Der Drachenfürst - Peter Bur - E-Book

Der Drachenfürst E-Book

Peter Bur

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Beschreibung

Nach einem furchtbaren Sturm auf offener See findet sich die Mannschaft des gefürchteten Piratenschiffs Seestern in unbekannten Gewässern treibend. In der Bucht einer nicht kartografierten tropischen Insel gehen sie vor Anker. Mit an Bord ist der junge Darrien, der seit frühester Kindheit als Sklave auf dem Schiff zum Frondienst gezwungen wird. Er, der von den raubeinigen Gesellen oft misshandelt wird und tagein tagaus schwer arbeiten muss, fühlt sich von der geheimnisvollen Insel angezogen. Stets verfällt er bei ihrem Anblick in Träumereien, und allmählich keimt Hoffnung in ihm auf, seinem tristen Leben entfliehen zu können. In den Reihen der Piraten häufen sich derweil die Gerüchte über eine verwunschene Insel, die sich angeblich irgendwo im Sturmmeer befinden soll. Es heisst, mächtige Drachen würden dort hausen und schon viele Schiffe und unbedachte Seefahrer seien diesen Ungeheuern zum Opfer gefallen und nie mehr gesehen worden. Dennoch wagen sich einige der Schurken, das Eiland zu erkunden. Auch Darrien fasst den Entschluss, sein Glück zu versuchen. Im Glauben, auf der Insel ein besseres Leben führen zu können, flieht er heimlich... und lernt dabei sein wahres Schicksal kennen.

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Seitenzahl: 502

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Der Drachenfürst

Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Impressum

Kapitel 1

Die Sonne stach sengend vom klaren Himmel, denn nicht eine einzige Wolke bedeckte jene unendlichen azurblauen Tiefen, die wie ein riesiges Gewölbe über der Welt ausgebreitet lagen. Ihr feuriges Strahlen erhitzte die dunklen Planken bereits dermassen stark, dass die Luft über dem Deck leicht flirrte, als würden gestaltlose Gespenster einen kruden Tanz aufführen. Lediglich ein sanfter Wind strich zart über die weite Meeresbucht heran, doch sein Odem brachte kaum Kühlung, war nicht mehr als ein dünnes Säuseln, das sich wie die Berührung von Spinnweben auf der verschwitzten Haut anfühlte. Dafür aber führte er die blasse Ahnung eines rosigen Duftes mit sich, der den mannigfaltigen Gestank an Bord des Schiffes leicht übertünchte. Auch liess er das klare Wasser sich kräuseln, dessen gemächlich wogende Masse im goldenen Licht des noch jungen Tages herrlich glitzerte, wie wenn sie mit abertausenden gleissenden Diamantsplittern bestäubt wäre. Ständig stiessen kleine Wellen an die mächtige Bordwand des wuchtigen Schiffs, und der ewige Tanz des Wassers verführte den Schoner und wiegte ihn träge in seinem Rhythmus.

Darrien stand schweissgebadet und kurzatmig auf dem Deck der Seestern und sah gedankenverloren in den Himmel auf, wo sich nun keine Spur vom gestrigen Unwetter mehr fand, das mit tosender Gewalt gewütet und das Meer zu riesigen Wellen aufgetürmt hatte. Nirgendwo waren mehr diese dräuenden und furchterregenden schwarzen Wolkenberge zu sehen, in deren geballten, nachtdunklen Leibern unzählige Blitze in entsetzlicher Wildheit aufgelodert waren, welche sich mithin immer wieder als vielverzweigte Entladungen in die ungeheuren Wogen des Meeres gestürzt hatten. Jetzt schien die Sonne, das güldene Geschenk des Gottes Tayis an die sterbliche Welt, Zeichen seiner Allmacht und seiner gerechten Wache, mit überwältigender Pracht, herrschte unangefochten über alle Gefilde des Seins, doch noch vor wenigen Stunden erst hatten finstere Walzen gleich dämonischen Abgesandten aus der unendlichen Dunkelheit Voromals ihr strahlendes Antlitz verschluckt, und Regenfluten waren mit schmerzender Wut aus ihren Bäuchen niedergeprasselt.

Noch lebhaft und mit grossem Schrecken konnte sich Darrien an das heftige Unwetter erinnern, das ihn um den Schlaf gebracht hatte. Wellen, hoch wie Berge, aufgepeitscht vom heulenden Sturmwind, waren über der Seestern hereingebrochen und hatten etlichen Schaden angerichtet. Nur wenig hatte gefehlt, dann wäre das mächtige Schiff der Gewalt des Meeres zum Opfer gefallen und mitsamt Mannschaft und Ladung in den Tiefen der erbarmungslosen See versunken, wie so manches vor ihm.

Womöglich wäre es so gar besser gewesen, und ich müsste nun nicht mehr hier schuften, ging es dem jungen Darrien durch den Sinn. Vielleicht wäre der Tod auf dem Meer eine Erlösung aus diesem elenden Leben, welches das meine ist.

Mit einem schweren Seufzen bannte er diesen bitteren Gedanken aus dem Kopf und liess seinen Blick über das Deck des Schiffes gleiten. Verdrossen und lustlos betrachtete er die zahlreichen Schäden, die es genommen hatte. An einigen Stellen waren Bordwand und Reling geborsten, Kisten und Fässer waren aus ihren Befestigungen gerissen und über das Deck geschleudert worden, wo sie an den Aufbauten zerschellt waren. Ihr Inhalt – allerlei Nutzgegenstände, ein Teil der Verpflegung und Unrat – lag nun verstreut herum, gemeinsam mit Haufen aus dunklem Seetang, den die Wellen aus den Tiefen heraufgewürgt hatten und der nun in der brennenden Sonne mit widerlichem Geruch verfaulte. Der Segelbaum des Hauptmastes war gesplittert und die Takelage gerissen. Doch Darrien wusste, dass es weitaus schlimmer hätte kommen können. Einzig die schwarzen Segel, die viel zu spät eingeholt worden waren, hatten arg unter dem Tosen des Sturms gelitten; der starke Wind hatte sie beinahe völlig zerfetzt. Die lose am Mast baumelnden Überreste mussten nun von kundigen Matrosen geflickt werden, was wohl eine geraume Zeit in Anspruch nehmen würde.

Während Darrien beiläufig und ohne grosse Begeisterung dem geschäftigen Treiben an Bord der Seestern zusah und die vielen rauen Seeleute dabei beobachtete, wie sie emsig umherliefen, die ihnen zugewiesenen Aufgaben in Angriff nahmen und bereits die ersten Reparaturen verrichteten, fielen seine braunen Augen einmal mehr auf die grosse Insel, die sich unweit des Schiffes in überwältigender Schönheit und traumhafter Idylle aus dem funkelnden Blau des Meeres erhob. Ihr endloser Sandstrand war weiss wie der Schaum auf den sanften Wogen des Wassers, das mit ewig währendem Rauschen die malerischen Gestade des Eilands anspülte. Dahinter stieg das dichtbewaldete Land, ein Flechtwerk aus lebendigem Smaragdgrün und vielfacher Formenpracht, allmählich an und formte die Wurzeln der stolzen Berge, die sicherlich über zweitausend Schritt hoch in den Himmel ragten. Ihre zerklüfteten Gipfel, kahl und hart, schimmerten im hellen Licht der Sonne, als würden Adern aus Silber und Gold sie durchziehen.

Darriens Gedanken verloren sich bei diesem wundersamen Anblick in den grünen Tiefen des exotischen Waldes, aus welchen jener zarte Duft hervorging, der schon vor dem Sonnenaufgang seine Sinne verzückt hatte. Wie gern nur würde er unter dem schattigen Dach der riesigen Bäume umherwandeln und den lieblichen Geruch der üppig wuchernden Pflanzen einatmen, die ihn mit ihrer Pracht lockten. Es wäre wahrhaft wundervoll, wenn ich mich auch nur für einen halben Tag in jenem fruchtbaren Paradies dort ergehen dürfte, das mich mit seinem lieblichen Zauber umgarnt und mich wie mit einer flüsternden Stimme zu sich ruft. Mehr würde ich auch nicht verlangen.

„Heda, du kleiner, jämmerlicher Krakenmolch! Steh nicht blöd in der Gegend herum, nichtsnutziger Wicht. Wenn du nicht bald den Mopp schwingst und die Sauerei hier aufräumst, verpasse ich dir eine Tracht Prügel, dass deine dürren Knochen noch in hundert Jahren klappern. Los, arbeite gefälligst, du faule Ratte, oder du wirst Bekannschaft mit meiner Faust machen!“

Diese raue, krächzende Stimme riss Darrien mit unliebsamer Gewalt aus seinen sehnsüchtigen Träumereien. Etwas verstört und bang blickte er in das vernarbte, wettergegerbte Gesicht eines älteren Mannes, der ihn mit wütendem Blick mass.

“T-tut mir leid”, hauchte er sogleich kleinlaut und beschämt über seine spröden Lippen und nahm den zerlumpten Mopp wieder in die Hände. Seufzend schrubbte er die Planken des Schiffes, sammelte die übelriechenden Seetangklumpen auf und warf sie über Bord, wie es ihm am Morgen aufgetragen worden war. Er hasste diese Arbeit, doch er konnte sich nicht dagegen wehren, dass man ihm stets die mühsamsten, undankbarsten Aufgaben zuwies.

Darrien fühlte sich auf diesem Schiff wie ein gefangenes und erniedrigtes Tier, ein unterjochter Sklave, der mit Füssen getreten wurde, denn niemand brachte ihm auch nur einen Anflug von Respekt entgegen. Jeder behandelte ihn wie ein Stück Dreck, wie Schlachtvieh, und nicht selten erntete er Schläge und allerlei andere körperliche Züchtigungen von den verrohten, grimmigen Seefahrern, die ihn nur mit Verachtung und Spott straften und ihn auf grausame Art quälten, wenn ihnen der Sinn danach stand. Kaum liessen sie ihm Zeit, sich ein wenig zu erholen, zwängten ihm immer neue müssige Arbeiten auf, scheuchten ihn umher, lachten hönisch über ihn und liessen ihren Ärger und ihre Bosheit an ihm aus. Jede Aufgabe, die niemand übernehmen wollte, wurde ihm aufgebürdet, und so bestand sein Leben nur aus Kummer, Demütigungen, Strafen und harter Arbeit, für die er aber keinen Lohn und keine Dankbarkeit erhielt.

