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Die dampfenden, ewiggrünen Dschungelwälder Khoromes sind die Heimat der Calpire, eines Volks athletischer Katzenmenschen, die ein Leben als Jäger und Waldläufer führen, abseits der Koflikte der Menschen und anderen Völker Cirunas. Doch auch ihr Leben wird bestimmt von Kampf und Hader, denn die verschiedenen Stämme machen sich den Überfluss der Wälder gegenseitig streitig. Einer der blutigsten und erbittertsten Fehden wird zwischen den Nachbarstämmen der Xartorsh und der Torkar geführt. Axis, der rebellische Häuptlingssohn der Xartorsh aber sucht den Frieden, denn er hat sich in die Häuptlingstochter der Torkar, Maryla, verliebt und möchte mit ihr gemeinsam ein Leben führen. Doch ihre junge Liebe wird immer wieder auf eine harte Probe gestellt, denn nur wenige teilen ihre Ansicht, dass ein anhaltender Friede zwischen den Stämmen möglich ist. Während Axis und Maryla mit ganzem Vermögen die ihren von der Wahrheit zu überzeugen versuchen, um endlich zueinander zu finden, dringen neue, unbekannte Mächte von ausserhalb in die unberührte Natur ein und hinterlassen nur Tod und Verwüstung. Überzeugt, in dieser Bedrohung, die alle Stämme gleichermassen betrifft, endlich einen Grund gefunden zu haben, ihre verbitterten Eltern zu einer Waffenruhe und einem Büdnis bewegen zu können, gehen Axis und Maryla grosse Wagnisse ein, die sie beide in arge Nöte bringt. Doch der Konflikt scheint sich durch skrupellose Kriegshetzer in beiden Reihen eher noch anzuspannen und in ein blutiges Gemetzel zu münden. Zugleich offenbaren sich die Eindringlinge als blutrünstige Kreaturen, die in der Tat die Vernichtung der Calpire im Sinn haben. Axis und Maryla stehen vor einer schweren Prüfung, die sie unmöglich allein bewältigen können. Doch wer in ihren Reihen ist bereit, ihnen zu helfen, um das Verhängnis abzuwenden?
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Seitenzahl: 574
Veröffentlichungsjahr: 2018
Goldene Sonnenstrahlen brachen glitzernd durch das Blätterdach des Waldes und zauberten einen herrlichen Glanz auf das nasse Grün des Unterholzes. Wie Lanzen aus feinster Seide fiel das Tageslicht vom tiefblauen Himmel hernieder, der beinahe gänzlich vom dichten Geflecht der sich überlagernden Baumkronen verdeckt wurde. Nur einzelne Fäden des funkelnden Scheins vermochten den tröpfelnden Baldachin aus Laub und Zweigen zu überwinden, doch sie reichten aus, um die üppige, wuchernde Pracht des Dschungels aus den Fängen der Dunkelheit zu befreien.
Axis lag träumend im Schatten einer alten Tarie, die ihre tief hängenden Äste schützend über ihm ausbreitete gleich einem Vorhang. Mit geschlossenen Augen ruhte er im feuchten Moos der kleinen Lichtung und summte leise eine Melodie vor sich hin, während er den vielfältigen Klängen der Wildnis lauschte.
Sein scharfes Gehör vernahm mit Freuden die betörenden Gesänge der Vögel, deren unterschiedliche Stimmen sich zu einer Symphonie von bezwingender Schönheit verwoben. Auch das silbrige Rauschen der nahen Wasserfälle und das Wispern der Blätter, die von einem sanften Wind berührt und gestreichelt wurden, erschienen ihm wie zarte Musik, und er schwelgte in purem Glück.
Der süsse Duft von unzähligen Blumen und Blüten lag wie ein wohlriechender Schleier in der schwülen Luft. Gebettet auf den Wellen der leichten Brise, die kaum spürbar über die Lichtung strich, drang diese Vielfalt edelster Aromen in Axis‘ Nase und vernebelte seinen entrückten Geist.
Er seufzte tief, und ein Lächeln eroberte sein entspanntes Gesicht. Angeregt vom Übermass herrlicher Sinneseindrücke, entstand vor seinem inneren Auge das Bild einer wunderschönen Calpirdame. Grossgewachsen und schlank wie sie war, bewegte sie sich mit einer sinnlichen Geschmeidigkeit durch die Büsche des Unterholzes, ohne auch nur ein Blatt zu streifen. Ein jeder ihrer anmutigen Schritte liess die runden Hüften ein wenig nach aussen driften, so dass Axis erschauderte ob des harmonischen Spiels ihres umwerfenden Körpers. Ihr Fell glänzte golden im Licht der Sonne, veredelt durch ein Muster samtschwarzer Punkte. Die grossen Augen im fein gezeichneten Gesicht glichen türkisen Edelsteinen, und wenn sie lächelte und ihre langen, wohlgeformten Reisszähne entblösste, war es, als ob Valicax selbst, die Göttin der Liebe, sich in ihrem Antlitz manifestierte.
Axis‘ Herz schlug schneller, und schmerzhaft wuchs die Sehnsucht darin heran, je länger seine Gedanken um diese Schönheit des Waldes kreisten. Allein die Erinnerungen an ihre zärtlichen Berührungen liessen ihn erschaudern, und umso brennender wurde sein Wunsch, sie läge nun neben ihm in seinen Armen und schmiegte sich an ihn.
Doch er wusste nur zu gut, dass sich seine Hoffnungen in nächster Zeit wohl kaum erfüllen würden, denn auf seiner Angebeteten ruhten seit einer Weile stets wachsame Augen, die ihn nicht gerne sahen. Selten noch streifte sie allein durch die Wälder, wie sie es vorher getan hatte. Immer war jemand bei ihr oder folgte ihr unauffällig durch das Unterholz, darauf bedacht, sie zu überwachen.
Zorn und bittere Enttäuschung verdrängten allmählich das Glücksgefühl, das ihn eben noch in luftige Höhen emporhob und seinen Herzschlag in einen Trommelwirbel verwandelte. Er verfluchte still sein Schicksal, dass er sich ausgerechnet in Maryla, die Häuptlingstochter der Torkar hatte verlieben müssen.
Es gäbe Dutzende hübscher junger Katzendamen, die sich glücklich schätzen würden, wenn ich um sie freite, wusste Axis, denn ihre begehrlichen Blicke waren ihm durchaus nicht entgangen. Doch ich Narr muss mein Herz an Maryla verlieren. Er seufzte schwer. Aber es gibt niemanden, der ihr auch nur annährend gleichkäme.
Ein Umstand aber verlieh seinem törichten Begehren einen noch grausameren Zug, denn sie erwiderte seine Zuneigung in gleichem Masse! Maryla und er liebten sich innig und voller Leidenschaft, doch ihre Liebe durfte nicht bestehen bleiben.
Axis war der einzige Sohn des Oberhauptes der Xartorsh, die mit den Torkar seit ewigen Zeiten eine grässliche Blutfehde unterhielten. Keiner ihrer jeweiligen Stämme würde eine solche Liebschaft dulden, zu heiss loderten die Flammen des Hasses zwischen ihnen. Wenn ihre Väter von ihrem gemeinsamen Verhältnis wüssten, könnte dies weitreichende Folgen für beide Sippen nach sich ziehen und ihnen beiden jegliche Chance auf eine gemeinsame Zukunft verwehren. Und um all das zu vermeiden, blieb ihnen nichts Anderes übrig, als zu schweigen, sich in Geduld zu üben und alles zu versuchen, sich heimlich im Grenzgebiet der beiden Reviere zu treffen.
Dabei hatte alles so herrlich und unbeschwert angefangen. Während einer Jagd auf einen der seltenen und äusserst scheuen Waixipi, einem sechsbeinigen Tier, dessen Fleisch zu den begehrtesten Köstlichkeiten des Dschungels zählte, war er ihr zum ersten Mal begegnet. An diesem denkwürdigen Tag war er dermassen in die Verfolgung seiner raren Beute und das vorsichtige Anpirschen vertieft gewesen, dass er nicht gemerkt hatte, wie weit er sich bereits von den Jagdgründen seines Stammes entfernt hatte und dass er in das Gebiet der Torkar eingedrungen war. Gerade als er sich seinem Opfer bis auf Schussweite genähert hatte, um es mit seinem kurzen Wurfspiess zu erledigen, war das Tier völlig unvermutet mit einem Quieken vor ihm zusammengebrochen, denn ein anderes Geschoss hatte es zur Strecke gebracht.
Axis‘ Ärger über den missglückten Jagdversuch jedoch war rasch verflogen, als die grazile Jägerin aus dem Unterholz geschlüpft war, um sich des erlegten Wilds zu bemächtigen. Nie zuvor hatte er beim Anblick einer Calpirdame solche Gefühlsregungen empfunden, und geblendet von ihrem Liebreiz hatte er sein Versteck verlassen und war vor sie hingetreten.
Dies wäre ihm beinahe zum Verhängnis geworden, denn die Raubtierinstinkte hatten Maryla vor ihm gewarnt, und in einer einzigen blitzschnellen Bewegung hatte sie ihren Spiess aus dem Leib des Waixipi gerissen und ihn auf Axis geschleudert. Allein seine herausragende Geschicklichkeit hatte ihn in einem selbsterhaltenden Reflex davor bewahrt, durchbohrt zu werden. Dennoch war er nicht schnell genug gewesen, um gänzlich unversehrt davonzukommen, doch im Vergleich zu ihrer Bekanntschaft war die kleine Schulterwunde zu einem bedeutungslosen Übel verkommen.
Ihre ersten Worte, gesprochen mit einer betörend warmen Stimme, klangen noch immer wie zauberhafte Musik in seinen spitzen Ohren nach; er hatte sie nicht vergessen, sie in seinem Herzen bewahrt wie einen kostbaren Schatz. Verzeih, das wollte ich nicht! Bist du in Ordnung?
Axis entliess geräuschvoll seine Atemluft. Warum gerade sie?, das fragte er sich bestimmt zum tausendsten Mal. Er hätte unzählige andere Gespielinnen haben können, denn als gutaussehender Sohn des Häuptlings der Xartorsh war er ein begehrter Junggeselle zahlreicher Calpirdamen. Doch keine der durchaus hübschen Anwärterinnen hatte ihm bislang zugesagt und ihm mehr als ein flüchtiges Lächeln entlockt. Maryla hingegen war es gelungen, sein Herz im Sturm zu erobern, ohne dass sie es beabsichtigt hatte. Valicax allein weiss, wie ihr das geglückt ist.
Ein ungewohntes Geräusch riss den jungen Calpir aus seinen Tagträumen, zerrte seinen Geist in die Wirklichkeit zurück. Ganz in seiner Nähe raschelten Blätter, nur kurz, aber dennoch deutlich genug, um seine Wahrnehmung zu kitzeln.
