Verlag: Bastei Lübbe Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

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E-Book-Beschreibung Das Spiel des Poeten - Andrea Camilleri

Ein greises Geschwisterpaar in religiösem Wahn, das Schüsse abfeuert, sobald jemand sich der Wohnung nähert. Eine massakrierte Gummipuppe, die Rätsel aufgibt - umso mehr, als sich in einem anderen Viertel Vigàtas eine zweite Puppe mit denselben Blessuren findet. Anonyme Botschaften in Reimform, die im Kommissariat eingehen. Commissario Montalbano ahnt schon bald, dass ein weit zurückliegender Fall erneut ans Tageslicht gerückt ist: das mysteriöse Verschwinden eines Mädchens, dessen Leiche nie gefunden wurde ...

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E-Book-Leseprobe Das Spiel des Poeten - Andrea Camilleri

Inhalt

CoverÜber den AutorTitelImpressumEinsZweiDreiVierFünfSechsSiebenAchtNeunZehnElfZwölfDreizehnVierzehnFünfzehnSechzehnSiebzehnAchtzehnAnmerkung des AutorsUnsere Empfehlungen

Über den Autor

ANDREA CAMILLERI ist der erfolgreichste zeitgenössische Autor Italiens und begeistert mit seinem vielfach ausgezeichneten Werk ein Millionenpublikum. Ob er seine Leser mit seinem unwiderstehlichen Helden Salvo Montalbano in den Bann zieht, ihnen mit kulinarischen Köstlichkeiten den Mund wässrig macht oder ihnen unvergessliche Einblicke in die mediterrane Seele gewährt: Dem Charme der Welt Camilleris vermag sich niemand zu entziehen.

Andrea Camilleri

Das Spiel des Poeten

Commissario Montalbano liest zwischen den Zeilen

Roman

Übersetzung aus dem Italienischen von Rita Seuß und Walter Kögler

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Dieser Titel ist auch als Hörbuch und E-Book erschienen

Titel der italienischen Originalausgabe:»La caccia al tesoro«

Für die Originalausgabe:Copyright © 2010 by Sellerio Editore srl, Palermo/Italy

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2015 by Bastei Lübbe AG, KölnUmschlaggestaltung: Kirstin OsenauUmschlagmotiv: © shutterstock/lapas 77E-Book-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde

ISBN 978-3-7325-0599-9

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Eins

Gregorio Palmisano und seine Schwester Caterina waren seit ihrer frühesten Jugend eifrige Kirchgänger, das wusste jeder in der Stadt. Sie versäumten weder die Morgen- noch die Abendandacht, keine Messe und keine Vesper, und manchmal gingen sie auch ohne besonderen Anlass in die Kirche, einfach nur weil sie Lust dazu hatten. Der zarte Weihrauchduft, der nach der Messe in der Luft lag, und der Geruch von Kerzenwachs waren für die Palmisanos verführerischer als das Aroma von Hackfleischsauce für jemanden, der seit zwei Wochen nichts gegessen hat.

An ihrem Stammplatz in der vordersten Bank knieten sie im Gebet, ohne allerdings den Kopf zu senken. Ihre Blicke galten aber weder dem großen Kruzifix über dem Hauptaltar noch der schmerzensreichen Mutter Jesu am Fuß des Kreuzes. Vielmehr hielten sie sie auf den Pfarrer gerichtet und verfolgten aufmerksam jede seiner Bewegungen: wie er das Evangeliar umblätterte, den Segen spendete, beim Dominus vobiscum die Arme ausbreitete und mit dem Ite, missa est die Gemeinde entließ.

Am liebsten wären die beiden selbst an die Stelle des Priesters getreten, hätten sich Messgewand, Stola und Paramente übergeworfen, das Tabernakeltürchen geöffnet, den silbernen Kelch herausgenommen und die Kommunion an die Gläubigen ausgeteilt. Vor allem Caterina.

Als sie ihrer Mutter Matilde einmal verriet, was sie später werden wolle, hatte diese sie korrigiert:

»Du meinst, Nonne.«

»Nein, Mama, Pfarrer.«

»Ach! Und warum willst du Pfarrer werden und nicht Nonne?«, hatte Signora Matilde belustigt gefragt.

»Weil der Pfarrer die Messe liest und die Nonne nicht.«

Stattdessen mussten die beiden Kinder ihrem Vater in seinem Lebensmittelgroßhandel helfen, der sich über drei Lagerhallen erstreckte.

Nach dem Tod ihrer Eltern änderten Gregorio und Caterina das Sortiment. Statt mit Nudeln, Dosentomaten und Stockfisch handelten sie fortan mit Antiquitäten. Gregorio besorgte die Objekte, indem er die ältesten Kirchen der Umgebung und halbverfallene Wohnsitze verarmter Adliger abklapperte. Eines der drei Lager war bis unters Dach mit Kruzifixen aller Art gefüllt, angefangen bei kleinen Kreuzen, die man sich an einer Kette um den Hals hängen konnte, bis zu Wandkreuzen mit lebensgroßer Christusfigur. Es gab auch drei oder vier identische, schlichte Kreuze ohne Korpus, die riesig und sehr schwer waren und dazu bestimmt, bei der Karfreitagsprozession von einem Büßer auf der Schulter getragen zu werden, während finstere römische Zenturionen ihn mit Peitschenhieben traktierten.

