenn es nicht weitergeht oder der Geliebte ein Soziopath ist, wird aus dem Richtigen plötzlich der Falsche. Doch man kann den geliebten Menschen nicht einfach vergessen. Immer wieder tauchen blitzartig kleine Sequenzen vor einem auf: wie man zusammen in einer argentinischen Tangobar 14sitzt, die Hand des anderen fasst oder zusammen einkaufen geht.
Diese Beispiele zeigen offensichtlich ein weites Spektrum an Verhaltensweisen, in denen ein Selbstbild zur Falle wird. Das Festhalten an einem solchen imaginären Selbstbild ist auf den ersten Blick nicht Sache des narrativen Denkens. Wir könnten versuchen, diese Fixationen durch Weltbilder, vergangene Erfahrungen und Prägungen, Schemata, Muster oder Ideale zu erklären. Das mag alles stimmen, doch zugleich können diese Selbstbilder nur bestehen, weil sie als konkrete Minimalnarrationen vor uns stehen. Wir sehen uns als Helden (sofern Akademiker Helden sein können, und das ist eine Vorstellung, die sicherlich eine wahrhaft akademische Anstrengung voraussetzt), als Opfer, als Überzeugungstäter, als Übermutter oder als Liebende nur, weil wir uns konkret in Handlungsweisen hineinfantasieren können – das heißt, weil wir uns imaginär in Narrationen wiederfinden. Narrationen können uns als konkrete Leitpfade vor Augen stehen oder auch als sekundenschnelle Ideen darüber aufblitzen, was passieren könnte.
Wir kommen aus bestimmten Narrationen und den auf ihnen aufbauenden Selbstbildern nicht einfach heraus. Narrationen sind die Form, in denen unser Gehirn unsere Handlungen und die Handlungen anderer simuliert. Weil wir diese Simulationen für geeignet erachten, unsere Handlungen abzubilden, stehen sie unter starkem Realitätsverdacht. Und wer möchte sich schon von der Realität verabschieden? Aber es gibt auch einen Ausweg.
Das Interessante ist, dass Narrationen einerseits Abbildungen oder Simulationen der sozialen Welt sind und also unsere Situationen, Entscheidungen, Handlungen und Gefühle durchspielen. Andererseits sind sie aber bloß Hirngespinste, 15die wir uns ausdenken. Narrationen haben Formen. Und Formen haben ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, die nicht nur nach der Pfeife der Realität tanzen. Narrationen haben Formen, in die wir die beobachteten Handlungen von uns und anderen bringen. Wenn wir andere beobachten, unterstellen wir ihnen schnell bestimmte Motivationen und Interessen, wir nageln sie auf etwas fest. Wir beobachten Geschehen in kleinen Sequenzen und Episoden, in denen alle je dyadische oder triadische Rollen zueinander einnehmen: Bösewicht, Täter, Held, Rivale, Helfer, Lügner, Opfer, Richter, Freund, falscher Freund, Verräter, Soziopath, Zeuge, Mentor, Parasit … Diese Rollen bestehen nur in unseren Köpfen, denn natürlich haben alle Menschen alle Tendenzen und können sich in jeder Rolle wiederfinden. Doch um eine soziale Situation zu beobachten, ist es eine ungeheuer praktische Vereinfachung, dass wir Menschen auf die eine oder andere Rolle festlegen können. Das macht die Simulation überschaubar und damit imaginierbar. So kann die Narration in unserem Denken glatt ablaufen wie ein Film und anschließend auch hervorragend erinnert werden. Einfacher gesagt: Narrationen bieten eine höchst attraktive Orientierung in einer komplexen Welt an. Wer könnte da nein sagen? Unser Gehirn lässt sich diese Gelegenheit jedenfalls nicht entgehen. Narrationen erlauben es uns, Annahmen und Vorhersagen über die soziale Welt zu treffen, diese zu erinnern und zu kommunizieren. Das ist nicht nur Bequemlichkeit, sondern durchaus rational und funktioniert meist ausgezeichnet. Aber eben so bleiben wir auch in den Fahrrillen stecken. Die einmal entwickelte Narration ist so überzeugend, dass wir sie nicht einfach abschütteln können.
Dieses Gefangen-Sein geht weit über Selbstbilder hinaus und erfasst viele Formen des Verhaltens. In den meisten Fäl16len hilft es uns sicherlich, dass wir wissen, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten kann und was zu erwarten ist. Aber auch viele sonderbare Formen des Fehlverhaltens gehören in den Bereich, der vom narrativen Denken zumindest teilweise geleitet wird.
Bei einem beängstigenden rassistischen Vorfall in meinem amerikanischen Wohnort wurde am 4. 7. 2020 ein Mann afrikanischer Abstammung von einer Gruppe weißer Menschen bedrängt und angeblich wurden Rufe wie »Get the Noose« (»Holt die Galgenschlinge«) laut. Damit stand allen vor Augen, was für Verhaltensmuster sich abspielen könnten. Solchermaßen angestoßene Narrationen kommen häufig zur Ausführung. Das wusste auch das mögliche Opfer, der seinerseits möglicherweise just diese Situation provoziert haben könnte, denn immerhin drang er gleich zwei Mal hintereinander in das Privatgelände der Gruppe ein, wie bald vor Gericht diskutiert werden sollte.
Ein typisches Verhalten in Ausschüssen oder Teams, welches ich aus der Universität kenne, welches aber sicherlich auch anderswo zum Alltag gehört, besteht darin, dass jemand sich schnell – allzu schnell – für oder gegen eine Initiative entscheidet. Nach der ersten Entscheidung bleibt die Person fast immer dabei. Wer dafür ist, kann stets Gründe finden, auch wenn rational viele Probleme auftauchen. Wer dagegen ist, kann alles schlechtmachen. Dabei geht es nicht nur um die intellektuelle Bequemlichkeit, ein einmal getroffenes Urteil aufrechtzuerhalten. Es geht vielmehr wesentlich um die eigene Rolle, darum, wie man in der Gruppe auftritt: als begeisterter Fürsprecher oder als scharfer Rationalist, der die Fehler im Denken der anderen aufspürt. Solche Rollen wollen mit den richtigen Formulierungen, dem richtigen Gesichtsausdruck und den Codes des kollegialen Verhaltens ge17pflegt werden. Viele gute Ideen und Initiativen werden so zerstört.
