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Benjamin Netanjahu wird von den einen glühend verehrt und unverbrüchlich unterstützt, von den anderen zutiefst gehasst oder gefürchtet. Spätestens seit der Internationale Strafgerichtshof einen Haftbefehl gegen ihn ausgestellt hat, ist seine kontroverse Position auf der Weltbühne unübersehbar. Aber wer ist dieser Mann, wo kommt er her, was treibt ihn an, und wie hat er sein Netzwerk aus Verbündeten aufgebaut? Diesen Fragen geht das Buch entlang wichtiger Stationen von Netanjahus politischem Aufstieg nach, der sich von Anfang an engen Beziehungen zu einflussreichen pro-israelischen Kreisen in den USA verdankte. Gemeinsam mit seinem ultrarechten Vater Benzion trat Netanjahu schon in seiner Studienzeit in Boston als begabter Netzwerker und Kommunikator auf. Joseph Croitoru, ein profunder Kenner der Nahost-Politik, hat in Archiven bislang unentdeckte Unterlagen und Briefe gefunden: Sie sind Schlüssel zu Ideologie und Strategien des langjährigen israelischen Ministerpräsidenten. Und Croituru zeigt, wie sich Netanjahu trotz aller Proteste und Korruptionsvorwürfe seit mehr als 15 Jahren an der Macht halten kann.
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Seitenzahl: 499
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Niemand hat die Politik Israels und des Nahen Ostens in den letzten Jahrzehnten so geprägt wie Benjamin Netanjahu. Wie früh er seine nationalistische Agenda konzipiert hat, dürfte Wenigen bekannt sein.
Joseph Croitoru hat in Archiven bislang unentdeckte Unterlagen und Briefe gefunden, die Schlüssel zu Ideologie und Strategien des langjährigen israelischen Ministerpräsidenten sind. Er zeigt, wie sich Netanjahu trotz aller Proteste und Korruptionsvorwürfe seit mehr als 15 Jahren an der Macht halten kann.
Ein präzises und aufschlussreiches Buch über einen der umstrittensten Politiker der heutigen Zeit: seine Herkunft, sein Werdegang, sein Netzwerk.
Joseph Croitoru
DAS SYSTEM NETANJAHU
Verlag Klaus Wagenbach Berlin
Cover
Titel
Einleitung
1974–1976 Informationspolitik in den USA
Der Student Benjamin Netanjahu und sein Vater versuchen, die US-amerikanische Elite zu überzeugen
1976–1980 Nach dem Tod des Bruders Jonathan bei der Entebbe-Operation
Mit dem Jonathan Institute und einer internationalen Terrorismuskonferenz verfolgen die Netanjahus große Ziele
1982–1984 Vom Manager zum stellvertretenden Botschafter in Washington
Netanjahu baut sein Beziehungsnetz in den USA aus und veranstaltet eine zweite Terrorismuskonferenz
1984–1988 Israel im Propagandakrieg verteidigen
Als UN-Botschafter wird der schlagfertige Rhetoriker Netanjahu berühmt
1988–1992 Ein neuer Star der israelischen Rechten
Dank seiner Bekanntheit und Kontakte steigt Netanjahu in den Reihen des Likud rasch auf
1992–1996 Gegen die Friedenspolitik der Regierung von Rabin und Peres
Als Likud-Chef und Oppositionsführer agitiert Netanjahu weiter gegen die PLO
1996–1999 Den Oslo-Friedensprozess bremsen, den Siedlungsbau vorantreiben
Netanjahus Hinhaltetaktik kostet ihn nach nur drei Jahren das Amt als Ministerpräsident
2000–2005 Kurzer Rückzug und Wiedereinstieg in die Politik als Finanzminister
Netanjahu unterstützt Scharons Vorgehen gegen die Palästinenser, bricht aber mit ihm
2006–2009 Auf dem Weg zurück an die Macht
Netanjahus Comeback als Likud-Chef und Ministerpräsident
2009–2021 »König Bibi« klebt an der Macht
Die »Netanjahu-Jahre« und der Stillstand im Friedensprozess
2022–2023 Zurück an der Macht mit Unterstützung der Rechtsradikalen
Netanjahus »Justizreform« spaltet Israel, der Konflikt mit den Palästinensern spitzt sich zu
2023–2025 Der 7. Oktober 2023 und die Folgen
Der mit internationalem Haftbefehl belegte Netanjahu führt Krieg an allen Fronten
Rück- und Ausblick
Literatur und Quellen
Impressum
Israels jüngste Geschichte ist durch keinen Politiker stärker geprägt als durch Benjamin Netanjahu. Er ist bis auf eine kurze Unterbrechung seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten an der Macht. Seit dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023, der auf israelischer Seite 1 164 Menschenleben forderte und bei dem 251 Menschen in den Gazastreifen verschleppt wurden, hat der israelische Ministerpräsident einen erklärten Vernichtungskrieg gegen die Islamistenorganisation und die mit ihr verbündeten Milizen geführt. Die Militäroffensive hat Zehntausenden palästinensischen Zivilisten den Tod gebracht, den Gazastreifen weitgehend zerstört und in eine humanitäre Katastrophe gestürzt. Sie hat darüber hinaus einen regionalen Krieg ausgelöst, dessen Ausgang an mancher Front noch offen ist.
Wegen des Vorgehens der israelischen Armee im Gazastreifen hat der Internationale Strafgerichtshof gegen Benjamin Netanjahu Haftbefehl erlassen, ihm werden eine Reihe von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Dem brutalen Krieg haben weder der Haftbefehl noch die Weltgemeinschaft Einhalt bieten können. Und im eigenen Land hat Netanjahu trotz wachsenden Widerstands gegen seine Kriegspolitik gute Aussichten, mit seiner Likud-Partei auch bei der nächsten Wahl das Rennen zu machen und stärkste Kraft zu bleiben.
Dass Benjamin Netanjahu sich so lange an der Macht hält, verdankt sich nicht nur der Treue seiner rechtsnationalen Anhängerschaft, die ihn bewundert und bisweilen geradezu vergöttert. Sein Machterhalt ist auch Folge eines sich seit Jahren vollziehenden politischen Wandels der israelischen Gesellschaft, die immer weiter nach rechts gerückt ist. Seine Wurzeln liegen im historischen Wahlsieg des Revisionisten Menachem Begin im Jahr 1977. Der von ihm geführte Likud-Block versetzte der bis dahin herrschenden Arbeitspartei einen Schlag, von dem sie sich nur kurzzeitig Anfang der 1990er Jahre erholte. Seitdem haben bis auf das kurze Intermezzo von Ehud Barak um die Jahrtausendwende rechtsgerichtete Politiker die Geschicke des Landes gelenkt, die zwar vom Likud kamen, ihm aber zuletzt den Rücken gekehrt haben, um eine eigene Partei (Kadima) zu gründen. Mit der Wiederwahl von Netanjahu im Jahr 2009 etablierte sich der Likud dauerhaft an der Macht.
Das Buch versteht sich als politische Biografie, die sich auf Netanjahus Handlungen und Äußerungen als öffentliche Person konzentriert und die verschiedenen Etappen seines Werdegangs chronologisch nachzeichnet. Seine Positionierung im rechten Lager lässt schon Netanjahus Agitation für den Staat Israel als Student im Boston der 1970er Jahre erkennen. Dass Netanjahu, der abwechselnd in Israel und den USA aufwächst, darin für sich eine Mission sieht, zeigen bislang unbekannte Briefe aus dieser Zeit. An seiner Überzeugung, dass sich Israel in ständiger Existenzgefahr befindet, wird sich später in seiner Zeit als Diplomat, Likud-Politiker und Ministerpräsident nichts ändern. Auch die Maxime, dass durch Krieg gewonnenes Territorium grundsätzlich nicht aufgegeben werden darf und die Feinde Israels militärische Überlegenheit immer aufs Neue zu spüren bekommen müssen, wird zum Kern eines ideologischen Systems, das er samt den dazugehörigen Feindbildern den aktuellen Entwicklungen kontinuierlich anpasst.
Seine Vertrautheit mit der politischen Kultur der USA wie Israels befähigt den rhetorisch begabten und ehrgeizigen Netanjahu, seine Botschaften auf das jeweilige Publikum zuzuschneiden. Von Anfang an investiert er viel Energie, um Netze von Beziehungen zu den politischen und wirtschaftlichen Eliten beider Länder aufzubauen. Dass davon der Weg an die Macht und ihr Erhalt ebenso abhängen wie die Fähigkeit, sich als Regierungschef die Unterstützung Washingtons für Israels völkerrechtswidrige Politik zu sichern, erkennt Netanjahu schnell. In seinem zweigleisigen System spielen Beeinflussung und Manipulation der Medien beider Länder eine zentrale Rolle. Kaum ein anderer Politiker kann eine derart dichte mediale Präsenz vorweisen, wie sie Netanjahu neben einer Reihe von Büchern und eigenen Pressebeiträgen durch zahllose Interviews, öffentliche Ansprachen, Videobotschaften und Posts in den sozialen Medien über Jahrzehnte hat. Mit gleicher Konsequenz verfeinert er die Methoden, mit denen er ohne Rücksicht auf politische Konventionen immer wieder Konkurrenten und Kritiker ausschaltet, die ihm bei der Verfolgung seiner ambitionierten Ziele im Weg sind. Besonders seit dem 7. Oktober ist Netanjahu dabei von dem Ehrgeiz durchdrungen, als Staatmann globale Geschichte zu schreiben.
Als Benjamin Netanjahu 1949 in Tel Aviv geboren wird und seine Kindheit in Jerusalem verbringt, ist die zionistische Arbeiterbewegung mit Staatsgründer David Ben Gurion an der Spitze auf dem Höhepunkt ihrer Macht. In der britischen Mandatszeit hatte sie als führende Kraft der jüdischen Gemeinde in Palästina ihre Hauptrivalin, die ultranationalistische Revisionisten-Bewegung Zeev Jabotinskys, an den Rand gedrängt. Mit den Revisionisten ist Netanjahus Familie schon lange vor seiner Geburt verbunden. Sein aus dem heutigen Gebiet Weißrusslands stammender Großvater Nathan Mileikowsky ließ sich 1920 in Palästina nieder, wo er den Familiennamen – nach einer biblischen Figur – in Netanjahu änderte und als zionistischer Aktivist und Redner Jabotinsky nahestand. Der in Warschau zehn Jahre zuvor geborene Sohn Benzion trat in die Fußstapfen des Vaters und war schon als Student in den 1930er Jahren aktiver Revisionist. In Jerusalem absolvierte er ein Geschichtsstudium und gründete mit anderen die revisionistische Zeitung Ha-Yarden (Der Jordan), das Sprachrohr Jabotinskys, das die Vision von einem jüdischen Staat zu beiden Ufern des Jordans propagierte.
