Verloren im Wüstensand - Peter Bur - E-Book

Verloren im Wüstensand E-Book

Peter Bur

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Beschreibung

Eila Husratep führt ein unbeschwertes Leben im Schutze der grossen Oase inmitten der weiten Sandwüste von Silem. Als Tochter der mächtigen Zauberkönigin Shakara wird sie von den lebensfrohen Bewohnern hoch geschätzt und geliebt und widmet sich seit Jahren den Mysterien der Zauberkunst. Doch das Idyll trügt, denn einmal mehr fallen räuberische Achossiaz, blutrünstige Echsenwesen aus der flirrenden Hitze des Wüstensandes, über das fruchtbare Oasenreich her und versetzen die einfachen Bewohner in Angst und Schrecken. Zudem tragen Besucher aus fremden Landen Gerüchte von Krieg und Unruhen in Eilas beschauliche Welt. Als schliesslich auch noch ein vermummter Fremder sich in ihre Träume schleicht und ihr auf rätselhafte Weise wichtige Erkenntnisse vermitteln will, beginnt für Eila ein schwieriger und aufwühlender Weg, der sie in die Arme der grausamen Echsenmenschen treibt. Dort, gefangen unter dem ewigen Sand der Wüste, beginnt sie zu begreifen, dass ihr Leben bislang nur ein schnöder Schein war und ihr die schreckliche Wahrheit vorenthalten wurde. Nun muss sie ihren Beitrag leisten, um ihr Volk vor dem Untergang zu bewahren und dabei einen finsteren Pfad beschreiten, der sie am Ende zwingt, sich gegen ihre Mutter zu stellen.

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Seitenzahl: 572

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Verloren im Wüstensand

Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Impressum

Kapitel 1

Träumend lauschte Eila der wehklagenden Stimme des Wüstenwindes, welcher ihr voller Leidenschaft ein Lied von Einsamkeit und Trauer sang. Sie hielt die Augen geschlossen und blieb reglos sitzen, während der heisse und trockene Atem der Luft sie zärtlich umschmeichelte und durch ihr dunkles Haar glitt. Einzig darauf bedacht, seinen trägen Melodien zuzuhören, die sein Selbst seit undenklichen Zeiten gebar und die seine Natur bestimmten, verharrte Eila auf dem Felsbrocken am Rande der Oase und liess ihren Geist frei in den trägen Strömungen des Windes treiben. Sie vergass alles um sich herum, denn nichts anderes war mehr von Bedeutung, weder die brennende Berührung der Sonne auf ihrer Haut, noch ihre ausgedörrte Kehle, der es nach kühlem Wasser verlangte. Für den Augenblick zählten allein die dem Wind entgleitenden Klänge, die geisterhaften Hymnen seines Wesens; nur die waren wichtig, und ihnen gehörte ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

Eilas Herz wurde schwer, als ihr alter Freund begann, von seiner wahren Liebe zu singen, die für ihn unerreichbar war, ewig verlockend und doch für immerdar fern. Seit jeher begehrte der schwermütige Westwind die trockene, verspielte Fröhlichkeit der Ostbrise, aber niemals war es ihm vergönnt gewesen, sich mit ihr zu vereinen und gemeinsam über die Dünen zu tanzen. Jahrtausende lang hatte er versucht, an sie heranzukommen, aber nie war er auch nur in ihre Nähe gelangt, denn immer, wenn er in voller Stärke über das endlose Sandmeer fegte, ruhte die Ostbrise, und erst wenn seine Kräfte nachliessen, erhob sie sich und streifte zart und leicht über die Dünen der Wüste, wobei sie Lieder von unbeschreiblicher Schönheit säuselte, die ihn tief berührten.

Eila, die mit dem Wind fühlte, war versucht, in Gedanken ihren Gefährten zu trösten. Sie, die sich manchmal auch mit dem östlichen Hauch verband, wusste, dass seine Liebe erwidert wurde, und schon oft hatte sie diese einfache, aber auch bittere Wahrheit dem Westwind zugetragen, in der Hoffnung, seinen Kummer und seine Sehnsucht zu lindern. Dennoch vermochten ihre gedachten Worte und Beteuerungen ihm keinen Trost zu spenden, da sie nichts am Wirken der Natur änderten. Beide Liebenden würden bis zum Tage der Abrechnung, wenn die Welt und alles auf ihr ein Ende fand, getrennt bleiben.

Verzage nicht, mein Freund, teilte sie dem Wind im Stillen mit, wiewohl sie sich für diese Notlüge schämte. Gib dein Bemühen nicht auf, dann wirst auch du belohnt werden, so Alchomah es will! Der Allmächtige weiss um deine Not, und da er ähnliche Qualen erdulden muss, wird er sich als gnädig erweisen, wenn du auch weiterhin wehst.

Für einen Moment gewann der Luftstrom an Kraft und fegte in heissen, leidenschaftlichen Böen über das endlose Meer aus Sand, und sein Atem verursachte eine Rauschen in den Bäumen und Sträuchern der fruchtbaren Oase, liess die Wedel, Blätter und Äste erzittern. Ein versonnenes Schmunzeln kräuselte da die Lippen Eilas, denn es war ihr eine Freude, dem alten Westwind ein wenig Zuversicht eingeflösst zu haben.

Du brauchst mir nicht zu danken, flüsterte sie in Gedanken. Dein Glück ist auch das meine, mein Freund.

Als der Strom der heissen Wüstenluft nach einer Weile allmählich etwas schwächer wurde und sich zu legen begann, wusste Eila, dass es an der Zeit war, ihren Geist aus der vertrauten Umarmung des Windes zu lösen. Gehabe dich wohl und bis bald, mein Freund, verabschiedete sie sich und entwand sich gemächlich dem empfindlichen Gefüge der Elementarkräfte und der Kraftströme der Erde, die es ihr erlaubten, mit den Winden der Welt in Kontakt zu treten und sich mit ihnen zu verbinden. Langsam öffnete sie ihre braunen Augen und erwachte aus ihrer tiefen Meditation wie aus einem erholsamen Schlaf. Ihr Körper war vollkommen entspannt, und sie atmete ruhig und gleichmässig. Ihr Herz schlug sanft im Einklang der traurigen Melodien, die noch immer in ihrem Kopf widerhallten und sie mit Wehmut erfüllten.

Ein schwerer Seufzer englitt ihrer Brust, während sie nach dem braunen Wasserschlauch aus Ziegenleder griff, der neben ihr auf dem von der untergehenden Sonne beschienenen Felsen lag. Sie führte ihn an ihre spröden Lippen und befeuchtete ihre Kehle mit dem kühlen, reinen Quellwasser der nahen Oase. Jeder Schluck liess sie vor Wonne erschaudern, bis ihr Durst gestillt war.

Wieder seufzte Eila, diesmal jedoch erfrischt und voller Genuss. Immer noch etwas benebelt von der langen Andacht, in die sie versunken war, richtete sie ihren Blick ins Himmelsgwölbe hinauf, das im Westen im Feuer der sinkenden Sonne in der Farbe glühender Kohlen loderte, über ihr und im Osten aber schon in dunkles Blau gehüllt war, das fliessend ins flammende Abendrot überging. Wie üblich waren keine Wolken vorhanden, und der Himmel war klar und endlos weit. Die hellsten Sterne waren bereits zu sehen und leuchteten silbernen Diamantsplittern gleich an der Weltenkuppel des Alchomah. Er, der Allmächtige, wachte am Tage unermüdlich über seine Schöpfung, die Welt, und verbrannte alle Frevler und falschen Götzen mit seinem gerechten Zorn – so leerten es die Heiligen Männer. Doch die Nacht gehörte seiner lieblichen Frau Karhima und ihrem gemeinsamen Sohn Ahastar.

Eila strich sich eine lange Haarlocke aus dem Gesicht und senkte den Blick, um die karge Einöde zu betrachten, die sich vor ihr bis zum Horizont und noch weit darüber hinaus erstreckte. Wohin sie auch spähte, sie sah nur gelben Sand und Staub, aufgetürmt zu mächtigen Dünen, welche im beständigen Wehen der Luft wie Wellen durch die Leere wanderten. Der einzige fruchtbare Ort in diesem Meer aus Trockenheit, sengender Hitze und Stille war die grosse Oase, welche hinter ihr gleich einer raren Blume aus jener Dürre spross. Nur hier gedieh das Leben in vielfacher Pracht und entfaltete sich zu einem grünen Garten voll üppiger Schöhnheit, gespeist vom Wasser der heiligen Quelle.

Die Legende besagte, dass Alchomah selbst an dieser Stelle Cirunas Antlitz betreten habe, um einen heiligen Mann vor dem Verdursten zu bewahren. Genau hier war der Allmächtige zum ersten Mal einem Menschen erschienen und hatte seine Gesetze erlassen, nach denen seine Kinder leben sollten. Dort, wo er in überwältigender Pracht und Herrlichkeit gestanden hatte, entsprang noch heute das reine Wasser, das diese Oase nährte.

Eila selbst schenkte längst nicht allen Geschichten und vermeintlichen Wahrheiten Glauben, die im Sah’qotab geschrieben standen, dem Wahren Buch, in welchem Seine Ewigen Gesetze festgehalten wurden, um die rechtschaffenen Menschen zu lehren und zu führen. Sie hatte sich seit ihrer Kindheit durch unzählige Bücher gewälzt und verschiedene Ansichten und Wahrheiten kennengelernt, daher war sie imstande, zu unterscheiden, zu hinterfragen und zu deuten. Trotz ihrer umfangreichen Studien der höheren Mysterien, alter Glaubensvorstellungen und anderem Wissen aber vermochte sie die Heilige Schrift in ihren Grundzügen nicht zu widerlegen, daher war auch sie gewillt, an einen Allmächtigen zu Glauben, der alles so gefügt hatte, wie es heute war. Ausserdem empfand sie die Vorstellung als beruhigend, dass jemand zwischen den Sternen und in der Weite des Himmels auch über sie und die Menschen der Oase wachte.

Ein Hungergefühl machte sich knurrend in ihrem Magen bemerkbar, und so entschloss sich Eila, ihre Habseligkeiten zusammenzupacken und ins Zeltlager im Herzen der Oase zurückzukehren. Schliesslich hielt sie sich schon seit den Mittagsstunden abseits der lebhaften Siedlung auf, und es wurde allmählich Zeit, den langen Heimweg anzutreten, bevor die Nacht gänzlich die Herrschaft erlangte. So schön und friedvoll der Wald bei Tage auch anmuten mochte, er beherbergte Gefahren, die sich im Dunkeln aus den schattigen Tiefen des Dickichts hervorwagten und gelegentlich über die einfachen und gutherzigen Menschen herfielen.

