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Welche Möglichkeiten bietet das Spielgespräch in Therapie und Beratung? Für welche Personenkreise und Kontexte eignet sich diese Methode besonders gut? Bernd Reiners präsentiert in diesem Buch anhand von zahlreichen Fallbeispielen das Spielgespräch, eine ursprünglich aus Norwegen stammende kreative Methode, die mit Figuren, Klötzchen und Klebeband eine äußere Bühne schafft. Worte werden mit dreidimensionalen Bildern und der Handlung in diesen Bildern verknüpft. So entsteht ein tieferes Verständnis aufseiten der Ratsuchenden und der Therapeut:innen. Das vorbereitete Szenario erlaubt eine innere Distanzierung, die es möglich macht, auch sehr Belastendes zu erzählen. Konfliktsituationen können mit Lösungsspielen aufgearbeitet und so die Entwicklung von Lösungsstrategien unterstützt werden. Das Spielgespräch eignet sich besonders gut für die Arbeit mit Kindern, Menschen mit Migrationshintergrund, Sprachschwierigkeiten oder Behinderungen und psychisch stark belasteten Menschen. Es findet Anwendung in der Arbeit der flexiblen Jugendhilfe, der Beratung und Therapie von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, dem Jugendamt, dem Gesundheitswesen – kurz: überall dort, wo Sprache nicht ausreicht.
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Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Bernd Reiners
Visualisieren, kommunizieren, begleiten
unter Mitarbeit von Susanne Kade
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
© 2025 Vandenhoeck & Ruprecht, Robert-Bosch-Breite 10, D-37079 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe
(Koninklijke Brill BV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)
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Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildung: Emma Reiners
Satz: SchwabScantechnik, Göttingen
EPUB-Erstellung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
E-Mail: [email protected]
ISBN 978-3-647-99262-4
Vorwort
Dank
Lesehinweise
Aufbau des Buches
Zur Verwendung der Icons in diesem Buch
TEIL 1Die Technik des Spielgesprächs
1Einleitung
1.1Max hat Kopfschmerzen – ein Fallbeispiel
1.2Was ist das Spielgespräch?
1.3Das Menschenbild im Spielgespräch
1.4Anwendungsmöglichkeiten des Spielgesprächs
2Das Vorgehen
2.1Zeigegespräch
2.2Spielgespräch
2.3Abschluss des Zeige- oder Spielgesprächs
2.4Kernaufgaben der Therapeutin
2.5Verschiedene Niveaus beim Spielgespräch
3Einzelne Methoden und Techniken
3.1Zeigegespräch einer konkreten Situation
3.2Das Anwaltsspiel
3.3Gute, schlechte und dritte Version
3.4Einsatz der Taschenlampe
3.5Der kluge Dustin
3.6Einüben des günstigen Verhaltens
3.7Zeigen einer bewältigten Situation
3.8Die Stammgeschichten-Technik
3.9Theaterpädagogik mit dem Spielgespräch
3.10Wiederholtes Zeigen derselben Situation
3.11Gefühlsfiguren
3.12Weitere Figuren
3.13Übersicht über die Techniken
TEIL 2Anwendung des Spielgesprächs: Aufgaben, Anwendungsfelder, Kontexte
4Aufgaben, die das Spielgespräch übernehmen kann
4.1Verdeutlichen einer Situation und Veränderungsarbeit
4.2Information vermitteln
4.3Beratungsziele entwickeln und verdeutlichen
4.4Ressourcenaktivierung – »Dann wische ich wieder Wasser auf« Susanne Kade
4.5Schilderung der familiären Geschichte: Die Lebenslinie
4.6Visualisierung des Netzwerks
4.7Rückfallvorbeugung
4.8Therapieverlauf mit dem Spielgespräch
5Anwendungsfelder
5.1Trennung und Scheidung
5.2Kinderschutz: Drei Anwendungsmöglichkeiten des Spielgesprächs
5.3Umgang mit Trauer und Lebenskrisen
5.4Traumatherapie
5.5Die Arbeit mit Emotionen, inneren Konflikten und inneren Anteilen
5.6Unüblichere Anwendungsmöglichkeiten
6Personenkreise und Kontexte
6.1Besonderheiten in der Gesprächsführung mit Kindern
6.2Personen mit Intelligenzminderung Susanne Kade
6.3Supervision
6.4Gutachterliche Tätigkeiten
TEIL 3Theoretischer Hintergrund
7Was bewirkt Veränderung – auch im Spielgespräch?
7.1Wirkfaktoren der Psychotherapie
7.2Gründe für kreative Methoden
7.3Wirkmechanismen in Zeige- und Spielgespräch
7.4Forschung
7.5Das transtheoretische Modell der Veränderung
8Das Spielgespräch im Spiegel verschiedener Therapieschulen
8.1Systemische Therapie
8.2Andere theoretische Zugänge
9Umsetzung des Spielgesprächs in die Praxis
9.1Erlernen des Spielgesprächs
9.2Wachhalten des Spielgesprächs
9.3Schwierigkeiten in der Anwendung
9.4Analyse eines Spielgesprächs
9.5Vorteile des Spielgesprächs
10Nachwort
Literatur
Verzeichnis der Fallbeispiele
Verzeichnis der Abbildungen und Kästen
Das Spielgespräch lernte ich 2005 in Schweden im Rahmen eines Kurses bei Barbro Sjölin-Nilsson zur Kinderorientierten Familientherapie (KOF) kennen. Das gleichnamige Buch von Martin Soltvedt enthielt einige Beispiele zum Spielgespräch, die mich sehr inspiriert haben. Manchmal frage ich mich, wie ich früher eigentlich mit kleinen Kindern oder anderen Menschen, die ich sprachlich nicht verstanden habe, gearbeitet habe, bevor ich es kannte.
Obwohl ich das Spielgespräch sofort in verschiedenen Fällen angewendet habe, schlug mein Herz anfangs mehr für die KOF. Deswegen habe ich dazu auch zuerst ein Buch geschrieben (Reiners, 2013/2019). Im einjährigen KOF-Kurs habe ich jedoch von Beginn an auch das Spielgespräch gelehrt. Es kam immer gut an, gerade wegen seiner leichten Erlern- und großen Anwendbarkeit.
Der große Erfolg des Spielgesprächs in Schweden, die Bücher von Jan Nilsson (2017, 2021), einige Workshops sowie Seminare, die ich speziell zum Spielgespräch gegeben habe, haben mich ermutigt, ein eigenes Buch zu dieser Methode zu schreiben. Ähnlich wie in Schweden ist hierzulande die Nachfrage nach dem Spielgespräch in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Wer mit Familien arbeitet, kann vom Spielgespräch sehr profitieren, aber auch in anderen Kontexten ist es sehr breit und hilfreich einsetzbar.
Die Beispiele in diesem Buch entstammen größtenteils meinem eigenen Erfahrungsschatz aus der Erziehungsberatungsstelle und dem Kinderschutz-Zentrum in Aachen. Manche habe ich Kursen entnommen, einige stammen von Kolleg:innen1, die sie zur Verfügung gestellt haben, aber nicht genannt werden wollten. Zudem sind einige Beispiele bisher verstreut in verschiedenen Artikeln oder Büchern veröffentlicht worden, in diesem Buch zum Teil gekürzt zusammengeführt worden.
Die Fallbeispiele sind in der Regel aus einer systemischen Perspektive geschrieben. Das Spielgespräch kann jedoch auch mit verhaltenstherapeutischem oder psychodynamischem Hintergrund, z. B. auch mentalisierungsfördernd angewendet werden. Es passt ebenfalls gut zu Psychodrama und Schematherapie oder anderen theoretischen Zugängen. Es ist eine Methode, die wie eine eigene Sprache, keiner bestimmten »Schule« zugerechnet werden kann.
Als erstes möchte ich Martin Soltvedt für die Entwicklung des Spielgesprächs danken. Ohne ihn gäbe es nicht nur dieses Buch nicht, sondern auch die ganze Methode wäre nicht so ausgearbeitet worden. Barbro Sjölin-Nilsson danke ich dafür, dass sie es mir beigebracht hat und über Jahre immer wieder erinnerte, mich ermutigte, supervidierte und so meine Erfahrungen mit der Methode und dieses Buch erst ermöglichte. Jan Nilsson danke ich für seine wunderbaren schwedischen Bücher zum Spielgespräch, die mich erst ermutigt haben, dieses Buch zu schreiben. Die beiden haben das Spielgespräch weiterentwickelt, Methoden dazu »erfunden«, theoretische Bezüge hergestellt – und dabei immer sehr bescheiden so getan, als sei alles Martin Soltvedts alleiniger Verdienst.