Darrien war erst sechzehn Jahre alt und auf diesem elenden Schiff gefangen, seit er denken konnte. Seine gesamte Welt – alles, was er kannte und erfahren hatte – bestand allein aus diesem hölzernen, stinkenden und schonungslosen schwimmenden Kerker, von dem es kein Entkommen gab. Nicht einmal in all den Jahren war es ihm vergönnt gewesen, Land zu betreten. Stets hatte man ihn in seine winzige Kammer unter Deck gesperrt, wenn die Besatzung mitunter in den Häfen und Ankerplätzen von Bord ging, um sich für einige Stunden oder Tage mancherlei Vergnügungen hinzugeben. Viel war er in der weiten Welt schon herumgekommen und hatte doch nichts von den vielfältigen Wundern und Herrlichkeiten gesehen oder von ihren Köstlichkeiten und Zerstreuungen kosten dürfen.

Schon als kleines Kind hatte er viele Leiden ertragen müssen, denn die Besatzung der Seestern bestand nur aus groben Unholden, wüsten Halsabschneidern und skrupellosen, schwarzherzigen Schurkinnen, die sich nicht davor scheuten, Kinder zu misshandeln und ihnen Gewalt anzutun. Er fragte sich immer wieder, weshalb ihm die Götter ein solch hartes Schicksal auferlegt hatten. Muss ich vielleicht dieserart für eine schreckliche Tat büssen, die mein Vater, den ich niemals kennengelernt habe, begangen hat? Oder bin ich verflucht, ein Kind der Schande, das keine Gnade von den Göttern erwarten darf?

Eine schillernde Träne rollte ihm über die knochige Wange, während er, über seinen alten Mopp gebeugt, mit schmerzendem Rücken das Deck fegte. Kurz hielt er inne und wischte sich schniefend mit dem Handrücken die salzige Nässe aus dem Gesicht. Was gäbe ich nur dafür, wenn ich endlich den Mut und die Kraft fände, mich aus diesem Gefängnis des Kummers und des Elends zu befreien und mein Leben nach eigenem Ermessen zu gestalten? Habe ich nicht schon genug gelitten?

Darrien war trotz seines jungen Alters grossgewachsen, dafür aber von schlanker und schmächtiger, geradezu ausgemergelter Gestalt. Sein Körper machte einen zerbrechlichen Eindruck, als bestünde er nur aus spröden Knochen, Sehnen und dünner Haut. Das dunkle Haar trug er kurz; es war zerzaust, ungepflegt und strohig. Sein feingeschnittenes, schmales Gesicht lag stets in trüben, ernsten Zügen, die selten nur von Heiterkeit erhellt wurden, und in seinen braunen, tristen Augen stand das Leid geschrieben, das er in den vielen Jahren auf der Seestern hatte erdulden müssen. Gekleidet war er in ein abgenutztes, schmutzig graues Hemd, das ihm lose um den dürren Leib fiel. Seine langen Beine wurden von zerschlissenen blauen Hosen bedeckt, deren zerfranste Fetzen ihm nur bis unter die aufgeschürften Knie reichten, und um die Taille hatte er sich eine verschossene grüne und fleckige Schärpe gebunden. Schuhe trug er keine.

Ein kräftiger Schlag auf seinen Hinterkopf liess Darrien plötzlich haltlos nach vorne stolpern. Nur mit Mühen konnte er sich vor einem Sturz bewahren, doch während seinem Taumel stiess er mit dem Fuss den kleinen Kübel an seiner Seite um. Das schmutzige Wasser floss über das Deck und machte seine Arbeit zunichte.

“Verdammt noch mal, du elender Nichtsnutz! Ich hab dir schon oft gesagt, dass du nicht träumend in der Gegend herumzustehen hast. Wenn ich dir sage, du sollst das Deck säubern und danach die Planken mit einer Bürst schrubben bis alles blitzt wie ein frisch polierter Silberteller, dann will ich, dass du es auch so machst, und das gefälligst heute noch. Oder willst du, dass ich wütend werde, du widerlicher, kleiner Bengel?“

Diese harten Worte entstammten der Zunge Carnbals, des grobschlächtigen Steuermannes der Seestern. Er war ein gewaltiger Mann, grösser noch als Darrien und um vieles kräftiger von Statur, ein furchteinflössender, bedrohlicher Koloss mit Stiernacken und wüstem Gesicht – ein Pirat und Schuft durch und durch. Seine dicken, fleischigen Arme konnten sich in ihrem Umfang beinahe mit Darriens hagerem Rumpf messen, und farbige Tätowierungen wucherten über seine breiten Schultern bis hinunter zu den mächtigen Handgelenken und zeigten allerlei grässliche Motive, von Seeungeheuern, Dämonen und waffenschwingenden Kreaturen bis hin zu grinsenden Totenköpfen. Auch seinen kahlrasierten Schädel hatte er sich mit etlichen Hautbildern schmücken lassen, die sich nun zu einem beeindruckenden Ornament vereinten. Sein Gesicht war vierschrötig und hässlich, besass ein breites, kantiges Kinn, eine kräftige Nase und engstehende, finstere Augen. Einige Narben zogen sich als helles Geflecht über die gebräunten und stoppeligen Wangen. Beide Ohren wurden von mehreren goldenen und silbernen Ringen geziert, die herrlich im Sonnenlicht glitzerten.

Gekleidet war der Hüne in ein ärmelloses Hemd aus einfachem grauem Leinen, das auf der Brust geschnürt war. Dazu trug er weite Pluderhosen von dunkelroter Farbe, wie sie bei den Korsaren aus den Wüstenreichen Silems in Mode waren und die auch beim bunt gemischten und räuberischen Seefahrervolk vom Archipel Anklang fanden. Er hatte sich ebenfalls eine dunkle Schärpe um die Hüfte gebunden und war barfuss, und an einem breiten Schultergürtel aus Leder mit auffälliger Messingschnalle hing ein gewaltiger Krummsäbel.

“E-es tut mir leid, Carnbal. Es k-kommt sicher nicht wieder vor, glaube mir. Bitte, werde nicht wütend“, murmelte Darrien eingeschüchtert, die Hände bereits in Erwartung eines nächsten Schlags halb erhoben und die Schultern eingezogen. Er wagte gar nicht erst, den Blick zu heben, da er das feurige Glühen in den dunklen Augen des Piraten fürchtete.

“Das will ich auch schwer hoffen, du mickriger Wurm, denn das verfluchte Unwetter der letzten Nacht hat mir die gute Laune gehörig verdorben, und da kann ich es nicht leiden, wenn ein kleiner Scheisser wie du mir blöd kommt“, raunte Carnbal mit finsterer Miene. “Wir befinden uns nicht auf einer netten kleinen Vergnügunsfahrt, wie sie die reichen Schnösel aus Libarien zu unternehmen pflegen. Also mach, dass das Deck endlich sauber wird, oder ich werde dafür Sorge tragen, dass du die nächsten Tage am Hauptmast festgebunden wirst, wo du dann in der sengenden Sonne schmoren kannst!“

“Aye, Sir“, erwiderte Darrien stumpf und kleinlaut und beeilte sich, den Mopp wieder über die feuchten Planken gleiten zu lassen, während Carnbal langsam davonging, den Jungen dabei aber fest im Auge behaltend.

Mit eisernem Willen hielt Darrien seine Tränen zurück, denn er wusste, dass der kahlköpfige Pirat ihn noch beobachtete. Er spürte dessen gehässigen Blick in seinem Nacken und wollte es tunlichst vermeiden, abermals dessen Aufmerksamkeit zu erregen. Angestrengt versuchte er, sich den Kummer nicht anmerken zu lassen, der sein Herz marterte, und zwängte sich eine starre Miene der Gleichgültigkeit auf. Doch trotz allem schimmerten seine Augen feucht im goldenen Glanz der Sommersonne.

Die Verzweiflung liess Wut in ihm aufflammen, und immer heftiger begann er den Mopp über die dunklen Planken des Schiffs zu treiben. Seine Hände, die sich um den Schaft des Putzinstrumentes krampften, begannen zu schmerzen, als hätten sie Feuer gefangen.

Warum nur hassen mich die Götter?, fragte er sich im Stillen. Was habe ich Schlimmes verbrochen, dass ich mit einem solchen Leben bestraft worden bin? Warum schenken sie mir nicht die Kraft, mich endlich zur Wehr zu setzen, gegen die zahllosen Übergriffe der Besatzung? Ich bin kein Kind mehr, und muss endlich lernen, mich gegen diese Schurken und Halsabschneider zu behaupten. Er seufzte und schüttelte den Kopf. Doch ich mache mir nur etwas vor. Wenn ich nämlich aufbegehre, werden sie mich packen und totprügeln.

Nach einer Weile hielt Darrien schnaufend inne, um sich einen Moment Ruhe zu gönnen, den schmerzenden Rücken durchzustrecken und seine Hände zu entlasten, wo sich neue Blasen und Schwielen gebildet hatten. Er richtete sich auf und stützte sich auf den Mopp. Schweissperlen glitzerten auf seiner gebräunten Stirn, sein Atem ging rasch. Tief sog er die warme Luft ein und entliess sie mit schweren Seufzern. Allmählich beruhigte er sich wieder, und Wut und Verzweiflung gingen in der trübseligen Teilnahmslosigkeit unter, in die sich seine Seele wie in einen Stahlpanzer hüllte, um nicht zu zerbrechen.

Einmal mehr glitt sein trister Blick über die funkelnden Wogen des tiefblauen Meeres hin zu der grossen Insel, die ihm so wunderschön und einladend erschien, gleich einem vielfarbigen Juwel, welches den Tiefen des Ozeans entstiegen war, nur um sich im Glanz der Tayisscheibe in strahlender Majestät zu sonnen. Auch wenn er nicht wusste weshalb, wurden seine Augen immer wieder von diesem traumhaften Land angezogen, als läge ein verlockender Zauber darauf, der ihn in den Bann schlug. Der weisse Sandstrand, der üppige Dschungel und die hohen Berge fesselten seine Aufmerksamkeit mit unsichtbaren Stricken. Sein Herz verlangte danach, sich im Schatten der stolzen Bäume zu ergehen, inmitten einer erquickender Vielzahl bunter Pflanzen von unbeschreiblicher Schönheit. Welch traumhafte Orte mag diese Insel wohl in sich hüten?

Darrien zuckte erschreckt zusammen, als sich eine Hand schwer auf seine Schulter legte. Sein Körper versteifte sich unwillkürlich, da er erwartete, jeden Moment von einem schmerzhaften Hieb getroffen zu werden oder eine andere Bestrafung zu erfahren. Aber der Berührung folgte nichts. Langsam und vor Angst bebend wandte er seinen Kopf, um zu sehen, wer ihn beim Träumen erwischt hatte.

