Katz und Maus - Günter Grass - E-Book
Beschreibung

Mit dieser Novelle über eine Jugend zwischen kleinbürgerlicher Normalität, nationalsozialistischer Ideologie und Kriegsfuror, zeige sich Günter Grass als Meister der kleinen Form, urteilte die Kritik. Einige jedoch hätten das Buch lieber indiziert gesehen: Ein pornographisches und blasphemisches Machwerk sei es, geeignet „Kinder und Jugendliche sittlich zu gefährden“. Die Novelle wurde ein überwältigender internationaler Erfolg. Auch über fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen hat die Geschichte von Joachim Mahlke, den sein riesiger Adamsapfel zum Außenseiter macht, nichts von ihrer Faszination verloren.

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MOBI

Seitenzahl:188


Günter Grass

Katz und Maus

Inhaltsverzeichnis
Katz und Maus
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
Impressum

I

…und einmal, als Mahlke schon schwimmen konnte, lagen wir neben dem Schlagballfeld im Gras. Ich hätte zum Zahnarzt gehen sollen, aber sie ließen mich nicht, weil ich als Tickspieler schwer zu ersetzen war. Mein Zahn lärmte. Eine Katze strich diagonal durch die Wiese und wurde nicht beworfen. Einige kauten oder zupften Halme. Die Katze gehörte dem Platzverwalter und war schwarz. Hotten Sonntag rieb sein Schlagholz mit einem Wollstrumpf. Mein Zahn trat auf der Stelle. Das Turnier dauerte schon zwei Stunden. Wir hatten hoch verloren und warteten nun auf das Gegenspiel. Jung war die Katze, aber kein Kätzchen. Im Stadion wurden oft und wechselseitig Handballtore geworfen. Mein Zahn wiederholte ein einziges Wort. Auf der Aschenbahn übten Hundertmeterläufer das Starten oder waren nervös. Die Katze machte Umwege. Über den Himmel kroch langsam und laut ein dreimotoriges Flugzeug, konnte aber meinen Zahn nicht übertönen. Die schwarze Katze des Platzverwalters zeigte hinter Grashalmen ein weißes Lätzchen. Mahlke schlief. Das Krematorium zwischen den Vereinigten Friedhöfen und der Technischen Hochschule arbeitete bei Ostwind. Studienrat Mallenbrandt pfiff: Wechsel Fangball Übergetreten. Die Katze übte. Mahlke schlief oder sah so aus. Neben ihm hatte ich Zahnschmerzen. Die Katze kam übend näher. Mahlkes Adamsapfel fiel auf, weil er groß war, immer in Bewegung und einen Schatten warf. Des Platzverwalters schwarze Katze spannte sich zwischen mir und Mahlke zum Sprung. Wir bildeten ein Dreieck. Mein Zahn schwieg, trat nicht mehr auf der Stelle: denn Mahlkes Adamsapfel wurde der Katze zur Maus. So jung war die Katze, so beweglich Mahlkes Artikel — jedenfalls sprang sie Mahlke an die Gurgel; oder einer von uns griff die Katze und setzte sie Mahlke an den Hals; oder ich, mit wie ohne Zahnschmerz, packte die Katze, zeigte ihr Mahlkes Maus: und Joachim Mahlke schrie, trug aber nur unbedeutende Kratzer davon.

Ich aber, der ich Deine Maus einer und allen Katzen in den Blick brachte, muß nun schreiben. Selbst wären wir beide erfunden, ich müßte dennoch. Der uns erfand, von berufswegen, zwingt mich, wieder und wieder Deinen Adamsapfel in die Hand zu nehmen, ihn an jeden Ort zu führen, der ihn siegen oder verlieren sah; und so lasse ich am Anfang die Maus über dem Schraubenzieher hüpfen, werfe ein Volk vollgefressene Seemöwen hoch über Mahlkes Scheitel in den sprunghaften Nordost, nenne das Wetter sommerlich und anhaltend schön, vermute, daß es sich bei dem Wrack um ein ehemaliges Boot der Czaika-Klasse handelt, gebe der Ostsee die Farbe dickglasiger Seltersflaschen, lasse nun, da der Ort der Handlung südöstlich der Ansteuerungstonne Neufahrwasser festgelegt ist, Mahlkes Haut, auf der immer noch Wasser in Rinnsalen abläuft, feinkörnig bis graupelig werden; doch nicht die Furcht, sondern das übliche Frösteln nach zu langem Baden besetzte Mahlke und nahm seiner Haut die Glätte.

