Das Portal - Elke Pistor - E-Book

Das Portal E-Book

Elke Pistor

0,0

Beschreibung

Eine junge, heilkundige Begine im Jahre 1348 und eine junge Kriminalkommissarin, auf Rache aus, im Jahre 2010 ... Ein Engel, der ein Mensch werden will ... Eine Macht, älter als das Christentum ... Und eine unmögliche Liebe. Weder Anna im Jahre 1348 noch Nia im Jahre 2010 sind sich bewusst, dass ihr Hingezogensein zu einem mysteriösen Mann die Aufmerksamkeit eines uralten Kultes auf sie lenkt, der bereit ist, bis zum Äußersten zu gehen, um seine Macht zu verteidigen. Können die Taten von Menschen und Engeln ein gigantisches Bauwerk aus Stein einreißen? Und was ist am Ende wichtiger: Eine Liebe, die Jahrhunderte überdauert, oder das Fortbestehen des Kölner Doms?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 342

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhaltsverzeichnis
Titel
Impressum
Prolog
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Zwanzig
Nachwort
Dank

Elke Pistor

Das Portal

Impressum

Autorin: Elke Pistor

Covergestaltung: © Traumstoff Buchdesign traumstoff.at

© Feder & Schwert 2018

E-Book-Ausgabe 2018

ISBN: 978-3-86762-308-7

ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-86762-307-0

Das Portal ist ein Produkt von Feder & Schwert. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck außer zu Rezensionszwecken nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages.

»Saxum e stirpe ortum caelum continget opibus valens.
Antiquitatem tuentes custodes temporum aeternitatum fiunt. Numina pari momento librata dominabunt,
quoad fundamenta mundi ab amantibus illis
disparibus sunt quassata.«
»Aus der Wurzel wird Stein stark und mächtig in den Himmel wachsen. Die Hüter des Alten werden zu
Bewahrern der Ewigkeit. Das Gleichgewicht der
Kräfte wird walten, bis die Liebe des ungleichen
Paares die Fundamente erschüttert.«

Prolog

Köln 1388

Das Geläut setzte unvermittelt ein. Anna schreckte zusammen. Sie senkte den Kopf und bekreuzigte sich – es war wieder geschehen. Sie stand vor dem Peters­portal, ohne Erinnerung daran, wie sie hierhergekommen war.

Aber sie musste den Weg gegangen sein. Sie blickte an sich herunter. An ihrem Rocksaum hingen Dreck und Straßenstaub wie ein schwarzer Trauerrand.

Du bist bei mir.

»Ja, ich bin bei dir«, murmelte sie und biss sich auf die Lippen. Sie musste damit aufhören, der Stimme zu antworten. Es gab sie nicht, diese Stimme, und wenn doch, dann gehörte sie einem Dämon. Einem Teufel, der ihren Geist verwirren und ihre Seele verführen wollte.

In den letzten Monaten war es schlimmer geworden, als es in den vielen Jahren vorher gewesen war. In den vierzig Jahren seit jenem Tag, als sie den Ruf zum ersten Mal gehört hatte und ihm gefolgt war. Blind. Wie eine Träumerin war sie jedes Mal aufgewacht und hatte hier gestanden.

Immer hier, dachte sie und trat einen Schritt näher an das Gemäuer. Unter ihren Fingern spürte sie die kühle Oberfläche der Steine. Sie schloss die Augen, und für einen Moment erfasste sie eine Ahnung von der gewaltigen Größe, die dieses Bauwerk einmal haben würde. Der Dom zu Köln. Kathedrale zur Ehre Gottes. Schutz der Gläubigen. Eine riesige Baustelle.

Irgendwann, so hatten ihr der Vater und der Bruder versichert, würden hier die mächtigsten Glocken des Abendlandes klingen. Nicht zu ihren Lebzeiten. Und nicht zu Lebzeiten ihrer Kinder und Kindeskinder. Stück für Stück, Stein für Stein, Jahr für Jahr.

Anna fühlte die zarten Vibrationen des Bodens, die mit jedem Ton durch ihren Körper strömten. Die heiseren Schreie der Möwen, die auf der Suche nach Futter vom nahe gelegenen Rhein kamen, drangen nur noch dumpf an ihr Ohr.

Du bist bei mir, Anna.

Sie schüttelte den Kopf. Nein. Nicht. Sie zwang sich, an andere Dinge zu denken. Der Stimme keinen Raum in ihren Gedanken zu lassen. Die Einkäufe auf dem Markt, die Arbeit im Haus. Die Knechte, das Vieh, der Webstuhl.

Am Morgen war sie mit ihrer Magd hier gewesen und beladen mit Köstlichkeiten und einigen Gewürzen wieder durch die engen Gassen nach Hause geeilt. Sie hatten gekocht und gebraten, das Mahl für den Festtag vorbereitet. Anna hatte ihre Magd auf der Suche nach dem letzten Staubkorn durch die Kammern des Hauses gescheucht, um alles vorzubereiten für den Gast, den sie morgen erwartete.

Wie lange war es her, dass sie und ihr Bruder Peter sich das letzte Mal gesehen hatten? Waren das wirklich schon acht Jahre? Und davor? Sie wusste es nicht mehr. Die Familie der Parler war seit Langem in alle Welt zerstreut.

Peters Talent war nicht lange verborgen geblieben, nachdem er in der Dombauhütte Hüttendiener geworden war. Über seine Ungeduld, bis er schließlich seinen vierzehnten Geburtstag feiern und die Steinmetzlehre beginnen durfte, musste sie noch heute lachen.

»Ich werde einmal ein berühmter Dombaumeister!«, hatte er gerufen. Anna hatte ihm geglaubt, und er hatte recht behalten: Dombaumeister zu Prag durfte er sich heute nennen, und er tat es mit Stolz.

Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute zu dem Bogen hoch. Dem Portal zu einem Kirchenbau, dessen letztendliche Größe nur in der Vorstellungskraft der Dombaumeister und auf einem kühnen Bauplan existierte. Noch führte dieses Tor in den Teil des alten Gotteshauses, der bald weichen würde. Die Figuren im Gewölbe waren mehr als nur Abbilder des Lebendigen. Sie atmeten. Zogen Kraft aus der Wärme der Sonne und den Gebeten der Gläubigen. Heilige, Apostel und Engel. Von der Hand derer von Parler erschaffen. Sie hätte stolz sein müssen, trug doch die Statue der heiligen Barbara ihre Gesichtszüge. Peter hatte die Schutzpatronin der Steinmetze nach ihrem Vorbild geschaffen. Stattdessen empfand sie nichts als eine große Leere und die Ahnung einer tiefen Sehnsucht.