Stets beschlich Eila ein leichtes Unbehagen, wenn sie allein in der Dämmerung durch die Wildnis lief, denn sie konnte die erwachende Bedrohung beinahe fühlen, die dem Unterholz innewohnte. Doch da ihr in all den Jahren noch niemals etwas zugestossen war, hielten sie diese unbestimmten Angstzustände nicht davon ab, ihren Lieblingsort am Saum der Oase immer wieder von neuem aufzusuchen. Hier, auf dem grossen Felsfindling, in der Einsamkeit des Grenzgebietes zwischen dem endlos erscheinenden Sandmeer und dem satten, üppigen Grün des Waldes, verweilte Eila gerne, um ihre Studien der magischen Künste zu vertiefen. Nur selten verirrte sich ein anderer Einwohner der Oase hierher, daher fand sie auf dem Felsen stets ihre Ruhe und ihren Frieden. Unbehelligt vom einfachen Volk oder den grobschlächtigen Kriegern konnte sie sich ganz und gar auf den schwierigen Stoff konzentrieren, ihr Wissen vermehren und ihre Fähigkeiten ständig verbessern.

Wenn meine Mutter, die mächtige Zauberkönigin Shakara Husratep, eiserne Herrscherin der Heiligen Oase, wüsste, dass ich, ihre einzige Tochter und Erbin, mich beinahe täglich einer solchen Gefahr aussetze, würde sie wohl darauf bestehen, mir einen Trupp schwerbewaffneter Beschützer zur Seite zu stellen, der mich niemals aus den Augen liesse und mich durch seine blosse Gegenwart belästigte und vom Lernen abhielte, überlegte Eila, und verdrehte ob der Vorstellung die Augen. Glücklicherweise jedoch zeigt meine Mutter kaum Interesse an meinem Tun, und so bleiben mir die lästigen Aufpasser erspart.

Mit einem zarten Lächeln auf den vollen Lippen erhob Eila sich von ihrem Platz auf dem abgeflachten Felsen und hängte sich die lederne Tasche um die Schulter, die sie bei ihren Übungen und Studien stets bei sich trug. Das braune Bündel war unscheinbar und täuschte über seinen Wert hinweg, denn darin befanden sich einzigartige und kostbare Gegenstände, uralte Schriftrollen, Bücher und seltene Artefakte, die eine magische Wirkung entfalten konnten, wenn man sie auf eine bestimmte Weise berührte oder rieb. Allesamt stammten sie aus der reichen Sammlung ihrer Mutter, die zu den angesehensten Zauberern ihrer Zeit gehörte und deren Name noch weit über die Grenzen Silems hinaus bekannt war.

Nachdem Eila auch den fast leeren Wasserschlauch aufgehoben und den kleinen, bestickten Teppich, der ihr als Sitzgelegenheit diente, zusammengerollt und in der Tasche verstaut hatte, griff sie nach ihrem Zauberstab, der neben ihr auf der riesigen und schroffen Fläche des Felsens lag, und wandte sich schliesslich zum Gehen. Mitten in der Bewegung aber hielt sie inne und drehte sich noch einmal der weiten Leere der Wüste entgegen. Sie schloss ihre Augen und verneigte ehrerbietig das Haupt.

„Vielen Dank, mein Freund, dass ich deiner Weisheit lauschen durfte“, flüsterte sie dem Westwind zu, der nur noch schwach über die Dünen strich.

Als Antwort zerzauste eine einzelne kräftige Böe ihr lockiges Haar, und Eila lachte, denn sie verstand die liebevolle Geste des Luftzugs. „Auf ein ander Mal“, meinte sie schmunzelnd und machte sich daran, den gewaltigen Felsen hinunterzuklettern.

Sie hatte den Brocken schon dermassen oft bestiegen, dass ihr die Kletterpartie so leicht fiel wie das Anziehen. Ohne Schwierigkeiten meisterte die junge Magierin den Abstieg, und schon nach wenigen Augenblicken kam sie im Schatten des Findlings unversehrt auf dem sandigen, von Wüstengras bewachsenen Boden auf. Das Erklimmen des einsamen Felsens war für sie nach all den Jahren beinahe zu einer täglichen Routine verkommen. Sie kannte mittlerweile die einfachsten Wege um hinauf- und wieder hinunterzugelangen, obwohl sie diese erst nach einigen heftigen Stürzen in Erfahrung gebracht hatte.

Auch in dieser Angelegenheit würde meine strenge Mutter mich wohl tadeln, wüsste sie um meine Vorlieben und Tätigkeiten, überlegte Eila kurz und schmunzelte wieder. Einer Prinzessin geziemt ein solches Verhalten nicht. Nur Buben und schmutzige Strassenkinder klettern auf Felsen!

Unten angelangt, klopfte sich Eila hastig den Staub von ihren Kleidern aus edler, fein gewebter Schafswolle und zarter Seide und glättete die Falten aus ihrer Pluderhose, denn als Erbin des kleinen Reichs wurde von ihr erwartet, dass sie stets ein angemessenes Auftreten bewahrte, daher war es abträglich, wenn sie schmutzig umherlief. Zwar kümmerte sie sich kaum um all die Anstandsregeln, die das Benehmen einer edlen Frau in ihrem Kulturkreis festlegten, dennoch war ihr in den vergangenen Jahren eine gewisse Eitelkeit zu Eigen geworden, die sich manchmal mit ihren Unternehmungen nicht vertrug. Ein Grund dafür war gewisslich ihre natürliche Schönheit, die es verdiente, ein wenig gepflegt zu werden.

Eila war nicht sonderlich gross gewachsen und von zierlicher, schlanker Statur. Was ihr an Grösse fehlte, machte sie jedoch spielend mit ihrer Anmut wieder wett, die der geübter Tänzerinnen um nichts nachstand. Eila wusste ihren Körper mit der Geschmeidigkeit einer Katze zu bewegen, und ihr Lächeln mass sich mit dem Strahlen der Sonne. Das dunkle, gelockte Haar fiel ihr in luftigen Wellen über die Schultern, ein ebenmässiges, fein gezeichnetes Gesicht umrahmend. Ihre Haut war von einem zarten, hellen Braunton und makellos seidig. Ihre Augen waren gross, versehen mit langen Wimpern, und sie leuchteten wie braunes Gold aus diesem erhabenen, lieblichen Antlitz hervor.

Gekleidet war sie in vornehme Stoffe, die in Schnitt und Verzierung ihrem hohen Stand entsprachen. Eine weite grüne Pumphose mit silbrigem Saum bedeckte ihre Beine, und ein Gürtel aus klimpernden Münzen schmückte ihre Hüfte. Ihre Füsse steckten in weichen Schuhen, die goldene Nähte besassen. Dazu trug sie eine feine weisse Bluse mit bauschigen Ärmeln und darüber eine dunkle, wunderschön bestickte Weste. Unzählige dünne Reife an den Handgelenken, mehrere Ringe, filigrane Ohrgehänge und eine goldene Kette, an der eine geprägte goldene Münze hing, vollendeten das prächtige Bild einer hübschen Wüstenprinzessin.

Als Eila mit dem Säubern ihrer staubigen Gewänder fertig war, machte sie sich endlich auf den Heimweg und liess den mächtigen Felsen hinter sich, um in den düsteren Oasenwald einzutreten. Ihren Zauberstab benutze sie dabei wie einen Wanderstock, und unbeschwert summte sie ein Lied, während sie durch die grüne Landschaft spazierte.

Da es bereits sehr dunkel war, zog es Eila jedoch vor, nicht lange zu trödeln. Selten hatte sie sich zu solch später Stunde noch abseits der Zeltsiedlung aufgehalten, und deshalb schritt sie zügig voran. Meist war sie einige Stunden vor Sonnenuntergang aufgebrochen, um sich einen Marsch durch einen allzu finsteren Wald zu ersparen. Doch heute hatte sie die Zeit vergessen, was sie nun zur Eile trieb.

Es dauerte nicht lange, bis das erste Unbehagen von der jungen Zauberin Besitz ergriff. Die Schatten der Nacht sammelten sich allmählich um sie und woben die Oase in dichte schwarze Schleier. Eila war bald nicht mehr nach Summen zumute, denn sie begann zu glauben, dass die schweigende Wildnis sie beobachtete. Unruhig schweiften ihre Augen umher, das Herz pochte wild in ihrer Brust.

Über ihr blinkten die Sterne, während das letzte Licht des schwindenden Tages den Himmel in dunkles Blau tauchte. Da weder Ahastar, der Rote, noch Karhima, der grosse Silberne, sich aus ihrem Schlummer erhoben hatten, wurde es zunehmend finsterer, und mit der sich verdichtenden Dunkelheit wuchs auch das ungute Gefühl in Eilas Magen.

Obwohl die Ausläufer der Oase nur spärlich bewaldet waren, und erst wenige Palmen und Büsche den Pfad der Zauberin säumten, konnte Eila die lauernden Gefahren bereits spüren, die das nächtliche Gehölz in sich barg. Es war nur ein schwacher Hauch den sie wahrnahm, doch er reichte aus, um ihr eine Gänsehaut zu bescheren und ihre Schritte zu beschleunigen.

Während sie immer tiefer in die grüne Wildnis eindrang, gewann die Beklemmung beständig an Kraft. Wie schwarze Dornranken umschlang die Angst ihre Eingeweide, und Eila begann zu zittern. Irgendetwas stimmt nicht, das kann ich deutlich fühlen, redete sich die junge Prinzessin in ihrer Not ein. Noch nie zuvor, seitdem ich alt genug bin, um nicht länger an die Schauergeschichten der Dorfbewohner und Bauern zu glauben, habe ich mich vor dem Wald so sehr gefürchtet wie an diesem Abend. Mir ist, als ob sich mehr als nur ein wildes Tier irgendwo im Unterholz verbirgt, doch weiss ich beim besten Willen nicht, was mich zu einer solch abwegigen Annahme bewegt.

Hastig huschte sie über den sandigen Weg, ihre Beine trieben sie unermüdlich voran. Sie versuchte, ihre Angst zu schwächen, indem sie ihre Gedanken mit schönen Erinnerungen beschäftigte, doch das bedrängende Gefühl, nicht alleine zu sein, liess nicht von ihr ab.

Was nur mag der Grund für meine immense Unruhe sein?, fragte sie sich. Wird es mir heute nicht vergönnt sein, unversehrt durch die Wildnis zu gelangen? Welcher Schrecken liegt bloss im dunklen Gestrüpp verborgen, und hat er es wirklich auf mich abgesehen?

