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Ein verstossener Minotaurenclan wird im tiefsten Winter überraschend von einem grossen Heer fliegender Krieger angegriffen, das von einem ominösen Zauberer unterstützt wird, dessen Kräfte gewaltig sind. Den kriegerischen Minotauren droht das Verderben, und nur das heilige Schwert ihres Kriegsgottes Sandruv, das seit zweieinhalbtausend Jahren verschollen ist, kann den Clan noch vor dem Untergang bewahren. Doch es besteht Hoffnung, denn die beiden jungen Anführer der Stiermenschen. zwei Brüder, tragen seit der Geburt geheimnisvolle Tätowierungen auf sich, mit deren Hilfe das Schwert angeblich gefunden werden kann. Und so bricht eine kleine Gruppe inmitten von Tod und Verwüstung zu einer verzweifelten und ungewissen Suche auf, um die legendäre Waffe zu bergen, verfolgt von einem grauenhaften Wesen, welches mit machtvoller Magie bereits während der Schlacht für Unheil und Zerstörung gesorgt hat!
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Seitenzahl: 391
Veröffentlichungsjahr: 2018
Er näherte sich dem flackernden Licht, spürte einen Hauch von Wärme, der ihm wie ein dünner Schleier entgegenwehte, ihn sanft umspülte. Er wurde davon eingewebt, wie in eine große Wolldecke, die sich um seinen mächtigen Körper wand. Ein wohltuender Schauer der Behaglichkeit lief ihm den Rücken herab. Er schüttelte sich. Die Wärme durchdrang seinen Körper, gleich einem feurigen Fluß, erfüllte ihn mit neuer Kraft. Seine versteiften Knochen begannen aufzutauen, verloren die frostige Umklammerung.
Mit schnellen Schritten ging er weiter, tauchte tiefer in den düsteren Tunnel hinein, denn die Kälte des herrschenden Winters gefror jedes unachtsame Lebewesen, das sich zu lange in seinen eisigen Krallen aufhielt.
Der Sturm tobte in wilden Verwirbelungen; der Schnee fiel in dichten Vorhängen aus Eiskristallen vom dunkelgrauen Wolkenhimmel hernieder und legte einen dicken, weißen Teppich auf die Landschaften des Galoorgebirges. Alles, was nicht gegen die klirrende Kälte gefeit war, erfror kläglich im eisigen Hauch.
Die mächtigen Böen des peitschenden Sturmwindes sangen ein klägliches Lied, das heulend die unebenen Wände des zwielichtigen Tunnelganges erbeben ließ. Die schweren Schneeflocken schossen, vom kräftigen Atem getrieben, im rasenden Durcheinander aus den walzenartigen Wolkenbäuchen.
Blackflash haßte den Winter. Nicht weil er kalt und rau war, sondern weil der dichte Schneefall die meisten Vorhaben vereitelte. Ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Kehle. Er ging weiter, ließ das tosende Wetter hinter sich und betrat langsam das Warme. Eine kalte Brise, die durch den Höhleneingang ins Innere strömte, ließ das schimmernde, orangene Licht, welches an den kahlen Felswänden reflektiert wurde, aufflackern.
Sein mächtiger, dunkler Schatten tanzten mit dem Feuerschein, als er den langen Felsengang entlang marschierte. Der kahle Steinboden war von dreckigen Wasserpfützen aus geschmolzenem Schnee übersät, die sich in einigen Vertiefungen gebildet hatten und den üblen Eindruck einer feuchten Unterkunft vermittelten. Seine Hufe hallten laut an den nackten, dunklen Steinen wieder, wurden von den Wänden mehrfach zurückgeworfen.
Etwas weiter vorn öffnete sich der lange Tunnel und mündete in eine gewaltige Höhle, deren hoch gewölbte Decke vom Schein der Flammen nicht mehr erreicht werden konnte und von schwarzen Schatten bedeckt war.
Blackflash, der von seinem Rundgang um den Tafelberg zurückkam, schüttelte die zarte weiße Schneeschicht ab, die seinen kräftigen Körper wie ein Hemd bedeckte. Eilig betrat er nun die riesige Höhle, die als Zentrum aller Tätigkeiten seines Clans fungierte, suchte die Nähe der wärmenden Flammen.
Die Aushöhlung war gewaltig und bot Hunderten Minotauren Platz zum Essen, Reden, ja sogar Kämpfen, der Grundlage des minotaurischen Daseins. Zahlreiche Lagerfeuer brannten im Innern der Höhle, der Geruch verbrannten Holzes drang in seine gewaltigen Nüstern. Um sie herum saßen die Krieger, speisten und berichteten von ihren Heldentaten. Das laute Gelächter und die tiefen, kräftigen Stimmen der Stiermenschen vermischten sich mit dem metallenen Klingen einiger gekreuzter Schneiden zu einem festlichen Getose.
Obwohl der gewaltige Hohlraum im Berg als Wohn- und Lebensraum genutzt wurde, befanden sich praktisch keine dekorativen Gegenstände darin. Bis auf einige mit Knochen und zerschlissenen Tüchern verzierte Standarten, Waffengestelle und Kriegstrophäen war die Höhle karg und leer, nur nackter, kalter Fels. Mehr brauchte ein wahrer Minotaurenkrieger auch nicht, denn sein Herz schlug allein für Ehre, Ruhm und Krieg.
Auch einige junge Kälber tollten zwischen den flammenden Stellen herum und jagten sich gegenseitig, oder balgten sich in harmlosen Kämpfen. Die völlig überforderten Leihmütter bellten den Kleinen hinterher und versuchten, sie vor größeren Gefahren abzuhalten. Doch da auch die älteren Krieger sich an solchen Aktivitäten erfreuten, half jede Drohung nichts.
Es gab auch ruhigere Minotaurenkinder, die sich an die Feuer zu den Erwachsenen setzten und einigen Veteranen beim Geschichtenerzählen zuhörten. Dadurch lernten sie viel für ihr späteres Leben als mutige, ehrenvolle Kämpfer.
In der Mitte des riesigen Raumes, in einer tiefen Senke, knisterte das größte Feuer. Seine gelborangenen Flammen waren mannshoch und tanzten im Takte des Schlachtliedes, welches einige Krieger aus voller, stolzer Brust sangen. Sein warmer Schein verbreitete seinen Glanz weit über den staubigen, kargen Boden.
Blackflash stieg die steinerne Erhöhung zum Höhlenbecken hinunter, wollte sich am mächtigen Feuer erwärmen. Der übriggebliebene Schnee auf den breiten Schultern des Minotaurs schmolz im Angesicht der Flammenhitze rasch dahin.
Vor dem besagten Feuer, mit dem Rücken zum Eingang hockten drei Stiermenschen und unterhielten sich beim Essen. Zwei davon waren eher klein und schmächtig, trugen um die schlanken Schultern die violetten Umhänge der Schamanen; der dritte war ein kräftiger Krieger. Blackflash kannte diese drei unterschiedlichen Gestalten sehr gut. Erfreut ging er auf sie zu und blieb neben ihnen stehen. Sein gewaltiger Stierschädel neigte sich, damit er auf die sitzenden Minotauren niederschauen konnte.
Sie alle unterbrachen ihr Gespräch, als sich der mächtige Blackflash zu ihnen gesellte, und blickten verwundert den Neuankömmling an. Einer der Minotauren, der muskulöse Krieger, erhob sich und packte grinsend die Schultern Blackflashs mit seinen großen Händen.
„Bruderherz, endlich stößt du zu uns!“ sprach der Minotaur mit tiefer, klangvoller Stimme. „Komm, setz dich zu uns. Tearsdoor hat wichtige Neuigkeiten.“
Blackflash streifte den großen Fellmantel ab, der ihn draußen gegen die klirrende Kälte geschützt hatte, und warf ihn auf den Boden. Darunter präsentierte sich der hühnenhafte Stiermensch in erstaunlich geringer Gewandung. Sein Unterleib war bloß mit einem langen, blutroten Lendenschurz bekleidet. Er trug einen breiten, schwarzen Ledergürtel mit goldener Schnalle um die Hüften, an dem eine Reihe brutal geformter Waffen hingen. Sein muskulöser Oberkörper war bis auf zwei mächtige, übers Kreuz gelegte Schultergürtel und grobschlächtige, goldene Armreifen um die Handgelenke nackt. Auf Rücken und Brust trug er weitere gefährliche Waffen, von denen das imposante Schwert mit den zwei Klingen die beeindruckendste war. Eine schwere goldene Kette, an der ein kleiner Schädel hing, zierte seinen breiten Nacken. Das dichte, kurze Fell, schwarz wie die nächtliche Finsternis, das seinen gesamten Körper bedeckte und von zahlreichen verschnörkelten Schmucknarben übersät war, verhinderte das Eindringen von Kälte; er behielt so meist warm und blieb vor den Launen des Wetters weitgehend geschützt. Große goldene Ringe, die nicht minder glänzten als die Halskette, zierten die Stierohren. Als großer Kontrast zur dunklen Fellfarbe besaß Blackflash einen hoch aufragenden, weißen Haarkamm, der in der Mitte seines Kopfes entsprang.