Besonderer Dank gilt auch Dr. Susanne Kade, die mir viel Mut gemacht hat, das Buch wirklich zu schreiben, nachdem der Gedanke dafür lange in meinem Hirn herumgespukt hat. Ohne sie hätte ich das Buch nicht begonnen. Von daher ist es mir eine große Freude und Ehre, dass sie so wichtige Kapitel im Buch geschrieben hat! Die Wendung, die diese Kapitel dem Buch geben, liegt mir sehr am Herzen – ich habe aber schlicht in dem Bereich zu wenig Erfahrung, um selbst darüber schreiben zu können. Zudem durfte ich immer wieder mit Fragen zu ihr kommen, z. B. welche Fallbeispiele notwendig oder passend sind, welche Reihenfolge sinnvoll ist etc. Sie trägt einen großen Anteil am Gelingen dieses Buches.
Einige Menschen haben das Manuskript gelesen. Barbro Sjölin-Nilsson hat ein paar skandinavische Literaturquellen beigesteuert und korrigiert, sowie einige Tipps zu den Fotos gegeben. Susanne Kade hat gekürzt, ermutigt, z. B. mehr zu Haltung und Theorie zu schreiben, korrigiert, kommentiert zu einer Zeit, als das Buch noch sehr anders aussah. Vera Rittinghaus-Wiedemuth hat das Buch akribisch durchgearbeitet, viele Details korrigiert und Veränderungen empfohlen. Marie-Josée Cremer hat das Buch auf eine ganz andere Art kommentiert. Sie hat die Haltung zwischen den Zeilen aufgespürt, kommentiert und ergänzt. Johannes Stein hat das Buch mehrfach gelesen. In unglaublicher Akribie hat er quasi bei jedem Satz überlegt, ob man ihn anders schöner ausdrücken könnte – dabei nicht nur einige Fehler entdeckt und Formulierungen geglättet, sondern auch viele Fragen beantwortet, Eindrücke wiedergegeben, die dem Buch den »letzten Schliff« gegeben haben.
Meiner Tochter Emma Reiners danke ich neben dem Lesen des Manuskripts für das wunderbare Gedicht, das sie über Kinder geschrieben hat. Es war ihr ein Bedürfnis und mir eine große Freude! Außerdem hat sie mir bei sehr lustigen Fotosessions sehr geholfen. Ihr Handy sei gelobt!
Besonderer Dank gilt auch meiner Frau Andrea Reiners, die noch einmal viele Gedankenspiele, Überlegungen, Zweifel und manchmal wenig Zeit und schlechte Laune aushalten musste – und dies wie immer mit großer Geduld und unendlicher Unterstützung hinbekommen hat. Die letzte Version hat sie noch einmal korrekturgelesen und dabei viele Formulierungen geglättet.
Ich danke den Anwender:innen, die mir die Beispiele überlassen haben, leider ohne, dass ich sie nennen durfte. Natürlich danke ich den Kursteilnehmenden und den Klient:innen, bei denen ich das Spielgespräch eingesetzt habe.
Last, but not least danke ich dem Verlag und insbesondere Sandra Englisch, die schon lange vor mir wusste, dass ich dieses Buch schreiben und bei V&R veröffentlichen würde. Sie hat mich immer wieder ermuntert und ermutigt. Auch ohne sie hätte ich das Buch nicht geschrieben. Ich kann nur sagen: Wenn jemand ein psychosoziales Fachbuch schreiben möchte, sollte er sich an sie wenden! Ihre Begleitung ist großartig!
Bernd Reiners
1Ich verwende im Buch gern den Doppelpunkt, um deutlich zu machen, dass alle Geschlechter gemeint sind. Wenn dies jedoch verbunden ist mit Artikeln oder Pronomen, also der/die, er/sie, habe ich mich entschieden jeweils das generische Femininum zu verwenden, mit dem ebenfalls alle Geschlechter gemeint sind. Aus meiner Sicht ist für diese Fälle noch keine gute sprachliche Lösung gefunden worden.
In Teil 1 wird die Technik des Spielgesprächs beschrieben. Nach einem einführenden Fallbeispiel im ersten Kapitel folgt eine Definition des Spielgesprächs inklusive seiner Geschichte, seinen Zielsetzungen, dem verwendeten Material und dem zugrundeliegenden Menschenbild. Das Kapitel wird beendet mit einer Übersicht über die zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten.
In Kapitel zwei wird das allgemeine Vorgehen als »Schablone« beschrieben, ohne dass Fallbeispiele dies verdeutlichen. Kapitel drei widmet sich verschiedenen Techniken, die im Spielgespräch verwendet werden können – erläutert an verschiedenen Fallbeispielen.
In Teil 2 geht es um die Anwendung des Spielgesprächs. Kapitel vier beschreibt die verschiedenen Aufgaben, die das Spielgespräch übernehmen kann: das Verdeutlichen einer Situation und die Veränderungsarbeit, das Vermitteln von Informationen, das Entwickeln von Zielen, Ressourcenaktivierung, Schilderung der familiären Geschichte, des Netzwerks und der Rückfallvorbeugung. Abgerundet wird das Kapitel durch ein längeres Beispiel einer Therapie mit mehreren Spielgesprächen.
In Kapitel fünf werden verschiedene Anwendungsfelder des Spielgesprächs beschrieben. Hier können Lesende auswählen, welche Unterkapitel interessant erscheinen: Trennung und Scheidung, Kinderschutz, Umgang mit Trauer, Traumatherapie, die Arbeit mit inneren Anteilen oder Emotionen sowie einige unübliche Anwendungsgebiete, die eher der Inspiration dienen sollen.
Kapitel sechs beschreibt besondere Personenkreise – Kinder und ihre Familien, Menschen mit Intelligenzminderung – sowie Kontexte wie Supervision oder Gutachtenerstellung, in denen mit dem Spielgespräch gearbeitet werden kann.
In Teil 3 schließlich wird der theoretische Hintergrund beschrieben. Kapitel sieben widmet sich den allgemeinen Wirkfaktoren der Psychotherapie und bezieht sie auf die Arbeit mit dem Spielgespräch. Zudem werden die spezifischen Wirkmechanismen des Spielgesprächs beschrieben. Es folgen ein paar Worte zur Forschung, um mit einem allgemeinen Modell der Veränderung abzuschließen.
In Kapitel acht werden zunächst die Kernannahmen der systemischen Therapie als Hintergrund meiner theoretischen Ausrichtung beschrieben, um im zweiten Teil zu beleuchten, wie das Spielgespräch in andere therapeutische »Schulen« eingebettet werden kann bzw. von diesen inspiriert wird.
Kapitel neun diskutiert ausführlich, wie das Spielgespräch erlernt und seine Anwendung aufrechterhalten werden kann. Eine Analyse der durchgeführten Spielgespräche kann dabei helfen, die eigene Anwendung weiter zu verfeinern. Ein paar Worte zu den Vorteilen des Spielgesprächs runden das Kapitel ab.
Zum besseren Verständnis des Vorgehens wurde dieses in längeren Fallbeispielen in verschiedene Prozessschritte unterteilt, die jeweils mit einem Icon im Text versehen wurden. So können Lesende schnell erkennen, an welcher Stelle des Prozesses sich das Beispiel gerade befindet. Zudem wurden gelegentlich Hinweise eingefügt, wenn besondere Techniken verwendet wurden. In Kapitel drei, in dem explizit einzelne Techniken vorgestellt werden, wurde aufgrund der Doppelungen auf diese Icons verzichtet.
Um die Lesbarkeit zu verbessern, erhielten zudem Figuren, die auf der Bühne stehen, ein besonderes Layout. Die verschiedenen Layouts und Icons sind in Tabelle 1 kurz dargestellt:
Tabelle 1: Übersicht über die verwendeten Icons
Elemente im Fallbeispiel
Icon/Gestaltung
Figurenname
KAPITÄLCHEN
Prozesshinweis
Dazu gehören:
Vorgespräch/VorgeschichteSzenenauswahl
Zeigegespräch
Zeigegespräch – Bewältigte Situation
Zwischenreflexion
Veränderungsarbeit
Den Eltern zeigen
Abschluss des Spielgesprächs
Reflexion mit den Anwesenden
Nachgedanken ohne die Anwesenden
Technikhinweis
Dazu gehören:
Beginn mit einer guten Geschichte
Stammgeschichte
Theaterpädagogische Szene
Eigenes Vorgehen erläutern
Informationen vermitteln
Gefühlsfiguren
Einholen anderer Perspektiven
Zeigen der guten Lösung
Verschiedene Lösungen ausprobieren
Gute, schlechte und dritte Version
Ressourcensuche
Ideen zur Lösungssuche
Einüben von Verhalten
Einsatz therapeutische Figur
Anker für zukünftige Situationen
Enden mit einer guten Geschichte
Downloadmaterial
Den Zugang zum Downloadmaterial finden Sie unter Eingabe des hinten im Buch abgedruckten Codes im Verlagswebshop beim Buchtitel im Downloadbereich.
