Das Treffen in Telgte - Günter Grass - E-Book
Beschreibung

Im Sommer 1647, im letzten Jahr des Dreißigjährigen Kriegs, versammeln sich deutsche Barockdichter, um aus ihren Manuskripten zu lesen und über Literatur und Politik zu sprechen. Das Treffen in Telgte beschwört den Geist der Geselligkeit und die Kraft der Dichtung in unsicheren Zeiten.

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Seitenzahl:179


Günter Grass

Das Treffen in Telgte

Inhaltsverzeichnis
Das Treffen in Telgte
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Impressum

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Gestern wird sein, was morgen gewesen ist. Unsere Geschichten von heute müssen sich nicht jetzt zugetragen haben. Diese fing vor mehr als dreihundert Jahren an. Andere Geschichten auch. So lang rührt jede Geschichte her, die in Deutschland handelt.

Was in Telgte begann, schreibe ich auf, weil ein Freund, der im siebenundvierzigsten Jahr unseres Jahrhunderts seinesgleichen um sich versammelt hat, seinen 70.Geburtstag feiern will; dabei ist er älter, viel älter - und wir, seine gegenwärtigen Freunde, sind mit ihm alle aschgrau von dazumal.

Lauremberg und Greflinger kamen von Jütland hoch, von Regensburg runter zu Fuß, die anderen beritten oder in Planwagen. Wie einige flußab segelten, nahm der alte Weckherlin von London nach Bremen den Schiffsweg. Sie reisten von nah und fern, aus allen Gegenden an. Ein Kaufmann, dem Frist und Datum geläufig wie Gewinn und Verlust sind, hätte erstaunen können über den pünktlichen Eifer der Männer des bloßen Wortgeschehens, zumal die Städte und Ländereien noch immer oder schon wieder verwüstet, mit Nesseln und Disteln verkrautet, von Pestilenz zersiedelt und alle Wege unsicher waren.

Deshalb erreichten Moscherosch und Schneuber, die von Straßburg her die Reise gemacht hatten, ausgeraubt (bis auf ihre den Wegelagerern nichtsnutzen Manuskripttaschen) das abgesprochene Ziel: Moscherosch lachend und um eine Satire reicher; Schneuber jammernd und schon die Schrecken des Rückweges vor Augen. (Sein Arsch war wund von Schlägen mit flacher Klinge.)

Nur weil sich Czepko, Logau, Hoffmannswaldau und weitere Schlesier, mit einem Begleitbrief Wrangels gesichert, immer wieder schwedischen Abteilungen angeschlossen hatten, die bis ins Westfälische fouragierten, kamen sie ungeschmälert nahe Osnabrück an; doch widerfuhren ihnen die täglichen Greuel des Fouragierens, bei denen kein armer Teufel nach seiner Konfession gefragt wurde, wie am eigenen Leib. Einsprüche hielten Wrangels Reiter nicht auf. Fast hätte es den Studenten Scheffler (eine Entdeckung Czepkos) in der Lausitz erwischt, weil er sich vor eine Bäuerin gestellt hatte, die, wie zuvor der Bauer, vor den Augen ihrer Kinder gepfählt werden sollte.

Johann Rist kam vom nahen Wedel an der Elbe über Hamburg gereist. Den Straßburger Verleger Mülben hatte ein Reisewagen von Lüneburg gebracht. Zwar den weitesten Weg, vom Königsbergschen Kneiphof her, doch den sichersten, weil im Gefolge seines Landesfürsten, nahm Simon Dach, dessen Einladungen diesen Aufwand ausgelöst hatten. Schon im Vorjahr, als Friedrich Wilhelm von Brandenburg mit Louise von Oranien verlobt wurde und Dach sein für diesen Anlaß gereimtes Huldigungspoem in Amsterdam hatte vortragen dürfen, waren die vielen einladenden und den Treffpunkt beschreibenden Briefe geschrieben und war, mit Hilfe des Kurfürsten, für deren Zustellung gesorgt worden. (Oft mußten die überalltätigen Agenten als Zwischenträger die Post übernehmen.) So kam Gryphius zu seiner Einladung, obgleich er mit dem Stettiner Kaufmann Wilhelm Schlegel seit einem Jahr in Italien, danach in Frankreich unterwegs gewesen war; schon auf der Rückreise (und zwar in Speyer) wurde ihm Dachs Brief zugestellt. Pünktlich reiste er an und brachte Schlegel mit.