Als Gregorio siebzig und Caterina achtundsechzig Jahre alt waren, verkauften sie die drei Lager, allerdings nicht ohne einen Teil der Waren eines Nachts in ihre Wohnung im obersten Stock eines Hauses neben dem Rathaus zu verfrachten. Die Wohnung verfügte über sechs geräumige Zimmer und eine nie genutzte Terrasse und war viel zu groß für zwei unverheiratete Geschwister, die nicht einmal Neffen oder Nichten hatten.

Von dem Moment an, da sie ohne Beschäftigung waren, verstärkten sich ihre religiösen Marotten. Sie verließen die Wohnung nur noch , um zur Kirche zu gehen, Seite an Seite, mit schnellen Schritten und gesenktem Kopf und ohne einen Gruß zu erwidern. Danach verbarrikadierten sie sich wieder in ihrer Wohnung, deren Fensterläden stets geschlossen waren, als befänden sich die Bewohner in ewiger Trauer.

Die Einkäufe erledigte eine Frau, die seinerzeit die Lagerräume für sie gereinigt hatte. Sie durfte die Wohnung allerdings nie betreten, sondern holte morgens lediglich das Geld unter der Fußmatte hervor. An der Tür war mit einem Reißnagel ein Zettel befestigt, auf dem Caterina ihre Wünsche notiert hatte.

Die vollen Einkaufstüten stellte die Frau vor die Tür, klopfte und rief: »Der Einkauf!« Dann ging sie wieder. Die Geschwister besaßen keinen Fernseher, und als sie noch mit Antiquitäten handelten, hatte niemand sie je in einem Buch oder einer Zeitung blättern sehen. Sie lasen nur das Brevier, wie ein Pfarrer.

Nach zehn Jahren vollzog sich eine Veränderung. Die Palmisanos gingen jetzt gar nicht mehr aus dem Haus, sie besuchten auch die Messe nicht mehr und zeigten sich nie auf einem der drei Balkone, nicht einmal, wenn die Prozession zu Ehren des Schutzheiligen der Stadt vorbeikam.

Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt, schriftlich wie mündlich, war die Frau, die für sie einkaufte.

Eines Morgens bemerkten die Leute in Vigàta zwischen dem ersten und dem zweiten Balkon der Palmisanos ein großes weißes Transparent, auf dem in großen Lettern geschrieben stand:

»IHR SÜNDER, TUT BUSSE!«

Eine Woche später hing zwischen dem zweiten und dem dritten Balkon ein weiteres Transparent:

»IHR SÜNDER, WIR WERDEN EUCH BESTRAFEN!!«

Wieder eine Woche später verhüllte ein drittes Spruchband, noch größer als die beiden ersten, die gesamte Brüstung der Terrasse:

»IHR WERDET EURE SÜNDEN MIT DEM LEBEN BEZAHLEN!!!«

Als Montalbano das dritte Spruchband sah, fing er an, sich Sorgen zu machen.

»Das ist ja lächerlich«, meinte Mimì Augello. »Es sind nur zwei arme alte Schwachköpfe mit einem religiösen Tick!«

»Da bin ich mir nicht so sicher!«

»Was macht dich so misstrauisch?«

»Die Ausrufezeichen. Aus einem sind inzwischen drei geworden.«

»Na und?«

»Ein Zeichen, dass sie den Sündern eine Frist setzen. Und das ist die letzte Mahnung.«

»Wer sollen diese Sünder denn überhaupt sein?«

»Wir alle sind Sünder, Mimì, hast du das vergessen? Weißt du, ob Gregorio Palmisano einen Waffenschein hat?«

»Ich seh mal nach.« Kurz darauf kehrte er mit nachdenklicher Miene zurück. »Er hat tatsächlich einen Waffenschein. Den hat er beantragt, als er mit Antiquitäten handelte, und er hat ihn bekommen. Für einen Revolver. Er hat aber auch zwei Jagdgewehre und eine Pistole angemeldet, die seinem Vater gehörten.«

»Fazio soll sich morgen erkundigen, welche Kirche sie immer besucht haben, und dann redest du mal mit dem Pfarrer.«

»Der muss doch das Beichtgeheimnis wahren!«

»Du sollst ihm ja keine Geheimnisse entlocken, sondern ihn einfach nur fragen, welches Stadium ihr Wahn seiner Ansicht nach erreicht hat und ob er die beiden für gefährlich hält oder nicht. Ich rufe in der Zwischenzeit den Bürgermeister an.«

»Warum das denn?«

»Ich will, dass er einen Polizisten zu den Palmisanos schickt, damit sie diese Transparente abhängen.«

Der Gemeindepolizist Landolina wurde abends um sieben bei den Palmisanos vorstellig. Da im Anschluss an die Nachrichten ein Fußballspiel mit der Mannschaft von Palermo übertragen wurde, wollte er die Sache rasch hinter sich bringen, nach Hause gehen, zu Abend essen und es sich in seinem Sessel gemütlich machen.