Eila hoffte inständig, dass es nur ein wildes Tier war, dessen Nähe sie spürte, denn damit würde sie noch zurecht kommen. Einen Löwen oder Schakalen könnte sie mit einem einfachen Zauber leicht in die Flucht schlagen. Anders sah es mit bewaffneten Räubern aus, die nicht so leicht zu beeindrucken und daher weitaus gefährlicher waren. Solche niederträchtigen Gesellen verschlug es gelegentlich in die fruchtbare Oase, wo sie erhofften, reiche Beute zu machen. Meist kamen diese gesetzlosen Männer von weither und durchquerten die weite Wüste auf gestohlenen Kamelen oder Eseln, um sich in den Wäldern zu verstecken und unachtsame Bewohner zu überfallen. Lange jedoch blieben diese Banden niemals, denn ihre Mutter duldete solches Gesindel nicht in ihrem Reich und sorgte dafür, dass sie schnell das Weite suchten oder ihre gerechte Strafe erhielten.

Am meisten jedoch fürchtete Eila sich vor den Achossiaz, einem Volk wilder, blutrünstiger Echsenmenschen. Schon seit jeher begehrten diese Bestien den Reichtum der Oase und versuchten, mit Überfällen die unbedarften Menschen von dieser üppigen Stätte zu vertreiben. Viele ehrbare Bewohner waren ihnen im Laufe der Jahrhunderte schon zum Opfer gefallen, und selbst die Fliegende Garde, die ruhmreiche Eliteeinheit der hiesigen Streitkräfte, hatte Schwierigkeiten, ihnen beizukommen. Wenn ich in die gierigen Krallen dieser Kreaturen geraten würde, wäre es um mich geschehen!

Die Prinzessin erschauderte beim Gedanken daran, einem dieser geschuppten und zischelnden Ungeheuer gegenüberzustehen. Sie war in ihrem ganzen Leben noch nicht einem Achossiaz begegnet, hatte jedoch zahlreiche Geschichten über diese Bestien gehört, eine furchtbarer und schrecklicher als die andere. Sie erinnerte sich nun aber an eine Begebenheit vor einigen Jahren, als sie einige Krieger aus der Ferne dabei beobachtet hatte, wie sie zwei tote Echsenwesen von dannen schleiften, um sie ausserhalb der Oase in der Wüste zu verscharren. Allein dieser Anblick hatte ihr noch viele Wochen lang schlaflose Nächte bereitet, und auch jetzt war ihr die vage Erinnerung an die riesigen Kreaturen mit ihren Klauenhänden, langen Hälsen und Schwänzen äusserst unangenehm.

Eila war mittlerweile im dichten Wald angelangt, umgeben von hohen Palmen, wuchernden Sträuchern und langen Farnwedeln, als ein lautes Rascheln im Gebüsch sie aufschreckte und sie jäh innehalten liess. Irgendetwas bahnte sich seinen Weg durch das Unterholz, und es war ganz nahe!

Verängstigt wich die Zauberin einige Schritte zurück. Mit bebenden Händen umklammerte sie ihren Stab und streckte ihn abwehrend von sich. Gleichzeitig hielt sie im pechschwarzen Dickicht nach Bewegungen Ausschau, obgleich sie kaum die eigene Hand vor Augen sah. Ihr Herz raste, und kalter Schweiss prickelte auf ihrer Stirn.

„Grosser Alchomah, bitte steh mir bei!“, wisperte sie bibbernd, indes das Blätterwerk weiterhin rauschte und knisterte. „Lass es nur ein wildes Tier sein, ich flehe dich an!“

Kaum war das Gebet über ihre bebenden Lippen gekrochen, als ganz plötzlich Ruhe einkehrte. Nichts schien sich mehr zu rühren im nahen Gehölz, und es herrschte völlige Stille.

Eila hielt den Atem an und wagte nicht, sich zu bewegen. Sie wusste, dass das fremde Wesen – was auch immer es sein mochte – sich immer noch im Dickicht aufhielt. Sie konnte seine Anwesenheit fühlen, gleich einem drohenden Schatten. Es war da, nur wenige Schritt von ihr entfernt.

Die junge Magierin biss die Zähne zusammen und kämpfte ihre Angst nieder. Sie schloss die Augen und versuchte, ganz ruhig durchzuschnaufen, wie sie es stets tat, wenn sie in Andacht versank. Sie durfte nicht in Panik geraten und musste einen klaren Kopf bewahren, denn sonst würde sie nicht fähig sein, sich gegen einen möglichen Angreifer zu verteidigen. Nur wenn sie Herrin ihres Geistes war, würde sie ihre arkanen Kräfte auch richtig einsetzen und das Gegenüber bei Bedarf mit einem Zauber abwehren können.

Noch immer war es totenstill im finsteren Wald, kein Laut, ob fern oder nah, zersetzte dieses vollkomene Schweigen, das wie ein schweres Tuch über allem lastete. Eila entspannte sich ein wenig und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Sie hatte ihre innere Ruhe endlich wiedergefunden und liess sich nicht länger von ihrer Furcht beherrschen. Mutig beschloss sie, ein wenig Licht in die Dunkelheit zu bringen, selbst wenn dies bedeutete, dass sie fortan wie ein Leuchtfeuer durch die Wildnis streifen würde. Sie hatte genug davon, blind in der Finsternis umherzuirren.

Ganz langsam führte Eila das Kopfende ihres Zauberstabes nah an ihre Lippen heran. Der geschliffene blaue Edelstein, der kunstvoll in die goldene, palmengleich geformte Zwinge eingearbeitet war, berührte beinahe ihren Mund, als sie leise das Wort Shilur flüsterte. Danach hauchte sie den Stein sanft an, worauf dieser zu glühen begann.

Ein blauweisser Schimmer durchflocht nun die alles umfangende Schwärze des Waldes und entlockte ihr schemenhafte Gestalten und Umrisse. Anfangs nur schwach, errang das Leuchten rasch eine strahlende Stärke, bis es gleissend hell die Schatten der Nacht vertrieb und tief ins Dickicht scheuchte.

Im selben Augenblick erzitterten die Büsche erneut und schüttelten sich heftig unter den Bewegungen eines grossen Tieres. Unvermutet schoss ein stolzer Gazellenbock aus der Blätterwand, sprang an Eila vorbei, die vor lauter Schreck einen Satz nach hinten nahm, und floh panisch vor der Zauberin ins Dickicht der anderen Seite.

Bei der Güte des Allmächtigen!, rief sie im Geiste aus und kämpfte um ihre Fassung.

Eila blieb noch einige Augenblicke lang zitternd stehen, während das Tier sich hastig von ihr entfernte. Ihr Herz raste dermassen schnell, dass es ihr beinahe aus der Brust hüpfte. Doch als sie schliesslich realisierte, was ihr gerade widerfahren war, erholte sie sich rasch von ihrem Schrecken und lächelte gar, ob des seltsamen Geschehens.

All diese Anspannung und Furcht bloss wegen einer harmlosen Gazelle? Eila schüttelte den Kopf, da sie nicht glauben konnte, wie närrisch sie sich verhalten hatte. Erleichtert atmete sie auf und betrachtete den Wald um sich herum, der nun im hellen Licht ihres Stabes ganz ungefährlich anmutete. Schöne Palmen jeglicher Form und Grösse wuchsen aus dem fruchtbaren Boden und bildeten mit ihren langen Wedeln einen dichten Baldachin über dem Kopf der Zauberin. Zwischen ihren Stämmen verflochten sich die Zweige und Blätter vieler Büsche und hoher Gräser zu wahren Pflanzenwänden, die nur hin und wieder von schmalen Pfaden durchbrochen wurden.

Weil sie sich wieder sicher fühlte, dämpfte Eila das magische Leuchten, indem sie mit ihrer freien Hand über den blauen Edelstein fuhr. Sie stahl dem Juwel einen Teil seiner Kraft und schloss diese in ihrer Faust ein. Ihr Stab verbreitete jetzt nur noch einen schwachen Schein, gerade genug, um den Weg vor ihr zu beleuchten.

Guten Mutes setzte sich Eila wieder in Bewegung. Sie kannte die Strecke gut, die sie ja beinahe täglich zurücklegte, und wusste deshalb, dass es nicht mehr weit war bis zur grossen Siedlung. Das Schlimmste hatte sie bereits hinter sich gebracht. Bald schon würde sich der Wald lichten und ihr einen Blick auf bestellte Felder gewähren.

Dennoch beschlich nach einer Weile erneut Ungehagen Eilas Geist, als ob das nächtliche Dunkel wieder Böses gebären würde. Die Zauberin erschauderte unwillkürlich, denn die Angst vor dem Unbekannten und den Gefahren der Wildnis fesselte von neuem ihr pochendes Herz. Zweifel erhoben sich, und unsicher runzelte sie die Stirn. Habe ich mir wirklich alles nur eingebildet, oder steckt am Ende doch mehr hinter meiner Ahnung, eine unbekannte Gefahr, verborgen irgendwo in den tiefen Schatten der Oase?

Abermals hatte Eila das beklemmende Gefühl, dass finstere Schemen und dunstige Schwärze sich in ihrer Nähe sammelten und wie Nebelschleier die Bäume umschmeichelten. Der ganze Wald schien dichter und dunkler zu sein als je zuvor; die Palmen beugten sich bedrohlich über sie, und Hände aus Blätter griffen nach ihr, in der Absicht, sie in die Wildnis zu zerren. Selbst das weiche Licht ihres Stabes schien sie kaum mehr vor der Finsternis zu schützen, die sie von allen Seiten bedrängte, gleich einer lebenden, atmenden Wesenheit.

Je länger sie sich im Waldesinnern aufhielt, desto überzeugter war Eila davon, dass etwas nicht stimmte. Wabernder schwarzer Dunst stieg aus dem üppigen Unterholz auf und schwängerte die Luft mit kalter Bosheit. Jedesmal, wenn sie einatmete, flossen winzige Fäden dieses Übels in sie hinein und vergifteten langsam ihren Verstand. Panik begann ihr Denken zu beherrschen, ihr heller Geist verdüsterte sich, bis sie nur noch wie ein stumpfes Tier um ihr Leben rennen konnte.

Gefangen im Käfig der Furcht, merkte Eila nicht, wie ihre Beine sie allmählich aus der Dunkelheit trugen. Das dichte Netzwerk aus Pflanzen und Schatten lichtete sich, der Wald wich palmenbestandenen Wiesen und Äckern, indes das purpurne Strahlen Ahastars die kühle Wüstennacht mit einem sanften Schimmer erfüllte. All dies jedoch entging der jungen Zauberin, denn ihre Augen waren blind vor Angst. Sie lief einfach weiter, immer weiter, ohne zu sehen, dass sie längst in Sicherheit war.

Erst als die Erschöpfung ihr den Atem stahl und die schmerzenden Schenkel mit Blei versah, fand Eila zu sich zurück. Das erdrückende Unbehagen liess von ihr ab, und sie gestattete sich endlich, inne zu halten. Keuchend blieb sie inmitten der weiten Felder stehen, um sich von den Strapazen zu erholen. Auf der Suche nach körperlicher und geistiger Ruhe, stützte sie sich auf ihren Stab und schloss die Augen.