Ich bin bei dir!

Anna fuhr zusammen und sah sich um. Die Stimme klang so nah, nicht mehr so, als wäre sie nur in ihrem Kopf. Die Türen des Petersportals standen weit offen. Aus dem Inneren des Doms drang der Geruch von Weihrauch. Die Hitze des Augusttages hatte sich in die Mauern der Kathedrale gesetzt und wehrte die erste Kühle des frühen Abends ab. Schatten tauchten die Gesichter der Steinfiguren in ein graues Dunkel.

Über ihrem Kopf fielen andere Glocken in den klaren Klang ein und riefen zum Vorabendgebet. Anna hob die Hand an die Schläfe, strich sich über die Stirn und wischte den Schweiß ab, bevor er ihr in den Augen brennen konnte. Als sie sie wieder sinken ließ, fiel ihr Blick auf die faltige Haut ihres Handrückens. Sie wurde alt. Bald würde sie ihr einundsechzigstes Lebensjahr vollenden, und die Zeit hatte auch vor ihr nicht Halt gemacht. Wurde sie gar ein wenig wirr im Kopf?

Komm zu mir!

Die Stimme drängte sich in ihre Gedanken und erinnerte sie an einen schon lange vergessenen Schmerz. Sie war nicht wirr.

Erkenne mich!

Sie kannte diese Stimme. Ja. Sie wusste um die Liebe, die in dieser Stimme mitklang, und sie wusste, dass diese Liebe ihr galt, nur ihr allein. Ihr wurde schwindelig und sie schwankte.

Erinnere dich!

Feuer! Es war vor ihr, unter ihr, um sie herum! Es nahm ihr die Luft, fraß sich in ihre Haut, stach ihr den Schmerz in den Leib. Es riss an ihren Fesseln.

»Ich stüssen dich an dä blaue Stein, du küss din Vader un Moder nit mih heim.« Die Worte des Greven übertönten in ihrer Erinnerung das Brüllen der Flammen. Der Henker hatte keine Gnade walten lassen. Hatte sie nicht erwürgt, bevor er sie in die Holzhütte stieß und den Reisighaufen anzündete.

Sieh mich!

Ein drückender Schmerz zog durch ihren linken Arm und kroch zu ihrem Hals herauf. Sie rang nach Luft, aber ihre Lungen schienen zu klein und zu eng. Kalter Schweiß lief ihren Rücken entlang und durchtränkte den Stoff ihres Kleides.

Augen, Hände, Lippen. Das Gefühl des Heimlichen, des Verbotenen. Sie erinnerte sich an die Sehnsucht, die Verzweiflung. Und sie erinnerte sich an die Angst.

Sie war schon einmal gestorben. Vor einer Ewigkeit.

Und jetzt starb sie wieder.

Mit einer Klarheit, die sie verwunderte, erkannte sie, dass ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen.

Sie öffnete die Augen. Er stand vor ihr.

»Du erinnerst dich an mich.«

»Ich erinnere mich an alles.«

»Ich war immer da.«

»Du warst bei mir.«

»Meine Liebe hat dich beschützt.«

»Wie konnte ich nur vergessen?«

»Das hast du nie.«

Sie nickte. Er wandte sich um und trat in den Schatten des Portals. Dann sah er sie über die Schulter hinweg an und reichte ihr seine Hand.

Eins

Köln 2010

Nia umklammerte ihr Funkgerät und hoffte auf eine Antwort. Der Apparat knackte und knarzte, dann verstummte er.

»Verfluchte Scheiße!« Sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Hauswand, versuchte, ruhig zu atmen und das Zittern in den Griff zu bekommen.

Sie schaltete das Gerät aus und wieder an, aber außer der rot blinkenden led-Leuchte regte sich nichts mehr auf dem Display. Der Akku hielt länger als vierzehn Stunden, doch die waren nun abgelaufen. Das Gerät war nutzlos. Nia unterdrückte den Drang, den kleinen schwarzen Apparat in die Büsche zu schleudern, und versenkte ihn in ihrer Jackentasche.

Ein metallisches Scheppern schreckte sie auf. Er war irgendwo da draußen auf dem Gelände in der Dunkelheit und lauerte. Wartete auf den Moment ihrer Unachtsamkeit.

In der Ausbildung hatten sie solche Situationen besprochen und geübt, so lange, bis sie sich sicher fühlten.

Die Theorie nutzt mir jetzt gar nichts, dachte sie und fühlte, wie ihr der Schweiß aus dem Haaransatz den Nacken hinunterlief. Sie schauderte und roch ihre eigene Angst.

»Als Kommissar im Dienst haben Sie eine hohe Verantwortung. Für die Bevölkerung, Ihre Kollegen und nicht zuletzt für sich selbst.« Nia hörte die Begrüßungsworte, die ihr Vorgesetzter Edgar Wackwitz vor zwei Wochen bei ihrem Dienstantritt an sie gerichtet hatte, als ob er neben ihr stehen würde. Er hatte ihr die Hand gereicht, sie eindringlich gemustert und gelächelt. Sie mochte ihn sofort. Ein väterlicher Typ, der sich schnell als ihr Mentor herausgestellt hatte und auf dessen Rat sie gerne hörte. Seine Stimme, seine Gesten weckten Erinnerungen in ihr an die verregneten Sommernachmittage in ihrem Elternhaus, als sie und ihr Vater eintauchten in die Geschichten der Vergangenheit. Dabei war Wackwitz noch siebzehn Jahre jünger als es ihr Vater heute wäre. Arnulf Hallmann, Griechisch- und Geschichtslehrer am altehrwürdigen Sankt-Severin-Gymnasium in der Kölner Altstadt. Seinem Beruf und seiner Stadt aufs Innigste verbunden.

Selbstverständlich nannte er seine Tochter Apollonia.

Sie hatte gelitten als Kind. Unter dem Namen und da­runter, dass ihre Eltern anders waren als die ihrer Freunde. Älter, gesetzter, bedächtiger. Vielleicht hatte sie deshalb immer so viel Wert auf Sportlichkeit gelegt. Fit, flexibel, beweglich wollte sie sein. Die Aufmerksamkeit, die Liebe und das Verständnis ihrer Eltern hatte sie lange nicht gesehen, ihre Teenagerrebellion ohne Rücksicht ausgelebt. Freiraum und Sicherheit. Rückhalt und Grenze. Dafür und für ihre immer offenen Arme liebte Nia ihre Eltern. Bis heute. In ihrer Erinnerung.

