Ein weites Feld - Günter Grass - E-Book
Beschreibung

Berlin 1989, Wendezeit. An der durchlässig gewordenen Mauer entlang gehen zwei alte Männer: der Bürobote Theo Wuttke, genannt Fonty, und sein „Tagundnachtschatten“ Hoftaller, der ewige Spitzel. Beider Erinnerungen reichen über große Distanzen, beide leben Vorgängern nach, beiden ist Vergangenheit so gegenwärtig wie die sich überstürzenden Tagesereignisse… Aus der Gegenüberstellung ungewöhnlicher Lebensläufe und politischer Ereignisse entsteht ein Panorama deutscher Geschichte zwischen der Märzrevolution von 1848 und unseren Tagen.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:1000


Günter Grass

Ein weites Feld

Die Gestalt des Tallhover, die in dem vorliegenden Roman als Hoftaller

fortlebt, entstammt dem 1986 bei Rowohlt/Reinbek erschienenen

Inhaltsverzeichnis
ERSTES BUCH
1 Bei den Mauerspechten
2 Annähernd schottisch
3 Wie von Liebermanns Hand
4 Viele Vaterunser lang
5 Im Sofa versunken
6 Zwischen Enten ein Haubentaucher
7 Vorm Doppelgrab
8 Für hartes Geld auf Märchenreise
ZWEITES BUCH
9 Es sind die Nerven
10 Warum am Ringfinger gezerrt wurde
11 Mit gespitztem Blei
12 Auf chinesischem Teppich
13 Vom Wechselkurs fester Glaubenswerte
14 Marthas Hochzeit
15 Weshalb die Braut weinte
DRITTES BUCH
16 Nach Stralsund und weiter
17 Inselgäste
18 Beim Wassertreten
19 Allein im Boot
20 Platzwechsel
21 Beim Rudern geplaudert
22 Zu dritt im Boot
23 Freude! Freude!
VIERTES BUCH
24 Von Brücke zu Brücke
25 Am Abgrund
26 Ein Zimmer mit Tisch
27 Im Dienst der Treuhand
28 Vor das Denkmal gestellt
29 Vom Denkmal herab gesprochen
30 Ein Mord mehr
31 Frau Frühaufs Pflanzen
32 Auf Suche nach einem Wort
FÜNFTES BUCH
33 Falscher Alarm
34 Unter wechselnder Pflege
35 Sterbliche Reste
36 Diverse Brände oder: Wer hat gezündelt?
37 Mit ein wenig Glück
Impressum

1    Bei den Mauerspechten

Wir vom Archiv nannten ihn Fonty; nein, viele, die ihm über den Weg liefen, sagten: »Na, Fonty, wieder mal Post von Friedlaender? Und wie geht’s dem Fräulein Tochter? Überall wird von Metes Hochzeit gemunkelt, nicht nur auf dem Prenzlberg. Ist da was dran, Fonty?«

Selbst sein Tagundnachtschatten rief: »Aber nein, Fonty! Das war Jahre vor den revolutionären Umtrieben, als Sie Ihren Tunnelbrüdern bei Funzellicht was Schottisches, ne Ballade geboten haben…«

Zugegeben: es klingt albern, wie Honni oder Gorbi, dennoch muß es bei Fonty bleiben. Sogar seinen Wunsch nach dem abschließenden Ypsilon müssen wir mit einem hugenottischen Stempel beglaubigen.

Seinen Papieren nach hieß er Theo Wuttke, weil aber in Neuruppin, zudem am vorletzten Tag des Jahres 1919 geboren, fand sich Stoff genug, die Mühsal einer verkrachten Existenz zu spiegeln, der erst spät Ruhm nachgesagt, dann aber ein Denkmal gestiftet wurde, das wir, mit Fontys Worten, »die sitzende Bronze« nannten.

Ohne Rücksicht auf Tod und Grabstein, eher angestoßen vom ganzfigürlichen Monument, vor dem er als Kind oft allein und manchmal an des Vaters Hand gestanden hatte, übte sich schon der junge Wuttke - sei es als Gymnasiast, sei es in Luftwaffenblau - so glaubhaft ein bedeutendes Nachleben ein, daß der bejahrte Wuttke, dem die Anrede »Fonty« seit Beginn seiner Vortragsreisen für den Kulturbund anhing, eine Fülle von Zitaten auf Abruf hatte; und alle waren so treffend, daß er in dieser und jener Plauderrunde als Urheber auftreten konnte.

Er sprach von »meiner sattsam bekannten Birnenballade«, von »meiner Grete Minde und ihrer Feuersbrunst«, und immer wieder kam er auf Effi als seine »Tochter der Lüfte«. Dubslav von Stechlin und die aschblonde Lene Nimptsch, die gemmengesichtige Mathilde und die zu blaß geratene Stine, nebst Witwe Pittelkow, Briest in seiner Schwäche, Schach, wie er lächerlich wurde, der Förster Opitz und die kränkelnde Cécile, sie alle waren sein Personal. Nicht etwa zwinkernd, sondern durchlebter Leiden gewiß, klagte er uns seine Fron als Apotheker zur Zeit der achtundvierziger Revolution, sodann die ihm mißliche Lage als Sekretär der Preußischen Akademie der Künste - »Bin immer noch kolossal schlapp und nervenrunter« -, um gleichwegs von jener Krise zu berichten, die ihn fast in eine Heilanstalt gebracht hatte. Er war, was er sagte, und die ihn Fonty nannten, glaubten ihm aufs Wort, solange er plauderte und die Größe wie den Niedergang des märkischen Adels in pointenscharfe Anekdoten kleidete.