Das Spielgespräch ist eine Visualisierungsmethode für Situationen, Ereignisse, Probleme oder Konflikte. Diese können abstrakt oder konkret, eher im Inneren einer Person oder zwischen mehreren Personen angesiedelt sein (Soltvedt, 2005; Nilsson, 2021).
Wenn Ratsuchende eine Situation beschreiben, die bedeutsam erscheint oder die nicht ausreichend verstanden wird, kann das Spielgespräch hilfreich sein, intensiver in die Beschreibung einzusteigen. Zur Illustration werden Figuren auf den Tisch gestellt und bedeutsame Grenzen mit Tape dargestellt, z. B. Wege, Mauern, der Grundriss etc.
In einem zweiten Schritt können Lösungen ausprobiert und »erspielt« werden. Das Spielgespräch geht also über die diagnostische Funktion des Familienbretts (Ludewig, Pflieger, Wilken u. Jacobskötter, 1983) hinaus und betont mehr die Interaktion und die Möglichkeit, alternative Verhaltensweisen auszuprobieren.
Das Spielgespräch kann in jeder Art von Gespräch helfen, das Gegenüber zu verstehen bzw. sich selbst verständlich zu machen. Dieses Buch will das Spielgespräch lehren z. B. für Berater:innen2 und Therapeut:innen der verschiedenen »Schulen«, aber auch Interviewer:innen in verschiedenen Kontexten.
Zur Veranschaulichung, was das Spielgespräch ist, soll ein Fallbeispiel dienen. Dabei ist das Beispiel wie üblich auf die aus dem Rückblick besonders wichtigen Momente des Prozesses gekürzt. Zudem habe ich für dieses Buch Fallbeispiele ausgewählt, die mir besonders gelungen erscheinen. Darauf möchte ich gern hinweisen, um nicht den Eindruck zu erwecken, mit dem Spielgespräch werde Beratung oder Therapie zum Kinderspiel, bzw. als sei es die Methode, die den »Erfolg« bringe. Mit Wampold, Imel und Flückiger (2018) und den allermeisten Forscher:innen bin ich der Meinung, dass die therapeutische Beziehung eine Grundvoraussetzung für therapeutischen Erfolg ist, die Methode also eher einen kleinen Teil des Erfolgs ausmacht. Trotzdem handelt dieses Buch von der Methode, weil auch dieser Teil für den Erfolg wichtig ist. Die meisten Beispiele in diesem Buch stammen aus meiner Arbeit mit Kindern aus der Erziehungsberatungsstelle.
Das Buch möchte für das Spielgespräch werben, weil es relativ einfach zu erlernen ist und große Effekte hat. Es ist unglaublich vielseitig einsetzbar. Im Wesentlichen verfolgt dieses Buch daher zwei Ziele:
1.Den Ablauf des Spielgesprächs möglichst detailliert und anschaulich darzustellen, sodass es von den Lesenden eigenständig angewendet werden kann.
2.Möglichst viele Anwendungsmöglichkeiten darzustellen, damit die Methode in verschiedenen Bereichen zum Einsatz kommt.
Es würde mich sehr freuen, wenn Menschen das Spielgespräch nach der Lektüre des Buches einsetzen, und es ihnen hilft, Gespräche fokussierter und effektiver durchzuführen.
VORGESPRÄCH/VORGESCHICHTEMax war mit zehn Jahren das älteste von drei Kindern. Er war gerade aufgrund eindeutiger Empfehlungen auf das Gymnasium gewechselt. Vor den Sommerferien hatte er gelegentlich über Kopfschmerzen geklagt, seit dem Einstieg auf dem Gymnasium plagten ihn diese nahezu täglich, oft über viele Stunden. Die Eltern waren mit ihm beim Kinderarzt gewesen, der Migräne und andere körperliche Krankheiten ausgeschlossen hatte und die Eltern mit Max in die Beratungsstelle geschickt hatte.
Erstgespräch mit den Eltern
Zunächst waren die Eltern von Max gekommen. Sie waren verzweifelt. Max habe sich vom Kinderarzt überhaupt nicht ernst genommen gefühlt. Er wolle etwas gegen seine Kopfschmerzen tun und bestehe darauf, dass er sich diese nicht einbilde. Manchmal habe er den Eindruck, die Eltern würden das glauben. Beide Eltern berichteten, dass es Max oft gut gehe, er nicht über Kopfschmerzen klage, bis sie danach fragen würden. So habe er in den letzten Ferien in den ersten Wochen kein Mal Kopfschmerzen erwähnt, bis die Mutter nachfragte. Da habe er geäußert, jeden Tag Kopfschmerzen zu haben, nur nicht immer darüber zu sprechen. Anschließend habe er dann jeden Tag darüber gesprochen. Sie hätten schon das Gefühl, dass er sich die Schmerzen nicht einbilde, dachten aber gleichzeitig, dass Nachfragen die Situation verschlimmere.
Max kommt hinzu
Da Max ernst genommen werden und aktiv an der Behandlung teilnehmen wollte, kam er zur nächsten Sitzung hinzu. Wir sprachen ein wenig über die Kopfschmerzen. Aufgrund des ärztlichen Vorberichts wurde von Spannungskopfschmerzen ausgegangen. Ich erklärte kurz, dass es verschiedene Gründe für Kopfweh gebe. Dabei orientierte ich mich an der sehr anschaulichen Darstellung in dem Buch »Kopfschmerzkinder« (Seemann, 2013). Bei Kindern gebe es zwei besonders häufige Phänomene: Migräne, die der Arzt ausgeschlossen habe, und Spannungskopfschmerz. Ich erläuterte, dass das Gehirn regelmäßig mit Blut und Sauerstoff versorgt werden müsse. Dies geschehe über die großen Arterien im Hals. Wenn diese durch zu viel Spannung »eingeklemmt« würden, würde weniger Blut fließen und das könne Kopfschmerzen auslösen. Die Blutgefäße würden durch körperliche Verspannungen eingeklemmt, aber auch durch ein Gefühl von Druck und Spannung. Insofern könne es helfen, sich mit seinen Gefühlen von Druck und Spannung auseinanderzusetzen. Dies leuchtete ihm ein.
Max erschien extrem wissbegierig, sehr aufmerksam, und es war deutlich, dass er mächtig unter Druck stand. Er litt unter seinen Kopfschmerzen und war sehr bereit, etwas dagegen zu tun. Er wollte jedoch lieber ohne seine Eltern mit mir darüber sprechen, sodass seine Eltern im Wartezimmer auf ihn warteten.
Das erste Spielgespräch
SZENENAUSWAHLDa Max der Beschreibung seiner Eltern zustimmte, dass die Kopfschmerzen besonders häufig kommen würden, wenn er sich großen Anforderungen gegenübersehe, bat ich ihn, eine solche Situation zu zeigen.
ZEIGEGESPRÄCHMax klebt mit meiner Hilfe den Klassenraum auf. Er wählt einen Bauklotz für seinen Tisch und eine Figur für sich, die er an den Tisch setzt. Seine Lehrerin, auch für sie wählt er eine Figur, erklärt eine komplizierte Matheaufgabe. Max nimmt die schwarze Figur für den Kopfschmerz und stellt sie neben seine Figur (s. Foto 1).
Foto 1: Der KOPFSCHMERZ neben MAX © Bernd Reiners
Das gehe dann ganz plötzlich, ergänzt er. Ich frage ihn, wie die Situation weitergehe. Max zeigt, dass der KOPFSCHMERZ4, während er versucht, die Aufgabe zu lösen, immer bei ihm bleiben würde. Aber auch danach würde er nicht verschwinden – und zu Hause sei er immer noch da. Manchmal berichte er davon, manchmal auch nicht. Manchmal würden seine Eltern darauf eingehen, manchmal hätten sie dafür auch keine Zeit. Weil es mir noch nicht um das familiäre Zusammenspiel geht, frage ich hier nicht detaillierter nach. Ich möchte zunächst besser verstehen, was in Max Innerem geschehen ist, bevor die Kopfschmerzen einsetzen. Max ist einverstanden.
So lasse ich mir die Situation zeigen, bevor die Lehrerin die schwierige Aufgabe erklärt. Max beschreibt, wie er in der Pause mit ein paar Freunden Fangen spielt. Die Situation zeigt er ausführlich: Er klebt den Lageplan des Schulhofs mit etwas Tape auf den Tisch, wählt Figuren für seine Freunde und zeigt, wie das Spiel abgelaufen ist.