Er klopfte an die Tür, aber niemand öffnete. Da Landolina nicht nur starrköpfig und gewissenhaft war, sondern auch keine Zeit verlieren wollte, klopfte er nicht nur heftig, mit der geballten Faust, sondern trat auch mit dem Fuß gegen die Tür, bis die Stimme eines alten Mannes zu hören war:

»Wer ist da?«

»Gemeindepolizei! Machen Sie auf!«

»Nein.«

»Öffnen Sie sofort die Tür!«

»Verschwinde, Schutzmann, es ist besser für dich!«

»Lassen Sie die Drohungen sein und machen Sie auf. Und zwar sofort!«

Gregorio ließ die Drohungen sein und gab durch die geschlossene Tür einen Schuss ab.

Die Kugel streifte Landolina am Kopf. Er drehte sich auf dem Absatz um und nahm Reißaus.

Als er auf die Hauptstraße hinaustrat, sah er, wie die Leute schreiend und jammernd, fluchend und betend auseinanderstoben. Gregorio und Caterina hatten von zwei Balkonen aus angefangen, auf Passanten zu schießen.

Damit begann die Belagerung der kleinen Festung der Palmisanos durch die Ordnungskräfte – in Gestalt von Montalbano, Augello, Fazio, Gallo und Galluzzo. Die zahlreichen Schaulustigen wurden von Gemeindepolizisten auf Distanz gehalten. Nach einer Stunde tauchten auch die Journalisten der lokalen Zeitungen und Fernsehsender auf.

Als gegen zehn Uhr abends auch der Versuch des Pfarrers gescheitert war, seine ehemaligen Schäflein per Megaphon zur Kapitulation zu überreden, beschloss Montalbano, die kleine Festung zu stürmen. Er schickte Fazio los, um die Örtlichkeiten zu erkunden. Nach einer Stunde gewissenhafter Begehung kam Fazio zurück und berichtete, es sei nichts zu machen, man könne von keiner Wohnung aus auf das Dach oder in die Nähe der Terrasse gelangen.

Daraufhin zückte der Commissario sein Mobiltelefon und rief Catarella an.

»Ruf sofort die Feuerwehr von Montelusa …«

»Wo brennt’s denn, Dottori?«

»Lass mich ausreden! Sag ihnen, sie sollen sofort hierherkommen, mit einer Drehleiter, die bis zum fünften Stock reicht.«

»Dann brennt’s also im fünften Stock.«

»Es brennt überhaupt nicht!«

»Wozu brauchen Sie dann die Feuerwehr?«, fragte Catarella mit lupenreiner Logik.

Montalbano stieß einen Fluch aus und beendete die Verbindung. Dann wählte er die Nummer der Feuerwehr, nannte seinen Namen und Dienstgrad und erklärte sein Anliegen. Der Mann in der Einsatzzentrale fragte:

»Jetzt gleich?«

»Selbstverständlich!«

»Unsere Drehleitern sind im Moment beide im Einsatz. Wir könnten damit in – sagen wir – einer Stunde in Vigàta sein. Der Scheinwerfer ist kein Problem, den kann ich sofort rüberschicken.«

Das Sofort entpuppte sich als eine weitere Stunde verlorene Zeit.

Ab und zu feuerten die Palmisanos ein paar Gewehr- und Revolverschüsse ab, um nicht aus der Übung zu kommen. Der Scheinwerfer traf ein, wurde in Stellung gebracht und eingeschaltet. Er tauchte die gesamte Fassade des Hauses in ein grelles, bläuliches Licht.

»Danke, Dottor Montalbano!«, riefen die Kameraleute der Fernsehsender.

Es sah fast so aus, als würde ein Film gedreht.

Der Feuerwehrwagen kam allerdings erst nach ein Uhr in der Nacht. Die Leiter wurde bis zu der Brüstung ausgefahren, auf der das Spruchband gespannt war.

»Ich klettere jetzt rauf«, sagte der Commissario. »Fazio, du kommst mit. Mimì, Gallo und Galluzzo, ihr geht zur Wohnungstür, und während ich die beiden von der Terrasse aus ablenke, versucht ihr, die Tür aufzubrechen.«

Kaum hatte er den Fuß auf die erste Sprosse gesetzt, tauchte hinter dem Spruchband Gregorio auf und feuerte mit seinem Revolver auf ihn, dann zog er sich wieder zurück. Montalbano suchte eiligst Schutz in einem Hauseingang.

»Es ist besser, wenn ich allein hochgehe«, sagte er zu Fazio. »Du bleibst auf der Straße und gibst mir Deckung.«

Fazio feuerte einen Warnschuss ab, der ein Loch in das Transparent schlug, und der Commissario nahm die erste Leitersprosse. Er hielt sich nur mit der linken Hand am Handlauf fest, in der rechten hielt er den Revolver und kletterte vorsichtig hinauf.

Er hatte die vierte Etage erreicht, als Gregorio plötzlich erneut auftauchte. Fazio nahm ihn sofort unter Beschuss, trotzdem gelang es Gregorio, eine Kugel abzufeuern, die den Commissario nur knapp verfehlte.

Montalbano zog instinktiv den Kopf ein, und dabei fiel sein Blick nach unten auf die Straße. Der Schweiß brach ihm aus, ein Brechreiz überkam ihn, und vor seinen Augen drehte sich alles, sodass er beinahe den Halt verloren hätte. Dabei hatte er noch nie unter Schwindel gelitten! Und ausgerechnet jetzt musste ihm das passieren, wo er es am wenigsten gebrauchen konnte. Das lag bestimmt am Alter.