“Ich habe bemerkt, dass du wieder deinen Gedanken nachhängst, junger Mann, und es gefällt mir gar nicht“, sagte die Frau, die hinter Darrien stand und ihn mit strenger Miene musterte. “Ich an deiner Stelle würde lieber weiterschrubben, bevor jemand anderes dich sieht. Carnbal ist nicht weit, und er ist heute ziemlich schlecht gelaunt.“ Ein spöttisches Funkeln stahl sich auf einmal in ihre blauen Augen und ihre zarten Lippen kräuselten sich zu einem Schmunzeln. „Nun, eigentlich ist dieser hässliche Oger immer schlechter Laune. Wär ich allerdings auch, wenn ich mit einer solchen Fratze gestraft wäre.“

Grosse Erleichterung durchfuhr Darrien, als er die Piratin erkannte, die sich nun an seine Seite bewegte. Es war Dalma, eine junge, lebhafte Dame, deutlich zu hübsch für eine Piratenbraut in solch rauer Gesellschaft, die sich jedoch an Bord der Seestern viel Achtung und Respekt erworben hatte mit ihrer selbstbewussten und kecken Art und ihrem Geschick im Kampf und in nautischen Belangen. Sie war das einzige Besatzungsmitglied des Schiffs, das ihn anständig, gar liebevoll behandelte und ihm freundschaftlich verbunden war. Für ihre Gutherzigkeit und Milde war er ihr mehr als dankbar, und in ihrer Gegenwart fühlte er sich stets geborgen und sicher, denn sie verteidigte ihn vor den Grausamkeiten der Mannschaft, so gut sie es vermochte.

“Ich habe doch nur eine kleine Verschnaufpause eingelegt“, verteidigte sich Darrien leise. „Es ist anstrengend das ganze Deck im Alleingang zu putzen. Und das in dieser sengenden Hitze.“ Er seufzte und wischte sich den Schweiss von der Stirn.

Dalma schenkte ihm ein mitleidiges Lächeln. “Ich weiss, dass es nicht einfach ist. Aber ich will nicht, dass du wieder geschlagen und misshandelt wirst. Die gesamte Mannschaft ist gereizter Stimmung wegen des gestrigen Gewittersturms, und ich befürchte, dass diese Halsabschneider an dir sehr leicht ihren Unmut auslassen könnten, wie sie es immer wieder tun, wenn ich sie nicht davon abhalte. Achte heute besonders gut auf alles, was du sagst und tust. Es braucht nicht viel, um diese Mistkerle und Hurenweiber gegen dich aufzubringen.“

Darrien sah sie einen langen Augenblick schweigend an. Jedes Mal, wenn sie in seiner Nähe war, fühlte er sich besser, als würde ihre blosse Anwesenheit seine Leiden lindern. Er mochte sie, denn sie war nicht nur freundlich und sanft, sondern auch wunderschön an Gestalt. Sie hatte langes rotes Haar, das ihr in feurigen Wellen über den Rücken fiel. Ihr Gesicht beherbergte feine Züge, eine zierliche Nase und volle Lippen, und ihre blauen, zart geschwungenen Augen vermochten sich mit der Farbe eines Sommerhimmels zu messen. Ihr Körper war kräftig und zierlich zugleich, wohlgeformt und mit sanften Rundungen und doch wie geschaffen für ein entbehrungsreiches, hartes Leben auf den endlosen Weiten der Meere.

“Ich bin dir dankbar für den guten Rat”, meinte Darrien nach einer Weile kleinlaut und heftete seinen Blick auf das Deck des Schiffes. “Aber wenn sie wirklich alle so übler Laune sind, werde ich ihren Boshaftigkeiten ohnehin nicht entkommen können.”

Dalmas Schmunzeln erstarb bei diesen düsteren Worten, denn sie trafen sie tief. Der schmächtige Junge tat ihr leid, denn kaum jemand behandelte ihn mit der nötigen Würde. Er war nicht mehr als ein wehrloser Sklave inmitten eines barbarischen Haufens. Dabei war er doch stets bemüht, sich anständig zu verhalten und es allen recht zu machen. Aber von einem hartherzigen Piratenpack konnte nicht erwartet werden, dass sie sich einem Jungen gegenüber zartfühlend und gerecht benahmen. Nahezu ausnahmlos waren die Männer und Frauen auf diesem Schiff unter schwierigen Umständen aufgewachsen und hatten schon früh lernen müssen, sich mit Gewalt und Tücke gegen die Widrigkeiten des Lebens zur Wehr zu setzen. Mildtätigkeit und Sanftmut waren ihnen daher gänzlich unbekannt.

Wortlos betrachtete die Piratin den Schiffsjungen, während dieser wieder anfing, das Deck zu säubern. Sie mochte ihn sehr, denn trotz des schweren Lebens, das er führte, war sein Herz rein geblieben. Irgendwie war er etwas Besonderes, das wusste sie genau. Seit jenem Tag schon, an dem sie ihn als Säugling in einer Kiste auf dem Meer treibend gefunden hatte, verspürte sie diese Zuneigung zu ihm, die sich in den vielen Jahren gar noch vergrössert hatte. Er hatte etwas an sich, das sie nicht beschreiben oder bestimmen konnte, etwas Einzigartiges, und obgleich alle an Bord ihn nur mit Verachtung straften und ihn quälten, schienen doch die meisten unbewusst zu ahnen, dass ihn eine aussergewöhnliche Aura umgab, fast als wäre ihm dereinst ein eigentümliches Schicksal beschieden. Warum sonst hatte eine räuberische Gemeinschaft wie die ihre es stillschweigend hingenommen, dass ein unschuldiges Kind an Bord heranwuchs? Doch immer wieder fragte sich Dalma, ob sie dem Jungen wirklich einen Gefallen getan hatte, indem sie ihn bei sich auf diesem Schiff aufgenommen und grossgezogen hatte, denn bisher hatte er nur Häme, Demütigungen und Misshandlungen aller Art erfahren.

“Kannst du mir sagen, wohin uns der Sturm getragen hat? Gerne möchte ich wissen, wie die Insel heisst, vor der wir nun liegen?”, fragte Darrien auf einmal und hielt wieder für einen Augenblick inne. Seine dunklen Augen ruhten auf dem fremden Land.

“Um ehrlich zu sein, weiss bisher niemand, wo wir uns befinden. Seit dem frühen Morgen versuchen wir fieberhaft zu ermitteln, in welche Region des Meeres der Sturm uns abgetrieben hat. Doch selbst Romehk ist zur Zeit völlig ratlos und vermag nicht mit Gewissheit zu sagen, wie weit wir von unserem Kurs abgekommen sind. Seltsamerweise scheint diese Insel auf keine Beschreibung zu passen, die wir kennen. Man könnte fast meinen, sie habe bis zu diesem Tag nicht existiert und wäre wie durch Zauberhand aus den Tiefen des Meeres aufgestiegen”, gab ihm Dalma zur Antwort. Auch sie blickte nun auf das Eiland hinüber, doch ihre Züge zeigten keine Begeisterung, eher argwöhnisches Staunen.

“Soll das heissen, wir befinden uns in unbekannten Gewässern?” Darrien wirkte erfreut, und ein Leuchten erglomm in seinen trüben Augen. “Vielleicht ist dies eine Insel, die noch niemand entdeckt hat, und wir können sie nun benennen und sie als Erste erforschen und auskundschaften.”

Dalma lächelte milde. “Möglich wäre es, obwohl ich davon nicht überzeugt bin. Von der Witterung her würde ich vermuten, dass wir uns immer noch Mitten im Sturmmeer befinden, wohl irgendwo zwischen dem Irbalos- Archipel und den Smaragdinseln, westlich der Küste von Khorome. Doch das Meer der Stürme sollte eigentlich keine unbekannten Inseln und unentdeckten Abschnitte mehr beherbergen. Schliesslich ist es das meistbefahrene, besterforschte Meer Cirunas.”

“Aber die See ist gross. Wer kann schon wissen welche Geheimnisse sie in sich birgt?“ Darriens Augen glänzten hell, wie zwei schimmernde Sterne im samtschwarzen Mantel der Nirs.

Dalma erwiderte darauf nichts. Sie erkannte die Freude in seinem schmalen Gesicht und wollte sie ihm nicht nehmen. Nur zu gerne überliess sie ihn seinem unbedarften, kindlichen Glauben, denn auch er hatte das Recht zu träumen.

“Darrien, ich störe dich nur ungern, aber bitte schwinge den Mopp und säubere das Deck”, forderte Dalma den hageren Jungen, dessen Gedanken wieder in unbekannte Gefilde zu entfliehen drohten, mit sanftem Nachdruck auf. “Die Sonne nähert sich ihrem Zenit, und bis dahin solltest du deine Arbeit hier erledigt haben, sonst ahne ich Böses.”

Darrien fuhr aus seinen sehnsüchtigen Tagträumen auf, schenkte der rothaarigen Piratin schüchtern ein herzliches Lächeln und setzte seine undankbare Aufgabe fort.

Eine Weile noch beobachtete ihn Dalma dabei, dann schüttelte sie schmunzelnd den Kopf und ging selbst ihrer Arbeit nach. Während sie sich dem mächtigen Aufbau am Heck des Schiffes näherte, erteilte sie einigen schwatzenden Männern wütend Befehle. Dann verschwand sie im dunklen Türeingang der Trutz.

Gut eine halbe Stunde später hatte Darrien das ganze Deck geputzt. Er stand am Bug der Seestern und stützte sich erschöpft auf den langen Wischmopp. Der Schweiss lief in Bächen an ihm herunter, denn es war drückend heiss. Noch immer war der Himmel völlig wolkenlos und erstrahlte in herrlichem Blau; die Sonne sandte ihre glühenden Fächer mit unbarmherziger Wut hernieder und liess das Deck in heissen Flirren wabern.

Darrien sah auf das Meer hinaus. Schweigend betrachtete er das sanfte Spiel der glitzernden Wellen, die das schwere Schiff leicht ins Schlingern brachten. Immer wieder berührten die zarten Wogen die Bordwände, gleich Fingern, die genüsslich die Haut eines Geliebten streichelten. Wie gern nur wäre er hineingesprungen, nur um diese Berührungen selbst zu spüren und seinen ausgelaugten Körper abzukühlen?