Dabei hatte keiner von uns, die wir dürr und langarmig zwischen seitlich wegragenden Knien auf den Resten der Kommandobrücke hockten, von Mahlke verlangt, nochmals in den Bugraum des abgesoffenen Minensuchbootes und in den mittschiffs anstoßenden Maschinenraum zu tauchen, etwas mit seinem Schraubenzieher abzufummeln, ein Schräubchen, Rädchen oder was Dolles: ein Messingschild, dichtbeschrieben mit den Bedienungsanweisungen irgendeiner Maschine in polnischer und englischer Sprache; denn wir hockten ja auf allen über dem Wasserspiegel ragenden Brückenaufbauten eines ehemaligen, in Modlin vom Stapel gelaufenen, in Gdingen fertiggestellten polnischen Minensuchbootes der Czaika-Klasse, das im Jahr zuvor südöstlich der Ansteuerungstonne, also außerhalb der Fahrrinne und ohne den Schiffsverkehr zu behindern, abgesoffen war.

Seitdem trocknete Möwenmist auf dem Rost. Sie flogen bei jedem Wetter fett glatt, mit seitlichen Glasperlenaugen manchmal knapp und fast zum Greifen über den Resten des Kompaßhäuschens, dann wieder hoch wirr und nach einem Plan, der nicht zu entziffern war, spritzten im Flug ihren schleimigen Mist und trafen nie die weiche See aber immer den Rost der Brückenaufbauten. Hart stumpf kalkig dauerten die Ausscheidungen in Klümpchen dicht bei dicht, auch in Klumpen übereinander. Und immer, wenn wir auf dem Boot saßen, gab es Fußnägel Fingernägel, die den Mist abzusprengen versuchten. Deswegen brachen unsere Nägel, und nicht, weil wir – außer Schilling, der immer kaute und Niednägel hatte – an unseren Fingernägeln kauten. Nur Mahlke besaß lange, wenn auch vom vielen Tauchen gelbliche Nägel und bewahrte sich ihre Länge, indem er weder kaute noch Möwenmist kratzte. Auch blieb er der einzige, der nie von dem weggestemmten Mist aß, während wir, weil sich das anbot, kalkige Klümpchen wie Muschelsplitt kauten und als schaumigen Schleim über Bord spuckten. Das Zeug schmeckte nach nichts oder nach Gips oder nach Fischmehl oder nach allem, was sich vorstellte: nach Glück, Mädchen, nach dem lieben Gott. Winter, der ganz gut singen konnte, gab an: »Wißt ihr, daß Tenöre täglich Möwenmist essen?« Oft fingen die Möwen unsere kalkige Spucke im Flug und merkten wohl nichts.

Als Joachim Mahlke kurz nach Kriegsbeginn vierzehn Jahre alt wurde, konnte er weder schwimmen noch radfahren, fiel überhaupt nicht auf und ließ jenen Adamsapfel vermissen, der später die Katze anlockte. Vom Turnen und Schwimmen war er suspendiert, weil er sich als kränklich ausweisen konnte, indem er Atteste vorzeigte. Noch bevor Mahlke das Radfahren lernte und steif verbissen, mit hochrot abstehenden Ohren und seitlich verbogenen, auf-und-untertauchenden Knien eine komische Figur abgab, meldete er sich während der Wintersaison im Hallenbad Niederstadt zum Schwimmen, wurde aber vorerst nur zum Trockenschwimmen mit Acht- bis Zehnjährigen zugelassen. Auch im folgenden Sommer war er noch nicht soweit. Der Bademeister der Anstalt Brösen, eine typische Bademeisterfigur mit Bojenleib und dünnen haarlosen Beinen unter dem stoffbespannten Seezeichen, mußte Mahlke zuerst im Sand drillen und dann an die Angel nehmen. Doch als wir ihm Nachmittag um Nachmittag davonschwammen und Wunderdinge von dem abgesoffenen Minensuchboot erzählten, bekam er mächtigen Auftrieb, schaffte es innerhalb von zwei Wochen — und schwamm sich frei.