Überrascht öffnete er seine grossen, grüngelben Katzenaugen und richtete seinen von kurzem, schwarzem Fell bedeckten Oberkörper auf. Er schärfte seine Sinne, seine Ohren bewegten sich, um nach dem verräterischen Laut zu forschen. Doch es herrschte wieder idyllische Ruhe, und nichts verriet die mögliche Gefahr, die in seinem unmittelbaren Umfeld lauern mochte.
Ist es ein einsamer Räuber, der mich gewittert hat? Er schüttelte den Kopf, denn er wusste, dass die meisten Jäger sich nachts bewegten. Womöglich war es bloss ein kleines Getier, das geschwind durch das Unterholz wuselte
Er wollte das Vernommene gerade als unbedeutende Störung abtun, da zischelten erneut einige Büsche und nährten seinen anfänglichen Verdacht, irgendetwas bewege sich unvorsichtig durch das Unterholz. Diesmal konnte er sogar die Richtung bestimmen, aus der die Geräusche kamen, und er war sich ziemlich sicher, dass, was auch immer sich im dichten Gehölz aufhielt, langsam auf ihn zuhielt.
Axis erhob sich geschmeidig unter dem Baldachin der wiegenden Tarienzweige und griff nach seinem Messer, das an seinem mit Stickereien verzierten Stoffgürtel hing. Obwohl er nicht ernsthaft vermutete, dass ihm von dem lärmenden Geschöpf irgendwelche Gefahr drohte, hielt er es trotzdem für klüger, eine Waffe in der Hand zu halten, falls er sich irrte.
Ich befinde mich nahe der Grenze zum Jagdrevier der Torkar, und es wäre dumm, dies nicht zu berücksichtigen, sagte er sich.
Völlig lautlos huschte der Calpir durch den Vorhang zierlicher Blätter und über die moosbewachsene Lichtung auf das nahe Gesträuch zu, wobei seine pfotenähnlichen Füsse wie über den Boden zu gleiten schienen. Im Gegensatz zu der unbekannten Kreatur verstand sich Axis hervorragend darauf, sich einer möglichen Beute völlig unbemerkt zu nähern. Geschickt duckte er sich hinter einen mächtigen Farnbusch und spähte ins düstere Unterholz.
Unweit von ihm entfernt regten sich die langen Wedel eines Strauchs, und einige Zweige brachen knackend entzwei. Doch von dem Wesen, das gleich einer Horde trunkener Elefanten durch die Wildnis polterte, konnte Axis in dem nur spärlich erhellten Gewirr aus üppigen Blättern, tiefhängenden Lianen und jungen Baumschösslingen nicht wirklich etwas erkennen. Er ahnte Bewegungen voraus, glaubte kurz einen flüchtigen Schatten erspäht zu haben, doch das war auch schon alles.
Nach kurzem Zögern entschied sich der Katzenmann den Übeltäter zu stellen, denn dieser hatte durch seine ungelenken Regungen längst seine Neugierde geweckt. Geduckt drang er ins Dickicht ein, sein schlanker Körper fegte durch das Buschwerk ohne auch nur ein Blatt unnötig zu streifen. Alle seine Sinne waren auf das Ziel gerichtet, das unbeschwert seinen Weg fortsetzte und sich lärmend vorwärts wälzte.
Mit einigen geschmeidigen Bewegungen hatte sich Axis so nah herangeschlichen, dass er endlich einen ersten Blick auf den Störenfried werfen konnte. Anfangs gewahrte er nur einige dunkle Umrisse, einen gedrungenen Schemen, der sich reichlich behäbig durch das unterste Stockwerk schob. Doch nachdem er zwei weitere schnelle Schritte getan hatte, konnte er die grosse Gestalt gut ausmachen. Erstaunt stellte er fest, dass es sich um einen Calpir handelte.
Die Überraschung jedoch verflog wieder, als ihm sogleich bewusstwurde, wer sich da so gänzlich ohne Grazie durch das wuchernde Unterholz anzupirschen versuchte, und ein breites Grinsen erschien auf seinem Pantergesicht. Er kannte den grossen und schweren Katzenmann mit dem getiegerten Fell nur zu gut. Es war Colix, sein treuer Leibwächter und engster Freund.
Noch immer über alle Backen strahlend, steckte Axis sein Messer wieder ein und legte sich auf die Lauer. Er würde sich einen kleinen Spass mit dem grossen Calpir erlauben und ihn herzhaft erschrecken. Wenn du lausiger Affe glaubst, du könntest dich unbemerkt an mich heranschleichen, dann kennst du mich schlecht, dachte er voller Schadenfreude. Du musst schon auf weitaus samtigeren Pfoten durch den Wald pirschen, um mich unvorbereitet zu erwischen, Bursche.
Geräuschlos wie ein schwarzer, geschmeidiger Schatten bahnte sich Axis einen Weg durch das üppige Pflanzenmeer. In weitem Bogen umging er seinen nichtsahnenden Freund, um dann in seinen Rücken zu stossen. Vorsichtig und in gebückter Haltung schlich er eine geraume Weile hinter dem Tiger her und holte ihn langsam ein, bis er ihm so nah war, dass er seine Schulter mit ausgestrecktem Arm hätte berühren können.
Colix bemerkte nicht, dass nun er verfolgt wurde, und bemühte sich weiterhin angestrengt, möglichst lautlos an die Lichtung heranzuschleichen. Doch seine Bewegungen waren ungelenk und behäbig, und sein schwerer Körper mit den breiten Schultern und den dicken Armen und Beinen machte es ihm fast unmöglich, das Dickicht lautlos zu durchqueren. Immer wieder streifte er Farnwedel oder einen tiefhängenden Zweig und trat ungeschickt auf Äste und Blätter am Boden.
Axis hinter ihm musste sich ein bösartiges Lachen verkneifen, derweil er seinem Freund dichtauf folgte. Liebend gerne hätte er an dem zuckenden Schwanz seines Leiwächters gezupft, doch auch dies versagte er sich.
Unvermittelt schnellte der Panter in die Höhe und sprach laut: „Was hast du in unserem Jagdrevier verloren, du elender Xartorsh-Abschaum?! Ergib dich auf der Stelle, oder du bist des Todes!“
Colix fuhr heftig zusammen und stolperte vor lauter Schreck über eine Wurzel. Er versuchte noch seinen Sturz mit wildem Rudern zu verhindern, doch seine Bemühungen waren vergebens. Mit einem kurzen Aufschrei auf den Lippen, plumpste er auf seinen Hintern.
Axis bleckte seine scharfen Eckzähne und lachte vergnügt, während sein Leibwächter ihn mit betretenem Gesichtsausdruck anstarrte. Der Tiger schien noch einen Augenblick zu benötigen, bis er gänzlich begriff, was geschehen war. Danach zog er beleidigt eine Schnute.
„Ach, du brauchst nicht gleich ein Gesicht zu ziehen wie eine übellaunige Kröte, mein Guter. Es war doch nur ein kleiner Spass“, meinte Axis, immer noch glucksend. «Komm, ich helfe dir auf». Er streckte Colix die Hand entgegen. Der Tiger nahm sie und wuchtete sich mit Hilfe seines Freundes wieder auf die Beine.
„Das war ziemlich gemein, Axis“, beschied er, als er wieder sicher stand. Seine Stimme klang tief, und er redete langsam, als müsste er nach jedem Wort genau überlegen, was als Nächstes folgte.
„Ich habe es nicht böse gemeint, das weisst du doch“, meinte Axis freundlich lächelnd und kraulte den Freund, der ihn überragte, zwischen den spitzen Ohren. „Du solltest mich inzwischen doch kennen, mein Grosser. Ich nehme jede Gelegenheit wahr, meine Liebsten zu foppen. Ich kann diesem Drang einfach nicht widerstehen.“ Er zwinkerte seinem Leibwächter verschmitzt zu.
Es dauerte wieder einen kleinen Moment, dann entstand auch auf dem gestreiften Gesicht von Colix ein breites Grinsen. „Ist schon gut“, brummte er und schien den Vorfall bereits vergessen zu haben.
Der Häuptlingssohn musterte seinen Gefährten. Colix war über einen Kopf grösser als er und bei weitem kräftiger gebaut. Seine Schultern waren breit und gewölbt, die Arme stark, und er ging auf stämmigen Beinen. Sein Fell war von einem rötlichorangen Braun und wie bei einem Tiger von einem Muster aus schwarzen Streifen durchzogen. Bauch, Brust und Kehle waren dagegen weiss, und an seinen Wangen wurden die etwas Haare länger und liefen in breite Büschel aus. Seine grossen Augen funkelten in hellem Blau. Wie Axis trug er einen langen Lendenschurz und ein Oberteil aus dicht gewebtem, gefärbtem Stoff, dazu mehrere kunstvoll bestickte und mit kleinen, bunten Federn, Holzperlen, Krallen und Zähnen verzierte Bänder um Arme und Beine. Der breite geflochtene Stoffgürtel besass eine goldene Schnalle. Alles war in den Stammesfarben der Xartorsh gehalten: Violett, Gelb und dunkles Rot. Bewaffnet war er mit einem Messer und einem zweihändig zu führenden, scharfen Taranga-Schwert, das er in einer hölzernen Scheide auf dem Rücken trug.
„Was hast du eigentlich hier verloren, mein Freund?“, fragte der schwarze Panter nach kurzem Schweigen, und sein Blick wurde argwöhnisch. „Hat dich mein Vater geschickt, um mich wieder einmal heimzuholen?“
Der Tiger nickte und heftete seinen Blick etwas verlegen auf den Boden. „Ja. Du sollst... nein, äh... ich soll dir ausrichten, dass du umgehend ins Dorf zurückzukehren hast. So will es der grosse Häuptling, und er duldet keinen Widerspruch.“
«Was der grosse Häuptling nicht alles befiehlt». Axis schnitt eine spöttische Grimasse und schnaubte verächtlich. «Nur leider verspüre ich nicht die geringste Lust, seinen Anordnungen Folge zu leisten“, knurrte Axis auf einmal verärgert, und ein Schatten legte sich über sein Gesicht. „Wenn der grosse Häuptling wirklich denkt, ich würde noch immer vor ihm kuschen und alles brav befolgen, was er von mir verlangt, dann hat er nicht begriffen, dass ich mittlerweile erwachsen geworden bin und keine Angst mehr vor ihm habe. Seinen dummen Befehlen schenke ich schon seit langem keine Beachtung mehr. Soll er doch eine ganze Horde seiner besten Krieger schicken, die mich gewaltsam ins Dorf schleifen! Freiwillig werde ich jedenfalls nicht heimkehren!“
Axis‘ plötzlicher Wutausbruch entsetzte den grossen Katzenkrieger, und verdattert starrte er ihn an. „Soll... das heissen... du verweigerst dich seiner Anordnung?“ stammelte er kleinlaut.