Es hatte ihr durch die Aufnahmeprüfung für die Polizeischule geholfen, sie ihre Ausbildung mit Bravour bestehen lassen und ihren Ehrgeiz genährt. Den Ehrgeiz und den Wunsch, ihr Ziel so schnell wie möglich zu erreichen: die schnelle Beförderung, die Mitarbeit in der K11, der Mordkommission.

Was für eine hirnverbrannte Gefühlsduselei, dachte sie und spürte, wie Tränen über ihre Wangen liefen. »Reiß dich am Riemen, Nia«, murmelte sie leise und zwang sich, an nichts anderes als an den Mann dort draußen in der Dunkelheit zu denken. Sie ging in die Hocke, zog die Dienstwaffe aus dem Holster und entsicherte sie. »Konzentrier dich, Nia! Du musst das schaffen! Du musst! Überleben!«

Mit der linken Hand stützte sie sich ab, beugte sich vor und sah um die Hausecke.

Zwanzig Meter lagen zwischen ihr und der reglosen Gestalt auf dem Boden. Zwanzig Meter, die ihr wie hundert vorgekommen waren, als sie gerannt und gestolpert war, das Geräusch der Schüsse im Ohr.

Tim lag auf dem Bauch, die Arme von sich gestreckt, das rechte Bein angewinkelt. Der dunkle Fleck auf dem Asphalt unter seinem Kopf wuchs immer noch.

Sie war hinter ihm gewesen. Sie hatte gesehen, wie die Kugel ihn in den Hinterkopf traf. Im Vorbeilaufen hatte sie sich umgedreht und sein Gesicht gesehen, dort, wo keines mehr war.

Sie hatten gedacht, die Verfolger zu sein, dabei waren sie die Gejagten. Auf diesem verdammten Schrottplatz vor den Toren Kölns. Ihr Kollege hatte sie nicht allein gehen lassen, sondern darauf bestanden mitzukommen. Nia wollte nicht darüber nachdenken, aus welchem Grund er das für sie getan hatte, obwohl sie es seit längerer Zeit ahnte.

Das Licht veränderte sich, und Nia schreckte zurück hinter die Hausecke. Aber es war nur die Wolkendecke, die für einen Moment aufriss und das Mondlicht durchscheinen ließ.

Sie zog ihr Handy aus der Jacke, in der Hoffnung, endlich Empfang zu haben. Die Balken der kleinen Antenne auf ihrem Display blieben leer. Ob es an der Gegend lag? Verlassenes Land. Nias Herz raste. Es musste doch eine Möglichkeit geben, Hilfe zu holen.

Einige Meter vor ihr rauschte ein Schatten durch die Nacht. Es raschelte, scharrte, und dann hörte sie den Todesschrei eines kleinen Tieres. Mit mächtigen Flügelschlägen erhob sich die Eule mit ihrem Opfer zwischen den Krallen wieder in die Luft, und für einen Augenblick meinte Nia, die schwarzen, glänzenden Augen des Kaninchens auf sich gerichtet zu sehen. Es schien ihr, als hätte es sich in sein Schicksal ergeben, als folgte es willig seinem Jäger auf dem Weg, an dessen Ende der Tod stand. Ihr wurde schlecht. Eine Faust drückte ihren Magen zusammen, und sie übergab sich. Der Geruch ihres eigenen Erbrochenen stieg ihr in die Nase. Sie schüttelte sich, spuckte und stolperte ein paar Schritte weiter in die Dunkelheit hinein.

»Doch nicht so ein harter Cop, was?« Krahwinkel lachte. Er hatte sie gehört. »Ich hab dir ja gesagt, leg dich nicht mit mir an. Das hast du jetzt davon!« Die Stimme kam näher. Noch hatte er sie nicht entdeckt. Lange konnte es nicht mehr dauern.

Nia suchte nach einem Versteck. Die Wand erstreckte sich über mehr als zehn Meter. Im Licht des Mondes eine einzige glatte Fläche. Kein Winkel, kein Vorsprung.

Schnauze!, wollte Nia brüllen, aber sie biss sich auf die Lippen. Wenn sie sich provozieren ließ, würde er sie schneller finden. Aber vielleicht war das ja das Beste.

Was hatte sie zu verlieren? Tim war tot. Tim, ihr Kollege, aus dem vielleicht mehr als ein Freund hätte werden können. Gestorben, weil sie diese Sache im Alleingang machen wollte.

Warum, verdammt, hatten sie keine Verstärkung bei Wackwitz angefordert? Er hatte sie doch erst auf die Spur gebracht. Weil sie unbedingt recht behalten wollte? Weil sie sich und ihm etwas beweisen wollte? Oder weil Krahwinkel ihre ganz persönliche Angelegenheit war?

Rausgehen und sich abknallen lassen. Ein Ende setzen, bevor überhaupt etwas beginnen konnte. Was auch immer es gewesen wäre.

Sie lachte bitter. Hatte sie vor zwei Stunden, als sie mit ihrer Tante im Café auf der Domplatte gesessen hatte, wirklich noch geglaubt, sie wolle nur verhindern? Verhindern, dass Krahwinkel noch ein Leben zerstören würde, so wie ihres?

»Was machst du?« Krahwinkels Reibeisenstimme schallte über den Hof. »Nach deiner Mami weinen?« Nia hörte den Hohn in seinen Worten. »Die wird dir jetzt nicht helfen können, Schätzchen! Wenn Onkel Manni erst mal fertig ist mir dir, wird dir niemand mehr helfen können!« Seine Schritte kamen näher.

Wusste er es? Ahnte er, wer ihre »Mami« war? Hatte sich das Gesicht ihrer Mutter ebenso in sein Gedächtnis gebrannt wie in ihres? Woran erinnerte er sich? An die Angst in den Augen der Frau, die vor ihm auf dem Küchenstuhl gesessen hatte? Oder an das Loch in ihrer Stirn?

Nia sah sich um. Ein umgestürzter Baumstamm ragte aus der Dunkelheit hervor. Dahinter schoben sich die Blätter der Büsche zu dunklen Schatten zusammen. Halb gebückt lief sie darauf zu und ließ sich hinter dem Stamm flach auf den Boden fallen, ohne auf die Steine zu achten, die sich in ihren Körper bohrten.