Der Junge seufzte schwer und riss den Blick vom Wasser fort. Er hatte keine Zeit sich in den Wellen des Meeres zu vergnügen, also schadete es nur, davon zu träumen. Bald war es Mittag, und bis dahin musste er den Tisch im Speisesaal gedeckt haben, damit die wichtigen Mitglieder der Mannschaft das Mahl einnehmen konnten. Schon seit einiger Zeit schwängerte ein würziger Geruch die warme Meeresluft, der Darrien das Wasser im Mund zusammenlaufen liess. Der Smutje kochte Fisch, nur leider würde er der Letzte sein, der davon kosten durfte. Vermutlich werde ich nur die stinkenden, widerlichen Reste abbekommen, eine eklige Fischbrühe, versetzt mit halbgarem Fleischfetzen und Eingeweiden, dazu etwas trockenes Brot. Allein der Gedanke daran, liess Übeklekit in seinem Magen aufsteigen, und der Appetit verging ihm.

Der Schiffsjunge hob den Eimer vom Boden auf und schüttete das dreckige Wasser über Bord. Dann schulterte er den Wischmopp und schritt eilig ans andere Ende des mächtigen Schiffes, wo sich die vierschrötige Trutz wie die Brustwehr einer stolzen Burg auftürmte. Dort duckte er sich durch den niedrigen Eingang und hastete die knarrenden hölzernen Stufen bis zum untersten Deck hinunter, wo er die Putzwerkzeuge in einem kleinen Kämmerchen verstaute.

Während Darrien die Stiege wieder erklomm, um in den Speisesaal zu gelangen, der sich ganz im Heck des vorkragenden Aufbaus befand – unmittelbar über der geräumigen Kajüte des Kapitäns – und sich über die ganze Breite erstreckte, spürte er, wie sein Magen heftig zu knurren begann. Der Duft des gebratenen Fisches durchflocht selbst die untersten Gänge des Schiffes und erweckte das Hungergefühl aus seinem Schlummer. Doch trotz diesem zwingenden Verlangen nach Nahrung, freute sich der Junge keineswegs auf das Essen, denn was ihm als Speise vorgesetzt werden würde, das frassen selbst die Hunde kaum.

Betrübt und mit hängendem Kopf schlich Darrien durch die dunklen Gänge der unteren Decks, die nur ungenügend von einigen kleinen Öllampen oder ehernen Laternen beleuchtet wurden, welche an den dicken Holzwänden befestigt waren oder an Ketten von der Decke baumelten. Schwere Seufzer voller Sehnsucht quollen über seine Lippen, denn nur zu gerne hätte er auch vom Fisch gekostet. Aber er wusste, dass dieser Wunsch niemals in Erfüllung gehen würde. Eher werden der Kapitän und seine Mannen die Fische damit füttern als die Reste mir zu überlassen.

Plötzlich blieb Darrien auf den ersten Stufen der Treppe stehen, die zum grossen Saal heraufführte. Er war sich ziemlich sicher etwas gehört zu haben, das ihn verwunderte und ihn stutzig machte. Gespannt lauschte er und hielt den Atem an. Aus dem Zimmer des Kapitäns drangen ungewöhnliche, geradezu verdächtige Geräusche. Jemand schien dort aufgeregt umherzugehen, aber der Kapitän selbst – das wusste der Junge ohne Zweifel – hielt sich auf dem Achterdeck auf und begutachtete von dort aus die Schäden der Seestern.

Vorsichtig näherte sich Darrien dem Raum und bemerkte, dass die Tür einen Spaltbreit geöffnet war. Mit bebendem Herzen verharrte der Junge im engen Gang davor, denn er wagte es nicht, noch weiter vorzurücken und denjenigen zu überraschen, welcher sich dort eingeschlichen hatte. Neugierig spähte er durch den Schlitz in die Kammer, in der leisen Hoffnung, etwas zu erkennen.

Genau in diesem Moment wurde die Tür aufgerissen, und Darrien schreckte zurück. Aus dem lichtdurchfluteten Zimmer trat eine Person, die es eilig zu haben schien, aber dann augenblicklich inne hielt, als sie den Schiffsjungen bemerkte.

“Was, bei allen Dämonen der Niederhöllen, hast du hier zu suchen, du niederträchtige Ratte?”, erscholl eine eigenartige Stimme in scharfem Ton, der wie die Klinge eines Messers in Darriens Mark fuhr. Obwohl ihr Klang rau und harzig war, liess sich in ihr dennoch der Hauch einer sanften Melodie erahnen.

Darrien begann verängstigt zu zittern, als er die Person erkannte. Vor ihm stand Romehk, der Navigator der Seestern. Er besass nach dem Kapitän den grössten Einfluss auf dem Schiff und genoss unter den finsteren Gesellen eine fast uneingeschränkte Befehlsgewalt, da jeder ihn irgendwie zu fürchten schien. Das aber war nicht weiter verwunderlich, bedachte man die ungewöhnliche Abstammung und Herkunft Romehks, war dieser doch ein Elf, ein Mitglied jenes uralten und geheimnsivollen Volkes aus dem fernen Aldana, dem die Menschen allerlei wunderliche Kräfte nachsagten. Nur war Romehk kein hehres Wesen von edler und wunderschöner Gestalt, wie sie in unzähligen Sagen und Liedern beschrieben, sondern ein schauriger Kerl mit einem finsteren Gemüt und unheimlicher Ausstrahlung.

“Es... es tut... tut mir wirklich leid. Ich... ich... wollte nicht...”, stammelte der Junge und wich vor dem Piraten zurück, der ihn aus dunklen, unergründlichen Augen zornig musterte.

Romehk starrte Darrien nieder, als versuchte er, ihn mit seinem flammenden Blick zu töten. In seinen braunen, mandelförmigen Augen schien ein unirdisches Feuer zu glühen, das alles in finsterer Wut verzehrte. Das schmale, einst wohl bildschöne Elfengesicht war völlig entstellt, denn die weichen, eingefallenen und fast totenbleichen Züge lagen unter abscheulichen Schmucknarben verborgen, die das gesamte Antlitz wie Schwären oder verschorfter Aussatz verunstalteten. Romehk hatte sich den fahlen Schädel kahlrasiert; nur ein dicker geflochtener Zopf aus dunklen Haaren quoll über seinen Rücken. Einzig die spitzen Ohren deuteten noch darauf hin, dass er dem edlen Volk der Aldanoi angehörte. Alle anderen Merkmale seines Geschlechts waren mit furchtbarem Eifer aus seiner Erscheinung getilgt worden.

“Halt dein Maul, du erbärmlicher Wicht! Ich will dein Gejammer nicht hören. Sage mir lieber, warum du dich hier herumtreibst”, zischte Romehk, trat auf den eingeschüchterten Jungen zu und packte ihn grob an den knochigen Schultern. Mit erstaunlicher Kraft stiess er ihn gegen die Wand.

Obwohl der hässliche Elf um einen ganzen Kopf kleiner war als der grossgewachsene Darrien und von Gestalt her kaum kräftiger zu sein schien, konnte sich der Schiffsjunge nicht gegen ihn zur Wehr setzten. Hilflos stand er Romehk gegenüber und wimmerte leise wie eine gequälte Katze. Tränen rollten in silbrigen Rinnsalen über seine Wangen.

“Ich... ich wollte doch... doch nur den Speisesaal bereit... machen. Es tut... tut mir leid, w-wenn ich dich g-gestört habe. Es lag... wirklich nicht i-in meiner Absicht...” Darrien konnte vor Angst kaum sprechen. Er wagte es nicht, dem Elf in die Augen zu sehen, die so grausam auf ihm brannten.

Romehk schnaubte nur und schlug dem Jungen hart ins Gesicht. “Dein Gebrabbel kümmert mich nicht! Was hast du gesehen, du lausiger Bengel?”

“Nichts, gar nichts”, schluchzte Darrien und rieb sich die schmerzende Wange. „I-ich schwöre dir, d-dass ich nichts g-gesehen haben.“

Romehk vergrub seine schlanken Finger in den zerzausten Haaren des Knaben und zerrte seinen Kopf ungestüm zu sich herab, zwang den Jungen, ihn anzublicken. “Gut, das will ich auch hoffen. Ansonsten sehe ich mich gezwungen, dir die Augen auszustechen und deine Zunge herauszureissen. Du hast mich nicht gesehen, haben wir uns verstanden? Ich war niemals hier.”

Darrien gab keine Antwort, denn er kämpfte mit verkrampftem Kiefer gegen die Schmerzen an, die ihm die Zähren in die Augen trieben. Auch verstand er nicht recht, was der Navigator eigentlich meinte. Wieso ist es ihm dermassen wichtig, dass niemand von seinem Aufenthalt im Zimmer des Kapitäns erfahren durfte? Ein Verdacht stieg in ihm auf. Hat er womöglich etwas getan, das er als Geheimnis hüten wollte?

Darriens Schweigen erzürnte den Elf nur noch mehr. Erneut ballte er die Faust und schlug zu, während er noch fester am Schopf des hilflosen Knaben riss, der laut aufschrie und um Gnade winselte.

“Hast du mich verstanden? Ist dir klar, was ich eben gesagt habe, du winselnder Wicht? Antworte!”, raunte der Pirat, und sein fauliger Atem streifte Darriens Gesicht.

“Ja, ja, ja”, stiess der Junge gequält hervor. Ich bin mit allem einverstanden, wenn du mich nur nicht noch weiter schlägst.

Romehk schnaubte abschätzig und stiess den Jungen wieder gegen die Wand. Dann wandte er sich von ihm ab und schritt, ohne weitere Worte zu verlieren, eilig davon, war er sich doch gewiss, dass der Bursche schweigen würde.

Darrien sank weinend nieder, das Gesicht in den Händen vergraben. Wähernd er seinen Kummer mit Tränen befeuchtete, erwuchs in ihm einmal mehr das heftige Verlangen, diesem alptraumhaften Leben endlich zu entfliehen. Hier, auf diesem Schiff, würde er niemals etwas Schönes erleben oder Glück erfahren. Stets bliebe er das Objekt des Hasses und des Spotts, denn die Mannschaft der Seestern würde ihn nie als vollwertiges und geachtetes Mitglied betrachten. Er war ein Sklave, wertloser als die Ratten, die sich in den unteren Decks tummelten und an den Vorräten knabberten. Aber so wollte er nicht weiterleben.

Auf einmal erschienen vor seinem inneren Auge Bilder der geheimnisvollen Insel, die seinen Geist seit dem heutigen Morgen, als er sie zum ersten Mal in der zarten Dämmerung erblickt hatte, nicht mehr losliess und ihn mit ihrer lieblichen Pracht verzauberte. Die Erinnerung an dieses grüne Paradies, die deutlich in seinen Gedanken verankert war, tröstete ihn mit wohltuender Wärme und gab ihm Kraft. Vielleicht kann ich dort, unter dem hohen, grünen Blätterdach des dichten Dschungels, mein Leben neu beginnen, frei von der Tyrannei anderer Menschen.