Benzion Netanjahus Aktivitäten bei den Revisionisten führten ihn in den 1940er Jahren in die USA, wo er nach Jabotinskys Tod im Jahr 1940 ihr offizieller Vertreter wurde. Als dort die Nachrichten vom Völkermord an den Juden in Europa eintrafen, versuchte er vergebens, amerikanische Regierungskreise für die Gründung eines jüdischen Staates in Palästina zu gewinnen. Den UN-Teilungsplan für das damalige Mandatsgebiet, der neben dem jüdischen einen arabischen Staat vorsah, lehnte Benzion Netanjahu wie andere Revisionisten kategorisch ab. Nach der Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 kehrte er mit seiner Familie nach Jerusalem zurück, konnte aber nach langen Jahren im Exil keinen Anschluss an die sich in der Opposition neu formierenden Revisionisten finden. Er zog sich zunächst auf seine Forschungen zur Geschichte der spanischen Juden zurück und wurde später für rund ein Jahrzehnt verantwortlicher Redakteur der angesehenen Encyclopaedia Hebraica.
Benjamin ist der zweitälteste Sohn von Benzion und Cela Netanjahu. Die Mutter, geborene Segal, ist in Palästina auf die Welt gekommen und hat ebenfalls osteuropäische Wurzeln. Netanjahu ist der mittlere von drei Brüdern, der ältere, Jonathan, wurde 1946 geboren, der jüngere, Iddo, 1952. Die Familie wohnt seit 1953 in einem Haus im Jerusalemer Viertel Katamon, das eine 1948 geflohene palästinensische Familie zurücklassen musste. Die drei Jungs haben eine unbeschwerte Kindheit mit vielen Freiheiten. Die glückliche Zeit im Wohnviertel der europäischstämmigen Jerusalemer Elite und etlicher Regierungsbeamter, denen man in Netanjahus Elternhaus mit Verachtung begegnet, geht für Benjamin und seine Brüder 1957 jäh zu Ende. Der Vater beschließt, mit der Familie in die USA zu gehen, und nimmt nach einer vorübergehenden Rückkehr nach Jerusalem im amerikanischen Philadelphia 1963 eine Stelle als Dozent für jüdische Geschichte an.
In diesen Jahren ist Benjamin Netanjahu zwischen dem neuen Leben in Amerika und dem Heimweh nach Jerusalem zerrissen. Wann immer es ihm und Jonathan möglich ist, verbringen die Brüder die Sommer in Jerusalem. Für alle drei Netanjahu-Söhne steht fest, dass sie ihren Militärdienst in Israel leisten werden. Jonathan wird 1964 eingezogen und Offizier bei den Fallschirmspringern. Er ist der erste der Netanjahu-Brüder, der als Soldat gegen palästinensische Guerillas und Terroristen kämpft.
In den Monaten nach seiner Entlassung Anfang 1967 steigt im Land die Kriegsgefahr. Israel entscheidet sich für einen Präventivschlag und bringt den arabischen Nachbarn im Sechstagekrieg im Juni eine verheerende Niederlage bei. Neben der Halbinsel Sinai und den Golanhöhen werden auch die Westbank, Ostjerusalem und der Gazastreifen von den Israelis besetzt. Benjamin Netanjahu hat gerade das Gymnasium in Philadelphia absolviert und verbringt den Sommer wieder in Israel, wo er den Kriegsbeginn in Jerusalem erlebt. Jonathan wird als Reservist in Kämpfen mit der syrischen Armee auf den Golanhöhen verletzt.
Wenige Monate später tritt Benjamin Netanjahu seinen Militärdienst an. Er gehört einer Generation junger Israelis an, die der glorreiche Sieg im Sechstagekrieg beflügelt hat. Netanjahu bewirbt sich bei der Eliteeinheit Sayeret Matkal und wird angenommen. Sie kommt vor allem bei Geheimoperationen außerhalb der Landesgrenzen und gegen Terrorattacken zum Einsatz. Als sie 1968 als Vergeltung für die Entführung eines israelischen Flugzeugs durch palästinensische Terroristen 14 arabische Flugzeuge auf dem Beiruter Flughafen in die Luft sprengt, ist Netanjahu dabei. Im gleichen Jahr nimmt er an dem israelischen Angriff auf eine Kommandozentrale der Palästinensischen Nationalen Befreiungsorganisation (Fatah) in dem jordanischen Dorf Karameh teil, dem ihr Chef Jassir Arafat knapp entkommt. Direkt gegen palästinensische Terroristen wird Netanjahu, der mittlerweile Offizier ist, im Mai 1972 eingesetzt. Mitglieder der palästinensischen Splittergruppe Schwarzer September, die später israelische Sportler im Olympischen Dorf in München überfallen und töten wird, haben ein belgisches Passagierflugzeug nach Israel entführt. Bei dessen Erstürmung auf dem Flughafen Lod wird Netanjahu durch eine verirrte israelische Kugel leicht verletzt. Seinen Bruder Jonathan, der mittlerweile als Berufssoldat in der gleichen Einheit dient, hat er davon abgehalten, sich mit ihm an der Befreiungsaktion zu beteiligen. Als einer der Kommandanten von Sayeret Matkal wird Jonathan 1976 bei der spektakulären Geiselbefreiung im ugandischen Entebbe ums Leben kommen.
Nach fünf Jahren Militärdienst zieht es Benjamin Netanjahu wieder in die USA. Er ist da bereits seit einigen Jahren mit Miriam Weissman liiert, die er seit seiner Jugendzeit kennt. Nach ihrem Militärdienst und einem Studienabschluss in Chemie in Jerusalem beschließt Miriam Weissman 1972, ihr Studium in den USA an der Brandeis University bei Boston fortzusetzen. Netanjahu nimmt im selben Jahr ein Architekturstudium am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge bei Boston auf. Schon in seiner Jugend in Philadelphia beeindruckte ihn das Werk Frank Lloyd Wrights und er träumte davon, Architekt zu werden.
Benjamin und Miriam sind ein Jahr verheiratet, als am 6. Oktober 1973 Israel an Jom Kippur von Ägypten und Syrien überraschend angegriffen wird. Die israelische Armee ist unvorbereitet und erleidet schwere Verluste. Während ägyptische Soldaten den Suezkanal überqueren, dringen syrische Panzer auf die von Israel besetzten Golanhöhen vor. Viele sind um das Überleben des israelischen Staates zutiefst besorgt. Netanjahu steigt in die erste verfügbare Maschine. Als er in Israel eintrifft, sind die entscheidenden Schlachten schon geschlagen. Er wird zunächst im Süden zur Bewachung einer israelischen Panzereinheit eingesetzt, bevor man ihn an die Front im Norden schickt, wo er eine Geheimoperation auf syrischem Boden leitet. Obgleich es der israelischen Armee am Ende gelingt, die drohende Niederlage in einen Sieg zu verwandeln, wird der verlustreiche Jom-Kippur-Krieg für viele Israelis zum Trauma. Als Netanjahu kurz nach Kriegsende nach Boston zurückkehrt, wird er als rechter israelischer Patriot bald in die Öffentlichkeit gehen, um energisch für Israels Sicherheitsinteressen zu werben. Es wird der Grundstein für Benjamin Netanjahus spätere steile politische Karriere sein, die, abgesehen von kurzen Ausflügen in die Privatwirtschaft, bis heute andauert.
Der Student Benjamin Netanjahu und sein Vater versuchen, die US-amerikanische Elite zu überzeugen
Als Benjamin Netanjahu von seinem Einsatz als Reservist im Jom-Kippur-Krieg nach Boston zurückkehrt, um sein Studium an der MIT fortzusetzen, ist der Campus in Aufruhr. Die Konflikte des Nahen Ostens treten hier offen zutage. Arabische und israelische Studenten agitieren jeweils für die Interessen ihrer Herkunftsländer und verteilen einschlägiges Informationsmaterial.
Netanjahu schließt sich einer kleinen Gruppe Studierender aus Israel an. Sie sind Aktivisten der Bostoner Israeli Students Organization.1 Ihr Sprecher ist der angehende Ingenieur Uzi Landau, der schon in Israel unter anderem mit deutschfeindlichen Aktionen2 aufgefallen war. Sein Vater Chaim Landau war Führungsmitglied der revisionistischen Untergrundorganisation Irgun (Etzel), der auch Netanjahus Vater Benzion als Funktionär der Revisionisten-Bewegung Zeev Jabotinskys nahestand. Jabotinsky und seine Anhänger spalteten sich während der britischen Mandatszeit von der Hauptströmung des Zionismus in Palästina ab. Anders als deren Vertreter strebten die Revisionisten die Gründung eines jüdischen Staates zu beiden Seiten des Jordans an. Jabotinsky wollte dieses Ziel unbedingt durchsetzen, gegebenenfalls auch mit militärischen Mitteln. Seine Anhänger gründeten Anfang der 1930er Jahre die Miliz Irgun, die die Briten bekämpfte und gegen sie wie gegen palästinensische Araber Terroranschläge verübte. Ihr letzter Kommandant Menachem Begin gründete nach der Ausrufung des Staates im Jahr 1948 die Partei Cherut (Freiheit), aus der später die Likud-Bewegung hervorging. Chaim Landau, Uzis Vater, ist Knesset-Abgeordneter der Cherut-Partei. Ein Jahrzehnt später, zu Beginn der 1980er Jahre, wird Uzi Landau in die Fußstapfen des Vaters treten und später als Politiker der Rechten mehrfach zum Minister ernannt werden, auch unter Netanjahu.