Auch die sogenannte Sunk Cost Fallacy oder das eskalierende Commitment gehören in den Umkreis der narrativen Muster: Wir haben uns für etwas entschieden und können jetzt einfach nicht lockerlassen. Wir haben dieses Konzertticket und fahren jetzt auch durch einen Schneesturm hin, obwohl wir krank sind. Die Alternative, einfach mal im Bett zu bleiben, fällt uns nicht ein, denn zu konkret steht uns unser begeistertes Erleben der Musik vor Augen, die wir allerdings schwer erkältet kaum werden genießen können. Oder es steht uns vor Augen, wie wir anderen von der Begeisterung erzählen werden, egal wie es dann wirklich gewesen sein wird.
Hier kommen wir zurück zu dem Pessimisten, dem unglücklich Verliebten und dem frustrierten Kollegen, die alle an der falschen Narration festhalten. Was kann ihnen helfen? Die Antwort: Mehr narratives Denken! Denn Narrationen sind keine monolithischen Kerker. Vielmehr kommen Narrationen immer im Plural. Zu jeder Narration gibt es eine Gegennarration. Und noch wichtiger: Wenn wir uns in einer Narration wiederfinden, sei es, dass wir einen Film schauen, oder sei es, dass wir die Narration unseres Lebens erwägen, kann alles immer anders kommen. Narrationen sind multiversional. Multiversionalität soll hier nicht heißen, dass es von einem mittelalterlichen Manuskript mehr als eine Fassung gibt. Multiversionalität bedeutet, dass uns, während wir uns in einer Narration verstrickt finden, mehr als eine mögliche Entwicklung vor Augen steht. Narrationen sind so spannend und intensiv für uns, weil alles immer anders kommen könnte. Und wir selbst erzeugen diese Andersheit ständig, indem wir antizipieren, was passieren könnte oder sollte.
18Ebendiese mentale Multiversionalität (um ein schönes begriffliches Ungetüm ins Feld zu führen) ist der Ausweg aus den Fallen, die wir uns mit unseren Narrationen immer wieder selbst stellen. Narrationen erlauben stets auch, dass wir einen Ausweg erahnen. Narrationen können das Medium unseres Unglücks sein und Narrationen sind das Mittel, um ihm zu entkommen. Der Speer, der die Wunde schlägt, heilt sie auch.
Um Missverständnissen zuvorzukommen: Dies ist kein Selbsthilfe-Buch. Als Therapeut bin ich denkbar ungeeignet. Wenn mir jemand sein Leben erzählen würde und einen Ausweg aus einem Unglück sucht, würde ich mit meinen Theorien zum narrativen Gehirn womöglich nicht den besten, sondern den spannendsten Weg auswählen. Spannung kann zwar großartig sein, aber man will vielleicht doch nicht alles ausbaden müssen, was spannend ist. Was mich vielmehr bewegt, sind die vielen Möglichkeiten des narrativen Denkens. Unser Bewusstsein ist höchst mobil und Narrationen sind eines der Sprungbretter dieser Mobilität. Alles könnte immer auch anders kommen – selbst wenn es meistens nicht anders kommt.
Diese Doppeltendenz des narrativen Denkens steht im Zentrum dieses Buches. Einerseits erzeugen Narrationen starke Muster, die unserem Verhalten inklusive Denken, Glauben, Fühlen, Erleben, Erinnern und Hoffen eine feste Form geben und uns damit auch immer wieder einengen. Andererseits ist es gerade das narrative Denken, das uns kreative Alternativen anbietet, die wir uns buchstäblich ausdenken. Als narrative Wesen können wir unser Leben planen, wir können voraussehen, was andere tun werden, wir können Schuld zuweisen, die Situation von anderen Menschen miterleben und uns selbst begreifen. Zugleich sind wir immer wieder festge19legt, aber wir wollen auch ständig etwas Neues und können im Alltag nicht lange glücklich sein. Wir folgen festen Mustern und sind in ihnen zuweilen gefangen. Wir legen andere Menschen immer wieder auf ihre Rolle und unsere mentalen Narrationen fest. Wir simplifizieren, damit die Geschichte aufgeht.
Bislang haben wir vielleicht eher das Gefühl, dass Narrationen und das narrative Denken uns einengen, da der Ausbruch die seltene Ausnahme darstellt. Aus der Perspekitve der Theorie mag das so erscheinen. Unsere Alltagserfahrung ist aber eine andere. Narrationen fesseln uns. Fast jede Art von Erzählung ist mit Genuss verbunden. Das gilt nicht nur für die Werke der Fiktion in Literatur und Kino, sondern auch für den Klatsch und Tratsch des Alltags. Nichts ist spannender, als wenn uns eine Freundin anruft und mit den Wörtern anfängt: »Weißt du, was Robert heute passiert ist?« Wir wollen wissen, was nun kommt, und genießen es, zu erraten, was vorgefallen ist. Politische Reden, Predigten in der Kirche oder wissenschaftliche Vorträge kommen besser an, wenn sie kleine Erzählungen enthalten. Auch Sachbücher gefallen uns besser, wenn sie mit Anekdoten versehen sind. Die Erzählungen unserer Freunde faszinieren uns nicht nur, weil sie von diesen handeln, sondern weil wir sie unmittelbar miterleben können. Unser eigenes Leben erscheint uns sinnfälliger, wenn wir es erzählen können. Wenn ich am Abend nach Hause komme und meiner Familie etwas erzählen kann, fühlt sich das für alle besser an, als wenn ich nur wortkarg erkläre: 20»Ja, es war ganz okay.« Außer ich schwatze mal wieder zu lange und offeriere statt einer Geschichte einen ausufernden Randkommentar.
Damit ist nicht gesagt, dass jede Narration an sich schon »ästhetisch« oder gar »schön« wäre, denn dann wären diese Wörter bedeutungslos. Statt von ästhetischen oder schönen Narrationen zu sprechen, ist hier daher zunächst einmal von der Klarheit von Narrationen die Rede, denn auch die weniger schönen Narrationen erfreuen uns. Was also sind die Merkmale von Narrationen, die zu optimaler Aufnahme beim Rezipienten führen, und welche mentalen Prozesse entsprechen ihnen?
1. Ich schaue einen Film zum ersten Mal. Es gibt eine verwirrende Konstellation von Figuren, ich kenne nicht einmal die Schauspieler. Sind die beiden da Geschwister oder Liebhaber? Ich bin mir nicht sicher. Wir sind schon wieder bei etwas anderem. Ist der Job des Vaters nun Taxifahrer oder ist er Geschäftsmann, wie er behauptet? Ich weiß noch nicht, ob ich den Film mag. Die Stadt kenne ich auch nicht. Irgendwann erlaubt mir der Film endlich zu erkennen, wer die Hauptperson sein könnte. Ich fokussiere mich auf sie. Dann ist der andere vielleicht ein Gegenspieler. Ordnung entsteht, ich sinke in den Film hinein. Es läuft.