Pünktlich kam der Sprachmagister Augustus Buchner von Wittenberg her. Nachdem er mehrmals abgesagt hatte, war Paul Gerhardt dennoch pünktlich am Ort. Filip Zesen, den die Post in Hamburg einholte, reiste von Amsterdam mit seinem Verleger an. Keiner wollte fernbleiben. Nichts, kein Schul-, Staats- oder Hofdienst, der den meisten anhing, konnte sie abhalten. Wem es an Reisegeld fehlte, der hatte sich einen Gönner gesucht. Wer, wie Greflinger, keinen Gönner gefunden hatte, den trug Eigensinn zum Ziel. Und wen sein Eigensinn hindern wollte, rechtzeitig aufzubrechen, den machte die Nachricht, daß andere schon unterwegs seien, reiselustig. Selbst die sich feindlich sahen, wie Zesen und Rist, wollten einander treffen. Unstillbarer noch als sein Spott über versammelte Poeten war Logaus Neugierde auf das Treffen. Ihre heimischen Zirkel faßten zu eng. Kein langwieriges Geschäft, keine kurzweilige Liebe konnte sie binden. Es trieb sie zueinander. Überdies nahm, während der Frieden ausgehandelt wurde, allgemein die Unruhe, das Suchen zu. Niemand wollte für sich bleiben.

Doch so ausgehungert auf literarische Wechselworte die Herren Dachs Einladung gefolgt waren, so rasch verfielen sie der Mutlosigkeit, als sich in Oesede, einem Flecken nahe Osnabrück, wo das Treffen stattfinden sollte, kein Quartier fand. Das von Dach vorgesehene Gasthaus »Zum Rappenhof« war, trotz rechtzeitiger Anmietung, vom Stab des schwedischen Kriegsrates Erskein belegt worden, der kürzlich die Satisfaktions-Forderungen der Wrangelschen Armeen an den Kongreß herangetragen und dem Frieden neue Kosten auferlegt hatte. Wenn die Kammern nicht von Regimentssekretären und Königsmarckschen Obristen bezogen waren, hatte man sie mit Akten vollgestellt. Der große Wirtssaal, in dem man eigentlich hatte tagen, das ersehnte Gespräch führen, sich aus Manuskripten vorlesen wollen, war zum Proviantlager gemacht worden. Überall lungerten Reiter und Musketiere. Kuriere gingen ab, kamen. Erskein ließ sich nicht sprechen. Ein Profos, dem Dach seine schriftliche Anmietung des Rappenhofes vorwies, verfiel ringsum ansteckendem Gelächter, als aus schwedischer Kasse die Erstattung der Anzahlung erbeten wurde. Schroff abgewiesen kam Dach zurück. Die starken Dummen. Ihre gepanzerte Leere. Ihr ödes Grinsen. Keinem der schwedischen Herren waren ihre Namen bekannt. Allenfalls Rast halten durfte man in der kleinen Gaststube. Der Wirt riet den Poeten, ins Oldenburgische zu reisen, wo alles, sogar Quartier, zu haben sei.

Schon erwogen die Schlesier, weiter nach Hamburg, Gerhardt zurück nach Berlin, Moscherosch und Schneuber mit Rist nach Holstein zu ziehen, schon wollte Weckherlin das nächste Schiff nach London nehmen, schon drohten die meisten, nicht ohne Anklage gegen Dach, das Treffen auffliegen zu lassen, schon begann Dach - sonst die Ruhe selbst - an seinem Vorhaben zu zweifeln, schon stand man mit dem Gepäck auf der Straße und wußte nicht, wohin mit sich, da kamen - zeitig genug, bevor es eindunkelte - die Nürnberger angereist: Harsdörffer mit seinem Verleger Endter und der junge Birken; es begleitete sie ein rotbärtiger Kerl, der sich Christoffel Gelnhausen nannte und dessen schlaksiger Jugendlichkeit - er mochte Mitte Zwanzig sein - ein blattriges Gesicht widersprach. In seinem grünen Wams unterm Federbuschhut wirkte er wie erfunden. Jemand sagte: Den hätten die Mansfeldschen im Vorüberreiten gezeugt. - Doch zeigte sich, daß Gelnhausen wirklicher war als seine Erscheinung. Ihm unterstand ein Kommando kaiserlicher Reiter und Musketiere, das am Ortsrand lagerte, weil der Umkreis der Friedenskongreßstädte als neutral erklärt und in ihm jede Kampfhandlung der Parteien untersagt worden war.