Uzi Landau verfügt in Boston über einige Kontakte zu lokalen jüdischen Organisationen wie den Jewish Community Council, der als Reaktion auf den Jom-Kippur-Krieg einen Ausschuss für Nahostpolitik gegründet hat. Das zionistische Gremium zielt darauf, mit Informationskampagnen im Sinne der Hasbara,3 der staatlichen israelischen PR-Arbeit im Ausland, arabischen Darstellungen des Nahostkonflikts entgegenzutreten. Gleichzeitig will man zur Nahostpolitik eigene Positionen beziehen und sie nach außen kommunizieren.4
Es ist wohl Uzi Landau, der neben seinem Kommilitonen Joseph (Yossi) Riemer Benjamin Netanjahu mit ins Boot holt, der den Ausschuss bei Recherchen unterstützen soll. Der Kontakt kommt vermutlich über Daniel S. Mariaschin zustande, der Referent des Jewish Community Council ist, einer der größeren jüdischen Organisationen in Boston. Mariaschin ist mit Uzi Landau und dessen Studentengruppe eng verbunden. Im Dezember 1973 hat er mit ihnen gegen den unmenschlichen Umgang Syriens mit israelischen Kriegsgefangenen demonstriert.5 Fünfzig Jahre später wird Mariaschin an die Arbeit jener »Kriegs-Task-Force« erinnern, die in Boston jeden Morgen tagte. Im Vorfeld des Jahrestags des Kriegs von 1973 beschreibt er in einem Presseartikel den Beitrag der drei israelischen Studenten:
Sie gründeten einen Pop-up-Think-Tank und erstellten Hintergrundpapiere und Problemanalysen, die den Nachrichtenmedien und Meinungsmachern im Raum Boston noch vor dem Frühstück an die Haustür geliefert wurden. […] bis Dezember arbeitete die Task Force in Boston unermüdlich an der Hasbara-Front. Bei den täglichen Frühstückstreffen wurde über die Auswirkungen des Kriegs vor Ort sowie über die Diplomatie in Washington, Jerusalem, Kairo, Amman und Damaskus debattiert. Die Lektionen, die wir über die Wirkung frühzeitiger und wiederholter Verbreitung von Informationen gelernt haben, sollten uns in den kommenden Jahren und Jahrzehnten gute Dienste leisten.6
Den Sitzungen des Nahostausschusses wohnen auch prominente Vordenker des amerikanischen Neokonservatismus bei, etwa der Sozialwissenschaftler Irving Kristol, der als Ideengeber fungiert, sowie der Soziologe und Politikwissenschaftler Seymour Martin Lipset.7 Weitere Teilnehmer sind der Journalist und Diplomat Uri Ra’anan, der nach mehreren Jahren als Hasbara-Beauftragter im israelischen diplomatischen Dienst in den USA mittlerweile Politikwissenschaft an der Universität Tufts bei Boston lehrt, sowie der Wirtschaftswissenschaftler und zionistische Aktivist Arnold Soloway, der seit längerem publizistisch aktiv ist. Im April 1974 beginnt der Ausschuss in Boston eine Reihe von Berichten zur Nahostpolitik zu veröffentlichen, deren Start von der US-Nachrichtenagentur Jewish Telegraphic Agency angekündigt wird. Sie sorgt für die überregionale wie internationale Verbreitung des heiklen Inhalts des ersten Analysepapiers. Dieser Text übt heftige Kritik an Henry Kissingers diplomatischen Versuchen, zwischen Israel und Ägypten zu vermitteln, die in den kommenden Jahren zum Friedensschluss zwischen beiden Ländern führen werden. Die Diplomatie des US-Außenministers habe die Araber »keineswegs mit der Existenz Israels versöhnt, sondern ihren Glauben an die endgültige Zerstörung Israels gestärkt«.8
Netanjahus Vater Benzion, der mittlerweile an der Cornell University in Ithaca im US-Bundesstaat New York jüdische Geschichte lehrt, teilt die Positionen dieses Papiers. Er bekommt es zu lesen, als er den Sohn in Boston besucht, wo im April ein Treffen mit einigen Mitgliedern des Nahostausschusses stattfindet – darunter Arnold Soloway und Uri Ra’anan, den er aus Israel kennt.9 Netanjahu senior zeigt sich schon länger besorgt über die US-amerikanische Israelpolitik. Im November 1973 klagt er in einem Brief an seinen Jerusalemer Freund Schmuel Tamir, Likud-Abgeordneter in der Knesset und ehemaliger Irgun-Kommandant, über das »isolationistische, defätistische Amerika« unter der Regierung von Präsident Richard Nixon. In seinen Augen stellt dies eine existenzielle Gefahr für den Staat Israel dar und er plädiert eindringlich für eine neue Praxis der israelischen Regierung: »Man muss hier sofort passende Propaganda anfangen, passend vom Gesichtspunkt des Umfangs aus, des Stils, der Argumente und der Führung […] kurz gesagt, einer Propaganda, die Stoßkraft hat.«10
Ein solches Vorgehen hielt Benzion Netanjahu schon für geboten, während er in den 1940er Jahren für die Revisionisten-Bewegung Lobbyarbeit in den USA betrieb. Als er ein Jahr nach der Staatsgründung zwischenzeitlich nach Israel zurückkehrt, trägt er diese Idee 1956 dem Staatsgründer und damaligen Ministerpräsidenten David Ben Gurion bei einem persönlichen Treffen vor. Benzion Netanjahu, ein geachteter Gelehrter und Mitherausgeber der angesehenen Encyclopaedia Hebraica, versucht ihm zu vermitteln, dass der israelische Hasbara-Apparat in den USA zu ineffektiv sei, und bietet ihm seine Dienste an.
Der Premier notiert in sein Tagebuch, Netanjahu werde sich für ein Jahr von der Arbeit an der Enzyklopädie beurlauben lassen und an einer amerikanischen Universität Geschichte lehren. Da aus seiner Sicht die jüdisch-amerikanischen Zionisten eine zu geringe Wirkung erzielten, wolle er in den USA ein nichtjüdisches Netzwerk aus wichtigen Schriftstellern, Journalisten und Senatoren aufbauen. Ausdrückliche Feinde Israels sollten ebenfalls angesprochen und möglichst überzeugt werden. Dass diese Agitatorengruppe mit dem Staat Israel in Kontakt stehe, müsse verschleiert werden. Sie sei dem Ministerpräsidenten direkt zu unterstellen und ihre Arbeit habe der offiziellen Staatslinie zu folgen.
Die Kosten für das erste halbe Jahr ihrer Aktivität schätzt Netanjahu damals auf rund eine Viertelmillion Dollar. Um die weitere Finanzierung wolle er sich in den USA kümmern. Wenngleich der Ministerpräsident der Ansicht ist, dass auf dem Gebiet bereits viel geleistet worden sei, räumt er gegenüber Netanjahu ein, dass die Aktivitäten durchaus verstärkt werden könnten, und verspricht, ihm innerhalb einer Woche zu antworten.11 Offenbar wird daraus nichts, ein erneuter Versuch Netanjahus im Jahr 1968, Ben Gurions Unterstützung für den Kampf gegen anti-israelische Propaganda zu gewinnen, scheitert ebenfalls.12
Der Jom-Kippur-Krieg hat seine Bemühungen nur vorläufig unterbrochen. Im Frühjahr 1974 scheint Benzion Netanjahu einen neuen Anlauf zu nehmen und wendet sich an Reuben Hecht. Der in der Küstenstadt Haifa ansässige einflussreiche Unternehmer, Mäzen und Verleger war einer der Irgun-Mitbegründer, ist nun Likud-Mitglied und ein umtriebiger politischer Aktivist, der ebenfalls Israel in Gefahr sieht. Netanjahu macht ihn mit Soloway bekannt, der im Mai 1974 nach Haifa kommt und dort von Hecht eine Liste mit Kontaktpersonen in den USA ausgehändigt bekommt, die bei der Verfolgung des gemeinsamen Ziels weiterhelfen könnten.13
In diese Zeit fällt auch der erste dokumentierte öffentliche Auftritt des ambitionierten Studenten Benjamin Netanjahu in Boston. Er findet im Rahmen einer dreitägigen Gesprächsreihe statt, die von der zionistischen US-amerikanischen Frauenorganisation Hadassah Anfang Mai 1974 veranstaltet wird. Er debattiert mit dem sowjetischen Dissidenten Yuri Glazow und der führenden Hadassah-Funktionärin George Rossyn über »zionistische und amerikanische Fragen«.14
Im Juli reist Netanjahu senior mit seinem Sohn und dessen Ehefrau nach Israel, wo sie Reuben Hecht in Haifa aufsuchen, der ein gemeinsames Treffen mit dem Likud-Mitbegründer und Knesset-Abgeordneten Ariel Scharon in Tel Aviv organisiert.15 Netanjahu junior stattet, offensichtlich im Auftrag des Vaters, Hecht im August nochmal einen Besuch ab. Erörtert wird unter anderem Netanjahus Absicht, für die israelische Presse einen Artikel mit dem Titel »Wie kann Israels Existenz gesichert werden?« zu schreiben und eine Broschüre über die israelisch-amerikanischen Beziehungen zu verfassen.16
Hecht verweist ihn an einen Freund – den Anwalt Arnold Forster, führendes Mitglied der Anti-Defamation League, der im israelischen Staatsfernsehen die US-Politik gegenüber Israel in aller Schärfe kritisiert hat. Zudem teilt ihm Hecht mit, dass in maßgeblichen Likud-Kreisen die Entsendung einer israelischen »Delegation« in die USA für immer dringlicher gehalten werde. Es müsse verhindert werden, dass der nach dem Rücktritt von Präsident Richard Nixon seit dem 9. August amtierende Nachfolger Gerald Ford zu stark unter den Einfluss Kissingers gerate.17 Außerdem habe man darüber nachgedacht, ein »Propaganda-Büro in Washington« einzurichten, das »zu möglichst vielen amerikanischen öffentlichen Personen, Zeitungsredakteuren, Kongressabgeordneten etc. ständigen Kontakt halten« solle.18
Ein Brief Benjamin Netanjahus an Reuben Hecht zeugt davon, dass er in die Pläne seines Vaters und dessen Mitstreiters einbezogen wurde und darüber hinaus eigene Ambitionen hegte. Das Schreiben gewährt einen Einblick in die Gedankenwelt des ehrgeizigen Studenten und seine politischen Ansichten, die für den Verlauf seiner Karriere prägend sein werden. Wie der Vater ist der Sohn der Auffassung, dass Israels Lage »von Tag zu Tag prekärer« werde, und er schreibt:
Ich zweifle nicht daran, dass unsere Regierung den arabischen Forderungen – wie von Kissinger vorgeschlagen – nachgeben und die meisten oder alle [seit 1967 besetzten] Gebiete zurückgeben wird. Von diesem Zeitpunkt an wird das Überleben Israels zu einer höchst prekären Angelegenheit.19
Er geht davon aus, dass die israelische Regierung eine Informationskampagne starten wird, »um der Öffentlichkeit zu versichern, dass ›Verhandlungen mit den Palästinensern die einzige Chance sind, einen Krieg zu vermeiden‹«.20 Für unabdingbar hält er auch
eine ständige Organisation oder Delegation, die etwa zwanzig einflussreiche Amerikaner von den Gefahren zu überzeugen versucht, die Kissingers Politik für die USA birgt. Diese Amerikaner müssen auf nationaler und internationaler Ebene bekannt sein. Sie sollten als maßgebliche und profilierte Basis dienen, von der aus wir die Unterstützung für uns verstärken und schließlich Entscheidungsgremien wie den Kongress, den Senat und die Präsidentschaft beeinflussen könnten.21
Es sind große Pläne, die man als Hinweis auf Benjamin Netanjahus künftige Ambitionen auf eine diplomatische und politische Karriere lesen kann. Dabei beschränkt er sich nicht auf die USA, vielmehr wolle man auch die israelische Staatsspitze zum Umdenken bewegen. Gelänge es Hecht, Treffen mit Ministerpräsident Itzchak Rabin oder Verteidigungsminister Schimon Peres zu arrangieren, wäre es dem Vater bestimmt möglich, »ihr Denken wesentlich [zu] beeinflussen«. Diese Männer seien »verwirrt« und müssten »dringend eine kohärente Politik« betreiben, damit der Staat »geopolitisch überlebt«. Es sei aber wesentlich einfacher, in Amerika Termine mit Senatoren auszumachen, als ein Gespräch mit einem drittklassigen Regierungsbeamten in Israel zu verabreden. Für sich und seinen Vater sieht er deshalb eher die USA als geeignetes Betätigungsfeld.