So hat er uns trübe Nachmittage verkürzt. Kaum saß er im Besuchersessel, legte er los. Ihm war ja alles geläufig; sogar die Irrtümer seiner Biographen, die er bei Laune »meine verdienstvollen Spurentilger« nannte, konnte er auflisten. Und als ihm sicher zu sein schien, daß er uns zum Modell wurde, rief er: »Wäre ridikül, mich als ›heiter darüberstehend‹ zu portraitieren!«

Oft war er besser als wir, seine »fleißigen Fußnotensklaven«. Den bei uns lagernden Briefwechsel, etwa mit der Tochter, konnte er derart zitatsicher abperlen, daß es ihm eine Lust gewesen sein muß, diese Korrespondenz in unvergänglicher Brieflaune fortzusetzen; schrieb er doch gleich nach der Öffnung der Berliner Mauer einen Metebrief an Martha Wuttke, die ihrer angegriffenen Nerven wegen in Thale am Harz zur Kur war: »…Mama hat sich natürlich zu Tränen verstiegen, während mir solche Ereignisse, die partout groß sein wollen, herzlich wenig bedeuten. Eher setze ich aufs aparte Detail, zum Beispiel auf jene jungen Burschen, unter ihnen exotisch fremdländische, die als sogenannte Mauerpicker oder Mauerspechte den zweifelsohne begrüßenswerten Abbruch dieser kilometerlangen Errungenschaft teils als Bildersturm, teils als Kleinhandel betreiben; sie rücken dem gesamtdeutschen Kunstwerk mit Hammer und Meißel zu Leibe, auf daß jedermann - und es fehlt nicht an Kundschaft - zu seinem Souvenir kommt…«

Hiermit ist gesagt, in welch zurückliegender Zeit wir Theo Wuttke, den alle Fonty nannten, aufleben lassen. Gleiches gilt für seinen Tagundnachtschatten. Ludwig Hoftaller, dessen Vorleben unter dem Titel »Tallhover« auf den westlichen Buchmarkt kam, wurde zu Beginn der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts tätig, stellte aber seine Praxis nicht etwa dort ein, wo ihm sein Biograph den Schlußpunkt gesetzt hatte, sondern zog ab Mitte der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts weiterhin Nutzen aus seinem überdehnten Gedächtnis, angeblich der vielen unerledigten Fälle wegen, zu denen der Fall Fonty gehörte.

So war es denn Hoftaller, der am Bahnhof Zoologischer Garten blechernes Ostgeld versilberte, damit er sein Objekt dank westlicher Währung einladen konnte, den siebzigsten Geburtstag zu feiern: »Da kann man nicht still drüber weg. Muß begossen werden.«

»Das wäre, als wollte man mir die vorletzte Ehre erweisen.«

Fonty erinnerte seinen altgewohnten Kumpan an eine Situation, die sich durch Einladung der »Vossischen Zeitung« ergeben hatte. Ein Brief des Chefredakteurs Stephany war ins Haus gekommen. Doch schon vor hundert Jahren hatte er postwendend lustlos reagiert: »Siebzig kann jeder werden, wenn er einen leidlichen Magen hat.«

Erst als Hoftaller versprach, nicht, wie damals die »Vossin«, an die vierhundert Spitzen der Berliner Gesellschaft zu versammeln, sondern den Kreis der Feiernden klein zu halten, ihn sogar, wenn gewünscht, radikal auf das betagte Geburtstagskind und ihn, den Nothelfer in schwieriger Lage, zu beschränken, gab Fonty klein bei: »Möchte mich zwar lieber in meine Sofaecke drücken - mit demnächst siebzig darf man das -, aber wenn es denn sein muß, muß es was Besonderes sein.«

Hoftaller schlug den Künstlerklub »Möwe« in der Maternstraße vor. Danach bat er seinen Gast, das beliebte Theaterrestaurant »Ganymed« am Schiffbauerdamm zu erwägen. Nichts paßte. Und auch das »Kempinski« im Westen der Stadt war nicht nach Fontys Wünschen. »Mir schwebt«, sagte er, »etwas Schottisches vor. Nicht unbedingt mit Dudelsack, aber annähernd schottisch soll es schon sein…«

Wir, die im Archiv übriggebliebenen Fußnotensklaven, ermahnen uns, nicht vorschnell den Siebzigsten abzufeiern, sondern von jenem Spaziergang Bericht zu geben, der schon Mitte Dezember stattfand und erst nach längerem Verlauf Gelegenheit bot, den bevorstehenden Geburtstag zu bereden und dessen Feier zu planen.