Stormwind griff sich rasch einen leeren Becher auf dem abgeflachten Stein hinter seinem Rücken und goß dampfenden minotaurischen Glühwein aus einem Krug hinein. Er überreichte den Kelch seinem älteren Bruder, bevor er sich seinen ebenfalls füllte.
Blackflash, der gut um einen Kopf größer war als Stormwind, nahm den Becher dankbar an sich und schüttete den roten Inhalt die trockene Kehle hinunter. Die stark alkoholische Flüssigkeit brannte wie Feuer den Hals herab und erwärmte die erkühlten Glieder. Mit einem donnernden Schnauben schüttelte er seinen Kopf und schmetterte den verbeulten Kelch auf den Felstisch. Dann packte er grinsend den großen Krug und goß erneut Glühwein in seinen leeren Becher.
Die beiden Minotauren sahen sich trotz ihrer engen Verwandtschaft überhaupt nicht ähnlich. Während Blackflashs Fell schwarz wie die Nacht war, strahlte Stormwinds in absolutem Weiß. Ihr Körperbau war ebenfalls unterschiedlich. Während Blackflash groß und überaus kräftig war, lag Stormwind bloß im Durchschnitt, was Körpergröße und Muskelmasse betraf. Aber trotz aller Unterschiede waren sie unzertrennlich und ergänzten sich als junge Clanführer perfekt.
Stormwind war ebenfalls ein gefürchteter Krieger, was unschwer an den zahlreichen, groben Waffen zu erkennen war, die überall an Gürteln und Riemen an seinem Körper befestigt waren. Die dunkelblaue, ärmellose Weste und der lange Lendenschurz in derselben Farbe schimmerten mystisch im tanzenden Lichte des Feuers. Verstärkt wurde dies durch die beiden schwarzen Gürtel – der größere lag quer über der tätowierten Brust – , die sich klar in ihren dunklen Schattierungen vom hellen Fell des Stiermenschen abhoben. Ähnlich seinem Bruder, wuchsen Stormwind drei schwarze Haarkämme auf dem Kopf. Seine waren aber weit kleiner, als derjenige Blackflashs.
Beide Brüder trugen seit ihrer Geburt seltsame Tätowierungen im Gesicht, die sich von denen, die sie während der Kriegerweihe erhalten hatten, irgendwie unterschieden. Niemand, auch nicht der alte und weise Schamane Hammer, konnte ihre Bedeutung genau erklären. Man wußte nur, dass sie ein Omen des großen Kriegsgottes Sandruv waren, und versuchte sie zu entschlüsseln, was bisher jedoch erfolglos blieb.
Blackflash trug seine Tätowierung um das rechte Auge. Sie war blutrot und ähnelte einem seltsamen Schwert. Stormwinds Exemplar war wesentlich gewaltiger. Sie erstreckte sich über sein ganzes weißes Gesicht und bestand aus unzähligen geheimnisvollen Symbolen, die mit einer Unmenge von Linien verbunden waren. Das Gesichtsbild glich einer uralten Karte, welche ein Geheimnis beinhaltete, das noch niemand kannte.
Die Luft in der gewaltigen Höhle war heiß und stickig, roch nach würzigem Fleisch, Rauch und starkem Feindesblut, wie der Glühwein genannt wurde. Die Atmosphäre verriet Ruhe und Gelassenheit, was für Minotauren gleichbedeutend mit Langeweile war. Seit ihrer letzten glorreichen Schlacht, die eher einem kleinen Gemetzel als einem ehrenvollen Kampf gleichgekommen war, waren bereits drei Wochen des Nichtstun vergangen. Aber in dieser Jahreszeit war in der Gegend um das Galoorgebirge ohnehin nicht viel los, da Schnee und Frost die härtesten Kämpferseelen einfroren. Kein Gegner wagte es während des Winters in die Gipfel des Gebirges aufzusteigen, um die Minotauren herauszufordern, und da im Winter die Felderträge der benachbarten menschlichen Bauerndörfer ausblieben, lohnte sich auch kein Überfall.
Während der ganzen Zeit gab es nichts anderes zu tun als sich in den hohen Gipfeln mit dem Jagen von Bergziegen und Wolllöwen oder dem hemmungslosen Besaufen mit Glühwein die Langeweile auszutreiben. Auch gelegentliche Raufereien und die eher harmlosen Waffenduelle vermochten ihnen nicht die Befriedigung zu geben, die ihnen eine echte Schlacht vermittelte. Da halfen auch die abenteuerlichen Geschichten der Veteranen nichts.
Die zwei Brüder ließen sich neben den beiden schmächtigen Schamanen nieder, die sie ruhig und eindringlich betrachteten. Einer von ihnen war Hammer, der bereits mehr als neunzig Jahre auf seinem Buckel trug. Er war der Lehrer und Mentor der anderen Schamanen, verkörperte den weisen, ruhigen Pol zwischen den vielen groben Kriegern und jungen Hitzköpfen. Sein zottiges Fell war grau, genau wie die alten, gutmütigen Augen. Er hatte nur ein Horn – das andere war ihm vor langer Zeit in einem Kampf abgebrochen worden. Er trug eine einfache braune Tunika, die mit einem schlichten Lederriemen, an dem viele Beutel hingen, gegürtet war. Über den knochigen Schultern lag der violette Umhang.
Hammer begann mit seiner heiseren, alten Stimme zu sprechen, nachdem die Brüder sich gesetzt hatten. „Gut, endlich sind wir alle vereinigt“, meinte der dünne Schamane. „Tearsdoor hat wichtige Neuigkeiten vom legendären Sandruvschwert. Sie werden euch bestimmt überraschen.“
Stormwind verdrehte genervt die Augen. „Nicht schon wieder!“ stöhnte er leise. Er nahm daraufhin einen kräftigen Schluck.
Hammer vernahm das Gemurre des jungen Kriegers und zog wütend die Augenbrauen zusammen. „Darf ich um Ruhe bitten! Es geht hier um das wichtigste Artefakt der minotaurischen Geschichte, das seit Urzeiten verschollen ist und von allen legendären Abenteurern gesucht, aber nie gefunden wurde. Aber das solltet ihr doch eigentlich wissen“, grollte der Schamane erzürnt.
„Ja, wir wissen es zur Genüge. Du erzählst uns beinahe jeden Tag von der alten Legende, um das heilige Schwert, das dem minotaurischen Feldherrn Taurus gehörte, der während der sagenhaften Schlacht um Pax Altorosh sein glorreiches Leben im Kampf ließ. Ich weiß, dass du es schon dein Leben lang suchst. Aber ich glaube nicht mehr daran, dass es je existiert hat“, kommentierte Stormwind dunkel.
„Schweig endlich still!“ krächzte der Schamane wütend. „Es ist von enormer Wichtigkeit, daß ihr beide jede Information von dieser großen Waffe erhaltet. Obwohl ich schon seit langem in meinen Studien festhocke und keine weiteren Rätsel zu lösen vermag, die den Standort des Schwertes verraten könnten, bin ich mir ziemlich sicher, daß dieses Artefakt ganz in unserer Nähe verweilt. Wir müssen es finden, um wieder von den anderen Clans anerkannt zu werden.“
„Hammer, ich schätze dein Vorhaben sehr unserem Clan wieder die Anerkennung zu verleihen, die ihm gebührt. Ich will auch wieder zurück ins Shitadgebirge, zurück zu unseren Wurzeln, aber ich kann nicht glauben, daß das Schwert uns dies gewährt. Zudem: Wieso sollten gerade wir es finden, wo doch unsere größten Helden der Vergangenheit, dies schon vergeblich versuchten?“ konterte Stormwind mit erhobener Stimme.
„So schweig endlich, dann weißt du es!“ brüllte Hammer völlig aufgelöst. Der alte Schamane kam vor lauter Aufregung in Atemnot. Mit keuchendem Husten und japsendem Stöhnen rang er nach Luft.
Tearsdoor fuhr hastig aus ihren Gedanken auf und legte ihre Arme sanft um den verkrampften Körper ihres Meisters. Sie half ihm wieder ruhig zu atmen und sich zu entspannen, während sie einen erbosten Blick in Richtung des weißen Kriegers warf.