Ernst und beflissen zog er zwischen dem Seesteg, dem großen Sprungturm und der Badeanstalt hin und her und mochte im Schwimmen schon einige Ausdauer haben, als er vom Wellenbrecher des Seesteges mit Tauchübungen begann, zuerst simple Ostseemuscheln hochholte, dann nach einer sandgefüllten Bierflasche tauchte, die er ziemlich weit rauswarf. Wahrscheinlich gelang es Mahlke bald, die Buddel regelmäßig vom Grund hochzuholen, denn als er bei uns auf dem Kahn zu tauchen anfing, war er kein Anfänger mehr.

Er bettelte, mitschwimmen zu dürfen. Gerade wollten wir, sechs oder sieben Mann stark, unseren täglichen Kurs einschlagen, feuchteten uns umständlich vorsorglich im seichten Quadrat des Familienbades an, da stand Mahlke auf dem Laufsteg des Herrenbades: »Nehmt mich doch mit. Ich schaff es bestimmt.«

Ein Schraubenzieher hing ihm unter der Gurgel und lenkte von seiner Gurgel ab.

»Na schön!« Mahlke kam mit, überholte uns zwischen der ersten und der zweiten Sandbank, und wir gaben uns keine Mühe, ihn einzuholen: »Der soll sich mal abstrampeln.«

Wenn Mahlke in Brustlage schwamm, tanzte ihm der Schraubenzieher deutlich, denn das Ding hatte einen Holzgriff, zwischen den Schulterblättern. Schwamm Mahlke auf dem Rücken, torkelte der Holzgriff auf seiner Brust, verdeckte aber nie vollkommen jenen fatalen Knorpel zwischen Kinnlade und Schlüsselbein, der als Rückenflosse ausgefahren blieb und eine Kielspur riß.

Und dann zeigte Mahlke es uns. Er tauchte mehrmals kurz nacheinander mit seinem Schraubenzieher und brachte hoch, was sich nach zwei- oder dreimaligem Tauchen abschrauben ließ: Deckel, Verschalungsteile, ein Stück von der Lichtmaschine, fand unten ein Seil, seilte mit dem brüchigen Drussel einen waschechten Minimax aus dem Vorschiff hoch; und das Ding — deutsches Fabrikat übrigens — war noch brauchbar; Mahlke bewies es uns, löschte mit Schaum, zeigte uns, wie man mit Schaum löscht, löschte mit Schaum die glasgrüne See — und stand vom ersten Tag an ganz groß da.

Die Flocken lagen noch in Inseln und verzogenen Streifen auf flacher gleichatmiger Dünung, lockten wenige Möwen, stießen die Möwen ab, fielen zusammen und trieben, eine einzige Sauerei sauer gewordener Schlagsahne, gegen den Strand; da machte auch Mahlke Feierabend, hockte sich in den Schatten des Kompaßhäuschens und bekam nun, nein, hatte schon lange, noch bevor verirrte Schaumfetzen auf der Brücke ermüdeten und unter jedem Lüftchen zitterten, diese körnige schrumpfende Haut.

Mahlke bibberte, ließ die Gurgel fliegen; und sein Schraubenzieher machte über geschüttelten Schlüsselbeinen Tänzchen. Aber auch Mahlkes Rücken, eine streckenweis käsige, von den Schultern abwärts krebsrot verbrannte Fläche, der sich immer wieder beiderseits der reibbrettartig durchtretenden Wirbelsäule neuverbrannt die Haut schälte, wurde mit Graupeln beworfen und von wandernden Schauern verzogen. Gelbliche Lippen hatten blaue Ränder und entblößten Mahlkes klappernde Zähne. Mit großen ausgelaugten Händen versuchte er, beide Knie, die sich an den muschelüberzogenen Schotts aufgescheuert hatten, festzuhalten und so seinem Körper, auch seinen Zähnen Widerstand zu bieten.