Auf der untersten Ebene bringen Narrationen Klarheit. Jede Narration weist den Akteuren Handlungs- und Erfahrungsspielraum zu. Die Verhältnisse der Figuren zueinander sind zumeist überschaubar, die Situation schafft klare Verhältnisse, auch indem sie manches offenlässt. Klarheit und damit einhergehend Ordnung erlauben uns fokussierte Aufmerksamkeit und gleichzeitige Entspannung. Intellektuell und emotional können wir klare Situationen überschauen und damit auch in einem gewissen Maße beherrschen. Na21türlich kann Klarheit auch in Langweile umkippen oder zur Falle werden, aber erst einmal verspricht sie Orientierung. Das haben wir ohne Narration oft nicht. Lieber eine Welt mit Bösewichtern und Rivalen als Orientierungslosigkeit.
2. Manche Fernsehserien haben den Cliffhanger für sich entdeckt. Alles schien klar zu sein, doch dann, in der letzten Szene, erscheint der totgeglaubte Liebhaber wieder, gerade in dem Moment, wo unsere Heldin über den Verlust hinweggekommen zu sein schien. Jetzt kommt der Totgeglaubte im falschen Augenblick. Die Romane des neunzehnten Jahrhunderts, die wöchentlich in Zeitschriften erschienen, haben diese Technik ebenfalls vielfach erprobt. Auch klassische Erzählungen ohne serielle Produktion kennen die von Narrationen erzeugte Spannung, wenn wir noch nicht wissen, was passieren wird. Spannung ist uns als Phänomen der Fiktion geläufig, aber bisweilen erleben wir sie auch in den Erzählungen von Freunden, deren Schicksal uns angeht. Wir wollen wissen, wie die Dinge zu Ende gehen.
Narrationen haben daher als zweites Merkmal ein Ende und treten uns bereits von Beginn an mit dem Versprechen entgegen, dass die dargestellten Ereignisse so oder so zu einem Ende kommen werden. Die Geschichten entlassen uns, sobald sie zu einem Ende gekommen sind, und das entlastet uns. Wir sind erst gepackt, dann aber umso freier.
Manchmal ist das Ende simpel. Die Figuren in einer Narration haben Interessen, Motivationen und Ziele, die sie erreichen oder nicht erreichen können. Manche Handlungssequenzen finden in bestimmten Ergebnissen ihr natürliches Ende. Wenn ich Ski fahre, komme ich irgendwann unten am Berg an – oder auch nicht und dann ist das ein Problem für mich und den Baum, der im Weg war. Wenn ich eine Verabredung für ein Date habe, dann kommt die Sequenz mit 22dem Treffen zu einem Ende. Derartige Enden können zwar gut oder schlecht ausfallen, denn wer weiß, was bei dem Date passiert, aber sie erlauben es uns, diese Ereignisse als Episoden oder auch als Minidramen in mehreren Akten gedanklich abzuschließen.
Wenn die Episoden für uns solcherart zu Ende kommen, tun wir mehr, als sie nur abzuheften. Wir können sie als Ganzes bewerten und von ihnen lernen. Wir erzählen die Episode in verschiedensten Fassungen, mal heiter, mal traurig, aber immer auf ihren Ausgang bezogen. Das Ende liefert uns so etwas wie ein Urteil über die Episode beziehungsweise, wie in diesem Buch vorgeschlagen werden wird, eine emotionale Belohnung dafür, dass wir uns mit der Episode beschäftigt haben. Ein gutes Ende sagt uns etwas über die gesamte Episode, ein schlechtes warnt uns. Anders gesagt, weil Narrationen zu einem Ende kommen, können wir sie handhaben.
3. Hätte ich an diesem einem Tag in dem kleinen Café nicht etwas anderes sagen können? Wir könnten dann noch zusammen sein. Hätte Ned Stark in Game of Thrones die Falle nicht wittern können? Hätte ich meine Mutter nicht doch früher dazu überreden können, zum Arzt zu gehen? Warum merkt Elizabeth nicht, dass Wickham ein Betrüger ist?
Jede Narration erzeugt Ideen von Alternativen. Wir malen uns aus, wie es anders hätte laufen können. Wir wünschen uns, dass unsere Lieblingsfigur plötzlich aus der Rolle fällt, um einer Falle zu entkommen. Wir erkennen, dass Freunde in schlechten Narrationen gefangen sind. Manchmal fragen wir uns selbst, ob wir jetzt nicht etwas ganz Verrücktes tun sollten, anstatt mit dem Alltäglichen weiterzumachen. Und bisweilen tun wir es auch. Weil wir narrativ denken, können wir – das ist ein drittes Merkmal – auch alternative Versionen erkennen und bisweilen ergreifen. Narrationen erlauben 23uns, Auswege zu sehen, selbst dort, wo keine zu sein scheinen. Wir können die Erzählungen, die um uns ablaufen, gestalten, wir können kreativ werden und Kontrolle ausüben. Man stelle sich vor: Wir machen das, was wir wirklich wollen. Das klingt einfach. Aber um dorthin zu kommen, brauchen wir Narrationen, die uns zeigen, wo wir sind und nicht mehr sein wollen.
In diesem Buch werden diese drei Dimensionen des narrativen Gehirns, also Klarheit, Ende und Alternativen, in den Blick genommen. Der Weg zu den Thesen dieses Buches verbindet dabei Alltagserfahrungen mit den Werken der Fiktion und wird zudem geleitet von den Befunden zahlreicher wissenschaftlicher Disziplinen. An mehr als einer Stelle werden wir auch etwas weiter ausholen und von den Studien in meinem Labor berichten, dem Experimental Humanities Laboratory an der Indiana University. Wie sich in den dort durchgeführten empirischen Studien zeigen wird, geht es stets nicht nur um Klarheit und das Zu-Ende-Führen von Geschichten, sondern eben immer wieder auch um Verwirrungen, Zufälle und Alternativen.