An einem frostklirrenden Wintertag, dem ein wäßrig blauer Himmel über der nunmehr ungeteilten Stadt entsprach, am 17.Dezember, als in der Dynamo-Halle die bislang führende Partei tagte, um sich mit neuem Namen zu verkleiden, an einem Sonntag, der Klein und Groß auf die Beine brachte, kamen auch sie zielstrebig Ecke Otto-Grotewohl-, Leipziger Straße ins Bild: lang und schmal neben breit und kurz. Der Umriß der Hüte und Mäntel aus dunklem Filz und grauem Wollgemisch verschmolz zu einer immer größer werdenden Einheit. Was sich gepaart näherte, schien unaufhaltsam zu sein. Schon waren sie am Haus der Ministerien, genauer, an dessen nördlicher Flanke vorbei. Mal gestikulierte die hochwüchsige, mal die kleinwüchsige Hälfte. Dann wieder waren beide mit Händen aus weiten Ärmeln beredt, der eine bei ausholendem Schritt, der andere im Tippelschritt. Ihre Atemstöße, die sich als weiße Wölkchen verflüchtigten. So blieben sie einander vorweg und hinterdrein, waren aber dennoch miteinander verwachsen und von einer Gestalt. Da dem Gespann kein Gleichschritt gelang, sah es aus, als bewegten sich leicht zapplige Schattenrißbildchen. Der Stummfilm lief in Richtung Potsdamer Platz, wo die als Grenze gezogene Mauer schon in Straßenbreite niedergelegt war und in jede Fahrtrichtung offenstand; doch ließ dieser Übergang, weil oft verstopft, nur verzögerten Verkehr von der einen zur anderen Stadthälfte, zwischen zwei Welten, von Berlin nach Berlin zu.

Sie überquerten ein jahrzehntelang wüstes Niemandsland, das nun als Großfläche nach Besitzern gierte; schon gab es erste, einander übertrumpfende Projekte, schon brach Bauwut aus, schon stiegen die Bodenpreise.

Fonty liebte solche Spaziergänge, zumal ihm der Westen neuerdings mit dem Tiergarten Auslauf bot. Jetzt erst kam sein Spazierstock ins Bild. Von Hoftaller, der ihm ohne Stock, aber mit praller Aktentasche anhing, war bekannt, daß er, außer der Thermosflasche und der Brotbüchse, jederzeit einen durch Knopfdruck auf Normalgröße zu entfaltenden Kleinschirm bei sich trug.

In ihrem kaum mehr bewachten Zustand machte die Mauer beiderseits des Durchlasses Angebote. Nach kurzem Zögern entschieden sie sich nach rechts hin in Richtung Brandenburger Tor. Metall auf Stein: von fern her schon hatten sie das helle Picken gehört. Bei Temperaturen unter Null trägt solch ein Geräusch besonders weit.

Dicht bei dicht standen oder knieten Mauerspechte. Die im Team arbeiteten, lösten einander ab. Einige trugen Handschuhe gegen die Kälte. Mit Hammer und Meißel, oft nur mit Pflasterstein und Schraubenzieher zermürbten sie den Schutzwall, dessen Westseite während der letzten Jahre seines Bestehens von anonym gebliebenen Künstlern mit lauten Farben und hart konturierendem Strich zum Kunstwerk veredelt worden war: Das geizte nicht mit Symbolen, spuckte Zitate, schrie, klagte an und war gestern noch aktuell gewesen.

Hier und dort sah die Mauer schon löchrig aus und zeigte ihr Inneres vor: Moniereisen, die bald Rost ansetzen würden. Und über weite Flächen gab das kilometerlange, bis kurz vor Schluß verlängerte Wandbild in museumsreifen Fragmenten handtellergroße Placken und in winzigen Bruchstücken wilde Malerei preis: freigesetzte Phantasie und erstarrte Protestchiffren.

All das sollte dem Andenken dienen. Abseits vom Gehämmer, im sozusagen zweiten Glied der von Westen her betriebenen Demontage, lief bereits das Geschäft. Auf Tücher oder Zeitungen gebreitet, lagen gewichtige Batzen und winziger Bruch. Einige Händler boten drei bis fünf Fragmente, keins größer als ein Markstück, in Klarsichtbeuteln an. Bestaunt werden konnten mit Geduld abgesprengte größere Details der Mauermalerei, etwa der Kopf eines Ungeheuers mit Stirnauge oder eine siebenfingrige Hand; Exponate, die ihren Preis hatten, und dennoch fanden sich Käufer, zumal ihnen ein datiertes Zertifikat - »Original Berliner Mauer« - mit dem Souvenir ausgehändigt wurde.

Fonty, der nichts unkommentiert lassen konnte, rief: »Bruch ist besser als Ganzes!« Weil er nur Ostgeld locker hatte, schenkte ihm ein jugendlicher Händler, dem offenbar genug Gewinn zugeflossen war, drei groschengroße Absprengsel, deren Farbspuren, das eine Schwarz gegen Gelb, das andere Blau neben Rot, das dritte Stück dreierlei Grün, als kostbar zu gelten hatten: »Hier, Opa, nur für Ostkundschaft und weil Sonntag ist.«

Anfangs wollte sein Tagundnachtschatten dem zwar illegalen, doch beiderseits der Mauer geduldeten Volksvergnügen nicht zusehen; Fonty mußte ihn am Ärmel ziehen. Er zerrte seinen Kumpan regelrecht an laufenden Bildmetern vorbei. Nein, das war nichts für Hoftaller. Diese Mauerkunst war nicht nach seinem Geschmack; und doch mußte er ansehen, was ihn schon immer angewidert hatte. »Chaos!« rief er. »Nichts als Chaos!«

Als sie an eine Stelle der enggefügten und durch einen Wulst überhöhten Betonplatten kamen, die nach Osten Ausblick bot, weil dem abgrenzenden Bauwerk kürzlich von oben weg eine weit klaffende Lücke geschlagen worden war, blieben sie stehen und schauten durch den offenen Keil, aus dessen gezackten Rändern teils verbogene, teils abgesägte Moniereisen ragten. Sie sahen den Sicherheitsgürtel, die Hundelaufanlage, das weite Schußfeld, sahen über den Todesstreifen hinweg, sahen die Wachtürme.