Darrien seufzte schwer und erhob sich wieder, um seine begonnene Arbeit fortzusetzen. Er wischte sich die Tränen und das Blut, das ihm von der aufgeplatzten Lippe tröpfelte, mit dem Ärmel weg und machte sich an den Aufstieg. Doch während er die Stufen zum Speisesaal erklomm, begann sich in seinem Kopf ein Fluchtplan zu entwickeln, denn sein Herz sehnte sich nach Freiheit. Auch wenn er überhaupt nicht wusste, was ihn in der Wildnis der Insel erwarten mochte, stand seine Entscheidung bereits fest, denn jedwede Gefahr und alle Unbilden einer tückischen Natur erschienen ihm erträglicher als die Marter und das Leid, das er tagtäglich auf diesem Schiff erdulden musste. Ich werde noch heute nacht, die Seestern verlassen, schwor er sich im Stillen, und sein Herz pochte freudig erregt in seiner Brust.

Als er die Tür zum grossen Speisesaal aufstiess, ergoss sich goldenes Sonnenlicht über ihn, das durch die hohen Fenster am Heck mit ihren dicken Butzenscheiben zwischen einem Gitter aus Blei in den Raum fiel. Darrien blieb einen Moment stehen, denn er empfand plötzlich so etwas wie Vorfreude, und dieses Gefühl zauberte ein Lächeln in sein Gesicht. Beim Anblick des endlosen Meeres unter dem Glanz der Tayisscheibe verstärkte sich sein Entschluss, diesem Gefängnis der Gewalt zu entfliehen. Niemand würde ihn davon abhalten können.

Überzeugt von seiner Absicht, tat Darrien, was ihm aufgetragen worden war. Er durchmass leichten Schrittes das geräumige Zimmer, welches mit erbeuteten Wand- und Bodenteppichen aus Silem geschmückt war, und verhielt vor einem Schrank, der in einer Ecke stand und wie die meisten Einrichtungsgegenstände am Boden festgeschraubt war. Bevor er die mit klaren Glasscheiben versehenen Türen öffnete, um daraus das Silbergeschirr zu entnehmen, betrachtete er die vielen prächtigen Schnitzereien des Möbelstücks, die ihm vorher noch nie richtig aufgefallen waren. Schon oft hatte er hier gestanden und den Tisch für die Anführer gedeckt, doch stets war sein Herz dabei mit Leiden und Hoffnungslosigkeit erfüllt gewesen, so dass er sich der Schönheit des ganzen Raumes nie wirklich gewahr werden konnte. Doch heute war alles anders, und Darrien staunte und freute sich.

Der Speisesaal war zweifellos das beeindruckendste Zimmer des ganzen Schiffes. Es war mit kostbaren Gegenständen aus aller Welt ausgestattet, welche die Mannschaft der Seestern im Verlaufe ihrer jahrzehntelangen Beutezüge erobert hatte. Aus dem Wüstenreich Silem stammten die besagten Teppiche – Wunderwerke aus geknüpftem Stoff in bunter Färbung und herrlichen Mustern, aus Saverkun, einer nördlichen Provinz des Kaiserreichs Kymmeria, kam der vielverzierte Wandschrank, und der mächtige Tisch in der Mitte des Raumes war im Königreich Nirun gefertigt worden und bestand aus Elfenbein und dunklem Hartholz aus den Dschungeln Khoromes. Um ihn herum gruppierten sich sechs edle Stühle, deren Sitze und hohe Lehnen mit samtüberzogenen Polstern bestückt waren, und am Kopfende befand sich ein grosser Sessel aus schwarzem Munouam-Holz, der einem Thron nahekam.

Darrien verlor wieder einige Zeit, da er sich mit leuchtenden Augen umsah und die vielen Schätze bewunderte. Doch schliesslich besann er sich wieder, nahm das silberne Besteck aus dem Schrank und deckte die weiss und schwarz gemusterte Tafel. Dabei tanzte er beinahe schmunzelnd durch den Raum, denn es war ihm danach, auch wenn er nicht wirklich wusste, weshalb er so viel Glückseligkeit empfand.

Doch nicht lange konnte er von dieser Freude kosten. Noch während er leichtfüssig durch den Raum glitt und einen Kelch nach dem anderen zum Tisch trug, trat Carnbal durch die Tür. Der kahlköpfige Pirat verzog sein Gesicht, als er den Jungen erblickte, der strahlend viele elegante Drehungen vollführte. Mit grossen Schritten ging er auf ihn zu und schubste ihn unsanft zu Boden.

"Was soll dieser Unsinn, du nutzloser Bastard?" grollte der Steuermann, als er Darrien an den Haaren wieder auf die Beine zog. "Du sollst hier den Tisch für unsere Mahlzeit bereit machen und nicht wie ein kommorrisches Freudenmädchen durch den Raum tanzen! Muss man dich immer zuerst schlagen, bevor du deine Aufgaben erledigst?" Er ballte seine grosse Hand zur Faust.

Darrien versuchte sich aus dem schmerzlichen Griff zu entwinden und bat unter Tränen, ihn zu verschonen. Aber Carnbal lachte nur hämisch, dass seine gelben Zähne im Sonnenlicht blitzten, und holte zum Schlag aus.

„Lass ihn umgehend los, du Scheusal, oder ich befreie dich von der Last deiner Männlichkeit !“, durchschnitt eine kräftige Stimme die Luft. Der Steuermann hielt inne und wandte sich zur Tür, wo Dalma stand und ihn mit einem feurigen Blick durchbohrte, die Hand am Griff eines Krummdolchs.

„Welch eine Freude dich zu sehen, mein lieblicher Delfin“, schnurrte Carnbal, und seine groben Züge zeigten ein schmieriges Grinsen. „Wenn ich mit dem Kleinen fertig bin, wäre es mir ein wahres Vergnügen mit dir zu ringen.“

„Ich warne dich nur einmal, Rattengesicht: Lass Darrien gehen!“ Dalma nahm den goldverzierten Dolch mit der gebogenen Klinge aus ihrer Schärpe.

Wieder lachte der grosse Pirat, hob den verstörten Schiffsjungen mühelos hoch und schleuderte ihn wie einen Seesack voller Kleider durch den Raum, so dass er hart an eine Wand prallte. Dann näherte er sich langsam und breitbeinig Dalma, während seine Zunge lüstern über seine spröden Lippen glitt. Doch sie wich keinen Schritt, stand wie ein Fels in der aufpeitschenden Brandung, den Sicheldolch fest in der Hand.

„Komm in meine Arme, du süsse Maus, und lass dich verwöhnen. Ich weiss, du sehnst dich auch nach ein wenig Zärtlichkeit. Das Essen ist noch nicht bereitet; es bleibt uns noch ein Augenblick, um uns besser kennen zu lernen. Ich kann dir ansehen, dass du gerne meinen Prügel zwischen deinen Schenkeln spüren willst, du rothaarige Nixe.“ Er lachte dreckig.

Dalma lächelte nur mitleidig und wartete ab. Als ihr Gegenüber nahe genug herangekommen war und gerade seine muskulösen Arme um sie schlingen wollte, trat sie ihm wuchtig zwischen die Beine. Carnbal sackte stöhnend zusammen und krümmte sich auf dem Boden. Mit erstickter Stimme presste er Fluchwörter durch den Saum seiner vergilbten Zähne, denn nun loderte Wut in ihm auf.

„Hast du immer noch Lust mit mir zu ringen, Rattengesicht?“ fragte Dalma neckisch und blickte verächtlich auf den Steuermann herab, der sich zu ihren Füssen wand. „Oder hat dein Prügel genug Prügel bezogen?“

Dies war zuviel, und trotz der Schmerzen bäumte sich Carnbal brüllend auf, in der Absicht, die Piratin niederzuwerfen und wie ein Raubtier über sie herzufallen; doch wieder war sie schneller und bedeutend wendiger. Ihr Arm zuckte blitzartig hoch, und schon ruhte der scharfe Dolch an seiner Kehle. Der Steuermann versteifte sich, denn nun stand sein Leben auf dem Spiel.

Dalma schnalzte mit der Zunge. „Eine falsche Bewegung, und dein vergossenes Blut befleckt diesen wunderbaren Teppich. Es wäre schade um dieses prächtige Stück.“

„Fahr zur Hölle, du dreckige Hure!“, zischte Carnbal mit hochrotem Gesicht. Sein klobiger Kiefer mahlte, dass die Zähne knirschten.

„So redet man aber nicht mit einer feinen Dame, du ungeschlachter Seetroll. Hüte besser dein vorlautes Mundwerk“, erwiderte die Piratin keck. Dabei drückte sie die Schneide ihres Dolchs fester an den unrasierten Hals des Steuermanns und verletzte ihn leicht; Blut floss als feines Rinnsal über seine mächtige Brust.

„Genug davon!“, donnerte unvermutet eine tiefe Stimme durch den Saal. „Bei allen Winden und Wogen der See, ich dulde an Bord meines Schiffes keine Rivalitäten, ist das klar? Dalma, gib diesen grossen Wal frei, oder ich lasse euch beide Kielholen!“

Sofort steckte Dalma ihren Dolch weg und wich zwei Schritte zurück, denn der Kapitän hatte den Raum betreten. Carnbal sprang auf die Beine, mit den Fingern die Wunde am Hals betastend. In seinen dunklen Augen loderte ein gewaltiges Feuer, und es fiel ihm schwer, sich zu beherrschen. Am liebsten hätte er die rothaarige Frau mit seiner blossen Faust erschlagen.

Alert Krug aber trat zwischen die beiden und musterte sie mit strengen Blicken. Der Kapitän war ein Mann, der so manchen einzuschüchtern verstand, denn seine Erscheinung kam ihm dabei zugute. Er war gross, hatte breite Schultern und kräftige, schwielige Hände. Sein scharfgeschnittenes Gesicht, das von einem schwarzen Bart umrahmt wurde, lag in grimmigen Zügen, die durchaus bedrohlich wirkten. Dieser Eindruck wurde durch die Augen verstärkt, die finster unter dichten Brauen hervorstachen. Sein schwarzes fein gelocktes Haar trug er offen; es war nicht ganz schulterlang und wies bereits etliche graue Strähnen auf, die sein fortgeschrittenes Alter verdeutlichten. Auch die an Zahl gewonnenen Falten im wettergegerbten Gesicht zeigten dies klar. Eine grosse Narbe prangte auf seiner rechten Wange und zog sich gewunden bis unter ein leicht getrübtes Auge. Sie war ein hässliches Überbleibsel einer tiefen Wunde, die er sich vor Jahren zugezogen hatte.