Als Dach den Nürnbergern die Misere der Poeten erklärt hatte und Gelnhausen sofort in weitschweifiger, mit Bildern geputzter Rede seine Dienste anbot, nahm Harsdörffer Dach beiseite: Der Kerl spreche zwar närrisch wie ein reisender Sterndeuter daher - er hatte sich der Versammlung als Jupiters Liebling vorgestellt, dem Venus, wie man sehe, im Welschland heimgezahlt habe -, sei aber doch mit Witz ausgestattet und belesener, als sein Närrischtun erkennen lasse. Im übrigen diene der Kerl im Schauenburgschen Regiment, das in Offenburg seinen Standort habe, als Kanzleisekretär. In Köln, wohin sie von Würzburg her per Schiff gereist seien, habe ihnen der Gelnhausen aus Schwierigkeiten geholfen, als Endter versuchen wollte, ohne Permission einen Posten Bücher als »wilde Läufer« umzusetzen. Zum Glück sei es dem Gelnhausen gelungen, sie aus dem pfäffischen Verdacht »ketzerischer Umtriebe« herauszureden. Der lüge bessere Mär, als sich erdichten lasse. Dessen Schwall mache Jesuiten verstummen. Dem seien die Kirchenväter, aber auch alle Götter und deren Gestirn zur Hand. Der kenne des Lebens Unterfutter und wisse sich obendrein überall ortskundig: in Köln, Recklinghausen wie in Soest. Der könne ihnen womöglich helfen.

Gerhardt warnte davor, sich mit dem Kaiserlichen einzulassen. Hoffmannswaldau stand verwundert, weil der Kerl grad vorhin noch aus der Opitzschen Übersetzung der »Arcadia« zitiert habe. Moscherosch und Rist wollten sich die Vorschläge des Regimentssekretärs immerhin anhören, zumal der Straßburger Schneuber einige städtisch betriebsame Einzelheiten des Offenburger Standortes erfragt und mit Badstubenklatsch bestätigt bekommen hatte.

Schließlich durfte sich Gelnhausen den endlich versammelten, doch nun verzweifelt quartierlosen Herren erklären. Seine Rede war so glaubwürdig wie der Glanz jener Goldknöpfe, die sich auf seinem Grünwams doppelt reihten: Er müsse als Vetter des Mercurius, deshalb geschäftig wie dieser, ohnehin nach Münster, um im Auftrag seines Herrn, der als Obrist dem Mars im Geschirr stehe, geheime Nachricht dem Herrn Trauttmansdorff zu bringen, den als des Kaisers Oberunterhändler der säuerliche Saturn mit Weisheit gemästet habe, auf daß endlich Frieden werde. Keine dreißig Meilen Wegs sei die Mühsal lang. Bei annähernd vollem Mond. Und zwar durch flache Gegend. Da komme man, wenn die Herren nicht ins pfäffische Münster wollten, durch Telgte, ein trauliches Städtchen, das zwar arm geworden, aber heil geblieben sei, weil man die Hessen habe abschlagen können und des Königsmarcks Regimentskassen zu füttern nicht müde werde. Und da Telgte, wie man wisse, von altersher ein Wallfahrtsort sei, werde er den musisch wallfahrenden Herren dort Quartier machen. Das habe er von Jugend an gelernt: allerlei Göttern Quartier zu machen.

