Die Schatten von Detmold - Bernd Rosarius - E-Book

Die Schatten von Detmold E-Book

Bernd Rosarius

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Beschreibung

Ein atmosphärischer Roman über Schuld, Mut und die Macht der Vergangenheit. Erwin Hammer kehrt nach aus den USA nach Deutschland zurück, um den Nachlass seiner Mutter zu regeln.

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Seitenzahl: 77

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Dieses Werk ist frei erfunden. Alle dargestellten Personen, Ereignisse und Handlungsabläufe sind Produkte der Fantasie der des Autors. Jegliche Ähnlichkeiten zu real existierenden Personen, lebend oder verstorben, sowie zu tatsächlichen Ereignissen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Handlungsort Detmold dient ausschließlich als literarische Kulisse.

Hinweis: Die im Roman beschriebene Version von Detmold ist rein fiktiv. Die reale Stadt Detmold liegt im Her-zen des Teutoburger Waldes, am Fuße des berühmten Hermannsdenkmals, und ist ein attraktives Ziel für Kulturund Naturliebhaber.

Ein Besuch lohnt sich für alle, die historische Architektur, Museen und wunderschöne Wanderwege schätzen.

Autor: Bernd Rosarius

Der Regen hatte erst vor wenigen Minuten aufgehört.

Die Straßen von Detmold glänzten noch nass im fahlen Licht der Straßenlaternen.

Erwin Hammer stand auf dem Bahnhofsvorplatz und atmete tief ein.

Feuchte Luft, nasses Kopfsteinpflaster, der ferne Duft nach frischem Brot – eine Mischung aus Nostalgie und Unbehagen stieg in ihm auf.

Dreißig Jahre waren vergangen, seit er diese Stadt verlassen hatte.

Damals hatte seine Mutter ihn auf den Arm genommen, als sie in den Zug stieg, der sie nach Bremen brachte und von dort auf ein Schiff nach Amerika. Erwin war kaum ein Jahr alt gewesen. Von Detmold kannte er nur die Erzählungen seiner Mutter, einige vergilbte Fotos – und das unbestimmte Gefühl, dass hier ein Teil von ihm zurückgeblieben war.

Er zog den Mantel enger um sich.

Der Flug von New York nach Frankfurt, die Zugfahrt hierher – all das hatte ihn erschöpft.

Und doch spürte er eine nervöse Energie, die ihn wach hielt.

Er war nicht nur hier, um die Straßen seiner Kindheit zu sehen.

Er war hier, um die Wahrheit über seinen Vater herauszufinden.

Mit seiner alten Reisetasche über der Schulter machte er sich auf den Weg ins Zentrum.

Detmold wirkte kleiner, als er es sich vorgestellt hatte.

Die Häuser schienen seit den 1950er-Jahren kaum verändert – saubere Fassaden, ordentlich gezogene Gardinen, Blumenkästen vor den Fenstern.

Alles war geordnet.

Fast zu geordnet.

Als wolle die Stadt selbst ihre Geschichte verbergen.

Am Marktplatz blieb er stehen.

Vor ihm lag das alte Rathaus, ein imposanter Bau aus Sandstein.

Seine Mutter hatte ihm oft davon erzählt, doch in seinen Vorstellungen war es immer größer gewesen, gewaltiger. Jetzt wirkte es still.

Beinahe abweisend.

Erwins Blick wanderte über die Fassade – und blieb hängen.

Über dem Eingang prangte ein verwittertes Wappen.

Darunter eine Steintafel.

Die Buchstaben waren vom Wetter gezeichnet, einige kaum noch lesbar.

Doch ein Name war klar zu erkennen:

„Friedrich Hammer – 1953 – In Dankbarkeit die Stadt.“

Sein Herz schlug schneller.

Sein Vater.

Sein Name.

Hier, öffentlich sichtbar – und doch hatte seine Mutter nie ein Wort darüber verloren.

Warum hatte sie ihn nie hierhergeführt?

Warum hatte sie ihm nie erzählt, dass

Friedrich Hammer von der Stadt geehrt worden war?

„Kann ich Ihnen helfen?“

Die Stimme kam von einem Mann im grauen Mantel, der gerade aus dem Rathaus trat und ihn prüfend musterte.