Gekleidet war er, im Gegensatz zu den meisten anderen an Bord, sehr ordentlich, wodurch er seine Stellung auch äusserlich zu verdeutlichen suchte. Er trug ein weisses Hemd mit Kragen und schwarze Kniebundhosen, dazu weisse Strümpfe, polierte Schuhe mit goldenen Schnallen und einen dunkelblauen Mantelrock, der ihm bis zu den Knien reichte. In der breiten Schärpe steckte ein Säbel, der mit Edelsteinen besetzt war.

Lange Zeit blieb es still im Speisesaal, und Darrien, der etwas benommen am Boden kauerte, hatte das Gefühl, dass es dunkler geworden war. Das Sonnenlicht, welches durch die Fenster in den Raum glitt, schien seine goldene Pracht abgelegt zu haben und wirkte nun bleich und zwielichtig. All die Schönheit, die ihn noch vor wenigen Momenten gefesselt hatte, schwand rasch dahin. Zurück blieben nur mächtige Schatten, vor denen er sich fürchtete.

Noch immer herrschte drückendes Schweigen, als die restlichen Anführer der Seestern die offene Tür durchschritten. Als Erster erschien Romehk, der sofort die ganze Situation mit seinen unheimlichen Elfenaugen erfasste, aber darüber kein Wort verlor. Nur kurz sah er auf Darrien herab, schmunzelte leicht und setzte sich an den Tisch.

Ihm folgte Serena, die auf dem ganzen Schiff wegen ihrer Kampfkraft gerühmt und gleichzeitig gefürchtet wurde. Niemand wusste genau, woher sie kam, denn sie sprach nur wenig und behielt ihre Vergangenheit für sich. Ihr ganzes Wesen schien von einer abschreckend geheimnisvollen Aura umgeben zu sein, ähnlich der des Elfs, mit dem sie sich auch gut verstand. Sie war nicht sonderlich gross, jedoch sehr kräftig gebaut, und ihre Bewegungen wirkten geschmeidig und graziös wie die einer Raubkatze. Das schmale, vernarbte Gesicht wurde von harten Zügen beherrscht, die nur wenig Emotionen auszudrücken vermochten. In diesem steinernen Antlitz ruhten zwei graue Augen, stets wachsam und auf der Hut. Ihr blondes Haar trug sie sehr kurz, und sie kleidete sich ausschliesslich in dunkles Leder.

Als sie den Raum betrat, rührte sich der Kapitän wieder und entliess Carnbal und Dalma aus seinem drohenden Blick. „Ich erwarte, dass ihr beide euch nun benehmt, denn sonst sehe ich mich gezwungen, mir zwei neue Getreuen zu suchen, die eure Plätze einnehmen werden“, brummte er, bevor er sich in seinem edlen Sessel am Kopfende des Tisches niederliess.

Auch Carnbal und Serena setzten sich; Dalma jedoch blieb stehen, denn sie wollte Darrien helfen, der sich aufzukämpfen versuchte. Noch immer schwindelte es ihn, und seine langen Beine waren schwach und zitterten. Neblige Schleier behinderten seine Sicht und liessen alles in grauem Dunst verschwimmen. Es war ihm, als schwanke das Schiff in mächtigen Sturmwellen, doch in Wirklichkeit war die See ruhig.

Als die rothaarige Piratin zu ihm trat, um ihn zu stützen, eilte der letzte der Anführer keuchend durch die Tür. Torston war ein junger Mann, nur ein paar Jahre älter als Darrien, und der Neffe Alert Krugs. Diese Verwandschaft alleine verhalf ihm zu der Ehre, mit den Grossen der Mannschaft zu speisen. Ansonsten war er nämlich zu nichts zu gebrauchen, auch wenn er selbst dies anders sah. Er war weder ein guter Seemann, noch ein meisterlicher Kämpfer, und doch wurde er vom Kapitän stets geachtet. Niemand konnte dies verstehen, denn Krug war nicht als freundlicher Mann bekannt.

„Tut mir leid, dass ich so spät komme. Ich habe dem Zimmermeister noch geholfen, ein kleines Leck im untersten Deck zu stopfen“, entschuldigte sich Torston bei den Anwesenden. Doch niemand schien ihm dies abzukaufen, da er kaum etwas aus freien Stücken tat. Allen war seine Vorliebe für Frauen bekannt, und viele der weiblichen Mannschaftsmitglieder waren seinem Charme verfallen, wovon er wahrlich viel besass. Er war gutaussehend, von schlanker Gestalt und hatte lange schwarze Locken, eine seidige Haut und strahlende Augen. Auch verstand er es prächtig, schmeichelnde Worte zu sprechen, die fast jedes Herz zu berühren vermochten. Diese Fähigkeit hatte er sich schon in der Kindheit angeeignet, welche er bei seinen wohlhabenden Eltern auf der Insel Bornil verbracht hatte.

„Schon in Ordnung, mein Junge. Setz dich nur hin“, sagte Krug in mildem Tonfall und wies mit einer Hand auf den Stuhl zu seiner Rechten.

Torston grinste freudig, als er der Aufforderung nachkam und sich niederliess. Er würdigte Darrien und Dalma, die neben dem Eingang standen, keines Blickes, aber das war beiden nur recht.

Allmählich fand der Schiffsjunge sein Gleichgewicht wieder, und die Piratin liess ihn los. Sie schenkte ihm ein herzliches Lächeln und gesellte sich dann zu den anderen, die allesamt schweigend am Tisch sassen. Darrien blieb noch eine Weile stehen, während er den letzten Rest des Schwindelgefühls aus seinem schmerzenden Kopf schüttelte. Er war sich nicht bewusst, dass ihn alle dabei beobachteten.

„Wäre es zuviel verlangt, wenn der junge Herr wieder seiner Arbeit nachgehen würde?“, fragte jemand mit falscher Freundlichkeit.

Darrien sah etwas verstört auf und begegnete so dem finsteren Blick des Kapitäns. „W-wie bitte?“, stammelte er verwirrt, denn er hatte die Worte des grossen Mannes nicht verstanden.

„Ich glaube, du hast noch einiges zu erledigen, du lausiger Hund!“, schrie Krug wütend, und sein getrübtes Auge zitterte erregt. „Der Koch wartet darauf, dass du ihm beim Austeilen des Essens hilfst. Du sollst hier nicht tatenlos herumstehen und faulenzen, dafür bist du nicht hier! Jetzt mach, dass du fortkommst, sonst prügle ich dich weich!“

Es lag soviel Kraft und Zorn in der tiefen Stimme des Kapitäns, dass Darrien davor erbebte. Schnell senkte er den Kopf und entschuldigte sich mehrmals bei den Piraten, die ihn alle – von Dalma einmal abgesehen – voller Hass, Häme und Missgunst niederstarrten. Dann verliess er eiligst den Speisesaal und schloss die Tür hinter sich.

Sogleich ertönte drinnen verächtliches Gelächter, und Darrien, der sich an die hölzerne Wand des Ganges lehnte und abermals mit seinen Tränen kämpfte, litt still unter dieser Demütigung. Gleich einem flammenden Inferno loderte Wut in ihm auf, und in seiner Verzweiflung ballte er seine Fäuste so stark, dass die Knöchel weiss hervortraten. Innig bat er um die Kraft und den Mut, die er brauchte, um seinen Peinigern entgegentreten zu können. Doch sein stummes Flehen wurde nicht erhört.

Niedergeschlagen begab er sich in die Kombüse, und während er schluchzend durch die Gänge der Seestern schlurfte, erhoben sich vor seinem inneren Auge wieder Bilder der schönen Insel. Rasch schwanden sein Zorn und seine Trauer in der aufkommenden Vorfreude dahin, welche bei diesen herrlichen Gedanken in ihm erwachte. Noch heute nacht werde ich dieses verdammte Schiff verlassen und ein neues Leben beginnen, war er überzeugt, wischte sich abermals die Nässe von den Backen und lächelte.

Kapitel 2

     Mit leerem, lustlosem Gesicht stierte Darrien auf seine Schale herab, die er neben sich auf den sanft schlingernden Boden gestellt hatte. Obwohl der Hunger ihn plagte und seinem Magen eine knurrende Stimme verlieh, war ihm nicht nach Essen zumute. Der Appetit war ihm beim Anblick seines kärglichen Mahls gänzlich vergangen, als der dicke Smutje ihm dieses mit schmierigem Grinsen vorgesetzt hatte, denn wie unlängst erwartet, musste er sich einmal mehr mit einer übel stinkenden Brühe aus fauligen Überresten und Abfällen zufriedengeben, während die restliche Besatzung das Vergnügen besass, frisch gebratenen Fisch, würzigen Käse, Würste und süsse Trockenfrüchte zu verspeisen.

Angewidert rührte er mit einem hölzernen Löffel in der dickflüssigen, schleimigen Suppe herum und entdeckte dabei einige fleischige Brocken, die sich zweifellos einst im Innern von Fischen befunden hatten. Dazwischen schwammen einige dunkelgrüne Schnüre – vermutlich angefaulter Seetang – und die zähen, geschmacklosen Tentakel winziger Quallen in der rotbraunen Flüssigkeit umher. Als er schliesslich gar ein Auge erblickte, das aus der Tiefe des dampfenden Eintopfs zu ihm empor starrte, tot und leer, liess er sein Mittagessen stehen und knabberte stattdessen ohne wirklichen Genuss an einem trockenen und harten Stück Brot, das er heimlich aus der Küche entwendet hatte, als der ständig hustende Koch gerade nicht hinsah.

Gemächlich glitten seine Augen dabei über das Oberdeck der Seestern, das vom hellen Sonnenlicht wie von einer Flutwelle blendender Hitze überschwemmt wurde. Ungehindert brannte die weissgoldene Scheibe vom Himmel, denn noch immer waren keine Wolken im unendlichen Azur auszumachen, die für eine wenig Schatten und Kühlung hätten sorgen können. Es war so heiss, dass die Luft über den hölzernen Planken gespenstisch flimmerte, und Darrien meinte fast, unsichtbare Flammenzungen würden das Schiff in gieriger Wut verzehren. Da die nahezu unbewegliche Luft zugleich auch viel Feuchtigkeit aus dem Meer aufgenommen hatte und der Wind nur schwach über den glitzernden Wasserteppich wehte, erschien die Hitze drückend und schwer, gleich einer spürbaren, fast lähmenden Last, welche jeglichen Antrieb aus dem Körper presste.