Eine ganze Minute lang stand er wie erstarrt, mit fest zusammengekniffenen Augen, unfähig, sich zu bewegen. Dann riss er sich zusammen und stieg weiter hinauf, noch langsamer als zuvor.

Als er die Brüstung erreicht hatte, richtete er sich blitzschnell auf, die Waffe im Anschlag – aber die Terrasse war leer. Gregorio hatte sich in die Wohnung zurückgezogen. Er lag vermutlich hinter der geschlossenen Tür auf der Lauer und zielte mit dem Revolver auf ihn.

»Macht den Scheinwerfer aus!«, rief Montalbano.

Er sprang auf die Terrasse und legte sich flach auf den Boden. Da knallte auch schon ein Schuss, doch der Wechsel von grellem Scheinwerferlicht zu plötzlicher Dunkelheit beeinträchtigte Gregorios Sicht. Auch der Commissario gab blindlings einen Schuss ab. Es dauerte eine ganze Weile, bis er wieder etwas erkennen konnte.

Er überlegte, sich aufzurichten und wild ballernd auf die Tür zuzulaufen, doch dann würde Gregorio ihn ganz bestimmt treffen.

Plötzlich sprang Fazio über die Brüstung und warf sich neben ihm flach auf den Boden.

Aus der Wohnung waren jetzt Gewehrschüsse zu hören.

»Das ist Caterina. Sie steht hinter der Tür und feuert auf unsere Leute«, raunte Fazio ihm zu.

Auf der Terrasse gab es nichts, das ihnen Schutz geboten hätte, keinen Blumentopf, keine zum Trocknen aufgehängte Wäsche. Doch an der Wand lehnten drei oder vier lange Eisenstangen, vielleicht die Überreste einer Laube.

»Was jetzt?«, fragte Fazio.

»Hol eine dieser Eisenstangen. Wenn sie nicht vom Rost zerfressen sind, kannst du damit die Terrassentür aufbrechen. Gib mir deinen Revolver. Bist du bereit? Eins, zwei, drei. Los!«

Sie richteten sich auf, und Montalbano begann sogleich, aus beiden Waffen zu feuern. Er kam sich vor wie der Sheriff in einem amerikanischen Western und fühlte sich ein bisschen lächerlich. Dann rannte er zu Fazio, der sich mit der Stange an der Tür zu schaffen machte, und schoss durch den Fensterladen. Endlich sprang die Terrassentür auf, und sie betraten einen fast stockdunklen Raum. Es war ein großes Zimmer, das von einer Petroleumlampe auf einem Tischchen nur schwach erleuchtet wurde. Man hatte den beiden schon vor langer Zeit den Strom abgeschaltet.

Wo hatte sich der verrückte Alte nur verschanzt? Zwei Zimmer weiter waren erneut Gewehrschüsse zu hören. Das war Caterina, und sie setzte sich gegen Mimì, Gallo und Galluzzo zur Wehr, die versuchten, die Wohnungstür aufzubrechen.

»Geh von hinten ran«, sagte Montalbano zu Fazio und gab ihm seine Pistole zurück. »Ich suche nach Gregorio.«

Fazio verschwand durch eine Tür, die in den Flur führte.

Eine weitere Tür war geschlossen, und der Commissario hatte das sichere Gefühl, dass der Alte sich im Raum dahinter aufhielt. Er schlich sich heran und drückte die Klinke herunter, sodass die Tür einen Spalt aufging. Der erwartete Schuss blieb aus.

Montalbano riss die Tür auf und warf sich gleichzeitig zur Seite. Nichts geschah.

Was machte Fazio? Warum hörte die Alte nicht auf zu schießen?

Montalbano holte tief Luft und betrat in geduckter Haltung den Raum, die Pistole im Anschlag. Sogleich verlor er die Orientierung.

In dem Zimmer war eine Art Wald, doch was für einer?

Dann begriff er, und ihn überkam eine lähmende, irrationale Beklemmung.

Im Schein einer Petroleumlampe sah er Dutzende von Kruzifixen in allen Größen, manche einen Meter hoch, andere reichten bis zur Decke. Sie standen auf hölzernen Sockeln und bildeten einen dichten Wald aus Längs- und Querbalken, die einander aufgrund ihrer unterschiedlichen Höhe nicht ins Gehege kamen.

Der Commissario gelangte schnell zu der Überzeugung, dass Gregorio nicht hier war, und wenn, dann würde er bestimmt nicht schießen, aus Angst, ein Kreuz zu treffen. Dennoch stand Montalbano wie gelähmt da, er fürchtete sich wie ein kleiner Junge, allein in einer nur von Kerzenlicht erleuchteten Kirche. Am hinteren Ende des Raumes stand eine Tür offen, durch die der schwache Schein einer weiteren Petroleumlampe drang, doch Montalbano war unfähig, auch nur einen Schritt darauf zu zu machen.

Was ihn schließlich veranlasste, den Wald zu durchqueren, waren Fazios Stimme und Caterinas verzweifeltes Gequieke, das wie das schrille Kreischen einer Maus klang.

»Dottore, ich hab sie!«

Der Commissario stürmte los. Im Zickzack bahnte er sich einen Weg zwischen den Kreuzen hindurch, stieß eines beinahe um und stürzte dann durch die Tür in ein Zimmer, in dem ein Doppelbett stand.