Lass ab von mir, ihr schwarzen Schrecken!, forderte sie in Gedanken. Ich lasse mich von euren finsteren Einflüsterungen nicht mehr verunsichern. Ahastar wacht gütig über mich, während sein allmächtiger Vater ruht oder jenseits der Sterne die falschen Götter und Dämonen bekämpft. Ihr habt keine Macht über mich!

Eine Weile verharrte Eila reglos auf dem gewundenen Pfad und meditierte in tiefer Stille. Während sie konzentriert atmete, schüttelte sie die letzten Reste ihrer Furcht ab und befreite ihren Verstand von seinen lähmenden Fesseln. Nichts konnte ihr hier, so nahe der Siedlung, noch etwas anhaben.

„Hab Dank, oh Sohn des Grossmächtigen, dass du deine schützenden Hände in dieser Stunde der Not über mich breitetest“, flüsterte sie voller Erleichterung. Sie hob den Blick zum sternenklaren Himmel empor, um den vollen roten Mond zu betrachten, der über der Oase hing, und ein Lächeln streifte über ihre Lippen.

Auf einmal vernahm sie in einiger Entfernung eine wohlbekannte, zarte Stimme, die laut ihren Namen rief. Etwas verwundert drehte sie sich um und sah, wie eine kleine Gestalt von der Zeltstadt hinter der Anhöhe her auf sie zueilte.

„Willkommen, Dobin, mein teurer Freund! Wie sehr es mich freut, dich zu sehen!“, begrüsste sie ihn, als der junge Mann schwer atmend vor ihr zum Stehen kam. „Sag an, was treibt dich zu solcher Eile, dass du den ganzen Weg bis hierher rennen musstest, um mich aufzusuchen?“

„Ich… suche dich schon… überall, Eila. Wo… bleibst du nur, bei aller Güte Karhimas?“, erwiderte er schnaufend und bedachte sie mit einem leicht vorwurfsvollen Blick.

Die junge Magierin legte ihre Stirn in feine Falten, denn Dobins Worte und sein hektisches, nervöses Gebaren kamen ihr seltsam vor. Er schien ganz Aufgebracht zu sein, und Eila wurde das Gefühl nicht los, dass sie daran nicht ganz unschuldig war.

„Ist etwas nicht in Ordnung? Weshalb bist du auf der Suche nach mir?“, erkundigte sie sich und sah ihm dabei verwundert ins gequält wirkende Gesicht.

Dobin versteifte sich sogleich und wich ihrem eindringlichen Blick hastig aus. Verlegen starrte er auf seine samtenen Schnabelschuhe und suchte nach Worten, doch ausser einem leisen Räuspern, brachte er nichts hervor.

Eila betrachtete ihren langjährigen und besten Freund, während sie auf eine Antwort wartete. Dobin war klein, ein wenig kleiner noch als sie selbst, und von Gestalt her wirkte er wie ein junger Bursche, denn sein Leib war dünn und erweckte einen zerbrechlichen Eindruck. Sein schmales, zierliches Antlitz, das zur Hälfte von den Schatten der Nacht verdeckt wurde, wies feine, wohlgestaltete Züge auf. Er hatte grosse mandelförmige Augen, und wie Opale glänzten sie in einem hellen Braun. Zart geschwungene Brauen, die in ihrer Feinheit den kunstvollen Linien einer Malerei glichen, lagen darüber. Sein halblanges Haar war dunkel und leicht gelockt. Er trug es offen, um die spitzen Ohren, die sein elfisches Erbe verdeutlichten, unter seinen Strähnen zu verbergen.

„I-ich bin... a-ausgeschickt worden, um d-dich zu finden u-und unverzüglich in die Zeltstadt zu b-bestellen“, stammelte Dobin endlich. Er blickte auf, vermied es aber, Eila direkt anzusehen. „D-deine Mutter, Ihre K-Königliche Majestät, e-erwartet dich bereits. Sie i-ist äusserst u-ungehalten, dass d-du dich n-noch nicht in ihrem Zelt e-eingefunden hast.“

Eilas verwirrtes Stirnrunzeln vertiefte sich. Nur selten verlangte ihre Mutter danach, sie zu sehen, und dann hatte es meistens einen triftigen Grund. Doch konnte Eila sich beim besten Willen nicht ausmalen, weshalb die Königin nach ihr schickte. „Und warum lässt meine Mutter nach mir suchen?“

Dobin riss die Augen weit auf und machte ein bestürztes Gesicht. „Weisst du das etwa nicht mehr? Heute Abend findet das Treffen mit den Abgesandten des Barons von Kommorra statt. Ihre Hoheit will dich dabei an Ihrer Seite haben.“

Plötzlich fiel alles wie Sand von Eilas Augen, und mit Schrecken erinnerte sie sich daran, dass ihre Mutter vor einigen Tagen die baldige Ankunft der Botschafter angekündigt hatte. Laut stöhnte sie auf und fasste sich an den Kopf. Wie konnte ich diesen wichtigen Anlass nur vergessen?

„Das Treffen ist heute?“, ächzte sie und verzog gequält das Gesicht. „Ach, welch Elend, daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Es tut mit leid, Dobin.“

Der Elf setzte ein zittriges Lächeln auf und schien zu erröten. „B-bei mir m-musst du dich gar n-nicht entschuldigen, Eila“, meinte er schüchtern. „Ihre Majestät w-wird eine Bitte u-um Verzeihung jedoch erwarten. Sie i-ist nicht eben e-erfreut darüber, d-dass du dich verspätest.“

„Das glaube ich dir nur allzu gerne“, sagte Eila mit einem Seufzen. „Sie wird ausser sich sein vor Wut, wenn sie erfährt, dass ich den Anlass vergessen habe. Doch sprich, Dobin, wieviel Zeit bleibt mir noch, bis die Abgesandten meiner Mutter ihre Aufwartung machen.“

Wieder senkte der Elf seinen Blick und druckste einen Moment herum. „S-sie sind b-bereits in der Zeltstadt“, murmelte er. „Eine Karawane l-langte kurz v-vor Sonnenuntergang in der Siedlung an. Sie werden alsbald von Ihrer Majestät empfangen werden.“

Eila musste sich ein Fluchen verkneifen und biss sich auf die Unterlippe. Ihre Hand krampfte sich um ihren Stab aus edelstem Zedernholz, der mit Bändern aus feinstem Gold und zauberkräftigen Schriftzeichen versehen war. „Das ist nicht gut“, seufzte sie. „Das ist gar nicht gut. Ich werde es unmöglich rechtzeitig schaffen, wenn ich mich zuvor noch zurechtmachen will, was meine Mutter zweifellos erwartet.“

„E-es t-tut mir leid, E-Eila“, entschuldigte sich Dobin kleinlaut, als er ihre Verzweiflung bemerkte. „Ich h-hätte dich früher aufsuchen müssen, u-um dich daran z-zu erinnern, d-dann wäre dies a-alles nicht passiert. A-aber ich d-dachte, du...“

Die Magierin legte dem Elfen eine Hand auf die knochige Schulter und schenkte ihm ein Lächeln. „Dich trifft überhaupt keine Schuld, mein Freund. Der Fehler liegt allein bei mir, und ich werde dafür Rechenschaft ablegen müssen.“

Dobin seufzte. „Was willst du denn jetzt unternehmen?“

Eila holte tief Atem und stiess ihn mit einem Seufzen wieder aus. „Es ist ganz einfach. Ich werde ins Lager zurückkehren, mich rasch umziehen und dann vor meiner Mutter erscheinen, als wäre nichts gewesen. Vielleicht fällt mir in der Zwischenzeit noch eine passende Ausrede ein, und wenn nicht, lasse ich es eben bleiben.“ Wieder schmunzelte Eila zuversichtluch, was Dobin dazu veranlasste, seine Augen auf den staubigen Boden zu heften.

„Nur Mut, mein Freund“, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort. „Meine Mutter kann kaum noch wütender auf mich werden, als sie es ohnehin schon ist, und vor den Abgesandten wird sie sich kaum dazu erniedrigen, mich zu tadeln. Ich werde folglich frühesten morgen ihren Zorn zu spüren bekommen.“

Sie versuchte vor dem scheuen Aldano einen gefassten und unerschrockenen Eindruck zu erwecken, um ihn nicht noch weiter zu beunruhigen. Innerlich jedoch verkrampfte sie sich bei dem Gedanken, ihrer unduldsamen und gestrengen Mutter zu begegnen.

Ganz flüchtige schaute der Elf sie an. „Deine Gleichgültigkeit möchte ich haben“, stöhnte er, bevor er seinen Blick wieder senkte.

Eila wusste darauf nichts zu erwidern. Glaube mir, mein Freund, ich fürchte mich mindestens ebensosehr vor ihr, wie du. Um ihre Angst zu vertuschen, rückte sie ihre Tasche zurecht und drückte Dobin aufmunternd die schmale Schulter. „Aber nun sollten wir uns sputen, mein Lieber. Ich darf mich nicht noch weiter verspäten, wenn ich von meiner Mutter nicht als Hauptgang serviert werden will.“

Ein zittriges Schmunzeln berührte seine Lippen, dann nickte er schweigend, und gemeinsam setzten sie sich in Bewegung. Schnellen Schrittes marschierten sie auf dem breit angelegten Staubweg durch die Felder, welche zum grössten Teil mit Weizen und Hirse bepflanzt waren. Unweit vor ihnen erhoben sich einige von Palmen geschmückte Hügel und dahinter, geborgen in einer weitläufigen Talsenke, lag die Zeltstadt. Sie waren nur noch einige hundert Schritt von der Siedlung entfernt, doch da die Zeit drängte, wirkte die Strecke endlos lang.

Während sie sich in Gedanken bereits eine höfliche Entschuldigung zurechtlegte, die sie den Abgesandten von Kommorra servieren konnte, bemerkte Eila, dass Dobin neben ihr leise ein schönes Lied summte, wohl um sich zu beruhigen. Seine zarte, wohlklingende Stimme hob und senkte sich in harmonischen Akkorden und verknüpfte diese zu einer lieblichen Weise, die Eilas Seele tief berührte.

Wie so oft, wenn ihr elfischer Gefährte seine Gesangskünste zum Besten gab, geriet Eila ins Träumen, denn der verführerische Klang seiner feinen Stimme vermochte sie zu verzaubern. Ihr Geist entschwebte langsam in märchenhafte Gefilde, wo alles rein und schön war und nirgends dunkle Schatten das Leben trübten. Dobins Melodie liess Bilder in ihrem Kopf entstehen, die herrlicher kaum sein könnten. Vor ihrem geistigen Auge erschienen lichte Auenwälder und grüne Frühlingswiesen voller Blumen. Sie sah einen See, dessen blaue Wasser tausend Adamanten gleich im Glanz der Sonne funkelten, und einen Himmel, der von weissen Quellwolken geschmückt wurde. Sie selbst tanzte lachend durch das kniehohe Gras zu einem Lied, das wie seidiger Regen vom Himmel träufelte.