Ich unterbreche ihn und lasse ihn die Situation noch mehr verdeutlichen. Dabei geht es mir insbesondere um seinen Gefühlszustand. Er nimmt also die GEFÜHLSFIGUREN (s. Kapitel 3.11) zu Hilfe. Während des Spiels läuft die lachende Figur, die er für das gute Gefühl benannt hat, die ganze Zeit direkt neben ihm mit. Auf Nachfrage berichtet er, dass die Sorge schon vor der nächsten Mathestunde vorhanden war. Er stellt die Figur für diese Sorge (mit einem schiefen Mund) etwas weiter weg (s. Foto 2).
Foto 2: Die SORGE ist weiter weg © Bernd Reiners
Nun zeigt er die Situation, als er den Klassenraum betritt. Die SORGE und das LACHEN sind nun ungefähr gleich weit von MAX entfernt. Er stellt seine LEHRERIN in die Klasse. Als diese beginnt, die Aufgabe zu erklären, stellt er die SORGE direkt neben MAX – und dazu die schwarze KOPFSCHMERZFIGUR. Ich bitte ihn, das in Zeitlupe zu zeigen und zu überlegen, ob weitere Figuren eine Rolle spielen könnten.
Er beginnt noch einmal, als die LEHRERIN die Aufgabe ansagt. Er stellt zu der LEHRERIN eine weitere Figur (gelb und ohne Gesicht), die er »den DRUCK« nennt. Diese Figur rückt langsam von der LEHRERIN zu MAX mit dem KOPFSCHMERZ im Schlepptau. Auch die SORGE rückt jetzt langsam näher. Ich nehme BJÖRN, meine therapeutische Figur, zu Hilfe. BJÖRN fragt MAX, was er gerade denkt. MAX kann dies gut beschreiben: »Ich denke, dass ich das nicht schaffe, dass ich wieder versage und eine schlechte Note bekomme, und alle denken, dass ich zu schlecht für das Gymnasium bin.« BJÖRN fragt, wer »alle« seien – und ich bitte ihn, diese Figuren mit auf den Tisch zu stellen. Er benennt die Lehrerin, seine Klassenlehrerin und einige Klassenkameraden. Ob es auch noch Menschen gebe, die nicht im Klassenraum seien, und trotzdem denken könnten, dass er zu schlecht für das Gymnasium sei? Ohne Zögern wählt er eine weitere Figur: GREGOR, für seinen achtjährigen Bruder – ihn stellt er gegenüber an den Tisch, weil er an den immer sofort denken müsse. Etwas weiter weg stellt er schließlich auch noch seinen VATER (s. Foto 3).
Foto 3: »Alle« schauen auf MAX © Bernd Reiners
ABSCHLUSSDa die Stunde sich dem Ende neigte, lobte zunächst BJÖRN MAX, wie gut er erklären könne (s. Kapitel 2.3). Ich lobte den Jungen schließlich, dass ich eine Menge verstanden habe. Glücklicherweise hat auch er die Stunde positiv bewertet. Ich fragte ihn, wie wir denn weitermachen sollten. Ob beim nächsten Mal seine Eltern dabei sein sollten? Dies hielt er für eine gute Idee. Er wollte seinen Eltern gern das heute Verstandene zeigen.
Die Geschichte wird den Eltern gezeigt
Die nächste Stunde begann Max’ Mutter damit, dass sie erklärte, Max habe nach der letzten Stunde nichts erzählt, er wolle das lieber mit den Figuren hier zeigen. Offenbar hatte Max das Gefühl, sich mithilfe der Figuren besser ausdrücken zu können.
DEN ELTERN ZEIGENTatsächlich gelingt es ihm sehr gut, die in der letzten Sitzung dargestellten Szenen verständlich nachzustellen. Seine Eltern haben wenige Nachfragen. Max’ Vater jedoch will wissen, warum er mit auf dem Tisch stehe. Mit etwas Unterstützung gelingt es Max, seinem Vater zu erklären, dass er Angst vor seinen Abwertungen habe, wenn er keine so guten Leistungen nach Hause bringe.
Der Vater ist sehr überrascht, weil er noch nie geschimpft hätte. Den Tränen nahe erwidert Max: »Aber du warst immer so gut in der Schule! Und du lachst immer, wenn Gregor eine schlechte Note hat.« Auch wenn der Vater dem zweiten Teil der Aussage nicht zustimmt, ist ihm bewusst geworden, wie er an »dem Druck« beteiligt ist.
Veränderungsideen für das soziale Umfeld
VERÄNDERUNGSARBEITDa die Figuren noch auf dem Tisch stehen, nehme ich Björn noch einmal zu Hilfe. Er fragt Max: »Wenn dein Papa nicht mehr denken würde, dass deine Leistungen zu schlecht sind – oder du das nicht mehr glauben würdest – was würde mit dem Druck passieren?« Max stellt den DRUCK etwa zwei Zentimeter weiter weg. Der Vater weist darauf hin, dass der DRUCK immer noch recht nahe sei und es also mehr brauche als nur seine angebliche Unzufriedenheit mit Max’ Noten.
Ich greife den Impuls des Vaters auf: »Was bräuchte es, damit der DRUCK noch weiter wegrücken würde?« Max hat keine Ideen. Die Eltern dafür umso mehr. Der Vater schlägt sofort vor, man könnte eine Pause machen, z. B. mit den Hausaufgaben. Max könnte sich an seine guten Mathematikleistungen in der Grundschule erinnern, er könnte die Aufgaben zu Hause mit Papas Hilfe durchführen etc. Max glaubt, eine Pause würde am meisten helfen, die »blöden« Figuren auf Distanz zu bringen, aber eventuell nicht ausreichend. Er wisse nicht, was er tun könne, damit sie sich noch weiter zurückziehen.
Der Nutzen unerwünschter Gefühle
Ich bringe die Idee ein, dass die Gefühle vielleicht nicht nur »blöd« sind, sondern auch einen Nutzen haben (s. Kapitel 5.5.2); etwas, das es in der Familie brauche, das eventuell noch nicht ganz so klar ist, aber doch wichtig.
Erst in der nächsten Stunde, wieder beide Eltern mit Max, verfolgen wir diese Idee etwas weiter. Ich frage alle drei, was sie glauben, welchen positiven Nutzen es vielleicht haben könnte, dass der DRUCK so nahekomme. Die Mutter wählt ohne Aufforderung – inzwischen haben alle drei das Prinzip des Zeigegesprächs verinnerlicht – für sich eine Figur und stellt sie auf den Tisch: »Ich versuche, dich zu trösten, schone dich, wenn die Kopfschmerzen kommen.« An dieser Stelle zeigt sich noch einmal eine Unterscheidung: Max hat immer vom Druck gesprochen, der dann komme. Dieser hängt zwar bisher immer mit der Kopfschmerzfigur zusammen, trotzdem sind die beiden Figuren nicht identisch. Mir scheint, über den Druck zu sprechen, war für alle einfacher, ungefährlicher als über die Kopfschmerzen. Ich formuliere meinen Gedanken mit BJÖRN: »Wenn Mama oder Papa von den Kopfschmerzen reden, haben sie immer Angst, dass die Kopfschmerzen dadurch näherkommen, was sie natürlich nicht wollen. Wenn sie das aber nicht tun, fühlst du dich nicht ernst genommen.« Dabei zeige ich auf MAX. Alle drei nicken.
»Mir scheint, der Druck ist so etwas wie der Vorbote der Kopfschmerzen. Die Kopfschmerzen hingegen sind etwas, vor dem alle Angst haben, und wenn sie auftauchen, wird es für alle schwieriger.« Auch dem stimmen alle drei zu. Ich bitte die Mutter daher noch einmal über den Druck, statt über die Kopfschmerzen zu sprechen.
So nimmt die Mutter ihre Figur in die Hand, zögert jedoch: »Hm. Ich weiß nicht, ob ich den Druck bemerke. Zumindest mache ich da nicht viel mit.« BJÖRN geht zu MAX und fragt, ob die MUTTER etwas mit dem DRUCK machen soll. Max versteht sofort: »Ja, wenn sie den Druck merken würde, könnte sie mir helfen, eine Pause zu machen.« Der Vater ergänzt: »Der Druck ist so etwas wie ein Frühwarnsystem. Wenn wir den bemerken, können wir Max helfen, kein Kopfweh zu bekommen. Wir müssen besser aufpassen, damit wir den Druck bemerken.« Max strahlt!