Wie zu Beginn gesagt, ist die erste These dieses Buchs, dass Narrationen uns das Miterleben erlauben. In Narrationen können wir Erfahrungen von einem Menschen zum anderen übertragen. Ja, wir können in Fiktion, Fantasie und Planung auch mögliche und sogar unmögliche Erfahrungen machen und austauschen. Dank unseres narrativen Gehirns sind wir mit uns ähnlichen Wesen verbunden. Wir sind in unseren 24wichtigsten Erlebnissen nicht allein und können sie später wiedererleben und teilen. Das narrative Miterleben erlaubt eine Gemeinsamkeit, die weit über das bloße räumliche Zusammensein hinausgeht. Dieser Ausbruch aus dem Gefängnis des eigenen Gehirns und dem Hier und Jetzt ist ungeheuerlich – diese Bewusstseinsmobilität ist die große evolutionäre Leistung unserer Spezies. Um zu verstehen, wie unser Bewusstsein so mobil wurde, müssen wir uns mit Narrationen beschäftigen, denn sie machen Angebote zum Transport und Eintauchen in fremde Welten.
Die Liste der Fragen zum narrativen Denken in der Forschung ist allerdings lang. Sie können grundsätzlich in drei Gruppen unterteilt werden:
1) Was sind Narrationen beziehungsweise was sind Narrationen in unserem Denken? Was vermitteln sie? Wie unterscheidet sich der Inhalt von Narrationen von anderen Informationsarten? Wenn wir Narrationen hören oder lesen, was bleibt von ihnen hängen? Was verleiht ihnen Stabilität?
2) Warum ist es für uns attraktiv, uns mit Narrationen zu beschäftigen? Warum lassen wir uns auf dieses eigentlich komplizierte narrative Denken nicht nur ein, sondern haben es zu einer unserer beliebtesten Freizeitbeschäftigungen erhoben, wenn man etwa an Filme, Serien und Romane denkt? Was springt für uns dabei raus?
3) Wie hebeln die Narrationen unser Bewusstsein aus dem Hier und Jetzt heraus? Wie gelingt das Eintauchen in eine andere Welt? Wo kommen die Intensitäten der Zielwelt her, die uns den Körper in unserer Heimatwelt (fast) vergessen läßt? Was ist überhaupt Bewusstseinsmobilität?
Zu diesem letzten Komplex von Fragen gehören auch die Einseitigkeit des Denkens und das Verhaftetbleiben in bestimmten Mustern. Hier werden wir fragen, was das narrati25ve Denken uns anzubieten hat, damit wir aus dem verengten und einseitigen Denken ausbrechen.
Eine zentrale Hypothese möchte ich hier bereits vorab noch etwas ausführen: Episoden strukturieren das narrative Denken. Am Ende einer gelungenen Episode steht jeweils eine Emotion. Emotionen belohnen das narrative Denken. Narrationen führen uns in Versuchung, lösen unser Bewusstsein aus dem Hier und Jetzt und transportieren uns in eine Welt, in der wir auf eine emotionale Belohnung hoffen. Auch in unserem Verhalten suchen wir eine solche Episodenstruktur mit emotionaler Belohnung. Narratives Denken ist so wichtig für uns, weil es Anfang und Ende von Sequenzen erkennen lässt und uns mit der Emotion am Ende ein Signal gibt, dass nun etwas geschafft und vollendet ist. Die Emotion ist am Ende daher eine Belohnung im doppelten Sinne. Sie belohnt und bewertet die konkreten Handlungen, die wir narrativ miterlebt haben, und sie belohnt uns zugleich dafür, dass wir uns überhaupt auf eine Narration eingelassen haben.
Das Happy End belohnt offensichtlich moralisch gutes Verhalten. Das Narrativ der Neugier etwa findet seine Belohnung im Staunen und im Gefühl des Wunders. Aber auch negative Gefühle gehören hierher: das ambivalente Gefühl der Scham kann eine Strafe für den sein, der aus der Reihe getanzt ist, und den verärgerten Beobachter belohnen. Doch hier wird es schnell kompliziert, denn wir müssen immer fragen, aus welcher Perspektive die Szene miterlebt wird. Aber eine Konsequenz wird bereits deutlich: Narrationen trainieren uns darauf, Emotionen zu erwarten. Wir erwarten oder erhoffen bestimmte Emotionen als Belohnung für unser Engagement in narrativen Sequenzen. Die Abenteuergeschichte etwa trainiert uns darauf, Triumph zu erwarten. Bei Liebes26geschichten erwarten wir, nach entsprechenden Verzögerungen, ein warmes romantisches Gefühl. Subtile Geschichten gewöhnen uns an ästhetische Emotionen der plötzlichen Klarheit. Ebenso geht es uns ja auch im realen Leben, wo wir etwa nach harter Arbeit eine Befriedigung des Geschaffthabens fühlen oder nach der Mahnung und dem Streitgespräch auf die anschließende Versöhnung hoffen. Dieses Training und diese Erwartungen strukturieren unser Leben. Sie können uns süchtig machen. Bewusst mag uns dies in den Extremfällen vom Workaholic bis zum Sexaddict sein, aber auch andere Menschen stellen sich auf ihre narrativen Emotionsdosen ein.
Statt abschließend einen Überblick über die folgenden Kapitel zu geben, möchte ich zum Ende dieser Einleitung vielmehr kurz die für diese Untersuchung wichtigsten Grundbegriffe vorstellen. Aus ihnen ergibt sich nämlich mosaikartig wie von selbst ein erstes Gesamtbild dieses Buches.
Mobiles Bewusstsein. Wir haben ein mobiles Bewusstsein, so ein erster bereits kurz erwähnter Grundbegriff. Narratives Denken ist sein Medium. Mit dem narrativen Denken können wir uns imaginär in die Situation eines jeden anderen Wesens einleben und sie solcherart mit-erleben. Indem wir die Situation eines anderen als Narration begreifen, wird er für uns erfahrbar.
Simulation. Mit Narrationen simulieren wir darüber hinaus tatsächliche oder fiktive, nur vorstellbare Situationen des körperlichen Lebens. Die Simulation ist einerseits eine Ver27doppelung oder Kopie des körperlichen Lebens, die sich in vielen Punkten und in ihrer zeitlichen Abfolge an Prozessen des Lebens orientiert. Andererseits aber ist diese Simulation abgekoppelt von der Welt der Körper und dem Regime der strikten zeitlichen Abfolge. Es beginnt damit, dass wir vergangene Ereignisse wieder aufsuchen und mental noch einmal durchspielen können. Wir können aber auch planen und phantasieren. Man kann sich vorstellen, wie es wäre, aus dem Alltag auszusteigen und auf eine thailändische Insel zu ziehen. Werde ich dann wirklich glücklich sein, jetzt und auch noch in zehn Jahren? Was würde tatsächlich passieren, wenn man seinen Partner betrügt und den Ehebruch riskiert? Und was, wenn das dann auffliegt? Manche Simulation ist auch viel alltäglicher. Morgens vor dem Aufstehen gehe ich an vollen Tagen meinen Kalender durch, wo ich wann sein muss, wen ich da treffen werde, worum es jeweils gehen wird. Das ist meist eine langweilige Geschichte, wobei ich aber auch hier bei den schwierigeren Treffen gedanklich länger verweile und sie bisweilen komplex entfalte. Eine solche Simulation bereitet mich darauf vor, wenn es dann wirklich losgeht. In manchen Fällen spiele ich ganze Szenen von Verhalten und Dialogen von vielen Perspektiven aus durch.
