Das Schweigen im Watt - Sibylle Narberhaus - E-Book

Das Schweigen im Watt E-Book

Sibylle Narberhaus

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Beschreibung

Ein junger Mann erwacht am Strand von Föhr - kaum bekleidet und ohne Erinnerung an den Abend zuvor. Kurze Zeit später findet Wattführerin Leevke Roeloffs zwischen Föhr und Amrum eine tote, nackte Frau im Schlick. Ein düsterer Zufall oder besteht zwischen beiden Ereignissen ein Zusammenhang? Während die Flensburger Sonderermittler Päschke und Siebold zur Klärung des Falles auf die Insel beordert werden, forschen Leevke und ihre Tante Marit auf eigene Faust nach. Doch die Wahrheit, die sie vor der idyllischen Urlaubskulisse aufdecken, fordert ihren Preis.

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Sibylle Narberhaus

Das Schweigen im Watt

Kriminalroman

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Bei Fragen zur Produktsicherheit gemäß der Verordnung über die allgemeine Produktsicherheit (GPSR) wenden Sie sich bitte an den Verlag.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Anja Kästle

Satz: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Wolfgang / stock.adobe.com

ISBN 978-3-7349-3480-3

Prolog

Funken sprühten in die Nacht empor und wirkten wie unzählige winzige Glühwürmchen, bevor sie verglühten. Trockene Äste knackten und knisterten, als sie in das Feuer geworfen wurden. Stimmen vermischten sich mit lautem Gelächter. Einige Jugendliche sangen aus voller Kehle zu der Musik, die laut aus einer mobilen Box dröhnte und das Geräusch der Wellen, die unablässig an den Strand rollten, vollends übertönte. Andere tanzten dazu barfuß im Sand und bewegten ihre Körper im Rhythmus. Die Stimmung in dieser Sommernacht war ausgelassen und fröhlich.

»Willst du auch?«

»Was ist das?«

»Probier einfach. Das Zeug ist mega.«

»Aber nicht illegal? Ich meine, nicht dass es Ärger gibt.«

»Alter, entspann dich. Hier ist doch niemand, den das interessieren dürfte. Was ist jetzt?«

»Gib her.«

Plötzlich breitete sich Unruhe unter den Feiernden aus. Die Musik verstummte. Die eben noch ausgelassene Stimmung kippte und war einer undefinierbaren Spannung gewichen. Die meisten Feiernden zogen sich zurück und verließen den Strand. Ein heftiger Streit entbrannte, wobei ein Wort das andere gab. Ein lauter Schrei durchschnitt die Nacht. Dann wurde es still. Nur das gleichmäßige Rauschen der Wellen war wieder zu hören.

Kapitel 1

Der Boden unter ihren Füßen vibrierte. Der Motor dröhnte. Sie spürte einen Ruck, als sich das Schiff langsam in Bewegung setzte und das Wasser aufwirbelte. Leevke lehnte an der Reling. Sie genoss oben an Deck die angenehme Brise, die ihr über das Gesicht strich, während sich die Fähre ihren Weg durch die leicht gewellte See bahnte. Der typische Meergeruch nach Algen und Salz stieg ihr in die Nase. Vor ihr am Horizont erstreckte sich die Weite der Nordsee, einzelne Möwen glitten am Himmel an ihr vorbei. Mit einer Mischung aus Vorfreude und einem mulmigen Gefühl steuerte sie auf ihr neues Leben zu. Hatte sie die richtige Entscheidung getroffen? Während sie ihren Gedanken nachhing, erhielt sie plötzlich einen unsanften Rempler in die Kniekehle und drehte sich augenblicklich um. Ein kleiner Junge stand vor ihr, dahinter ein etwa gleichaltriges Mädchen. Beide Kinder sahen sie erschrocken an. Zeitgleich war eine aufgeregte Frauenstimme zu hören. »Anton! Emma! Passt doch auf!« Eine Frau in einem geblümten Sommerkleid kam auf Leevke zu. »Bitte entschuldigen Sie, die beiden sind außer Rand und Band. Ich hoffe, Sie haben sich nicht wehgetan?«

»Nein, alles in Ordnung. Das kann beim Spielen schon mal passieren«, erwiderte Leevke und lächelte die Kinder freundlich an. »Freut ihr euch schon auf die Ferien an der Nordsee?«

»Ja!«, riefen die Kinder begeistert.

»Ich will zu den Seehunden«, verkündete das Mädchen.

»Und ich … ich will wellenreiten«, erklärte der Junge begeistert und ahmte mit den Armen eine Wellenbewegung nach.

»Das sehen wir noch«, murmelte die Mutter.

»Na, ich wünsche euch auf jeden Fall viel Spaß«, sagte Leevke.

»Danke, und bitte entschuldigen Sie nochmals.« Die Frau nahm ihre beiden Kinder an die Hand und führte sie weg. »Und jetzt wird nicht mehr so wild herumgetobt, verstanden?«, konnte man sie im Weggehen sagen hören.

Leevke sah ihnen mit einem Lächeln nach. Dann suchte sie sich einen freien Platz und kramte nach der Wasserflasche in ihrem Rucksack. In einer Dreiviertelstunde würden sie in Wyk auf Föhr anlegen. Sie sah auf ihr Smartphone. Es waren zwei Nachrichten eingegangen. Die eine stammte von einer Freundin, die ihr eine gute Reise wünschte. In der anderen erkundigte sich Finn nach ihrer genauen Ankunftszeit. Während das Schiff gemächlich seinem Ziel entgegentuckerte, herrschte an Bord emsiges Treiben. Jung und Alt tummelte sich bei dem herrlichen Wetter oben an Deck. Während die einen Fotos mit ihren Handys schossen oder einfach nur aufs Meer blickten, hatten sich andere etwas zu essen organisiert. Leevke gegenüber saßen zwei junge Frauen, die ihre Gesichter tief über ihre Smartphones gebeugt hatten und immer wieder albern kicherten. Daneben hatte ein älteres Paar Platz genommen, das schweigend seine mitgebrachten Brote verspeiste. Hinter Leevke telefonierte ein Mann. Er trug einen Anzug und hatte das Gesicht abgewandt. Auch wenn Leevke nicht bewusst lauschen wollte, drangen unweigerlich einige Gesprächsfetzen bis an ihr Ohr. »Mein kleiner Butterfly« schnappte Leevke auf und verdrehte innerlich die Augen. Als die Insel in Sichtweite kam, verließen die Passagiere das Sonnendeck. Leevke reihte sich ebenfalls in die Schlange ein. Nur der Mann, der zuvor telefoniert hatte, schob sich trotz mehrerer Unmutsbekundungen der umstehenden Fahrgäste an allen vorbei. Wenig später saß Leevke in ihrem Wagen und wartete darauf, dass die Fähre anlegte. Am Hafen angekommen, fuhr sie auf direktem Weg nach Nieblum im Süden der Insel.