Als der alte Weckherlin wissen wollte, womit man sich als Evangelischer so viel kaiserliche Gunst verdiene, immerhin trage der Gelnhausen eilige Nachricht der pfäffischen Partei zu, sagte der Regimentssekretär: Ihn kümmere die Religion wenig, wenn man ihm seine lasse. Und so geheim sei die Botschaft für den Trauttmansdorff auch wieder nicht. Das wisse doch jeder, daß im Lager des Marschall Turenne die Regimenter Weimars gegen die welsche Bevormundung gemeutert und sich zerstreut hätten. Solche Nachricht laufe einem voraus und lohne die Eile nicht. Da leiste er lieber kleinen Dienst für ein Dutzend quartierloser Poeten, zumal er - beim Apoll! - selber die Feder führe, wenn vorerst auch nur in des Obristen Schauenburg Regimentskanzlei.

Darauf willigte Dach in das Angebot ein. Und Gelnhausen sprach nicht mehr kraus und halbgereimt daher, sondern gab seinen Reitern und Musketieren Befehle.

2

Der Weg von Osnabrück über Telgte nach Münster war seit Beginn der nun bald drei Jahre anhaltenden Friedensverhandlungen vielbefahren und von Kurieren beritten, die einen archivfüllenden Wust von Petitionen, Denkschriften, üblich intrigierenden Briefen, Einladungen zu Festlichkeiten und Agentenberichten über die neuesten, unbekümmert vom Friedenshandel laufenden Armeebewegungen hin und her, vom protestantischen ins katholische Lager oder in umgekehrte Richtung trugen, wobei die Standorte der Konfessionen nicht ganz den militärischen Freund-Feind-Positionen entsprachen: Das katholische Frankreich hatte sich, bei päpstlichem Wohlwollen, mit Spanien, Habsburg und Bayern angelegt, die protestantischen Sachsen standen mal mit dem einen, dann mit dem anderen Fuß im kaiserlichen Lager. Vor wenigen Jahren waren die lutherischen Schweden über die lutherischen Dänen hergefallen. Heimlich betrieb Bayern seinen Landschacher um die Pfalz. Hinzu kamen meuternde oder das Lager wechselnde Truppenteile, die Widersprüche der Niederlande, das Lamento der schlesischen Stände, die Ohnmacht der Reichsstädte, das zwar wechselnde, aber gleichbleibend landhungrige Interesse der Verbündeten, weshalb sich vor einem Jahr, als die Abtretung des Elsaß an Frankreich und Pommerns mit Stettin an Schweden verhandelt wurde, besonders die Vertreter Straßburgs und der Ostseestädte zwischen Münster und Osnabrück (so verzweifelt wie vergeblich) die Hacken abgelaufen hatten. Kein Wunder, wenn der Weg von und nach den Friedensstädten in einem Zustand war, der dem Verlauf der Verhandlungen und dem Befinden des Reiches entsprach.

Jedenfalls brauchten die vier Gespanne, so rasch sie Gelnhausen mehr requiriert denn geliehen hatte, länger als vorbedacht, um die quartierlosen Herren - über zwanzig an der Zahl - von den Ausläufern des Teutoburger Waldes herab durch das Tecklenburgische Land nach Telgte zu bringen. (Das Angebot eines Küsters, ihnen ein leerstehendes Nonnenkloster nah bei Oesede, in dem der Schwed gehaust hatte, notdürftig einzurichten, wurde abgelehnt, weil dem halbwüsten Gemäuer der geringste Komfort fehlte; nur Logau und Czepko, die dem Gelnhausen mißtrauten, sprachen für das Notlager.)

Hinter ihnen verfärbte sich schon die Sommernacht, als Simon Dach für den Konvoi den Brückenzoll berappte. Und gleich hinter der Brücke über die äußere Ems, doch vor dem inneren, die Stadt zum Emstor hin begrenzenden Flußarm, im Brückenhof, einem reetgedeckten Steinhaus, das hochgegiebelt inmitten Uferwildnis stand und auf ersten Blick wenig Kriegsschäden zeigte, machte Gelnhausen auf seine Weise Quartier. Er nahm die Wirtin, die er offenbar kannte, beiseite, tuschelte mit ihr, um sie dann Dach, Rist und Harsdörffer als seine langjährige Freundin Libuschka vorzustellen: eine unter ihrer Grindsalbe schon angejahrte Frau, die sich in eine Pferdedecke gewickelt hatte, soldatische Hosen trug, dabei geziert sprach und sich zum böhmischen Adel zählte: Ihr Vater habe mit Bethlen Gábor von Anfang an für die protestantische Sache gekämpft. Sie wisse, welche Ehre ihr ins Haus stehe. Wenn nicht gleich, so doch bald werde sie den Herren Quartier bieten.