Stormwind wandte seine blauen Augen ab. Da auch sein älterer Bruder ihn scharf musterte, begriff er, daß er mit seinem Protest einen Fehler gemacht hatte, und schwieg, auch wenn er seine Meinung keineswegs änderte.
Nachdem sich der keuchende Husten gelegt hatte, nahm Hammer geschwächt einen Schluck aus seinem rauchenden Teebecher. Seine Mimik verriet deutlich, dass er noch wütend auf den jungen Krieger war, denn seine grauen Augen glänzten fiebrig. Doch dann übergab er mit einem entspannten, freundlichen Gesicht seiner Schülerin und Adeptin das Wort.
Tearsdoor lächelte etwas schüchtern. Sie erhob sich und ließ den Blick über die beiden Brüder gleiten. Blackflash sah entspannt und neugierig zu ihr auf. Stormwind beachtete sie gar nicht. Er betrachtete grollend den kargen Boden, wollte immer noch nichts von der Geschichte hören.
Tearsdoor war ziemlich nervös, was ihre hastigen Bewegungen deutlich machten. Sie fürchtete sich irgendwie vor den nun wiederkehrenden Erinnerungen, die ihr wie ein seltsamer Alptraum im Kopf herumgeisterten. Ihr rötlichbraunes, sanftes Fell glitzerte im Schein der Flammen, als sie den Kopf zu Hammer drehte, um noch einmal eine Bestätigung einzuholen. Der alte Schamane nickte ihr stillschweigend zu.
„Als ich heute morgen, bevor der Schneesturm anbrach, im Seelental meinen allmorgendlichen Übungen nachgegangen war, begegnete mir eine seltsame Person. Sie war vollkommen von einem grünen Umhang vermummt, so, dass ich ihr Gesicht nicht erkennen konnte, und ritt auf einem Pferd, einem dieser seltsamen Tiere, welche die Menschen für die verschiedensten Dinge verwenden und große Ähnlichkeit mit den Leibern der Zentauren haben. Vermutlich war die Person ebenfalls menschlich, aber ich kann es beim besten Willen nicht sagen.“
Tearsdoor machte eine kurze Pause, in der sie gedankenverloren in die gewaltigen Flammen des Feuers starrte, die ihren Körper, ihren Mantel, das blaue Hüfttuch und das rote, bauchfreie Oberteil sanft beleuchteten.
„Diese kapuzenverhüllte Person besaß eine unglaubliche magische Ausstrahlung, die mir die Sinne vernebelte. Ich hatte das Gefühl, daß ich träumte, war aber vom Gegenteil überzeugt. Die seltsame Gestalt blieb vor mir stehen und sprach mich an.“ Tearsdoor stockte ein zweites Mal, war etwas verängstigt und überrascht. Ihr Mund bebte. Sie wußte nicht recht, wie sie weiterfahren sollte.
Als sie schließlich wieder Worte fand, klang ihre Stimme zittrig und schwach. „Der Fremde kannte meinen Namen, wußte wer ich bin, obwohl ich ihn noch nie zuvor gesehen hatte; ich kenne keine Menschen. Er sagte mir in der Minotaurensprache, dass er wüßte, wo das Schwert des Sandruv versteckt sei. Ich war dermaßen begeistert, dass ich erst nicht realisierte, was er mir erzählte. Er gab mir nur einige kleine Hinweise und nannte eure Namen. Er sagte, dass eure Tätowierungen den Weg beschreiben, nur müssten wir die Zeichen erkennen. Als ich meine Augen nach einem inneren Jubelschrei wieder öffnete war er spurlos verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst.
Ich war außer mir vor Begeisterung und zugleich verwirrt. Diese Nachricht war bedeutungsvoll, der ganze Vorfall jedoch äusserst merkwürdig. Hammer und ich stecken schon seit langer Zeit am selben Fleck. Wir standen kurz davor, die Hoffnung aufzugeben, das Geheimnis um das Versteck des Schwertes zu lösen – bis heute. Ich bemerkte erst, als ich zurückeilte, wie unheimlich dieses Treffen war. Und jetzt fürchte ich mich fast davor, wenn ich daran zurückdenke. Er war so mystisch...ich...“
Ihre sanfte Stimme brach zitternd ab. Die Begegnung mit der seltsamen Gestalt spukte ihr noch immer heftig im Kopf herum. Tearsdoor fragte sich besorgt, woher der Mensch ihren Namen kannte, woher er wußte, nach welchem Artefakt sie suchten? Konnte sie ihm vertrauen? Sprach er die Wahrheit?
Die beiden kräftigen Brüder, die der Schamanin gebannt zugehört hatten, starrten sich gegenseitig an. Stormwind strich sich erstaunt mit der Hand über sein tätowiertes Gesicht. War seine angeborene Gesichtszeichnung wirklich die Karte, die den Weg zum Sandruvschwert wies? War sie ein Zeichen des Kriegsgottes, der wollte, daß die Waffe endlich gefunden wird? Waren er und sein Bruder die Auserwählten? Der weiße Minotaur packte ehrfürchtig ein metallenes Amulett, das er um den Hals trug, umschloss es fest mit seiner mächtigen Hand.
Blackflash dagegen blieb eher ruhig sitzen. Er zeigte keine solch heftige Reaktion wie sein Bruder. Nur die geweiteten Augen verrieten seine Überraschung. Der große Kämpfer verstand die ganze Geschichte nicht vollständig, und daher gab es keinen Grund, unruhig zu werden.
Der alte Hammer, der den Bericht nicht zum ersten Mal gehört hatte, strich sich über sein langes Kinnbärtchen und überlegte. Obwohl er nur eine mündliche und ungenaue Beschreibung der verhüllten Person erhalten hatte, kam sie ihm bekannt vor. Er fand aber keinen Anhaltspunkt, wo er sie schon einmal getroffen haben könnte, und war nicht vollständig von seinem Gespür überzeugt. Doch das Gefühl der Vertrautheit lag wie ein Schleier in der Luft, füllte seine Gedanken.
Nach einem kurzen Augenblick stand der Schamane mühsam auf. Er musste sich an seinem schlichten und doch prächtigen gewundenen Magierstab hochziehen, um seinen altersschwachen, ermüdeten Körper zu erheben. Dann kam er langsam und schlurfend auf den jungen Minotaurenkrieger zu, der fest sein Amulett hielt.
„Erlaube mir, dein Gesicht wieder einmal zu studieren, Stormwind. Ich hoffe, dass ich die seltsamen Symbole endlich entziffern kann. Ich habe schon von Anfang an vermutet, dass ihre Bedeutung von göttlicher Wichtigkeit ist; aber dass sie den Weg zum Versteck des Sandruvschwertes weisen würden, hätte ich nie zu träumen gewagt“, sagte Hammer freundlich und entspannte sein altes Gesicht zu einem Lächeln. Sein Zorn, den er auf den jungen Stiermenschen gehegt hatte, war nun verflogen. Stormwinds Tätowierung war viel wichtiger als der harmlose Streit um Artefakte und Legenden.
„Sicher, Hammer“, entgegnete der Krieger leise. Obwohl er nicht alles begriff, interessierte er sich auf einmal für die Forschungen des alten Schamanen. Da er nun selber in hohem Masse von der Angelegenheit betroffen zu sein schien, wrikte das ganze Gerede um die heilige Waffe auf ihn wesentlich aufregender und ungleich spannender.
Der alte Magier legte sein ganzes Gewicht auf den Stab mit der wunderbaren runden Kristallkugel auf der Spitze und beugte sich ächzend nach vorn. Sein hohes Alter übte längst schlimme Wirkungen auf ihn aus. Jede einzelne Bewegung tat dem Stiermenschen weh. Sein müdes Gesicht verzerrte sich in schmerzerfüllten Linien. Aber er wollte sich unbedingt die geheimnisvolle Tätowierung des weißen Minotaurenkriegers ansehen und verdrängte den stechenden Schmerz im gebeugten Rücken.
Seine alten grauen Augen überflogen neugierig die dunkelbraunen Linien auf Stormwinds Gesicht, die sich zu verschnörkelten und gezackten Symbolen verbanden. Er musterte die vielen Zeichen, die stark an die alten Runen der minotaurischen Schrift erinnerten, aber doch fremd und geheimnisvoll waren. Was bedeuteten sie? Was stellten sie dar?
Aber Hammer kam nicht dazu, die aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Kaum hatte er sich zu Stormwind hinbegeben, da erscholl ein lauter Ruf. Das tiefe, kehlige Grollen breitete sich hallend in der gewaltigen Höhle aus.