Mit vierzehn Jahren ist man nicht vorbereitet auf den Tod. Sie hatte nur dagestanden und ihre Eltern angesehen. Auf die Stille des Hauses gelauscht. Unfähig, sich zu rühren. Unfähig, den Schmerz anzunehmen. Er hatte ihre Eltern im eigenen Haus ausgeraubt und erschossen. Einfach so. Aus Habgier? Aus Grausamkeit? »Keine Kampfspuren«, hatte sie vor zehn Tagen in der Akte gelesen, als aus ihrem Wunsch, solche Grausamkeiten zu verhindern, Wirklichkeit geworden war und sie die »hohe Verantwortung« übernommen hatte. Er war davongekommen. Keine Beweise.

Damals.

Langsam schob sie sich bis ans Ende des Stammes und sah durch die Blätter auf den Hof. Krahwinkel stand neben Tim, die Pistole in der rechten Hand, und starrte angestrengt in ihre Richtung. Er schob seinen Fuß unter Tims Schulter und drehte den schlaffen Körper auf die Seite. Nia glaubte, sein zufriedenes Knurren zu hören, als er erkannte, dass ihm von dieser Seite keine Gefahr mehr drohen würde. Dann ging Krahwinkel einen Schritt nach hinten, nahm kurzen Anlauf und trat dem Leichnam in den Bauch. Tims Körper krümmte sich, als ob er noch leben und Schutz suchen würde.

Kalte Wut packte Nia. Ohne nachzudenken, riss sie die Waffe hoch und feuerte auf Krahwinkel. Die Kugel verfehlte ihn und durchbohrte einige Meter hinter ihm einen alten Golf. Nia legte erneut an, zielte und schoss. Blind. Wahllos. Sie bestand nur noch aus Reflex, Wut und Rache. Schüsse knallten, ohne dass sie hätte sagen können, ob sie aus ihrer Waffe stammten oder Krahwinkels Antwort auf ihren Angriff waren. Bis zu dem Moment, als aus den Schatten der Schmerz kam, ihr die Waffe aus der Hand fegte und sie zu Boden warf, hätte sie noch nicht einmal sagen können, wo Krahwinkel war. Dann wusste sie es.

Sein hassverzerrtes Gesicht hing über ihrem. Nia konnte seinen Atem spüren, und der Gestank seines After­shaves drückte auf ihre Lungen. Sie stöhnte.

»Liebschen, gleich is et vorbei!«, zischte er durch die Zähne und presste ihr den Lauf seiner Pistole unters Kinn. »Aber vorher machen wir es uns noch ein bisschen nett, der Onkel Manni und die kleine Schlampe von der Polizei, oder was meinst du?« Er nestelte an seinem Hosenbund.

Nia erstarrte, als sie begriff, was er vorhatte. Ihre rechte Hand pochte. Dort, wo der Schuss sie getroffen hatte, spürte sie, wie das Blut lief.

Krahwinkel kniete jetzt auf ihr. Mit der einen Hand presste er weiter die Pistole gegen ihre Kehle und schnürte ihr die Luft ab. Mit der anderen zerrte er an ihren Kleidern.

Nia spürte, wie der Kies sich in ihre Haut bohrte. Ihre Finger umklammerten harten Stein, sie drehte den Kopf zur Seite und schlug zu.

***

In der Wärme des späten Sommerabends pulsierte das Blut durch seine Adern und füllte ihn mit Leben. Er erwachte, löste sich aus den Schatten seines Gefängnisses, mischte sich unter den Strom der Menschen und ließ sich treiben. Er genoss es, mitten unter ihnen zu sein, sich als ihresgleichen zu fühlen, als Teil des Lebens. Unerkannt. Ohne Scheu.

Langsam verließ die Steifheit seine Glieder.

Niemand achtete auf ihn, als er den Platz überquerte. Wortfetzen flogen an ihm vorbei. »You should …« – »… ins Römisch-Germanische Museum.« – »Wenn er nicht anruft, dann …« – »Il part de la gare.« Ein Sprachenteppich, gewoben aus den Wünschen und Plänen der Menschen, der ihn die Stufen zum Bahnhof hinuntertrug.

Er schlenderte. Langsam. Jeden Schritt auskostend. Liebespaare umschlangen und hielten einander. Sie küssten sich oder schauten gemeinsam in eine Richtung, die vielleicht ihre Zukunft war. Teenager drapierten sich in lässiger Haltung auf der Treppe, Punks kraulten ihre Hunde, und müde Touristen starrten auf die Displays ihrer Kameras. Er schloss sich dem Strom der Reisenden an. Die Türen des Kölner Hauptbahnhofes verschluckten die Menschen einen nach dem anderen, um sie an anderen Stellen wieder auszuspucken.

Vor dem Informationsschalter blieb er stehen und lauschte. Erneut streiften Worte, hingeworfen im Vorbeieilen, seine Gedanken. Abschied. Willkommen. Freude. Trauer. Wut.

Ein junger Mann schälte sich aus der Menschenmenge. Er trug Jeans und T-Shirt. Einer von vielen. Aber etwas an seinem Gang, an seiner Haltung, unterschied ihn von den anderen. Die Art, wie er zögerte, um dann den Schritt zu beschleunigen. Seine Kopfhaltung. Die Anspannung in den Muskeln, die ihn nach vorne trieb.

Auch wenn er diese Äußerlichkeiten nicht brauchte, um zu erkennen. Was ihn erkennen ließ, war selten sichtbar. Leid. Verzweiflung. Oder nur der Ausdruck in den Augen, den er selbst über diese Entfernung hinweg erkannte und der ihm sagte, dass jetzt der Zeitpunkt war.

Er hatte gewusst, dass er ihn finden würde. Er fand sie immer. Manchmal fragte er sich, ob es nicht eher so war, dass sie ihn fanden, weil er sie nicht finden wollte. Aber sein Wille war unerheblich und spielte keine Rolle. Er hätte keinen Willen haben dürfen. Und doch hatte er ihn. Warum, dachte er, ist es so schwer? Warum wird es mit jedem Einzelnen schwerer?

Er folgte dem jungen Mann durch den Bahnhof. Vorbei an den Schließfachautomaten, dem Buchladen und der Bäckerei. Vorbei an den Kofferschiebern, Eiligen, Abschiednehmenden. Vorbei am Leben.