Eila ging so sehr in ihrer eigenen Traumwelt auf, dass sie beinahe das Zwitschern unbekannter Vögel und das Zirpen von Grillen vernehmen konnte, die den himmlischen Gesang mit eigener Musik begleiteten. Sie spürte förmlich die milde Sonne auf ihrer Haut und das Hauchen des kühlen Windes, wie er durch ihr wehendes Haar strich. Der Duft unzähliger Blumen betörte ihre Sinne, und reines Glück floss durch ihre Adern.

Nur allzu rasch jedoch verstummte Dobin, und Eila erwachte voller Sehnsucht aus ihrem süssen Traum. Ein gewaltiger Seufzer entrang sich ihrer Brust, als sie sich in der Wirklichkeit wiederfand, denn diese war längst nicht so idyllisch wie der Elfenwald ihrer sehnsüchtigen Visionen. Hier, inmitten der Oase, war sie nicht frei, und ihr Leben war an Regeln und Pflichten gebunden. Als Tochter von Shakara Husratep, der mächtigsten Frau Silems, musste sie ihrer Verantwortung nachkommen und an der Seite ihrer Mutter die Abgesandten anderer Reiche empfangen, um mit ihnen über die Geschicke der Welt zu debattieren. Für Tanzen und Lachen blieb dabei keine Zeit, denn dieser Zeitvertreib war nur dem gewöhnlichen Volk vorbehalten.

„Stimmt etwas nicht Eila?“, hörte sie Dobin besorgt fragen.

Die Zauberin hob den Blick. „Nein, es ist alles in Ordnung. Weshalb fragst du?“

„Du schienst mir seltsam abwesend, und ganz plötzlich bliebst du einfach stehen. Ich habe gedacht, du hättest es eilig.“

Eila tat ein paar Schritte und stellte sich neben Dobin, der auf der Schulter einer Anhöhe auf sie wartete. Als sie bei ihm anlangte, setzte sie ein Lächeln auf, doch dieses wirkte keineswegs fröhlich.

„Ich war in Gedanken woanders, das ist alles“, erklärte sie flüsternd. Sie sah in den klaren Sternenhimmel auf und seufzte erneut. „Ich war weit weg, fern der Oase und der trostlosen Einöde der Wüste.“

„I-ich hoffe, es w-war ein schöner Ort, a-an dem du weiltest“, bemerkte der Elf mit einem schüchternen Grinsen.

Eila schaute ihn fast traurig an. „Oh ja, er war einfach herrlich – zu schön, um wahr zu sein.“

Für einen kurzen Augenblick verharrten beide, ohne sich zu regen, und ein unangenehmes, fast bedrücktes Schweigen senkte sich über sie. Dann aber brach Dobin die Stille, indem er sich an Eila wandte. „Hörst du die Musik? Man spielt für die Gäste der Königin auf.“

Die junge Magierin schreckte hoch, denn die Worte ihres Freundes erinnerten sie wieder an ihre lästigen Verpflichtungen. „Ich muss mich sputen. Ich darf nicht länger wertvolle Zeit mit meinen Träumereien verschwenden. Komm, Dobin!“

Seite an Seite erklommen sie den Hügel, und als sie seinen Grat erreichten, nahmen auch Eilas Ohren den heiteren Klang der Schalmeien und das rhythmische Schlagen von Trommeln wahr. Unten in der Stadt herrschte eine feierliche Stimmung. Der Besuch der Botschafter von Kommorra wurde von der Bevölkerung mit einem rauschenden Fest begangen.

Während sie hastig in den breiten Talkessel hinunterstieg, liess Eila ihre Augen über die Siedlung schweifen. Einige hundert Zelte jeglicher Grösse, Form und Farbe umringten die heilige Quelle im Zentrum der Oase, und überall brannten Lagerfeuer, Lampen und Leuchter, um die sich fröhliche und ausgelassene Menschen versammelten. Musik, Gelächter und Stimmengewirr stiegen aus der Stadt auf, gleich dem Rauch der flackernden Flammen. Kinder spielten zwischen den Zelten Verstecken und tollten umher, indes die Erwachsenen sich mit Würfeln, Brettspielen und Tanz vergnügten, Wasserpfeifen schmauchten und sich an leckerem Essen und Getränken erfreuten. Das Gebell von streunenden Hunden vermischte sich ebenso mit dem Lärm der feiernden Menschen wie das gelegentliche Wiehern stolzer Pferde und das Röhren ausgeruht daliegender Kamele.

Gebäude aus Stein gab es derweil nur wenige. Am nördlichen Rand der Siedlung befand sich eine Reihe einfacher Bauten aus Lehmziegeln, die als Speicher zum Lagern von Korn und Getreide benutzt wurden. Sie waren schmucklos und standen etwas abseits in einem Hain aus Palmen. Ähnlich schlicht waren die Ställe für die feurigen Pferde der Reiterschwadronen, die in der Nähe der kleinen Bastion errichtet worden waren. Die trutzige Festung selbst war aus mächtigen Blöcken gelblichen Sandsteins gefügt und mit Zinnen geschmückt. Verschnörkelte Reliefs zogen sich kunstvoll entlang der Wehrgänge und des grossen Tors, das aus Zedernholz gefertigt war. Die Anlage thronte auf einem niedrigen Hügel über dem Westrand der Stadt und wachte über die einfachen Bewohner.

Am Auffälligsten aber war sicherlich der grosse Tempel des Einen Gottes, dessen kristallene und im Licht der Feuer schimmernde Kuppel sich majestätisch aus dem bunten Zelthaufen erhob. Er war genau über der heiligen Quelle im Herzen der Talmulde erbaut worden, denn seine mit grünem, blauem und weissem Marmor verkleideten Wände, Säulen und Architrave sollten Alchomahs Geschenk an die Menschen für die Ewigkeit bewahren. Auch seine Tore bestanden aus Zedernholz, doch waren diese zusätzlich noch mit Beschlägen aus Silber und Gold geschmückt, und wunderschöne Arabesken verzierten die oberen Gesimse.

Als Eila endlich den Stadtrand erreichte, strich sie mit ihrer Hand kurz über den blauschimmernden Stein ihres Zauberstabes und löschte damit sein zartes Glühen. Da überall Lagerfeuer brannten und beinahe jedes Zelt von Öllampen und kleinen Laternen beleuchtet wurde, benötigte sie kein weiteres Licht, um ihren Weg durch das Lager fortsetzen zu können. Zielsicher schritt sie auf ihr eigenes, herrschaftliches Zelt aus blauem Stoff zu, welches sie bereits in einiger Entfernung ausmachen konnte.

Dobin blieb die ganze Zeit über neben ihr. Ohne ein Wort zu sagen, lief er treuherzig an ihrer Seite durch die Gassen, vorbei an lachenden und tanzenden Menschen, und er trug für sie gar die schwere Ledertasche mit den magischen Gegenständen. Diese hatte er der Magierin auf der Anhöhe abgenommen, um ihr so den Abstieg zur Siedlung zu erleichtern. Dafür war sie ihm unendlich dankbar.

Eila warf einen kurzen Blick auf ihren elfischen Gefährten, der mit gesenktem Kopf über den sandigen Boden hastete. Seit sie denken konnte, hatte Dobin immer anstandslos alles getan, worum sie ihn gebeten hatte, und ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Nicht einmal hatte er sich dabei beklagt, und stets war er freundlich und zuvorkommend geblieben, gleichgültig mit welch abstrusen Bitten sie ihn auch belastet hatte. Er hatte ihr Geschichten vorgelesen, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, und sie manchmal in den Schlaf gesungen oder sie in den Armen gewiegt, um sie zu trösten, wenn sie traurig oder ängstlich gewesen war. Seine freundlichen Worte und Ratschläge hatten sie oftmals in ihrem Tun bestärkt und ihr den Willen verliehen, die arkanen Künste zu erlernen und nicht aufzugeben, wenn die schwierigen Übungen oder schwer verständlichen Theorien sie überforderten. Wenn er bei ihr war, fühlte sie sich einfach glücklich und geborgen, obgleich er nicht dafür bekannt war, stark oder mutig zu sein.

Ich muss nur wissen, dass du immerfort an meiner Seite verbleibst, solange ich dich brauche, und ich werde niemals verzagen, sprach ihr Herz voller Überzeugung. Du bist mir ein treuer Freund, dem ich alles anvertrauen kann, und ich kann mich stets auf deine Hilfe und Unterstützung verlassen.

Die Magierin unterdrückte einen Seufzer. Sie hatte Dobin so viel zu verdanken, wusste aber nicht, wie sie ihm im Gegenzug auch nur einen kleinen Gefallen erweisen konnte. Niemals in all den Jahren hatte er sich dazu erdreistet, sie um etwas zu ersuchen, und da er sehr schweigsam war, kannte sie auch seine tiefsten, verborgensten Wünsche und Sehnsüchte nicht. Obwohl sie stets viel Zeit mit ihm verbrachte, wusste sie kaum etwas über ihn, denn er sprach nur wenig über sich und scheute sich davor, ihr mehr von sich zu enthüllen. Er erachtete sich nicht als würdig genug, sie mit seinen niederen Belangen zu belästigen, dabei hätte sie alles darum gegeben, ihm auch einmal etwas Gutes tun zu können, aus Dankbarkeit und Liebe. Es schien fast, als verfügte er selbst über kein eigenes Leben und wäre als bescheidener Diener ihrer Mutter geboren worden, und diese Vorstellung erfüllte sie mit Kummer.

Wann schenkst du mir endlich genug Vertrauen, um mich teilahben zu lassen an deinen innersten Begehren und Träumen? fragte sie ihn stumm. Auch wenn ich die Tochter der Königin und Erbin ihres Reichs bin und du nur ein Bediensteter, möchte ich wissen, wie es um dein Herz bestellt ist. Auch du sollst das Recht haben, glücklich zu sein.

Versunken in Gedanken, merkte Eila nicht, dass sie bereits vor ihrem geräumigen Zelt angelangt waren, und beinahe wäre sie daran vorbeigegangen, hätte Dobin sie nicht mit einem verwirrten Ächzen auf sich aufmerksam gemacht. Aus grossen Augen sah er sie verwundert an, während er ihre Tasche vor dem verhangenen Eingang behutsam ablegte. Eila konnte als Antwort nur verlegen grinsen.

„Ich danke dir, Dobin“, sagte sie nach einem Moment des unbehaglichen Schweigens. Sie berührte ihn an der Schulter und bedachte ihn mit einem warmen Lächeln.

Deutlich spürte Eila, wie sich der Elf verkrampfte, als sie ihre Hand auf ihn bettete. Seine knochigen Wangen liefen rot an, während sein Blick dem ihrigen auswich und zu Boden glitt.