Hotten Sonntag — oder war ich es? — rieb Mahlke ab: »Mensch, hol dir bloß nischt. Wir müssen ja noch zurück.« Der Schraubenzieher wurde vernünftiger.

Hin brauchten wir, von der Mole aus fünfundzwanzig, von der Badeanstalt aus fünfunddreißig Minuten. Eine gute Dreiviertelstunde verlangte der Rückweg. Er mochte noch so ausgepumpt sein, immer war er eine deutliche Minute vor uns auf dem Molengranit. Den Vorsprung des ersten Tages hielt er auch weiterhin. Jedesmal, bevor wir den Kahn — so hieß bei uns der Minensucher — erreichten, war Mahlke schon einmal unten gewesen und zeigte uns, sobald wir mit Waschfrauenhänden ziemlich gleichmäßig nach dem Rost und Möwenmist der Brücke oder den ausladenden Drehkränzen langten, irgendein Scharnier, etwas, das sich leicht hatte lösen lassen, wortlos vor und fröstelte schon, obgleich er sich vom zweiten oder dritten Herausschwimmen an dick und verschwenderisch mit Nivea eincremte; denn Taschengeld hatte Mahlke genug.

Mahlke war einziges Kind zu Hause.

Mahlke war Halbwaise.

Mahlkes Vater lebte nicht mehr.

Mahlke trug im Winter wie im Sommer altmodische hohe Schuhe, die er von seinem Vater geerbt haben mochte.

An einem Schnürsenkel für hohe schwarze Schuhe trug Mahlke den Schraubenzieher am Hals.

Jetzt erst fällt mir ein, daß Mahlke außer dem Schraubenzieher noch etwas und aus Gründen am Hals trug; aber der Schraubenzieher war auffälliger.

Wahrscheinlich immer schon, doch wir hatten nie darauf geachtet, sicher vom Tage an, da Mahlke in der Badeanstalt das Trockenschwimmen erlernte und im Seesand Figuren strampeln mußte, trug er am Hals ein silbernes Kettchen, dem etwas silbern Katholisches anhing: die Jungfrau.

Nie, auch während der Turnstunde nicht, nahm sich Mahlke den Anhänger vom Hals; denn kaum hatte er in der winterlichen Schwimmhalle Niederstadt mit dem Trockenschwimmen und Schwimmen an der Angel begonnen, trat er auch in unserer Turnhalle auf und zeigte nie mehr ein Attest irgendeines Familienarztes vor. Entweder verschwand der Anhänger im Ausschnitt des Turnhemdes, oder die silberne Jungfrau lag knapp überm roten Bruststreifen auf weißem Turnhemdstoff.

Mahlke schwitzte auch am Barren nicht. Selbst Übungen am Langpferd, bei denen nur noch die drei oder vier Besten der ersten Riege mitmachten, ließ er nicht aus, sondern segelte krumm und grobknochig vom Federsprungbrett übers lange Leder, landete mit Kettchen und verrutschter Jungfrau schief auf der Matte und ließ Staub aufwölken. Wenn er am Reck Kniewellen machte — später gelang es ihm, in mieser Haltung zwei Kniewellen mehr zu drehen, als Hotten Sonntag, unser bester Turner, schaffte —, wenn Mahlke also seine siebenunddreißig Kniewellen würgte, zog es ihm den Anhänger aus dem Turnhemd, und das Silberding wurde siebenunddreißigmal, immer seinen mittelbraunen Haaren voraus, um die knirschende Reckstange geschleudert, ohne vom Hals loskommen und Freiheit gewinnen zu können, denn Mahlke hatte außer der bremsenden Gurgel jenen ausladenden Hinterkopf, der mit Haaransatz und deutlichem Knick dem rutschenden, durch Kniewellen entfesselten Kettchen Halt bot. Der Schraubenzieher lag über dem Anhänger, und der Schnürsenkel deckt streckenweise das Kettchen. Dennoch verdrängte das Werkzeug den Anhänger nicht, zumal das Ding mit dem Holzgriff nicht in die Turnhalle hineindurfte. Unser Turnlehrer, ein gewisser Studienrat Mallenbrandt, der in Turnerkreisen berühmt war, weil er ein richtungweisendes Regelbuch für das Schlagballspiel geschrieben hatte, verbot Mahlke, den Schraubenzieher am Schnürsenkel während der Turnstunde zu tragen. Das Amulett an Mahlkes Hals beanstandete Mallenbrandt nie, weil er außer Leibeserziehung und Geografie auch Religion unterrichtete und bis ins zweite Kriegsjahr hinein die Reste eines katholischen Arbeiter-Turnvereins unters Reck und an den Barren zu führen verstand.