Der junge Mann vor ihm ging nun schneller. Vor dem Aufgang zu Bahnsteig eins blieb er stehen. Er sah das Schild mit dem Hinweis auf die Bahnpolizei und schüttelte den Kopf, als ob jemand ihm eine Frage gestellt und er sie beantwortet hätte. Dann ging er weiter. Umklammerte die Riemen seines Rucksackes.

Als der junge Mann die Treppe zum nächsten Bahnsteig hinaufging, nahm er zwei Stufen mit jedem Schritt. Er hatte es eilig, sein Ziel zu erreichen.

Er folgte ihm.

»Es geht dir nicht gut«, sagte er zu dem jungen Mann, als sie das Ende des Gleises erreichten. Niemand war in der Nähe. Sie standen weit hinter dem Bereich, der auf dem Wagenstandsanzeiger mit »Zone F« gekennzeichnet war.

»Nein«, antwortete der junge Mann, ohne ihn anzusehen.

»Weißt du, was du da vorhast?«

»Natürlich weiß ich das!« Unwirsch wandte er sich ab.

»Wie heißt du?«

»Für dich bin ich niemand.«

»Du bist wütend, Jakob.«

»Für alle bin ich niemand.«

»Wer wütend ist, hat Kraft zum Leben.«

Der junge Mann schwieg.

Er stellte sich neben ihn. Gerade so, dass ihre Hände sich nicht berührten. Es ist meine Strafe, dachte er und schmeckte eine Mischung von Metall und Schweiß auf der Zunge. Die Luft stand unter dem Kuppeldach des Hauptbahnhofs, kein Wind brachte Kühlung, obwohl die Seitenwände sich zur Stadt hin öffneten. Die Hitze sammelte sich, stieg nach oben und senkte sich dann wie eine Decke über die Betriebsamkeit. Alles klang gedämpft, nur unterbrochen vom Kreischen der Bremsen oder den quietschenden und knackenden Lautsprecher­ansagen.

Es ist meine Strafe, deshalb ist es so schwer.

»Du kannst mich nicht daran hindern!« Der junge Mann schrie jetzt, aber außer ihm schien das niemand zu hören. Die Sehnen und Adern an seinem Hals traten hervor, kraftvoll und geschmeidig.

»Ich will dich nicht hindern.« Er starrte geradeaus, über die Gleise hinweg auf die Metallstreben der Dachkonstruktion. »Meine Aufgabe ist es, dir die Kraft zu geben, deinen wahren Willen zu erkennen.« Er betrachtete die feinen Schwingungen der Schienen.

Der Zug fuhr ein.

Er spürte den Kampf, den der junge Mann mit sich ausfocht. Hörte seinen schnellen Atem. Den Herzschlag. Rattatamm, rattatam, rattatam, rattatam. Die Räder. Den Herzschlag.

Er schwieg.

Der Zug war da.

In den Augen des Zugführers sah er Erkennen und Entsetzen. Er hob die Hand, legte sie auf die Schulter des jungen Mannes und schloss die Augen.

Dein Wille!

Als er sie wieder öffnete, stand er allein auf dem Bahnsteig.

Zwanzig Meter neben ihm schrie eine Frau.

***

Nia fror. Obwohl Krahwinkels Gewicht sie nicht mehr zu Boden drückte, fiel ihr das Atmen schwer. Vor ihren geschlossenen Augen tanzten kleine Punkte wie ein buntes Feuerwerk. Sie zwang sich, die Lider zu öffnen, und drehte den Kopf in die Richtung, aus der eben noch ein leises Röcheln gekommen war. Jetzt hörte sie nichts mehr. Krahwinkel lag reglos neben ihr auf dem harten Kies, die Hand ausgestreckt, die Finger leicht gebeugt, so als wolle er ihr über die Wange streichen. Nia wich unwillkürlich zurück und drehte sich auf die Seite. Sie zog die Knie an und stützte sich mit der linken Hand vom Boden ab. Langsam stand sie auf. In ihren Ohren rauschte es. Sie schwankte. Was war passiert? Warum lag Krahwinkel so leblos da?

Sie hatte diesen Anruf erhalten, den Hinweis auf Krahwinkels Versteck, und war hinausgefahren. Allein? Sie konnte sich nicht erinnern.

Er braucht einen Arzt, dachte sie und tastete nach ihrem Handy. Das Telefon war blutverschmiert, wie ihre Finger. Sie warf es weg und starrte auf die tiefe Wunde an ihrer Hand, aus der Blut sickerte. Wieder tanzten die Punkte vor ihren Augen.

»Ich muss Hilfe holen«, sagte sie laut und erschrak über den Klang ihrer Stimme in der Stille. »Ich muss Hilfe holen«, murmelte sie erneut, leiser diesmal. Sie wandte sich ab und ging tiefer in die Büsche hinein, bückte sich unter den Zweigen hindurch und achtete nicht auf die Dornen, die sich in ihren Kleidern und den Haaren verfingen. Sie sah hinter dem Dickicht das Feld und hinter dem Feld die Straße.

Scheinwerfer kamen auf sie zu, als sie auf den Asphalt trat. Bremsen quietschten, der schrille Ton einer Hupe gellte durch die Nacht. Nia blieb für einen Moment stehen, dann ging sie weiter die Straße entlang.

Die Tür des Wagens öffnete sich, und Nia hörte Schritte, klackernde Absätze, die sich näherten.

»Brauchen Sie Hilfe? Hatten Sie einen Unfall? Eine Frauenstimme. Sie klang besorgt.

Hilfe. Nia hielt inne. Sie nickte und sah die Frau an. Ja. Das war es, was sie brauchte.

»Ich rufe sofort einen Krankenwagen!« Die Frau war jetzt bei ihr. Ihr Blick wanderte über Nias Gesicht und über ihre Hände, folgte den dunklen Blutschlieren und blieb an der Wunde hängen. Nia konnte das Misstrauen in den Augen der Frau sehen.

»Warten Sie!« Sie rannte zurück zu ihrem Auto, zog eine Decke aus dem Kofferraum und breitete sie auf dem Boden aus. »Was ist passiert?«, fragte sie, während sie Nia zu der Decke führte. »Soll ich die Polizei rufen?«

»Ich bin die Polizei.«

»Legen Sie sich erst mal auf die Decke.«

»Ich muss Hilfe holen!« Nia schüttelte den Kopf und zog mechanisch ihren Ausweis aus der Innentasche ihres Jacketts. Sie hielt ihn mit ausgestrecktem Arm nach vorne.

Die Frau nickte, griff durch die geöffnete Tür in das Ablagefach neben dem Lenker und wählte die Notrufnummer.