Man spricht bei derartigen Simulationen davon, dass sie »offline« stattfinden, also in einem Zustand, der abgekoppelt ist von tatsächlichem und körperlichem Handeln. Zu Offline-Verhalten gehört die Beobachtung anderer, aber eben auch das mentale Simulieren. Neurowissenschaftler analysieren, wie die »online« etablierten neuronalen Netzwerke zugleich für das Nachvollziehen und Simulieren von sozialen Interaktionen verwendet werden (re-use).1 Umgekehrt ist es möglich, dass durch Simulation oder Beobachtung etablierte Netzwerke das eigene Verhalten vorbereiten. Solche Simula28tionen durch narratives Denken spielen eine wichtige Rolle bei vielen Entscheidungen und Beurteilungen. Dazu gehören beispielsweise moralische Fragen, wenn man sich etwa fragt, ob man mit einer kleinen Schummelei durchkommt oder wie man auf moralische Vergehen von anderen in einer bestimmten Situation reagieren soll.
Situation. Bevor wir uns fragen, was genau eine Situation im Allgemeinen ist, ist es wichtig, zu betonen, dass wir uns in Narrationen ständig in einer spezifischen Situation befinden. Wir sind in medias res, können die gesamte Abfolge noch nicht überblicken, denn noch ist es nicht alles entschieden. Und das ist dann auch die erste Eigenschaft von Situationen im Allgemeinen: Sie sind unentschieden. Es gibt in ihnen Entscheidungsdruck, zumindest Entscheidungsmöglichkeiten oder das Potential von Veränderung. Situationen sind zudem konkret und weisen eine gewisse Klarheit mit einem eingeschränkten Repertoire an Möglichkeiten der Entwicklung auf (das gilt auch dann, wenn wir viele der Möglichkeiten nicht kennen oder verstehen). Zusammengefasst ist eine Situation also die Befindlichkeit von einer Person oder Figur in einer unabgeschlossenen Präsenz mit Veränderungspotential und einem begrenzten Repertoire an Möglichkeiten.2
Situationen anderer werden im Präsenz nachvollzogen: Wir versetzen uns (siehe mobiles Bewusstsein) in die Situation hinein und erleben den Druck auf die Person oder Figur in dieser Situation und in diesem Moment mit (siehe Co-Erfahrung, Mit-Erleben).
Predictive brain, prediction error. Neurowissenschaftliche Messungen zeigen, dass unser Gehirn der äußeren Situation gegenüber vielfach kurz voraus ist:3 Beim Autofahren reagieren wir auf kleinste Stimuli, die andeuten, dass 29uns da gleich jemand überholen könnte. Wir sehen eine Bewegung, nicht bewusst, aber schon gibt es eine Reaktion, die zur Aktivierung von Muskeln führt und uns auf die mögliche kommende Situation vorbereitet. Auch Emotionen werden aktiviert.4 In den meisten Fällen geht es hier um sofortige Erwartungen, d. h. unser Gehirn produziert Erwartungen (predictions) über das, was bereits am Passieren ist beziehungsweise schon begonnen hat. Diese können dann eintreffen oder auch nicht, es können durchaus Fehler eintreten (prediction error), die dann korrigiert werden.
Es wäre sicherlich falsch, diese minimalen und meist kaum bewussten Erwartungen als Narrationen zu bezeichnen. Allerdings müssen wir uns fragen, wo der Übergang von unmittelbaren Erwartungen zu narrationsartigen Erwartungen liegt. Man denke hier an folgenden Fall: Jemand registriert ein Zucken im Gesicht der Partnerin, vermutlich ohne es bewusst wahrzunehmen, aber dieses Zucken ist in vielen Fällen mit Ärger und Wut verbunden. Darauf stellt man sich ein und plötzlich hat man den Satz im Kopf: »Vielleicht wird sie mich verlassen.« Auf diesen Satz hin stellen sich blitzartig Bilder und Sequenzen ein, bis man merkt, dass es wohl so nicht kommt. Trotzdem bleibt etwas hängen, eine in narrativer Hinsicht multiple Wirklichkeit prägt nun unser Erleben.5
Multiversionalität. Geschichten sind häufig spannend und können uns gebannt halten. Während wir uns in der Welt einer Geschichte aufhalten, in einer Situation sind, fühlen wir Spannung, Enttäuschung und Hoffnung. Wir haben Erwartungen und Zweifel und erwägen verschiedene Möglichkeiten. Dabei kommt es dazu, dass wir mental unterschiedliche, sich wechselseitig ausschließende Versionen davon erzeugen, was passieren könnte oder schon passiert 30ist. Vielleicht überlebt Harry Potter im letzten Band, aber vielleicht auch nicht. Wenn uns ein Freund von seinem letzten Date erzählt, schießen uns viele Versionen davon durch den Kopf, was da schiefgelaufen sein könnte. Von der Modelleisenbahn im Keller zu sprechen, war vielleicht nur bedingt sinnvoll. Diese Erwägung von verschiedenen Möglichkeiten nenne ich Multiversionalität.6 Multiversionalität ist nicht eine zufällige oder nebensächliche Eigenschaft von Narrationen, wie ich argumentieren werde, sondern ein Wesensmerkmal des narrativen Denkens.