Von drüben gesehen, schaute Fonty ab Brusthöhe durch den erweiterten Spalt. Neben ihm war Hoftaller von den Schultern aufwärts im Bild: zwei Männer mit Hüten. Wäre aus östlichem Bedürfnis nach Sicherheit noch immer ein Grenzsoldat wachsam gewesen, hätte er von beiden ein erkennungsdienstliches Photo schießen können.

Längere Zeit schwiegen sie durch den geschlagenen Keil, doch hielt jeder anders laufende Erinnerung zurück. Endlich sagte Hoftaller: »Macht mich traurig, auch wenn wir diesen Abbruch spätestens seit der ›Sputnik‹-Affäre vorausgesagt haben. Wird man eines Tages lesen können, unseren Bericht über den Zerfall staatlicher Ordnung. Wurde nicht zur Kenntnis genommen. Keiner der führenden Genossen war ansprechbar. Kenne das: die übliche Ertaubung während ner Spätphase…«

Mehr flüsternd als laut setzte Hoftaller seinen dienstlichen Kummer durch die Mauerlücke frei. Plötzlich kicherte er. Ein lange zurückgehaltenes, nun bis zum Überfluß gespeichertes Kichern schüttelte ihn. Und Fonty, der sein Ohr dem Flüsternden zuneigen mußte, hörte: »Eigentlich komisch. Typischer Fall von Machtermüdung. Nichts greift mehr. Aber wissen möchte man schon, wer den Riegel aufgesperrt hat. Na, wer hat dem Genossen Schabowski den Spickzettel untergeschoben? Wer hat ihm erlaubt, ne Durchsage zu machen? Satz auf Satz rausposaunt… ›Ab heute ist…‹ Na, Fonty, wem wird das Sprüchlein ›Sesam, öffne dich‹ eingefallen sein? Wem schon? Kein Wunder, daß der Westen wie vom Schlag gerührt war, als ab 9.November Zehntausende, was sag ich, Hunderttausende rüberkamen, zu Fuß und mit ihren Trabis. Waren richtig perplex… haben Wahnsinn geschrien… Wahnsinn! Aber so ist das, wenn man jahrelang jammert: ›Die Mauer muß weg…‹ Na, Wuttke, wer hat ›Bitteschön, schluckt uns‹ gesagt? Fällt der Groschen?«

Fonty, der bisher bei schräger Kopfhaltung geschwiegen hatte, wollte nicht rätseln. Eher beiläufig spielte er eine Gegenfrage aus: »Wo steckten eigentlich Sie, als damals hier alles dichtgemacht wurde, querdurch?«

Vor dem in Brust- und Schulterhöhe klaffenden Spalt standen sie immer noch wie gerahmt: ein Doppelportrait. Weil sich beide gern dem Ritual eingeübter Befragungen unterwarfen, nehmen wir an, daß Fonty vorauswußte, was Hoftaller zur Litanei reihte: »Infolge der Konterrevolution… Als nur noch mit Hilfe der Sowjetmacht… Kam zu Säuberungen bald danach…«

Er zählte unterlassene Sicherheitsmaßnahmen auf und sprach von Enttäuschungen. Noch immer bedauerte er Systemlücken. Untilgbar hing ihm der 17. Juni an: »Wurde strafversetzt. Saß im Staatsarchiv rum. Rutschte in ne depressive Stimmungslage. Habe deshalb den Arbeiter- und Bauern-Staat verlassen müssen. War aber keine prinzipielle Sinnkrise. Nein, Tallhover hat nicht Schluß gemacht, hat nur die Seite gewechselt, war drüben gefragt. Das hat mein Biograph leider nicht glauben wollen, hat die im Westen gängige Freiheit fehleingeschätzt, hat mich ohne Ausweg gesehen, mir ne Todessehnsucht angedichtet, als könnte unsereins Schluß machen. Für uns, Fonty, gibt’s kein Ende!«

Hoftaller sprach nicht mehr im Flüsterton. Nun nicht mehr vor die klaffende und zum Bekenntnis zwingende Plattenkonstruktion gestellt, sondern wieder im Tippelschritt und am endlosen Mauerbild vorbei, gab er sich gutgelaunt: »Jetzt kann man ja offen reden: Wurde mit Kußhand genommen. Versteht sich: mein Spezialwissen! Lief drüben unter gewendetem Namen. Wurde als ›Revolat‹ geführt. Bekam mir gut, der Klimawechsel. Doch auch die andere Seite knauserte nicht mit Enttäuschungen. Meine Warnungen vor drohender Abriegelung sind für die Katz gewesen. Habe in Köln mit abgelichteten Lieferscheinen alle im Westen getätigten Großeinkäufe belegt; was man so brauchte für den Friedenswall: Zement, Moniereisen, ne Menge Stacheldraht. Gab schließlich Pullach nen warnenden Tip. Half nichts. Endlich, als es zu spät war, merkte der Agent Revolat, daß auch der Westen die Mauer wollte. War ja alles einfacher danach. Für beide Seiten. Sogar die Amis waren dafür. Mehr Sicherheit war kaum zu kriegen. Und nun dieser Abbruch!«