Gregorio hielt seinen Revolver auf ihn gerichtet, und Montalbano warf sich zu Boden. Der Abzug klickte, doch das Magazin war leer. Montalbano rappelte sich auf. Der großgewachsene, bis auf die Knochen abgemagerte Alte stand mit seinem schulterlangen weißen Haar splitternackt vor ihm und blickte entgeistert auf seinen Revolver. Montalbano schlug ihm die Waffe mit einem Fußtritt aus der Hand.

Gregorio begann zu weinen.

Erst jetzt bemerkte der Commissario voller Entsetzen den Kopf einer langhaarigen, blonden Frau auf einem der Kissen. Ihr Körper lag unter der Decke verborgen. Ihm war auf der Stelle klar, dass es sich um einen leblosen Körper handelte.

Er trat an das Bett heran und hörte, wie Gregorio ihn mit einer Stimme wie ein Reibeisen anfuhr:

»Wage es ja nicht, dich der Braut zu nähern, die Gott mir gegeben hat!«

Er hob die Bettdecke an.

Zum Vorschein kam eine verschlissene Gummipuppe. Der Großteil des Haarschopfs und ein Auge fehlten, eine Brust war eingefallen, und der Körper war an mehreren Stellen mit runden oder rechteckigen grauen Gummiflicken bedeckt. Offensichtlich hatte Gregorio die abgewetzten, löchrigen Stellen geflickt.

»Salvo, wo bist du?« Das war Augellos Stimme.

»Ich bin hier, es ist alles in Ordnung.«

Er hörte ein merkwürdiges Geräusch und warf einen Blick in das Zimmer nebenan. Gallo und Galluzzo hatten im Schein starker Taschenlampen damit begonnen, die Kreuze zur Seite zu rücken, um einen Durchgang zu schaffen. Dann traten wie durch ein Spalier Mimì und Fazio mit Caterina in ihrer Mitte heraus, die sich immer noch wehrte und schrille Laute von sich gab.

Caterina sah aus, als sei sie einem Horrorfilm entsprungen. Sie trug ein verdrecktes und löchriges Nachthemd, ihre gelblich weißen Haare waren zerzaust, ihre Augen weit aufgerissen. Sie war sehr dick und klein, und aus dem von Speichel triefenden Mund ragte ein einziger langer Zahn.

»Ich verfluche dich!«, stieß Caterina hervor und durchbohrte Montalbano mit ihrem irren Blick. »Du wirst bei lebendigem Leib im Höllenfeuer verbrennen!«

»Darüber reden wir noch«, gab der Commissario zurück.

»Ich würde einen Krankenwagen rufen«, empfahl Mimì, »und die beiden direkt in die Geschlossene einliefern.«

»In die Ausnüchterungszelle können wir sie jedenfalls nicht stecken«, bekräftigte Fazio.

»Gut, ruft den Krankenwagen und bringt die beiden raus. Dankt den Feuerwehrleuten und schickt sie nach Hause. Habt ihr die Tür aufgebrochen?«

»Das war nicht nötig, ich habe sie von innen geöffnet«, sagte Fazio.

»Und was machst du?«, fragte Augello.

»Hatte sie beide Gewehre?«, wandte sich der Commissario an Fazio, ohne auf die Frage einzugehen.

»Ja.«

»Dann muss es im Haus noch eine Waffe geben, die Pistole des Vaters. Ich seh mal nach. Ihr könnt schon gehen, aber lasst mir eine Taschenlampe da.«

Als er allein war, steckte Montalbano den Revolver ein und tat einen Schritt.

Doch dann überlegte er es sich anders. Er nahm die Waffe wieder in die Hand, auch wenn niemand mehr da war. Es war die Wohnung, die ihm Angst machte. Seine Taschenlampe warf die ins Riesenhafte vergrößerten Schatten der Kruzifixe an die Wand. Montalbano lief durch den Korridor der Kreuze, den seine Männer geschaffen hatten, und gelangte in den Raum, der auf die Terrasse führte.

Er trat hinaus, um frische Luft zu schnappen. Zwar war die ganze Stadt vom Rauch des Zementwerks und von Autoabgasen verpestet, aber verglichen mit der Atmosphäre in der Wohnung der Palmisanos erschien ihm dieser Gestank jetzt wie klare Bergluft.

Nach einer Weile kehrte er in die Wohnung zurück. Alle drei Zimmer gingen vom Flur nach links ab.

Zuerst betrat er Caterinas Schlafzimmer. Auf der Kommode, dem Nachttisch und dem Regal standen Hunderte Marienfiguren jeweils mit einer Kerze davor. An den Wänden hingen hundert weitere Heiligenbilder der Muttergottes, und unter jedem befand sich eine kleine Konsole mit einem Lichtlein darauf. Fast wie auf einem Friedhof.

Die Tür zum zweiten Zimmer war abgesperrt, aber der Schlüssel steckte. Der Commissario schloss sie auf und trat ein. Es war stockdunkel. Im Lichtkegel seiner Taschenlampe erkannte er einen großen Raum voller Klaviere, zwei oder drei davon waren Flügel. Bei einem stand der Deckel offen, und zwischen den Instrumenten glitzerten riesige Spinnennetze. Plötzlich erklangen aus dem Flügel Töne. Während Montalbano erschrocken aufschrie und zurückwich, erklang die gesamte Tonleiter. Gab es in dem verwunschenen Haus etwa Untote? Oder Geister? Ihm brach der Schweiß aus, der Revolver zitterte in seiner Hand, aber er fand die Kraft, den Arm zu heben und erneut den Raum auszuleuchten. Endlich entdeckte er den geisterhaften Pianisten. Es war eine große Maus, die aufgeschreckt von einem Klavier zum anderen lief. Offensichtlich war sie auf die Tasten geraten.