„Und ob ich das tue!“, fuhr ihn der Panter an. Aufgebracht lief er vor dem eingeschüchterten Tiger auf und ab. „Ich will mit dieser unsinnigen Fehde und all dem hohlen Gerede über Ehre und Vergeltung nichts mehr zu schaffen haben. Solange er seine Meinung nicht ändert, bleibe ich seinem Haus fern. Das kannst du ihm ruhig ausrichten, Colix.“
„Ich finde, das ist keine gute Idee“, bekundete Colix seine Meinung. „Der Häuptling ist sehr wütend auf dich. Du solltest seinen Zorn nicht noch weiter anfachen. Das gehört sich nicht, Axis.“
Axis hielt unvermittelt inne und streckte seinen Leibwächter mit flammendem Blick nieder. „Er ist wütend?!“, fauchte er. „Was glaubst du, was ich bin? Sehe ich aus, als wäre ich zufrieden? Dieser ganze Unsinn muss endlich aufhören, und solange er das nicht begreift, will ich nicht mehr in seiner Nähe sein. Er verrät alles, was Mutter vor ihrem Tod bewerkstelligt hat.“
Der grosse Calpir zuckte vor seinem Gefährten zurück. Hilflos rang er nach Worten, denn er wusste nicht recht, was er sagen sollte. Er konnte dem Häuptlingssohn nicht in die Augen sehen und wandte den Blick deshalb ab. Sein Schwanz bewegte sich unruhig.
„Ach, vergiss es!“, schnaubte Axis und verwarf zornig die Hände. „Du stehst doch ohnehin auf seiner Seite. Alle stehen auf seiner Seite und halten mich für den Verräter, nur, weil ich nicht Unschuldige töte.“ Er drehte sich mit einem Ruck um und eilte durch das Dickicht davon, den völlig überrumpelten Colix zurücklassend. Selbst jetzt, wo er sich gar nicht darum bemühte, verursachten seine Schritte kaum Geräusche in dem gedeihenden Unterholz.
„Nein, ich... ich bin auf deiner Seite“, brachte Colix endlich hervor, als Axis bereits aus seinem Blickfeld verschwunden war.
Betrübt sah er auf den mit verdorrtem Laub übersäten Boden und seufzte schwer. Dann aber fiel ihm mit Entsetzen ein, dass ihm der Häuptling befohlen hatte, Axis um jeden Preis zur Rückkehr zu bewegen, und erschreckt lief er seinem Freund hinterher.
„Halt, warte auf mich!“, rief er und kämpfte sich durch das Unterholz, wobei sein mächtiger Körper beinahe jeden Busch und jedes Farnkraut unsanft berührte. Begleitet von lautem Rascheln und Knacken, folgte er seinem Schutzbefohlenen, den er inmitten des schattigen Grüns nicht länger ausmachen konnte.
Urplötzlich tauchte Axis vor ihm auf und drohte ihm mit dem Finger. „Sei gefälligst etwas leiser!“, raunte er gehässig. „Wir befinden uns in der unmittelbaren Nähe zur Grenze des Torkar-Gebiets. Wenn du nicht willst, dass wir von ihren Spähern aufgegriffen und umgebracht werden, dann bemühe dich um etwas Zurückhaltung, mein Freund. Hast du das auch verstanden?“
Colix senkte beschämt den Blick. „Es tut mir leid.“
Der schwarze Panter schüttelte ächzend den Kopf. Er sah ein, dass er seinem treuen Freund Unrecht tat. Colix hatte ihn immer in allem unterstützt, ohne sich allzu sehr zu beklagen. Er war vielleicht der einzige Xartorsh, der ihn nicht alles Verräter brandmarkte und dafür hasste, dass er eine Versöhnung mit den Torkar anstrebte. Ihm nun zu zürnen, weil er aus Pflichtgefühl und gutem Glauben einen Auftrag seines Häuptlings befolgte, durfte Axis ihm nicht übelnehmen. Mit einem unwilligen Wink bedeutete er daher seinem Freund, ihn zu begleiten.
Colix bemühte sich nun redlich, seinen schweren Leib möglichst behutsam durch das Buschwerk zu zirkeln, doch noch immer verursachte er ein paar unnötige Geräusche. Hin und wieder kam er einigen Blättern zu nahe, die sich sogleich wispernd beklagten, und bei jedem Schritt knisterte es leise unter seinen breiten Pfoten. Er schien richtiggehend erleichtert, als sich der Wald auf einmal lichtete und ihm den nötigen Platz gewährte, sich frei zu bewegen, denn seine Trägheit war ihm offenbar selbst unangenehm.
Axis liess sich wortlos neben dem knorrigen Stamm der alten Tarie nieder, die einsam auf der Lichtung stand. Ihre langen, dünnen Zweige, an denen zahlreiche schlanke Blätter wuchsen, hingen fast bis zum Boden herab und bildeten einen natürlichen Vorhang.
Da Colix sich nicht zu getrauten schien, sich neben seinen grollenden Freund zu setzten, blieb er etwas verloren auf der Wiese stehen, wobei er unruhig von einem Bein aufs andere trat. Immer wieder warf er einen verstohlenen Blick auf den Häuptlingssohn, doch der war noch in eigene Gedanken vertieft und beachtet ihn daher nicht. Grübelnd und grollend starrte Axis nur vor sich ins Leere, die Arme vor der Brust verschränkt und die Kiefer angespannt. Es kostete ihn Mühe, die Wut auf seinen starrsinnigen Vater zu überwinden, der einfach nicht auf ihn hören wollte und sich blind gegenüber seinen, Axis, redlichen Bestrebungen zeigte.
Mutter hätte mich unterstützt, sagte sich der Panter, und der Gedanke an sie bereitete ihm Kummer und Weh. Auch sie hat sich um eine Versöhnung der beiden Stämme bemüht, ehe sie auf so grausame Weise zu Tode kam. Ich habe sie kaum gekannt, doch ich weiss, dass sie stolz auf mich wäre. Ein schweres Seufzen entwand sich seiner Brust. Er konnte sich kaum noch an das Gesicht seiner Mutter erinnern.
Nach einer geraumen Weile betretenen Schweigens, wandte sich Axis seinem Leibwächter zu, und ein neuerlicher Seufzer quoll über seine Lippen. „Es tut mir leid, mein Freund“, entschuldigte er sich. „Es war nicht richtig von mir, dich dermassen anzufahren. Du kannst nichts dafür.“
Colix hob den Kopf und grinste verzeihend. „Schon gut. Ich bin nicht nachtragend.“
Ein Lächeln huschte geschwind über die katzenhaften Züge des schwarzen Calpirs. «Es muss für dich nicht einfach sein, zwischen mir und meinem Vater zu stehen. Ich wäre dir daher nicht böse, wenn du dich gänzlich von mir abwenden würdest, um mich meiner selbst zu überlassen. Ich verlange stets viel von dir und gebe nur wenig zurück».
Colix starrte Axis fast ein wenig entsetzt an und schüttelte heftig den breiten Kopf. «Nein, ich werde immer an deiner Seite sein», erwiderte er voller Leidenschaft. «Ich bin dein Leibwächter, und es ist meine Pflicht, dich zu schützen. Ich habe es vor den Göttern geschworen, und ich werde meinen Eid nicht brechen, nur, weil es schwierig wird, ihn zu halten. Die Götter würden mir zürnen, und mein Utala wäre in Gefahr. Das will ich nicht».
Axis grinste wieder. Die Inbrunst, mit welcher Colix seine Aufgabe verteidigte, erstaunte und berührte ihn einmal mehr. Andere Kämpfer und Waldläufer ihres Stammes mochten den Tiger wegen seines einfachen Gemüts und seines mangelnden Geschicks belächeln, doch Axis wollte keinen anderen an seiner Seite haben. Auf Colix unerschütterliche Treue war Verlass. Jeder andere hätte sich längst von ihm losgesagt, davon war Axis überzeugt.
„Willst du dich nicht setzten?“, fragte er und wies mit einer kurzen Geste des Kopfes auf ein freies Plätzchen unter der gebeugten Gestalt des Baumes.
Der Tiger nickte freudig und begab sich an Axis‘ Seite, wo er es sich sogleich bequem machte. Ein wenig schüchtern schielte er zu seinem Freund hinüber und unternahm einen zweiten Versuch, ihn zur Heimkehr zu bewegen. „Weisst du, es wäre wirklich klüger, wenn du den Anweisungen deines Vaters Folge leisten würdest. Du machst alles nur noch schlimmer, wenn du hierbleibst. Und ausserdem bringst du mich in Schwierigkeiten.“
„Ach, ich möchte jetzt nicht darüber sprechen“, antwortete Axis unwillig. „Der Tag hat einen wahrlich schönen Anfang genommen, und ich will mir die gute Stimmung nicht mit einem solchen Streitgespräch vermiesen lassen. Lass uns einfach hier sitzen und die Ruhe und Friedlichkeit geniessen, mein Freund.“
Colix schwieg und widmete seine Aufmerksamkeit dem Moos auf dem er sass. Mit seinen krallenbewehrten Fingern zupfte er einige der winzigen Blätter aus. Axis lehnte neben ihm am Baum und döste in der Morgensonne.
„Und was nun?“, fragte der Getigerte und brach nach einiger Zeit die wiedergekehrte Stille.
„Wir warten“, meinte der Panter, ohne die Augen zu öffnen.
„Auf was?“
„Auf sie“
„Wer ist sie?“
Axis richtete sich jäh auf und drehte sein Gesicht Colix zu. Seine Augen strahlten, und ein helles Lachen beherrschte sein Gesicht. „Sie ist das schönste Wesen des gesamten Dschungels, lieblicher noch als die prächtigsten Blüten, wunderbarer als glitzerndes Sonnenlicht auf einem klaren Teich. Ihr Fell ist wie Gold, ihre Augen schimmern wie zauberhafte Karfunkel, und ihre Stimme lässt die schönsten Vogelgesänge zu schrecklichem Lärm verkommen. Sie ist einfach... einfach umwerfend und vollkommen in ihrem strahlenden Wesen“, schwärmte er in höchsten Tönen und entliess einen sehnsüchtigen Seufzer.
Colix schwieg einen Moment und schien angestrengt zu versuchen, die Äusserungen seines Freundes in seinem Geist zu einem einheitlichen Bild zusammenzusetzen. Anhand seiner gerunzelten Stirn erkannte Axis, dass er jedoch an einigen Kleinigkeiten scheiterte. „Besteht ihr Fell wirklich aus Gold?“
Axis‘ Züge verzogen sich gequält, denn die eigentümliche Frage störte seine schmachtenden Gedanken und verzerrte Marylas liebliche Gestalt, die in seiner Vorstellung wie eine traumhafte Erscheinung vor ihm schwebte.
„Nein, gewiss nicht“, erwiderte er und blinzelte den Leibwächter irritiert an. „Du glaubst doch nicht etwa...?“ Er beendete seinen Satz nicht, weil er nur zu gut wusste, dass Colix jedes seiner Worte genau so verstand, wie er sie gesprochen hatte.