»Nichts steht für immer« hieß Fontys Trost. Im schräg einfallenden Nachmittagslicht schritten und tippelten sie Richtung Tor. Die schon tief stehende Sonne machte, daß sie auf das Mauerbild einen gepaarten Schatten warfen, der ihnen folgte und ihre Gesten nachäffte, sobald sie mit Händen aus weiten Mantelärmeln redeten und die neuerliche Sicherheitslücke entweder als Risiko einschätzten - »Wird man sich noch zurückwünschen eines Tages« - oder als »kolossalen Gewinn« feierten: »Ohne ist besser als mit!«

Einige Mauerspechte betrieben ihr Handwerk verbissen, wie gegen Stücklohn, ein Herr fortgeschrittenen Alters sogar mit einem batteriegespeisten Elektrobohrer. Er trug eine Schutzbrille und Ohrenklappen. Kinder sahen ihm zu.

Viel Volk war unterwegs, auch türkisches. Junge Paare ließen sich vor Hintergrund photographieren, damit sie sich später, viel später würden erinnern können. Hier trafen lange getrennte Familien einander. Von fern Angereiste staunten. Japaner in Gruppen. Ein Bayer in Tracht. Heitere, aber nicht laute Stimmung. Und über allem lag dieses dem Specht nachgesagte Geräusch.

Zwei berittene Westpolizisten kamen ihnen entgegen und schauten über die Sonntagsarbeit hinweg. Hoftaller gab sich einen dienstlichen Ruck, doch auf die Frage nach der Zulässigkeit des destruktiven Vorgangs sagte der eine Wachtmeister: »Zulässig isset nich, aber verboten noch wenjer.«

Zum Trost schenkte Fonty seinem Tagundnachtschatten die drei groschengroßen Mauerbröcklein. Und während er noch die einseitig bunten Fragmente wie Beweisstücke im Portemonnaie sicherte, sagte Hoftaller: »Jedenfalls war ab August einundsechzig wieder was fällig. Meine alte Dienststelle klopfte an. Ließ mich nicht lange bitten. Aber das wissen Sie ja, daß ich schon immer gesamtdeutsch…«

Ihr Ritual gab nichts mehr her. Schweigend liefen sie die Mauer ab. Nur als Dampf verwehte ihr Atem. Schritt nach Schritt, dann stand das Gespann im gestauten Auflauf vor dem Brandenburger Tor oder vielmehr vor dem weit ausgebuchteten, das Tor noch immer sperrenden Betonwall, auf dessen Abriß seit Wochen die Welt mit lauernden Kamerateams wartete.

Massiv, wie für ewig gebaut. Nur die Verlegenheit einiger Grenzsoldaten, die auf dem oberen Wulst der hier begehbaren Bastion mehr herumstanden als Präsenz zeigten, kündigte die auf demnächst datierte Hinfälligkeit des Bollwerks an. Wir sind sicher: Hoftaller sah das mit gemischten Gefühlen, doch Fonty hatte Freude an den Nebenhandlungen der sonntäglichen Idylle. Junge Frauen und von Müttern hochgehaltene Kinder schenkten den Soldaten Blumen, Zigaretten, Orangen, Schokoladenriegel und natürlich Bananen, jene dazumal demonstrativ beliebte Südfrucht. Und Wunder über Wunder, die kürzlich noch schußfertigen Männer in Uniform ließen sich beschenken, sogar Westsekt nahmen sie an.

Und hier, in Sonntagsstimmung gebettet, umgeben von Schaulustigen, unter denen Jugendliche mehr bierselig als aggressiv »Macht das Tor auf!« brüllten, damals, zur Zeit der steilen Hoffnungen und Runden Tische, der großen Worte und kleinstriezigen Bedenken, zur Stunde der abgesägten Bonzen und schnellen ersten Geschäfte, an einem windstill klaren Dezembertag des Jahres 89, als das Wort »Einheit« mehr und mehr an Kurswert gewann, sagte Fonty plötzlich laut und von Hoftaller nicht zu dämpfen, jenes lange Gedicht mit dem Titel »Einzug« auf, das am 16.Juni 1871 im Berliner Fremden- und Anzeigenblatt pünktlich zum Anlaß gedruckt gestanden hatte und dessen Reime das siegreiche Ende des Krieges gegen Frankreich sowie die Reichsgründung und die Krönung des preußischen Königs zum Kaiser der Deutschen feierten, indem sie strophenreich alle heimkehrenden Regimenter, die Garde voran, zur Parade führten - »Mit ihnen kommen, geschlossen, gekoppelt, die Säbel in Händen, den Ruhm gedoppelt, die hellblauen Reiter von Mars la Tour, aber an Zahl die Hälfte nur…« - und durchs Brandenburger Tor, dann die Prachtstraße Unter den Linden hoch im Gleichschritt marschieren ließen: »Bunt gewürfelt Preußen, Hessen, Bayern und Baden nicht zu vergessen, Sachsen, Schwaben, Jäger, Schützen, Pickelhauben und Helme und Mützen…«

Das geschah zum wiederholten Mal, denn nach den preußischen Siegen über Dänemark und Österreich, den ersten Einheitskriegen, war es gleichfalls zur Parade und zu gereimten Einzugsgedichten gekommen; ein Huldigungseifer, den Fonty mit der ersten Strophe den Schaulustigen vor dem gesperrten Tor in Erinnerung gerufen hatte: »Und siehe da, zum dritten Mal ziehen sie ein durch das große Portal; der Kaiser vorauf, die Sonne scheint, alles lacht und alles weint…«

So betont er deklamierte, hier, unter freiem Himmel, trug die Stimme des ehemaligen Kulturbundredners Theo Wuttke, den alle Fonty nannten, nicht weit genug. Nur wenige lachten, und niemand weinte vor Freude, auch blieb der Beifall spärlich, als er mit letzter Strophe die Siegesparade vor dem Denkmal des zweiten Friedrich, vorm »Fritzen-Denkmal«, hatte auslaufen lassen.