Kapitel 2

Die ersten Sonnenstrahlen erschienen am Horizont und färbten den Himmel in sanfte Pastelltöne. Das stetige Rauschen der Wellen wurde von den Rufen der Seevögel auf morgendlicher Nahrungssuche begleitet. Ein Zwicken in die Hand ließ ihn die schweren Augenlider heben und ins Licht der aufgehenden Sonne blinzeln. Er erkannte dicht neben sich eine Silbermöwe, die mit ihrem kräftigen Schnabel immer wieder in seine Hand hackte. Mit einem zischenden Laut ließ sich das Tier vorläufig vertreiben. Er drehte sich auf die Seite und realisierte erst jetzt, dass er sich am Strand befand. Die salzige Meeresluft vermischte sich mit einem erdigen Geruch. Die Kühle des frühen Morgens prickelte auf seiner Haut und ließ ihn frösteln. Wie war er hierhergelangt? Und warum? Was war geschehen? Er wollte sich aufrichten, doch seine Gliedmaßen verweigerten ihm den Dienst. Seine Arme und Beine fühlten sich steif an, als lägen sie unter tonnenschwerem Beton begraben. Zudem hämmerte es in seinem Schädel bei der kleinsten Bewegung. Erst jetzt stellte er erschrocken fest, dass er bis auf seine Unterhose unbekleidet war. Bestimmt träumte er bloß und würde jeden Augenblick aufwachen. Er atmete tief durch den leicht geöffneten Mund aus und schloss für einen Moment die Augen, um die aufsteigende Panik niederzukämpfen. Als er sie wieder öffnete, musste er feststellen, dass es sich nicht um einen Traum handelte. Er lag nach wie vor im kühlen Sand. Plötzlich nahm er in der Ferne eine Bewegung wahr. Etwas kam in hohem Tempo geradewegs auf ihn zu.

Kapitel 3

»Na, mein Freund? Hast du gut geschlafen in deinem neuen Zuhause?«

»Das wollte ich dich auch gerade fragen. Moin, Leevke!«

»Finn!« Sie fuhr herum. »Ich habe dich nicht kommen hören.«

»Habe ich dich erschreckt? Das tut mir leid, das wollte ich nicht. Was machst du so früh im Stall? Es ist kurz nach halb sechs. Gehörst du mittlerweile zu den Frühaufstehern?«, wollte Finn wissen, während er mit einer Forke eine Portion Heu von einem Rundballen abstach und vor die Boxentür schob.

»Ist das für Thor?«, fragte Leevke, woraufhin ihr Bruder nickte. »Normalerweise stehe ich nicht so früh auf. Aber ich bin aufgewacht und konnte nicht wieder einschlafen. Da dachte ich, ich mache vor dem Frühstück einen kleinen Ausritt an den Strand, bevor es dort voll wird.«

»Um diese Zeit wirst du mit Sicherheit keine Urlauber treffen. Die liegen noch alle kuschelig in ihren Betten.«

»Ich kann dir aber auch im Stall helfen, wenn du willst?«

»Danke, ich bin hier fertig. Wir sehen uns dann später!« Finn stellte die Forke in eine Ecke und verließ den Stall.

Leevke legte ihrem Pferd das Halfter an und führte es nach draußen auf den Hof. Dort striegelte sie es, legte ihm Sattel und Zaumzeug an und ritt los. Nach kurzer Zeit erreichte sie einen schmalen Pfad, der zum Strand führte. Neben ihr flogen zwei Stockenten mit lautem Geschnatter auf und setzten bereits wenige Meter weiter zur Landung an. An der Wasserkante angekommen, sog sie die Nordseeluft tief in ihre Lungen.

»Wie habe ich das vermisst!«, murmelte sie und strich Thor mit einer Hand über den Hals.

Als der Wallach den weichen Sand unter den Hufen spürte, konnte Leevke regelrecht fühlen, wie die Energie in ihm aufstieg. Er begann zu tänzeln und konnte kaum dem Drang widerstehen, loszulaufen. Da der Strand, wie von ihrem Bruder prophezeit, um diese Uhrzeit menschenleer war, ließ Leevke ihr Pferd angaloppieren. Das Duo jagte an der Wasserkante entlang. Das Wasser spritzte bei jedem Hufschlag hoch. Leicht nach vorn gebeugt, in den Steigbügeln stehend, genoss Leevke das aufkeimende Gefühl von Freiheit. Sie stieß vor Glück einen lauten Freudenschrei aus. Wie sehr hatte sie die Nordsee und ihre Insel Föhr vermisst! Plötzlich bemerkte sie in einiger Entfernung, dass etwas Größeres im Sand lag. Vielleicht ruhte sich ein Seehund hier aus oder es war ein gestrandeter Schweinswal? Sofort nahm sie das Tempo zurück, und Thor fiel in einen leichten Trab. Im Näherkommen erkannte Leevke, dass es sich um kein Tier handelte, sondern um einen Menschen. Sie brachte ihr Pferd zum Stehen und stieg aus dem Sattel. Wenige Meter vor ihr lag ein nahezu unbekleideter junger Mann im Sand. Leevkes Kehle schnürte sich unweigerlich zu. War er etwa tot?

»Hallo?«, sprach sie ihn an, als sie direkt vor ihm stand. Thors Zügel hielt sie weiterhin in der Hand. Zu ihrer Erleichterung bewegte der Mann sich und sah sie sogar an, als sie sich zu ihm hinunterbeugte. »Bist du verletzt? Was ist passiert?«

»Ich … ich erinnere mich nicht«, brachte er mühevoll hervor, wobei seine Zähne vor Kälte aufeinanderschlugen.

»Warte, ich helfe dir!« Leevke unterstützte den jungen Mann bei dem Versuch, sich aufzusetzen.

Er kniff die Augen zusammen und stöhnte.

»Tut dir etwas weh?«

»Geht schon.«

Leevke zog ihre Sweatshirtjacke aus und reichte sie ihm. »Hier! Sie ist wahrscheinlich zu klein, aber besser als nichts.«

Dankend nahm er das Kleidungsstück entgegen und legte es um seine Schultern. Leevke ging zu ihrem Pferd, öffnete eine der Satteltaschen und zog eine dünne Decke heraus. »Die kannst du dir umbinden, bis der Rettungswagen kommt.«

»Riecht nach Pferd«, stellte er mit gerümpfter Nase fest.

»Sorry, das Wäscheparfüm war gerade aus«, entgegnete sie scharf.

»War nicht so gemeint. Danke«, schob er kleinlaut nach. »Wen rufst du an?«

»Die Polizei und einen Rettungswagen.«

»Nein, ich will weder das eine noch das andere«, wehrte er ab, während er sich die Decke um die Taille wickelte.

»Aber ich will das. Wenn du schon länger hier liegst, bist du womöglich unterkühlt. Und wer weiß, was dir noch fehlt? Außerdem muss geklärt werden, wie du hierhergekommen bist«, machte Leevke deutlich und war im Begriff, die Nummer des Rettungsdienstes in ihr Smartphone einzugeben.

»Nein, bitte!«, bat er mit gequälter Miene.

Leevke hielt einen Moment inne und überlegte, bevor sie weitertippte. Vielleicht wusste der junge Mann mehr, als er zugab. Hatte er etwas zu verbergen und fürchtete mögliche Konsequenzen?