»Tim ist tot!«, flüsterte Nia. Eine Erinnerung an sein Gesicht blitzte auf, vermischte sich mit dem erstaunten Ausdruck in den Augen ihres toten Vaters. Wann war das gewesen? Eben? Gestern? Tränen liefen über ihre Wangen. Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn und sie zitterte.

»Der Notarzt ist unterwegs«, sagte die Frau mit rauer Stimme. »Er wird Ihnen helfen.« Sie hob die Decke vom Boden auf und legte sie um Nias Schultern. »War noch jemand bei Ihnen? Ist der auch verletzt? Braucht er auch einen Arzt? Wo ist er?«

»Krahwinkel ist …« Nia blickte die Frau an, ohne sie zu sehen. »Ich weiß es nicht.« Bilder drängten sich in ihr Bewusstsein. Die schwarzen Augen eines Kaninchens. Ein lebloser Körper. Krahwinkels Gesicht über ihr. Das Gefühl des schweren Steins in ihren Händen. Sie schnappte nach Luft. »Ich habe ihn umgebracht.«

»Sie sind Polizistin.«

»Ich muss Hilfe holen!« Nia schüttelte die Decke ab und ging weiter in die Richtung, von der sie glaubte, dort sei die Stadt. Die Frau hielt sie fest.

»Der Arzt ist sicher gleich da. Er wird Ihnen helfen.«

»Ja.« Nia stoppte, setzte sich dort, wo sie stehen geblieben war, auf den Boden und begann zu weinen.

Zwei

Köln 1348

Die junge Frau kämpfte sich durch den Schlamm der Straße. Die ganze Nacht über hatte es geregnet. Die kleinen Holzbrettchen unter ihren Schuhen versanken immer wieder im Morast und lösten sich mit einem schmatzenden Geräusch, wenn sie die Füße hob.

»Geh weg!« Mit einem Stock vertrieb sie ein besonders neugieriges Schwein, das ihr entgegenlief und seine Schnauze in den dicken Stoff ihres langen braunen Kleides wühlte. Sie stolperte über das Tier, stützte sich an einer Hauswand ab und drängte den schweren Körper zur Seite.

Halei folgte ihr im Schutz der Mauern. Er wollte zu dem gleichen Ort wie sie, aber ihre Ziele waren grundverschieden. Er bewunderte ihren Willen und ihre Kraft, mit der sie ihren Weg ging.

»Mach, dass du fortkommst!«, sagte sie energisch zu dem Schwein, hob ihren Rocksaum an und eilte weiter. »Ich muss schnell sein, bevor es zu spät ist.« Sie schaute zum Himmel. Die eng beieinanderstehenden Häuser ließen kaum einen Schimmer des Morgenlichts auf die Straße fallen. Sie hatte keinen dieser bezahlten Leuchtmänner bei sich, schien sich aber nicht zu fürchten.

Ich kann auf sie achten, dachte Halei, bevor er sich daran erinnerte, dass seine Aufgabe heute eine andere war. Ihre Gefühle und Gedanken überfluteten ihn. Da waren Angst, Sorge und verzweifelte Hoffnung. Es fiel ihm schwer, sich davor zu verschließen. Sie berührte ihn auf eine Art und Weise, die ihm neu war und fremd.

In großer Ungeduld hatte sie eben noch am Morgen­gebet im Beginenhof teilgenommen, vor dem keine der Schwestern das Haus verlassen durfte, und darauf gewartet, endlich zu ihrer Freundin Ursula und deren kranker Tochter Johanna zu gelangen. Die Zehnjährige hatte Kirschen gegessen und klagte seitdem über starke Leibschmerzen. Aber erst als das Fieber gestern immer heftiger geworden und Johanna in einen dämmrigen Schlaf gefallen war, hatte Ursula nach der heilkundigen Anna rufen lassen.

Da war er schon da gewesen, hatte unbemerkt von der Mutter neben dem Kopf des Kindes gesessen, ihr sanft über das verschwitzte Haar gestreichelt und sie angelächelt.

»Du brauchst keine Angst zu haben, Johanna. Ich bin bei dir und führe dich.«

Mit geschlossenen Augen hatte sie ihn angesehen, und er konnte das Vertrauen ihrer Seele in seine Kraft erkennen.

»Du bist ein Engel«, hatte sie ihm leise zugeflüstert und war wieder in den Zustand des Schlafes geglitten, der ihr den Rest ihres irdischen Lebens erträglich machen würde.

»Es geht ihr sehr schlecht«, hatte Ursula schon an der Türe zu Anna gesagt und sie in die Küche geführt, wo das kran-ke Kind in der Nähe der Feuerstelle auf einer Matte aus Stroh lag.

Johanna hatte nur leise gewimmert, als Anna sie an der Schulter gefasst, zu sich gedreht und mit den Untersuchungen begonnen hatte. Das Fieber ließ ihre Haut glühen und ihr Herz rasen. Ihr Bauch war hart gewesen, als Anna auf die linke Seite gedrückt und wieder losgelassen hatte. Johannas Schrei hatte ihren schlimmen Verdacht bestätigt.

»Ich befürchte, sie hat die Seitenkrankheit«, hatte sie gemurmelt und sich gewünscht, die Verzweiflung in den Augen ihrer Freundin nicht sehen zu müssen.

»Das heißt, sie wird sterben?« Ursulas Stimme war kaum zu hören gewesen.

»Ich werde alles versuchen, damit dein Kind am Leben bleibt!«

Halei wusste, dass ihre Hoffnung auf Heilung größer war als ihr Glaube daran.

»Bete, Ursula. Das ist alles, was du für Johanna tun kannst. Ich komme morgen früh wieder und bringe Kräuter, die das Fieber senken und den Brand lindern können.«

Jetzt, so früh am Morgen, war sie auf ihrem versprochenen Weg, und Halei folgte ihr. Er ging neben ihr her, hörte ihren Atem und ihren Herzschlag. An ihrem Ledergürtel trug Anna einen Beutel mit Lindenblüten und Weidenrinden. Sie sollten gegen das Fieber helfen. Tausendgüldenkraut und Wacholder sollten Johannas Leib Erleichterung verschaffen.

»Es geht ihr besser!« Wie gestern riss Ursula bereits beim ersten Klopfzeichen die Haustüre auf. »Sie hat keine Schmerzen mehr.«

Anna drängte sich an ihr vorbei in die Dämmerung des Zimmers. Halei blieb am Eingang stehen.