„D-du brauchst dich n-nicht zu bedanken. Ich h-habe es gern g-gemacht“, stammelte er leise. Kläglich scheiterte sein Versuch, ihr Lächeln zu erwidern.

„Dennoch bin ich dir dankbar, mein Freund. Was du für mich tust, ist nicht selbstverständlich“, meinte die Zauberin und sprach damit aus tiefstem Herzen. So gern hätte sie mehr getan, als ihm nur ein paar freundliche Worte zu schenken, doch sie wusste einfach nicht, wie sie ihm eine Freude bereiten konnte.

Dobin entzog sich zaghaft ihrer Berührung und trat einen Schritt zurück. Er hob sein Gesicht, um sie anzusehen. „I-ich sollte nun gehen und Ihrer Hoheit ausrichten, dass du bald erscheinst“, sagte er in sonderbar formellem Ton.

Eila nickte resigniert. „Ja, ich glaube, das wäre jetzt angebracht“, erwiderte sie und hob ihre Tasche vom Boden auf.

Der Elf deutete eine Verbeugung an, bevor er sich umdrehte und eilig davon ging.

Eila blieb noch einen Augenblick lang vor dem Eingang ihres prächtigen Zeltes stehen. Betrübt schaute sie ihrem Freund hinterher, der schon bald in der feiernden Menschenmenge verschwand. Ach, Dobin, sag mir, was dein Herz begehrt, und ich gebe es dir, seufzte sie in Gedanken. Dann schob sie den azurblauen Vorhang auf und schlüpfte ins Innere.

Kapitel 2

     Gekleidet wie eine Prinzessin aus den alten Märchen ihrer Heimat, schritt Eila rasch, aber dennoch würdevoll auf das gewaltige Zelt ihrer Mutter zu, das etwas einsam auf einem Platz vor dem mächtigen Tempel stand. Prächtige, filligranverzierte Öllampen, die über dem Eingangsbereich angebracht waren, warfen ihren wabernden Schein auf die schwarzen und nachtblauen Bahnen des herrschaftlichen Pavillons. Davor war ein wunderbar bestickter Teppich unter einem festlich geschmückten Baldachin ausgelegt, der die Gäste zum Eintreten einlud. Gedämpft drang Musik und Gelächter aus dem Innern, gerade genug, um Eila zu verraten, dass die Abgesandten von den Dienern ihrer Mutter bereits fürstlich bewirtet wurden.

Die junge Zauberin warf einen kurzen Blick in den Himmel, indes sie sich dem Zelteingang näherte. Einmal mehr musste sie sich ein Fluchen verkneifen, als sie erkannte, dass Karhima, der grosse silberne Mond, sich mittlerweile ebenfalls unter die funkelnde Sternenschar gemischt hatte. Der Aufgang der schmalen Sichel bedeutete nämlich, dass die Nacht schon weiter fortgeschritten war, als ihr lieb war. Viel zu viel Zeit hatte sie mit dem Ankleiden verloren, und ihre nun prachtvolle Erscheinung würde den Zorn der Königin kaum zu dämpfen vermögen.

Hastig strich sie noch einmal über ihr fliessendes und silberbesticktes Gewand aus edelster Seide und rückte das mit Juwelen verzierte Diadem zurecht, bevor sie unter dem Baldachin des Eingangsbereiches verhielt, wo zwei bewaffnete Soldaten in ihren herrlichsten Uniformen Wache hielten. Sie waren angetan mit weiten Gewändern aus feinstem Tuch, versehen mit reichen Stickereien, dazu weissen Pumphosen, schwarzen Stiefel und prächtig gewickelten Turbanen, die mit blauen Federn und einem Halbedelstein geschmückt waren.

Die beiden Männer – grosse, kräftige Krieger mit stolzen Augen und bärtigen Gesichtern – begrüssten die Prinzessin höflich mit einer Verbeugung, als sie ihrer Schönheit ansichtig wurden. Nur zu gerne gewährten sie ihr Einlass und teilten für sie den schweren Vorhang. Eila bedankte sich mit einem Nicken, dann trat sie in erhabener Haltung an ihnen vorbei und schlüpfte durch die Öffung hinein.

Sogleich jedoch musste sie wieder innehalten, denn die drückende Hitze, die im Innern des Zeltes vorherrschte, fegte ihr mit der Gewalt eines Sturmwindes entgegen und zwang sie, einen Moment zu verharren. Etwas benommen, versuchte Eila die schwere, von tausenden Gerüchen geschwängerte Luft einzuatmen, doch im ersten Augenblick fiel ihr dies nicht leicht, und ihr wurde ein wenig schwindelig. Keuchend sah sie sich im Heim ihrer Mutter um, das mit leiser Musik, unzähligen Stimmen, Gelächter und herzhaft duftenden Rauchschwaden angereichert war.

Der weitläufige Innenraum des königlichen Zeltes war über und über mit erlesenen Stoffen und Tüchern behangen, welche die mächtigen Stützpfosten hinter ihrer fein schimmernden Farbenpracht verbargen. Wie die Wände eines Hauses trennten die Samt- und Seidenlaken die Wohnfläche in einzelne Räume und Bereiche auf, die wiederum mit antiken Möbeln, kostbarer Einrichtung und verzierenden Gegenständen in einer verschwenderischen Fülle ausgestattet waren. An goldenen Ketten baumelten unzählige Öllampen von der schwarzen Decke, und manche davon verströmten einen betörenden Duft nach Blüten und seltenen Gewürzen. Der sandige Boden war dick mit wertvollen Teppichen ausgelegt, für die fremde Fürsten ein Vermögen ausgeben würden, nur um sie an die Mauern ihrer Paläste hängen und bestaunen zu dürfen. Die Läufer waren reich mit Mustern versehen und in mehreren Lagen übereinandergelegt. Grosse Kohlefeuerbecken auf fein ziselierten Füssen tauchten das Zeltinnere in ein wohliges warmes Licht.

Eila, die noch immer von einer wahren Flut von Sinneseindrücken überschwemmt wurde, bemühte sich, das Schwindelgefühl zu verwinden und sich allmählich wieder zu sammeln. Bedächtig liess sie ihre Augen umherschweifen, denn überall gewahrte sie zahlreiche Schatten, die über die von den Flammen beleuchteten Stoffbahnen tanzten. Dumpfes Stimmengewirr und unbefangene Melodien erfüllten die stickige Luft wie ein dicht verwobenes Netz aus Lauten und melodischen Klängen. Doch hier, im Eingangsbereich, hielten sich nur einige Wachen der königlichen Garde auf, die den Festlichkeiten im Hauptraum nicht beiwohnen durften. Wie die Männer vor dem Zelt, ehrten sie die Zauberin mit eleganten Verbeugungen.

„Seid willkommen, Prinzessin Eila!“, verkündete plötzlich eine kräftige Stimme, die der Magierin nur allzu bekannt war. „Wir alle haben Eure Ankunft sehnlichst erwartet, doch wie ich nun sehe, hat sich unsere Geduld mehr als gelohnt.“

Eila lenkte ihr Augenmerk auf den Sprecher, der vor ihr stehen blieb, und zwang sich ein freundliches Lächeln auf die geschmickten Lippen. Der junge Mann seinerseits verneigte sich ausladend, wobei er aber seine dunklen, begehrlichen Augen nicht von ihr abwandte. Er trug die blau-weisse Uniform der Streitkräfte, doch die Säume des knielangen Gambesons war mit reichen Stickereien aus Gold- und Silberfaden verziert, die seinen hohen Rang kennzeichneten. Seine schwarzen Stiefel glänzten im Licht der Feuerbecken, genau wie das breite Krummschwert mit dem vergoldeten Heft und dem Juwel im filigranverzierten Knauf, das in seiner gewickelten Schärpe steckte. Der weisse Turban, der seinen Kopf krönte, war mit einer blauen Feder geschmückt, und eine funkelnde Edelsteinspange hielt diese an der Stirn fest.

Tariq ibn Hasraban, der Hauptmann der hiesigen Reitertruppen, richtete sich wieder auf und grinste Eila unverhohlen an. Er war ein schneidiger, junger und überaus tatkräftiger Mann, nur wenige Jahre älter als sie und von durchaus ansprechender Gestalt. Doch Eila hatte nie viel für ihn übrig gehabt, denn sie erkannte in ihm einen hochmütigen, forschen und fast schon abstossenden Zeitgenossen.

Da der Anstand es so verlangte, senkte die Magierin kurz ihr Haupt, um die Begrüssung zu erwidern. Wäre es jedoch nach ihr gegangen, hätte sie den Kämpfer kaum eines Blickes gewürdigt. Am liebsten wäre sie einfach rasch an ihm vorbeigeschritten, ohne ihm Beachtung zu schenken.

„Ich hoffe, Ihr nehmt es mir nicht übel, wenn ich Euch voller Bewunderung sage, dass Ihr heute Abend einmal mehr äusserst zauberhaft und liebreizend ausseht, Eure Hoheit. Allein Euer atemberaubender Anblick entlohnt uns alle tausendfach für die Zeit, in der wir auf Euch gewartet haben“, meinte Tariq mit einem breiten Grinsen im schmalen Gesicht.

Eila stöhnte innerlich auf, liess sich äusserlich aber nichts von ihrer Missgunst anmerken. Sie konnte sein selbstgefälliges, überhebliches Auftreten nicht ausstehen und wehrte seine Versuche, sie für sich zu gewinnen, konsequent ab. Allein die Vorstellung, sich von ihm berühren zu lassen, liess ihren Magen sich verkrampfen und bescherte ihr kalte Schauder. Die blumigen Worte aus seinem Mund und sein stolzes Gehabe mochten auf manche unbedarfte Frauen betörend wirken, doch bei ihr fruchteten seine Schmeicheleien nicht. Sie kannte ihn zu gut, um auf sein gekünsteltes Benehmen hereinzufallen. Schon oft genug hatte sie erlebt, wie abschätzig er sich einfachen Bürgern gegenüber verhielt und mit welcher Grausamkeit er gegen Diebe und kleine Verbrecher vorging. Er genoss es richtiggehend, Autorität auszuüben, und stets strebte er nach mehr Macht, Ruhm und Ansehen. Schon als Junge hatte er es genossen, Schwächere zu misshandeln, und diese verachtenswerte Neigung schien in den letzten Jahren noch stärker geworden zu sein.

„Ihr seid zu freundlich, Hauptmann“, erwiderte Eila höflich und lächelte matt. „Ich hoffe nur, dass die hohen Gäste meiner Mutter Eure Ansicht teilen und mir meine Unpünktlichkeit grosszügig vergeben.“

„Daran hege ich keinen Zweifel, Euer Hochwohlgeboren“, liess Tariq geschmeidig verlauten. „Sobald sie Euch zu Gesicht bekommen, wird ihr Ärger im mondgleichen Schein Eures bezaubernden Antlitzes verblassen und verdorren und sich in Wohlgefallen auflösen, das könnt Ihr mir glauben.“

„Dann verlasse ich mich auf Eure Ansicht, Hauptmann, und werde nun ohne Furcht den hehren Abgesandten gegenübertreten“, meinte Eila kühl.