Die Krieger sprangen auf und griffen instinktiv nach ihren Waffen. Dieser dumpfe Schrei klang in ihren Ohren nach einer Warnung, und jede Warnung roch förmlich nach dem lang ersehnten Kampf.
Hammer zuckte erschrocken zusammen, und Stormwind riss seine geschlossenen blauen Augen auf. Die Hand des weißen Stiermenschen fuhr an den harten Griff seines Streitkolbens.
„Was war das?“ keuchte Tearsdoor nervös. Sie richtete sich auf und glotzte in Richtung des Höhleneingangs. Ihre warmen hellbraunen Augen waren vor Furcht weit aufgerissen.
Blackflash, der seinen Becher Glühwein fallengelassen und sich im Gegenzug die Handaxt an seiner Hüfte gegriffen hatte, packte die junge Schamanin am Arm. „Bring dich in Sicherheit! Hier stimmt etwas nicht“, stellte der gewaltige Krieger fest. Seine donnernde Stimme konnte der tiefen Dunkelheit eines Felsschlundes trotzen. Seine Aufmerksamkeit galt dem Eingang, auf den er seinen starren Blick gerichtet hatte.
Eine große Gestalt drängte sich torkelnd aus den Schatten des steinernen Torbogens. Sie war kräftig und trug zwei gewaltige Hörner auf dem Kopf. Auch sie war schwer bewaffnet und hatte prächtige Tätowierungen am ganzen Oberleib, wie jeder Krieger seines Clans.
Der schwankende Minotaur ließ die gewaltige Lanze aus seinen kräftigen Händen gleiten und strauchelte schnaubend auf die beiden Clanführer zu. Er überschlug sich beinahe, als er den staubigen Abhang herunterwankte. Sein lautes Röcheln eilte ihm voraus. Mit einer Hand hielt er seine kräftige Schulter; aus den Fingerspalten sprudelte dunkelrotes Blut, das zu Boden tropfte. Sein Gesicht blieb jedoch düster und grimmig, wies keine Linie des Schmerzes auf.
Vor den Füßen Blackflashs fiel der Minotaurier auf die Knie und starrte den schwarzen Krieger aus glasigen Augen an. „Wir werden angegriffen“, meldete er mit versagender Stimme. Er kämpfte gegen die Bewusstlosigkeit an. Obwohl das Blut nur in Strömen über sein helles Fell sudelte, richtete sich der Krieger wieder in unbändigem Stolz auf. Er durfte vor seinem Führer keine Schwäche zeigen, sonst würden Schande und Ungnade seine ständigen Begleiter sein. Er war ein Krieger, Schmerz und Leid waren ihm unbekannt.
Ein flüchtiger Blick des alten Schamanen genügte, um die frische Wunde an der Schulter des Wächters zu erkennen. Er drängte sich an den Brüdern vorbei und berührte das hellbraune Fell des Verletzten. Dieser machte keinen Wank, als die knochige Hand ihn packte. Noch immer wiesen seine Augen nicht das geringste Anzeichen von Qual auf; nicht die Spur eines entsprechenden Gefühls ließ sich in ihren blauen Tiefen erkennen.
„Wer wagt es, uns anzugreifen, Deep Sea?“ brüllte Blackflash. Doch der Wächter konnte ihm diese Frage nicht mehr beantworten. Er verlor aufgrund des hohen Blutverlustes das Bewusstsein und fiel keuchend zusammen.
Die anderen Krieger, die nicht wußten, was geschehen war, wurden unruhig. Sie begannen in Kampfeslust zu schnauben und versammelten sich um die Clanführer.
Stormwind reagierte auf seine Clangefährten und schrie eine Warnung. „Wir werden angegriffen! Arbeiter, Leihmütter und Kälber sollen sich in Sicherheit bringen!“ befahl er. „Los, verschwindet!“
Von leichter Panik ergriffen, verkrochen sich die wenigen nichtkriegerischen Minotauren in den endlosen Tunnelgängen und Nebenhöhlen, die tiefer ins Berginnere führten. Schon bald war von ihnen nicht mehr die geringste Spur auszumachen.
Bei den unzähligen Kriegern anderseits brach helle Begeisterung aus, die sich in Jubel und freudigen Ausrufen manifestierte. Auch wenn keiner wußte, wer, wie oder warum sie angegriffen wurde, zitterten ihre gewaltigen Körper in der drängenden Lust, das Blut des Feindes in einem wilden Gefecht zu vergießen.
Die beiden Brüder Blackflash und Stormwind ließen den alten Schamanen den Wächter Deep Sea verpflegen und widmeten sich den unruhigen Kämpfern, die es nicht abwarten konnten, in die Schlacht zu ziehen. Sie teilten die Streitmacht untereinander auf, bildeten zwei große Gruppen und gaben erste Befehle. Sie besprachen sich kurz miteinander, klärten einige Fragen über mögliche Strategien, obwohl die Minotauren diese Art des Kämpfens eher den Menschen überließen, sich lieber vollständig den Schwingungen des Gemetzels hingaben und nach seinen Richtlinien den Feind vernichteten.
Nach kurzem Wortwechsel beschlossen die Brüder, daß Stormwind und seine Truppe vorerst alleine losziehen solle, um den Feind auszukundschaften, bevor dann auch Blackflash ins Kampfgeschehen eingreifen würde.
In den Ohren Hammers, der die Beratung der Brüder passiv verfolgt hatte und einige Erfahrungen über taktisches Kämpfen während seiner Wanderzeit gesammelt hatte, klang der Plan eher etwas lächerlich und unnötig. Da die Minotauren aber mit solch ärmlichen Taktiken weit besser fochten als die meisten anderen Völker es je konnten, sah er keinen Grund den talentierten, aber unerfahrenen Brüdern mit seinem Wissen beizustehen. Der Schamane hatte vorläufig Wichtigeres zu tun, als sich in die Beratung der Krieger einzumischen. Seine Geschicke waren nun im Behandeln des Wächters gefragt, dem er sich gewissenhaft widmete.
Da keiner Einwände gegen die Entscheidung der Anführer erhob, gab Stormwind seinem Trupp lautstark den Befehl zum Angriff. Der weiße Minotaur stieg rennend die steinerne Erhöhung zum Ausgang empor und verließ mit Kriegsgeschrei die gewaltige Höhle, stürmte gegen das Angesicht eines unbekannten Feindes an, gefolgt von zahlreichen brüllenden Bestien.
Das Donnern unzähliger Hufe und die blutigen Schlachtgesänge waren noch lange nachdem der letzte Krieger der ersten Hälfte in der Finsternis des in tiefen Schatten verborgenen Tunnelganges verschwunden war zu hören und trieben die Ungeduld in die Körper der Zurückgebliebenen.
Stormwind rannte an der Spitze seiner Streitmacht den düsteren Tunnelgang entlang. Er schwang blutrünstig sein Krummschwert, freute sich auf die langersehnte Schlacht. Aber ein warnendes Gefühl, das seine Gedanken wie ein Gift befiel, gab ihm Anlaß zum Nachdenken.
Welcher Gegner mochte es in diesem Sturm gewagt haben, einen Angriff zu starten? Welches Volk war so kampfeslustig, selbst dem schrecklichen Unwetter zu trotzen, um in die Schlacht zu ziehen? Zentauren? Ja! Es roch förmlich nach diesen vermaledeiten Kreaturen. Die Chance, ihre stinkigen, wüsten Pferdeleiber und ihre häßlichen Menschengesichter zu zerschlagen, würde sie gut dafür entlöhnen, dass sie sich nun der Kälte des Winters aussetzen mussten.
Er verdrängte das stechende Unbehagen, das er sich einfach nicht erklären konnte, und konzentrierte sich auf den Ausgang, dem er sich rasch näherte. Grelles Licht strömte wie funkelndes Gold durch den felsigen Bogen ins Innere des Ganges, verwandelte die dunkelgrauen Wände zu glitzernden Gebilden, die in einem mystischen Hellgrau schimmerten.
Sonnenlicht!?
Stormwind stoppte abrupt und forderte seine Mitstreiter auf, ebenfalls inne zu halten. Mit wütenden Ausrufen verharrte die ganze Kolonne. Die Minotauren verstanden nicht, wieso ihr Anführer den Ansturm abbremste. Ihre Gier nach Kampf trübte ihre Sinne, ließ sie Tatsachen übersehen, auf die der weiße Stiermensch achtete.
Stormwind blickte genauer durch den Ausgang, ignorierte die grollenden Fragen der Krieger hinter sich. Er war verwirrt und schlich langsam und vorsichtig weiter. Was er erblickte, gefiel ihm überhaupt nicht.