So mußte der Schraubenzieher im Umkleideraum am Haken überm Hemd warten, während die silberne, leicht abgegriffene Jungfrau an Mahlkes Hals halsbrecherischen Übungen Beistand gewähren durfte.

Ein gewöhnlicher Schraubenzieher: stabil und billig. Oft mußte Mahlke, um ein schmales Schildchen, nicht größer als ein Namensschild seitlich einer Wohnungstür, das von zwei Schrauben gehalten wurde, lösen und hochbringen zu können, fünf- bis sechsmal tauchen, besonders, wenn das Schildchen an Metallteilen haftete und beide Schrauben eingerostet waren. Dafür gelang es ihm manchmal, größere Schilder mit viel Text schon nach zweimaligem Tauchen und indem er den Schraubenzieher als Brecheisen benutzte, samt Schrauben aus morscher Holzverschalung zu stemmen und die Beute auf der Brücke vorzuzeigen. Gesammelt hat er die Schildchen nachlässig, hat Winter und Jürgen Kupka, die hemmungslos alles Abschraubbare, auch Straßenschilder und die Schildchen der öffentlichen Toiletten sammelten, viel geschenkt und nur jene Brocken nach Hause genommen, die zu seinem Kram paßten.

Mahlke machte es sich nicht leicht: Wenn wir auf dem Kahn dösten, arbeitete er unter Wasser. Wir kratzten am Möwenmist, wurden zigarrenbraun, und wer blonde Haare hatte, bekam strohblondes Haar; doch Mahlke holte sich allenfalls einen neuen Sonnenbrand. Wenn wir den Schiffsverkehr nördlich der Ansteuerungstonne verfolgten, hatte er unverrückbar den Blick nach unten: gerötete, bißchen entzündete Lider mit wenig Wimpern um, glaube, hellblaue Augen, die erst unter Wasser neugierig wurden. Mehrmals kam Mahlke ohne Schildchen, ohne Beute, aber mit abgebrochenem oder hoffnungslos verbogenem Schraubenzieher zurück. Auch den zeigte er und machte Eindruck. Jene Geste, mit der er das Ding über die Schulter in die See warf und sogleich Möwen irritierte, wurde weder von flauer Enttäuschung noch von zielloser Wut gesteuert. Nie warf Mahlke kaputtes Werkzeug mit gespielter oder tatsächlicher Gleichgültigkeit hinter sich. Auch das Wegwerfen besagte noch: Jetzt zeige ich es Euch bald von der anderen Seite!

…und einmal — ein doppelschornsteiniges Lazarettschiff war eingelaufen, und wir hatten nach kurzem Hin und Her die »Kaiser« vom Seedienst Ostpreußen ausgemacht, ging Joachim Mahlke ohne Schraubenzieher hinunter in den Bugraum, verschwand in der aufgebrochenen, schiefergrün trüben, knapp überspülten Luke des Vorschiffes, klammerte mit zwei Fingern die Nase, war mit dem Kopf und platt anliegenden, vom Schwimmen und Tauchen in der Mitte gescheitelten Haaren zuerst weg, zog Rücken und Gesäß nach, stieß links einmal leer die Luft und drückte sich dann mit beiden Sohlen vom Lukenrand schräg nach unten ab, in das schummrig kühle Aquarium, das durch offene Bullaugen Flutlicht bekam: nervöse Stichlinge, ein stehender Schwarm Neunaugen, schlingernde, noch festgezurrte Hängematten des Mannschaftslogis, verfilzt und von Tangbärten umwallt, in denen Strömlinge ihre Kinderstube hatten. Ganz selten ein abgekommener Dorsch. Von Aalen nur Gerüchte. Nie Flundern.