Der Tiger blickte ihn nur aus grossen Augen an. Wartend kratzte er sich an der bärtigen Wange.
Axis seufzte abermals. „Hast du schon mal etwas von Poesie gehört?“
Colix antwortete mit einem Kopfschütteln.
„Warst du schon einmal verliebt?“, versuchte er es anders.
Die hellen Augen des grossen Calpirs weiteten sich vor Schreck, und er richtete seinen Blick sofort zu Boden. Rasch schüttelte er das Haupt, sagte aber kein Wort.
Axis‘ Mund verzog sich zu einem schelmischen Grinsen. Das Betragen seines Freundes verriet ihm deutlich, dass er nicht ehrlich geantwortet hatte. Colix sass auf einmal ganz versteift da und wagte es nicht, ihn anzusehen. Seine Schwanzspitze zuckte unruhig, und auch die zitternden Ohren bezeugten seine Anspannung. Er schien nicht zu wissen, wo er seine grossen Hände lassen sollte.
„Kann es sein, dass du mir nicht die Wahrheit sagst, du kleiner Geheimniskrämer?“, stichelte der Panter und rückte ein wenig näher zum Tiger heran.
Colix blieb stumm, wandte sein Gesicht noch mehr von Axis ab und spielte verlegen mit dem Moos.
„Ich bin doch dein bester Freund; du kannst es mir ruhig anvertrauen. Es bleibt auch ein Geheimnis zwischen uns beiden“, beharrte der Häuptlingssohn weiter. Er überlegte einen Augenblick, dann wurde sein Lachen noch breiter. „Ist es Kyra?“
Der Leibwächter fuhr zusammen, als hätte ihn der Blitz getroffen. Völlig erschrocken ächzte er und druckste herum, doch noch immer verliess kein richtiges Wort seine Lippen.
Sein Verhalten war Axis jedoch Antwort genug, und er liess es dabei bewenden, denn er erkannte, wie unangenehm Colix dieses Verhör war. Mit einem kurzen Schulterzucken legte er sich wieder hin, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und blickte ins Sonnenlicht auf, das funkelnd durch die Blätter des ehrwürdigen Baumes sickerte. Sogleich entschwanden seine Gedanken wieder zu Maryla, und er vergass sich und die Welt um sich herum und träumte von seiner Angebeteten.
Er wusste nicht, wie lange er so verweilt war, doch irgendwann lockte ihn ein Geräusch, das er in einiger Entfernung zu vernehmen glaubte, aus den lichten Gefilden seines schweifenden Geistes. Es war eigentlich weniger ein Laut als viel mehr ein Gefühl, das sein tiefstes Innerstes aufwühlte. Sein Herz begann zu jauchzen, und voll überschwänglicher Freude schoss er hoch, so unvermittelt, dass Colix neben ihm erneut erschrak.
„Sie ist endlich gekommen!“, lachte er den verwirrten Freund an und erhob sich.
„Wer ist gekommen?“, fragte Colix verständnislos und blickte sich auf der Lichtung um.
„Maryla“, antwortete Axis und schlüpfte durch den Vorhang aus Zweigen.
„Und wer ist das?“, erkundigte sich der Tiger, der noch immer nicht folgen konnte. Etwas schwerfällig stemmte er sich auf.
Axis blieb stehen und drehte sich ungeduldig zu Colix um. „Sie ist diejenige, von der ich dir eben erzählt habe – die Diebin meines Herzens.“
Der grobschlächtige Calpir trat ihm entgegen und schaute sich suchend auf der Waldlichtung um. Er kratzte sich den Kopf. „Wo ist sie denn? Ich sehe niemanden hier stehen.“
Ein Schatten der Verärgerung glitt kurz über Axis Züge. „Sie ist unten am Fluss, du verschlafenes Xaltori! Komm mit und wirf einen Blick auf meine zukünftige Gefährtin!“
Ohne sich irgend darum zu kümmern, ob sein Leibwächter ihm nun folgte oder auch nur begriff, wovon er sprach, tauchte der schwarze Panter in den Dschungel ein und eilte lautlos durchs Unterholz. Von heller Freude und Sehnsucht getrieben, trugen ihn seine Beine mit Leichtigkeit voran, und bald schon erreichte er die Wasserfälle, deren anhaltendes Rauschen und Plätschern ihm den Weg zu seiner Angebeteten wiesen.
An der Kante des fast senkrecht abfallenden Felshangs hielt er inne, duckte sich ins dichte Gebüsch, welches am Rande des Bruchs wucherte, und spähte vorsichtig in die Tiefe. Sein Puls dröhnte ihm in den Ohren, und vor lauter Aufregung bebte er leicht.
Gut fünfundzwanzig Schritt unter ihm sammelte sich das klare, sprudelnde Wasser der zahlreichen kleinen Sturzbäche und Rinnsale, die, aus verschiedenen Quellen entspringend, die zerklüftete und sichelförmige Steilwand hinunter prasselten, in einem beschaulichen Becken, um sich von dort aus als breite, flache Ader durch den Wald zu winden. Dieser Fluss, der Alxalyr, bildete die Grenze zum Gebiet der Torkar, und genau an dieser Stelle hatte Axis die glücklichsten Stunden seines jungen Lebens verbracht, in den zärtlichen Armen Marylas.
Hastig flogen seine Augen über die von Sträuchern und Kräutern überwucherten und von grossen Felsen gesäumten Ufer des Gewässers, streunten forschend umher und blieben schliesslich auf einem flachen Stein inmitten des Teiches liegen, wo eine schlanke Gestalt sich im goldenen Licht des Tages sonnte.
Da ist sie!, jubelte er im Stillen. Die Gestalt gewordene Anmut.
Noch wilder schlug das Herz des Calpirs, bis hinauf in seine Schläfen, als sein begieriger Blick die Schönheit erfasste, welche unter ihm auf dem flachen Stein döste. Jede Faser seines Leibs, jeder Muskel, jedes Haar in seinem nachtschwarzen Pelz drängte darauf, sich ihr in Windeseile zu nähern, sich an sie zu schmiegen und sie zu liebkosen.
Doch so sehr er sich eine Zusammenkunft auch erwünschte, er musste vorerst ruhig verharren und Ausschau halten. Würde er übermütig und ohne jede Vorsicht sein Versteck aufgeben und sich ihr nähern, würde er sein eigenes Leben und womöglich auch dasjenige seiner Geliebten gefährden, denn Maryla wurde seit einigen Sonnenläufen misstrauisch von den Ihren beobachtet. In den vergangenen paar Tagen hatten sich stets andere Torkar an ihrer Seite aufgehalten, die sie nicht einen Moment aus den Augen gelassen und durch ihre Gegenwart ein neuerliches Treffen vereitelt hatten. Die Torkar ahnten um ihre Liebschaft und ihre heimlichen Treffen mit einem verhassten Xartorsh und setzten alles daran, diese Ungeheuerlichkeit ein für alle Mal zu unterbinden. Sie würden sich nicht scheuen, ihn auf der Stelle und vor ihren Augen zu töten.
Heute aber schien Maryla allein zu sein. Nirgendwo standen andere Katzenfrauen, die sich kichernd unterhielten und dennoch die Häuptlingstochter abwechselnd beäugten. Kein bewaffneter Krieger war auszumachen, der Maryla wie ein schweigender Schatten folgte. Niemand versteckte sich zwischen den ausladenden Farnwedeln und den Gewächsen entlang des Flussufers, soweit Axis es feststellen konnte.
Die Luft ist rein. Oder irre ich mich?
Axis traute den verlockenden und trügerischen Gegebenheiten nicht gänzlich und wartete vorerst ab. Gut verborgen hinter üppigen Blättern, sah er sich weiter um, suchte nach verräterischen Spuren anderer Calpire im Unterholz des Waldrandes, die möglicherweise nur darauf lauerten, dass er sich blicken liesse. Er horchte nach Geräuschen, schnupperte in der Luft, um mögliche Gerüche aufzufangen, hörte auf sein Bauchgefühl und seine Instinkte als Jäger und Waldläufer.
Je länger aber seine scharfen Sinne nichts Auffälliges erbeuteten, desto stärker und bezwingender wurde die Ungeduld, die ihn dazu verlockte, sich seinem Begehren endlich zu ergeben und Maryla aufzusuchen, die gleich einem wertvollen Schatz unter ihm lag. Darf ich vielleicht doch zu hoffen wagen? Ist heute der ersehnte Tag gekommen, an dem ich meine Orchidee wieder in die Arme schliessen und ihren betörenden Duft aufnehmen kann?
Der schwarze Calpir zwang sich zur Ruhe und kämpfte gegen die fauchenden Lohen der Leidenschaft an, die seine Vernunft zu verzehren drohten. Ich darf nichts überstürzen. Die Gefahr ist zu gross, von versteckten Augen gesehen zu werden. Auch unter den Torkar gibt es viele begabte Waldläufer, die genau wissen, wie sie eine Beute in falscher Sicherheit wiegen können, um dann gnadenlos zuzuschlagen.
Als er jedoch Maryla ein weiteres Mal mit einem eher unbewussten Blick streifte, zerbrachen die bröckelnden Wälle des Widerstandes endgültig, und alle seine Bedenken waren wie weggespült. Sie räkelte sich genüsslich auf dem sonnengeküssten Felsen, und ihr seidiges Fell schimmerte dabei so bezaubernd, dass es sofort um ihn geschehen war.
Ohne länger auf die zu einem Wispern geschrumpfte Stimme in seinem Kopf zu hören, die ihn noch immer vor einer möglichen Falle warnte, verliess Axis seine Deckung, um ins Flusstal hinabzusteigen. Da er sich nicht für den besten Kletterer hielt, nahm er einen kleinen Umweg in Kauf, der ihn sicherer zu ihr hinunterführte. Er liess die glitschige von Moosen und Flechten bewachsene Steilwand hinter sich und flitze am dicht bewaldeten Rand der Abbruchkante entlang, bis er an den Ort gelangte, wo der Fels sich gemächlicher zum Flussbett hin niedersenkte. Zwar war der Abhang auch hier noch immer steil, doch dafür schützten ihn die zahlreichen Büsche und jungen Bäume besser vor unliebsamen und übel gesinnten Blicken.
Nach dem kurzen Abstieg, der seine Geschicklichkeit doch ein paarmal etwas forderte, erreichte Axis das Ufer des rasch dahingleitenden Wasserlaufs, und sogleich stahl er sich lautlos und in geduckter Haltung durch die Schatten, welche die überhängenden Baumkronen warfen. Immer wieder suchte er zwischen den Felsen Deckung und achtete auf jedes verräterische Geräusch, jede Ahnung von Bewegung auf dem gegenüberliegenden Gestade. Doch bislang blieb alles ruhig, was ihn zuversichtlich stimmte.