»Wie heißt du eigentlich?«, fragte sie daher.

»Ich heiße …« Er dachte angestrengt nach und rieb sich dabei die Stirn. »Ich weiß es nicht.« Mit einer Mischung aus Verzweiflung und Ratlosigkeit blickte er sie an.

»Und genau deswegen rufe ich jetzt die Polizei.« Sie hielt bereits das Telefon an ihr Ohr.

Kapitel 4

»Wo bleibt der Junge bloß wieder? Wir müssen gleich los.« Holger Barnstedt sah auf seine hochwertige Armbanduhr. Dann leerte er seine Kaffeetasse im Stehen und stellte sie mit einem Klappern auf die Untertasse zurück.

»Wahrscheinlich ist es gestern Abend ein bisschen später geworden«, zog seine Frau in Erwägung.

»Wer feiern kann, kann auch arbeiten.«

»Heute ist Samstag. Gönn ihm doch das Wochenende. Er ist die ganze Woche früh aufgestanden und hat gearbeitet. Ich finde, du bist zu streng mit ihm.« Sie bemühte sich, ihren Mann zu beschwichtigen.

»Findest du wirklich?«, fragte er nach kurzem Überlegen, wo­raufhin sie nickte. »Tja, vielleicht hast du recht. Wenn er irgendwann aufgestanden ist, soll er wenigstens den Rasen mähen.«

»Ach, Holger!« Anne Barnstedt lachte kopfschüttelnd. »Du kannst es nicht lassen, oder?«

»Was ist daran verkehrt?«, entgegnete er. »Der Junge kann ruhig seinen Beitrag leisten, wenn er schon mietfrei bei uns wohnt. Bekocht wird er obendrein, und die Wäsche machst du auch für ihn. Andere in seinem Alter müssen alles selbst regeln und von ihrem Gehalt bezahlen. Da kann man wohl ein bisschen Engagement verlangen.«

»Ich genieße es, dass er bei uns lebt. Er könnte genauso gut seine eigene Wohnung haben. Dann bekämen wir ihn kaum noch zu Gesicht.«

»Wovon sollte er das bezahlen? Du weißt, was Wohnungen auf der Insel kosten.«

Statt einer Antwort seufzte sie bloß und stellte ihre benutzte Tasse samt Untertasse auf den leeren Teller vor sich. Eine weiterführende Diskussion würde zum jetzigen Zeitpunkt ins Leere laufen.

»Wir dürfen ihn nicht so sehr verwöhnen, Anne. Damit tun wir ihm keinen Gefallen. Er muss lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und Verantwortung zu übernehmen. Als ich in seinem Alter war …« Er wurde durch das Klingeln seines Handys unterbrochen. »Entschuldige bitte, Liebling, das ist wichtig.«

Während er sich auf das Telefonat konzentrierte, begann seine Frau, den Frühstückstisch abzuräumen. »Wer war das?«, wollte sie wissen, als ihr Mann zu ihr in die Küche zurückkehrte.

»Das war Richard Cornelsen.«

»Welchen Gefallen sollst du ihm dieses Mal tun?«, erkundigte sie sich und räumte das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine ein.

»Keinen Gefallen, es geht um sein neues Projekt. Ich habe versprochen, mir die Pläne anzusehen, bevor über den endgültigen Bauantrag abgestimmt wird. Ich fahre auf dem Weg zur Firma bei ihm vorbei.«

»Also doch ein Gefallen. Wann bist du zurück? Wir sind heute Abend eingeladen, vergiss das bitte nicht.«

»Das kann ich noch nicht sagen, aber es wird nicht spät. Versprochen.«

»Da bin ich gespannt.«

»Könntest du mir bitte das neue Hemd bügeln, damit ich es heute Abend anziehen kann?«

»Längst erledigt«, erwiderte sie mit einem liebevollen Lächeln.

»Du bist ein Schatz.« Er drückte ihr einen Kuss auf die Wange und verließ das Haus.

Sie blickte ihm nach, wie er in seinen Wagen stieg und wegfuhr.

Kapitel 5

Polizeihauptmeister Leif Petersen stapfte geradewegs durch den tiefen Sand auf sie zu. Begleitet wurde er von einer Kollegin, der das Laufen im Sand augenscheinlich wenig auszumachen schien. Geradezu leichtfüßig und beschwingt ging sie neben Petersen her.

»Moin, Leevke! Ich habe gehört, du bist wieder auf der Insel. Dass wir uns so schnell sehen, damit habe ich allerdings nicht gerechnet. Du arbeitest als Wattführerin?«

»Moin, Leif! Ja, unter anderem. Wie ich sehe, funktionieren die Buschtrommeln immer noch hervorragend«, bemerkte Leevke, obwohl ihr in Anbetracht der Situation nicht zum Plaudern zumute war. Auf einmal erhielt sie einen kräftigen Schubs und geriet ins Straucheln, als sich Thor den Kopf an ihrem Oberarm rieb.

»Ein wunderschönes Pferd. Gehört er dir?«, erkundigte sich Leif mit Blick auf das Tier.

»Ja, das ist Thor, ein Norwegisches Fjordpferd. Ich habe ihn aufgezogen und eingeritten.« Stolz streichelte sie dem Wallach über den Hals.

»Aber nun zu dir, Hendrik. Was hast du bloß angestellt?« Leif Petersen betrachtete den jungen Mann neben Leevke, der die Arme eng um seinen Oberkörper geschlungen hielt und nervös von einem auf den anderen Fuß trat.

»Du kennst ihn?«, fragte Leevke überrascht. Dann wanderte ihr Blick zu dem jungen Mann, der den Polizisten offenbar kannte. Jedenfalls vermittelte er den Eindruck.

»Sicher. Das ist der junge Barnstedt. Bauunternehmen Barnstedt, falls dir das etwas sagt. Es ist nicht das erste Mal, dass wir miteinander zu tun haben.« Der Chef der Wyker Polizeistation warf seiner Kollegin einen vielsagenden Seitenblick zu, die den jungen Mann mit finsterer Miene beäugte. Dann griff Petersen zu seinem Handy.

»Wen rufen Sie an? Bitte nicht meinen Vater«, flehte Hen­drik Barnstedt, der noch immer wie ein Häufchen Elend neben Leevke stand und die Pferdedecke fest um seinen Körper hielt.

»Du kannst dich wirklich nicht erinnern, wie du hergekommen bist?«, fragte Gesa Quandt, während ihr Chef telefonierte. Sie musterte ihr Gegenüber eingehend und hob skeptisch die Augenbrauen.

»Ehrlich, ich habe keine Ahnung.« Hilfesuchend sah er zu Leevke.

»Wo bleibt denn der Rettungswagen so lange? Er müsste längst da sein.« Leevke hielt Ausschau nach den Sanitätern.

»Der Rettungswagen ist gerade anderweitig im Einsatz und der Ersatzwagen ist leider defekt. Der neue Inselarzt aus Nieblum ist informiert und müsste jeden Moment eintreffen«, erklärte Petersen mit stoischer Gelassenheit, während er das Handy ans Ohr hielt. »Ah, Holger, Leif hier.« Die nächsten Sätze konnte Leevke nur bruchstückartig hören, da sich Petersen während des Gespräches weggedreht und einige Meter entfernt hatte.