Da er den Likud für unfähig hält, »seine Denkgewohnheiten« zu ändern,22 ergreift er selbst die Initiative:
Aus all diesen Gründen, vor allem aber, weil Zeit so kostbar ist, haben wir beschlossen, dass wir jetzt allein anfangen müssen. ›WIR‹ bezieht sich auf einen kleinen Kreis von Israelis an der MIT, die meine Sicht teilen. Ich habe bereits ein Treffen mit einem wichtigen Zeitungsverleger für nächste Woche vereinbart. Wir hoffen, dass sich mit diesem und einigen anderen Treffen die Türen zu mächtigeren und wohlhabenderen Amerikanern für uns öffnen, die hoffentlich Verständnis für unser gemeinsames Interesse haben werden. Natürlich wäre unsere Aufgabe unendlich viel einfacher, wenn wir die offizielle Unterstützung des Likud hätten. Viel mehr Türen würden sich öffnen, wenn wir als Vertreter der Koalition der Oppositionsparteien in Israel kämen.23
Reuben Hecht steht ebenfalls auf dem Standpunkt, dass der Versuch, ein Treffen mit führenden israelischen Politikern zu arrangieren, nicht der Mühe wert sei, da Ministerpräsident Rabin zunehmend unter Kissingers Einfluss stehe. Hecht befürchtet gar einen neuen Krieg und rät, sich auf die Beeinflussung prominenter amerikanischer Politiker und Journalisten sowie der Öffentlichkeit zu konzentrieren.24
Einige Wochen später schickt Benjamin Netanjahu ihm einen Artikel über die von Jassir Arafat geführte Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO), den er gemeinsam mit Joseph Riemer in einer lokalen jüdischen Zeitung in Boston veröffentlicht hat. Der Text befasst sich unter anderem mit den Verbindungen der PLO zur Sowjetunion – ein Thema, das Netanjahu in den nächsten Jahren immer wieder beschäftigen wird.25
Trotz seines intensiven Studiums, das er durch eine extreme Verdichtung des Lernpensums in der Hälfte der üblichen Zeit absolvieren will, ist Benjamin Netanjahu im Winter 1974/75 als rechter israelischer Aktivist äußerst umtriebig: Neben dem Schreiben von Artikeln hält er in Boston und Umgebung viele Vorträge. In der lokalen jüdischen Presse, die ihn häufig mit dem Titel »Captain« schmückt, figuriert er als »Benjamin Nitay«, der in seinem amerikanischen Pass eingetragene Name, oder »Ben Nitay«, ein früheres Pseudonym seines Vaters, daneben als »Sabra« (in Israel geborener Jude) oder als »in Jerusalem Geborener«.26 Auf Pressefotos posiert der gutaussehende Student mit lässig aufgeknöpftem Hemd.27 All das scheint bei seinem Publikum gut anzukommen. Inhalt und Ton seiner Vorträge lässt der Titel eines Abends im November 1974 im Zionist House in Boston erahnen: »Der Nahe Osten ohne Israel?«28
Dass er immer mehr öffentliche Auftritte hat, verdankt sich schnell wachsender Beziehungen zu Funktionären jüdischer Organisationen. Vermutlich dank der Vermittlung Arnold Soloways leitet Netanjahu von Oktober 1975 bis Januar 1976 eine wöchentliche Vortragsreihe zum Nahen Osten am angesehenen Hebrew College im Newton Centre, wo er selbst mehrmals referiert. Er wird dort als »Sozialwissenschaftler« vorgestellt. Zu den Themen der rund ein Dutzend Vorträge gehören unter anderem »Die Rolle der Geopolitik im Nahen Osten«, »Die palästinensischen Araber und die PLO«, »Aktuelle Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven: Überblick und Kritik der israelischen Presse und Vergleich zur amerikanischen Presse« und »Lage der Juden in der Sowjetunion und in arabischen Ländern«.29
Am 2. Juni 1975 treffen sich Vater und Sohn Netanjahu erneut mit Hecht. Eine Zusammenfassung des Gesprächs aus dessen Nachlass belegt, dass die drei weiterhin den Plan verfolgen, ein Büro in Washington einzurichten. Außerdem will sich der mit Benzion Netanjahu bekannte Rechtswissenschaftler Eugene Rostow – in den Jahren 1966 bis 1969 war er Staatssekretär für politische Angelegenheiten im US-Außenministerium – um Unterstützer bemühen. Netanjahu junior bittet Hecht, ihm ein Gespräch mit Gerschon Schocken, dem Herausgeber der israelischen Zeitung Haaretz, und eines mit dem Likud-Mitbegründer Ariel Scharon zu vermitteln.30
Hechts Bemühungen haben diesmal Erfolg, die Treffen mit Schocken und Scharon finden tatsächlich statt. Benjamin Netanjahu versucht die beiden von der Notwendigkeit der Öffentlichkeitsarbeit pro-israelischer Gruppen in den USA zu überzeugen. Der Haaretz-Herausgeber ist bereit, Netanjahus Vater und Mitstreiter zu treffen. Ariel Scharon zeigt seine Bereitschaft, bei Ministerpräsident Rabin dafür zu werben, von dem er just am Tag vor der protokollierten Zusammenkunft zum Berater ernannt wurde.31 In dem Draht zu Scharon sieht Benjamin Netanjahu eine »unschätzbare Chance«, die Politik der israelischen Regierung zu beeinflussen.32
Als er mit Hecht drei Monate später das nächste Mal korrespondiert, macht Benjamin Netanjahu indes seiner Enttäuschung Luft, dass er und sein Vater nichts mehr von Scharon gehört hätten. Netanjahu beklagt, dass Scharon nicht begriffen habe, wie komplex politische Aktivitäten für Israel in den USA seien, und dass er scheitern werde, wenn er die Öffentlichkeitsarbeit wie angekündigt im Alleingang betreiben wolle. Was in dem Brief darüber hinaus noch steht, liest sich wie eine politische Blaupause für das, wofür sich Netanjahu später als oppositioneller Likud-Chef und als Ministerpräsident einsetzen wird:
Es ist nun klar, dass der jüngsten Kapitulation auf dem Sinai [israelisch-ägyptisches Interimsabkommen vom 4. September 1975, dem ein Teilabzug Israels folgte] weitere solche Akte folgen werden, der nächste auf den Golanhöhen. Solange diese Regierung an der Macht bleibt und solange sie nicht durch eine starke Öffentlichkeit in Israel herausgefordert wird, wird sie Israel weiterhin auf einen Kurs der Kapitulation und des vergeblichen Appeasements […] zu seiner endgültigen Vernichtung führen.33
Zu dieser Zeit demonstriert die militante Bewegung Gusch Emunim gegen Kissinger und für die Errichtung einer ersten Siedlung in der Nähe der Stadt Nablus. Laut Netanjahu seien es
gute Leute, aber sie brauchen eine Menge politische Lenkung. Letztlich müssen sie aus der Schablone einer religiösen Minderheit ausbrechen und die Unterstützung der passiven Mainstream-Öffentlichkeit gewinnen. Sie müssen umgehend versuchen, eine breite Koalition aus allen aktiven und potenziell aktiven Gruppen zu bilden, die sich der Kapitulationspolitik der Regierung entgegenstellt. Gleichwohl ist »Gusch Emunim« im Moment das einzige lebendige und gesunde Element in einem Volk, das widerstandslos seinen Hals zur Schlachtung hinhält.34
Dem Schreiben legt Benjamin Netanjahu einen Artikel über Minderheiten in den arabischen Ländern bei, den er unter anderem mit seinem Kommilitonen Joseph Riemer verfasst habe.35 Der mit »Die arabische Gesellschaft und der arabisch-israelische Konflikt. Ein Niederschlag« überschriebene Text wirft nicht nur ein weiteres Schlaglicht auf Netanjahus politische Ansichten und seinen rhetorischen Stil, sondern nimmt auch einen späteren Diskurs vorweg. »Großes und ungenutztes propagandistisches Potenzial« berge diese Thematik der unterdrückten Minderheiten.36 Gleich eingangs wird vor dem Panarabismus gewarnt, der zunehmend an Einfluss gewinne und bestrebt sei, das »einst große panarabische Imperium« wiederzuerrichten, das sich »vom Atlantischen bis zum Indischen Ozean« erstrecke.37
Diese Einschätzung ist bereits damals geschichtlich überholt. Als internationale Form des säkularen arabischen Nationalismus strebte seit den 1950er Jahren der Panarabismus die politische und wirtschaftliche Einheit aller Araber an. Doch schon im darauffolgenden Jahrzehnt und insbesondere nach der Niederlage der arabischen Armeen im Krieg von 1967 gegen Israel setzte der Niedergang dieser Ideologie ein, den der erneute israelische Sieg im Jom-Kippur-Krieg weiter beschleunigte.38 Die von den Autoren unternommene Projektion des modernen Terminus Panarabismus auf die vormoderne Geschichte der Region ist ebenfalls anachronistisch. Das hindert sie nicht daran, die panarabische »imperiale Eroberung« auf die islamische Religion und ihr Konzept des Dschihad, des Heiligen Kriegs, zurückzuführen, das »den Islam als einen kämpferischen expansionistischen Glauben« charakterisiere.39