Johanna lag ausgestreckt auf ihrem Lager, die Augen geöffnet, und starrte an der Besucherin vorbei zur Tür.

»Kommst du mich jetzt holen?«, flüsterte sie mit leiser Stimme.

»Ich bringe dir Kräuter, die dein Fieber senken, Liebchen.«

Halei trat neben Anna und nickte ihr zu.

»Engel kommen zu denen, die sterben.« Johanna lächelte und streckte die Hand aus. »Ich gehe mit dir.«

Sie schloss die Augen. »Ich hab keine Angst.«

Anna kniete sich neben sie und legte ihr eine Hand auf die Stirn. »Erkennst du mich nicht? Ich bin Anna!« Sie sah zu Ursula hinüber, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder dem Kind zu. »Du brauchst keine Angst zu haben.«

»Ich habe Schuld an meinem Tod, nicht wahr?«, murmelte Johanna. »Ich durfte die Kirschen nicht nehmen und habe es trotzdem getan. Das ist meine Strafe.«

»Nein!« Halei und Anna antworteten gleichzeitig. Anna sah sich um.

Halei spürte, dass seine Anwesenheit und seine Worte zu ihr durchgedrungen waren. Dass er für einen kurzen Moment die Mauer durchbrochen und ihre Gedanken berührt hatte.

»Nein«, wiederholte sie jetzt. »Du hast keine Schuld. Die Kirschen haben mit deiner Krankheit nichts zu tun.«

»Aber sie wird doch wieder gesund, Anna!« Ursula kniete neben dem Lager nieder, deckte ihre Tochter zu und küsste sie auf die Stirn.

Anna stand auf und hob die Hände. Mit dem Finger zog sie eine Linie in der Mitte ihrer Stirn, so als ob sie ihre Gedanken in eine Rettung versprechende Ordnung zwingen wollte. Dann schluckte sie und sah ihre Freundin an. Als sie sprach, klang ihre Stimme leise und hoffnungslos.

»Es ist kein gutes Zeichen, Ursula. Dass Johanna keine Schmerzen mehr hat, bedeutet ein weiteres Fortschreiten der Krankheit. Ich habe es schon viele Male gesehen.« Sie ging um das Lager herum, auf dem das Kind nun wieder mit geschlossenen Augen lag, und umarmte Ursula. »Es tut mir so leid. Es wird nicht mehr lange dauern.«

»Du musst etwas machen, Anna!« Ursula spie die Worte in den Raum. »Du darfst sie nicht sterben lassen!«

Anna seufzte und zögerte einen Augenblick. In ihrer besorgten Miene sah Halei auch die Liebe zu dem kranken Kind und die große Zuneigung zu Ursula. Er rührte sich nicht. Stand auf seinem Platz an der Wand, füllte mit seiner Anwesenheit den Raum aus und wartete. Johannas Herz schlug nun langsamer, und die Seele löste sich von ihrem irdischen Gast. Er würde ihr helfen, sie führen und leiten. Das war seine Aufgabe.

Er stand da, blickte in Annas Gesicht und wartete.

Sie kämpft, dachte er, als sie begann, den kleinen Körper mit nassen Laken zuzudecken, um das Fieber zu senken. Mit schnellen Bewegungen flößte sie dem Mädchen Wacholdersud ein und sprach ein Gebet.

Dein Wille ist stark!

Anna fuhr hoch.

»Was?« Sie lauschte, schüttelte den Kopf und wandte sich wieder Johanna zu.

Hatte sie ihn gehört?

Sie wird sterben, versuchte er es ein weiteres Mal. Die ruck-artige Bewegung ihres Kopfes zeigte ihm, dass er recht hatte. Ich bin in deinen Gedanken. Du kannst mich hören.

Annas Hände hielten mitten in ihrer Arbeit inne.

Johanna stirbt, aber sie hat keine Angst. Sie ist bereit zu gehen.

»Nein! Ich will sie nicht aufgeben!« Annas Finger flogen jetzt über den Leib des Mädchens auf der Suche nach Erleichterung und Heilung. »Bleib hier.« Anna legte eine Hand auf Johannas Stirn.

Johanna lächelte. Dann sackte ihr Kopf zur Seite und ihr Blick verlor sich.

Eine Träne lief über Annas Wange und fiel auf die Decke des Krankenlagers. Langsam ließ sie sich auf die Knie sinken.

»Ich kann nicht mehr helfen, Ursula«, sagte sie und versuchte, das Entsetzen in den Augen der Freundin zu ertragen.

Halei konnte sich nicht von Anna lösen. Ihre Trauer über den Tod des Mädchens hielt ihn wie ein Band in ihrer Nähe. Noch Stunden, nachdem Johanna gestorben war und er sie an ihren Bestimmungsort geleitet hatte, hielt Anna ihre Freundin in den Armen und versuchte, ihr Trost zu spenden. Gemeinsam hatten sie Johannas Körper gewaschen, dem Kind ein sauberes Gewand angezogen und es zur Leichenwache bereit gemacht.

Ursula war arm. Seelenschwestern, Klageweiber oder gar ein Totengeläut konnte sie nicht bezahlen. So würde Johanna still, und ohne dass ihr Tod gehört werden würde, begraben werden. Das Mädchen war ein Bastard gewesen. Tochter eines Kölner Kaufmannes, bei dem Ursula als Dienstmagd gearbeitet und dabei ihrem Herrn zu sehr gefallen hatte. Er hatte seine natürliche Sorgepflicht als Vater ernst genommen und Ursula jeden Monat mit einem kleinen Geldbetrag ausgestattet, der ihr und dem Kind ein Auskommen sicherte. So weit zu gehen, Johanna als uneheliches Kind in seinen Haushalt aufzunehmen, wie es durchaus üblich war, hatte er nicht gewagt.

Jetzt war Johanna tot, der Kaufmann von seinen Pflichten befreit, und Ursula würde Hilfe bei der Suche nach einer neuen Arbeit benötigen.

Halei konnte die Gedanken, die durch Annas Kopf jagten, während sie durch die Gassen zum Beginenhof zurückging, so deutlich hören, als ob sie zu ihm sprechen würde. Sie würde Ursula helfen, eine Stelle als Magd in einem der großen Höfe am neuen Markt oder als Dienstmädchen in einem der Gildenhäuser zu bekommen. Wenn Ursula wollte, würde sie auch einen Platz in der Gemeinschaft der Frauen finden.