Im üppig wuchernden Gesträuch am Fusse der Klippe liess er sich erneut nieder und duckte sich hinter einen grossen Felsbrocken, um von dort aus noch einmal kurz die Umgebung mit Blicken abzutasten. Da er aber auch jetzt nichts wahrnahm, das auf die Anwesenheit anderer Torkar hätte schliessen lassen, wagte er es endlich, sich Maryla zu offenbaren, die nach wie vor auf dem flachen Stein inmitten des Teiches ruhte.
Behutsam schlich er bis an den Rand des strömenden Gewässers, griff sich einen Stein aus dem morastigen Boden und warf diesen gezielt ins kühle Nass. Genau unterhalb von Marylas Lagerstatt traf er mit klatschendem Laut auf, und ein paar Tropfen der aufspritzenden Fontäne benetzten das Fell der schlummernden Gepardin.
Erschrocken fuhr Maryla hoch, und ihr Blick jagte wachsam umher; zuckend bewegten sich ihre spitzen Ohren. Binnen eines Herzschlags hatte sie sich von der schlafenden Schönheit zu einer gefährlichen Jägerin gewandelt. Jeder Muskel ihres schlanken, athletischen Körpers war angespannt, ihre Sinne waren aufs Äusserste geschärft. Sie hatte die Hand an den Griff ihres Messers gelegt, und ihre langen Beine waren zum Sprung bereit. Nichts würde sich jetzt noch unbemerkt an sie anpirschen können.
Axis aber hatte gar nicht vor, sich ihrer Aufmerksamkeit zu entziehen und tauchte aus seiner Deckung auf. Als ihre grünblauen Augen ihn erfassten, erstrahlte ihr Gesicht in hellem Glanz, wie wenn eine zweite Sonne darin aufgehen würde. Ihre Finger gaben das Messer frei, und mit einem Aufschrei der Entzückung sprang sie vom Felsen herunter und watete hastig durch die sprudelnde Strömung auf ihn zu.
„Axis, mein Geliebter!“, rief sie freudig lachend und warf sich dem Panter an den Hals, um ihn fest an sich zu drücken.
Wenngleich er die leidenschaftliche Umarmung mehr als genoss und von Schauern der Wonne geschüttelt wurde, stiess er Maryla sanft, aber entschlossen von sich. Nervös schaute er sich um, denn er befürchtete, dass ihr lautes Gehabe selbst die unaufmerksamsten Waldläufer anzulocken vermochte.
Sein Betragen verwirrte die Gepardin zutiefst, und die Freude wich aus ihrem Antlitz. „Was ist los? Was hast du?“, fragte sie, ihren Gefährten musternd.
„Sei bitte etwas leiser, Juwel des Waldes“, raunte er beschwörend. „Ich möchte nicht von Spähern deines Stammes entdeckt werden.“ Noch immer huschten seine Augen umher.
Ein warmes Lächeln legte sich auf ihr Katzengesicht. „Mach dir keine Sorgen, mein schwarzer Held. Es befinden sich im Moment keine Waldläufer in der Gegend.“
„Bist du sicher?“
„Vollkommen sicher, bei Ghaumox’ ewiger Fürsorge!“ Sie hob eine Hand und strich ihm zärtlich über die pelzige Wange. „Und selbst wenn ich mich irre, ist es nicht schlimm. Du bist doch ein geschickter und furchtloser Krieger und nimmst es spielerisch mit drei Gegnern gleichzeitig auf. Das hast du jedenfalls bei unserer ersten Begegnung behauptet, oder habe ich das falsch verstanden.“ Sie bedachte ihn mit einem herausfordernden und zugleich neckischen Augenaufschlag.
Axis feixte. «Das mag durchaus sein. Aber da war ich trunken vor Liebe und hingerissen von deiner zauberhaften Erscheinung». Er zuckte mit den Schultern und grinste verlegen. «Vielleicht habe ich nur mächtig angegeben», meinte er, wurde aber allmählich etwas ruhiger. Die sanften Berührungen Marylas nahmen ihm die Anspannung. „Ich trage nur ein Messer bei mir, und deine Krieger werden sicherlich mit Speeren, Wurfspiessen und Akaris bewaffnet sein. Die werden mich in Stücke schneiden, ehe ich auch nur mit den Augen zwinkern kann.“
„Sei nicht albern“, seufzte sie belustigt und legte ihm die Arme um den Hals. Ganz langsam zog sie ihn zu sich heran und schmiegte ihren Körper an den seinen. „Du kannst beruhigt sein. Niemand ist hier, der uns stören könnte. Wir sind allein, und ich danke den Göttern, dass es so ist.“ Sie bettete ihr Haupt auf seine Schulter. „Und jetzt halt mich fest und lass mich nie mehr los.“
Axis kam ihrem Wunsch nur allzu gerne nach und umschlang ihre Hüfte. Liebevoll streichelte er ihr den Rücken, was ihr ein leises Schnurren entlockte. Doch so sehr er es auch wollte, er wagte es noch immer nicht, sich seinen aufwallenden Gefühlen gänzlich hinzugeben und den lang ersehnten Augenblick auszukosten. Die warnenden Stimmen in seinem Kopf trübten die Glückseligkeit, die sein Herz zum Tanzen verführte.
„Und es sind auch wirklich keine Torkar-Krieger in der Nähe?“, säuselte er ihr ganz leise ins Ohr.
Maryla stöhnte auf, hob den Kopf und sah ihn etwas verärgert an. «Nein. Bei Tualxars Finsternis, du kannst mir glauben», knurrte sie. «Keiner weiss, dass ich mich hier aufhalte. Alle sind mit den Vorbereitungen zu den bevorstehenden Festlichkeiten mehr als beschäftigt. Und ich habe die Gunst der Stunde genutzt und mich heimlich davongestohlen, in der Hoffnung, dich hier anzutreffen». Ihre Stimme wurde wieder ganz sanft. „Bitte, vertrau mir endlich und zerstöre die Freude unseres Wiedersehens nicht länger mit deinen Befürchtungen.“
Axis lächelte und verbannte die nagenden Bedenken aus seinem Geist. „Du hast Recht, Liebste. Bitte, verzeih. Lass uns diese kostbaren Momente nicht vergeuden.“
Er blickte ihr tief in die blaugrünen Augen und fuhr mit seinen Fingern über das weiche Fell ihrer Wange. Ganz plötzlich überkam ihn die Leidenschaft, und er schloss ihre schlanke Gestalt fest in seinen Armen ein.
„Ich habe dich so sehr vermisst“, wisperte Maryla, ihr Gesicht an seine Brust gepresst, die Lider geschlossen.
„Und ich dich noch viel mehr“, erwiderte er schnurrend. „Ich habe jeden Tag und jede Nacht von dir geträumt.“ Er vergrub seine flache Nase in ihrer Schulter und sog ihren verführerischen Duft tief ein.
„Und du warst immer in meinen Gedanken. Jeder Tag ohne dich war wie eine trostlose, graue Ewigkeit. Ich hielt es nicht länger aus, von dir getrennt zu sein. Ich wünschte, ich könnte für immer an deiner Seite bleiben.“ Ein leiser Schluchzer quoll über ihre Lippen, und in ihre Züge schlich sich ein Hauch von Traurigkeit.
Ein plötzlicher Gedanke schoss Axis durch den Kopf. Er löste sich etwas aus der innigen Umklammerung und blickte ihr ins gefleckte Gesicht. „Das kannst du auch, meine liebliche Orchidee“, meinte er überzeugt. „Wir werden von diesem Tage an nicht mehr voneinander weichen, so wahr die Götter es hören! Kein böser Wille soll uns mehr trennen können.“
Tränen schimmerten in Marylas Augen, doch sie schüttelte den Kopf. „Es ist ein allzu schöner Gedanke, mein Liebster, doch mehr auch nicht. Diese Freude wird uns nicht vergönnt sein, so sehr wir uns dies auch wünschen. Du weisst so gut wie ich, dass unsere beiden Stämme unsere Liebe niemals dulden und alles daransetzen werden, uns für immer zu trennen.“
„Vergiss die Stämme und ihre dummen und engstirnigen Ansichten!“, grollte er. „Komm einfach mit mir. Wir verlassen diese Gegend und suchen uns ein neues Heim, fernab der ständigen Zwistigkeiten und dem brennenden Hass. Sollen die ihre verfluchten Blutfehden doch allein austragen, das hat uns beide nicht zu kümmern.“
Maryla drückte sich wieder an ihn. „Oh, Axis, wie gern würde ich das tun! Aber was du dir erhoffst, kann nicht geschehen. Es ist nur ein süsser Traum, geboren aus unserer Sehnsucht.“
„Im Moment mag es vielleicht nur ein Traum sein, aber wir könnten ihn Wirklichkeit werden lassen“, beharrte der Panter, von seiner plötzlichen Eingebung begeistert. „Wir dürfen nur nicht zögern. Lass uns an einem anderen Ort eine gemeinsame Zukunft beginnen!“
Maryla seufzte schwer. «Sei vernünftig, Geliebter. Dein verklärtes Begehren entbehrt jeglicher Umsicht. Ein solch irrsinniges Vorhaben wäre nicht durchführbar. Wo sollten wir denn leben? Der Dschungel ist voller Gefahren, und im Gebiet anderer Stämme wären wir nicht willkommen. Was ist, wenn wir den Hohen in die Fänge laufen? Du weisst, was diese mit ihren Gefangenen anstellen». Sie schüttelte entschieden den Kopf. Dann sah sie wieder bedauernd zu Axis auf. «Ausserdem kann und will ich die Gemeinschaft nicht verlassen. Ich gehöre ihnen an, wie du der deinen. Auch wenn wir mit ihren Ansichten und manchen Gebräuchen nicht einverstanden sind, bedeutet das nicht, dass wir ihnen einfach den Rücken kehren können. Die Ahnengeister würden uns ihr Wohlwollen entziehen, und ohne dieses wären wir verloren».
Diesmal war es Axis der geräuschvoll ausatmete. Er rieb seine Wange an der ihren und schloss die Augen. „Du hast ja Recht. Es war eine dumme und kindische Vorstellung“, murmelte er enttäuscht.
„Dumm vielleicht, aber schön“, meinte sie, wohlig schnurrend. Sie schlang wieder ihre Arme um seinen Hals und drückte sich fest an ihn
„Da ist er! Greift euch diesen verdammten Xartorsh-Unhold!“, zerriss eine herrische, raue Stimme nur wenige Atemzüge später jählings die ruhige Idylle ihrer Zweisamkeit.
Axis und Maryla stoben blitzartig auseinander und warfen erschrockene Blicke auf das gegenüberliegende Flussufer. Dort schälten sich eben fünf Katzenkrieger aus dem Geflecht üppigen Grüns und hielten langsam auf sie zu. Sie alle waren bis an die Zähne bewaffnet, und die Farbgebung ihrer spärlichen Gewandung liess keine Zweifel aufkommen, dass es sich um Torkar handelte. Grün, Weiss und dunkles Blau herrschten vor, und selbst die schmückenden Anhängsel, wie Federn und kleine Edelsteingeschmeide, waren in diesen Schattierungen gehalten.