Tariq neigte förmlich den Kopf. „Ist es mir erlaubt, Euch durch die Menge zu führen, Euer Hoheit?“

Eila verzog kaum merklich ihren Mund. Eher würde ich einem Kamel gestatten, mich zu küssen. „Euer Angebot ehrt mich, Hauptmann, doch ich glaube, es wird nicht nötig sein, mich zu begleiten. Ich werde schon allein zurecht kommen. Ihr braucht Euch wirklich nicht zu bemühen“, antwortete sie sittsam.

Das Lächeln auf Tariqs Lippen blieb vorhanden, als er ihr mit einer Verbeugung aus dem Weg trat. Dennoch konnte Eila erkennen, wie sehr ihn ihre Zurückweisung kränkte. Seine Augen funkelten zornig, aber er wagte es nicht, sich zu empören.

„Wie Ihr wünscht, Majestät“, sagte er noch, während Eila bereits gemächlich an ihm vorbeiging, den Blick starr geradeaus gerichtet.

Zufrieden verbarg die Prinzessin ein Schmunzeln hinter ihrem erhabenen Gesichtsausdruck, der keine Emotionen duldete. Es bereitete ihr eine gewisse Genugtuung, Tariqs übermächtigen Stolz mit einem freundlichen Desinteresse an seiner Gegenwart zu verletzen. Er hat nichts weniger verdient, war sie überzeugt.

Nach einem kurzen Marsch durch die abgetrennten Gänge, gelangte Eila endlich in den Hauptraum des riesigen Königspavillons, wo die Abgesandten aus Kommorra nach althergebrachten Sitten und Gebräuchen fürstlich verwöhnt wurden. Alles, was die Oase an Unterhaltung, Spektakel und Genüssen zu bieten hatte, wurde den zahlreichen Gästen im Überfluss zugestellt und serviert. Während die fremden Soldaten – allesamt wüste, ungehobelte und dunkle Gesellen, ungewaschen und staubig, die in schwarzes Leder, Eisen und stinkenden Wollstoff gekleidet waren – es sich im Meer der seidenen Kissen und schönen Teppiche am Boden gemütlich machten, lasen ihnen die herausgeputzten Diener der Königin jeden Wunsch von den Lippen ab. Edler Dattelwein wurde ihnen aus silbernen Karaffen eingeschenkt und in juwelengeschmückten Kelchen kredenzt, daneben wurden verschiedenste köstliche Speisen und seltene Spezialitäten auf silbernen Tellern und Schüsseln dargereicht. Leichtbekleidete Mädchen führten zum Vergnügen der rauen Männer Bauch- und Schleiertänze auf, indes Spielleute mit ihren Instrumenten wunderbare Weisen in die verrauchte Luft zauberten. Es wurde gelacht, gesungen und gefeiert.

Inmitten des ausgelassenen Getümmels erblickte Eila auch einige bekannte Gesichter. Ganz in ihrer Nähe unterhielt sich Chadif al Ambra, der Hauptmann der legendären Fliegenden Garde, mit einem offenbar hochrangigen Mitglied der Truppen aus Kommorra. Wie Tariq trug auch der bärtige Chadif einen knielangen blauen Gambeson und weisse Pumphosen, während der Fremde – ein grobschlächtiger Kerl mit pockennarbigem, harschem Gesicht, strohigem Haar und düsterem Blick – in einen schwarzen Lederrock und einen dunklen Umhang gehüllt war. Beide begrüssten die Prinzessin stumm aus der Distanz.

Des Weiteren erkannte Eila den Wesir des Oasenreichs, Khemal ur Bennaran, der soeben einen tolpatschigen Diener zurechtwies und ihm mit wilden Gesten zu verstehen gab, wie wichtig der heutige Anlass für ihr kleines Reich war. Der grauhaarige, hagere Mann in den langen, farbigen Gewändern bemerkte Eila nicht, was die Zauberin nicht weiter störte.

Eila, die in einer Ecke des Raumes, nahe einem glosenden Kohlebecken, stehen geblieben war, liess ihren wachen Blick weiterhin durch die Ansammlung feiernder Menschen gleiten und wurde schliesslich ihrer hohen Mutter gewahr. Shakara Husratep sass stolz und gebieterisch auf ihrem Thron aus dunklem Holz am hinteren Ende des überfüllten Raumes. Ein Baldachin aus feinster schwarzer Seide wölbte sich über ihrem Sitz, und zwei gewaltige Kämpfer mit nackten, muskelschwellenden Oberkörpern weilten hinter dem mächtigen Sessel im Schatten und bewachten die Königin. Beide stützten sich auf breite, furchteinflössende Krummsäbel aus Damaszenerstahl, die beinahe so lang waren wie Eilas Zauberstab.

Eila hielt unwillkürlich den Atem an, als die smaragdgrünen Augen ihrer Mutter plötzlich auf sie fielen, und sogleich kroch ein kalter Schauder auf eisigen Krallen über ihren Rücken und ihr Magen verknotete sich. Wie ein vergifteter Speer schoss Shakaras Blick zielgerichtet durch das Gewimmel und durchbohrte ihre Tochter mit erbarmungsloser Härte. Eila erstarrte an Ort und Stelle, gefangen im Bann ihrer Mutter Augen. Der Fluss der Zeit schien auf einmal zu versiegen, und endlos lange blieb die Aufmerksamkeit der Königin auf ihr ruhen. Eila, die sich dem Starren nicht zu entziehen vermochte, glaubte in tiefster Finsternis zu versinken, und ein Gefühl von Panik griff nach ihrem Herzen und schnürte ihr die Kehle zu.

Allein mit ihrem vernichtenden Blick vermag meine Mutter mir tausendmal mehr Angst zu machen als ein wilder Löwe, schoss es Eila durch den Kopf. Ich bin längst zur Frau erblüht, doch in ihrer Gegenwart fühle ich mich noch immer wie ein kleines Mädchen.

Dann endlich rührte sich Shakara, nickte ihrer Tochter über die ausgelassene Menschenmenge hinweg zu und drehte sich einem Gast entgegen, der neben ihr unter dem ausladenden Seidenhimmel weilte.

Befreit entliess Eila die angestaute Luft in einem Seufzen und strich mit zitternden Händen durch ihr langes, gepflegtes Haar. Ihr Herz hämmerte gegen das Brustbein, so gross war das eigige Grauen, das Shakaras Blick hinterlassen hatte. Mühsam rang die junge Zauberin um ihre Fassung. Sie musste sich beruhigen, bevor sie den hohen Gästen gegenübertreten konnte.

Ich habe mir schon genug Ärger und den Unmut meiner gestrengen Mutter eingehandelt, weil ich zu spät erschienen bin, da will ich vor den Abgesandten nicht noch weiter in Ungnade fallen, indem ich mich wie ein verschüchtertes Mädchen aufführe, machte sie sich Mut.

Nach einigen tiefen Atemzügen und leise gesprochenen Gebeten, fand Eila ihre Beherrschung wieder. Sie richtete ihren Rücken gerade, setzte sich das Gesicht einer gleichmütigen und fürstlichen Statue auf und bahnte sich geschmeidig einen Weg durch die feiernde Menge. Diener wichen demütig und unter Verbeugungen vor ihr zurück, während die fremden Kämpfer, an denen sie leichtfüssig vorüberglitt, ihr voller Staunen nachschauten und sich hinter ihrem Rücken anzügliche Bemerkungen in ihrer ungepflegten Sprache zuraunten. Ein jeder von ihnen hielt in seinem Tun inne, um die Prinzessin der Oase zu bewundern, die mit ihrer hoheitsvollen Anmut selbst die aufreizenden Tänzerinnen an Schönheit übertraf.

Schliesslich langte Eila vor dem Thron ihrer Mutter an und verhielt, ohne ein Wort zu sagen. Shakara, gewandet in eine weite Robe aus schwarzem und dunkelblauem Seidenbrokat, deren schwere Falten wie ein schimmernder Wasserfall über die vergoldeten Armlehnen flossen, und eine bauschige Kopfbedeckung, unter welcher sie ihr angegrautes, nachtschwarzes Haar versteckte, deutete mit einer schlanken Hand auf die junge Magierin.

„Seht her, Ihr edlen Botschafter aus fernen Landen! Dies ist meine Tochter, Eila Husratep, Erbin meiner Macht und meines Reiches“, verkündete die Königin, an die beiden Abgesandten an ihrer Seite gewandt.

Eila blieb ruhig stehen, indes die hohen Gäste sich von ihren Lagern aus weichen Kissen erhoben und sie neugierig betrachteten. Auch Shakara richtete den gestrengen Blick wieder auf ihre Tochter. Ihr hageres, faltiges Gesicht, das von einer gebogenen Nase und scharfgeschnittenen, harten Zügen beherrscht wurde, zeigte keine Regung. In ihren Augen jedoch, verborgen hinter dem grünen Glanz, flackerte ein dunkles Feuer, das wie Eis auf Eilas Haut brannte.

„Meine Tochter“, begann die Königin mit einer Stimme, die kalt und lieblos war, gleich der frostigen Luft des hohen Nordens, „darf ich dir die Abgesandten der Grossbaronie Kommorra vorstellen? Die hochwohlgeborene Dame zu meiner Linken ist Viartul von Kardek, ihres Zeichens Botschafterin des Reichs. Seit vielen Jahrzehnten schon vertritt sie erfolgreich die Interessen ihrer Herren in anderen Ländern und Reichen.“

Eila verneigte ihren Kopf vor der Botschafterin, die ohne Freude lächelte. Sie war eine dürre alte Frau, kaum mehr als Knochen und runzlige, spröde Haut. Ihr langes, seidenfeines Haar, das ihr in lichten Strähnen vom verschrumpelten Haupt fiel, war schlohweiss, und ihr ausgemergeltes, hohlwangiges Gesicht, das an einen verfallenden Totenschädel erinnerte, war bleich wie das Antlitz einer aufgebahrten Leiche. Aus tiefen, dunklen Höhlen blickten zwei stahlgraue Augen Eila forschend an.

„Seid mir gegrüsst, Tochter der Shakara“, murmelte Viartul mit heiserer, brüchiger Stimme, kaum mehr als ein Krächzen, wobei sie ihre dünnen, blutleeren Lippen kaum bewegte. Die Hände verbarg sie, während sie sprach, in den weiten Ärmeln ihrer schwarzen Kutte.