Obwohl Darrien zusammengekauert im schmalen Schattenstreifen unmittelbar unter der hohen Bordwand sass, wo er ansatzweise vom unbarmherzigen Strahlen der Sonne geschützt war und er sich verzweifelt ein wenig Kühlung erhoffte, lief ihm der Schweiss in Strömen über den ausgemergelten Körper. Er fühlte sich matt und erschöpft, wie erschlagen vom wuchtigen Hieb eines Riesen, und er sehnte sich mit jeder Faser seines Seins nach einer erquickenden Erfrischung. In diesem schmachtenden Zustand vernahm er das leise Klatschen der Wellen, die sanft an die Hülle des Schiffes schlugen, und einmal mehr verspürte er das Verlangen, ins angenehm kühle Wasser zu springen. Da er aber wusste, dass ihm diese Freude verwehrt bleiben würde, wie so vieles andere auch, das er sich innigst wünschte, verdrängte er den Gedanken an das kühle Nass gleich wieder, noch ehe er wahrhaft in seinem Geiste gedeihen konnten.

Welchen Sinn hat es schon, sich in schönen Träumen zu verlieren, wenn die Hoffnung, sie zu verwirklichen, ohnehin vergeblich ist?, fragte er sich niedergeschlagen. Geradesogut könnte ich mir wünschen, wie ein Vogel durch die Luft zu fliegen, das wäre eine nicht minder abwegige Sehnsucht.

Stattdessen versuchte Darrien mühsam das Brotstück zu verzehren, um damit seinen brummenden und schmerzenden Magen wenigstens einstweilen zufrieden zu stellen. Doch die schmale Scheibe war so trocken, dass er die Bissen kaum schlucken konnte, ohne dabei zu würgen. Er tastete nach dem ledernen Schlauch, den ein Pirat auf einer neben ihm stehenden Kiste hatte liegen lassen, zog den Stöpsel und trank daraus. Aber schon nach dem ersten Schluck nahm er ihn wieder von seinen spröden Lippen und verzog das Gesicht, denn das Wasser war abgestanden, schal und warm.

Eine Weile betrachtete er den unförmigen Beutel in seiner Hand und überlegte. Dann, mit einem schweren Seufzer, setzte er ihn wieder an und schüttete die längst nicht mehr frische Flüssigkeit hinunter. Dies tat er nur, weil seine trockene Kehle danach verlangte und sein Körper durstig war. Er hätte ohnehin kein besseres Wasser erhalten, selbst wenn er mutig genug gewesen wäre, ein Mannschaftsmitglied danach zu ersuchen.

Darrien blickte kurz in den klaren blauen Himmel auf, denn er wollte am Stand der Sonne die ungefähre Zeit ablesen. Seiner Meinung nach, hatte sich die gleissende Tayisscheibe kaum bewegt, daher besass er noch ein wenig Zeit, sich im schmalen Schattenstreifen auszuruhen, bevor er wieder seine mannigfachen Pflichten und Arbeiten aufnehmen musste. Diese wenigen kostbaren Augenblicke der Freiheit genoss er in vollen Zügen und labte sich wie ein Verdurstender an jenen spärlichen Momenten süssen Müssiggangs. Er streckte sich aus, schloss die Augen und lauschte der uralten, geheimnisvollen Stimme des Meeres, die leise und beruhigend zu ihm sprach.

Darrien, komm zu uns. Wir haben wahrlich lange deiner verheissenen Ankunft geharrt. Tritt ein in unser Reich, Auserkorener, denn hier gehörst du hin.

Erschrocken fuhr der Schiffsjunge aus seinem Schlummer auf und sah sich mit geweiteten Augen auf dem Schiff um. Sein Herz raste wie wild, schlug ihm bis zum Hals, und er rang aufgeregt nach Luft. Sein ganzer Leib zitterte wie Espenlaub, denn Furcht erfüllte ihn bis tief ins Mark. Deutlich hatte er in seinem Kopf ein gespenstisches Wispern vernommen, ein Flüstern wie von tausend Stimmen, die zu einer wurden. Doch niemand war in seiner Nähe, und auf der Seestern war es still.

Er brauchte einige Augenblicke, bis er wieder zur Ruhe kam und den eisigen Schrecken überwand, der ihn erschüttert hatte. Da nichts darauf hindeutete, dass solch seltsame Worte jemals gesprochen wurden, kam er zu dem Schluss, dass sie wohl seinem träumenden Geist entsprungen sein mussten, und er liess die Angelegenheit auf sich beruhen. Dennoch blieben Zweifel in ihm haften, und ein kleiner Teil seiner Selbst gab sich mit einer derart einfachen Erklärung nicht zufrieden. Zu wirklich erschien ihm die körperlose Stimme, deren Nachhall noch immer in seinen Gedanken widerklang.

Darrien erhob sich matt und träge, denn die Mittagszeit neigte sich allmählich ihrem Ende zu. Einige der einfachen Besatzungsmitglieder, die wie er auf dem Oberdeck ihr Essen zu sich genommen hatten, verrichteten bereits wieder ihre Arbeit, und auf der Seestern nahm das geschäftige Treiben trotz der brütenden Hitze und dem sengenden Sonnenschein seinen Lauf. Dies bedeutete, dass auch er wieder seinen zahlreichen Aufgaben nachgehen und sie erledigen musste, die ihm jeden Tag aufs Neue aufgebürdet wurden. Ein weiterer Seufzer entrang sich seiner Kehle, während er seine Schritte widerwillig über die Planken des Schiffs lenkte.

Mit hängendem Kopf und betrübtem Gesicht begab er sich zum Aufbau am Heck des mächtigen Schoners, wo eine einzelne Tür den Zugang zum Innern gewährte. Doch bevor er in die Düsternis der unteren Gänge eintauchte, blickte er noch einmal auf, und seine Augen erfassten die ganze malerische Schönheit der grossen Insel, die sich dort, ganz nah, in ihrer farbigen Pracht aus dem wogenden Blau des Meeres erhob. Für einen kurzen Moment blieb er stehen, um sie zu bewundern, und ein Lächeln flog über seine Züge, ganz zart, aber voller Freude. Dann trat er durch den Eingang in die Schatten und verschwand in den schmalen Fluren.

Zielstrebig bahnte er sich seinen Weg durch das düstere, beengende Zwielicht der unteren Decks und stieg die knarrenden, ausgetretenen Stufen zum Speisesaal der Hauptleute empor. Vor der robusten Tür hielt er inne, denn eine dumpfe Angst umgarnte sein schnell schlagendes Herz und verknotete seine Eingeweide. Einige Male atmete er tief durch und versuchte sich zu beruhigen. Dann klopfte er an.

„Tritt ein, Junge“, drang die brummende Stimme des Kapitäns beinahe freundlich aus dem Inneren.

Darrien öffnete behutsam die Tür und trat zögerlich ein, blieb jedoch schon nach zwei Schritten wieder stehen. Etwas angespannt sah er sich im grossen Zimmer um, das noch immer hell erleuchtet war, gebadet in das strahlende Licht der Sonne, welches durch die grossen Fenster im Heck hereinströmte. Dabei aber vermied er es, die anwesenden Piraten direkt anzuschauen und wich ihren Blicken tunlichst aus. Er heftete sein Augenmerk auf seine nackten Füsse, denn er wusste, wie wenig einige der ungehobelten Mannschaftsmitglieder es leiden mochten, wenn er ihnen offen ins Gesicht starrte.

Noch sassen alle am Tisch und tranken Wein aus goldenen und silbernen Kelchen – herrlichen Machwerken mit feinen Ziselierungen und bestückt mit Edelsteinen, allesamt erbeutet in Raubzügen und Überfällen auf bauchige Handelsschiffe und protzige Schoner reisender Adliger aus allen Weltgegenden Cirunas. Soweit er es beurteilen konnte, hatten die Piraten ihr Mahl bereits beendet. Nur Carnbal war noch längst nicht satt und langte weiterhin kräftig zu; sein Teller war noch halb voll. Auch auf den reich verzierten Platten, die der Smutje benutzte, um den Hauptleuten das Essen zu servieren, fanden sich noch etliche Resten. Doch keiner der anderen schien gewillt zu sein, diese zu verzehren, schienen sie doch zufrieden und gesättigt.

„I-Ich hoffe sehr, ich k-komme nicht z-zu früh und störe euch b-beim Einnehmen eurer Mahlzeit“, murmelte Darrien mit zittriger Stimme. Heftig schlug sein Herz in der Brust, und er konnte deutlich das dumpfe Pochen wahrnehmen, denn wie Trommeln dröhnte es in seinem Schädel.

„Und wie du mich störst, du...“, hob Carnbal mit vollem Mund zu sprechen an, wurde aber sogleich vom Kapitän zum Schweigen verdammt, der ihm gebietend den Finger zeigte.

Es blieb eine Zeitlang still im grossen Raum, und Darrien spürte, wie Krug ihn eindringlich musterte. Da er es aber nicht wagte, seinen beängstigenden Augen zu begegnen, starrte er bangend auf den Teppichboden.

„Nur zu, Junge, räume den Tisch ab. Aber beeile dich etwas damit!“, sagte der Kapitän schliesslich und brach das Schweigen.

Darrien gehorchte, näherte sich trippelnd dem geschnitzten Tisch aus Elfenbein und dunklem Edelholz und machte sich beflissen an die Arbeit. Er begann bei Dalma, die ihm ihren Teller reichte und dabei liebevoll lächelte. Er nahm ihn dankend entgegen und versuchte, ihre Geste der Zuneigung zu erwidern, doch seine Lippen wollten ihm nicht recht folgen. Etwas beschämt fuhr er deshalb hastig mit dem Abräumen fort.

Während der Schiffsjunge sich bemühte, seine Aufgabe rasch und ohne Fehl zu erledigen, nahmen die Piraten ihr Gespräch wieder auf, das durch Darriens Erscheinen unterbrochen worden war.

„Und es besteht auch wirklich kein Zweifel daran, dass diese nicht eben kleine Insel, vor der wir treiben, auf keinen uns bekannten Karten aufgezeichnet ist, Romehk? Mir scheint dies reichlich seltsam, denn meinem Ermessen nach kann uns der verfluchte Sturm gestern nacht nicht dermassen weit vom Kurs abgebracht haben“, sprach Krug und lehnte sich in seinen mächtigen, gepolsterten Sessel zurück.