»So wie das hier überall aussieht, gab es offenbar eine wilde Party.« Gesa Quandt blickte sich um und deutete auf die Feuerstelle. »Hm, Lagerfeuer am Strand. Ich nehme mal an, dass dafür keine offizielle Genehmigung vorliegt. Oder?« Sie sah Hendrik direkt an, der ihrem Blick jedoch auswich. »Wohl mal wieder ein bisschen über die Stränge geschlagen, was?« Sie konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen, woraufhin Hendrik verlegen lächelte und die Achseln zuckte.

Petersen kam zurück. »So, Hendrik, dein Vater ist unterwegs.«

»Und was ist jetzt mit dem Arzt?«, hakte Leevke nach.

In diesem Augenblick konnte sie einen hochgewachsenen, schlanken Mann erkennen, der über den Strand direkt auf sie zueilte. In der rechten Hand trug er eine große Tasche.

»Praktiziert Doktor Bender nicht mehr?«, erkundigte sich Leevke, als der Arzt sie fast erreicht hatte.

»Nee, der ist längst in Rente. Von seinen beiden Nachfolgern hat es keiner sehr lange ausgehalten. Tja, das Inselleben ist eben nicht für jeden was. Du siehst, die Zeit stand während deiner Abwesenheit nicht still.«

»Das stelle ich gerade fest.« Sie seufzte und kraulte Thor hinter dem Ohr, was er mit halb geschlossenen Augen augenscheinlich genoss.

»Guten Morgen zusammen! Entschuldigen Sie die Verspätung. Ich musste erst einen geeigneten Parkplatz finden. Der Platz für Einsatzkräfte war leider zugeparkt.«

»Da kümmere ich mich gleich anschließend drum«, verkündete Gesa Quandt entschlossen.

»Ich glaube, wir kennen uns noch nicht.« Der Mediziner streckte Leevke seine Hand entgegen, die den Händedruck erwiderte. »Carlo Schnitzler, ich habe die Praxis von Doktor Bender übernommen.« Anschließend stellte er die Tasche ab und wandte sich an Hendrik. »So, jetzt zu Ihnen. Haben Sie irgendwelche Schmerzen oder sichtbare Verletzungen?«

Während Doktor Schnitzler sich um seinen Patienten kümmerte, nahm Gesa Quandt Leevkes Personalien auf.

»Gut, das wär’s fürs Erste, Frau Roeloffs. Sie können gehen. Sollten wir weitere Fragen haben, wissen wir, wo wir Sie erreichen können«, erklärte die Beamtin abschließend.

»Was passiert jetzt weiter?«, wollte Leevke wissen.

»Wie meinen Sie das?«

»Na, was werden Sie jetzt unternehmen? Ich dachte, Sie suchen beispielsweise nach der Kleidung des jungen Mannes? Die muss ja irgendwo abgeblieben sein.«

Gesa Quandt sah Leevke zunächst verständnislos an. Dann stemmte sie beide Hände in die Hüften und nahm einen tiefen Atemzug, bevor sie antwortete. »Wollen Sie uns etwa vorschreiben, wie wir unsere Arbeit zu machen haben?«

»Natürlich nicht, aber ich finde, das ist eine berechtigte Frage.«

»Lassen Sie uns unsere Arbeit machen und kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten. Ich glaube, Ihrem Pferd ist langweilig.« Sie deutete zu Thor, der mit dem Vorderbein ein Loch im Sand grub.

»Probleme?« Leif Petersen gesellte sich zu den beiden Frauen.

»Sie glaubt, sie kann uns vorschreiben, was wir zu tun haben«, erklärte Gesa ihrem Chef, wobei sie Leevke angriffslustig anfunkelte.

»Ich habe mich lediglich gewundert, dass niemand nach der Kleidung des jungen Mannes sucht«, gab Leevke zurück.

»Ich habe mich gerade in der näheren Umgebung umgesehen, aber nichts entdecken können. Die Kleidung taucht schon wieder auf. Wie ich die Sache einschätze, handelt es sich ohnehin um einen Streich unter jungen Leuten. Hendrik ist weder verletzt noch fehlt ihm sonst etwas. Wahrscheinlich haben seine Kumpels ihm die Sachen ausgezogen und irgendwo versteckt oder mitgenommen. Ich habe Hendriks Vater informiert, er holt ihn gleich ab.«

»Na, wenn du meinst.«

»Ganz bestimmt, Leevke. In dem Alter hatten wir doch alle Flausen im Kopf. Wenn ich daran denke, was wir alles angestellt haben.« Ein schelmisches Funkeln trat in seine Augen, als er an seine eigene Jugend zurückdachte. »Wie geht’s eigentlich deiner Tante? Ich habe lange nichts von ihr gehört.« Er wechselte das Thema.

»Es geht ihr gut. Ihr Friseurgeschäft auf Amrum hält sie auf Trab.«

»Richte ihr schöne Grüße von mir aus, wenn du sie das nächste Mal sprichst. Ich würde mich freuen, wenn sie bei ihrem nächsten Besuch auf eine Tasse Tee bei uns vorbeischaut.«

»Mach ich.« Leevke stieg auf ihr Pferd und ritt am Strand entlang nach Hause.

Kapitel 6

»Normalerweise findet man Muscheln oder Treibholz am Strand, aber keine nackten Männer.« Antje grinste.

»Halbnackt«, korrigierte Leevke ihre Schwägerin. »Immerhin trug er eine Unterhose.«

»Tja, meine Schwester hatte schon immer ein Händchen für außergewöhnliche Funde«, witzelte Finn und fischte sich ein Brötchen aus dem Brotkorb.

»Was willst du denn damit sagen?«, fragte Leevke, die mit beiden Händen ihre Teetasse umklammerte.

»Ich denke da an die Flaschenpost, die du damals am Strand gefunden hast.« Ihr Bruder setzte eine Unschuldsmiene auf.

»Echt? Eine richtige Flaschenpost aus dem Meer?« Die Abenteuerlust von Lasse war geweckt. Erwartungsvoll sah er zu seiner Tante.

»Ach, die hat bloß irgendein Tourist ins Wasser geworfen. Nichts Besonderes. Außerdem ist das ewige Zeiten her«, sagte Leevke entschieden und machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Immerhin hat dich diese Flaschenpost …«, wollte Finn fortfahren, doch sie schnitt ihm das Wort ab.

»Lass gut sein, Finn.«

»Zurück zu dem jungen Mann von vorhin.« Antje wechselte schnell das Thema. »Du hast gesagt, er konnte sich zunächst nicht einmal an seinen Namen erinnern?«

Ehe Leevke antworten konnte, stieß Lasse seinen Becher um und der Kakao breitete sich auf dem Frühstückstisch aus. Die vierjährige Tomke, die neben Leevke am Tisch saß, kicherte.

»Lasse! Sag doch, wenn du an die Butter möchtest! Jetzt sieh dir die Sauerei an!« Antje war aufgesprungen, hatte einen Lappen geholt und bedachte ihren Sohn mit einem verärgerten Blick, während sie das Malheur beseitigte.