Vier der Kämpfer schwärmten aus und näherten sich mit blank gezogenen Klingen dem vor Schreck erstarrten Liebespaar, indes der Fünfte, ein kräftiger Leopard, gemächlich hinter ihnen her schritt und dabei so viel Selbstvertrauen und Siegesgewissheit ausstrahlte, dass er die ganze Szenerie mit seiner Präsenz beherrschte.
„Lasst ihn nicht entkommen! Dieser elende Xartorsh-Abschaum darf uns nicht entwischen!“, brüllte der Anführer seinen Kriegern zu, die flink und leichtfüssig durch den strömenden Fluss preschten und dabei weiter auseinander fächerten, um Axis und Maryla einzuschliessen.
Endlich überwand Axis den lähmenden Schock und rührte sich. Er nahm eine leicht geduckte Haltung an, beugte die Knie und spannte seine Muskeln. Langsam und vorsichtig wich er zum nahen Ufer zurück, die wachsamen Augen keinen Moment von den heranstürmenden Torkar abwendend. Maryla derweil stand noch immer wie versteinert da und glotzte ihren Stammesgefährten fassungslos entgegen.
Schon nach wenigen Schritten wurde dem Panter jedoch bewusst, dass sein Vorhaben, über die steile Böschung und durch das Dickicht entfliehen zu wollen, zum Scheitern verurteilt war, denn seine Gegner hatten ihm bereits jegliche Fluchtwege abgeschnitten. Er sass in der Falle, hinter sich die steil aufragende Felswand und die sprudelnden Wasserfälle, vor sich kampfbereite Torkar mit grimmigen Gesichtern und im Sonnenlicht blitzenden Klingen.
Ich hätte es wissen müssen!, ächzte Axis in Gedanken. Sie haben mir eine Falle gestellt, und Maryla war ihr ahnungsloser Köder. Ich Narr habe mich ihnen ausgeliefert!
Panik frass sich in sein wild pochendes Herz, und er verfluchte sich innerlich dafür, den leisen Zweifeln, dem drängenden Stechen in seinem Unterbewusstsein nicht genügend Beachtung geschenkt zu haben. Er hätte auf die trügerische Ruhe nicht hereinfallen dürfen, hätte länger ausharren und die Umgebung noch genauer auskundschaften müssen. Doch Marylas Liebreiz und das Verlangen ihr nahe zu sein hatten ihn verblendet, und nun musste er für sein leichtsinniges Verhalten büssen.
Verzweifelt schielte er zu seiner Liebsten, die nach wie vor starr und bestürzt neben ihm verharrte und die Angreifer aus geweiteten Augen anstarrte. „Warum ausgerechnet Carvik?“, hörte er sie wispern.
„Maryla, bitte, du musst etwas unternehmen, sonst ist es um mich geschehen“, flehte er im Flüsterton, denn die Krieger waren nur noch wenige Armeslängen von ihm entfernt. Nervös fegte sein Blick umher.Wo steckt nur Colix, wenn ich ihn einmal brauche?
„Maryla!“, zischte er noch einmal, diesmal energischer. Endlich schien sie ihn vernommen zu haben und befreite sich schlagartig aus ihrer Erstarrung. Mit einem raschen Schritt schob sie sich schützend vor ihn und streckte beide Arme weit aus, um den Kämpfern Einhalt zu gebieten.
„Bleibt stehen, keinen Schritt weiter!“, befahl sie mit eisiger Stimme, und die vier Calpire verhielten tatsächlich und senkten verunsichert die Waffen. Sie tauschten rasch Blicke, als suchten sie beim anderen Gewissheit, wie sie weiter vorzugehen hatten.
Axis kam nicht umhin, ob der plötzlichen Wandlung, die seine Gefährtin durchlebte, ein wenig in Staunen zu geraten. War sie vor einem Atemzug noch verschreckt und völlig handlungsunfähig neben ihm verharrt, stand sie nun selbstsicher und herrisch vor den verwirrten Kriegern. Sie gab eine beeindruckende Erscheinung ab, wie sie mit erhobenen Händen und angelegten Ohren den Torkar trotzte. Obgleich er es nicht erkennen konnte, wusste er, dass sie ihre blitzenden Zähne bedrohlich fletschte.
Die vier Waldläufer empfanden bei ihrem Anblick wohl nicht anders als er, denn sie wagten sich nicht weiter vor und schauten stattdessen etwas hilflos zwischen der Häuptlingstochter und ihrem Anführer hin und her.
Den Leoparden seinerseits schien das Gehabe Marylas nicht weiter zu imponieren. In überlegener Gelassenheit watete er durch die knöchelhohen Fluten und sprang behände und ohne besondere Anstrengung auf einen Felsbrocken, der gleich einem Podium aus der ihn umtosenden Strömung ragte. Dort hielt er inne, ein Bild von einem Krieger. Sein Körper war ein Meisterwerk aus Kraft, Anmut und Geschicklichkeit, und selbst ohne die beiden Schwerter, die er in hölzernen Scheiden überkreuzt auf dem Rücken trug, hätte er auf Axis furchterregender gewirkt als die vier anderen zusammen. Er hatte die krallenbewehrten Finger zu Fäusten geballt. Der scharfe Blick seiner bernsteinfarbenen Augen durchschnitt die schwüle Luft des anbrechenden Mittags, und ein kehliges Knurren grollte in seiner Brust.
„Lass den Unsinn, Maryla! Geh aus dem Weg und behindere uns nicht länger!“, fauchte der Waldläufer drohend.
„Du hast mir nichts zu befehlen, Carvik!“, erwiderte sie scharf. „Ich lasse nicht zu, dass ihr ihm etwas antut. Ihr habt hier nichts verloren. Zieht euch umgehend zurück!“
Der Leopard entblösste seine langen Fänge. „Verdammt, Maryla, sei nicht dumm! Er ist ein elender Xartorsh! Du kannst diesen Unholden nicht trauen.“
„Ich vertraue ihm mehr als dir“, gab sie ihm prompt Antwort. „Lasst ihn ziehen. Er bedeutet keine Gefahr, Ghaumox sei mein Zeuge!“
Carvik lachte, aber keine Freude klang darin und nur zu bald erstarb die aufgesetzte Heiterkeit wieder und wich düsterem Grimm. „Du hältst mich wohl für gar dumm, Häuptlingstochter? Wenn ich ihn jetzt gehen lasse, falle ich bei deinem Vater in Ungnade und verliere meine Ehre. Der da ist ein solches Opfer nicht wert. Tritt zur Seite und lasse uns unsere Pflichten erfüllen!“
Er gab seinen Männern ein kurzes Zeichen, und zwei von ihnen schickten sich an, Axis zu ergreifen. Doch der schwarze Panter, der die ganze Szenerie aufmerksam verfolgte und ruhelos seinen Blick schweifen liess, reagierte unverzüglich darauf und wich hastig nach hinten aus. Er stand bereits mit einem Fuss auf trockenem Boden.Nur noch zwei, drei kurze Schritte trennen mich von der felsigen Böschung!
Erneut sprang Maryla dazwischen und scheuchte die beiden Kämpfer mit einem zornigen Fauchen zurück. „Ich verbiete es euch, ihn anzugreifen! Der Alxalyr bildet erst die Grenze zu unserem Gebiet. Er hat ihn nicht überquert und ist somit auch nicht in unser Revier eingedrungen. Er hat genauso das Recht hier zu sein wie wir.“
„Xartorsh besitzen keine Rechte“, hielt Carvik grollend dagegen. „Sie sind unsere Todfeinde, und wenn wir sie ungehindert an den Grenzen unserer Jagdgründe herumstreunen lassen, könnten sie uns für schwach und töricht halten und am Ende unseren Boden mit ihren dreckigen Pfoten verunreinigen. Das lasse ich nicht zu, bei Umbratolax’ lodernden Feueraugen!“
Die harten, ehrverletzenden Worte des Torkar erweckten Axis‘ Zorn aus seinem Schlummer, und wie eine gewaltige Stichflamme loderte er in ihm auf und schmälerte seine Furcht. Seine Hände krampften sich zu Fäusten zusammen, und die Pupillen seiner grüngelben Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Doch zu mehr liess er sich nicht hinreissen, denn er wusste nur zu gut, dass er einen Kampf gegen eine solche Übermacht nicht gewinnen konnte.Ich bin allein und unbewaffnet und stehe mit dem Rücken zur Wand. Eine Auseinandersetzung mit dieser Meute würde ich nicht lange überleben.
Obwohl der schwarze Panter sich selbst gut beherrschte, wurde einer der Calpire auf die winzigen Veränderungen in seiner Haltung aufmerksam. Mit einem bösen Lächeln im braunen Gesicht hob er die schlanke und äusserst scharfe Schwertklinge.
Sofort reagierte Maryla darauf. Sie schleuderte dem Kämpfer einen funkelnden Blick entgegen, der ihn in die Schranken wies. Worte benötigte sie keine.
Als der Katzenmann sein Akari widerwillig gesenkt hatte, entfleuchte der Gepardin ein leiser Seufzer, und sie verlor einen Hauch ihrer würdevollen Selbstsicherheit, die Axis bislang vor einem blutigen Tod bewahrt hatte. Sie wandte sich wieder an den Leoparden, der noch immer auf dem Felsen stand und das Geschehen mit überlegener Ruhe überblickte. Er wirkte wie ein lauernder Jäger, der nur auf den richtigen Zeitpunkt wartete mit tödlicher Genauigkeit zuzuschlagen.
„Carvik, ich bitte dich inständig, gib ihn frei“, flehte sie, darum bemüht den Streit zu schlichten und ein gutes Ende herbeizuführen. „Tu mir diesen einen Gefallen. Ich verspreche dir, er wird sich hier nie wieder blicken lassen. Und ausserdem soll niemand davon erfahren.“
Der Krieger schwieg, und Axis konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. „Nein“, tat er nach einer halben Ewigkeit seine Entscheidung kund. „Das kannst du von mir nicht verlangen. Ich werde diesem räudigen Bastard nicht die Freiheit schenken. Und du, Maryla, tätest gut daran, die Ehre unseres Stammes mit deinem unreifen und treulosen Verhalten nicht länger in den Dreck zu ziehen. Was wird dein Vater, unser stolzer Häuptling, wohl denken, wenn er erfährt, welche Schmach du ihm heute bereitest? Und erst dein Bruder? Du besudelst sein Andenken, indem du einen Xartorsh verteidigst.“
Carviks schroffe Äusserungen liessen Maryla zusammenschrecken, und in ihre Atmung stahlen sich heftige Schluchzer. Ihre Knie begannen leicht zu zittern, die stolze Erhabenheit, die sie eben noch ausgestrahlt hatte, zerbröckelte allmählich, denn die Worte des Kriegers hatten sie tief getroffen. Schliesslich liess sie die Arme sinken und brach in Tränen aus.