Kein Schnee fiel vom strahlend blauen Himmel. Die riesigen, dunklen Wolkenverbände waren spurlos verschwunden, als wären sie nur finstere Erinnerungen an vergangene Winter. Der sanfte Luftzug, der ihm ins Gesicht blies, war warm und roch würzig nach duftenden Blumen und blühenden Bäumen.
Wie war es möglich, dass nun sanfter Frühling das Land bezauberte, wo doch eben noch der frostige Winter seine eisige Herrschaft gefestigt hatte? Welche dämonische Macht vermochte das Wetter in solchem Ausmass zu verändern?
Stormwind schritt weiter, packte mit der freien Hand sein Amulett, das er um den kräftigen Hals trug. Seine Nüstern waren in strenger Entschlossenheit geweitet, während die gewaltigen Muskelstränge seiner Arme sich zu straffen Kuppen wölbten. Sein Herz pochte dumpf in seinen Ohren.
Einige der Krieger hinter ihm bemerkten die Wetterveränderung nun ebenfalls und reagierten nicht minder erstaunt. Fragen häuften sich und ein gewisser Schrecken überwucherte ihre Kampfeslust.
Der weiße Krieger nahm eine seltsame Bewegung vor der Höhle wahr. Er hielt es erst für einen wedelnden Baumast, bis ihm klar wurde, daß sich gar keine Bäume im Eingangsbereich befanden. Es mußte etwas anderes sein. Ein Auf- und Abschwingen eines Beines – eines schwebenden Beines!
Noch grössere Verwirrung keimte in ihm auf. Er drückte sein Amulett fester, bis das scharfe Metall sein dickes Fell durchdrang und sich schmerzhaft in seine Haut grub.
Als Stormwind nahe genug am Ausgang war, um zu erkennen, welches Volk die Macht besaß, die Jahreszeiten zu ändern, glaubte er nicht, was ihm seine Sicht verriet. Es war so seltsam, dass er für einen Augenblick meinte, er durchlebe einen Traum.
Kholugen! Hunderte dieser geflügelten, blauhäutigen Wesen schwebten vor dem Eingang. Sie waren so zahlreich, daß der Himmel schwarz war, verdeckt von den Leibern der Angreifer.
Stormwind riß ungläubig die Augen auf. Er hatte in seinem Leben noch nie eine gewaltigere Armee gesehen. Selbst die Goblinscharen, gegen die er schon einige Male gekämpft hatte, konnten sich zahlenmässig nicht mit jenem Heer messen.
Eine Spur Entsetzen zeichnete sich in seinem verzierten Gesicht ab, und er wich einen Schritt zurück. Das Schlagen Tausender Flügel dröhnte in seinen Ohren, schien ihn beinahe zu betäuben. Er schüttelte sein mächtiges Haupt, verdrängte das aufkommende Schwindelgefühl. Die strahlend goldenen Schuppenpanzer und Helme reflektierten die hell glühenden Sonnenstrahlen und blendeten seine blauen Augen.
Stormwind wendete seinen tränenden Blick von dieser schrecklichen Schönheit ab. Dann bemerkte er im Augenwinkel etwas Weiteres. Er starrte auf den von frischem Gras überwachsenen Boden. Dort sah er den zweiten Wächter in einer dunkelroten Pfütze aus Blut liegen. Sein breiter Nacken war ihm von einer scharfen Klinge aufgeschlitzt worden, aber erst nachdem ihm die Schulter zertrümmert worden war.
Eine Stimme in fremder Sprache erscholl über Stormwind und kündigte vermutlich den Angriff an. Sie klang rau, aber hoch, und ihr folgte ein ohrenbetäubender Tumult aus einer gewaltigen Anzahl brüllender Kehlen.
Stormwind sprang in den Tunnel zurück und entging damit nur knapp einem Hieb, denn einige der Geflügelten stießen herab und schlugen nach ihm. Eine scharfe, gebogene Klinge verfehlte nur um Haaresbreite seinen Schädel.
Kholugen. Was wollten sie hier? Sie waren ihm nicht als große Krieger bekannt, und Schätze fand man eher bei den Zwergen und Menschen. Sie waren auch niemals Feinde der Minotauren gewesen, lediglich eine andere Rasse, mit der man nichts zu tun haben wollte. Nichts ergab Sinn. Was hatte der Kholugenangriff mit der Wetterveränderung zu tun? Stormwind fand keine Erklärung. Es war ihm nicht möglich, eine Verbindung zu erkennen.
„Was ist, Stormwind? Wer ist unser Feind?“, fragte Cold River, einer der angesehendsten Krieger des Clans.
Der weiße Minotaur drehte sich zu seinen wartenden Kameraden um. Seine Züge drückten die Verwirrung aus, die seinen überforderten Geist beherrschte.
„Kholugen. Es sind die Kholugen“, berichtete er angespannt. Ungläubig starrten ihn die reglosen Krieger an.
„Kholugen? Sind die lebensmüde? Seit wann wagen die einen Angriff gegen uns?“, rief der dunkelhaarige Cold River aus.
Die Kriegslust kehrte ob der Nachricht wieder in die Herzen der Minotauren zurück. Das Feuer des Kampfes erwachte wieder zu neuem Leben. In ihren Augen stellten die Flügelwesen keine große Gefahr dar, auch wenn sie die Macht besaßen, den Winter zu vertreiben.
„Es sind Hunderte dieser Bastarde, wenn nicht sogar einige Tausend. Es sieht so aus, als wäre ihre gesamte Streitmacht vor unserer Höhle versammelt.“
Stormwind blickte Cold River in die Augen, der seinen Anführer etwas schräg betrachtete. Der weiße Krieger erkannte den aufkommenden Hohn in den dunklen Pupillen des braunen Stiermenschen.
„Geh und hole Blackflash herbei! Sag ihm, er soll sich für eine blutige und lange, aber glorreiche Schlacht bereitmachen!“ befahl Stormwind seinem Freund.
Dieser nickte sichtlich erfreut. Als er den Hauch einer gewissen Angst im Gesichtsausdruck seines Clanführers erblickt hatte, begann er zu glauben, was einige erfahrene Krieger über den jungen Stormwind munkelten. Aber nun bewies ihm der weiße Stiermensch mit seiner Entschlossenheit, daß er trotzdem ein wahrer Kämpfer war.
Cold River drängte sich schnaubend an den wartenden Kriegern vorbei, deren Ungeduld von Atemzug zu Atemzug größer wurde, und verschwand im Tunnelgang.
Wieder erklang eine laute Stimme, die in fremder Sprache Befehle brüllte. Ein lauter werdendes Flügelschlagen verriet eine näherkommende Gruppe Kholugen. Fünf dieser blauhäutigen Wesen landeten elegant vor dem Eingang der Höhle. Gefühlvoll setzten sie ihre Füsse auf den Boden und falteten dann sanft ihre farbigen Federflügel zusammen.
Stormwind drehte sich nicht um. Er blieb mit dem Rücken zum Eingang stehen, sein gehörntes Haupt gesenkt. Vorsichtig zog er mit der linken Hand seine Axt aus dem Gürtel und verfestigte den Griff um das Krummschwert in der Rechten.
Die Minotaurenkrieger warteten mißmutig auf den Angriffsbefehl ihres Anführers. Einige spielten nervös mit ihren Waffen, andere schnaubten blutrünstig. Das Scharren ihrer Hufe durchdrang die angespannte Stille.
Die fünf Kholugen traten vorsichtig ins Innere des niedrigen Felstunnels. Sie wagten sich ziemlich weit hinein, blieben aber immer in sicherem Abstand, ständig bereit, sich wieder in die Lüfte zu erheben, falls sich einer der mächtigen Stiermenschen zum Angriff entschloss.
Einer der Geflügelten begann vorlaut die Minotauren in der von jedem Volk verständlichen Menschensprache zu beleidigen. „Man sagte mir, Minotauren seien mutige und geschickte Kämpfer, aber ich sehe nur ängstliche Kühe vor mir, die sich wimmernd in einer Höhle verkriechen. Dies sind deutliche Anzeichen von Feigheit und Angst. Kommt und kämpft!“ forderte der Kholuge mit leicht bebender Stimme.
Eine Zeitlang blieb es still. Keiner sprach ein Wort, aber die Gefühle besaßen ihre eigene Sprache, die nicht schwieg. Zorn und Entrüstung zeichneten die Gesichter der unterschiedlichen Krieger. Die Luft knisterte vor Anspannung, schien Blitze zu beschwören, die dem gegenseitigen Hass Ausdruck verliehen.
„Kommt und kämpft!“, schrie der Geflügelte erneut. Sein Herz raste, pochte wild in der Brust. Er zitterte am ganzen Körper. Die Unruhe zerriß ihn förmlich.