Lasse sah hilfesuchend zu seiner Tante Leevke, die ihm verschwörerisch zuzwinkerte.

»Ja, das stimmt. Er konnte sich weder an seinen Namen erinnern noch wie er an den Strand gekommen ist«, bestätigte Leevke. »Leif Petersen schien ihn zu kennen. Er hat ihn mit Namen angesprochen: Hendrik Barnstedt.«

»Ach, Petersen persönlich hat sich hinter seinem Schreibtisch hervorgewagt?«, fragte Finn. »Ich dachte, der schickt nur noch seine Leute und schiebt ansonsten eine ruhige Kugel.«

»Ich hätte angenommen, er sei sowieso längst in Rente«, bemerkte Leevke.

»Nee, der muss noch ein paar Jahre. Er sieht bloß viel älter aus, als er ist.« Finn lachte. »Ach, der junge Barnstedt. Wie ich gehört habe, soll er das elterliche Bauunternehmen weiterführen.«

»Der erschien mir aber noch ein bisschen sehr jung dafür.« Leevke zog die Stirn kraus.

»Sein Vater engagiert sich seit Längerem in der Politik. Ich habe gehört, er soll sogar einen Posten auf Landesebene in Aussicht haben. Da bleibt wohl wenig Zeit für den Betrieb.«

»Dann wird er nicht besonders erfreut gewesen sein, seinen Sprössling in diesem derangierten Zustand von der Polizei abholen zu müssen«, nahm Antje an.

»Ganz bestimmt nicht. Wahrscheinlich gab es eine Party und er hat sich bis zur Besinnungslosigkeit betrunken. Vielleicht waren sogar Drogen im Spiel«, vermutete Finn.

»Was ist das?«, fragte Lasse.

»Nichts für kleine Jungs. Und für große auch nicht.« Antje strich ihrem Sohn über den Kopf.

»Ich frage mich, wo seine Kleidung geblieben ist? Als ich die Polizistin darauf angesprochen habe, hat sie ziemlich schroff reagiert.«

»Gesa?«, fragte Antje, woraufhin Leevke nickte. »Sie ist eigentlich ganz umgänglich. Wahrscheinlich ist sie mit dem verkehrten Fuß aufgestanden oder musste auf ihre morgendliche Joggingrunde verzichten und war deshalb so schlecht gelaunt.«

»Du kennst sie?«

»Ja, sie kauft einmal die Woche bei uns im Hofladen ein.«

»Wann startet eigentlich deine Tour heute?«, fragte Finn seine Schwester.

»Um 14 Uhr. Vorher muss ich noch kurz ins Büro. Bis dahin kann ich mich aber bei euch nützlich machen.«

»Das ist sehr lieb von dir, Leevke, aber du hast doch sicher noch nicht alle Sachen ausgepackt«, erwiderte Antje.

»Das meiste davon bleibt ohnehin so lange in den Kartons, bis ich rüber ins Haus ziehe.«

»Ich gehe gleich nachsehen, wie weit die Handwerker sind. Heute kommen die Tischler und bauen die Schränke ein. Komm doch mit, wenn du jetzt Zeit hast«, schlug Finn vor.

»Gern. Ich bin schon sehr gespannt, wie alles geworden ist.«

Leevke stand auf und griff nach ihrem Frühstücksgeschirr, um es wegzuräumen.

»Lass stehen, das mache ich gleich. Geht ihr gleich rüber!« Antje schenkte ihr ein Lächeln. »Ach, Leevke, ehe ich es vergesse: Marit hat gestern Abend angerufen. Sie hat uns für nächstes Wochenende zum Essen eingeladen. Sie rechnet fest mit dir. Du kommst doch mit, oder?«

»Ja, klar komme ich mit.«

»Sie freut sich schon riesig, dich endlich wiederzusehen. Hannes natürlich auch.«

»Leevke! Wo bleibst du denn?« Finns ungeduldige Stimme drang aus der Diele in die Küche.

»Ich komme!«

Kapitel 7

»Hendrik!« Anne Barnstedt kam aus der geöffneten Haustür schnurstracks auf ihren Sohn zugelaufen. »Was um Himmels willen ist passiert? Geht es dir gut?« Besorgt legte sie ihm einen Arm um die Schulter und führte ihn ins Haus. Nicht ohne sich vorher vergewissert zu haben, dass niemand von den Nachbarn etwas mitbekommen hatte.

»Geht schon, Mama. Ich habe bloß Kopfschmerzen.«

»Du musst auf jeden Fall zum Arzt. Ich werde gleich bei unserem Hausarzt anrufen.« Sie griff bereits zum Telefon, doch Hend­rik hielt sie zurück.

»Da kam ein Arzt. Er hat mich gecheckt und mir ein paar Tabletten mitgegeben. Es ist alles okay. Ehrlich«, versuchte Hendrik, seine Mutter zu beruhigen.

Holger Barnstedt hatte in der Zwischenzeit den Wagen in der Einfahrt abgestellt und betrat nun das Haus. »Also, Hendrik, was ist wirklich vorgefallen? Uns gegenüber kannst du es ruhig zugeben.«

»Nun lass ihn doch, Holger.« Anne Barnstedt reichte ihrem Sohn ein Glas Wasser. »Hier, trink einen Schluck und setz dich, das wird dir guttun.«

»Danke. Ich kann mich nicht erinnern. Jetzt brauche ich erstmal eine Dusche.« Hendrik stand auf, ging an seinen Eltern vorbei und erklomm die Stufen ins Obergeschoss.

»Eine Reiterin hat ihn fast nackt am Strand gefunden und er will sich an nichts erinnern können? Das kaufe ich ihm nicht ab«, betonte Holger Barnstedt, während er vor einem der großen Fenster stand und in den Garten blickte.

»Weshalb sollte er uns anlügen?«, fragte seine Frau und setzte sich aufs Sofa.

»Vielleicht erinnert er sich auch nicht mehr, weil er zu viel getrunken hat. Das wäre nicht das erste Mal in letzter Zeit. Aber damit ist jetzt Schluss.«

»Wie meinst du das?«, fragte sie.

»Vorerst ist Feierabend mit Partys jeglicher Art. Es wird Zeit, dass er lernt, Verantwortung zu übernehmen.« Holger Barnstedt nahm neben seiner Frau Platz. »Ich denke, wir sind uns einig, dass wir für ihn nur das Beste wollen. Dazu gehören nun mal Regeln und Pflichten.« Er sah sie eindringlich an. Aus dem Obergeschoss konnte man Wasser laufen hören.

»Damit hast du natürlich recht. Trotzdem denke ich, dass wir nicht …«

»Dann sind wir uns ja einig.« Er sah auf die Uhr, erhob sich und verließ den Raum. In der Diele klirrte der Schlüsselbund, als er nach ihm griff.

»Wohin gehst du?«

»Ich muss zurück in die Firma.«

»Denk an heute Abend!«, rief sie ihm nach, doch die Haustür war bereits ins Schloss gefallen.