„Wenn ich mir nicht gewiss wäre, hätte ich mich einer solchen Aussage enthalten, Alert“, erwiderte der bleiche Elf etwas gereizt und nicht eben in ehrerbietigem Tonfall. Seine dunklen, grossen Augen besassen einen gefährlichen Glanz. „Ich habe den ganzen Morgen damit zugebracht, unsere Seekarten eingehend zu studieren und nichts gefunden, das mir Aufschluss gegeben hätte. Im Sturmmeer finden sich kein Eilande, von solch beträchtlichen Ausmassen, höchstens diejenigen vor den Küsten der Grossen Länder. Es existieren hier bloss einige kleine Inselgruppen, wie die Dernaren, die Smaragdinseln oder die Wasserdrachen von Sul-Aris weiter ihm Süden. Es ist mir zurzeit leider nicht möglich, unseren Standort unzweifelhaft zu bestimmen.“

„Womöglich werden wir heute abend mehr in Erfahrung bringen können“, warf Dalma ein. „Die Sterne werden uns sicherlich verraten, wo wir uns befinden.“

„Davon gehe ich aus“, meinte Romehk barsch und bedachte die rothaarige Frau mit einem unfreundlichen Blick, der selbst sie einzuschüchtern vermochte.

„Und was unternehmen wir bis dahin?“, erkundigte sich Torston, sichtlich gelangweilt. „Sollen wir einfach warten, bis die Sonne untergeht und Nirs den Himmel in ihr Sternengewand kleidet?“

„Nein, bestimmt nicht“, entgegnete der Elf, und in seiner seltsam rauen Stimme war deutlich die Verachtung zu hören, die er für den jungen Mann empfand. Er wandte sich an den Kapitän. „Mein Vorschlag ist es, dass du einen kleinen Trupp unter meiner Führung ausschickst, um die Insel zu erkunden. Ich hege die Hoffnung, dass es uns gelingen wird, im Dschungel einen Hinweis darauf zu finden, in welche Gefilde uns der Sturm abgetrieben hat. Es ist durchaus möglich, dass sie bewohnt ist.“

Krug antwortete ihm nicht sogleich. Er sah ihn nur an, faltete die Hände vor dem Mund und dachte eine Weile darüber nach. Auch die anderen blieben ruhig und warteten auf seine Entscheidung.

Ohne es wirklich zu wollen, hatte Darrien der Unterredung aufmerksam zugehört und dabei seine Arbeit etwas vernachlässigt. Als es aber plötzlich still wurde im Saal, schrak er auf und beeilte sich damit, die restlichen Teller, Löffel und Kelche einzusammeln, die noch auf dem Tisch standen. Er konnte seine Aufgabe jedoch nicht gänzlich beenden, da Carnbal immer noch mit grossem Genuss ass. Etwas ratlos blieb er deshalb neben dem gewaltigen Piraten stehen, der seine tätowierten Arme auf die Tischplatte gelegt hatte und wie ein halbverhungerter Bettler Fisch, Wurst, Käse und Dörrfrüchte in sich hineinstopfte. Aber dann entschied er sich, die mit Resten belegten Silberschalen aufzuladen, denn er fühlte sich zunehmend unwohler in der Anwesenheit der Hauptleute und wollte nicht einfach reglos mitten unter ihnen verweilen.

Gerade als Darrien nach einer Platte greifen wollte, die sich vor Carnbal befand, schlug dieser mit seiner grossen Faust kräftig auf den Tisch. Der Schiffsjunge fuhr heftig zusammen und verlor beinahe das Geschirr, das er gekonnt auf seinem Arm balancierte. Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte er den Steuermann an.

„Das wird noch gegessen, du dürre Ratte!“, bellte Carnbal wütend und durchbohrte Darrien mit feurig loderndem Blick. „Lass ja deine knochigen Hände von meinem Essen, du hageres Elend, sonst erntest du einige Schläge, die du dein Leben lang nicht vergessen wirst!"

„Beruhige dich, du verfressener Wal!“, wies Krug ihn streng an, der aus seinen Gedanken geworfen worden war. „Lass den Jungen in Frieden seine Arbeit verrichten und wende dich wieder deinem Mahl zu! Und du, Darrien, begibst dich in die Ecke und wartest, bis er seinen Hunger gestillt hat. Aber ich will keinen Laut von dir hören, habe ich mich deutlich genug ausgedrückt? Störst du auch nur einmal diese Unterredung, lasse ich dich für eine volle Woche an den Hauptmast binden.“

Der Schiffsjunge nickte schüchtern und tat wie ihm geheissen. Er schritt ans andere Ende des Raumes, stellte die Teller und Kelche sorgfältig auf einer hölzernen Kommode ab und versuchte, wie ein Teil der kaum beachteten Einrichtung zu wirken.

„Nun, wie lautet dein Entschluss, Alert?“, verlangte Romehk ungeduldig zu wissen. Der bleiche Aldano mit dem vernarbten Gesicht wirkte rastlos und schien Mühe zu bekunden, still auf seinem Stuhl sitzen zu bleiben. Verdrossenheit flammte in seinen dunklen Augen auf. „Es ist mir ein Anliegen, diese Insel zu erkunden, denn sie erscheint mir ansprechend und äusserst verlockend. Und selbst wenn wir in den immergrünen Wäldern auf keine hilfreichen Spuren stossen sollten, ist es immer noch klüger, einen Versuch zu wagen, als tatenlos hier zu säumen, bis sich Dunkelheit über die Welt senkt.“ Serena und Torston stimmten ihm zu.

Der Kapitän schien aber gewisse Bedenken zu hegen, und sein Gesicht wurde noch düsterer, derweil sein Blick durch die bleiverglasten Fenster aufs Meer hinausglitt und sich in dunstiger Ferne verlor. „Ich bin mir nicht sicher, ob es wahrhaft ein kluger Einfall ist, jenes Eiland zu betreten“, gestand er versonnen. „Ein seltsames Gefühl ergreift von mir Besitz, wenn ich mir jene Insel ins Bewusstsein rufe; es ist wie ein Schatten, der sich auf mich niederlegt und mein Herz erbeben lässt – ein Schatten tiefer Beklommenheit.“

„Wie ist das zu verstehen, Onkel?“, fragte Torston sichtlich verwirrt, die rehbraunen Augen geweitet.

Krug liess sich etwas Zeit mit der Antwort, denn er schien nicht zu wissen, wie er seine Empfindungen, seine zwiespältigen und dunklen Mutmassungen den anderen verständlich machen sollte. Die Hauptleute starrten ihn allesamt schweigend und erwartungsvoll an, und selbst Carnbal hatte aufgehört zu essen und wischte sich mit dem Unterarm den verschmierten Mund ab.

„Mir fällt es schwer, Worte zu finden, die auch wirklich das ausdrücken, was ich tief in mir spüre beim Anblick dieses Eilands“, gestand er schliesslich und gab ein Seufzen von sich. „Diese Insel ist nicht wie andere. Etwas Fremdartiges und Unheimliches scheint von ihr auszugehen, wie ein unsichtbarer Nebel, ein geruchloser Odem, der einen bis ins Mark erschauern lässt. Ich fürchte, es ist kein Zufall, dass sie auf keinen uns bekannten Karten abgebildet ist. Dieses Eiland gehört nicht hierher, und mir ist, ich kann spüren, das auf ihr eine verhängnisvolle Kraft sich umtreibt, verborgen in den Tiefen jener scheinbar idyllischen Wildnis.“

„Das verstehe ich nicht“, murmelte der grobschlächtige Steuermann und kratzte sich das stoppelige Kinn. Er blickte Krug scheel von der Seite her an, als hätte dieser eben in einer unverständlichen Sprache gesprochen.

Auch die anderen schwiegen betreten und verwundert, hatten sie doch offensichtlich Schwierigkeiten, ihrem Kapitän zu folgen und seinen geheimnisvollen Äusserungen einen Sinn zu entnehmen.

Einzig Romehk schien eine Ahnung zu haben, denn seine Mundwinkel bogen sich leicht nach oben, formten ein höhnisches und verächtliches Schmunzeln. Fest ruhte sein stechender Blick auf dem breitschultrigen Mann, der sich in seinem Sessel vergraben hatte und gedankenverloren in die Leere schaute.

„Willst du ernsthaft behaupten, du glaubst an diese widersinnigen und albernen Seemannsgeschichten, die man sich in den Schänken von Ankorhafen und Port Ilbar erzählt?“, fragte er spöttisch. „Ich bitte dich, Alert, das kaufe ich dir nicht ab. Von einem gestandenen, ernsthaften Mann wie dir hätte ich weitaus mehr Vernunft und Besonnenheit erwartet. Dir sollte doch unlängst bekannt sein, dass diese Gerüchte nur der wirren Vorstellung betrunkener Idioten entsprungen sind, deren Verstand von der glühenden Sonne versengt wurde. Das ist alles nur dummes Geschwätz, nichts weiter als Märchen und Fabeln, gerade gut genug, um unerfahrene Burschen und die gepuderten Aristrokraten in ihren geleckten Palästen im Hinterland zu erschrecken. Kein wahrhafter Kapitän kann diesem Geschwafel ernsthaft Beachtung zollen, bei allen Dämonen der Verdammnis!“

„Sprich nicht in diesem Ton mit mir!“ gab Krug zurück, die Stimme fest und drohend. Sein schroffes Gesicht war zu einer unduldsamen Maske erstarrt, doch sein getrübtes Auge zuckte leicht. „Ich weiss selbst nur zu gut, dass diese Geschichten nicht der Wahrheit entsprechen können. Und doch quält mich immerfort die Frage, warum sie sich so hartnäckig halten, und weshalb sie mir seit dem heutigen Morgen nicht mehr aus dem Sinn gehen. Jedesmal, wenn ich mein Augenmerk auf die Insel lege, beschäftigen sich meine Gedanken mit diesen Ammenmärchen, die wie Gespenster aus den Tiefen meines Unterbewusstseins aufsteigen und durch meinen Kopf geistern. Es ist, als ob allein der Anblick dieses seltsamen Eilands all jene Hirgespinste heraufbeschwört, die seit vielen hundert Jahren in den Hafentavernen und Gasthäusern von Port Ilbar und Isboran bis Hjandrafall und von Kalan, über Anacca bis nach Corunasterid und Rhenas umgehen. Das kann kein Zufall sein, wenn du mich fragst.“

Romehk schüttelte nur ächzend den kahlen, vernarbten Kopf, denn er wollte nichts mehr von diesem Humbug hören. Torston andererseits zeigte dafür gleich umso mehr Interesse an dieser Angelegenheit und schien ganz Feuer und Flamme zu sein. Er lehnte sich weit über die Tischplatte, um seinem Onkel nahe zu sein, und betrachtete ihn mit hellen, leuchtenden Augen.

„Darf ich fragen, worüber ihr eigentlich redet? Ich kenne keine Geschichten, die im Zusammenhang mit einer geheimnisvollen Insel stehen. Wovon handeln sie, und weshalb scheinst du dich davor zu fürchten, Onkel?“