Das Tal der Schweigenden - Bernd Rosarius - E-Book

Das Tal der Schweigenden E-Book

Bernd Rosarius

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Beschreibung

Ein schmaler Wasserlauf - friedlich -unscheinbar Doch wer zuhört, hört Geschichten , die niemand erzählen darf

Das E-Book Das Tal der Schweigenden wird angeboten von BoD - Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Bach,Fabrik,Mafia,Mord,Krimi

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Seitenzahl: 91

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Widmung

Ich widme dieses Buch meiner Lebensgefährtin Helga Habermann.

Sie musste oftmals zurückstecken, wenn mich die Schreibwut erfasste und sie von mir nur den krummen Rücken sah.

Danke Helga

Vorwort

Ich wollte einen Roman über das Schweigen schreiben.

Nicht über das große Schweigen der Geschichte, sondern über das leise – das in Familien, in kleinen Dörfern, in den Gesprächen, die abgebrochen werden, sobald jemand fragt: „Warum?“

Das Tal der Schweigenden ist ein Ort wie viele in Deutschland. Man erkennt die Landschaft, die Häuser, vielleicht sogar die Menschen – doch all das ist erfunden. Wahr aber ist die Frage, die in diesem Buch gestellt wird:

Wie viel Wahrheit verträgt eine Gemeinschaft?

Die Antwort liegt vielleicht irgendwo zwischen Erinnerung und Vergebung – dort, wo das Schweigen beginnt, zu sprechen.

Clara Mertens war vierunddreißig und arbeitete seit einigen Jahren als freie Journalistin. Ihr letztes Buch handelte vom gesellschaftlichen Zusammenhalt – ein Thema, das sie an ihre Grenzen gebracht hatte. Sie hatte recherchiert, Familien besucht, Geschichten gehört, die sie nachts nicht losließen. Oft war sie verzweifelt über das, was sie gesehen – oder begreifen – musste.

Vielleicht deshalb musste sie in letzter Zeit öfter an ihre eigene Familie denken. An das kleine Dorf im Teutoburger Wald, das sie vor vielen Jahren verlassen hatte, um in der großen Welt ihren Weg zu machen.

An diesem Morgen saß sie am Laptop, das Käsebrötchen und die Tasse Kaffee daneben, als ihr Handy schrill zu klingeln begann. Die Nummer war unbekannt. Kurz überlegte sie, nicht ranzugehen – es könnte auch ein Interviewtermin sein – dann drückte sie auf Lautsprecher.

„Kennst du meine Stimme noch? Hier ist dein Bruder, hörst du mich?“

Das Stück Käsebrötchen blieb ihr fast im Hals stecken.

„Paul?“ Sie räusperte sich. „Wie komme ich zu der Ehre? Ich habe ewig nichts von dir gehört.“

„Stimmt“, sagte er hastig. „Deshalb rufe ich ja an. Oma Else lebt nicht mehr. Wir sind die Erben. Ich denke, es ist in deinem Interesse, wenn wir das Häuschen verkaufen und den Erlös teilen.“

Clara schwieg, legte das Brötchen beiseite. „Wann ist sie gestorben?“ fragte sie leise.

„Vor ein paar Wochen, glaub ich. Ich erkläre dir alles, wenn du kommst. Morgen?“

„Morgen“, sagte sie.

An Arbeit war nicht mehr zu denken. Ihre Gedanken kreisten um die Oma – und um die Eltern, die nie Zugang zu dem Haus gehabt hatten. Sie fragte sich, was für ein Verhältnis sie wirklich zu ihrer Großmutter gehabt hatte, und zu den Eltern, die sich getrennt hatten, als sie und Paul noch Kinder waren. Die Erinnerung war laut, schrill, voller Streit.

Danach war Else Mertens eingesprungen, hatte beide bei sich aufgenommen.

Eine Zeit lang war das gut gegangen. Dann hatten sich die Geschwister um das Wohlwollen der Oma gestritten, jedes auf seine Art. Paul, immer in Bewegung, charmant, unruhig. Clara, still, ehrgeizig, mit klarem Ziel. Irgendwann hatten sie sich verloren. Es blieb bei gelegentlichen Anrufen zu Weihnachten, Muttertag, Ostern. Ein paar Worte, mehr Pflicht als Nähe.

Das letzte Gespräch mit der Oma lag ein Vierteljahr zurück. Nun war sie tot – und Clara hatte es erst jetzt erfahren.

Am nächsten Vormittag fuhr sie mit ihrem Kleinwagen nach Hohenlinde, einem Dorf bei Detmold. Der Regen hing wie Fäden in der Luft, quer über die Straße gespannt. Clara hatte das Dorf größer in Erinnerung gehabt. Eine Hauptstraße, ein kleiner Supermarkt, die Kirche mit dem Friedhof davor, ein paar neue Einfamilienhäuser – und das alte Fachwerk, grau und still.