„Nein, danke.“

Erwin wandte sich hastig ab und ging weiter.

Er wollte jetzt keine Fragen beantworten.

Er wusste selbst kaum, wie er beginnen sollte.

Sein Hotel lag nur wenige Straßen entfernt.

Ein kleines Haus, schlicht, aber sauber.

Die Frau an der Rezeption war freundlich, aber geschäftsmäßig.

Sie händigte ihm den Schlüssel aus, ohne weitere Fragen zu stellen.

Im Zimmer ließ Erwin die Tasche fallen und sich aufs Bett sinken.

Er starrte an die Decke, doch sein Blick blieb nicht lange ruhig.

Immer wieder tauchte das Bild der Steintafel vor seinem inneren Auge auf.

Er hatte sich diesen Moment anders vorgestellt.

Vielleicht hatte er gehofft, hier Frieden zu finden.

Oder zumindest eine Spur, die ihm den Weg wies.

Stattdessen war alles noch verwirrender geworden.

Ein dumpfes Klopfen ließ ihn aufhorchen.

Irgendwo draußen, auf dem Flur.

Er lauschte – doch es kam nicht näher. Nur das ferne Rauschen der Straße war zu hören.

Erwin ging zum Fenster.

Unten bewegte sich eine Gestalt durch den Regen.

Ein Mann im Mantel.

Er blieb stehen.

Sah zu ihm hinauf.

Dann verschwand er in der Dunkelheit.

Ein kalter Schauer lief Erwin über den Rücken.

Zufall?

Oder war er nicht der Einzige, der wusste, warum er nach Detmold gekommen war?

Erwin schüttelte den Gedanken ab und zog seinen alten, abgenutzten Koffer unter dem Bett hervor.

Er war das Einzige, was ihm von seiner Mutter geblieben war – neben ein paar Papieren und einem Fotoalbum.

Beim Öffnen stieg ihm der Geruch von altem Papier in die Nase.

Vergilbte, knitterige Fotos lagen obenauf.

Auf einem der Bilder erkannte er seinen Vater: jung, ernst, in Arbeitskleidung. Neben ihm standen mehrere Männer vor einem Fabrikgebäude, das Erwin nicht kannte.

Auf der Rückseite des Fotos war ein einziges Wort notiert:

„Kalkwerk“.

Erwin runzelte die Stirn.

Von einem Kalkwerk hatte seine Mutter nie gesprochen.

Er nahm sich fest vor, am nächsten Tag herauszufinden, ob dieses Gebäude noch existierte.

Als er das Foto beiseitelegte, entdeckte er einen Umschlag, den er bisher nie bemerkt hatte.

Die Tinte war verblasst.

Sein Name stand darauf – in der Handschrift seiner Mutter.

Mit zitternden Fingern öffnete er den Brief.

Nur wenige Sätze standen darauf:

„Erwin,

wenn du das liest, dann suche nicht nach der Wahrheit.

Manche Geschichten enden tödlich.

So wie die deines Vaters.

Verzeih mir, dass ich geschwiegen habe.

– Deine Mutter.“

Erwin starrte auf die Worte, unfähig zu reagieren.

Draußen prasselte der Regen gegen das Fenster.

Ein drohendes Pochen.

Seine Mutter hatte ein Leben lang geschwiegen.

Er würde reden – koste es, was es wolle.

Am nächsten Morgen lag kühler Nebel über der Stadt.

Erwin hatte kaum geschlafen – zu viele Gedanken, zu viele Fragen.

Als er das Hotel verließ, spürte er die Blicke der Menschen.

Vielleicht war es nur Einbildung. Vielleicht aber auch nicht.

Detmold war eine Kleinstadt.

Und Kleinstädte vergaßen nicht.

Vielleicht erinnerte sich jemand an den Namen Hammer.

Vielleicht fragte man sich, warum er damals mit seiner Mutter verschwunden war – und warum er jetzt zurückgekehrt war.

Sein erstes Ziel war das Stadtarchiv. Wenn es Antworten gab, dann dort.

Das Gebäude wirkte alt, die Fassade bröckelte.

Drinnen roch es nach poliertem Holz und Staub.