Stormwind hob langsam den mächtigen Kopf und spannte seine gewaltigen Muskeln an. Er sog die warme Luft ein, verzerrte sein Gesicht zu einer wütenden Maske, die alleine schon genügte, einen Gegner in die Knie zu zwingen, und drehte sich blitzschnell um. Dabei brüllte er: „Jetzt!“ und stürmte auf die Kholugen zu.
Völlig überrascht, waren die fünf Eindringlinge nicht in der Lage, der geballten Angriffsmacht der Stiermenschen zu entfliehen. Der Vorderste bekam einen harten Axthieb des weißen Minotaurs zu spüren und kreischte kläglich auf, als das gewundene und scharfe Blatt seinen goldenen Harnisch durchbrach und sich in seine Brust grub. Von der Wucht mitgerissen, stürzte der Kholuge blutend zu Boden, wo er unter zahlreichen Hufen begraben wurde.
Auch die vier anderen Geflügelten wurden von der gehörnten Angriffswelle überrannt und zertrampelt. Sie hatten keine Chance sich zu verteidigen und wurden gnadenlos getötet, gleich hilflosen Tieren, die von einer gewaltigen Lawine aus niederstürzenden Felsen erfasst wurden.
Mit wildem Gebrüll, das sich weit in der bergigen Landschaft verteilte, sprengte die Minotaurenstreitmacht aus dem Tunnel ins Freie, dem wartenden Feind in die offenen Arme. Dieser stürzte wie eine Schar beutehungriger Greifvögel von oben auf die Stiermenschen herab.
Scharfe Klingen und knochenbrechende Hiebwaffen schwirrten durch die Luft, als die beiden ungleichen Fronten aufeinander trafen, und sich ein blutiger, wilder Kampf inmitten einer blühenden Landschaft entspann.
Cold River rannte, so schnell es ihm seine Beine erlaubten, den düsteren Tunnel entlang. Er holte das Letzte aus seinem Körper heraus, um das Ende so schnell wie nur irgend möglich zu erreichen. Aber der Gang wollte einfach nicht enden, obwohl er nicht sehr lang war. Er schien endlos zu sein, wirkte unendlich.
Der dunkelbraune Krieger wußte, dass er gegen die Zeit ankämpfte. Jeder Augenblick war wichtig, denn er entschied über Leben und Tod. Er musste die andere Truppe benachrichtigen, bevor es für Stormwind und seine Clanhälfte zu spät war. Er durfte keinen Lidschlag vergeuden, musste jeden Atemzug verwerten.
Die dunklen Schatten, die an den unebenen Wänden klebten, schienen den jungen Minotauren aufzuhalten. Er hatte das Gefühl, von ihren finsteren Klauen umschlossen zu werden, die ihn wie stramme Seile am Weiterkommen hinderten. Die ersten Schreie erschollen hinter ihm in einiger Entfernung. Sie liessen Cold River wissen, daß die Schlacht begonnen hatte. Dies zwang ihn nur noch mehr zur Eile.
Als der dunkelbraune Krieger endlich am Rande der riesigen Gemeinschaftshöhle anlangte, war das Toben der aufkeimenden Schlacht bereits im ganzen Berg zu vernehmen. Ausser Atem lehnte sich Cold River an die kalte, graue Wand und überblickte schnaufend den riesigen Raum. Seine gewaltige Brust hob und senkte sich in rascher Abfolge.
Blackflash und die restlichen Krieger standen ungeduldig im Höhlenbecken. Ihre Hände umklammerten bereits sehnsüchtig die Waffen, ihre Gesichter verrieten grosse Unruhe. Die Geräusche der Schlacht, Schmerz, Zorn, Waffenlaute, waren deutlich zu vernehmen und machten es den Wartenden nicht einfach, still zu verharren.
Cold River blieb keine Zeit sich auszuruhen. Er schob sich von der Felswand weg und eilte die aus Stein geformte Anhöhe hinunter. Dabei rief er dem schwarzen Minotaur zu: „Blackflash, du musst in die Schlacht eingreifen, bevor es zu spät ist! Stormwind und die anderen benötigen eure Hilfe!“
Der große Krieger erhob seinen Kopf, glotzte ungläubig in Cold Rivers Richtung. Seine blauschwarzen Augen waren zu dunklen Schlitzen verengt. Er ging auf den keuchenden Stiermenschen zu, glaubte nicht, was dieser berichtete.
„Was erzählst du da für einen Mist?“ grummelte er finster. „Wieso soll mein Bruder so dringend Hilfe nötig haben? Welcher Gegner wäre so mächtig unseren halben Clan aufzureiben, uns Minotauren?“ Er packte die Schultern des schnaufenden Kriegers und zog ihn an sich.
„Kholugen, Blackflash. Es sind Kholugen“, wisperte Cold River atemlos. Das dunkle Gesicht des Minotaurs lag in düsteren Zügen.
Blackflash warf den gewaltigen Kopf in den breiten Nacken und lachte lauthals. „Kholugen!? Pah! Die sind nicht einmal mächtig genug meinen Bruder alleine zu bezwingen. Wieso sollte er da noch Hilfe benötigen?“ Die tiefe, grollende Stimme des Minotaurenführers schallte durch die gesamte Höhle und wurde dutzendmal von den schattigen Wänden zurückgeworfen.
Blackflash glaubte Cold River kein Wort. Weshalb sollte er auch? Seit der Schlacht um Pax Altorosh hatte es keine größere Auseinandersetzung der beiden Rassen mehr gegeben. Seit über zweitausend Jahren schwiegen die Schwerter zwischen Kholugen und Minotauren.
„Du glaubst mir nicht? Ich wollte es erst auch nicht glauben, aber ich weiß, dass mich Stormwind nicht anlügen würde. Er hat sie gesehen, und Deep Sea auch. Komm und überzeuge dich selbst davon! Es sind Kholugen, Hunderte“, versicherte ihm der dunkelbraune Kämpfer. In seinen geweiteten Augen funkelte der Glanz der Überzeugung wie ein heller Stern.
Blackflash löste den Griff um Cold Rivers Schultern und trat zurück. Seine Züge veränderten sich von Hohn in Erstaunen. Die Worte seines Freundes klangen unglaublich in seinen Ohren. Aber nun glaubte er ihm.
Ohne weitere Zeit zu verlieren, ergriff Blackflash sein zweischneidiges Schwert, hob es hoch und signalisierte damit stumm den Angriff. Lautes Freudengetöse erwachte, als die zweite Clanhälfte dem Tunnel entgegenlief, angeführt vom mächtigen schwarzen Stiermenschen.
Cold River blieb nachdenklich zurück. Er hatte es geschafft, den eigensinnigen und in Kampfesdingen eingebildeten Blackflash zu überzeugen, seinem Bruder schleunigst zur Hilfe zu eilen. Erst, als der letzte Krieger die Höhle im Eilschritt verlassen hatte, drehte sich Cold River langsam um, bereit ins Gefecht zu ziehen, um seine Stärke im Gemetzel zu beweisen. Doch er wurde durch einen Ruf daran gehindert.
„Warte, Freund, ich begleite dich!“
Cold River stoppte und wandte den Kopf. Er ließ seinen Blick durch die Höhle streifen, suchte die Person, welche ihn am Gehen hinderte.
Im hinteren Bereich des Höhlenbeckens erhob sich eine große, kräftige Gestalt, deren helles Fell sich schimmernd vom schattenumwobenen Hintergrund abhob. Deep Sea hatte das Bewusstsein wiedererlangt, war von den Schamanen Hammer und Tearsdoor verpflegt worden und nun bereit, dem Feind die Stirn zu bieten. Der große Minotaurenwächter las seine lange Kriegslanze vom staubigen Boden auf und schritt auf Cold River zu. Der alte Hammer verkündete ihm besorgt seine Meinung, dass es unklug wäre, schon wieder zu kämpfen, aber er ließ sich von ihm nicht aufhalten. Er bedachte den Magier nur mit einem zornigen Blick, um diesem verächtlich kundzutun, wie wenig er von Ehre, Ruhm und Pflicht verstand. Als wahrer Krieger empfand Deep Sea keine Schmerzen und ließ sich von einer harmlosen Schulterverwundung nicht am kämpfen hindern.
Tearsdoor ging dem Wächter aus dem Weg, auch wenn sie Hammer beipflichtete. Sie kannte die starrsinnigen Köpfe der Kämpfer nur zu gut und wußte, daß sie ihm seine Entscheidung niemals ausreden konnte.
„Ist deine Schulter wieder in Ordnung?“ wollte Cold River wissen, als der große hellbraune Minotaur sich vor ihm aufbaute.