Die Anführer der arabischen Welt, wird diese Gedankenlinie fortgeführt, propagierten den Traum von einem vereinigten arabischen Reich. Dies habe zur Unterdrückung oder Vernichtung nicht-arabischer Minderheiten in der Region wie Kurden, Assyrer, Drusen, Berber und auch Christen und Juden geführt. Sich als Minorität gegen die in dem Artikel als religiöse und expansionshungrige Fanatiker beschriebenen Araber zu erheben, sei im Nahen Osten allein den Juden gelungen. Ihr Staat sei von Anfang an konfrontiert gewesen mit den Versuchen, ihn zu zerstören; seine Vernichtung sei nach wie vor das Ziel der arabischen Staaten. Während Israel diesen Angriffen durch militärische Stärke und innere Festigkeit trotze, verbuchten die Araber Erfolge auf dem Gebiet der Propaganda. So seien zwei ihrer Forderungen an den Westen, den sie mit ihrem Ölembargo und Terrorismus immer mehr unter Druck setzten, zunehmend Gegenstand der Nahost-Berichterstattung: die Rückgabe besetzter arabischer Gebiete und die Wiederherstellung der Rechte der Palästinenser. Das Problem der palästinensischen Araber werde als das Hindernis schlechthin für einen Frieden im Nahen Osten betrachtet, während der Kern des Problems, die arabische Weigerung, Israel als souveränen Staat anzuerkennen, selten Erwähnung finde.40
Dieser Argumentationslinie schließt sich der folgende Abriss über die Verfolgungsgeschichte der Minderheiten in den arabischen Ländern an. Er umfasst die Herrschaft des Islam ebenso wie die moderne Zeit; den Juden ist dabei ein gesonderter Abschnitt gewidmet.41 Netanjahu und Riemer beschreiben den arabisch-israelischen Konflikt als eine Facette der fortwährenden Unterdrückung der Minoritäten durch fremdenfeindliche und aggressive Araber. Der israelische »Präventivschlag« von Juni 1967 wird als notwendig gerechtfertigt. Mit ihrer Forderung, die besetzten Gebiete zu räumen, bezweckten die Araber nichts anderes, als Israel in »nicht verteidigungsfähige Grenzen« zurückzudrängen und das Land so in die Vernichtung zu treiben.42
Der Aufsatz liegt im Israelischen Staatsarchiv als offizielle Hasbara-Publikation des Außenministeriums. Dass er den Weg in die amtliche Informationspolitik des Staates Israel fand, hat eine Vorgeschichte. Als sie mit ihrem Aktivismus beginnen, gehen Netanjahu und seine Mitstreiter davon aus, vom israelischen Konsulat in Boston unterstützt zu werden, umso mehr, als die Rekrutierung jüdischer und israelischer Studenten im Ausland für den Hasbara-Apparat damals Routine ist.43 Trotz aller Bemühungen wird ihnen dies aber von Schimschon Inbal, dem israelischen Generalkonsul, verwehrt. Der Grund dafür wird erst viereinhalb Jahrzehnte später bekannt, als die israelische Diplomatin Colette Avital, die im Herbst 1975 in Boston ihr Amt als Konsulin antrat, 2021 ihre Autobiografie veröffentlicht. Sie berichtet, wie Inbal ihr bei der Einführung erklärte, dass zwei Kategorien von Karteikarten mit Angaben zu Kontaktpersonen in der Bostoner Gegend angelegt seien: weiße für bevorzugte Ansprechpartner, blaue für unerwünschte Personen, die gemieden werden sollten. Die Karte mit dem Namen des Architekturstudenten Benjamin Nitay war blau.44
Offensichtlich sind in damaligen Diplomatenkreisen Netanjahus rechte politische Ansichten und sein revisionistischer Familienhintergrund bekannt, zumal ihn bei seinen Vorträgen gelegentlich der Vater begleitet,45 der auch selbst das Wort ergreift und den alarmistischen und regierungskritischen Diskurs des Sohnes befeuert. Kissingers Friedensbemühungen stilisieren beide Netanjahus zu einer existenziellen Gefahr für Israel, das kurz vor seiner Vernichtung stehe, und das sei zugleich das oberste Ziel der Sowjetunion im Nahen Osten. In aktuellen Friedensvorschlägen sieht der Vater »keine Lösungen«, sondern »Versuche, uns zu schwächen und uns auf die Schlachtung vorzubereiten«.46
Der Student will sich mit der ablehnenden Haltung des Konsulats zu seinen Aktivitäten nicht abfinden. Im Februar 1976 startet er einen erneuten Versuch. Um diese Zeit besucht der israelische Diplomat Mosche Yegar das Bostoner Konsulat, wo der Student um einen Gesprächstermin mit ihm ersucht. Yegar ist seit Oktober 1974 Direktor der Hasbara-Abteilung des israelischen Außenministeriums und steht revisionistischen Kreisen nahe.47 Fast fünf Jahrzehnte später wird ihn Netanjahu als Ministerpräsident in einer öffentlichen Rede als »meinen Freund« bezeichnen.48
Nach eigenem Bekunden verschafft Colette Avital Netanjahu einen Termin mit Yegar im Bostoner Konsulat.49 Als sie ihn bei dieser Gelegenheit kennenlernt, wirkt er auf sie »äußerst charmant und sachlich«.50 Er sei damals, erinnert sie sich 1998 in einem Fernsehinterview, rhetorisch gewandt aufgetreten, habe Englisch perfekt beherrscht und ein Talent dafür gehabt, Israels Position zu erklären. Sie habe anschließend in Boston dafür gesorgt, dass er für seine Referententätigkeit 25 Dollar pro Auftritt erhalte.51 Yegar zieht aus seinem Besuch in den USA den Schluss, dass die Öffentlichkeitsarbeit des israelischen Staates »aggressiver« werden müsse.52 Der zielstrebige Student Netanjahu scheint in dieses Konzept zu passen. Sein mit Riemer verfasster Artikel wird nur wenige Wochen später von der Hasbara-Abteilung des israelischen Außenministeriums verbreitet.53
Am 25. Januar 1976 hält Netanjahu am Hebrew College einen Vortrag zu diesem Thema. Es ist einer der letzten öffentlich dokumentierten Auftritte Netanjahus als Student.54 Das Vorhaben, ein Büro in Washington einzurichten und prominente amerikanische Meinungsmacher für die Sache Israels zu gewinnen, scheinen er und sein Vater erst einmal nicht weiter zu verfolgen.55 Der 26-Jährige, der nach Abschluss seines Bachelor of Arts in Architektur an der MIT an der dortigen Sloan School of Management studiert, legt im Mai 1976 unter dem Namen Benjamin Nitay zusammen mit einem israelischen Kommilitonen stattdessen seine Abschlussarbeit »Computerisierung im Pressewesen« vor.56
Die im Internet frei zugängliche Arbeit spiegelt sein Interesse an den Mechanismen der öffentlichen Meinungsbildung. Sie gibt zunächst einen Überblick über die Geschichte des Printpressewesens in den USA und unterstreicht dessen wachsende politische Bedeutung. Die »Hegemonie« des Pressewesens sei aber gebrochen worden infolge technischer Entwicklungen, die das Aufkommen von Massenmedien wie Radio und Fernsehen ermöglicht hätten. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts habe das Pressewesen den neuen Herausforderungen nichts entgegenzusetzen gehabt. Dies ändere sich nun mit der Einführung von EDV-Systemen in den Pressehäusern, die die Zeitungsherstellung auf so gut wie allen Ebenen beeinflusse. Besonderes Augenmerk richten die beiden Verfasser auf die wachsenden elektronischen Datenbanken in den Pressehäusern. Die politischen Implikationen dieser Entwicklung halten sie für unterschätzt. So heißt es im Fazit ihrer Arbeit:
Die Computerisierung kann die politische Macht der Zeitungen stärken, indem sie sie mit Datenbanken und der Fähigkeit ausstattet, sachdienliche Informationen zu Themen oder Personen zu sammeln und sie sehr schnell zu verbreiten.57
Mit dem Jonathan Institute und einer internationalen Terrorismuskonferenz verfolgen die Netanjahus große Ziele
Nach Abschluss seines Zweitstudiums erhält Benjamin Netanjahu im Sommer 1976 unter seinem amerikanischen Namen eine Anstellung als Unternehmensberater bei der bekannten Boston Consulting Group.1 Bald wird sein Start ins Berufsleben von einem Ereignis überschattet und unterbrochen. Sein älterer Bruder und großes Vorbild Jonathan (Joni) kommt am 4. Juli im ugandischen Entebbe bei der international Aufsehen erregenden militärischen Befreiungsaktion des von palästinensischen und deutschen Terroristen entführten und mit vielen israelischen Passagieren besetzten Air-France-Flugzeugs ums Leben – als Einziger der an der Operation beteiligten israelischen Spezialkräfte. Der Offizier wird mit einem Staatsbegräbnis in Jerusalem auf dem Herzl-Berg beigesetzt, dem neben Staatspräsident Ephraim Katzir und Ministerpräsident Itzchak Rabin etliche weitere Regierungsmitglieder beiwohnen. Schimon Peres, der die Entebbe-Operation als Verteidigungsminister verantwortet hat, hält die Grabrede.
Besondere Aufmerksamkeit wird dem Trauernden Benjamin Netanjahu nach der Beisetzungszeremonie durch die Publikation der Briefe zuteil, die sein Bruder ihm als Student aus Harvard geschrieben hatte. Die Familie stellt sie dem Journalisten Uri Dan zur Verfügung, der in einem ganzseitigen Porträt des Elitesoldaten daraus zitiert, das drei Wochen später in der rechtskonservativen Zeitung Maariv erscheint. Schon Mitte Juli hat er in Israel eine Monografie über die Entebbe-Operation veröffentlicht.2 Sie dient William Stevenson als Grundlage zu dem Buch 90 Minutes at Entebbe, das in den USA mit einer Startauflage von 330 000 Exemplaren auf den Markt kommt.3 Kurz darauf gibt der Ullstein Verlag die deutsche Übersetzung heraus.