Eila war nicht fähig, etwas zu erwidern, denn ein Unbehagen nagte an ihren Eingeweiden und säte Angst in ihr heftig pochendes Herz. Diese Frau, Gast im Hause ihrer Mutter, wirkte mehr tot als lebendig. Ein Hauch von Verwesung schien von ihr auszugehen, und etwas Dunkles und Altes lauerte hinter ihrem eindringlichen Blick – etwas, das sich falsch und widernatürlich anfühlte und Eila frösteln liess. Die Prinzessin musste sich zusammennehmen, den schauerlichen Anblick der Greisin zu ertragen und nicht schreiend das Weite zu suchen.

„Bei dem Herren zu meiner Rechten“, fuhr die Königin plötzlich fort und riss Eila aus ihrer Starre, „handelt es sich um den edlen Ilthar Manaran aus Aracos, der Hauptstadt Kommorras. Er ist der Hofmagier des jungen Barons und dient ihm als Berater und Vertrauter.“

Noch etwas verwirrt von Viartuls unheimlicher Ausstrahlung, wandte sich Eila dem fremden Zauberer zu, der sie mit einem freundlichen Schmunzeln bedachte. Seine strahlend blauen Augen, die im Licht der Laternen schillerten, wirkten sehr beruhigend auf sie, und Eila entspannte sich.

„Bei den wahren Herren der Welt, nun endlich ist mir die Wonne vergönnt, der zauberhaften Prinzessin der Oase zu begegnen, deren unvergleichliche Schönheit und Anmut selbst in unseren fernen Landen in blumigen Versen gepriesen wird“, tat Ilthar seine Bewunderung kund und näherte sich Eila. „Und wahrlich, ich muss gestehen, Euer Liebreiz lässt den Glanz der Sterne verkümmern.“ Er nahm ihre Hand, beugte sich vor und küsste diese sanft.

„Ihr seid zu freundlich, mein Herr“, erwiderte Eila leicht erregt. Sie wusste nicht warum, doch dieser fremde Mann liess ihr Blut flammend werden. Schon oft hatte sie Männer solch höfliche Worte sprechen hören, aber niemals zuvor hatte sie sich daran erfreut oder sich geschmeichelt gefühlt. Seine Galanterie jedoch liess sie erröten und verwandelte ihre Knie in morsche Pfosten. Liegt es an seiner warmen Stimme oder an seiner angenehmen Gestalt?

Ilthar Manaran war ein Mann in mittleren Jahren, grossgewachsen und von schlanker, angenehmer Statur. Sein Gesicht besass ebenmässige Züge, und feine Fältchen um Augen und Mund zeugten von einer gewissen Lebenserfahrung. Sein langes rabenschwarzes Haar, das er offen trug, glänzte ölig und gepflegt im unsteten Feuerschein. Er war in ein weites nachtblaues Gewand gehüllt, welches elegant um seinen würdevoll anmutenden Leib fiel und mit arkanen Symbolen bestickt war, die silbrig funkelten. In seiner linken Hand hielt er einen Stab aus schwarzem Ebenholz, der ebenfalls von Girlanden magischer Zeichen geschmückt wurde und als Krone einen von ziselierten silbernen Schlangen umwundenen Saphir trug. An seinen dünnen Fingern trug er einige kostbare Ringe.

Eila starrte den Magier verträumt an und verlor sich in seinen hellen Augen, die reglos auf ihr ruhten. Sie umschmeichelten ihren Körper wie die zarten Hände eines Liebhabers, tauchten in sie ein und liessen ihre Seele in einem Wohlgefühl erschaudern. Es war das erste Mal, dass sie es genoss, von einem fremden Mann so lange und eingehend betrachtet zu werden, denn nichts unangenehmes war in seinem Blick, nur die tiefe Wärme eines gütigen Herzens.

Auf einmal aber zerrte die Stimme ihrer Mutter sie grob in die Wirklichkeit zurück, und Eila wurde erneut von einem leichten Schwindelgefühl heimgesucht.

„Da meine säumige Tochter sich endlich dazu herabgelassen hat, unserem Treffen beizuwohnen, können wir uns nun geruhsam und ohne Sorge an dem reichen Mahle erfreuen, das meine emsigen Bediensteten uns bereitet haben“, sprach Shakara. Ganz flüchtig funkelte sie Eila zornig an, bevor sie einige ihrer Untergebenen mit kleinen Handzeichen zu sich beorderte. „Ich bitte euch, nehmt Platz und lasst es euch schmecken.“

Rasch entledigte sich Eila ihrer Benommenheit, indem sie den Kopf schüttelte. Dann sah sie die Abgesandten an und hob eine Hand, denn es verlangte sie danach, sich zu entschuldigen.

„Haltet ein, Ihr edlen Botschafter; nur für einen Moment, ich bitte euch!“, flehte sie, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Viartul, Ilthar und selbst ihre Mutter schenkten der Prinzessin ihr Augenmerk.

Eila holte kurz Luft, ehe sie sprach: „Bevor wir uns Speis und Trank hingeben, möchte ich euch allesamt in aller Ergebenheit um Verzeihung bitten. Ich habe euch warten lassen, und das geziemt sich nicht. Ich war vertieft in meine Studien und vergass dabei die Zeit. Bitte übt Nachsicht mit mir und vergebt mir diesen Fehltritt.“

Shakara würdigte die Entschuldigung ihrer Tochter keiner Reaktion. Unverändert verharrte ihr Gesicht in einer kalten Miene, als ob es in Granit gemeisselt wäre. Auch Viartul tat Eilas Worte als belanglos ab und liess sich steif neben der Königin nieder, ohne etwas zu erwidern. Einzig Ilthar lächelte die junge Frau an und neigte das Haupt leicht zur Seite.

„Unnötig ist es, uns um Verzeihung zu bitten wie eine niedere Magd, Prinzessin Eila“, meinte er freundlich. „Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass Bücher und alte Schriften den Geist eines Menschen in Ketten legen und für Stunden in ihren Bann ziehen können. Die Zeit verliert infolgedessen an Bedeutung und verrinnt wie ein sprudelndes Bächlein, während sie bei anderen Gelegenheiten oftmals wie ein träger Fluss ebdlos dahinmäandriert. Zudem muss ich gestehen, dass es mir wert war, auf eine so bezaubernde Dame zu warten.“

Eila spürte, wie abermals heisses Blut ihre Wangen erröten liess, und sogleich senkte sie den Blick, denn aus ihr unbekannten Gründen konnte sie dem Zauberer nicht für längere Zeitt in die Augen sehen. Sie fühlte sich in seiner Gegenwart irgendwie seltsam, kam sich klein, linkisch und überaus dümmlich vor in der strahlenden Kraft seiner einnehmenden Aura.

Ich muss mich beherrschen!, schalt sie sich im Stillen, ohne sich äusserlich etwas anmerken zu lassen. Ich bin längst kein unbedarftes, kleines Mädchen mehr, sondern eine erblühte Frau, Erbin meiner Mutter, und ich muss meine Würde bewahren!

Etwas unbeholfen liess sich Eila zu Füssen ihrer Mutter nieder und betrachtete von dem behüteten Platz aus das wilde Treiben im Raum. Immer noch herrschte eine ausgelassene Stimmung, was das ständige Gelächter deutlich belegte. Zahlreiche hübsche Tänzerinnen betörten mit ihren Reizen die fremden Soldaten; sie bewegten sich anmutig zu den Klängen der Spielleute, während die meist grobschlächtigen Kerle ihre Sinne im Wein ertränkten und sich mit dem würzigen Qualm der Wasserpfeiffen betäubten. Einige von ihnen waren aufgestanden und tapsten nun ungelenk umher, im Glauben, elfengleich über Blumenwiesen zu tanzen. Doch ihre erbärmlichen Darbietungen ernteten nur lauthals Spott von Seiten ihrer Kameraden.

Eila war das ganze Gebaren zuwider, und sie war heilfroh, als die Diener ihr endlich das Mahl auf goldenen Tellern servierten. Schon lange nämlich klagte ihr Magen, und der Duft der Speisen schürte ihren Hunger.

„Mmmh, vorzüglich!“, liess Ilthar verlauten, nachdem er eine Gabel voll gekostet hatte. „Selten zuvor ass ich so gut gewürztes Fleisch und solch köstlich zubereitete Bohnen. Wahrlich, ihr Silemer versteht euch darauf, euer Essen zu verfeinern.“

„Habt Dank für Euer Lob, gelehrter Herr“, entgegnete Shakara kühl. „Ich werde meinen Köchen ausrichten, dass Euch die Speisen munden.“

Der Magier nickte nur und spülte den nächsten Bissen mit einem Schluck Dattelwein herunter.

Für eine Weile trat Schweigen ein unter dem dunklen Seidenhimmel. Nur der Lärm des gemeinen Volkes hielt weiterhin an und schien sich gar noch zu verstärken, je länger die Festlichkeiten anhielten. Eila jedoch kümmerte sich wenig um das ausschweifende Geschehen im Zelt. Ihre gesamte Aufmerksamkeit galt dem köstlichen Mahl aus herbem Hammelfleisch, pürierten Bohnen, Gemüse, Früchten und warmem Fladenbrot, das ihren Gaumen verwöhnte und ihren Magen besänftigte. Auch sie empfand die Speisen als ausnehmend gut.

Schliesslich, nachdem sie zweimal um einen Nachschlag gebeten hatte, war Eila satt und streckte sich leise ächzend auf den weichen Kissen zu Füssen des Holzthrons ihrer Mutter aus. Müde und erschöpft schloss sie kurz die Lider, um ein wenig vor sich hin zu träumen, indes die Königin routiniert, aber ohne jegliche Leidenschaft das Gespräch mit den Abgesandten suchte.

Doch kaum war Eilas Geist in fremde Sphären abgedriftet, als ganz plötzlich ein unangenehmes Gefühl sich ihrer bemächtigte. Eisige Ströme flossen durch ihren ganzen Körper, und liessen sie schaudern. Ihre Eingeweide verknoteten sich zu einem harten, schwarzen Klumpen, und spitze Krallen schienen das Mark aus ihren Knochen zu schaben. Erschrocken schlug sie die Augen auf und blickte in das eingefallene, totenbleiche Gesicht Viartuls, die sie schweigend von ihrem Platz aus beobachtete.

Völlig verstört erwiderte die junge Zauberin das Starren, aber je länger sie die Botschafterin betrachtete, desto stärker wurde der beklemmende Griff der Furcht, der ihr die Luft abschnürte. Ihr Blut stockte, wie wenn es in den Adern gefroren wäre, und ihr Herz schlug heftig gegen ihr Brustbein.

Dann lächelte Viartul auf einmal, ohne dass ihre Lippen sich teilten. Sie lehnte sich zurück in die Schatten unter dem Baldachin und griff nach einem grossen, filligranverzierten Goldkelch, um daraus zu trinken. Ihre aschfahlen Augen entliessen die Prinzessin und wandten sich der Königin zu.