Axis kam nicht dazu, ihr gegenüber Mitleid zu empfinden, da der braune Torkar Marylas Schwächeanfall sogleich ausnutzte, um ihn anzufallen. Schnell sprang er vor und schwang sein Schwert gegen den Xartorsh. Die blitzende Klinge fuhr von oben schräg herab, genau auf seinen Hals zu.
Der Häuptlingssohn aber hatte einen solchen Angriff vorausgeahnt und wich dem scharfen Stahl rasch aus. Mit einer geschickten Drehung entschlüpfte er dem tödlichen Hieb und unterlief gleichzeitig die Deckung seines Gegners, der nicht erwartet hatte, dass Axis die plötzliche Attacke so gekonnt auszutanzen vermochte.
Nun war Axis dem Krieger so nah, dass dieser seine Waffe nur noch schlecht gegen ihn einsetzen konnte. Er nutzte die kurze Verwirrtheit des Torkar gnadenlos aus, trat ihm gezielt in die Kniekehle und schlug ihm unmittelbar danach den flachen Handballen ins Gesicht.
Noch während der Kämpfer benommen in den Fluss sank, hielten des Panters Augen nach einem Fluchtweg Ausschau. Doch ein anderer Torkar griff ihn in eben diesem Moment an, so dass er gar nicht erst versuchen konnte, durch das Dickicht des nahen Ufers zu entwischen.
Obwohl Maryla sich mit einem verzweifelten Aufschrei gegen den Waldläufer warf, um ihn aufzuhalten, schaffte es dieser gerade noch, seinen Wurfspiess gegen den verhassten Xartorsh zu schleudern. Die schwarz glänzende, unterarmlange Spitze aus geschliffenem Obsidian schoss zielgenau auf den Häuptlingssohn zu und würde binnen eines Augenzwinkerns seine Brust auf Höhe des Herzens durchbohren. Mit leisem Pfeifen zerteilte das Geschoss die feuchtwarme Luft.
Axis handelte erneut blitzschnell und aus reinem Instinkt. Er sprang aus dem Stand in die Höhe, legte sich auf die Seite und drehte sich noch in der Luft einmal um sich selbst. Er spürte, wie der Kurzspiess, sein Ziel verfehlend, haarscharf an seiner Schulter vorüber zischte und einige Schritt hinter ihm raschelnd ins Gesträuch der Böschung tauchte, ehe er selbst mit beiden Beinen wieder sicher auf festem Boden aufkam.
Von seiner akrobatischen Glanzleistung noch leicht berauscht, blieb er einen Moment stehen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Alle Torkar, selbst Carvik, schienen wegen seines Könnens überrascht und regten sich nicht. Aber die Erstarrung hielt nur für den Bruchteil eines Atemzuges an, und der Ausdruck auf dem Gesicht des Leoparden wandelte sich von Erstaunen in Wut.
„Axis, lauf!“, rief ihm Maryla mit sich überschlagender Stimme zu. Sie balgte sich noch immer mit dem Stammeskämpfer, der sich abmühte, sie von sich zu stossen.
Zur gleichen Zeit setzten sich die beiden anderen auf einen Befehl Carviks hin wieder in Bewegung, und Axis, der noch immer nicht in den Wald entfliehen konnte, wich vor ihnen zurück, indem er eine Abfolge von halsbrecherischen Sprüngen, Überschlägen und Saltos vollführte. Mit diesen spektakulären Kunststücken gelang es ihm gar, den Abstand zwischen sich und den bewaffneten Kriegern zu vergrössern.
Nur hilfreich war es kaum, denn nun sass er endgültig in der Falle.
Nach einer letzten eleganten Luftrolle musste er zwischen den Gesteinen, welche die Wurzeln der Klippe umlagerten, innehalten, weil seiner Flucht ein jähes Ende gesetzt war. Nur einige Schritt hinter ihm schoss die feuchtglänzende Felswand beinahe senkrecht in den Himmel, und der seidig feine Sprühnebel der rauschenden Sturzbäche liebkoste seinen Leib mit der klammen Schauerlichkeit des ihn erwartenden Todes. Es gab keinen Ausweg.
Axis schloss die Augen, versuchte sein wild pochendes Herz zu beruhigen und ging in sich, um die Furcht zu bezwingen, die seinen Verstand verschleierte. Es war zwecklos, dem Unausweichlichen entrinnen zu wollen. Er musste sich den Torkar stellen, folglich besann er sich auf die Lehren seines alten Meisters Oraxil, der ihn jahrelang in der Kunst des waffenlosen Kampfes geschult hatte. Gespenstischem Geflüster gleich schwebten einzelne Äusserungen aus dem Dunkel seiner Erinnerung herauf und erfüllten seine Gedanken mit Weisheiten.
Ein klarer Geist allein vermag den Sieg zu erringen. Die stärksten Waffen eines Kriegers bestehen nicht aus glänzendem Stahl, scharfem Obsidian oder Jadestein sondern aus dem perfekten Zusammenspiel von Körper und Verstand. Nur die Dummen glauben einen Unbewaffneten bereits besiegt.
Gestärkt durch diese klugen Worte, begann Axis sich auf den bevorstehenden Kampf einzustimmen. Tief sog er die feuchte Luft in seine Brust und löschte so die letzten Lohen der Angst, die ihn verunsicherten. Er nahm eine auf alten Traditionen beruhende Haltung an und verharrte wie ein Fels in der Brandung. All seine Gedanken bündelten sich und wurden eins mit den Muskeln, die sich behutsam strafften. Dann hob er die Lider und visierte die anstürmenden Gegner mit scharfem Blick an.
In der kurzen Zeit, die er zur Vorbereitung benötigte, hatte sich viel getan. Die ersten beiden Torkar, die von zwei Seiten auf ihn zuhielten, hatten ihn schon fast erreicht und schwangen ihre Waffen. Der Dritte befreite sich eben aus der Umklammerung Marylas, indem er sie grob von sich stiess. Während er sich ebenfalls anschickte, ins Kampfgeschehen einzugreifen, taumelte die Gepardin in die Arme Carviks, der vom Felsen heruntergesprungen war und sie nun fest umschlungen hielt. Auch der vierte Krieger hatte sich mittlerweile erholt, war auf die Beine gesprungen und schloss sich dem Angriff an.
Mehr konnte Axis nicht mehr erkennen, denn die ersten Gegner waren heran und stürzten sich erbarmungslos auf ihn. Zornig fauchend stach der eine mit seiner Schwertlanze zu, aber der schwarze Panter entwich dem Stoss, indem er sich geschwind wegdrehte. Den eigenen Schwung geschickt ausnutzend, verpasste er dem Angreifer aus der Bewegung heraus einen wuchtigen Wirbeltritt gegen den Kopf und sandte ihn zu Boden. Gleichzeitig erfasste er im Augenwinkel den zweiten Torkar und gewahrte, dass dieser ihn mit einem einzigen Streich seiner schlichten Obsidian-Axt zu fällen gedachte.
Schnell wie ein Falke im Sturzflug wandte sich Axis dem Krieger zu, rückte vor und fing dessen Hieb mit dem Unterarm ab. Eine hastige Drehung des Handgelenks, und schon hielt er den Waffenarm seines Gegners fest umschlossen. Noch ehe der Kämpfer irgendwie reagieren konnte, trat der Xartorsh ihm das gestreckte Schienbein in den Unterleib, so dass dieser sich keuchend krümmte.
Den Arm noch immer in eisernem Griff verwahrend, sprang Axis vor, rollte sich geschwind über den gebeugten Rücken des Torkar und schwang beide Beine wie ein Fächer hinüber, um so den dritten Angreifer auf elegante Weise auszuschalten. Von der Wucht der beiden Tritte umgerissen, fiel der Calpir schmetternd ins seichte Flussgewässer, und sein Aufprall liess eine mächtige Fontäne aus frischem Nass emporsteigen.
Axis landete derweil auf der anderen Seite des kauernden Kriegers, der gequälte Schmerzenslaute von sich gab, da ihm der Häuptlingssohn mit seiner akrobatischen Einlage den rechten Arm schmerzhaft verdreht hatte. Mit einer blitzartigen Handbewegung und einem weiteren Tritt entriss der Panter seinem röchelnden Gegner die Obsidian-Axt und beförderte ihn zugleich in die kühlen Fluten.
Sofort nahm er sich des letzten Torkars an und bedrohte diesen mit der messerscharfen Obsidian-Schneide der erbeuteten Waffe, die er gen ihn reckte.
Der Waldläufer blieb augenblicklich stehen und zögerte plötzlich gegen den Xartorsh vorzugehen, denn nun war dieser bewaffnet und ihm damit mehr als ebenbürtig. Seine verengten Augen glitten kurz zu seinen Gefährten, die sich nur langsam und benommen aus dem Wasser erhoben. Auf sie würde er sich nicht verlassen können.
„Verdammt, worauf wartest du, Xalin?! Beende die Posse und stutze der stinkenden Xartorsh-Brut endlich die Krallen!“, brüllte Carvik ungehalten, der die sich wehrende und zappelnde Gepardin noch immer mit beiden Armen umschlungen hielt.
Axis erkannte, dass die Worte des Leoparden, dem verunsicherten Krieger neuen Mut einflössten, und wich einen Schritt nach hinten aus, die schwarzglänzende Steinklinge noch immer auf sein Gegenüber gerichtet. Beunruhigt stellte er auch fest, dass sich die drei anderen allmählich wieder von seinen Hieben und Tritten erholten.
„Hört zu!“, begann er hastig. „Ich will noch immer nicht gegen euch kämpfen. Lasst mich einfach gehen, und wir vergessen das Ganze. Unnötig ist es, wegen solcher Kleinigkeiten Blut zu vergiessen.“
Der braune Panter vor ihm bleckte hämisch die Zähne. „Heute wird nur dein Blut fliessen, Xartorsh, und um diese lausigen Tropfen ist es nicht schade“, raunte er. Dann griff er unvermittelt an und schlug die ihm drohende Steinaxt mit seiner schlanken Schwertklinge aus silbernem Stahl zur Seite.
Begleitet vom verzweifelten Schrei Marylas, entspann sich zwischen Axis und Xalin, wie Carvik den hochgewachsenen Torkar genannt hatte, ein erbitterter Waffengang, der von zahlreichen akrobatischen Kunststücken, wilden Fuchteleien, Sprüngen, Drehungen und behänden Angriffen und Paraden geprägt war. Blitzende Klingen, Beine und Arme wirbelten in hohem Tempo durcheinander, und die zahlreichen Felsen und Steinbrocken im Flussquell dienten den beiden Kontrahenten als Hilfsmittel, noch waghalsigere und spektakulärere Einlagen auszuführen, indem sie sich von diesen abstiessen.