Die in Maariv publizierten Briefe tragen dazu bei, dass um Jonathan Netanjahu ein Heldenkult entsteht. Sie führen zur Glorifizierung der gesamten Familie als eine besonders patriotische – vom Vater bis zu den drei Söhnen, die alle in der gleichen Eliteeinheit gedient haben. Der Beitrag in Maariv erwähnt auch einen Brief Jonathan Netanjahus an den jüngeren Bruder im März 1968, in dem dieser sich darüber ereifert, dass Israel nicht entschieden genug gegen den palästinensischen Terror vorgehe. Terroranschläge palästinensischer Kampforganisationen gegen israelische Ziele hatten in den späten 1960er Jahren zugenommen. Die von Jassir Arafat und Mitstreitern 1959 gegründete Palästinensische Nationale Befreiungsbewegung (Fatah) beanspruchte dabei die Führung. Die israelische Armee verübte gegen sie regelmäßig Vergeltungsschläge, an denen die Brüder Netanjahu beteiligt waren. Benjamin Netanjahu hatte im März 1968 an dem israelischen Angriff auf eine Basis der Fatah in dem jordanischen Ort Karameh teilgenommen und danach dem Bruder Jonathan davon berichtet, der damals in den USA studierte. An der Heftigkeit der Vergeltungsaktion, bei der außer mehr als 100 Fatah-Mitgliedern zahlreiche jordanische und israelische Soldaten umkamen, wurde im In- und Ausland Kritik geübt. Jonathan Netanjahu fand sie unangebracht: »Das ganze leere Gerede über die Fatah nervt mich. Mir scheint, dass der zivile Sektor in Israel im Hinblick auf Antworten auf Terroranschläge, auch militärischer Art, müde geworden ist.« Er selbst sei, wie alle israelischen Soldaten, ein weit besserer Kämpfer als die »kleinen Terroristen«, erklärt der Harvard-Student, und er wolle bald nach Israel zurückkehren, um diesen Kampf aufzunehmen.4
In den Monaten nach der Geiselbefreiung in Entebbe wird mit verschiedenen Aktionen an den heldenhaften Elitesoldaten und die »Operation Jonathan« öffentlich erinnert, wie sie auf Initiative von Verteidigungsminister Schimon Peres5 in Israel inzwischen genannt wird. So wird auf dem Campus der Hebräischen Universität in Jerusalem eine Gedenktafel aufgestellt;6 Straßen, Plätze und Schulen werden nach ihm benannt.7 Im Januar 1977 überreicht Peres der Familie eine Gedenkmedaille.8 In den USA wird der dort geborene Jonathan Netanjahu sowohl als israelischer wie amerikanischer Held verehrt. Die Universität Cornell, wo sein Vater lehrt, ruft eine nach ihm benannte Stiftung für jüdische Studien ins Leben und startet zu ihrer Finanzierung eine Spendenkampagne.9 Bereits im Dezember 1976 wird der mit Hollywoodstars besetzte Fernsehfilm Victory at Entebbe (deutscher Titel: Unternehmen Entebbe) über die Geiselbefreiung ausgestrahlt, einen Monat später folgt ein zweiter, Raid on Entebbe (deutscher Titel: … die keine Gnade kennen). Beide werden auf Initiative prominenter US-amerikanischer Produzenten gedreht, die in engem Kontakt zu den israelischen Behörden stehen.10
Als Benjamin Netanjahu im August 1976 anlässlich des Jerusalembesuchs einer Delegation der philanthropischen Organisation United Jewish Appeal (UJA), die in den USA Spenden für Israel sammelt, im Hilton-Hotel eine Rede zum Gedenken an seinen Bruder hält, erntet er enthusiastischen Beifall.11 In der Ansprache macht sich Netanjahu zur Stimme seines Bruders und preist Entebbe als Sieg über das Böse, worüber neben der israelischen auch die jüdische englisch- und jiddischsprachige Presse in den USA berichtet.12 Wenig später gründet die Familie Netanjahu das Jonathan Institute in Jerusalem.
Die sich im Aufbau befindliche Einrichtung wird Themen erforschen, die Jonathan Netanjahu am Herzen lagen: Pflege des jüdischen und zionistischen Bewusstseins, Vertiefung der Kenntnisse über jüdische Geschichte und Stärkung der Kontakte zur jüdischen Diaspora. Besonders sendungsbewusst mutet das Ziel »Förderung der Anerkennung der Bedeutung Israels für den Schutz der freien Welt« an. Für den Beirat kann die Familie außer Staatspräsident Katzir als Ehrenvorsitzenden und der früheren Ministerpräsidentin Golda Meir als Vorsitzende Rabin und Peres sowie weitere Spitzenpolitiker gewinnen – darunter den einstigen Irgun-Anführer und Likud-Chef Menachem Begin, der im Juni 1977 Rabin als Ministerpräsident ablösen wird,13 sowie Ariel Scharon, den Begin zum Landwirtschaftsminister ernennen wird. Es ist wohl Peres zu verdanken, dass das Institut einen großzügigen Zuschuss vom israelischen Verteidigungsministerium erhält.14 Es unterstützt die Produktion des israelischen Spielfilms Operation Jonathan (englischer Titel: Operation Thunderbolt), dessen Premiere in Tel Aviv im März 1977 Staatspräsident Katzir und Ministerpräsident Rabin beiwohnen – die Einnahmen fließen dem Institut zu.15 Zum ersten Jahrestag halten Peres und Begin bei einer Gedenkveranstaltung auf dem Herzl-Berg Ansprachen.16
Im Sommer 1977 ist die Familie Netanjahu hauptsächlich mit der Etablierung des Jonathan Institute befasst. Am 28. Mai – knapp zwei Wochen zuvor hat der Likud-Block unter Begin einen historischen Wahlsieg errungen – trifft Benjamin Netanjahu zudem erneut Ariel Scharon, der das Gespräch auf Notizzetteln zusammenfasst. Sie sind im Israelischen Staatsarchiv aufbewahrt und dokumentieren, wie Netanjahu einmal mehr die Vernachlässigung Israels durch die USA beklagt. Er echauffiert sich darüber, dass die Regierung Carter versuche, mit den arabischen Ländern sowie der Sowjetunion und der »Dritten Welt« zu einem Modus Vivendi zu kommen. Nicht weniger treibt ihn die in der amerikanischen Öffentlichkeit mittlerweile verbreitete Auffassung um, die arabische Welt sei gemäßigt und strebe Frieden an. Außenpolitisch müsse Israel deshalb die Einflussnahme auf die öffentliche Meinung in den USA zu einer zentralen Aufgabe machen, und zwar nicht nur über die Botschaft. Darüber hinaus solle ein spezieller Hasbara-Beauftragter ernannt werden – »Netanjahu (?)«, notiert Scharon hierzu. Zudem solle eine Task-Force aus den allerbesten Leuten gebildet werden, für die Netanjahu seinen Mitstreiter aus der Bostoner Studienzeit Uzi Landau empfiehlt.
Scharons Notizen zufolge schlägt Netanjahu sechs Maximen und Argumentationslinien für diese Hasbara-Task-Force vor:
a) Keine Nation und keine Regierung wird Schritte unternehmen, die ihre eigene Zukunft gefährden; b) die ablehnende arabische Haltung gegenüber Israel seit 1948 ist mit arabischen Verlautbarungen und Taten zu illustrieren; c) Israels Sache muss als eine moralische vermittelt werden – eine Supermacht [Sowjetunion] und die Araber versuchen einen kleinen demokratischen Staat [Israel] zu ersticken;
d) die sowjetische Expansion muss gestoppt und die enge Verbindung der PLO zum Sowjetblock aufgezeigt werden; e) nicht Israel, wie man zu suggerieren versucht, gefährdet den Weltfrieden, sondern die Araber; f) bei Übereinkommen mit den Arabern ist Israels Definition von Frieden anzuwenden.17
Um diese Zeit bringt das Jonathan Institute eine englischsprachige Werbebroschüre mit Grußworten von Ephraim Katzir und Golda Meir heraus. Im Anschluss huldigen Jonathan neben dem berühmten Kriegshelden von 1967 Mosche Dayan auch Schimon Peres und Daniel Inouye, demokratischer US-Senator für den Bundesstaat Hawaii. Abgedruckt ist zudem die erwähnte Rede Benjamin Netanjahus vor der UJA-Delegation. Das Institut hat sich große Ziele gesetzt. Es will laut eigener Darstellung nicht nur jüdisch-zionistische Erziehung betreiben, sondern die umfassende Botschaft aussenden, dass »Israels Existenz, seine Stärke und Sicherheit für das Überleben der freien Welt entscheidend« seien.
Das Institut hat sich außerdem zur Aufgabe gemacht, »die Wurzeln des Terrorismus zu ergründen, der die Welt heute heimsucht« und eine »schnell wachsende Gefahr für das gesamte Gefüge unserer Zivilisation darstellt«. Die Forschungsergebnisse sollen auf einer jährlichen Konferenz vorgestellt werden. Auf Symposien sollen führende Vertreter jüdischer Diaspora-Organisationen, Akademiker und im Bildungswesen Tätige zentrale Fragen diskutieren wie die »Stärkung der Einheit des jüdischen Volkes«, die »Bekämpfung des Antisemitismus« oder die »Stärkung des Engagements der jüngeren Generation von Juden für den Zionismus und Israel«. Das Institut setzt sich darüber hinaus ein weiteres, besonders ambitioniertes Ziel: die Entwicklung eines »Museums für jüdisches Heldentum«, das die jüdische Geschichte von der Antike bis zur »Operation Jonathan« präsentieren soll:
Das wichtigste Mittel zur Verwirklichung des Ziels des Instituts, dem Judentum einen neuen Geist einzuhauchen und der Welt die Rolle Israels im Freiheitskampf durch die Jahrhunderte hindurch vor Augen zu führen, wird das Museum des jüdischen Heldentums sein. Das Museum wird die Heldentaten der Männer und Frauen Israels von den Anfängen der Geschichte des Volkes bis zu den arabisch-israelischen Kriegen und der Operation Jonathan zeigen. Gestützt durch anschauliche historische Zeugnisse und Exponate wird diese visuelle Darstellung der großen Heldentaten der Juden dazu beitragen, das Bild vom jüdischen Volk zurechtzurücken, das lange Zeit in erster Linie von Opfern und Märtyrern geprägt war.