NACHGEDANKENNatürlich waren die Kopfschmerzen nicht sofort nach diesem Gespräch verschwunden – es blieb noch einige Arbeit, doch hatte die Familie durch das Spielgespräch eine Möglichkeit bekommen, sehr differenziert auf die Kopfschmerzen zu schauen. Wann kamen sie, was verstärkte sie, welchen Nutzen hatten sie, wie hingen sie mit dem Verhalten der anderen zusammen, mit Max’ Gedanken und Gefühlen etc.? Die Eltern hatten keine Angst mehr, die Kopfschmerzen oder ihr Ausbleiben anzusprechen. Es war möglich geworden, darüber zu sprechen, was helfen konnte, sie in den Griff zu bekommen.
Nach einigen weiteren Gesprächen gelang es ihnen recht gut, die Kopfschmerzen früher zu bemerken und sie mithilfe des Drucks als Frühwarnsystem häufig sogar zu vermeiden.
Kurz gesagt, ist das Spielgespräch eine kreative Methode, die eine Erzählung mit Bildern, Figuren und Handlung ergänzt, sozusagen eine »Visualisierung +«. Ratsuchende erzählen mit Worten und zeigen gleichzeitig mit Figuren und Gegenständen, sodass die Erzählung visuell und konkret wird. So schaffen sie etwas Überdauerndes. Gleichzeitig reduziert dies die Anforderung des Augenkontaktes; wir können gemeinsam das Gezeigte betrachten und auch die Emotionen reflektieren. Mit diesem Gezeigten können wir weiterarbeiten und nach gewünschten oder möglichen Alternativen suchen. In anderen Situationen kann das Spielgespräch genutzt werden, um die eigene Arbeit zu erläutern (s. Kapitel 4.2.2) bzw. das bisher Verstandene zusammenzufassen (s. Kapitel 4.2.1).
So ist das Spielgespräch eine eigene Kommunikationsmethode – Sjölin-Nilsson (2023) spricht lieber von einer »Sprache« als einer »Methode«. Das Spielgespräch kann zur Ergänzung von psychologischer, psychiatrischer und sozialpädagogischer Diagnostik oder Beratung und Therapie genutzt werden. Durch die Verknüpfung von Worten mit dreidimensionalen Bildern und der Handlung in diesen Bildern entsteht ein tieferes Verständnis aufseiten der Ratsuchenden und der Therapeut:innen.
Kreative Methoden sind hoch im Kurs, ihr Einsatz ist über viele Schulen hinweg sehr verbreitet (Hanswille, 2022; Prior, 2023) und wird als hilfreich im Kontext von Beratung und Therapie erachtet. Insofern befindet sich das Spielgespräch im Trend.
Martin Soltvedt, Jan Nilsson und Barbro Sjölin-Nilsson haben die Bezeichnung »Tejping« (ausgesprochen wie das englische Wort »taping«) verwendet. Es war das Wort eines Kindes, mit dem Martin Soltvedt gearbeitet hatte (s. Kapitel 1.2.1). Es passte, weil Tape ein wichtiges Material ist, das beim Spielgespräch verwendet wird. Daneben verwendete Soltvedt (2005) den Begriff »Spielgespräch« (»leksamtal«). Da im deutschen Sprachgebrauch »Taping« eher nach Physiotherapie klingt, habe ich mich entschieden, das Wort Spielgespräch zu verwenden, da es die Veränderungsarbeit mit der Methode gut beschreibt: Es ist eine Mischung aus Gespräch und Spiel. Dabei wird das Wort Spiel nicht ausschließlich im üblichen Wortsinn verwendet, sondern auch im Sinne eines Gedankenspiels, dem Ausprobieren und Reflektieren von Handlungsalternativen, von Mentalisierungsideen etc.
Wie Nilsson (2021) aber zu Recht anmerkt, klingt »Spielgespräch« ein wenig, als sei es eine Methode, die für Kinder entwickelt wurde. Das ist sie jedoch keineswegs. Soltvedt (2005) hat das Spielgespräch meistens mit Jugendlichen verwendet, die auch meiner Erfahrung nach sehr gut darauf ansprechen. Es kann jedoch in allen Altersklassen angewendet werden, auch mit Erwachsenen und insbesondere in Situationen, in denen Worte nicht ausreichen, nicht vorhanden sind oder das Ergänzen durch eine konkrete Visualisierung nützlich erscheint.
Der Begriff »Zeigegespräch« betont, dass etwas gezeigt wird – die Aspekte der Veränderungsarbeit werden weniger betont; sie geschehen jedoch günstigenfalls auf eine verspielte Weise. Von daher wird der Begriff Spielgespräch eher für das gesamte Vorgehen gewählt, während Zeigegespräch für das Zeigen eines – auch inneren – Prozesses gewählt wird. Ich verwende den Begriff Zeigegespräch bei älteren Klient:innen gern, so z. B. auch gelegentlich bei Jugendlichen, wenn diese Spielen »uncool« finden.
Gelegentlich wird auch der Begriff »Tischpsychodrama« verwendet. Tatsächlich gibt es sehr große Ähnlichkeiten zum Psychodrama. Der Begriff suggeriert jedoch, dass das Spielgespräch theoretisch ausschließlich oder überwiegend im Psychodrama verortet ist. Dies ist nicht der Fall.
Martin Soltvedt (2005; *1931, †2016) hat das Spielgespräch in den 1980er Jahren in Norwegen für ältere Kinder entwickelt, die gerade aus dem Spielalter herausgewachsen waren. Er suchte eine Möglichkeit, mit älteren Kindern und Jugendlichen visuell und konkret zu arbeiten. Wenn er etwas nicht verstand, stellte er GABRIELSEN, seine Alter-Ego-Figur5, auf den Tisch. Durch dessen naive Fragen entstand mithilfe anderer Figuren und Markierungen durch Tape eine Darstellung des Gesagten, sodass schließlich verständlich wurde, was vorher unbegreiflich war.
Das Spielgespräch wurde insbesondere durch Barbro Sjölin-Nilsson und ihren Mann, Jan Nilsson, verbreitet. Theoretisch fußt es unter anderem auf entwicklungspsychologischen Theorien, z. B. Stern (1977) mit der Betonung auf handlungsorientiertem Verstehen und Lernen, der narrativen Perspektive um White und Epston (1993) mit dem Externalisierungsbegriff sowie den inneren und äußeren Gesprächen von Anderson und Goolishian (1990).
Da mir Barbro Sjölin-Nilsson das erste Spielgespräch des Entwicklers Martin Soltvedt (zu der Zeit nahm er noch nicht GABRIELSEN zu Hilfe) zugesendet hat, möchte ich es übersetzt und gekürzt wiedergeben.
Martin Soltvedts erstes Spielgespräch
Martin arbeitete in seiner privaten Praxis als Psychologe für Kinder und Familien in Lier, einer Kleinstadt bei Oslo/Norwegen. Diesmal war eine Mutter mit ihrem neunjährigen Sohn Ole gekommen.
Oles Mutter war häufig mit Ole und seinem fünfjährigen Bruder allein zu Hause. Im Gespräch bei Martin gab es viele Anklagen der Mutter, die Ole immer ruhiger werden ließen und schließlich dazu führten, dass er seinen Kopf unter seiner Kapuze versteckte, sodass man ihn gar nicht mehr sah.
Martin versuchte, der Mutter in ihrer Frustration zu helfen und gleichzeitig Kontakt zu Ole aufzubauen. Da sah er plötzlich das Korrekturband einer elektrischen Schreibmaschine und nahm es, um damit das Wohnzimmer auf dem Tisch anzuzeigen: »Kann das eine Wand im Raum sein? Hilf mir mal.« Damit reichte er Ole das Korrekturband. Zusammen zogen sie passende Stücke ab. So konnte Ole die anderen Wände sowie die Tür zur Küche zeigen.
Mit einem kurzen Stück Tape zeigte er den Fernseher. Ähnlich ging es weiter mit dem Drehsessel des Vaters und dem Sofa. So wurde der Raum mit Tür und Möbeln gezeigt, alles nur mit Tape-Stücken von unterschiedlicher Länge.
Martin nahm einige Holzfiguren und fragte: »Wenn das hier Mama ist, wo steht sie meistens?« Ole zeigte, dass seine MUTTER in der Küche steht und Essen zubereitet.
Auf Nachfrage setzte Ole eine Figur für sich auf den Streifen, der für den Sessel stand. Der kleine Bruder hingegen saß auf dem Sofa. Nun bat ihn Martin, zu zeigen und zu berichten, wie die Streitsituationen verlaufen. Es zeigte sich, dass Oles BRUDER ihm seinen Platz streitig machen wollte. OLE schubste dann seinen BRUDER fort, der hinfiel und nach seiner MUTTER rief. Diese hörte nur den weinenden Bruder und schimpfte sehr mit OLE.