Zu Axis‘ Leidwesen blieb es jedoch nicht lange bei diesem einfachen Kräftemessen zweier Gegner, das ihn ohnehin bereits ausreichend forderte. Viel zu bald hatten sich die drei anderen Krieger aufgerappelt und griffen nacheinander ins Kampfgeschehen ein, was den Häuptlingssohn in arge Schwierigkeiten brachte. Von mehreren Seiten wurde er angegangen und musste sich mit seiner eher plumpen Waffe gegen die scharfen Schneiden seiner Widersacher behaupten, welche in tödlichen Streichen durch die Luft schnitten.
Solcher Überzahl war auch Axis nicht gewachsen, zumal es noch immer sein Bestreben war, seine Kontrahenten nicht ernsthaft zu verletzen, die ihm im Gegenzug keinerlei Schonung zugedachten. Wenn möglich versuchte er, die Torkar mit eleganten Tritten und Schlägen auszuschalten und verwendete das Obsidian-Beil nur dazu, sich die feindlichen Klingen vom Leib zu halten oder sie geschickt abzulenken und zu binden. Damit aber tat er sich keinen Gefallen, und hart bedrängt, musste er sich immer weiter zurückscheuchen lassen.
Ein zunehmend stärkeres Kribbeln in seinem Nacken verriet ihm, dass er der Felswand schon gefährlich nahegekommen war. In schimmernden Schwaden umwehte ihn der Gischtregen der fallenden Wasser, und die Furcht gewann wieder an Kraft.Jetzt kann mich nur noch ein Wunder vor der sicheren Niederlage bewahren, dachte er verzweifelt.
Auf einmal stockte einer der Angreifer mitten im Schlag, den Blick auf einen Punkt hinter und über Axis geheftet. Nur einen Herzschlag später verhielten auch die beiden anderen und starrten überrascht und mit aufgerissenen Augen in dieselbe Richtung. Einzig Xalin liess sich nicht ablenken und deckte den Panter mit einer raschen Abfolge gezielter Hiebe ein, die dieser jedoch allesamt abwehrte und sich mit einem Rückwärtssalto auf einen niedrigen Felsen rettete.
„Axis, halte durch! Ich stehe dir bei!“
Eine dem Häuptlingssohn wohlbekannte Stimme zog donnernd wie eine Gewitterwolke über die Katzenkrieger hinweg und hallte von den steilen Wänden wider. Axis schloss kurz die Augen und atmete erleichtert durch. Colix, mein treuer Freund, du kommst gerade zum rechten Zeitpunkt. Den Ahnengeistern sei Dank, dass sie mir dich geschickt haben!
Diesmal blieb auch Xalin stehen und machte ein erstauntes Gesicht, als er der grossen Gestalt ansichtig wurde, die sich im Schutze eines plätschernden Rinnsals den steilen, glitschigen Fels hinuntermühte. Doch kaum hatte er den neuen Gegner ausgemacht, stiess sich dieser kräftig von der Wand ab, sprang durch den Wasservorhang und landete mit einem Brüllen genau auf dem verblüfften Torkar, ihn unter seinem mächtigen Körper begrabend.
Axis konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, als er sah, wie sich sein kolossaler Leibwächter prustend aus dem sprudelnden Nass erhob und den drei Torkar entgegentrat, die sich noch immer nicht rührten und ihn nur fassungslos anstarrten. Eine Welle der Erleichterung wusch die Ängste und Sorgen weg, die ihn eben noch zur Verzweiflung getrieben hatten, und er gestattete sich, einen weiteren tiefen Atemzug zu nehmen, um wieder zur Ruhe zu kommen.
„Ghaumox sei mein Zeuge, du kannst nicht ermessen, wie froh ich bin, dein hässliches Affengesicht zu sehen, mein Freund“, gestand er dem Tiger mit einem Scherz. Dieser zog langsam das grosse Taranga-Schwert aus der hölzernen, mit bunten Stoffbändern umwickelten Scheide auf seinem Rücken und stellte sich breitbeinig vor den sichtlich eingeschüchterten Torkar hin.
„Du bist in Gefahr, und ich muss dich beschützen. Das ist meine Aufgabe“, entgegnete Colix schleppend, aber ohne die Torkar aus den Augen zu lassen. Ein tiefes Knurren rollte aus seiner Brust, und die drei Kämpfer zuckten unmerklich zusammen.
Axis warf einen kurzen Blick auf Xalin, der bewusstlos im seichten Wasser lag. „Die Gefahr scheint sich bereits verflüchtigt zu haben“, meinte er leichthin und wandte sich den drei Waldläufern zu, die auf ihn einen sehr unentschlossenen Eindruck machten. Selbstsicher wies er mit der Axtklinge auf einen der Calpire.
„Genug für heute. Lasst uns den Kampf hier und jetzt beenden, ehe noch jemand ernsthaft zu Schaden kommt. Mein Stammesgefährte und ich werden uns nun zurückziehen, und ich hoffe für euch, dass ihr uns nicht folgt.“
Colix warf ihm einen verwirrten Blick über die breite Schulter zu. „Was soll das heissen? Du willst einfach gehen?“
„Ja. Es war nie meine Absicht gegen die Torkar zu kämpfen“, erklärte er. „Dein heldenhaftes Eingreifen erlaubt mir nun, diesen Ort unversehrt zu verlassen. Mir ist dies viel lieber als ein blutiges Gefecht ohne Sinn und Zweck auszutragen und weiteres Leid in unsere Herzen zu tragen.“
Das Gesicht des Tigers nahm einen trotzigen Ausdruck an. „Aber...“, begann er, leicht empört. Doch kaum hatte er den Mund geöffnet, wurde er jäh von einem zornigen Brüllen unterbrochen.
Die drei Torkar-Krieger hatten ihren Schrecken überwunden und griffen die nicht ganz aufmerksamen Xartorsh unversehens an.
„Lass mich endlich los, bei der Gnade Ghaumox’!“, protestierte Maryla energisch und versuchte sich aus der kräftigen Umarmung Carviks zu lösen, der sie von hinten gepackt hatte und eisern festhielt. Sie wand sich wild, knurrte und trat nach ihm, doch seine starken Arme gaben sie nicht frei, so sehr sie sich auch wehrte.
„Verflucht, lass mich gehen, oder du bekommst gewaltigen Ärger!“, drohte sie fauchend.
Carvik schien dies Versprechen nicht zu ängstigen, denn er blieb stumm und hielt sie weiter umschlossen. Vermutlich nahm er ihre Worte nicht einmal wahr, denn als sie ihm einen vor Wut sprühenden Blick über die Schulter entgegen schleuderte, stellte sie fest, dass seine bernsteinfarbenen Augen starr auf dem Geschehen am Fusse der Steilwand ruhten, wo ihr geliebter Axis sich verzweifelt gegen eine Übermacht zur Wehr setzen musste.
Erzürnt und mit neuem Eifer drehte sie sich in seinem Griff leicht zur Seite und rammte ihrem Stammesgefährten anschliessend ihren Ellbogen mit grosser Kraft in den Bauch. Der Leopard stöhnte auf, und endlich lösten sich seine Arme und entliessen sie aus der Gefangenschaft, während er einen halben Schritt nach hinten taumelte.
Sofort fuhr Maryla zu ihm herum. „Idiot!“, beschimpfte sie ihn zischend und mit gefletschten Zähnen. „Das geschieht dir nur recht. Ich hoffe sehr, dass mein Stoss dir noch lange Schmerzen bereitet. Du sollst eine Lehre daraus ziehen, und wage es noch einmal, mich anzufassen!“
Carvik bedachte sie lediglich mit einem verärgerten Knurren, dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Kampf. Seine Pupillen verengten sich zu schmalen Schlitzen, und seine Gesichtsmuskeln zuckten unruhig. Scheinbar gefiel ihm nicht, was er gewahrte.
Auch die Gepardin drehte sich wieder um und verfolgte den herben Schlagabtausch unter den stürzenden Bächen mit gemischten Gefühlen. Einerseits bewunderte sie ihren Geliebten dafür, wie er sich tapfer und mit ungeheurem Geschick der vier Torkar erwehrte. Auf der anderen Seite wuchs ihre Besorgnis um ihn, je länger das Gefecht andauerte, denn so behände Axis auch focht, er war seinen Gegnern auf Dauer hoffnungslos unterlegen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn überwältigten, und diese Tatsache liess sie bangen.
Noch war dem schwarzen Panter kein Leid widerfahren, doch das würde nicht ewig so währen. Ich flehe Euch an, ihr Ahnen, bewahrt meinen Liebsten vor üblem Schaden. Er darf nicht sterben! Ich würde es nicht ertragen, wenn ihm ein Leid geschähe.
Gebannt schaute sie dem wilden Treiben weiter zu und musste bald erkennen, dass die vier Krieger ihren Gefährten immer mehr in die Enge trieben. Das Herz hämmerte in ihrer Brust, als wollte es den Kerker aus Knochen und Fleisch zersprengen, und Angst wucherte wie schwarzes Unkraut in ihrem Innern und verknotete die Eingeweide zu einem dichten Knäuel. Schmerzhafte Krämpfe und Übelkeit plagten sie, ihre Atmung wurde unregelmässig und ihre Knie begannen zu zittern.Bitte, ihr Ahnen, es darf ihm nichts geschehen!
Sie stand kurz davor, sich in ihrer Verzweiflung zwischen die Streitenden zu werfen, als sie auf einmal unmittelbar über den Köpfen der Kämpfer eine Bewegung erhaschte. Ihre Augen glitten zur Steilwand hinauf, wo sie tatsächlich einen verschwommenen Schemen erblickte, der sich hinter dem sprudelnden Band eines Sturzbaches nach unten arbeitete.Wer mag das bloss sein?
„Was zum...?“, knurrte Carvik neben ihr, als auch er den Fremden in der Klippe bemerkte. Er spannte sich an und legte die Ohren flach an den Kopf.
Von da an überschlugen sich die Ereignisse, und das Kampfgeschehen nahm eine überraschende Wendung. Nacheinander hielten die Krieger in ihrem argen Tun inne, da ihr Augenmerk sich von Axis auf den Neuankömmling verlagerte. Dieser entpuppte sich als kräftiger Xartorsh, der seinem Stammesgefährten zu Hilfe eilte. Nach einem lauten Ruf, der schliesslich auch Xalin erstarren liess, sprang er aus mehreren Metern Höhe auf den verdutzten Kämpfer hinunter und wuchtete ihn ins Reich der Träume. Maryla jubelte innerlich, wollte aber noch nicht gänzlich aufatmen.
Sofort erhob er sich der massige Tiger wieder und zog ein beeindruckendes Zweihandschwert, indes Axis ein paar Worte an die übrigen Torkar richtete, die dem plötzlichen Kräfteausgleich etwas verunsichert gegenüberstanden und verzagten.