Ergänzend zu Yad Vashem, dem großen Denkmal des jüdischen Märtyrertums, soll das Museum des jüdischen Heldentums die andere Seite des jüdischen Geistes, die sich in den Taten der kämpfenden Helden Israels von den Anfängen bis in unsere Zeit widerspiegelt, für alle sichtbar machen.18
Das Projekt will also den »kämpfenden Juden« ins Zentrum des zionistischen Narrativs rücken. Das von Netanjahu senior geleitete neunköpfige Gründungskomitee versammelt hauptsächlich seine Freunde und politische Mitstreiter, die entweder selbst einen aktivistischen revisionistischen Hintergrund haben oder dem Revisionismus nahestehen. So gehören ihm Reuben Hecht, mittlerweile Berater von Ministerpräsident Begin, und der Rechtsanwalt und frühere Parlamentsabgeordnete der Cherut-Partei Eliyahu Lankin, einstiger Kommandant des Irgun in Haifa, sowie der Unternehmer und Politikwissenschaftler Alexander Rafaeli an, wie Hecht einer der Irgun-Mitbegründer.
Weil weitere finanzielle Zuwendungen benötigt werden, reist Netanjahu junior als geschäftsführender Direktor des Instituts im Herbst 1976 in die USA, um auf Spendensuche zu gehen. Dort genießt er als Bruder des berühmten Entebbe-Helden inzwischen einen gewissen Bekanntheitsgrad, der sich aber vor allem auf amerikanisch-jüdische Milieus beschränkt. Von einem jüdischen Fernsehsender in Boston wird er über die Entebbe-Operation zu Jonathan befragt.19 Als dessen Bruder wird er in Kreisen wohlhabender amerikanischer Juden herumgereicht, von denen ein Teil der finanziellen Unterstützung für die Pflege von Jonathan Netanjahus Andenken kommt.20 Um Mittel für das Jonathan Institute zu akquirieren, wendet sich Benjamin Netanjahu unter anderem an den einflussreichen neokonservativen Anwalt David Ginsburg, dessen Kollegen Michael (Mike) Sanders er im September in Washington trifft.21 In New York ruft Netanjahu den gemeinnützigen Verein »American Friends of the Jonathan Institute« ins Leben, dessen Vorsitzender, der Immobilien-Unternehmer und Investor Jay Zises, ihn auch in späteren Jahren als Politiker finanziell unterstützen wird.22
Vater und Sohn Netanjahu bemühen sich dabei weiterhin darum, politisch Einfluss auf die amerikanische Staatselite zu nehmen. So erhält Eugene Rostow, der ehemalige US-Staatssekretär für politische Angelegenheiten, von ihnen nicht nur Namen von Kontaktpersonen, sondern auch 5 000 Dollar für das anti-sowjetische »Committee on the Present Danger«, das Rostow im November 1976 mitbegründet hat. Es agitiert gegen Kissingers Entspannungspolitik (Détente) gegenüber Moskau und seine Friedensbemühungen im Nahen Osten. Das Komitee bewertet diesen Kurs als existenzielle Gefahr für die USA und warnt die Regierung des Demokraten Jimmy Carter, der im Januar 1977 Präsident wird, davor, Kissingers Friedenskurs weiterzuverfolgen. Unter den Komiteemitgliedern finden sich zwei künftige republikanische US-Präsidenten: Ronald Reagan, der Carter 1981 im Amt ablösen und etliche seiner damaligen Mitstreiter mit Posten in seinem Regierungsapparat versorgen wird, und George H. W. Bush, zunächst Reagans Stellvertreter und ab 1989 sein Amtsnachfolger.23
Zu dieser Zeit beendet Benjamin Netanjahu seine Tätigkeit bei der Bostoner Beratungsfirma. Als Ministerpräsident wird er in seiner offiziellen Vita später angeben, von 1978 bis 1980 das Jonathan Institute geleitet zu haben.24 Er arbeitet mit seinem jüngeren Bruder Iddo zudem an dem Buch »Jonis Briefe«, das im Frühjahr 1978 in Israel auf Hebräisch erscheint. Es wird ein Bestseller und macht »Bibi« als Adressat dieser Briefe noch bekannter.25 Ende 1980 bringt Random House in New York eine englische Übersetzung heraus,26 was auf die Initiative des israelischen Regierungschefs Begin zurückgeht. Der mit Begin befreundete Schriftsteller und Pulitzer-Preisträger Herman Wouk ist bei der Verlagssuche behilflich, übersetzt das Buch und schreibt selbst das Vorwort.27 Er wird von Begin für seinen Einsatz in den höchsten Tönen gelobt.28
In »Jonis Briefe« finden auch die Hasbara-Arbeit von Benjamin Netanjahu in Boston sowie die diesbezüglichen Anstrengungen des Vaters indirekt Erwähnung. So wird in einer Fußnote erläutert: »Die Rede ist von einer Informationskampagne, die Benjamin und seine Freunde in Boston durchgeführt haben, sowie von Gesprächen mit wichtigen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Amerika, an denen auch Professor Netanjahu beteiligt war.«29 Letzterer kann bei Staatspräsident Itzchak Nawon bewirken, dass dieser den israelischen Bildungsminister veranlasst, das Buch als Schullektüre zu empfehlen.30
So etabliert sich das Buch in den folgenden Jahren im Bildungssystem wie auch im Bereich der Militärpädagogik als patriotisches Musterwerk. Besonders im nationalreligiösen Lager in Israel avanciert »Jonis Briefe« zum Kultbuch, die dadurch erzeugte Sympathie für die gesamte Familie wird Benjamin Netanjahu später als Politiker zugutekommen.31 Der nationalreligiöse Politiker Naftali Bennett, sein künftiger langjähriger Koalitionspartner und späterer Herausforderer, wird als Wirtschafts- und als Bildungsminister öffentlich erklären, wie sehr ihn das Werk als Jugendlichen beeinflusste. Inspiriert durch »Jonis Briefe« sei er nicht nur Soldat in der gleichen Eliteeinheit geworden, sondern habe später sogar seinen Sohn nach ihm benannt.32
Für Benzion und Benjamin Netanjahu ist diese Heldenverehrung ein Hebel, um in den USA weitere einflussreiche Unterstützer zu gewinnen und Spenden für das Jonathan Institute zu akquirieren. Um diese Zeit kommt der Kontakt zur »Coalition for a Democratic Majority« zustande, einer weiteren Gruppe pro-israelischer Politiker aus dem konservativen Flügel der Demokraten. Sie besteht seit 1972 und ist ebenfalls anti-sowjetisch geprägt. Zu ihren Mitgliedern zählen neben Rostow, der im Vorstand sitzt, weitere neokonservative Intellektuelle, die gleichzeitig dem »Committee on the Present Danger« angehören. Mit angeführt wird die Koalition von den beiden Senatoren Henry M. Jackson und Daniel Patrick Moynihan, die immer wieder öffentlich für Israel eintreten und gegen die aus ihrer Sicht zu araberfreundliche Politik der Regierung Carter protestieren.33
Die »Coalition for a Democratic Majority« trägt das Ihre zum Gedenken an Jonathan Netanjahu bei. Im Juni 1979 würdigt sie ihn posthum mit einer Auszeichnung, die Benjamin Netanjahu in Washington in Empfang nimmt.34 Im gleichen Monat erscheint in London und New York die Biografie Yoni. Hero of Entebbe: Life of Yonathan Netanyahu,35 die der britische Militärhistoriker Max Hastings im Auftrag der Familie verfasst hat. Dank Verteidigungsminister Schimon Peres hat Hastings, der bei seinen Recherchen in Israel von Benjamin Netanjahu betreut wird, Zugang zu geheimen Akten der Armee erhalten. Ihre Enthüllung führt nicht nur zum Konflikt mit der israelischen Militärzensur, sondern auch mit seinen Auftraggebern. Denn das differenzierte Bild, das der Historiker von Jonathan Netanjahu zeichnet, ist der Familie zu kritisch und sie erzwingt Änderungen im Manuskript.36
Als Hastings im Jahr 2000 seine Autobiografie veröffentlicht, zieht er erneut Benjamin Netanjahus Ärger auf sich. Darin berichtet der Historiker, dass dieser bei einem Abendessen in Jerusalem während seiner Arbeit am Buch gesagt habe: »Im nächsten Krieg haben wir, wenn wir es richtig anstellen, die Chance, alle Araber zu vertreiben […], die Westbank zu räumen, Jerusalem in Ordnung zu bringen«.37 Netanjahu habe ihn deswegen in einem Fernsehinterview einen »Lügner« geschimpft, schreibt Hastings im Oktober 2024 in der Londoner Times.38
Wie er sich öffentlich in den späten 1970er Jahren zur Palästinenserfrage und den Friedensbemühungen positioniert, darüber geben zwei Auftritte Benjamin Netanjahus im US-Fernsehen Auskunft. Im Mai 1978 ist er Gast in dem populären TV-Format »The MacNeil/Lehrer Report« des überregionalen Senders PBS. In der Fernsehrunde geht es um den offenen Brief, in dem zwei Monate zuvor knapp 350 Reservisten der israelischen Armee Ministerpräsident Begin aufgerufen haben, zugunsten von Friedensbemühungen auf die Aufrechterhaltung der Besatzung zu verzichten. Die anhaltende Herrschaft über rund eine Million Araber, sprich die Besetzung der Palästinensergebiete, könne dem jüdisch-demokratischen Charakter des Staates Schaden zufügen.39 Der Brief wird anschließend von fast 20 000 Menschen unterzeichnet, eine Anfang April veranstaltete Demonstration in Tel Aviv mit rund 40 000 Teilnehmern erregt international Aufsehen.40 Es ist die Geburtsstunde der israelischen Organisation Peace Now, die in den nächsten Jahrzehnten zu einem bedeutenden Teil der Friedensbewegung heranwächst.