Gleich nach dem Verhall der Verse lösten sich beide aus der Menge. Fonty schien es eilig zu haben, und Hoftaller sagte ihm hinterdrein: »Sollte das etwa Ihr Beitrag zur kommenden Einheit sein? Zackig und forsch. Hab’s noch im Ohr: ›Die Linden hinauf erdröhnt ihr Schritt, Preußen-Deutschland fühlt ihn mit…‹«

»Weiß ich, weiß ich! War bloße Lohnarbeit, schlecht bezahlte obendrein…«

»Davon gibt’s mehr, mal stocksteif, mal schnoddrig gereimt.«

»Leider. Aber Besseres gibt’s auch - und das bleibt!«

Inzwischen entfernten sie sich unter winterstarren Bäumen. Ihr Gespräch über den Wert von Gebrauchslyrik verebbte schnell; wir lassen es unkommentiert. Sie machten verschieden lange Schritte den Sonntagspassanten entgegen, die zum Tor wollten. Ihr Ziel hieß Siegessäule, deren krönender Engel als neuvergoldete Scheußlichkeit in der Abendsonne prahlte. Zum Großen Stern zog es sie, mitten durch den Tiergarten, der auf nach links abzweigenden Nebenwegen zur Luisenbrücke, zur Amazone und in Richtung Rousseau-Insel mit Ruhebänken lockte. Aber sie wichen nicht ab. Kaum daß sie am sowjetischen Ehrenmal den Schritt verlangsamten.

Vom Brandenburger Tor aus gesehen, wurden sie kleiner und kleiner. Das verschieden hohe Paar. Schon wieder gestikulierend: der eine mit dem Spazierstock, den er »meinen märkischen Wanderstock« nannte, der andere mit den kurzen Fingern seiner Rechten, denn links trug er die gebauchte Aktentasche. Der Stummfilm. Schreitend der eine, tippelnd der andere. Vom Großen Stern aus gesehen, kamen sie gut voran. Mantel mit Mantel zu einem Schattenriß verwebt, obgleich sie nicht Arm in Arm gingen. Am Ende der Paradestraße verschwanden beide für kurze Zeit, weil sie den ungebremsten Kreisverkehr um die Siegessäule durch einen Tunnel, extra für Fußgänger gebaut, unterlaufen mußten.

Nun, da das Paar weg ist, sind wir versucht, über Berlins Sehenswürdigkeit, die in ganzer Höhe beide Weltkriege überstanden hat, zu lästern, doch Fonty fällt uns ins Wort; kaum waren sie wieder aufgetaucht, bot sich vorm Sockel der hochragenden Säule, die bis zur Spitze des siegreichen Feldzeichens sechsundsechzig Meter mißt, Gelegenheit für Abschweifungen ins historische Feld, entweder mit Hilfe vielstrophiger Gedichte oder aus Erinnerung, die bis zum Sedanstag und noch weiter treppab zurückreichte.

Wie es sich anhörte, hatten sie am 2.September 1873 die Enthüllung der Siegessäule miterlebt. Damals stand die erhöhte Borussia als Viktoria auf dem Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik. Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde sie auf allerhöchsten Befehl abgetragen und vom Vorfeld des Reichstagsgebäudes an den Großen Stern versetzt.

Sehenswürdig soll ein Relief sein, das in Sichthöhe Sieg nach Sieg die Einheitskriege feiert. Hier trägt ein lockenköpfiger Junge dem Vater, den die Mutter zum Abschied umarmt, das Gewehr, dort haben Landsturmmänner das Bajonett aufgepflanzt. Ein Trompeter bläst zum Angriff. Über Gefallene geht es vorwärts.

Sie schritten den Sockel ab. Weil die Säule, samt rotschwedischem Granit, allseitigem Metallguß und krönender Siegesgöttin, im letzten, elend verlorenen Krieg Schaden genommen hatte, wies Hoftallers Zeigefinger überall Löcher nach, denen nicht anzusehen war, ob Bomben- oder zum Schluß Granatsplitter ihr Ziel gefunden hatten. Durchlöchert die Brust eines Infanteristen. Halbierte Helme. Drei Finger nur hat die Hand. Hier fehlt einem gußeisernen Dragonerpferd das rechte Vorderbein, dort stürmt ein kopfloser Hauptmann voran, sei es bei Düppel, sei es bei Gravelotte. Bekümmert zog Hoftaller Bilanz. Fünfzig und mehr Einschüsse zählte er, den Schaden am Granitsockel nicht mitgerechnet. Aber Fonty hatte, was Siege betraf und soweit Preußens Geschichte zurückreichte, mehr als die Säule zu bieten.