Ende, Urteil, Verdikt. Eine andere zentrale Eigenschaft des narrativen Denkens ist, dass es in Episoden erfolgt, die jeweils ein Ende haben. Bereits Aristoteles artikulierte, dass Geschichten Anfang, Mitte und Ende haben. Das ist keine Banalität, sondern deutet an, dass wir aktiv ein Ende suchen und notfalls selbst erfinden. Das Ende ist wichtig, denn es signalisiert unserem Gehirn, dass wir die Episode nun abschließen können und dann entlastet sind und unsere Aufmerksamkeit anderem widmen können. Das Ende muss dabei eine Reihe von Dingen leisten: Zunächst hat es die Funktion, dass es eine Handlungs- und Erfahrungssequenz abschließt und die geweckten Erwartungen erfüllt.7 Dann muss es aus der gesamten Episode ein Paket schnüren, das nun als Ganzes in der Form einer Abfolge mit »zuerst … dann« erinnert werden kann (… er hat seiner Chefin seine Meinung gesagt und ist rausgestürmt. Daraufhin ging sie zu ihm und …). Und schließlich ermöglicht das Ende auch die emotionale Handhabung und Einschätzung etwa als gutes oder schlechtes Ende. Diese emotionale Einschätzung wird meist besser erinnert als alle Details oder die Handlungslogik, wie wir sehen werden. Insofern bereitet das Ende das Gesamturteil oder Verdikt vor.
31Casting. Wenn wir in eine uns unbekannte Fernsehserie eintauchen, müssen wir uns orientieren. Wir fragen uns etwa: Wer sind die Hauptpersonen der Narration? Was ist das Ereignis, das alles und alle verbindet? Während wir uns orientieren, ordnen wir die Personen in uns bekannte Rollen ein. Die Heldin und Handlungsträgerin ist besonders wichtig, aber ebenso etwa die Rivalen. Dabei reduzieren wir die Menschen auf Rollen. Diese Rollen leiten uns, bis wir uns in der Geschichte zurechtfinden. Wenn bestimmte Figuren auftauchen, wissen wir schon, was wir zu erwarten haben. Der eine Kerl ist der Mentor der Heldin; die andere Figur ist ein Sidekick der Heldin usf. Besonders fest sind in unserem Kopf dabei dyadische Muster verankert, die jeweils zwei Figuren aufeinander beziehen: Opfer-Täter; Opfer-Helfer; Held-Rivale; Lehrer-Schüler; Liebende-Geliebter; Freund-Feind; Geber-Empfänger; Parasit und Ausgebeuteter …8
Das Repertoire, welches wir hinsichtlich solcher Rollen und Dyaden besitzen, ist erstaunlich klein. Als Wladimir Propp, der russische Volkskundler, vor hundert Jahren russische Zaubermärchen untersuchte, fand er nur sieben verschiedene Rollen. Allerdings muss man dazu sagen, dass er auch glaubte, dass alle von ihm gesammelten Märchen Varianten einer Megageschichte waren. Der Psychologe Daniel Wegner attestierte ebenfalls, dass wir mit einer kleinen Zahl von Dyaden auskommen, um unseren Alltag narrativ zu ordnen.9 Dabei gibt es natürlich auch individuelle Unterschiede. Manche Menschen sehen die Welt in Täter-Opfer-Rollen sortiert, andere erkennen in ihrer Umwelt bevorzugt Verbündete, Bewunderer oder Rivalen.
In diesem Buch fungiert der Begriff Casting beziehungsweise Rollenbesetzung als Alternative zu den Begriffen von 32Schema oder Stereotyp. Dahinter steht die Annahme, dass wir selten eine ganze Narration als Schema erfassen, denn dann wäre die Narration zu langweilig, sondern dass wir stattdessen Einschätzungen von Personen erzeugen, die uns anzeigen, was wir von ihnen in bestimmten Situationen zu erwarten haben. Doch selbst dann kann alles anders kommen.
Rezeption, Kommunikation. Eine der wunderbaren Eigenschaften von Narrationen ist, dass wir sie von einem zum anderen weitergeben können. Wir speichern eben nicht nur unsere eigenen Erinnerungen als narrative Episoden ab, sondern können höchst komplexe Zusammenhänge weitergeben. Dabei geht es nicht allein um die Fakten, wer was mit wem gemacht hat. Vielmehr geht es dabei um emotionale Reaktionen und das Machen von Erfahrungen. Rezipienten reagieren auf Narrationen sehr ähnlich wie die Erzähler und auch wie diejenigen, die ihre eigenen Erlebnisse weitergeben.10 Anscheinend sind Narrationen derartig erfolgreich, dass sie sequentielle Präsenzen erzeugen, dergestalt dass die Produzenten und Rezipienten im Narrationsfluss an den gleichen Stellen jeweils ähnliche Erfahrungen machen und ähnliche Emotionen durchlaufen.11 Mitgeteilt, also kommuniziert, werden Narrationen als derartige Mit-Erfahrungsangebote.
Co-Erfahrung, Mit-Erleben. Der Begriff des Mit-Erlebens wird in diesem Buch benutzt, um den Prozess einer Rezeption von Narrationen zu beschreiben. Rezipienten registrieren die Episoden nicht nur, sondern durchlaufen die Handlungssequenzen zumindest ansatzweise so, als befänden sie sich selbst in den erzählten Situationen. Dafür werden verschiedene Begriffe benutzt, um bestimmte Aspekte zu betonen, wie etwa Transport (der Rezipient wird in eine narrative oder mediale Welt transportiert,12 siehe auch mobiles 33Bewusstsein) oder narrative Empathie (der Rezipient empfindet Empathie für eine Figur oder kann sich in einer Situation sehen, als wäre er eine Figur13).
Der Begriff der Co-Erfahrung oder des Mit-Erlebens betont dabei besonders, dass wir als Rezipienten Prozesse durchlaufen, die sich in eigenen Erfahrungen niederschlagen können. Das heißt, dass die Erfahrungen meiner Freunde zumindest zu einem bestimmten Maße meine eigenen Erfahrungen werden können. Ich muss nicht jede Erfahrung selbst machen, wir können sie teilen und weiterreichen. Daher sind Gruppen, die Geschichten teilen, nicht nur durch ein Vokabular und einen Referenzrahmen von Mythen und Werten verbunden, sondern auch durch ein Reservoir von abrufbaren Erfahrungen und Perspektiven (siehe Casting). Das Teilen von Erfahrungen in der Form von Narrationen erzeugt Verbindungen zu unseren Mitmenschen, die uns einander verständlich machen, da wir die Welt in ähnlichen Mustern, Rollen und Handlungsabfolgen erleben. Wir leben in narrativen Echo-Räumen.
Gefangen-Sein. Es war eingangs schon davon die Rede, dass wir quasi im falschen Film, das heißt in der falschen Narration gefangen sein können. Zumindest stecken wir häufig in den Mustern von narrativen Rollen etwa mit Ausbeutern und Ausgebeuteten oder Helden und Versagern oder mit Liebenden und Betrügern fest (siehe Casting). Entsprechend bauen wir unsere mentalen Narrationen nach Mustern auf, die uns vertraut sind.