In der PBS-Diskussion versucht Netanjahu den Einfluss der entstehenden Friedensbewegung zu relativieren und diskreditiert sie als linksextrem. Er stellt sie als unbedeutende Randgruppe dar, die für den israelischen Mainstream keineswegs repräsentativ sei und deren Wirkung bald verpuffen werde. Dass sie von Reserveoffizieren getragen wird, tut er ebenfalls als bedeutungslos ab: Weil jeder Israeli irgendwann in der Armee diene, sei jeder ein Veteran, und es gebe Abertausende Offiziere der Reserve. Unhaltbar für ihn sei, dass versucht werde, den Begriff Frieden politisch zu monopolisieren. Besonders erzürnt ihn die in bestimmten Kreisen laut werdende Forderung nach einem palästinensischen Staat: Für ihn kommt sie einem nationalen Selbstmord gleich.41
Dass er ein nationales Selbstbestimmungsrecht für die Palästinenser kategorisch ablehnt, bringt Netanjahu einen Monat später in einer Talkshow in der PBS-Sendereihe The Advocates unmissverständlich zum Ausdruck. Er geht davon aus, dass es Ziel der PLO sei, Israel zu vernichten. Schließlich hätten die Palästinenser, die sich als Teil der arabischen Nation sähen, schon einen eigenen Staat in Jordanien und benötigten keinen weiteren. »Es gibt kein Recht«, so seine Aussage, »vor meiner Haustür einen zweiten zu errichten, der meine Existenz bedroht«. Die Palästinenser in der Westbank und im Gazastreifen könnten, ob als jordanische oder israelische Staatsangehörige, nach einer Übergangsphase volle Bürgerrechte erhalten, so der 28-Jährige. Damit greift er im Wesentlichen Vorschläge aus dem Autonomieplan der Regierung Begin auf, ohne auf ihn zu verweisen.42
Zu diesem Zeitpunkt verhandeln Israel und Ägypten im Rahmen des angestrebten Friedensabkommens unter Vermittlung der Regierung Jimmy Carter über diesen Plan, der die Gründung eines palästinensischen Staates ausschließt und weder einen Rückzug aus den besetzten Gebieten noch die Aufgabe israelischer Siedlungen vorsieht. Im September 1978 unterzeichnen Begin und der ägyptische Präsident Anwar Sadat das israelisch-ägyptische Camp-David-Abkommen und im März 1979 wird der bilaterale Friedensvertrag abgeschlossen. Der Autonomieplan, der im Abkommen noch explizit anvisiert wurde,43 wird trotz langwieriger Nachverhandlungen schließlich aufgegeben.44
Neben solchen Auftritten und der Arbeit an »Jonis Briefen« ist Benjamin Netanjahu damit beschäftigt, gemeinsam mit Vater und Bruder die erste Tagung des Jonathan Institute vorzubereiten. Sie findet vom 2. bis zum 5. Juli 1979 in einem Jerusalemer Hotel zum Thema »Internationaler Terrorismus« mit rund 700 Besuchern statt. Mehr als 30 Referenten – Politiker, Wissenschaftler und Journalisten – reisen aus dem Ausland an, darunter 16 aus den USA und 18 aus Europa. Von israelischer Seite sind neben Benzion Netanjahu, der die Konferenz leitet, Ministerpräsident Menachem Begin und Oppositionschef Schimon Peres anwesend sowie etwa ein halbes Dutzend Diplomaten. Fast alle US-amerikanischen Gäste kommen aus dem Umfeld der erwähnten neokonservativen Initiativen, so etwa der Senator Henry Jackson und der Ex-CIA-Chef und künftige US-Präsident George H. W. Bush sowie mehrere prominente Publizisten.45 Bei den europäischen Referenten handelt es sich überwiegend um konservative und anti-kommunistische britische Politiker und Publizisten. Ähnlich ausgerichtet sind die deutschen Konferenzteilnehmer: der Hamburger CDU-Politiker und Europa-Abgeordnete Erik Blumenfeld, der Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes Hans Josef Horchem und der ZDF-Journalist Gerhard Löwenthal.
Benzion Netanjahu macht in seiner Eröffnungsrede für den aus seiner Sicht weltweit um sich greifenden Terrorismus nicht nur die Sowjetunion und die arabischen Länder verantwortlich, sondern wirft auch den Vereinten Nationen vor, der »Kampagne der Terroristen« als »Sprungbrett und Beratungsstelle« zu dienen. Der Konferenzvorsitzende erklärt die »internationale Front des Terrorismus« zu einer »Krankheit«, die auf keinen international koordinierten Widerstand treffe, weil sich manch westlicher Staat aus wirtschaftlichen und politischen Interessen zögerlich zeige. Im Gegensatz zu früheren Freiheitskämpfern halte der gegenwärtige Terrorist bei seiner Gewaltausübung keine Grenzen ein. Als gerecht sehe der Terrorist nur an, was für ihn selbst gut sei, so wie – hier zieht der inzwischen emeritierte Professor einen direkten Vergleich zu den Nationalsozialisten – Hermann Göring nur das für gerecht gehalten habe, was für Deutschland gut gewesen sei. In dieser Hinsicht sei der Terrorist mit seiner genozidalen Einstellung gegenüber den von ihm angegriffenen Gesellschaften, ob in Irland, im Libanon oder in Israel, ein »Spross der Nazi-Philosophie«.46
Auch Ministerpräsident Menachem Begin zieht NS-Vergleiche und betont, dass es sehr wohl möglich sei, die Terroristen effizient zu bekämpfen. Schließlich habe man die Zahl der Flugzeugentführungen schon deutlich reduziert.47 Nicht weniger entschlossen zeigt sich Peres auf der Konferenz: »Der Terror ist international geworden und muss international bekämpft werden.« Terrororganisationen, die sich als »Rote Armee« und »Befreiungsorganisation« (gemeint ist die PLO) bezeichneten, stützten »ihre Stärke auf das Versprechen von Mord« und verkündeten keine wirkliche »Botschaft der Befreiung«: Der Mord ersetze letztendlich alle Versprechungen.48
Die Tagungsteilnehmer, die am zweiten Konferenztag das Grab des Helden von Entebbe besuchen, sehen sich als Fürsprecher der gefährdeten zivilisierten demokratischen Welt. Während unter ihnen Einigkeit über die Notwendigkeit einer besseren internationalen Koordination der Terrorabwehr herrscht, wird vereinzelt die pauschale Verurteilung aller zu terroristischen Methoden greifenden Organisationen als gewaltbesessen kritisiert. Immerhin seien manche darunter, die, wenngleich mit zweifelhaften Mitteln, gegen undemokratische Regime kämpften, so etwa die französische Historikerin Annie Kriegel.49 Auch gegen die Ausgangsthese der Organisatoren, dass die Sowjetunion neben den arabischen Ländern der Hauptdrahtzieher des internationalen Terrorismus – insbesondere des arabischen – sei, werden Stimmen laut. Der Widerstand gegen die These der »Verschwörung der Sowjetunion«50 wird so vehement, dass eine separate Sitzung einberufen wird, in der man unter Ausschluss der Öffentlichkeit versucht, die zentrale Rolle der Sowjetunion bei der Lenkung arabischer Terrororganisationen mit streng geheimen Informationen zu untermauern.51
Nicht zuletzt dank der intensiven Pressearbeit von Benjamin Netanjahu findet die Konferenz ein breites Echo in Israel ebenso wie in den Ländern, aus denen Teilnehmer angereist sind. Hans Josef Horchem veröffentlicht einen Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 20. Oktober 1979 unter der Überschrift »Die Sowjetunion und der internationale Terrorismus. Eine Variante expansiver und erfolgreicher kommunistischer Politik«.52 Löwenthals Beitrag »Am langen Arm des KGB: Terroristen-Boß Arafat« im rechtskonservativen Deutschland-Magazin diskreditiert die Linken pauschal als Terrorismusverharmloser.53
Im Oktober und November verschickt Netanjahu die ersten englischsprachigen Rundschreiben des Jonathan Institute, in denen er aus wohlwollenden Presseartikeln über die Konferenz zitiert. Als sich Netanjahu einen Monat später bei Horchem bedankt, bittet er ihn um Namen von in Frage kommenden Kontaktpersonen in Deutschland oder anderswo, die er in die Kontaktliste des Jonathan Institute aufnehmen könnte. Horchem gegenüber kommentiert Netanjahu außerdem die aktuellen Ereignisse im Iran. Es ist die erste dokumentierte Äußerung Netanjahus zur Iranischen Revolution, die zu dem Zeitpunkt, Anfang Dezember 1979, eine folgenreiche Wendung nimmt. Eine islamische Verfassung wird verabschiedet, die Revolutionsführer Ayatollah Khomeini nahezu uneingeschränkte Macht verleiht. Khomeinis Iran nimmt bald politisch und militärisch Einfluss auf die Region und unterstützt palästinensische Terrororganisationen. Netanjahu erkennt die Gefahr und sieht durch diese Entwicklung seine Warnungen bestätigt:
Es steht außer Frage, dass die Botschaft der Konferenz angekommen ist und dass die jüngsten Ereignisse im Iran alles, was dort gesagt wurde, nur bestärkt haben. Terrorismus und terroristische Staaten sind in der Tat, was jetzt für alle offensichtlich ist, eine Gefahr für die zivilisierte Welt.54
In seiner 2022 erschienenen Autobiografie stellt Netanjahu seine Aktivitäten und die seines Vaters in den 1970er Jahren weitgehend als Erfolgsgeschichte dar.55 Dort beschreibt er auch seinen Besuch mit dem Vater bei Ministerpräsident Itzchak Rabin im Juni 1974. Das kurz nach dessen Amtsantritt vereinbarte Treffen soll Rabins Tochter Dalia vermittelt haben, die Benjamin Netanjahu aus der Zeit seines Militärdienstes kennt.56 Netanjahu erzählt, dass sein Vater und er Rabin Unterstützung dafür zugesagt hätten, sich der US-amerikanischen Forderung nach einem Teilabzug aus den besetzten Gebieten in Ägypten und Syrien zu widersetzen. Rabin habe die Anregung aufgenommen und ihn gebeten,
Kontakt zu Ehud Avriel aufzunehmen, dem damaligen israelischen Generalkonsul in Chicago und einem Vertrauten Rabins. Wir trennten uns. Ich traf Avriel am O’Hare-Flughafen in Chicago. Er öffnete uns einige Türen in Washington, aber auch hier gab es keine gezielte Kampagne der Regierung, um die amerikanische Politik zu beeinflussen. Wie Ben Gurion zog sich Rabin bald unter amerikanischem Druck aus den Mitla- und Gidi-Pässen im Sinai und aus Quneitra auf dem Golan zurück, ohne dafür nennenswerte Gegenleistungen zu erhalten.57
Netanjahu baut sein Beziehungsnetz in den USA aus und veranstaltet eine zweite Terrorismuskonferenz