Er zitierte den Grafen Schwerin und dessen Fahne, den alten Derfflinger, die Generäle Zieten und Seydlitz, obendrein alle Schlachten von Fehrbellin über Hohenfriedberg bis Zorndorf. Schon wollte er Preußens Siege und gelegentliche Niederlagen an die Standarten berühmter Regimenter knüpfen und des Großen Friedrich besungene Haudegen mit knappem Zitat vorführen - »Herr Seydlitz bricht beim Zechen den Flaschen all den Hals, man weiß, das Hälsebrechen verstund er allenfalls…« -, da wurde Fonty, der bereits Atem zum Balladenton sammelte und samt Stock die Arme hob, von hinten angestupst.

Ein Junge, den er uns später als sommersprossig geschildert hat, sagte einen Wunsch auf: »Ob Se mia mal nen Schnürsenkel binden könn? Kann ick nämlich nich. Bin erst fünfe.«

Fonty bückte sich, legte den Wanderstock ab und band, wie gewünscht, den offenen Senkel des rechten Schuhs zur Schleife.

»So«, sagte er, »die hält.«

»Na, nächstet Mal kann ick selba!« rief der Junge und rannte zu den anderen Jungs, die rund um die Siegessäule und umrundet vom Kreisverkehr Fußball spielten.

»Da haben Sie’s«, sagte Fonty, »nur sowas ist wichtig. Schlachten, Siege, Sedan und Königgrätz sind null und nichtig. Alles Mumpitz und ridikül. Deutsche Einheit, reine Spekulation! Die erste gelungene Schnürsenkelschleife jedoch, die zählt.«

Hoftaller stand in abgelaufenen Schnallenschuhen. Er wollte sich nicht erinnern.

Dann war die Sonne weg. Durch den Fußgängertunnel unterwanderten sie abermals den Großen Stern, gingen die Straße des 17. Juni lang und wollten ab S-Bahnhof Tiergarten die Bahn nehmen. Zwei alte Männer im Gespräch. Ihre Gesten nun eckiger. Keinen Schatten warfen sie mehr.

Und jetzt erst, nicht voreilig verfrüht, sondern knapp vierzehn Tage vor dem runden Anlaß, begann Hoftaller, seine Einladung vorzubereiten: »Wird man nicht alle Tage, siebzig.«

»Zur Feier fehlen mir einige Zentner Überzeugung.«

»Die kommt noch, bestimmt.«

»Und woher nehmen?«

»Schlage Bahnhof Friedrichstraße vor, Mitropa-Gaststätte. War mal Agententreff. Ein historischer Ort sozusagen.«

Fonty setzte ein subversiv verschlossenes Gesicht auf und machte längere Schritte.

So kurzbeinig Hoftaller war, er blieb ihm zur Seite: »Kein großer Auftrieb, versprochen. Ne kleine gemütliche Runde nur…«

»Würde trotzdem, wie gehabt, zu radaumäßig verlaufen…

Außerdem stinkt mir…«

»Soll das etwa ne Verweigerung sein?«

»Soll das heißen, ich muß?«

»Um nicht deutlicher zu werden: Glaube ja.«

»Und wenn ich nein sage…«

»Würde mich traurig machen, Wuttke. Sie wissen ja, wir können auch anders.«

Nachdem sie das letzte Stück Weg stumm hinter sich gebracht hatten, blieb Fonty kurz vorm S-Bahnhof stehen. Nun nicht mehr von subversivem Ausdruck, hob er, als sollte zur Rede ausgeholt werden, den rechten Arm, ließ ihn dann aber sinken und sprach über Hoftaller hinweg: »Wie sagte der alte Yorck bei Laon, als die Russen nicht anrückten? - ›Nunja, es muß auch so gehn.‹«

Dieser Ausspruch ist, wie wir vom Archiv wissen, Zitat aus einem Brief an den märkischen Pfarrer Heinrich Jacobi, in dem ferner zu lesen steht: »Von meinem ›Jubelfeste‹ schreibe ich Ihnen nicht. Die konservativen Blätter, die mich als einen ›Abtrünnigen‹ - es ist aber nicht so schlimm damit - einigermaßen auf dem Strich haben, haben nur sehr wenig davon gebracht…«

2    Annähernd schottisch

Weiter stand in dem Brief an Pfarrer Jacobi: »Man hat mich kolossal gefeiert und - auch wieder gar nicht. Das moderne Berlin hat einen Götzen aus mir gemacht; aber das alte Preußen, das ich durch mehr als vierzig Jahre hin in Kriegsbüchern, Biographien, Land- und Leuteschilderungen und volkstümlichen Gedichten verherrlicht habe, das ›alte Preußen‹ hat sich kaum gerührt und alles (wie in vielen Stücken) den Juden überlassen…«

Um Einsicht in das Original dieses Briefes vom 23.Januar 1890 zu nehmen, in dem immerhin steht, daß der Minister von Goßler, sein alter Gönner, die Sache »persönlich herausgerissen« habe, hat Fonty uns wenige Tage vor Weihnachten besucht. »Ist ja nun keine Weltreise mehr wie früher, selbst wenn die S-Bahnverbindung nach Potsdam noch nicht recht klappt. Aber mit dem Bus geht’s!«

Das rief er noch in offener Tür und überreichte den Damen wie üblich, wenn er uns aufsuchte, einen Strauß Blumen, besser gesagt, drei Mistelzweige und deren glasig blasse Früchte, eine, wie uns versichert wurde, englische, doch gleichfalls in Wales und bis hoch zu den Orkney-Inseln lebendig gebliebene Tradition: »Bitte darum, zur Kenntnis zu nehmen: That’s British Christmas!«

Als wir nach seinen Wünschen fragten, fragte Fonty zurück: »Warum wird man siebzig?« und nannte dann Briefe, darunter den an Jacobi, die alle um den Geburtstag vom 30.Dezember kreisten und um dessen offizielle Nachfeier, die gleich zu Beginn des neuen Jahres, am 4.Januar, im Restaurant »Englisches Haus« in der Mohrenstraße stattgefunden hatte.