Kapitel 8

Leevke spürte ein aufgeregtes Kribbeln in den Fingerspitzen. In wenigen Minuten würde sie ihre erste offizielle Wattführung bestreiten und in die Fußstapfen ihres Großvaters treten. In den Sommerferien hatte sie ihn oft auf seinen Touren begleitet und sein Wissen begierig aufgesogen wie ein Schwamm das Wasser. Heute dachte sie besonders an ihn. Sie atmete tief durch, ließ die Schultern kreisen und marschierte dann auf die Gruppe zu, die sich bereits versammelt hatte und auf sie wartete. Die Sonne strahlte vom blauen, wolkenlosen Himmel und der Wind wehte leicht aus Südwest. Optimalere Bedingungen für ihr Debüt konnte es kaum geben, dachte sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Kurz zuvor hatte sie sicherheitshalber noch einmal die Pegelstände und die Windrichtung überprüft.

»Moin! Herzlich willkommen zur Wattwanderung. Mein Name ist Leevke, und ich werde euch in den nächsten zwei Stunden durch das Watt führen«, begrüßte sie die Gruppe von circa 30 Personen unterschiedlichen Alters, die sich am Hauptbadestrand von Nieblum eingefunden hatte. Nach ein paar einleitenden Sätzen setzte sich der Pulk in Bewegung.

»Wir gehen jetzt gleich dort spazieren, wo vor wenigen Stunden noch alles von Wasser bedeckt war. Das ist wie ein Wunder«, sagte eine Frau, die neben Leevke herging, begeistert. »Du musst wissen, es ist das erste Mal, dass ich an der Nordsee Urlaub mache. Eigentlich ist mir das Wetter hier oben an der Küste viel zu unbeständig. Aber mein neuer Freund hat mich überredet.« Sie deutete zu einem jungen Mann mit Schirmmütze und einem leuchtend roten Rucksack.

»Ich versichere dir, du wirst es nicht bereuen«, erwiderte Leevke. »Das Wattenmeer ist ein einzigartiger und gleichzeitig hochsensibler Lebensraum. Schon winzige Änderungen können sein Gleichgewicht nachhaltig beeinflussen. Wir müssen alles dafür tun, damit er geschützt bleibt.«

»Oh, das ist ja gar nicht so kalt, wie ich dachte!«, rief eine Frau, als ihre nackten Füße den Meeresgrund berührten. »Es fühlt sich richtig angenehm an.«

Nachdem Leevke die Gruppe ein Stück hinaus ins Watt geführt hatte, hob sie den Arm und blieb stehen, woraufhin die Teilnehmer einen Halbkreis um sie bildeten. »Eine Besonderheit von Föhr ist, dass es keinen Zugang zur offenen Nordsee gibt. Das Watt ist relativ flach. Die Insel liegt quasi im Windschatten von Amrum und Sylt. Daher ist das Klima hier ein bisschen milder als auf den beiden anderen Inseln. Begünstigt durch diese Lage ist das Wasser auch etwas wärmer.«

»Nennt man Föhr deswegen auch Friesische Karibik?«, fragte ein Mann mit einem Hut im Safaristil.

»Ja, genau«, bestätigte Leevke.

»Dann kann man von Föhr aus nach Sylt und Amrum wandern?«, erkundigte sich eine andere Urlauberin.

»Nach Amrum kann man laufen. Die Strecke dauert etwa drei Stunden und ist acht bis zehn Kilometer lang. Aber nach Sylt kommt man nicht zu Fuß«, antwortete Leevke.

»Warum nicht? Das ist doch ganz nah«, wollte ein etwa zehnjähriger Junge wissen und zeigte zu Sylts Südspitze, die deutlich zu erkennen war.

»Auf den ersten Blick sieht es aus, als wäre das kein Problem, da gebe ich dir recht. Aber es geht aufgrund der beiden tiefen Seegatten nicht«, erläuterte Leevke. »So nennt man die Strömungsrinnen zwischen Föhr und Sylt. Sie sind bis zu 30 Meter tief und die Strömung ist sehr stark. Ich möchte ohnehin dringend davon abraten, ohne professionelle Führung weit hinaus ins Watt zu gehen. Wenn es unbedingt sein muss, dann bitte mindestens zu zweit. Nie allein! Jedes Jahr müssen etliche Urlauber gerettet werden, weil sie die Strömung und die Kraft des Wassers unterschätzen. Manche bezahlen ihren Wagemut mit dem Leben.«

»Was ist das hier?«, fragte ein kleines Mädchen und hielt ein Schneckengehäuse in der Hand.

»Das ist eine Wellhornschnecke«, erklärte Leevke.

»Und was macht die?«, wollte das Kind wissen.

»Die Strand- und Wattschnecken betreiben Bodenpflege. Die Wellhornschnecke ist die größte Schnecke im Watt, die kleine Wattschnecke die kleinste.« Leevke bückte sich, hob ein Exemplar auf und präsentierte es auf ihrer Handinnenfläche. »Diese kleine Schnecke ist bis zu fünf Stundenkilometer schnell.«

»Ist sie schneller als die Wellhornschnecke?«, erkundigte sich ein Mann.

»Ja, viel schneller. Eine Wellhornschnecke legt am Tag ungefähr 30 Meter zurück.« Leevke setzte das Tier zurück auf den Wattboden. »Vor ein paar Jahren war die Population der Wellhornschnecken stark zurückgegangen. Mittlerweile hat sie sich glücklicherweise erholt.«

»Was war der Grund dafür? Wurde das herausgefunden?«

»Die Schiffe wurden mit einem Lack gegen Seepocken bestrichen, der schädlich für die Schnecken war. Durch diesen Lack haben sie ihr Geschlecht geändert. Plötzlich gab es nur noch männliche Schnecken. Somit konnten sie sich nicht mehr fortpflanzen.«

»Das zeigt, wie empfindlich dieses Ökosystem ist«, stellte eine junge Frau fest.

»Genau. Man kann nicht oft genug darauf hinweisen«, erwiderte Leevke. »Lasst uns weitergehen. Da vorne wird der Boden etwas weicher. Also nicht erschrecken, wenn ihr ein wenig einsinkt.« Sie marschierte vorweg und die Gruppe folgte ihr.

»Da hinten ist ein Seehund!«, rief plötzlich ein blond gelocktes Mädchen aufgeregt und zeigte zum Horizont.

Die anderen folgten ihrem Blick.

»Also wenn ihr mich fragt, sieht das nicht aus wie ein Seehund, sondern eher wie ein Stück Holz«, meldete sich ein Teilnehmer zu Wort und hob sein Fernglas vor die Augen. »Weder noch. Oha! Das ist ein …« Er hielt die Luft an.

»… Mensch«, vervollständigte Leevke den Satz und zog umgehend ihr Handy aus dem Rucksack.

Kapitel 9

»Und du bist sicher, da kann nichts mehr schiefgehen? Ich kann mich auf dich verlassen?«

»Nun mach dir mal nicht ins Hemd, Richard. Was soll denn jetzt noch schiefgehen?«

»Was weiß ich? Sonst alles okay bei euch?«

»Sicher. Wieso fragst du?«

»Du wirkst gestresst.«

»Da täuschst du dich. Bei uns ist alles in Ordnung«, versicherte Holger Barnstedt.