Eine ältere Archivarin begrüßte ihn knapp:

„Was kann ich für Sie tun, Herr…?“

„Hammer. Erwin Hammer.“

Ihr Blick flackerte kurz, dann fragte sie professionell weiter:

„Wonach suchen Sie?“

„Ich würde gerne Zeitungsartikel aus dem Jahr 1953 einsehen“, sagte Erwin. „Besonders Berichte über einen Unfall in einer Fabrik – vielleicht ein Kalkwerk.“

Die Archivarin nickte knapp und führte ihn in einen Raum mit schweren

Aktenschränken.

Erwin begann zu blättern.

Die Finger glitten über Papier, das so alt war wie seine Fragen.

Erwin blätterte weiter durch die alten Zeitungen, der Geruch von Papier lag schwer in der Luft.

Doch dann stockte er.

Eine ganze Reihe von Ausgaben fehlte. Ein kompletter Monat – einfach verschwunden.

„Das kann doch nicht sein“, murmelte er.

Die Archivarin trat an seinen Tisch. „Ah, ja. Diese Lücke… Die ist leider bekannt. Ein Wasserschaden in den 1960ern.“

Ihre Stimme klang routiniert, fast gleichgültig.

„Ganze Stapel von Zeitungen wurden damals zerstört.“

„Und es gibt keine Kopien?“ fragte Erwin ungläubig.

„Leider nicht. Tut mir leid.“

Erwin bedankte sich knapp, doch innerlich brodelte er.

Ein Wasserschaden.

Genau in dem Zeitraum, in dem sein Vater gestorben war.

Das konnte kein Zufall sein.

Draußen hatte sich der Nebel verdichtet.

Erwin ging ziellos durch die Straßen, bis er vor dem alten Friedhof stand. Seine Mutter hatte nie viel über das Grab gesprochen – nur, dass sein Vater hier beigesetzt worden war.

Langsam schob er das Tor auf. Zwischen verwitterten Grabsteinen, die schief im Boden standen, suchte er nach dem Namen Hammer.

Dann fand er, was er suchte:

Ein schlichtes Holzkreuz.

Keine Daten, keine Inschrift.

Nur der Name: Friedrich Hammer.

„Friedlich ist hier, nicht wahr?“

Erwin fuhr herum.

Hinter ihm stand ein alter Mann mit schlohweißem Haar, in einen dunklen Mantel gehüllt.

Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, die Augen wach und prüfend.

„Ich kannte Ihren Vater“, sagte der Mann leise.

„Sie… Sie kannten ihn?“

„Ja. Friedrich war ein guter Mann.“ Der Alte seufzte.

„Zu gut für die Welt, in der er lebte.“

Erwins Herz schlug schneller.

„Ich bin hier, um herauszufinden, was damals wirklich passiert ist.“

Der Mann schwieg, als ringe er mit sich. Dann sprach er:

„Mein Name ist Jakob Stein. Ich war mit Ihrem Vater befreundet. Wir haben in derselben Fabrik gearbeitet.“

Erwin wollte sofort weiterfragen, doch Stein hob warnend die Hand.

„Hören Sie, junger Mann. Manche Dinge sollte man besser ruhen lassen. Ihr Vater… er hat Dinge gesehen, die er nicht hätte sehen dürfen.

Und er hat dafür bezahlt.“

„Womit meinen Sie das?“

Steins Blick glitt über die Grabsteine, als suche er dort nach Antworten. „Mit seinem Leben.“

Ehe Erwin reagieren konnte, wandte sich Stein ab.

„Sie und Ihre Mutter sind aus gutem Grund fortgegangen.

Wenn Sie klug sind, kehren Sie jetzt

wieder nach Amerika zurück.

Manche Schatten sind tödlich.“

Dann verschwand er zwischen den Bäumen, seine Gestalt löste sich fast im Nebel auf, bis nur noch das Rascheln seiner Schritte blieb.

Erwin stand wie versteinert da.

Zum ersten Mal hatte jemand klar ausgesprochen, was er bisher nur geahnt hatte:

Sein Vater war nicht bei einem Unfall gestorben.

Er war ermordet worden.

Zurück in der Stadt spürte Erwin ein seltsames Gefühl.

Immer wieder hatte er den Eindruck, beobachtet zu werden.

Er drehte sich um, doch die Straßen blieben leer.

Vielleicht Einbildung.

Vielleicht auch nicht.