So konnte Martin das ganze Problem vor sich sehen. Oles Mutter schlug nun vor, dass die Jungs sich abwechseln sollten, auf Vaters Sessel zu sitzen. Weiter schlug sie vor, eine Eieruhr zu stellen, die nach einer vorgegebenen Zeit klingelt, um den Wechsel anzukündigen.
Martin zeigte mit den Figuren, wie die Fernsehsituation demnächst ablaufen soll. Mit dem Tape wurde das Gespräch viel lebendiger. Sowohl die Mutter als auch Ole waren aktiv, und es wurde mehr Lösungssuche als Anklage.
Als Mutter und Ole zum nächsten Termin kamen, hatte Martin nicht gedacht, dass er eine neue Methode entwickelt hatte. Er saß einfach da und sprach normal mit den beiden und fragte, wie es mit der Fernsehzeit gegangen war. Es zeigte sich, dass es gut funktioniert hatte. Beide waren froh, dass es jetzt weniger Streit gab.
Dann sah Ole Martin fragend an und sagte: »Du, Martin, sollen wir heute nicht wieder Taping machen?« Ole fand es etwas langweilig, nur still zu sitzen und zu reden. Er hatte es gemocht, die Tape-Streifen abreißen sowie Raum und Möbel zeigen zu dürfen und mit den Figuren zu zeigen, was passierte.
In den 1990er Jahren verbreitete Soltvedt insbesondere durch Einladungen von Barbro Sjölin-Nilsson in Schweden über verschiedene Kursformate die Kinderorientierte Familientherapie. Das Spielgespräch rückte erst später ins Zentrum der Aufmerksamkeit.
Jan Nilsson hat die Methode bei verschiedenen Patientengruppen verwendet – insbesondere bei erwachsenen Psychiatriepatient:innen und traumatisierten Flüchtlingen. Er beschreibt das Erlebnis mit einem Patienten, der sich durch diese Arbeit endlich ausdrücken konnte und verstanden fühlte, als einen Wendepunkt in seiner therapeutischen Arbeit (Nilsson, 2017). Seit 2000 haben er und seine Frau die Methode auf Kongressen und zahllosen zweitägigen Kursen hauptsächlich in Schweden gelehrt und verbreitet. Es ist im schwedischen Sozialdienst – eine Art Jugendamt, das jedoch die Zuständigkeit mit Erreichen der Volljährigkeit nicht aufgibt – recht verbreitet. Auch in Norwegen ist die Methode gängig. Das Spielgespräch wird seit dem Jahrtausendwechsel in Schweden noch häufiger angewendet und ist durch viel mehr Kurse verbreitet worden als die Kinderorientierte Familientherapie. Darüber hat sich Martin Soltvedt nicht selten gewundert (Nilsson, 2021).
Ich habe das Spielgespräch 2005 in einem Einführungsseminar zur Kinderorientierten Familientherapie in Uppsala/Schweden bei Barbro Sjölin-Nilsson kennengelernt. Auch für mich war das Spielgespräch anfangs so einfach und naheliegend, dass ich es zunächst nicht als etwas »Besonderes« erkannt habe. Mein Herz schlug viel mehr für die Kinderorientierte Familientherapie. Angewendet habe ich das Spielgespräch regelmäßig seit 2005, insbesondere in meiner Arbeit in der Erziehungsberatungsstelle/dem Kinderschutz-Zentrum Aachen. Zunächst lehrte ich nur die Kinderorientierte Familientherapie und erwähnte das Spielgespräch eher am Rande.
Erst seit Mitte der 2010er Jahre, als ich das Spielgespräch auch in anderen Zusammenhängen lehrte, z. B. in Kursen gegen Kindeswohlgefährdung und zur Gesprächsführung mit Kindern, merkte ich durch das ausgesprochen positive Feedback vieler Kursteilnehmenden, wie interessant und bereichernd das Spielgespräch für verschiedene Berufsgruppen sein kann. Wie breit es anwendbar ist, war mir bereits vorher deutlich geworden. Dass es auch leicht lernbar ist, haben mir ebenfalls viele Kursteilnehmende berichtet. Es ist mir jedoch aufgefallen, dass die meisten Menschen das Spielgespräch eher in recht begrenzten Anwendungsbereichen verwenden und bei weitem nicht alle Möglichkeiten der Methode ausschöpfen. Ich selbst habe durch die Bücher von Jan Nilsson (2017, 2021) viele Möglichkeiten neu kennengelernt und (wieder) in meine Arbeit aufgenommen. Ein ums andere Mal habe ich gedacht, dass ich das schon viel früher hätte tun können, was sicherlich einigen meiner Klient:innen zugutegekommen wäre.
Grundsätzlich verfolgt das Spielgespräch drei verschiedene Zielsetzungen:
1.Verdeutlichen bzw. Verstehen der inneren oder äußeren Situation: Zeigegespräch der Ratsuchenden;
2.Therapeutische Veränderungsarbeit, oft im Anschluss an das Zeigegespräch: das Spielgespräch;
3.Information vermitteln: Zeigegespräch der Beraterin6; die Beraterin kann z. B. zeigen, wie ein begleiteter Umgang, der Besuch im Krankenhaus, im Gefängnis oder eine Befragung im Gericht aussehen wird (s. Kapitel 4.2.3) oder auch, was sie bisher verstanden hat (s. Kapitel 4.2.1).
Das Material im Spielgespräch ist nicht standardisiert. Es gibt auch kein Set, das man besitzen oder gar kaufen muss. Trotzdem gibt es Material, das empfohlen wird: Figuren, Tape und eine Bühne (in der Regel ein Tisch; s. Foto 4). Eine Empfehlung zeigt Kasten 1.
Kasten 1: Das Material beim Spielgespräch (zum Umgang mit dem Material s. Kapitel 2.1.1)
mindestens zwanzig Menschenfiguren7, die gut stehen können
•unterschiedliche Geschlechter, Altersstufen, Kulturen, Berufe
•Gefühlsfiguren/Moods
•die therapeutische Alter-Ego-Figur
•eventuell weitere, auch diagnosespezifische Figuren: z. B. hohle Matrjoschka-Figuren – innen böse guckend, außen freundlich –, in der Mitte durchgesägte Figuren für Kinder getrennter Eltern etc. (Östergren u. Ståhlkloo, 2011)
Haustiere8 (z. B. von HABA® oder Schleich®)
unterschiedliche Häuser
Fahrzeuge: Autos, Zweiräder, Bus, Flugzeug, Zug, Rettungsfahrzeuge – schaffen Bewegung auf der Bühne
je kleiner das Kind, desto konkreter das Material: Möbel, Gegenstände wie Teller, Handy, TV etc., eventuell auch Gegenstände für Außen, z. B. Bäume, Blumen, Steine, Zäune etc.9
etwas Knete zum Formen wichtiger Details
reichlich Tape-Band10
eine Bühne:
•ein kleiner Tisch
•Schreibunterlagen zum Aufbewahren aufwendigerer Tapes11
•bei kleineren Kindern oder Kindern mit motorischen Schwierigkeiten ein Sandkasten
Foto 4: Material für das Spielgespräch © Bernd Reiners
In der Familientherapie wurde und wird häufig auf das Menschenbild des entwicklungsorientierten Ansatzes von Virginia Satir, insbesondere dem Wachstumsmodell (z. B. Satir u. Baldwin, 1988), sowie auf die humanistische Psychologie von Rogers (z. B. 1959) verwiesen. Auch im Spielgespräch, wie ich es verwende, ist dieses Menschenbild prägend. Nach dem Wachstumsmodell strebt jeder Mensch nach freier Entfaltung. Dies meint Rogers (1959, S. 196) mit »Aktualisierungstendenz«: die dem Menschen »innewohnende Tendenz zur Entwicklung aller seiner Möglichkeiten«. In einer Familie, wie in jeder anderen Gruppe, sind die einzelnen Mitglieder ständig im Wachstum begriffen.
Symptome entstehen nach diesem Modell, wenn ein Mensch sich nicht entsprechend seinen Bedürfnissen, Wünschen und Fähigkeiten entwickeln kann. Für eine gesunde Entwicklung werden Möglichkeiten benötigt, Veränderung oder Anderssein auszudrücken, ohne dadurch an (Selbst-)Achtung zu verlieren.