»Ach du Schreck!« Barnstedts Sekretärin stand plötzlich im Türrahmen.

»Was gibt es denn, Frau Jacobi? Geht es Ihnen nicht gut?«

»Im Watt wurde eine Tote gefunden.« Man konnte die Bestürzung deutlich in ihrem Gesicht ablesen.

»Wo? Hier bei uns?«, hakte Barnstedt nach.

»Ja, zwischen Amrum und Föhr. Eine Gruppe Wattwanderer soll sie gefunden haben«, berichtete sie.

»Woher wissen Sie das?«

»Das hat mir eine Nachbarin gerade erzählt. Die Tochter einer Freundin arbeitet als Bedienung in einem Strandlokal und hat es mitbekommen.«

Holger Barnstedt stöhnte auf. »Nicht gerade eine verlässliche Quelle«, brummte er.

»Gibt es Informationen darüber, wer die Tote ist?«, wollte Richard Cornelsen wissen.

»Nein, das konnte sie mir nicht sagen.«

»Wahrscheinlich ist es eine Touristin, die ohne Begleitung ins Watt gegangen ist. Jemand von hier weiß um die Gefahren, die dort draußen mitunter lauern und ist nicht so unvernünftig«, mutmaßte Barnstedt.

»Da stimme ich dir zu. Die Leute sind einfach zu leichtsinnig«, pflichtete Richard ihm bei.

»Ich würde zu gerne wissen, was passiert ist.«

»Das werden Sie schon noch früh genug erfahren, Frau Jacobi. Haben Sie sonst nichts zu tun?«, fragte Barnstedt spitz.

Sie machte ohne ein weiters Wort auf dem Absatz kehrt und ging zurück zu ihrem Arbeitsplatz.

»Alte Tratsche.« Barnstedt sah ihr nach.

»Bist du heute Abend beim Stammtisch dabei?«, erkundigte sich Richard.

»Bedauerlicherweise nicht. Wir sind heute Abend eingeladen.« Holger Barnstedt sah auf seine Armbanduhr. »Ich nehme an, wir sind mit unserem Thema durch. Oder gibt es noch etwas, worüber wir sprechen müssen?«

»Ich denke nicht.« Sein Freund erhob sich und ging zur Tür. Bevor er den Raum verließ, wandte er sich um. »Wir hören voneinander.«

»Ich halte dich auf dem Laufenden, Richard.«

Kapitel 10

Nachdem Leevke die Polizei verständigt hatte, führte sie die Gruppe zurück an Land.

»Es tut mir leid, dass wir die Wattwanderung an dieser Stelle abbrechen mussten. Aber in Anbetracht der aktuellen Situation habt ihr sicherlich Verständnis dafür. Ihr könnt euch bei der Tourismuszentrale für einen neuen Termin anmelden. Eure Tickets behalten selbstverständlich ihre Gültigkeit.«

Die Gruppe verabschiedete sich und Leevke blieb zurück, um auf das Eintreffen der Polizei zu warten. Nach etwa einer Viertelstunde näherte sich ein Streifenwagen, bog schwungvoll auf den Parkplatz ein und kam neben Leevke zum Stehen. Die Fahrertür öffnete sich und ein blonder, schlaksiger Polizeibeamter stieg aus. Er nahm die Sonnenbrille ab und kam auf sie zu. »Haben Sie uns gerufen?«, fragte er und stutzte dann. »Leevke? Leevke Roeloffs? Du bist es, oder?«

Sie antwortete nicht, sondern war bemüht, sein Gesicht einzuordnen.

»Sag bloß, du erkennst mich nicht mehr. Sascha. Sascha Berger. Wir sind zusammen in die Schule gegangen«, fügte er hinzu, um ihr auf die Sprünge zu helfen.

»Natürlich, jetzt wo du es sagst, erinnere ich mich. Entschuldige, dass ich dich nicht sofort erkannt habe.« Sie lächelte müde.

»Kein Problem. Dann bist du wieder auf der Insel?«

»Ja, seit ein paar Tagen.«

»In der kurzen Zeit hat sie bereits zwei Personen aufgefunden«, mischte sich Leif Petersen in die Unterhaltung ein, der inzwischen ausgestiegen war und sich zu ihnen gesellte. »Ich weiß nicht, ob man hier noch von Zufall sprechen kann«, fügte er hinzu, woraufhin Leevke mit den Schultern zuckte.

»Ich denke, wir dürfen keine Zeit verlieren. Es dauert nicht mehr lange, bis wir auflaufendes Wasser haben«, gab sie zu bedenken und deutete hinter sich zum Meer.

»Du hast recht. Dann wollen wir mal.« Leif Petersen setzte sich schwerfällig in Bewegung. Berger und Leevke folgten ihm ins Watt. Das Wasser umspülte an einigen Stellen ihre Fußknöchel. Man konnte erkennen, wie sich kleine Rinnsale bildeten, in die das auflaufende Wasser hineindrückte. Was momentan harmlos wirkte, würde für alle, die sich nicht auskannten, in absehbarer Zeit zur tödlichen Falle werden.

»Dort drüben liegt sie.« Leevke zeigte in Richtung Westen.

»Für sie kommt jede Hilfe zu spät«, stellte Petersen fest, nachdem sie die Stelle erreicht hatten.

Alle drei sahen auf den leblosen Körper, der vor ihnen im niedrigen Wasser lag. Das lange schwarze Haar der Toten verdeckte teilweise ihr Gesicht. Berger wandte den Blick ab und wich ein Stück zurück. Dann straffte er die Schultern und trat wieder näher heran.

»Sie liegt offenbar noch nicht sehr lange im Wasser«, diagnostizierte Petersen. »Jedenfalls haben noch keine Tiere damit begonnen, an ihr herumzufressen. Generell sieht sie unversehrt aus.«

Abermals drehte sich Berger weg.

»Alles okay mit dir?«, raunte Leevke ihm zu.

»Geht schon«, sagte er und stieß hörbar die Luft aus.

Petersen wandte sich Leevke zu. »Ist dir vorhin etwas aufgefallen, als du sie entdeckt hast?«

»Nein. Außer uns war niemand in der Nähe, wenn du das meinst.«

»Viel hat sie nicht gerade an«, stellte Berger mit Blick auf die Frau fest und zeigte auf die Tote, die vollkommen nackt war.

»Das ist schon seltsam, erst der junge Barnstedt und jetzt diese Frau«, überlegte Petersen und zog seinen Hosenbund höher. Das Hemd über seinem Bauch spannte.

»Mit dem Unterschied, dass er beim Auffinden am Leben war«, bemerkte Leevke. »Glaubst du, da besteht ein Zusammenhang?«

»Das lässt sich auf den ersten Blick schwer einschätzen. Fasst mal mit an, wir bringen sie zum Ufer, bevor die Flut kommt.« Petersen bückte sich.

»Sollten wir nicht vorher die Spurensicherung und die Kripo informieren?«, warf Sascha Berger ein.