Daraufhin machte Gelnhausen mit seinen Kaiserlichen vor dem Stall, vor dem Brückenhof, in dessen Diele, die Stiegen hoch und vor allen Kammern dergestalt Lärm, daß sich die angeketteten Hofhunde schier erwürgten, und gab nicht Ruhe, bis alle Gäste mit ihren Fuhrknechten aus dem Schlaf gerissen waren. Kaum hatten sich die Herren - es waren hansische Kaufleute, die von Lemgo her weiter nach Bremen wollten - vor dem Wirtshaus versammelt, befahl ihnen Gelnhausen, den Brückenhof zu räumen. Er förderte seinen Befehl mit dem Hinweis: Wer sein Leben liebe, der halte Distanz. Es seien unter den matten, wie man ja sehe, hinfälligen Gestalten auf und vor den Fuhrwerken etliche von der Beulenpest befallene Leichenstrohkandidaten. Er geleite mit seinem Kommando ein Malheur, das, um die Friedensverhandlungen nicht zu stören, beiseite geschafft werden müsse, weshalb er, als Leib-Medicus des päpstlichen Nuntius Chigi, nicht nur kaiserliche, sondern obendrein schwedische Order habe, den morbiden Haufen in Quarantäne zu bringen. Und zwar sofort und ohne Widerrede, sonst zwinge man ihn, die Fuhrwerke der Kaufleute samt Stapelware am Emsufer zu verbrennen. Die Pest - das wisse jeder und das sage er als Arzt, der mit allen Weisheiten Saturns geschlagen sei - schone den Reichtum nicht, raffe vielmehr mit Vorbedacht Kostbarkeiten und bedenke Herren in Brabanter Tuch besonders gerne mit ihrem Fieberatem.

Als sich die Herren eine schriftliche Begründung ihrer Ausweisung erbaten, zog Gelnhausen seinen Degen, nannte den seinen Federkiel, wollte wissen, wem er’s zuerst schriftlich geben solle, und sagte dann: Er müsse die jetzt gleich abreisenden Gäste des Brückenhofes dringlich ersuchen, im Namen des Kaisers und seiner Widersacher, Stillschweigen über den Anlaß des plötzlichen Aufbruchs zu wahren, beim Mars und seinen scharfen Hunden.

Nach dieser Ansprache war der Brückenhof schnell geräumt. Zügiger wurde nie angespannt. Wo man zögerte, halfen die Musketiere nach. Bevor Dach mit einigen der Poeten gegen die Unmoral dieses Bubenstücks laut genug protestieren konnte, hatte Gelnhausen Quartier gemacht. Zwar unter Bedenken, doch beschwichtigt von Moscherosch und Greflinger, die den Vorgang als Satyrspiel gewertet und belacht sehen wollten, suchte man die geräumten Kammern und noch warmen Betten auf.

Da neben dem Kaufmann Schlegel etliche Buchdrucker aus Nürnberg, Straßburg, Amsterdam, Hamburg und Breslau als Verleger der Einladung Dachs gefolgt waren, konnte man der Wirtin Libuschka, die offenbar Spaß hatte an ihren neuen Gästen, den entstandenen Schaden leicht ausgleichen, zumal die ausquartierten Hansen einige Stoffballen, paar Stück Tafelsilber und vier Faß rheinisches Braunbier zurückgelassen hatten.

Im seitlich vorgebauten Stall richtete sich Gelnhausens Kommando ein. Von der Vordiele, zwischen der Kleinen Wirtsstube und der Küche, hinter denen die Große Diele anschloß, stiegen die Poeten auf zwei Treppen in das Obergeschoß des Brückenhofes. Schon war man weniger bedrückt. Nur noch die Wahl der Kammern ließ kleinen Streit zu. Zesen legte sich mit Lauremberg an, nachdem er einen Wortwechsel mit Rist gehabt hatte. Der Medizinstudent Scheffler stand in Tränen. Ihn, Birken und Greflinger bettete Dach, weil die Kammern nicht reichten, im Strohlager des Dachbodens.