Deep Sea, der einen Verband um die besagte Verletzung trug, kreiste seine angeschlagene Schulter und nickte. „Sie behindert mich zumindest nicht beim kämpfen“, meinte der große Wächter grinsend.
„Na los, dann komm! Es wird Zeit für einen glorreichen Sieg des Bleeding Edge Clans.“ Ein zustimmendes Schnauben durchbrach das Schweigen in der Höhle.
Nach diesen Worten verschwanden auch die letzten beiden Krieger im Dunkeln des gewölbten Tunnels. Zurück blieben nur noch die Schamanen und die Stille der Angst.
Hammer trat langsam zu Tearsdoor, die voller Unbehagen in die Leere der Höhle blickte. Ihr Gesichtsausdruck verriet die Bangnis, die sich tief in ihrem Innern eingenistet hatte. Der alte Magier legte ihr sanft seine dürre Hand auf die Schulter; seine knochigen Finger strichen durch ihr Fell. Sie wendete sich zu ihm um und berührte seinen rechten Arm.
„Mein Kind, bist du bereit, einem mächtigen Gegner gegenüberzustehen, einem, der stärkere magische Kräfte besitzt, als wir?“ fragte er, von väterlicher Sorge gequält.
Tearsdoor blickte ihm in sein müdes, altes Gesicht. „Ich weiß es nicht.“
„Du musst bereit sein, Kind! Du bist meine Nachfolgerin. Du bist die stärkste meiner Schüler. Wenn du nicht bereit bist, wie sollten es dann die anderen sein?“
Tearsdoor versuchte, sich zu einem Lächeln zu zwingen, aber ihre Mundwinkel zitterten nur. „Ich werde mein Bestes geben und dich nicht enttäuschen, Meister“, versprach sie Hammer und zog ihren violetten Umhang, das Kleidungsstück der Schamanen, über ihre rötlichbraunen Schultern.
Hammer hustete kräftig, bevor er seiner Vertrauten die knochigen Finger an ihre Stirn legte. „Du wirst mich nicht enttäuschen, Tearsdoor. Die Krieger brauchen unsere Unterstützung nun dringender denn je. Ohne unseren magischen Beistand, werden sie der Macht der Kholugenzauberer erliegen.“
Tearsdoor schloss ihre Augen und ließ die Berührung des alten Magiers, der nur ein Horn besaß, auf sich wirken. Obwohl sie wußte, daß er keine Magie einsetzte, spürte sie eine Essenz von Kraft in sich hineinfliessen, deren Ursprung die dünnen Fingerspitzen des Alten waren. Zugleich entspannte sie ihre Atmung und wurde ruhiger.
Nach einer Weile hoben sich die Kuppen des Schamanen von Tearsdoors Stirn weg, der Kraftstrahl wurde dadurch unterbunden. Die Minotaurin öffnete ihre Augen, als wäre sie aus einem erholsamen Schlaf erwacht. Dann schaute sie ihrem Meister ins lächelnde Gesicht.
„Wir werden es schaffen, Kind“, flüsterte Hammer leise, obwohl auch ihn Skepsis erfüllte.
Blackflash stürmte so schnell er konnte dem strahlenden Sonnenschein entgegen, der sanft durch den Eingang fiel und die Düsternis der Felsen durchbrach, um seine wärmende Energie der Höhle zu spenden. Der schwarze Krieger bemerkte die unheimliche Wetterveränderung nicht, da er sich nur darauf konzentrierte, seinen Clan in die Schlacht und zum Sieg zu führen. Er beachtete die Umgebung nicht, wollte nur kämpfen und das Blut der Feinde vergiessen, Seite an Seite mit seinem geliebten Bruder. Ihm fiel nicht auf, dass Schnee und Eis dahingeschmolzen waren, dass der warme Frühling den rauen Winter übertölpelt, ihm die Vorherrschaft des Wetters geraubt hatte.
Die Geräusche der Schlacht überwiegten den fröhlichen Gesang des Frühlings, zerstörten die Ruhe und das Glück, die die Natur ausstrahlte. Während rings um den Tafelberg das Leben erwachte, forderte der Tod seinen Tribut auf der Hochebene.
Als Blackflash, gefolgt von seinem kriegslustigen Clan, ins Freie trat, blendete ihn für kurze Zeit der gleißende Sonnenschein, bevor die helle Scheibe wieder hinter geflügelten Wolken aus goldenem Stahl verschwand. Der eigentlich blaue Himmel lag hinter den gewaltigen Scharen von kholugischen Kriegern verborgen, die wie ein Schwarm riesiger Insekten die Luft bevölkerten.
Das Schlachtfeld glich einem grausigen Gemetzel. Schon jetzt lagen Dutzende Leichen am Boden, blutverschmiert, geschunden und in Qual gestorben. Trotz der vermeintlichen Überlegenheit der Kholugen, basierend auf ihrer Flugfähigkeit und der Überzahl, verzeichneten die kampfwütigen Minotauren weit geringere Verluste als ihre Angreifer.
Der große Blackflash war für kurze Zeit von der schrecklichen Dynamik der blutigen Schlacht gebannt. Während sich seine Krieger bereits in den Kampf stürzten, verhielt der schwarze Stiermensch für den Bruchteil einer Sekunde, suchte im Gemetzel nach Anzeichen seines jüngeren Bruders. Er hoffte inbrünstig, dass Stormwind noch nicht das Schicksal der wenigen gefallenen Minotauren teilte, die in Lachen aus Blut am Boden lagen, obwohl der Tod im Kampf die größte aller Ehren für einen Krieger darstellte.
Plötzlich sah Blackflash einen weißen Kopf aus dem Getümmel aufsteigen. Er wirkte wie ein einsamer Stern inmitten der dunklen Einöde der Nacht, fiel sofort im Gewirr aus braunen und blauen Leibern auf.
Stormwind sprang mit einem gewaltigen Satz auf einen Felsen, in der Absicht einen tieffliegenden Kholugen abzufangen. Die mit Widerhaken und Ausbuchtungen gespickte Sichelklinge seines Schwertes war mit dem bläulichen Blut der Kholugen befleckt.
Kaum hatte Blackflash seinen vor Leben sprühenden Bruder erkannt, beteiligte er sich ebenfalls kampflustig an der Schlacht. Mit einem wilden Kriegsruf, der laut im Gebirge hallte, tauchte der Krieger ins Gemetzel ein und zog schon nach wenigen Augenblicken eine Spur des Todes hinter sich her.
Stormwind holte mit seinem rechten Arm weit aus. Der Kholuge segelte zielstrebig und rasend schnell auf den weißen Minotauren zu, der schlagbereit auf einem Felsen stand. Die Streitsense hatte der Geflügelte wie eine Lanze unter den Achseln eingespannt, die scharfe Schneide blitzte.
Stormwind tauchte geschickt unter der Sense durch und schlug sein Schwert mit voller Wucht in den Körper des Kholugen. Die gewetzte Klinge teilte den fliegenden Angreifer in zwei Hälften, trennte den Rumpf vom Unterleib. Die Beine fielen sofort zu Boden, während der geflügelte Oberkörper noch eine kurze Zeit durch die Luft wirbelte, dabei eine Fontäne aus blauviolettem Blut verspritzte und erst später ins grüne Gras krachte.
Sein Gesicht vom blauen Blut besudelt, sprang Stormwind triumphierend vom kleinen Felsen und stürmte schnaubend auf einen anderen Kholugen zu, der stolz über eine erledigte Minotaurenwächterin gebeugt stand. Stormwinds zorniger Schrei erschreckte den Geflügelten, der daraufhin versuchte, sich in die Luft zu begeben. Aber auch er fiel der gekrümmten Schwertklinge des weißen Stiermenschen zum Opfer und wurde von ihr durchbohrt.
Stormwind, vom Kampf gefesselt, schwelgte in Blutrunst und suchte sich im wilden Gemetzel seinen nächsten Gegner. Seine blauen Augen glichen Eiskristallen, in deren Inneren das Feuer des Schlachtzorns brannte. Mit einem bösartigen Grinsen auf dem blau bespritzten Gesicht raste der weiße Minotaur zurück ins Getümmel. Dabei stieß er mit voller Wucht gegen seinen größeren Bruder, der sich gerade mit zwei Kholugen duellierte. Der weiße Krieger klatschte hart mit dem Rücken auf den Boden. Blackflash torkelte nur etwas zurück und fing sich dabei beinahe einen Schwerthieb seines Gegners ein.