Wir hielten unsere leicht zitternden Knie, mahlten Möwenmist zu Qualster, waren mäßig gespannt, halb ermüdet halb gefesselt, zählten Marinekutter, die im Verband fuhren, hielten uns an den immer noch senkrecht Rauch zeichnenden Schornsteinen des Lazarettschiffes fest, schauten uns seitlich an — er blieb lange unten —, Möwen kreiselten, Dünung über dem Vorschiff gurgelte, brach sich an den Halterungen des abmontierten Buggeschützes, Klatschen hinter der Brücke, wo zwischen Entlüftern das Wasser rückläufig wurde und immer dieselben Nieten leckte, Kalk unterm Fingernagel, Jucken der trocknen Haut, Flimmern, Motortuckern mit dem Wind, Druckstellen, das Geschlecht halbsteif, siebzehn Pappeln zwischen Brösen und Glettkau — da kam er hochgeschossen: blaurot ums Kinn und gelblich über den Backenknochen, riß Wasser aus der Luke, streng in der Mitte gescheitelt, taumelte kniehoch umspült übers Vorschiff, griff nach den ragenden Halterungen, ging auf die Knie, glotzte wäßrig, und wir mußten ihn auf die Brücke ziehen. Aber während es ihm noch aus der Nase und den Mundwinkeln lief, zeigte er uns schon das Ding, einen stählernen Schraubenzieher aus einem Stück. War englisches Werkzeug. Stand eingestanzt drauf: Sheffield. Kein bißchen Rost, ohne Narben, noch mit der Fettschicht gefirmt: Wasser kugelte sich und rollte ab.

Diesen schweren, sagen wir, unzerbrechlichen Schraubenzieher trug Joachim Mahlke über ein Jahr lang, auch als wir nicht mehr oder seltener zu dem Kahn hinschwammen, tagtäglich am Schnürsenkel um den Hals und trieb damit, obgleich oder weil er katholisch war, eine Art Kult, gab das Ding, zum Beispiel, vor der Turnstunde Studienrat Mallenbrandt, da er Diebe fürchtete, in Verwahrung und nahm den Brocken auch in die Marienkapelle mit; denn nicht nur am Sonntag, auch während der Woche ging Mahlke, noch vor Schulbeginn, zur Frühmesse in die Kapelle auf dem Marineweg, unterhalb der Genossenschaftssiedlung Neuschottland.

Er und sein englischer Schraubenzieher hatten es nicht weit zur Marienkapelle: raus aus der Osterzeile, den Bärenweg hinunter. Viel Zweistöckiges, auch Villen mit Doppeldächern, Säulenportalen und Spalierobst. Dann zwei Reihen Siedlung, unverputzt oder verputzt mit Wasserflecken. Rechts bog die Straßenbahn ab und mit ihr die Oberleitung vor zumeist halbbedecktem Himmel. Links sandig magere Schrebergärten der Eisenbahner: Lauben und Kaninchenställe aus dem schwarzroten Holz ausrangierter Güterwagen. Dahinter Signale der Gleise zum Freihafen hin. Silos, bewegliche oder starre Kräne. Fremd und farbstark die Aufbauten der Frachter. Immer noch die beiden grauen, altmodisch getürmten Linienschiffe, das Schwimmdock, die Brotfabrik Germania; und silbrig satt, auf halber Höhe, einige sanft schlingernde Fesselballone. Rechter Hand aber, halbvorgelagert der ehemaligen Helene-Lange-Schule, dann Gudrun-Schule, die den eisernen Wirrwarr Schichauwerft, bis auf den großen Hammerkran, verdeckte, gutgepflegte Sportplätze, neugestrichene Tore, auf kurzem Rasen weißgestreute Markierungen der Strafräume: sonntags Blaugelb gegen Schellmühl 98 — keine Tribüne aber eine moderne hochfenstrige und hellocker gestrichene Turnhalle, der jedoch, fremd genug, auf neurotem Dach ein geteertes Kreuz ritt; denn die Marienkapelle, eine ehemalige Turnhalle des Sportvereines Neuschottland, hatte man als Notkirche einrichten müssen, weil die Herz-Jesu-Kirche zu weit ab lag und die Leute in Neuschottland, auf Schellmühl und in der Siedlung zwischen Osterzeile und Westerzeile, zumeist Werftarbeiter, Angestellte der Post und Eisenbahner, jahrelang Eingaben nach Oliva, wo der Bischof saß, geschickt hatten, bis man, noch während der Freistaatzeit, die Turnhalle kaufte, sie umbauen und einsegnen ließ.