Dann hieß es, daß dem alten Weckherlin der Puls nur noch matt gehe. Schneuber, der sich mit Moscherosch eine Kammer teilte, verlangte nach Wundsalbe. Gerhardt und der Magister Buchner wollten jeder eine Kammer für sich. Zu zweit zogen Hoffmannswaldau und Gryphius, Czepko und Logau ein. Harsdörffer trennte sich nicht von seinem Verleger Endter. Rist zog es zu Zesen wie Zesen zu Rist. Bei alledem ging die Wirtin mit ihren Mägden den neuen Gästen zur Hand. Einige Namen der Herren kannte die Libuschka. Sie konnte Kirchenliedstrophen von Gerhardt aufsagen. Harsdörffer gab sie mit zierlichen Zitaten aus dem Gärtchen der Pegnitzer Schäferei Bescheid. Und als sie sich später mit Moscherosch und Lauremberg in die Kleine Wirtsstube setzte - denn beide wollten nicht ins Bett, sondern bei Braunbier, Käse und Brot in den Morgen hineinwachen -, wußte sie in raffenden Sätzen den Inhalt einiger Traumgesichte aus Moscheroschs Philander herzusagen. So belesen und geschaffen für das Treffen der Poeten war die Wirtin Libuschka oder Courage, wie Gelnhausen sie nannte, der sich später, gefeiert als Quartiermacher, zu ihnen setzte.

Wach blieb auch Simon Dach. Er lag in seiner Kammer und zählte noch einmal auf, wen er mit Briefen gerufen, unterwegs beredet, mit und ohne Absicht vergessen, auf Empfehlung in seine Liste genommen oder zurückgewiesen hatte, und wer noch nicht eingetroffen war: sein Freund Albert, für den das zweite Bett in der Kammer bereitstand.

Schlafvertreibende, schläfrig machende Sorgen: Vielleicht würde Schottel doch kommen? (Der Wolfenbütteler kam aber nicht, weil Buchner eingeladen war.) Den Klaj hatten die Nürnberger mit Krankheit entschuldigt. Wehe, wenn Rompler doch käme. Ob mit der Ankunft des Fürsten Ludwig zu rechnen war? (Doch das Haupt der Fruchtbringenden Gesellschaft blieb beleidigt in Köthen: Dach, der nicht zu den Mitgliedern des Palmenordens gehörte und sich betont als Bürger gab, war dem Fürsten zuwider.)

Wie gut, daß sie in Oesedes Rappenhof Nachricht hinterlassen hatten, wo man sich anderenorts aus gleichem Anlaß, der so arg gebeutelten Sprache wegen und um dem Friedenshandel nah zu sein, versammeln werde. Dort wolle man tagen, bis alles, die Not und das Glück der Poeterei wie das Elend des Vaterlandes, besprochen sei.

Es werde ihnen Opitz fehlen und Fleming. Ob es gelingen könne, die Theorie kleinzuhalten? Und ob sonst noch wer komme, uneingeladen? Darüber sinnend und seine Frau Regina leiblich herbeisehnend, glitt Dach in den Schlaf.