Anna hilft denen, die sie liebt, dachte Halei. Bedingungslos. Ohne nach ihrem eigenen Vorteil zu fragen. Ihr starker Wil-le treibt sie vorwärts, schärft ihren Verstand und öffnet ihren Geist.

Annas Trauer um Johanna verblasste hinter den Plänen, die sie entwarf, um Ursula zu helfen. Das Band zwischen ihr und Halei wurde mit jedem Schritt schwächer und löste sich langsam auf. Trotzdem wollte er sie nicht verlassen, wollte Teil ihrer Gedanken, Teil ihrer Liebe sein.

Halei blieb stehen, erstarrte und versuchte zu verstehen, was mit ihm geschah. Es fühlte sich fremd an, schwer. Wie eine Last, die ihm aufgebürdet worden war. So als ob ein Teil seines Wesens mit einem Mal eine Substanz bekommen hätte, die ihn an die Erde, an den Schlamm der Straße band. Er wollte Teil von Annas Welt sein. Er wollte …

»Überlege dir gut, was du tust!« Die raue Stimme des Bettlers, der neben ihm an der Hauswand lehnte, ließen ihn innehalten. Die schmutzigen, löchrigen Lumpen des Mannes gaben mehr von der hageren Gestalt Preis, als sie verdeckten. Seine Wangen waren eingefallen, die Augen blutunterlaufen. Nur seine Stirn hinter den fettigen Strähnen strahlte in einem silbrigen Licht. Er stützte sich auf einen Ast, der wie eine Krücke unter seiner Achsel klemmte.

Halei schwankte. Getrieben von dem Wunsch, Anna zu folgen, und gehalten von den Worten, die der andere wie ein Schwert gegen ihn erhoben hatte.

»Es ist nicht deine Bestimmung, Halei«, flüsterte der Bettler. Die Schärfe in seinem Tonfall war einer Sanftheit gewichen, die sich mit den nächsten Worten in Verlockung verwandelte: »Das Leid und die Not der Menschen berühren dich nicht. Du kannst keinen Schmerz empfinden, keine Angst. Du bist der Bote. Der Engel. Nichts kann dich verletzen.«

»Aber ich fühle.«

»Du bist ein Werkzeug. Ein Teil des großen Ganzen. Du fällst keine Urteile. Kennst keine Liebe und keinen Hass.«

Halei sah auf Anna, die sich langsam entfernte. Er wollte ihr folgen.

»Du ahnst die Liebe.« Der Bettler musterte ihn, folgte dann seinem Blick und lächelte. »Die Liebe bringt den Schmerz.«

Halei hörte seine Worte. Sie hatten keine Bedeutung für ihn. Nicht mehr. Er musste Anna folgen und sich ihr zu erkennen geben.

»Dein Wille?«, fragte der Bettler.

»Ja.«

»Warte!« Der Bettler hob die Hand. In stummer Geste legte er einen Finger auf seine Lippen, rutschte mit dem Rücken die Hauswand hinunter und zog die Knie an. »Ein Engel hat keinen eigenen Willen, Halei. Er ist Diener und Bote, Helfer und Beschützer, so wie es ihm aufgetragen wird. Dein Wille würde dich an die Erde binden und dir den Zugang zu unserem Reich verschließen, ohne dir jedoch den Weg zu den Menschen zu öffnen.«

»Ich werde zu ihr gehen.«

»Sie wird dich nicht bemerken.«

»Es muss einen Weg geben!«

»Du bist ein Engel, Halei. Um bei einem Menschen zu sein, musst du selbst ein Mensch werden.«

Halei schwieg.

»Sterblich sein. Leid und Not und Schmerz empfinden.«

»Und Liebe.«

Der Bettler lachte und stand auf. »Ja. Und Liebe.« Er verlagerte sein Gewicht, lehnte nun mit einer Schulter an der Wand und kratzte sich mit dem Ast die Reste seiner Sandalen von den Füßen. »Der Preis ist hoch.«

»Ich will es.«

Mit zerschundenen Händen raffte der Bettler die Reste seiner Lumpen um seine Schultern und vergrub die Hände darin.

»Was muss ich tun?« Halei beugte sich vor und schrie ihm die Frage ins Gesicht. Der Bettler reagierte nicht. Seine Augen wurden trübe, er sackte in sich zusammen und rülpste. Als er wieder aufblickte, war alles Wissende aus seinem Blick verschwunden.

Halei richtete sich auf. Sein Wille. Sein eigener Wille. Er hatte eine Entscheidung getroffen.

Drei

Du hast einen Schock, Liebes. Atme bewusst und entspann dich. Das wird dir guttun.« Die sanfte Frauenstimme lockte Nia aus dem Dämmerschlaf.

»Tante Yari«, murmelte sie, ohne die Augen zu öffnen.

»Ich bin da, Kind.«

Nia nickte.

»Du bist in einem Krankenhaus. Du hattest eine Art Unfall und deine Lebensenergie hat Schaden genommen.« Yari räusperte sich und verteilte Heilsteine in schillernden Farben auf Nias Decke. »Ich werde darauf achten, dass deine Chakren heilen.«

»Ich hatte keinen Unfall, Tante Yari, ich hatte …« Nia verstummte und richtete sich auf. Ihre rechte Hand war verbunden und in ihrem linken Arm steckte eine Kanüle, durch die ein steter Strom an klarer Flüssigkeit in ihre Adern lief.

»Salz und Glucose«, beeilte sich Yari zu erklären, »sonst nichts.« Sie streckte die Finger aus und strich Nia beruhigend über den Handrücken. Dabei flüsterte sie leise einen monotonen Singsang, den Nia nicht verstand, von dem sie aber wusste, dass er eines von Yaris Mantras sein musste. Damit fand ihre Tante zu dem, was sie für Ruhe und Gelassenheit hielt, tief davon überzeugt, ihr inneres Strahlen auch auf ihre Umwelt abgeben zu können. Seit sie in den achtziger Jahren in orangefarbenen Gewändern einem Guru gefolgt war, in dessen Ashram zu heftiger Glückseligkeit gefunden und in deren Folge ihr Leben und ihren Namen geändert hatte, war Nias Tante im festen Glauben, alles ließe sich durch richtiges Atmen und Konzen-tration regeln. Gertrud Bayari Premal Welsch flatterte ab diesem Zeitpunkt wie ein Schmetterling von einer esoterischen Strömung zur nächsten, jedes Mal absolut überzeugt von ihrem Tun und Handeln und auch davon, die Welt oder ihre Mitmenschen zu retten. Manchmal auch beides voreinander.