Der dritte Raum war die Küche, in der es aber derart stank, dass der Commissario nicht den Mut aufbrachte, sie zu betreten. Die Pistole würden seine Männer am nächsten Tag suchen.

Als er auf die Straße trat, war niemand mehr da. Er ging zu seinem Wagen, den er neben dem Rathaus geparkt hatte, ließ den Motor an und fuhr nach Marinella.

Er duschte ausgiebig, legte sich dann aber nicht ins Bett, sondern setzte sich auf die Veranda.

Und so kam es, dass er – anders als sonst – nicht vom ersten Licht des Tages geweckt wurde, sondern seinerseits dem neuen Tag beim Erwachen zusah.

Zwei

Er beschloss, sich gar nicht erst hinzulegen. Zwei, drei Stunden Schlaf hätten ihm keine Erholung gebracht, im Gegenteil, er hätte sich danach noch benommener gefühlt.

Während er in der Küche eine weitere Kanne Espresso aufsetzte, dachte er an das, was er gerade erlebt hatte. Die Geschichte war wie ein böser Traum, der einem ins Bewusstsein kommt, sobald man aufwacht. Eine Zeit lang beschäftigt man sich noch damit, aber im Laufe des Tages verblasst die Erinnerung und ist nach einer weiteren Nacht gelöscht. Der Albtraum verliert allmählich seine Konturen, wie ein Mosaik, das im Laufe der Jahre und Jahrhunderte immer mehr von seinen bunten Steinchen einbüßt und darunter den Blick auf die graue Wand freigibt. Er musste sich also noch vierundzwanzig Stunden gedulden, bevor alles, was er bei den Palmisanos gesehen und erlebt hatte, vergessen sein würde.

Denn das Beklemmende dieser Wohnung wurde er einfach nicht los.

Der Wald aus Kruzifixen, die zusammen mit ihrem Besitzer gealterte Gummipuppe, der von Spinnweben durchzogene Raum mit den Klavieren, die auf den Tasten klimpernde Maus, das flackernde Licht der Petroleumlampen … dazu der nackte, bis auf die Knochen abgemagerte Gregorio und Caterina mit einem einzigen Zahn im Mund … Als Horrorfilm wäre das nicht übel gewesen.

Doch es war keineswegs Fiktion gewesen, sondern knallharte Wirklichkeit – wenn auch eine Wirklichkeit, die so absurd war, dass man sie gut und gern für Fiktion hätte halten können.

Das eigentliche Problem, das er mit Begriffen wie Albtraum, Wirklichkeit und Fiktion auf Abstand zu halten versuchte, bestand jedoch darin, dass seine Leute ganz anders reagiert hatten als er. Damit würde er sich jetzt aber nicht auseinandersetzen, und er hatte eine gute Ausrede: Der Espresso war fertig.

Er trug die Kanne auf die Veranda, setzte sich und trank die erste Tasse.

Lange betrachtete er den Himmel, das Meer und den Strand. Der anbrechende Tag wollte ganz langsam genossen werden, wie eine süße Konfitüre.

»Buongiorno, Commissario«, grüßte ihn der einsame Fischer, der sich wie immer schon in aller Herrgottsfrühe an seinem Boot zu schaffen machte.

Montalbano erwiderte den Gruß, indem er den Arm hob.

»Guten Fang!«, rief er.

»Darf ich etwas sagen?«, fragte Montalbano zwei, der plötzlich in seinem Kopf aufgetaucht war und die Antwort gar nicht erst abwartete. »Das Problem, dem du auszuweichen versuchst, lässt sich in zwei Fragen zusammenfassen. Die erste lautet: Warum waren Gallo und Galluzzo angesichts der vielen Kreuze nicht im Geringsten erschrocken, sondern konnten sie ziemlich gleichgültig zur Seite rücken? Und die zweite Frage: Warum war Mimì Augello von der Gummipuppe völlig unbeeindruckt, warum hat er bei der Vorstellung, was für ein verkommenes altes Schwein Gregorio war, nur gegrinst?«

»Na ja, jeder Mensch ist anders gestrickt und verhält sich entsprechend«, gab Montalbano eins etwas hilflos zurück.

»Das ist eine Plattitüde. Es geht aber darum, dass es im Leben unseres Commissario eine Zeit gab, da er beim Anblick solcher Kruzifixe genauso reagiert hätte wie Gallo und Galluzzo und beim Anblick der Puppe genauso wie Mimì. Früher einmal.«

»Lass gut sein«, warf Montalbano eins ein, der verstanden hatte, worauf der andere hinauswollte.