Die beiden schwebenden Kholugen versuchten lachend die Gelegenheit auszunutzen, die ihnen die kurze Unachtsamkeit des großen Minotaurs bot. Sie hieben ihre gebogenen Windschwerter gegen den Schädel des schwarzen Riesen, hofften, ihn damit niederzustrecken. Aber sie rechneten nicht mit dem überraschend regen Reaktionsvermögen des Stiermannes, der rasch wieder ins Kampfgeschehen eingreifen konnte und ihre Angriffe mit unglaublicher Geschicklichkeit abwehrte. Die beiden messerscharfen Klingen von Blackflashs Doppelschwert schwirrten durch die Luft und parierten mühelos die Schneiden der Kholugen.
Stormwind, der etwas benommen am Boden lag, richtete sich geschwind auf, als er seinen großen Bruder in Gefahr sah. Mit einem Satz erhob er sich in die Lüfte, ergriff den Fuß eines Kholugen und zerrte ihn mit seiner gewaltigen Kraft nach unten. Der blauhäutige Krieger schlug wild mit seinen farbigen Flügeln, wollte dem tödlichen Griff entfliehen. Aber so sehr er sich auch anstrengte, der Kraft des Minotaurs konnte er nicht trotzen und wurde langsam zur Erde gezogen.
Stormwind umklammerte mit seiner riesigen Hand den Knöchel, der im Vergleich mit den kräftigen Armen des Stiermenschen zerbrechlich wirkte. In der linken Faust hielt der weiße Krieger seine frisch gezückte Handaxt, die er nun in den Bauch seines Gegners rammte.
Der Kholuge schrie entsetzt auf, als ihn der stechende Schmerz erfaßte. Blaues Blut quoll wie Wasser aus der grausigen Bauchwunde und floß über die goldene Schuppenrüstung. Von Todespanik ergriffen, flatterte der verwundete Kämpfer noch heftiger mit seinen Schwingen und entzog sich der Umklammerung des weißen Todes. Aber er kam nicht sehr weit, den die scharfe Klinge des schwarzen Minotaurs gab ihm den Rest, durchtrennte ohne Schwierigkeiten seinen Hals.
Wie ein prall gefüllter Sack stürzte der Kholuge schwer ins niedergetrampelte Gras.
Stormwind begab sich anschließend zu der kopflosen Leiche, riß, solange er noch Zeit dazu fand, seine geliebte Axt aus den vormals goldenen Plättchen der Rüstung und steckte sie, ohne sie zu säubern, zurück in den Gurt.
Mitten im gewaltigen Gemetzel fanden die beiden Brüder kurz Zeit, ein paar Worte zu wechseln. Sie erklärten einander ihre Verwirrung, blieben dabei ständig auf der Hut vor einem drohenden nächsten Angriff.
„Stormwind, hast du eine Ahnung, was hier vor sich geht?“ brüllte Blackflash, um die Geräusche der Schlacht übertönen zu können. Sein Bruder schüttelte nur den Kopf.
„Die einzige Erklärung, die ich habe, wäre: Magie, gepaart mit der Macht eines Dämons.“
Plötzlich riß der weiße Minotaur seine blauen Augen auf, als hätte er dem Tod persönlich ins Antlitz gesehen. „Blackflash!“ stieß er eine Warnung aus, bevor er sich zu Boden warf.
Eine metallene Kugel traf den schwarzen Krieger hart am Hinterkopf und ließ ihn nach vorne stolpern. Dieser Hieb, der einem Menschen glatt den Schädel zertrümmert hätte, vermochte beim Minotaur nur eine kleine Platzwunde zu verursachen. Zugleich aber rief dieser Treffer in Blackflash einen tödlichen Zorn hervor, der nicht eher verstummen würde, bis der Übeltäter dafür bezahlt hatte.
Von mörderischer Wut erfüllt, suchte Blackflash den verdunkelten Himmel, wo nur einzelne sich ständig ändernde blaue Flecken zwischen den Schatten der Kholugen hervorlugten, nach dem hinterhältigen Unhold ab. Er wollte ihn für seinen heimtückischen Angriff zur Rechenschaft ziehen, ihn ins Totenreich der Feigheit befördern. Aber dies war nicht mehr nötig, denn sein agiler Bruder hatte dies schon in seinem Namen erledigt.
Stormwind zerrte die Klinge seines Schwertes aus der Brust des Geflügelten und drehte sich um. Sein großer Bruder befand sich bereits wieder mitten im Gefecht, kämpfte unerschrocken gegen die feindliche Übermacht, und so entschloß sich der weiße Krieger, ebenfalls ins Herz der Schlacht vorzudringen, um als Anführer seinen Truppen beizustehen.
Als sich Stormwind dem blutigen Gemetzel vor dem steinernen Eingang näherte, spürte er eine feuchte Brise, die an ihm vorüberwehte. Es war weniger ein Luftzug, als ein nebliger Hauch, der sein Fell befeuchtete und ihn klamm umwehte. Erschrocken fuhr Stormwind zusammen, als ihn der wässerige Atem streifte. Es fühlte sich an wie die frische, kühle Berührung eines dunstigen Schleiers, der den salzigen Duft des Meeres mit sich führte.
Ein bläulich schimmernder gebündelter Strahl schoß an Stormwind vorbei, erhob sich höher in die Gefilden des Himmels, wo er mit anderen wirbelnden Wasserbündeln zusammentraf. Sie vereinigten sich in einem mystischen Reigentanz zu einer wabernden Kugel aus flüssiger Energie, die in sanftem Blauton glühte. Der schwebende Tropfen schwoll in gleichmäßigen Impulsen an, ähnlich einem sich füllenden Schlauch. Die seltsamen Strahlen, deren Ursprung dem weißen Minotaur verborgen blieben, flossen wie reißende Flüsse in die sich ausdehnende Kugel, leiteten ihre magischen Energien in diese hinein. Der Wassertropfen wuchs ins Gigantische und begann langsam und bedrohlich zur Erde zu sinken.
Stormwind betrachtete das unglaubliche Schauspiel mit Staunen und Schrecken zugleich. Er ahnte, daß es sich um Magie handelte und befürchtete Schlimmes, als die Kugel sich seltsam zu verformen begann.
Das gewaltige, unförmige Gebilde berührte das grüne Gras mit dünnen Gliedern, die sich aus der Unterseite herausformten. Immer mehr glich der Wassertropfen einer gigantischen Bestie, die aus den dunklen Tiefen des Meeres heraufbeschworen wurde. Diee leuchtende Energiekugel zog sich in die Länge, bildete riesige Scheren und unzählige schmale Beine aus. Fühler und eine breit gefächerte Schwanzflosse entstanden aus dem wabernden Gebilde, formten das gewaltige, gläserne Abbild eines Hummers. Zum Schluß wurde der blaue, durchscheinende Körper von einer roten Kruste verhärtet. Die pulsierende Energie wurde von einem Panzer verdrängt, der beinahe den ganzen Körper des Monsters umspannte.
Vor den hervorspringenden Augen Stormwinds hatte sich aus einigen blauen Strahlen eine Bestie entwickelt, die nun begann mit den Scheren, welche die Größe eines Felsens besaßen, jeden Minotaur zu ergreifen, der ihren Weg kreuzte. Der Hummer zermalmte die Knochen seiner Opfer, als wären es dünne Zweige. Er ließ die Toten einfach fallen, wenn ihre Körper von jeglichem Leben verlassen waren, warf diese wie Kieselsteine achtlos fort.
Gegen eine solche Bestie hatten selbst die mächtigen Stiermenschen nicht die Spur einer Chance. Wenn sie nicht zwischen den Scheren zu Brei zerrieben wurden, fielen sie den spitz zulaufenden Gliedmassen zum Opfer, oder wurden durch einen Schwanzhieb zerschlagen. Egal wie sehr sich die tapferen Stierkrieger zur Wehr setzten, der Hummer konnte nicht aufgehalten werden.
Einige tollkühne Minotauren, die sich selbst vor einer solchen Bestie nicht fürchteten, attackierten das Monster. Ohne Aussicht auf Erfolg droschen sie mit ihren Waffen auf den roten Panzer ein. Aber weder die schärfste Klinge, noch der härteste Axthieb konnte die Schutzhülle beschädigen. Kein noch so kräftiger Schlag vermochte den Hummer zu verletzen.
Die mutigen Minotauren schienen aber durch ihre Angriffe die Aufmerksamkeit des riesigen Biestes auf sich zu lenken. Die gigantische Bestie entledigte sich der lästigen Gegner innert kürzester Zeit, als wären es Insekten. Mit seinen Scheren zertrümmerte der Hummer die Stiermenschen, von denen nur einer sich erretten konnte.
Das gewaltige Monstrum ebnete sich ungehindert einen Weg durch die kämpfende Masse. Sein Ziel: Der Höhleneingang!