Psychische Symptome, also Auffälligkeiten im Verhalten, Fühlen oder Denken einzelner Personen in bestimmten Kontexten, werden in der systemischen Therapie häufig als Lösungsversuche verstanden (Selvini-Palazzoli, Boscolo, Cecchin u. Prata, 1977/1993; von Schlippe, 1991). Gemäß dem Wachstumsmodell werden sie, wie jedes andere Verhalten auch, als Verhalten mit positiver Absicht verstanden. Dabei muss die positive Absicht nicht immer in erster Linie positiv für den Symptomträger sein, sondern kann auch positiv für den Systemerhalt sein. So kann z. B. ein aufsässiges Kind mit seinem Verhalten die unbewusste Absicht verfolgen, die Eltern zu mehr Zusammenarbeit zu drängen und damit eine Trennung der Eltern zu verhindern.
Gleichzeitig verhindern Symptome häufig die Weiterentwicklung, weil sie einschränken, Freiheiten nehmen, Ängste auslösen. Eltern wagen z. B. nicht, ihrem Kind Grenzen zu setzen, weil sie befürchten, dann könnte es erst recht das Essen verweigern, von Wutgefühlen überwältigt oder suizidal werden etc. Sie befürchten, ihr Verhalten könne das Symptom auslösen. Das bedeutet, ein Symptom weist darauf hin, dass ein anstehender Wachstumsschritt bei mindestens einem Systemmitglied Angst auslöst. Das Symptom kann so als eine Art Warnsignal verstanden werden, dass es noch nicht so schnell zu einer Veränderung bzw. einem weiteren Wachstum kommen soll.
Auch Rutger Bregman (2022) betont, dass der Mensch im Grunde gut ist. Natürlich können Menschen böse Dinge tun. Es liegt uns jedoch näher, Gutes zu tun. Bregman (2022) belegt dies mit vielen Beispielen. Er zitiert z. B. eine Studie von Hamlin und anderen Wissenschaftler:innen (zitiert nach Bregman, 2022), die sechs bzw. zehn Monate alten Babys ein Puppenspiel zeigten, in dem eine Puppe gute Dinge tat, eine andere böse. Nahezu alle Babys wählten, wenn sie beide Puppen nehmen konnten, die »gute Puppe«. Die Forscher schlossen daraus, dass schon Babys prosoziales Verhalten bevorzugen.
Eine Kernannahme des Wachstumsmodells ist, dass absolut jedes Verhalten, wenn es auch noch so aggressiv oder destruktiv erscheinen mag, im Kern das Streben nach Wachstum enthält (Luthman u. Kirschenbaum, 1977).
Saids guter Grund
VORGESPRÄCH/VORGESCHICHTEDer neunjährige Said wurde vorgestellt, weil er immer wieder seinen sechsjährigen Bruder schlug. Bereits im Vorfeld berichteten die Eltern, dass dies nicht passiere, wenn die beiden Kinder allein wären. Said selbst leide unter seiner Aggressivität und wolle »das« ändern. Als ich ihn kennenlernte, bestätigte er sowohl, dass es solche Situationen immer wieder gab, als auch, dass er damit aufhören wollte.
SZENENAUSWAHLDaher wurde er gebeten, den letzten Streit zu zeigen, als er seinen kleinen Bruder so gekniffen hatte, dass dessen Oberarm blutete. Obwohl ihm das unangenehm war, willigte er sofort ein.
ZEIGEGESPRÄCHNach dem Aufkleben des Wohnzimmers zeigt Said, wie sein Bruder und er mit den Autos spielen. Schließlich kommt seine MUTTER ins Zimmer. Sein BRUDER sagt zu seiner MUTTER: »Said nimmt mir immer die Autos weg.« Said beschreibt, dass dies nicht seinen Handlungen entsprochen habe. Die MUTTER aber schimpft mit ihm. Wütend gibt SAID die Autos seinem BRUDER. Die MUTTER verlässt das Zimmer und die JUNGEN spielen scheinbar friedlich. Als die MUTTER das Zimmer wieder betritt, schlägt SAID seinen BRUDER, dieser schreit und SAID kneift ihn.
Ich frage Said, ob er zeigen könne, wozu er seinen Bruder geschlagen habe. Er denkt einen Moment nach und zeigt schließlich: Die MUTTER betritt das Zimmer. Dabei habe sie ganz misstrauisch geschaut.
Er wählt eine GEFÜHLSFIGUR, um dies zu zeigen. Sie habe ihn gar nicht beachtet und nicht bemerkt, dass sein Bruder alle seine Autos benutzt habe. Da sei er wütend geworden (er stellte eine wütende Figur hinter SAID) und habe seinen Bruder geschlagen (er zeigt es). Die Mutter habe nicht reagiert, da habe er seinen Bruder geschlagen. Dann schimpfte die MUTTER mit SAID und schleifte ihn aus dem Zimmer.
NACHGEDANKENDer gute Grund für Saids zweifellos »schlechtes«, das heißt wenig erwünschtes, destruktives Verhalten war nicht nur der Wunsch nach Aufmerksamkeit von der Mutter, sondern auch der Wunsch, sich zu wehren, wenn ihm sein Spielzeug weggenommen wurde. Wenn ihm sonst schon keiner half …
Natürlich rechtfertigte das seine Handlung nicht, es machte sie aber verständlich, auch für seine Mutter, die von der Beschreibung sehr berührt war, weil sie einsah, dass sie Said häufig nicht gerecht wurde, und er schon eine Art Sündenbockrolle innehatte.
Möglicherweise war Said besonders aggressiv, weil seine Mutter seine Bedürfnisse so wenig wahrnahm. In einem zirkulären Prozess gelang ihr das eventuell schlechter, weil sie ihren kleinen Sohn vor Said schützen musste. Je aggressiver Said wurde, desto mehr schützte sie ihren kleinen Sohn, verlor damit Said mehr aus dem Blick, was diesen wiederum aggressiver werden ließ.
Das Suchen nach dem guten Grund für destruktives Verhalten half dieser Familie, neue Lösungen zu finden. Es gelang, die Kontextabhängigkeit des Symptoms zu verstehen, ohne dass Mutter und Sohn erneut in der Dynamik gefangen waren.
Menschen werden im Wachstumsmodell als einzigartig betrachtet. Andersartigkeit wird nicht als Gefahr, sondern als Anstoß für eine Veränderung verstanden. Veränderung ist unausweichlich und wird begrüßt, da Vertrauen in diesen Veränderungsprozess besteht. Das Wachstumsmodell geht davon aus, dass Menschen Freude daran haben, Risiken einzugehen und neue Wahlmöglichkeiten auszuprobieren. Wenn Wahlmöglichkeiten mit der Aussicht auf Veränderung verbunden sind, empfinden Menschen Freude und Glück (Satir u. Baldwin, 1988).
Gerade Letzteres soll im Spielgespräch für Situationen ermöglicht werden, in denen Menschen nicht ausreichend Zugang zu Wahlmöglichkeiten hatten, um sich entsprechend ihrer Fähigkeiten selbstwerterhaltend verhalten zu können.
Das natürliche emotionale Wachstum der Menschen geschieht nach dem Wachstumsmodell grundsätzlich auf zwei Ebenen gleichzeitig. Das Selbstwertgefühl aller Beteiligten entwickelt sich gleichzeitig mit den gesunden Beziehungen und der gesunden Kommunikation zwischen den Beteiligten. Gerade diese Haltung wird auch von Soltvedt (2005) als Grundhaltung für das Spielgespräch vertreten.
Schmidtchen (1999, S. 92 ff.) schlägt »Strategien zur Gestaltung einer heilungsfördernden Beziehung« vor, die auch im Spielgespräch Verwendung finden. Zunächst ist dies die engagierte Fürsorge für die Ratsuchenden und die »Schaffung eines anregenden, freundlichen, gefühlsoffenen, angstabbauenden Klimas« (S. 92). Weiterhin Achtung und Wertschätzung sowie das Bemühen um kongruentes Verhalten (Satir u. Baldwin, 1988, nennen dies kongruente Kommunikation). Als letzte grundlegende Strategie führt Schmidtchen (1999) das Bemühen um eine dialogische, auch nonverbale Kommunikation an.
So kann das Spielgespräch helfen, entwicklungsfördernde Kommunikation zu ermöglichen oder zu fördern, indem es den Ausdruck von Gefühlen ermöglicht, verschiedene Perspektiven verdeutlicht, Grenzen aufzeigt und letztlich eine Situationsbeschreibung bzw. eine Erklärung eigenen Verhaltens kongruent ermöglicht.