»Ich komme zum Schluss. Meiner Ansicht nach hat sich der Signor Commissario mit dem Älterwerden verändert, aber er tut sich schwer damit, es sich einzugestehen, oder will es nicht wahrhaben. Es ist, als hätte er eine Augentransplantation hinter sich.«

»Was redest du da für einen Unsinn?«

»Ich weiß schon, dass Augentransplantationen noch nicht möglich sind. Es war das Alter, das diese Operation an ihm durchgeführt hat. Jetzt hat er andere Augen in einem alternden Kopf.«

»Wie, andere Augen?«

»Viel empfindlichere. Er sieht die Dinge nicht nur, er nimmt auch ihre Aura wahr, als würde ein feiner Wasserdampf von ihnen aufsteigen und …«

»Und was für eine Aura hatte deiner Ansicht nach die Gummipuppe?«, fragte Montalbano eins herausfordernd.

»Die Aura der Verzweiflung, der Einsamkeit. Die Aura eines einsamen Mannes, der nachts eine reglose Puppe umarmt, der sich vormacht, sie sei ein lebendiges Wesen, und der vielleicht sogar ›Mein Schatz‹ zu ihr sagt.«

»Komm endlich auf den Punkt.«

»Der Punkt ist, dass ihm der kühle Kopf fehlt, der Abstand zu den Dingen. Er lässt sich mitreißen und erschüttern. Früher hat es ihn berührt, aber jetzt, im Alter, ist er allzu – wie soll ich sagen – dünnhäutig geworden.«

»Es reicht«, sagte Montalbano eins und stand ruckartig auf. »Du gehst mir auf den Sack.«

Entgegen seinem Vorsatz legte er sich doch noch zwei Stunden aufs Ohr, und als der Wecker klingelte, war er wie befürchtet völlig benommen.

Nach Dusche und Rasur und mit frischer Unterwäsche war er einigermaßen wiederhergestellt, sodass er sich zumindest im Büro sehen lassen konnte.

Als Catarella ihn eintreten sah, sprang er auf und applaudierte.

»Bravo, Dottori! Bravo!«

»Was ist denn in dich gefahren? Wir sind doch hier nicht im Theater.«

»Ah Dottori, Dottori! Madonna, waren Sie gut! Madonna, wie schnell Sie waren! Madonna, wie fix! Wie ein Seiltänzer im Zirkus sind Sie mir vorgekommen!«

»Wer?«

»Sie, Dottori! Das war besser als im Kino! Ich habe Sie heute Morgen im Fernsehen gesehen!«

»Mich?!«

»Ja, Dottori, Sie persönlich selber! Wie Sie die Feuerwehrleiter hochgeklettert sind, mit dem Revolver im Anschlag. Wissen Sie, an wen Sie mich da erinnert haben?«

»Nein.«

»An Brutz Willis, kennen Sie den, diesen merikanischen Schauspieler, der immer mit Schießereien, brennenden Häusern und sinkenden Schiffen zu kämpfen hat …«

»Ist gut. Beruhige dich und schick mir Fazio.«

Verdammt, das hatte ihm gerade noch gefehlt. So ein Mist! Jetzt konnten die Leute, die ihn in der Nacht nicht live erlebt hatten, die Wiederholung im Fernsehen verfolgen! Bruce Willis! Von wegen! Es war vermutlich eher wie ein Film der Marx-Brothers!

»Buongiorno, Dottore.«

»Wie ist es ausgegangen mit den Palmisanos?«

»Wie wohl? Staatsanwalt Tallarita hat ihnen ziemlich viel vorgeworfen: Widerstand gegen die Staatsgewalt, versuchter Mord in mehreren Fällen, Planung eines Massakers …«

»Wohin hat man sie gebracht?«

»In eine psychiatrische Klinik, sie stehen unter strenger Bewachung.«

»Das ist doch überzogen. Wenn sie keine Waffen haben, was sollen sie dann …«

»Wissen Sie, was Caterina einem Pfleger angetan hat, Dottore?«

»Was denn?«

»Sie hat ihm einen Stuhl über den Kopf gezogen!«

»Und warum?«

»Weil er Araber ist. Und damit aus ihrer Sicht ein Feind Gottes.«

»Schick bitte jemanden los, eine Pistole zu suchen, die irgendwo in der Wohnung der Palmisanos versteckt sein muss.«

»Mach ich gleich. Ich schicke Galluzzo und die beiden anderen.«

Eine halbe Stunde später klopfte Fazio und trat ein.

»Dottore, entschuldigen Sie, aber als Sie gestern die Wohnung der Palmisanos verlassen haben, haben Sie da die Tür zugemacht? Ich habe nämlich die Schlüssel im Schloss stecken lassen, nachdem ich Dottor Augello geöffnet hatte.«

Montalbano dachte eine Weile nach.

»Ich kann gar nicht sagen, ob ich sie zugemacht habe oder nicht. Warum fragst du?«

»Weil Galluzzo gerade angerufen hat. Er sagt, die Tür zur Wohnung der Palmisanos stand sperrangelweit offen.«

»Fehlt irgendetwas?«

»Laut Galluzzo nicht, es ist mehr oder weniger alles so, wie er es in Erinnerung hat. Aber wie kann man da sicher sein, in diesem Tohuwabohu?«

Glückwunsch, lieber Commissario, für Ihre kühne Missachtung der Gefahr und den außerordentlichen Mut, den Sie bewiesen haben, als Sie allein in diesem Horrorhaus geblieben sind. Der zähe Kampf mit der musizierenden Maus hat Sie derart mitgenommen, dass Sie den Ort des Geschehens fluchtartig verlassen und dabei sogar vergessen haben, die Tür hinter sich zuzuziehen. Nicht übel. Glückwunsch.