Petersen lachte auf. »Klar, die bräuchten dann aber eine Taucherausrüstung. Bis die hier sind, steht alles unter Wasser.«

»Aber er hat recht. Wir müssen wissen, unter welchen Umständen die Frau ums Leben gekommen ist«, wandte Leevke ein.

»Wir?«, wiederholte Petersen und sah sie mit hochgezogenen Brauen an. »Wenn du mich fragst, ist sie zu weit hinausgeschwommen und ertrunken.« Dann zog er ohne ein weiteres Wort sein Handy hervor und wählte. Er entfernte sich ein paar Schritte und kehrte nach dem kurzen Telefonat zu ihnen zurück. »Nun zufrieden?«, fragte er.

»Und? Was haben sie gesagt?«, hakte Berger nach.

»Sie können frühestens um 17 Uhr hier sein. Bis dahin ist das gesamte Gebiet von Wasser bedeckt. Also bringen wir sie erst mal an Land. Doktor Schnitzler müsste jeden Moment eintreffen. Alles Weitere sehen wir dann.«

»Du hast recht. Wahrscheinlich ist längst alles durch die Strömung und die Gezeiten weggespült worden«, pflichtete Leevke ihm bei.

»Eben«, erwiderte Petersen und reichte Leevke und Berger Einweghandschuhe. »Seid ihr bereit? Auf drei! Eins, zwei, drei!«

Zu dritt hoben sie die junge Frau auf und schleppten sie an den Strand. Dort warteten bereits die Polizeibeamtin Gesa Quandt sowie zwei Mitarbeiter des örtlichen Bestattungsunternehmens, die für den Abtransport der Toten gerufen worden waren. Hinter dem Absperrband waren mehrere Neugierige stehen geblieben, um das Geschehen zu beobachten.

»Weiß man, wer die Tote ist?«, erkundigte sich Gesa Quandt.

»Nein, keine Ahnung. Kennst du sie vielleicht?« Petersen warf seiner Kollegin einen fragenden Blick zu.

»Nö, nie gesehen«, erwiderte sie und drehte den Kopf, um das Gesicht der Toten besser erkennen zu können. Dann blieb ihr Blick an Leevke hängen. »Was macht die schon wieder hier?«, raunte sie Petersen zu, ohne Leevke aus den Augen zu lassen.

»Sie hat die Tote während einer Wattwanderung entdeckt«, klärte ihr Chef sie auf, woraufhin sie ein abfälliges Schnauben von sich gab.

Ein Mann bahnte sich den Weg durch die Menge und betrat den abgesperrten Bereich.

»Ah, da sind Sie ja, Herr Doktor!« Petersen winkte den Mediziner näher zu sich heran.

»Tut mir leid, ich bin aufgehalten worden.« Carlo Schnitzler stellte seine Tasche ab und kniete sich neben die Tote in den Sand.

»Können Sie etwas zur Todesursache sagen?«, fragte Gesa Quandt, die jeden seiner Handgriffe akribisch verfolgte.

Bevor der Arzt reagieren konnte, ertönte Petersens Stimme. »Gesa! Kannst du bitte kommen?«

Nachdem Schnitzler seine Untersuchung abgeschlossen hatte, legten die beiden Mitarbeiter des Bestattungsinstitutes den Leichnam in einen Zinksarg, um ihn abzutransportieren. Sascha Berger und Gesa Quandt hatten alle Hände voll zu tun, die Schaulustigen zum Weitergehen zu bewegen und sie davon abzuhalten, Handyaufnahmen zu machen.

»Brauchst du mich noch?«, wollte Leevke von Petersen wissen.

»Nein, im Moment nicht. Wir melden uns bei dir, Leevke. Danke für deine Hilfe«, gab Petersen freundlich lächelnd zurück.

Daraufhin verabschiedete sich Leevke und ging zurück zu ihrem Wagen, den sie auf dem Parkplatz abgestellt hatte.

Kapitel 11

Leevke stellte den Wagen direkt neben der Koppel ab, auf der Thor zufrieden zwischen den anderen Pferden graste. Sie stützte die Unterarme auf dem Gatter ab und sah den Tieren beim Fressen zu. Auf diese Weise versuchte sie, den Anblick der toten jungen Frau wenigstens für eine kurze Zeit lang aus ihrem Kopf zu verdrängen. Was war ihr zugestoßen? Kannten sich der junge Barnstedt und sie womöglich? Oder handelte es sich um einen Zufall, dass beide am selben Tag ohne Kleidung am Meer lagen? Fragen, auf die sie keine Antwort hatte. Ein Motorengeräusch riss sie aus ihren Gedanken. Ein Traktor kam direkt hinter ihr zum Stehen, die Tür der Fahrerkabine öffnete sich und ihr Bruder Finn kletterte heraus.

»Na, Schwesterchen! Wie war die erste Wattwanderung?« Er stellte sich neben sie an das Gatter.

»Anders als erwartet«, seufzte sie und verzog den Mund.

»Wie darf ich das verstehen? Lass mich raten, ihr habt keinen einzigen Wattwurm gefunden?« Er grinste amüsiert.

»Das wäre nicht das Schlimmste gewesen. Statt Wattwürmern und Strandkrabben haben wir eine Tote gefunden.«

Er stutzte. »Du machst Witze, oder?«

»Leider nein.« Ihr Blick wanderte erneut zu ihrem Pferd Thor. Er schlug heftig mit dem Schweif und stampfte ein paar Mal mit dem Hinterbein auf, um lästige Fliegen zu vertreiben.

»Ist sie ertrunken?«, fragte Finn und wirkte betroffen.

»Das nimmt Petersen jedenfalls an.«

»Das klingt, als hättest du Zweifel?«

»Sie war vollkommen nackt.« Leevke sah ihren Bruder an.

»So wie der junge Barnstedt, den du am Strand gefunden hast?«

»Der trug wenigstens eine Unterhose. Für mich sieht das nicht nach einem Zufall aus.«

»Ach, Leevke! Wahrscheinlich wollten die beiden einfach nur schwimmen gehen und haben die Kraft des Meeres unterschätzt. Vielleicht war auch Alkohol im Spiel? Mach dir nicht so viele Gedanken darüber und überlass die Arbeit der Polizei. Die werden schon herausfinden, was sich im Einzelnen abgespielt hat.«

»So schön wie das Meer ist, so erbarmungslos kann es sein.«

Finn griff wortlos nach der Hand seiner Schwester und drückte sie fest. Dann schwiegen beide für einen Moment, bis Finn schließlich das Thema wechselte. »Ich will gleich noch einmal rüber zur Baustelle und sehen, wie weit die Tischler gekommen sind. Willst du mit?«

»Klar. Schließlich geht es um mein neues Zuhause.« Ein schwaches Lächeln zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab.

»Okay, dann treffen wir uns gleich dort.« Mit einem Satz stieg Finn auf den Traktor und startete den Dieselmotor.

Leevke war Finn mit ihrem Wagen gefolgt und stellte das Auto am Straßenrand vor dem alten Friesenhaus ab, in dessen Einfahrt zwei Transporter parkten.