Da sich der Turnhallencharakter der Marienkapelle trotz farbenreicher gewundener Bilder und Dekorstücke, die aus den Kellern und Abstellräumen fast aller Pfarrkirchen des Bistums, auch aus Privatbesitz stammten, nicht leugnen und verstellen ließ — selbst Weihrauch- und Wachskerzenduft übertönte nicht immer und nie genug den Kreide-Leder-Turnermief vergangener Jahre und Hallenhandballmeisterschaften—, haftete der Kapelle untilgbar etwas evangelisch Karges, die fanatische Nüchternheit eines Betsaales an.

In der neugotischen, Ende des neunzehnten Jahrhunderts aus Backsteinen getürmten Herz-Jesu-Kirche, die abseits der Siedlungen, nahe dem Vorortbahnhof lag, hätte sich Joachim Mahlkes stählerner Schraubenzieher fremd und lästerlich häßlich ausgenommen. In der Marienkapelle hätte er das englische Qualitätswerkzeug getrost offen tragen können: das Kapellchen mit gepflegtem Linoleumfußboden, mit quadratischen, dicht unter der Decke ansetzenden Milchglasscheiben, mit sauber ausgerichteten eisernen Halterungen im Fußboden, die einst dem Reck Halt und Sicherheit gegeben hatten, mit den eisernen, wenn auch weiß getünchten Querträgern unter der grobkörnigen, von Verschalungsbrettern gerillten Betondecke, an denen vormals die Ringe, das Trapez und das halbe Dutzend Kletterseile ihre Verankerung gehabt hatten, war, obgleich in allen Ecken bemalter vergoldeter und plastisch segnender Gips stand, dennoch ein solch modern kühl sachliches Kapellchen, daß der freihängende stählerne Schraubenzieher, den ein betender, dann kommunizierender Gymnasiast vor der Brust baumeln zu lassen für notwendig hielt, weder den wenigen Frühmessebesuchern noch Hochwürden Gusewski und seinem verschlafenen Ministranten — das war oft genug ich — peinlich aufgefallen wäre.

Falsch! Mir wäre das Ding bestimmt nicht entgangen. Wenn immer ich vorm Altar diente, sogar während der Stufengebete, versuchte ich, Dich aus verschiedenen Gründen im Auge zu behalten: aber Du wolltest es wohl nicht darauf ankommen lassen, behieltest das Ding am Schnürsenkel unterm Hemd und hattest deswegen die auffallenden und den Schraubenzieher vage nachzeichnenden Flecke vom Schmierfett im Hemdenstoff. Er kniete, vom Altar aus gesehen, in der zweiten Bank der linken Bankreihe und zielte sein Gebet mit offenen, glaube, hellgrauen, zumeist vom Tauchen und Schwimmen entzündeten Augen in Richtung Jungfrau, Marienaltar.