Für derartige Phänomene benutzen Psychologen gerne den Begriff des Schemas. Schema heißt so etwas wie Bild, Umriss, Schatten oder Grundidee. Für unsere Zwecke ist dieser Begriff aber ungeeignet. Denn das Schema unterschlägt die Zeitlichkeit in Narrationen, da das Schema bereits den 34Gesamtablauf als ein Bild fasst. Die Situation der Narration, die uns beim narrativen Denken begegnet, ist aber die, dass man inmitten von Handlungen und Abläufen steckt, bevor der Gesamtablauf bekannt ist (siehe Situation). Das Skript oder Schema zeigt sich erst, wenn alles vorbei ist. In der Mitte einer Narration, sei es die Mitte unseres Lebens oder sei es die eines Films, kann immer noch alles anders kommen. Der Prinz kann mich Aschenputtel finden. Oder ich laufe rechtzeitig vorher weg. Kurz gesagt, jedes narrative Gefangen-Sein produziert stets die Möglichkeit, dass alles anders kommen kann (siehe Multiversionalität).
Kulturelle Evolution. Ähnlich wie bei Charles Darwin im Hinblick auf die Natur können auch manche kulturellen Prozesse als Formen der Evolution beschrieben werden. Beobachten lässt sich etwa, wie das Fertigungswissen über Steinwerkzeuge sich in der Steinzeit ausbreitet und verbessert. Oder man kann die Entwicklung nichttechnischen Wissens als kulturelle Evolution beschreiben, beispielsweise die Ausbreitung und Weitergabe von Mythen. So wird argumentiert, dass ja auch intellektuelles Wissen oder Rituale Anpassungen darstellen, die einer Gruppe Überlebensvorteile bieten können. Richard Dawkins hat, um die Nähe zu Darwin zu betonen, den für das Ideen-Marketing günstigen Begriff der »Meme« für solch kulturelle Einheiten gewählt, der natürlich die Gene anklingen lässt.14 Der Vorschlag lautet, dass bestimmte Meme häufiger weitergegeben werden als andere und dass darin ein Selektionsvorteil zu erblicken sei.
Allerdings muss betont werden, dass kulturelle Einheiten viel formloser sind als Gene und vor allem schlicht durch Kommunikation an jeden und jede weitergegeben werden können, ohne komplexe Fortpflanzungsprozesse vorauszusetzen. Ob ein bestimmtes »Mem« in einer Kultur vorliegt 35oder nicht, ist anders als bei Genen oft nicht klar zu entscheiden, da die Meme in der Weitergabe fortwährend verändert werden. Und nach welchen Kriterien die Selektion von »Memen« etwa in den sozialen Medien vorgeht, ist weiter rätselhaft. Zwar überleben manche Ideen und andere verschwinden, doch es ist unklar, welche Gesetzlichkeiten dahinterstehen.
Statt den Begriff der »Meme« zum Ausgangspunkt zu wählen, stellt dieses Buch die einfachere Hypothese zur Diskussion, dass Narrationen Anpassungen sind. Narrationen werden von einer Generation zur anderen und von einer Person zur anderen weitergegeben und durchlaufen dabei jeweils einen Anpassungsprozess in der Welt der Rezipienten, die sich die Narration zu eigen machen. Mit einer (übernommenen oder angepassten) Narration versuchen Menschen, ihre soziale Welt zu erklären. Mittels der Narration legt man sich zurecht, wie man sich verhalten könnte und wie das zu beurteilen ist. (Nicht jede Anpassung oder Zurechtlegung gelingt. Wenn etwa ein Teenager seine Narration auf der Idee aufbaut, er müsse cool sein, so kann ihm das in seiner sozialen Gruppe helfen, aber zugleich in seiner schulischen Ausbildung schaden.)
Es gibt aber noch eine zweite Art und Weise, in der Evolutionstheorie für narratives Denken wichtig ist. In der gegenwärtigen Evolutionstheorie ist der Begriff der Nischen-Evolution (niche evolution) umstritten. Dabei geht es darum, dass die ökologische Nische selbst von den Individuen verändert wird und als solche veränderte Nische an die Nachkommen weitergegeben werden kann, die dann besser auf die ihnen angepasste Umwelt vorbereitet sind.15 Dass es in der Biologie dafür einzelne Belege gibt, wie den Biber, der den bereits umgebauten See an die Nachfahren weitergibt, ist weniger um36stritten als vielmehr die Frage, wie verbreitet diese Nischen-Evolution ist und welchen Einfluss sie auf die Evolution als Ganzes hat. In der kulturellen Evolution ist allerdings gerade diese Nischen-Evolution die eigentliche Grundlage von Entwicklung. Eine der hochinteressanten Eigenschaften der kulturellen Evolution von Narrationen ist es, dass sie die soziale Umwelt direkt prägen und dass ebendiese narrativ veränderte soziale Umwelt weitergegeben wird. Indem man Narrationen teilt, kreiert man mental eine Umwelt für sich und andere und kann diese dann an die Gruppe weitergeben und vererben.
Die Grimm'schen Märchen zelebrieren beispielsweise die Vulnerabilität narrativ und vererben ebendiese Vulnerabilität als Wert, der eine der Grundlagen der Romantik ausmachen wird.16 Indem derzeit endlich die Narrationen rassistischer Ungerechtigkeiten weite Verbreitung finden, wird unsere soziale Umwelt dergestalt verändert, dass bestimmte Situationen und etwa Äußerungen tabuisiert werden. Wie genau sich unsere Umwelt verändern wird, wissen wir damit allerdings noch nicht.
Ein Begriff für diese Nische ist eben genau der der »Kultur«: In unseren Narrationen schaffen wir unsere Kultur und mentale Heimat, in der wir uns auskennen und insofern auch wohlfühlen. Durch kulturelle Rückkoppelungen, sprich ähnliche Narrationen, wird unsere Kultur bestätigt und verstärkt. Zu dem Phänomen der Rückkoppelung gehört auch das bereits erwähnte Phänomen, dass viele kulturelle Produkte wie etwa die Fernsehserien ein ähnliches Repertoire an Rollen und Handlungsabfolgen besitzen. Dahinter steckt weniger, dass diese eine irgendwie optimale Form gefunden haben, sondern vielmehr, dass die Leute sich in diesen Narrationen bereits auskennen und sich gerne bestätigt sehen.