3

Oder er schrieb noch an seine Regina, geborene Pohl, die überall auf dem Kneiphof oder von den Studenten der Akademie, im Kreis seiner Freunde Albert, Blum, Roberthin und selbst vom Kurfürsten die Pohlin oder Dachs Pohlin genannt wurde. Sein anfangs verzweifelter, dann über die Umstände der Quartiersuche belustigter, zum Schluß den Verlauf des Treffens Gottes Rat und Güte empfehlender Brief sollte in Königsberg Bericht geben, ohne nach dem tieferen Sinn des Geschehens zu fragen: Wie grob ihnen der Schwed in Oesede die Tür gewiesen; wie Gelnhausen, den man Christoffel oder Stoffel nenne, vier bespannte Planwagen aus dem Fuhrpark der protestantischen Stände requiriert habe; wie man bei Nacht und zunehmendem Mond hinter den Pechfackeln der Kaiserlichen Reiter, doch verschont von ferngrollenden Gewittern, den gefurchten Weg in Richtung Münster nach Telgte genommen; wie unterwegs schon der Moscherosch mit Greflinger und Lauremberg Brandwein zu saufen, Gassenhauer zu grölen und den allzeit würdigen Gerhardt zu hänseln begonnen hätten; wie aber Czepko und der alte Weckherlin dem Empfindsamen beherzt beigesprungen seien, so daß sie den Rest des Weges, zumindest in drei der vier Planwagen, mit geistigem Gesang genommen hätten, wobei Gerhardts jüngst ausgedrucktes Strophenlied »Nun ruhen alle Wälder - Vieh Menschen Städt und Felder - Es schläft die gantze Welt…« sogar die Saufbrüder mitgerissen habe; und wie die meisten, der rundum feist gewordene Gryphius an seiner Seite, überm Singen in Schlaf gefallen seien, so daß am Ziel ihrer Reise der freche Handel des Gelnhausen, der ihrer Gesellschaft beredt, bis daß man’s hätte riechen können, die Pest angedichtet habe, nicht oder zu spät zu bemerken gewesen sei; und wie man trotz oder wegen der verfluchten und doch - wie er’s für sich täte - zu belächelnden Unmoral ins Bett gefunden: die einen lachend über die ängstliche Hast der flüchtenden Pfeffersäcke und den schaurigen Witz noch begießend, die anderen leise den Herrgott um Vergebung bittend, aber alle doch müde genug, damit kein Streit zwischen den schlesischen Herren, den Nürnbergern und den Straßburgern habe ausbrechen und das Treffen nochmals gefährden können. Nur zwischen Rist und Zesen blitze es wie erwartet. Hingegen verspreche Buchner, weil Schottel nicht komme, mäßig zu bleiben. Die Schlesier hätten einen verängstigten Studenten mitgebracht. Hoffmannswaldau gebe sich überhaupt nicht wie ein adlig Söhnchen. Alle, bis auf Rist, der das Predigen nicht lassen könne, und Gerhardt, dem das literarische Treiben fremd sei, zeigten freundlichen Sinn füreinander. Sogar der Hurenhirt Greflinger füge sich und habe ihm, auf die Untreue seiner Flora schwörend, leidlichen Anstand versprochen. Allenfalls sei von Schneuber, den er mit Mißtrauen sehe, Hinterhältiges zu erwarten. Doch werde er notfalls den Haufen streng halten. Abgesehen von den Saufköppen in der Wirtsstube und ihm, der an seine Pohlin denke, sei jetzt nur noch jene doppelte und überdies kaiserliche Wache ohne Schlaf, die der Gelnhausen, ihnen zum Schutz, vor dem Brückenhof habe aufziehen lassen. Die Wirtin, zwar ein Luder, zeige sich übrigens als außergewöhnliche Person, die fließend mit Gryphius italienisch parliere, dem Magister Buchner sogar in Latein zurückgezahlt habe und im Literarischen wie eine Füchsin im Gänsestall bewandert sei. So füge sich alles merkwürdig, als folge man höherem Plan. Einzig der pfäffische Ort sei ihm nicht geheuer. Man vermute in Telgte heimliche Treffen der Wiedertäufer. Der Geist des Knipperdolling gehe hier noch immer um. Unheimlich mute die Gegend an, doch offenbar geeignet für Zusammenkünfte.

Was Simon Dach sonst noch seiner Pohlin schrieb, will ich den beiden lassen. Nur seine letzten, schlafbringenden Gedanken sind mir zur Hand: Sie kreisten um das Für und Wider, waren dem Geschehen hinterdrein und voraus, ließen Personen auf- und abtreten, wiederholten sich. Ich will sie ordnen.

Dach hatte keine Zweifel an der Nützlichkeit des so lange vorbereiteten Treffens. Es waren, solange der Krieg schon dauerte, versammelnde Wünsche mehr geseufzt als geplant worden. Hatte ihm doch Opitz, noch kurz vor seinem Tod solche Zusammenkunft bedenkend, aus seiner Danziger Zuflucht geschrieben: »Ein treff allmöglicher Poeten, in Breslaw oder im Preußenland, sollt vnsre sach einig machen, derweil das Vaterland zerrissen…«