…und einmal — ich weiß nicht mehr, in welchem Sommer — war es während der ersten großen Ferien auf dem Kahn, kurz nach dem Rummel in Frankreich, war es im Sommer danach? — an einem Tag, heiß dunstig, mit Gewühle im Familienbad, schlaffen Wimpeln, quellendem Fleisch, starkem Umsatz der Erfrischungsbuden, auf sengenden Fußsohlen über Kokosläufern, vor geschlossenen Badezellen voller Gekicher, zwischen entfesselten Kindern: was sich wälzte, kleckerte, den Fuß aufschnitt; und mittenmang der heute dreiundzwanzigjährigen Aufzucht, unterhalb fürsorglich gebeugter Erwachsener, schlug ein etwa dreijähriger Balg monoton hölzern auf eine Kinderblechtrommel und ließ den Nachmittag zu einer höllischen Schmiede werden — da lösten wir uns, schwammen zu unserem Kahn, waren vom Strand aus, für den Feldstecher des Bademeisters etwa, sechs kleiner werdende Köpfe, unterwegs; und einer voraus und als erster am Ziel.

Wir warfen uns auf den windgekühlten, dennoch glühenden Rost und Möwenmist, waren nicht mehr zu bewegen, während Mahlke schon zweimal unten gewesen war. Mit beladener linker Hand kam er hoch, hatte im Vorschiff und Mannschaftslogis, in und unter den halbverfaulten, entweder schlaff wedelnden oder immer noch festgezurrten Hängematten, in Schwärmen schillernder Stichlinge, zwischen Tangwäldern und stiebenden Neunaugen gewühlt, geschabt und in durchwachsenem Plunder, einst Seesack des Matrosen Witold Duszynski oder Liszinski, eine handgroße Bronzeplakette gefunden, die auf der einen Seite, unter kleinem erhabenem polnischen Adler, den Namen des Plakettenbesitzers sowie das Datum der Verleihung, auf der anderen Seite das Relief eines schnauzbärtigen Generals zeigte: Nach einigem Reiben mit Sand und pulvrigem Möwenmist sagte die rundumlaufende Plaketteninschrift aus, daß Mahlke das Portrait des Marschall Pilsudski an die Luft gebracht hatte.

Vierzehn Tage lang war Mahlke nur noch auf Plaketten aus, fand auch ein zinntellerartiges Erinnerungsstück an eine Segelregatta des Jahres vierunddreißig auf der Reede von Gdingen — und mittschiffs, noch vor dem Maschinenraum, in der engen und schwer zugänglichen Offiziersmesse, jene markstückgroße Medaille aus Silber, mit Silberöse zum Aufhängen, deren Hinterseite namenlos platt und abgewetzt, deren Vorderseite reich profiliert und geschmückt war: das stark erhabene Relief der Jungfrau mit Kind.

Es handelte sich, wie die gleichfalls erhabene Inschrift bewies, um die berühmte Matka Boska Czestochowska; und Mahlke putzte das Silber nicht, ließ dem Ding die schwärzliche Patina, als er auf der Brücke entdeckte, was er hochgebracht hatte, und wir ihm Treibsand zum Putzen anboten.

Aber während wir noch stritten und das Silber glänzen sehen wollten, kniete er schon im Schatten des Kompaßhäuschens und schob den Fund solange vor seinen Knubbelknien hin und her, bis er im geeigneten Winkel für seine zur Andacht gesenkten Augen lag. Wir lachten, als er bibbernd und bläulich mit ausgelaugten Fingerspitzen das Kreuz schlug, die fliegenden Lippen einem Gebet gemäß zu bewegen versuchte und etwas Latein hinterm Kompaßhäuschen hervorklapperte. Ich glaube noch heute, es war damals schon etwas aus seiner Lieblingssequenz, die sonst nur am Freitag vor Palmsonntag laut wurde: »Virgo virginum praeclara — Mihi iam non sis amara…«

Später, nachdem unser Direktor, Oberstudienrat Klohse, Mahlke verboten hatte, den polnischen Artikel offen und während des Unterrichtes am Hals zu tragen — Klohse war Amtsleiter, unterrichtete aber nur selten in Parteikluft —, begnügte Joachim Mahlke sich mit dem altgewohnten kleinen Amulett und dem stählernen Schraubenzieher unter jenem Adamsapfel, der einer Katze als Maus gegolten hatte.

Er hängte die schwärzliche Silberjungfrau zwischen Pilsudskis Bronzeprofil und das postkartengroße Foto des Kommodore Bonte, des Helden von Narvik.