37Gehirn. Wenn in diesem Buch vom Gehirn gesprochen wird, geht es vornehmlich um die derzeit messbaren Routinen und Abläufe von neuronalen Aktivierungen sowie ihre temporalen Strukturen. Es wäre meiner Ansicht nach ein Fehler, etwa aus der Gehirnarchitektur oder der Beschaffenheit von Synapsen Rückschlüsse auf optimale Narrationen zu ziehen oder auf die Art und Weise, wie wir Sinneseindrücke in Narrationen umwandeln.17 Das ist vielleicht sexy, scheint mir aber bei unserem derzeitigen Wissensstand noch viel zu verfrüht zu sein. Wir wissen schlicht zu wenig über den Übersetzungsprozess von Abläufen im Gehirn zu spezifischen Bewusstseinszuständen. Wir wissen noch nicht einmal, was das Bewusstsein genau ausmacht. Allerdings können wir beobachten, in welchem Maße bestimmte Gehirnregionen aktiviert werden, wenn Menschen Narrationen in Filmen, Texten oder Gesprächen verarbeiten. Zum Beispiel kann man bei Leseprozessen beobachten, wann es zu Verzögerungen und intensiveren Phasen kommt. Auch dort ist natürlich Vorsicht geboten, denn Gehirnregionen haben individuelle Plastizität, was ihre Funktionen angeht, und die Aktivierung einer Region muss nicht jedes Mal mit der gleichen Funktion oder gar dem gleichen Bewusstseinsinhalt verbunden sein. Selbst über das, was eine Gehirnregion ausmacht, gibt es noch keine Klarheit. 2016 haben Forscher die Karte der funktional differenzierten Regionen von etwa 80 auf 180 erweitert.18 Manche früheren Studien sind damit hinfällig oder zumindest fragwürdig, da sie einander naheliegende, aber unterschiedene Regionen schlicht gleichgesetzt haben.
Serielle Reproduktion. Der Begriff der seriellen Reproduktion ist ein Verfahren aus der Psychologie, in dem Versuchsteilnehmer eine Erinnerung oder ein kulturelles Arte38fakt aus dem Gedächtnis vielfach wiederholen, also etwa die gleiche Geschichte wiederholt nacherzählen oder ein Bild vielfach nachzeichnen. Dabei kann entweder derselbe Versuchsteilnehmer die Erinnerung mehrfach reproduzieren oder Ketten von Teilnehmern erhalten jeweils eine Geschichte oder Information und reichen sie an den nächsten Versuchsteilnehmer weiter wie im Stille-Post-Spiel.
Diese Methode wurde von dem Psychologen Frederic Bartlett 1932 popularisiert und seitdem zur Erforschung kultureller Muster erprobt. Bartlett beobachtete dabei eine Tendenz zur Stabilisierung der Erinnerung, wenn Narrationen bestimmte Formen erreicht haben. Er zog aus seinen Experimenten zur Nacherzählung eines obskuren Mythos den Schluss, dass dieses Verfahren besonders gut dazu geeignet ist, die Grundformen von Narrationen zu destillieren, und dass diese Grundform in ihrer Kohärenz bestehe, also in einer Erzählung mit kausalen Verknüpfungen.19
In diesem Buch werde ich eine Reihe von Versuchen präsentieren, die dem narrativen Denken mittels serieller Reproduktion auf die Spur zu kommen trachten.20 So werde ich beispielsweise einen Versuch beschreiben, in dem meine Mitarbeiter und ich mit 12 800 Versuchsteilnehmern Stille-Post-Spiele gespielt haben, um besser zu verstehen, welche Information weitergegeben und was fallengelassen wird. Das verblüffende Ergebnis fiel erstaunlich deutlich aus und ganz anders, als Bartlett dachte.
Eines der großen wissenschaftlichen Rätsel ist, wie es Säuglingen gelingt, die ungeheure Vielfalt an Sinneseindrücken zu ordnen und sich in ihrer physischen und sozialen Umwelt zu orientieren.
Wir kommen allerdings nicht ganz unvorbereitet auf die Welt. Menschen und vermutlich die meisten Wirbeltiere kommen mit einer Reihe von angeborenen Präferenzen zur Welt. Wir reagieren etwa auf die visuelle Wahrnehmung von Gesichtern und Symmetrie positiv.1 Auf manche Emotionen reagieren wir sofort. Klangfolgen, die wir bereits im Mutterleib hören konnten, haben hohen Wiedererkennungswert. Doch in vielerlei Hinsicht müssen wir Menschen unseren Umgang mit der Umwelt erst erlernen.
Zunächst müssen wir die eigenen Körperfunktionen kennen lernen und dabei auch die Sinnesorgane erproben und das Gehör verfeinern, um die Überlagerung verschiedener Geräusche und Laute zu sortieren. Ebenso muss das Sehen gelernt werden. Wie die anderen Menschenaffen und Beutegreifer verwenden Menschen stereoskopisches Sehen mit einem klaren Fokus der Aufmerksamkeit auf einem engen Sichtfeld. Anders als bei vielen Beutetieren, die eher einen Panoramablick haben, verwenden wir also ein relativ kleines 40Sichtfeld, das wir aber umso genauer und dreidimensional mit Tiefenschärfe beobachten. Wir sind auf die Wahrnehmung von Bewegung spezialisiert und lernen schnell, einem Objekt mit den Augen zu folgen.
In einem weiteren Schritt gilt es, die Außenwelt zu verstehen. Diese Welt ist voller Objekte mit jeweils spezifischen Eigenschaften. Sie schmecken verschieden. Manche können wir in die Hand nehmen, manche andere stehen fest oder sind von uns nicht manipulierbar. Veränderung und Beweglichkeit spielen auch hier eine Rolle. Eine Vase, die vom Tisch fällt, zerbricht. Das ist mit einem lauten Geräusch verbunden. Auch Wasser fällt nach unten, aber es zerbricht nicht, sondern tropft und spritzt. Wir werden nass.
Die Welt eines Säuglings muss ungeheuer verwirrend sein, selbst wenn man die Schwierigkeiten des Spracherwerbs und der eigenen körperlichen Koordination außen vor lässt. Geräusche überlagern sich. Diverse Sinneseindrücke ziehen Aufmerksamkeit auf sich. Holländische Mütter haben ihre Kleinkinder aus Angst vor der Sinnesüberflutung deswegen lange Zeit in Wiegen mit geschlossenem Vorhang gelegt, wie man in den Gemälden aus dem sogenannten goldenen Zeitalter der Niederlande des 17. Jahrhunderts sehen kann und was sich bis heute in einer Betonung von Ruhe und Schlaf in der Kleinkinderziehung ausdrückt.