Im Wachstumsmodell werden die verschiedenen Familienmitglieder als gleichwertig betrachtet (Satir u. Baldwin, 1988). Damit ist eine Gleichwertigkeit der Identitäten gemeint. Unterschiede in Rolle und Status werden damit nicht geleugnet. Gleichwertigkeit bedeutet also nicht, dass Eltern Kindern keine Vorschriften machen dürfen. Sie dürfen aber ihre Kinder nicht abwerten oder demütigen, da die Kinder den gleichen Wert haben, als Person geachtet und wertgeschätzt zu werden. Gleichwertigkeit bedeutet auch nicht, dass Unterschiede geleugnet werden müssen. Im Gegenteil kann durch die Gleichwertigkeit eine andere Haltung oder Einstellung als interessante Alternative zugelassen werden.
Im Spielgespräch wird häufig ein Kind gebeten, eine schwierige Situation darzustellen. Nicht selten sind es die Eltern, die beim Zuschauen die Unterschiede in der Wahrnehmung verstehen. Eine vorherige Abwertung des Kindes aufgrund seines ungünstigen Verhaltens kann so gemildert oder sogar aufgehoben werden, wenn die Eltern ihre Kinder anders verstehen. So war es ja auch bei Said in obigem Beispiel.
Grundsätzlich geht das Wachstumsmodell davon aus, dass Menschen ein Interesse daran haben, ihnen nahestehende Menschen nach besten Kräften zu fördern. Dazu können sie eigene Ideen, Gefühle, Haltungen etc. frei äußern und Ähnlichkeiten wie Unterschiede akzeptieren. Damit wird die Aufgabe der Familie mit eingeschlossen, jedem Familienmitglied eine positive emotionale Entwicklung zu ermöglichen.
Ich möchte ein weiteres Element der systemischen Haltung hinzufügen, auch wenn es seltener genannt wird: die Fehlerfreundlichkeit. Die Therapeutin sollte Ratsuchenden im Zuge der Vertrauensbildung die Angst nehmen, sie könnte sie für eventuell begangene Fehler verurteilen. Wie Weizsäcker und Weizsäcker (1984) darstellen, sind es in der Evolution erst die Fehler, die Abweichungen von der Norm, die eine derart weit gefächerte Artenvielfalt ermöglicht haben. In diesem Sinne geht die Natur freundlich mit Fehlern um. Ein solches freundliches Umgehen mit Fehlern wird auch Therapeut:innen empfohlen. Burmeister und Steinhilper (2011) weisen jedoch zu Recht darauf hin, dass in unserer erfolgsorientierten Gesellschaft das Gespräch über ein mögliches oder auch bereits erlebtes Scheitern schwierig ist. Aber nur in fehlerfreundlichen Systemen können Risiken gewagt werden.
Daher ist es besonders wichtig, im Spielgespräch eine spielerische, fehlerfreundliche Atmosphäre zu schaffen. Es ist nichts verboten oder unsinnig. Selbst ein Zauberer, der auftaucht und die Situation verändert, kann sinnvoll sein, um gemäß der Wunderfrage einmal zu überlegen, wie sich die Situation verändern könnte (s. Kapitel 4.3).
Bleckwedel (2008, S. 74/75) empfiehlt entsprechend »Experimentierfreude« und »konzentrierte Leichtigkeit«. Er fasst das Vorgehen zur Förderung von Fehlerfreundlichkeit im Prozess wie folgt zusammen:
1.Stabilität/Sicherheit fördern, z. B. durch Bestätigung und Redundanz/Wiederholung von Bekanntem.
2.Für angemessene Verstörung/Instabilität sorgen. Hierher gehören Ausprobieren, Vielfalt, Kreativität; auch Unsinn darf dabei sein.
3.Anschließend reflektieren und möglichen Transfer überlegen.
Genau dieses Vorgehen kann im Spielgespräch nur empfohlen werden.
Die Haltung gegenüber den Eltern
Da die meisten Beispiele in diesem Buch Kinder betreffen, soll etwas über den Umgang mit Eltern und die Haltung ihnen gegenüber gesagt werden. Wenn Sie das Spielgespräch nicht mit Kindern anwenden, überspringen Sie dieses Kapitel ruhigen Gewissens …13
Eltern erwarten häufig eine Erklärung für das kindliche Verhalten. Sie suchen nach einer solchen Erklärung üblicherweise in dem Kind. Auf eine Antwort der Therapeutin jedoch zu früh oder einseitig den Fokus zu legen, würde das elterliche Expertentum für ihr Kind, ihre Fähigkeit, das kindliche Verhalten zu beeinflussen und somit ihr Selbstwirksamkeitserleben unnötig reduzieren. Zudem würde es das Kind zum Gegenstand, zum Objekt (Cierpka, 2008) machen. Insofern werbe ich dafür, das Spielgespräch mit einem Kind in Anwesenheit der Eltern durchzuführen, wenn dies möglich ist (s. Kapitel 4.1.2 und 6.1.5). Das Spielgespräch hilft den Eltern, ihr Kind und die Interaktion mit ihm besser zu verstehen. Meist ist die Annahme einer Pathologie des Kindes wenig hilfreich. Es gilt der Grundsatz von Wagner (2020), man möge die geringstmögliche Pathologie und die einfachste Theorie anwenden (s. Kapitel 7.1).
Von zentraler Bedeutung ist nach Soltvedt (2005) die Haltung, Kindern auf ihrem Entwicklungsniveau zu begegnen, also sie nicht zu reiferen Handlungen zu nötigen, als sie von sich aus zeigen. Ein Sprichwort besagt: »Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.« Dies gilt für Erziehung ebenso wie für Therapie. Dennoch geschieht dieses Ziehen leider häufiger. Erziehung beinhaltet vermeintlich im Wortsinn, dass Erwachsene Kinder zu etwas (er)ziehen, das sie (noch) nicht von selbst tun. Wenn das Kind etwas lernen möchte, ist dies nicht zwangsläufig eine ungünstige Strategie.
Gerade wenn Kinder problematisches Verhalten zeigen, führt dieses Erziehenwollen allerdings oft in die Sackgasse. Das Kind hat bereits mehrfach erlebt, dass sein Verhalten unerwünscht ist. Es gelingt ihm jedoch nicht, es abzustellen. Es hat vermutlich bereits mehrere selbstwertschädigende, erfolglose Versuche hinter sich. Die Aufforderung, auf einem höheren Funktionsniveau zu agieren, ist daher ein »Mehr desselben«, also eines Verhaltens, das das Kind bereits vielfach erlebt hat, und damit selbstwert- und entwicklungsschädigend. Nicht selten entsteht eine eskalierende Schleife. Je ungeduldiger die Eltern die Handlung fordern, desto trotziger und weniger lernfähig reagieren die Kinder.
Das Spielgespräch selbst ist ein Versuch, dem Kind auf seinem Entwicklungsniveau zu begegnen, ihm durch die Visualisierung eine Möglichkeit zu geben, sich besser auszudrücken. Gerade die Wahl des Spiels als therapeutische Interaktionsform hilft dem Kind, sich auszudrücken – und den Eltern, es zu verstehen. Darüber hinaus wird das Kind immer wieder nach seiner Sicht und seinen Lösungsideen gefragt. Auf diese Weise kann es der selbstwertschädigenden Schleife entgehen – und trotzdem Ideen der Erwachsenen anhören und eventuell im Spielgespräch ausprobieren.
Die Eltern fühlen sich, wenn sie zur Therapie kommen, hilflos und ratlos; sie reagieren bei kindlichen Problemen mit Rückzug oder unkontrollierten Impulsdurchbrüchen. Sie verstehen nicht mehr, was zwischen ihnen und ihrem Kind passiert und reagieren zunehmend ungünstig für die Entwicklung der Eltern-Kind-Beziehung und damit die kindliche, aber auch ihre eigene Entwicklung. Pleyer (2003) spricht von »parentaler Hilflosigkeit«. Bei den Eltern entwickeln sich typische Auffälligkeiten, wie sie ihre »Problemkinder«14 wahrnehmen bzw. mit ihnen umgehen:
–Sie nehmen ihre Kinder selektiv wahr im Sinne der selbstverstärkenden Beobachtung und Interpretation. Wenn das Kind sich einmal unproblematisch verhält, können sie dies z. B. nur als Ausnahme von der Regel verstehen, nicht als Beginn einer Veränderung oder gar als Widerlegung der Regel. Kontaktversuche des Kindes deuten sie als Angriff. Pleyer (2003, S. 480) empfiehlt entsprechend eine Förderung des Beobachtens. Das Spielgespräch kann Eltern ein anderes Verständnis ihres Kindes ermöglichen. Eltern beobachten ihre Kinder, ihre Mentalisierungsfähigkeit nimmt zu. Umgekehrt kann es Kindern gelingen, ihre Eltern anders zu verstehen, wenn sie ihre Sicht im Spielgespräch darlegen.
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