»Fazio, ich muss dich was fragen.«

»Ja, Dottore?«

»Hat diese Wohnung dich nicht irgendwie bedrückt?«

»Dottore, hören Sie bloß auf! Als ich in dieses mit Kreuzen vollgestellte Zimmer kam, hätte ich mir – entschuldigen Sie den Ausdruck – fast in die Hose gemacht!«

Er hätte Fazio am liebsten umarmt. Alle hatten Angst gehabt, sie hatten es nur nicht gezeigt. Und damit waren seine Überlegungen vom Morgen hinfällig.

Um eins ging er zu Enzo. Er hatte einen Riesenhunger, denn am Abend zuvor, als sich die Ereignisse überstürzten, hatte er keine Zeit gehabt, etwas zu essen. Er setzte sich an seinen gewohnten Tisch.

Der Fernseher lief, im Lokalsender Televigàta kamen gerade die Nachrichten. Der Ton war so leise gestellt, dass kaum etwas zu verstehen war, aber die Bilder zeigten Innenaufnahmen aus der Wohnung der Palmisanos.

Irgendein Blödmann von Journalist hatte die Gelegenheit beim Schopf gepackt, war durch die geöffnete Tür eingedrungen und hatte in der Wohnung der beiden verrückten Alten gefilmt. Offenkundig hatte er zur Beleuchtung nur einen kleinen, schwachen Handscheinwerfer benutzt, sodass die Kruzifixe und Klaviere so finster und bedrohlich wirkten wie in der Nacht zuvor.

»Buongiorno, Dottore. Was darf ich Ihnen bringen?«

»Komm in fünf Minuten nochmal.«

Jetzt betrat der Kameramann Gregorios Schlafzimmer.

Die Gummipuppe behielt er volle fünf Minuten im Bild, er zeigte sie zunächst als Ganzes und dann nacheinander die kahlen Stellen am Kopf, die leere Augenhöhle, die eingefallene Brust. Anschließend schwenkte er auf die vielen Stellen, die Gregorio geflickt hatte, damit der Puppe nicht die Luft ausging, und die aussahen wie kleine, mit Heftpflaster verschlossene Wunden.

»Also, was kann ich Ihnen bringen?«

Warum war ihm plötzlich der Appetit vergangen?

Er aß so wenig, dass anschließend nicht einmal der sonst übliche Verdauungsspaziergang nötig war. Deshalb kehrte er in sein Büro zurück und fing an, Papierkram zu erledigen. Schon einen Monat lang war nichts Besonderes passiert. Gewiss, der Vorfall mit den Palmisanos hatte für Aufregung gesorgt, und er hatte auch etwas Tragikomisches, war aber zum Glück glimpflich ausgegangen. Es hatte weder Tote noch Verletzte gegeben. Mehrmals hatte sich Montalbano in den letzten Wochen mit dem Gedanken getragen, sich ein paar Tage frei zu nehmen und zu Livia nach Boccadasse zu fahren. Er hatte die Idee dann aber immer wieder fallen gelassen aus Angst, etwas Unvorhergesehenes könnte ihn zwingen, den Urlaub abzubrechen. Wer hätte Livias Zorn dann besänftigen können?

»Galluzzo hat die Pistole gefunden«, sagte Fazio, als er ins Zimmer kam.

»Wo war sie denn?«

»In Caterinas Zimmer. In einer hohlen Madonnenstatue.«

»Sonst was Neues?«

»Tödliche Flaute.«

»Kennen Sie schon Catarellas neue Theorie dazu?«

»Wozu?«

»Zu dem Umstand, dass die Zahl der Diebstähle zurückgegangen ist.«

»Und, wie erklärt er sich das?«

»Er sagt, dass die hiesigen Diebe, unsere kleinen Ganoven, die die Wohnungen der Habenichtse ausrauben oder den Frauen die Handtaschen stehlen, sich schämen.«

»Schämen wofür?«

»Für ihre Kollegen, die im großen Stil klauen. Für die Manager, die ihre Firma bankrott gehen lassen, nachdem sie die Gelder der Kleinanleger eingesackt haben, für die Banken, die ihre Kunden übers Ohr hauen, für die Konzerne, die öffentliche Gelder einheimsen. Während sie, die kleinen Ganoven, sich mit zehn Euro begnügen müssen, mit einem schäbigen Fernseher, einem Computer, der nicht funktioniert … Sie schämen sich, und dann vergeht ihnen die Lust.«

Wie zu vermuten gewesen war, brachte Televigàta um Mitternacht eine Sondersendung zur Affäre Palmisano.

Natürlich war auch Montalbano zu sehen, der die Leiter hochstieg, während Gregorio von der Terrasse aus auf ihn schoss. Und aus der Ferne betrachtet hatte Catarella recht: Es sah tatsächlich so aus, als könne niemand ihn aufhalten. Das zeigte sich deutlich an der Entschlossenheit, mit der er sich über die Brüstung schwang, die Waffe im Anschlag, und an der Stimme, mit der er Anweisung gab, den Scheinwerfer abzuschalten.

Alles in allem eine Szene, die durchaus in die Serie Männer mit Mumm gepasst hätte.