Sie parkte vor der Hecke. Das Haus der Oma stand da, dunkler als früher, der Klinker blind vor Feuchtigkeit. Paul war noch nicht da. Das Schlüsselversteck kannte sie: links unter der Regentonne.

Der Schlüssel hakte zweimal, beim dritten Versuch gab die Tür nach. Ein Geruch von kalter Seife und alten Äpfeln strömte ihr entgegen und schob sie in den Flur.

„Willkommen daheim“, sagte sie leise, und ihre Stimme klang, als gehörte sie jemand anderem.

Oma Else hatte ihre Angewohnheiten gehabt. In Schubladen, in Bettkästen, in alten Dosen bewahrte sie Dinge auf, die niemand mehr brauchte. Clara hob die Matratze an. Kein Geld. Nur ein Brief.

Der Umschlag war vergilbt, der Name fehlte. Auf der Rückseite stand in zitteriger Schrift ein einziges Wort: Bachgrund.

Sie steckte den Brief in ihre Tasche, als draußen eine Stimme rief:

„Clara! Ich bin’s, Paul!“

Die Umarmung war kühl, tastend.

„Hast du schon etwas gefunden?“ fragte er, und sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich bin gerade erst gekommen. Der Schlüssel lag wie immer …“

„… unter der Regentonne“, ergänzte er lachend.

Beide nahmen am Küchentisch Platz und sahen sich an. Draußen fiel der Regen gleichmäßig gegen das Fenster. Zwischen ihnen lag eine Stille, die sich in den Jahren aufgestaut hatte – und nun nichts sagen wollte.

Die Geschwister saßen noch eine Weile am Küchentisch, sahen sich an und schwiegen. Paul hielt es nicht aus. Er stand auf, ging zum alten Bücherschrank, öffnete die Glastür und zog das erste Buch heraus. Er blätterte hastig, ohne zu lesen, schüttelte es, als könne etwas herausfallen. Dann nahm er das nächste.

Clara trat hinter ihn.

„Was machst du da?“

Paul drehte sich um, das Buch in der Hand.

„Hast du noch nie gehört, dass alte Menschen Geld in Bücher stecken?“

Clara zog die Augenbrauen hoch. „So ein Unsinn. Hast du’s nötig, nach Bargeld zu suchen? Was arbeitest du eigentlich?“

„Alles Mögliche.“ Er schlug die nächste Seite auf, als wollte er ihre Frage nicht hören. „Das amerikanische Prinzip – vom Tellerwäscher zum Millionär – hat bei mir nicht funktioniert. Ich habe Schulden.“

Clara schüttelte den Kopf. „Darum willst du also das Haus so schnell verkaufen. Du brauchst Geld.“

Paul ließ das Buch sinken. „Worauf willst du warten? Oma ist tot, das Haus steht leer – weg damit.“

Clara fasste ihn an der Schulter und zog ihn sanft vom Schrank. „Paul, das ist hier ein Dorf. Jeder kennt jeden. Wenn wir Omas Haus sofort verscherbeln, denken alle, wir hätten nur auf ihr Ende gewartet. Gib uns wenigstens Zeit.“

„Wie viel?“

„Acht Wochen. Wenn du vorher Geld brauchst, helfe ich dir.“

Er antwortete nicht, ging zurück zu den Büchern und ließ die Seiten rauschen.

Clara seufzte, zog ihren Mantel an. „Ich gehe in die Stadt. Wir sehen uns nachher im Posthorn.“

Draußen hing der Regen in dünnen Fäden über der Hauptstraße. Das Dorf wirkte still, beinahe misstrauisch. Wenn sie jemandem begegnete, grüßte sie – doch niemand grüßte zurück.

Vielleicht erkannten sie sie nicht. Vielleicht wollten sie es nicht.

Ich kann auch ohne Gruß leben, dachte sie und ging weiter.

Vor der Kirche blieb sie stehen. Einige Menschen pflegten die Gräber ihrer Angehörigen, bückten sich wortlos, ordneten Kerzen. Clara trat durch das Tor, stieg die Stufen hinauf und suchte das Grab ihrer Großmutter. Sie fand es schnell: ein frischer Erdhügel, ein einfaches Holzkreuz. Darauf standen nur Name und Sterbedatum – kein Geburtsjahr.

„Sie wundern sich bestimmt“, sagte eine Stimme neben ihr.

Clara wandte sich um. Pastor Hartmann stand da, mit regennassem Hut in der Hand.

„Niemand wusste genau, wann sie geboren wurde“, erklärte er ruhig. „Aber jeder wusste, dass ihre Enkel irgendwann auftauchen würden.“

„Sie sind also immer noch hier in der Gemeinde.“

Er nickte. „Ja. Wenn Sie wollen, erzähle ich Ihnen von der Beisetzung. Ihre Großmutter wollte kein Aufsehen – es war eine stille Beerdigung.“

„Wer war da?“

„Ein paar alte aus der Gemeinde. Sonst niemand. Sie wollte es so.“

„Und wer hat die Beisetzung bezahlt?“

„Die Gemeinde. Ihre Oma hatte nur eine kleine Rente, kein Konto.“

„Aber die Rentenstelle kennt doch ihr Geburtsdatum.“

Er zuckte die Schultern. „Datenschutz. Bürokratie.“

Clara schwieg einen Moment, dann sagte sie leise: „Ich lasse einen Stein setzen. Mit Geburts- und Sterbedatum. Die Kosten übernehme ich.“

Hartmann nickte zögerlich, dann senkte er den Blick. „Da ist noch etwas.“

„Was denn?“

„Ihre Oma war gläubig. Sie gab mir einmal einen Brief zur Aufbewahrung. Nach ihrem Tod habe ich ihn gesucht – er ist verschwunden.“

Clara spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg. „Ich habe auch einen Brief gefunden. Ich habe ihn noch nicht gelesen. Auf der Rückseite steht das Wort Bachgrund.“

Hartmann erstarrte. Einen Moment sagte er nichts, dann wandte er sich ab.

„Moment“, murmelte er und drehte sich wieder zu ihr. „Jetzt fällt mir etwas ein. Ihre Oma hat mir damals auch eine Bibel zurückgegeben. Vielleicht …“

Er eilte zum Gotteshaus hinüber. Nach kurzer Zeit kam er zurück, das Buch in der Hand.

„Hier, nehmen Sie sie mit. Sie gehört Ihnen.“

Clara nahm die Bibel entgegen, roch den alten Ledereinband und nickte.

Dann verließ sie den Friedhof und ging weiter zum Gasthaus Zum Posthorn.

Clara sah schon von weitem das Landgasthaus.

Sie schlenderte langsam die fast leere Straße hinunter, den Kragen gegen den Wind gezogen. Einige Autos parkten halb auf dem Bordstein, und eine Politesse verteilte eifrig Strafzettel.

Egal wie klein ein Dorf ist – eine Einnahmequelle gibt es immer, dachte Clara und ging weiter.

Da rief jemand laut:

„Die Journalistin aus der Großstadt! Huhu, Clara!“

Bevor sie sich umdrehen konnte, stand die Frau schon neben ihr – leicht gebückt, das Haar mit einem Band zusammengebunden, eine Mischung aus Lehrerin und Energie.

„Ich bin’s! Erkennst du mich nicht mehr?“ Clara nickte. „Natürlich. Rieke Voss – meine Schulfreundin, die immer bei mir abgeschrieben hat.“

Rieke lachte. „Das stimmt ja gar nicht! Ich hab höchstens mal Blickkontakt gehalten. Und einmal hast du mir sogar einen Zettel zugeworfen.“

„Und du hast damals eine Zwei bekommen, ich eine Drei minus. So gerecht ist die Welt. Jetzt bist du Bürgermeisterin – mein Kompliment.“

Beide mussten lachen und gingen ein Stück gemeinsam die Straße entlang.

„Hör mal, Clara,“ sagte Rieke dann, der Ton wurde geschäftlich. „Der Nachlass muss bald geregelt werden. Ich hätte Interessenten für das Haus. Der Grund ist wichtig für die Erweiterung des Neubaugebiets. Ihr verkauft doch, oder?“

„Irgendwann vielleicht. Ich lasse mich nicht unter Druck setzen. Mein Bruder kümmert sich darum.“

„Paul ist auch da? Schön. Aber macht bitte schnell. Das Projekt zieht sich schon zu lange. Es gab sowieso Ärger mit dem Bachgrund.“

Clara blieb stehen. „Bachgrund? Der Name taucht immer wieder auf. Was ist das?“

Rieke lächelte ausweichend. „Was wohl – ein Grund mit einem Bach.“

„Das kann doch nicht die Lippe sein – oder die Werre. ‚Bachgrund‘ muss etwas anderes bedeuten.“

Rieke winkte nur ab und ging weiter. Clara blieb zurück und sah ihr nach, während das Wort Bachgrund in ihrem Kopf nachklang wie ein Wassertropfen.

Im Gasthof Zum Posthorn war es warm und laut. Vor der Tür standen Raucher, drinnen roch es nach altem Bier und Bratfett. Ein Fernseher flackerte ohne Ton, Karten klatschten auf Holz, an der Theke würfelten einige Männer.

Clara setzte sich an die Theke – der einzige freie Platz – und bestellte ein Bier und ein Käsebrötchen. Paul war noch nicht da; wahrscheinlich steckte er noch im Bücherschrank.

Plötzlich rutschte ein Mann auf den Hocker neben ihr. Er roch nach Tabak und kaltem Bier.

„Bist du’s wirklich?“

Clara antwortete trocken: „Nein. Nur mein Geist.“