Er blieb nicht lange und machte sich keine Notizen. Kaum daß er beim Lesen nickte oder die Brauen hob. Außer den Briefen durften wir ihm einige den bejahrten Greis feiernde Zeitungsberichte vorlegen, die er - sogar die Eloge in der Vossischen - nur flüchtig las. Weiter reichte sein Interesse nicht. Bevor er nach einigem Geplauder - es ging um Tagesereignisse, zu denen die blutigen Unruhen in Rumänien zählten - uns, das Archiv, verließ, kam er noch einmal auf den vor hundert Jahren abgefeierten Geburtstag, wobei er dem eigenen, der bevorstand, nicht ohne Bedenken, fast mit Furcht entgegensah: »Muß ja nicht sein. Muß wirklich nicht sein!«

Deshalb hat er das von Hoftaller gewünschte Fest ausgeschlagen. Nichts klappte wie geplant. Im Bahnhof Friedrichstraße, in dessen Mitropa-Gaststätte Hoftaller einen Tisch reserviert hatte, kam keine Feierlichkeit auf. Zwar waren drei oder vier junge Männer, die um das betagte Geburtstagskind versammelt werden sollten, pünktlich zur Stelle, doch der Ehrengast ließ auf sich warten.

Es werden welche vom Prenzlauer Berg gewesen sein, dieser oder jener. Anscheinend war keiner unter ihnen, der später, auf Grund von Akteneinsicht, zu Schlagzeilen gekommen ist. Vieles hat sich seitdem durch Vergessen erledigt, manches lebte noch lange vom bloßen Verdacht; doch damals konnte man sorglos von Talenten sprechen, die Hoftaller geladen hatte.

Die Auswahl war groß. Und Fonty, dem schon immer aufkeimende Begabungen tauglich zum Vergleich mit Poeten gewesen sind, die einst im Leipziger Herwegh-Club oder im Tunnel über der Spree ihre Verse vorgetragen hatten, verglich die Prenzlberger gerne mit Wolfsohn, Lepel oder Heyse, besonders im Rückblick auf revolutionäre Zeiten; das war ihm ein Daumensprung nur: vom Vormärz zu den Montagsdemonstrationen. Und da die jungen Poeten den alten Herrn nie als schrulligen Theo Wuttke verlacht, sondern als Fonty hochgeschätzt haben, gelang es ihnen mühelos, sein die Zeit verkürzendes Verständnis von Politik und Literatur auf Glaubenssätze oder einen Scherz zu verknappen: Teils wurde er bis zur Erhabenheit verklärt, teils zum Maskottchen verniedlicht. Und weil er scheinbar über allem Zeitgeschehen stand, war ihm die Aufgabe zugefallen, zwischen den sich anarchistisch gebenden Dichtern und der immer besorgten Staatssicherheit zu vermitteln.

Wir können nur vermuten, daß die jahrelange Duldung der unruhigen und manchmal vorlauten Prenzlberger Szene nicht nur der Harmlosigkeit ihrer Produkte, sondern auch Fonty zu verdanken war, der mit gewiß kenntnisreichen und - seinem Wesen nach - sarkastischen Gutachten sowie in witzigen Personenbeschreibungen die Wünsche seines Tagundnachtschattens erfüllt und so die dem Staat verdächtigen Genies auf Mittelgröße verkürzt hat. Man dankte ihm das. Er durfte als Schutzpatron gelten. Doch hatte es nicht nahegelegen, daß auch er, das Maskottchen vermeintlich konspirativer Versammlungen, Gegenstand gutachtlicher Beurteilungen zu sein hatte, und zwar aus Sicht der jungen Talente? Diese Spiegelungen verlangte ein auf permanente Rückversicherung und vorbeugende Fürsorge angelegtes System, dem jemand wie Hoftaller stets, sogar nach dessen Untergang, verpflichtet gewesen ist.

Enttäuscht warteten die Gäste auf den Ehrengast. Unruhe kam auf. Wir stellen uns besorgte Gespräche vor. Hoftaller mußte beschwichtigen.

»Was issen mit Fonty los?«

»Wird sich im Tiergarten verlaufen haben.«

»Der ist doch sonst die Pünktlichkeit in Person.«

»Unser Freund kommt bestimmt. Hat ja zugesagt.«

»Auf den können wir lange noch warten. Der is inne Freiheit drüben und verjuxt sein Begrüßungsgeld.«

»Für den sind wir historisch jeworden, na, wie seine Tunnelbrüder…«

»Paß auf! Den führn se jetzt im Westen spazieren, am Wannsee womöglich. Zum Siebzigsten ein Galaabend für Fonty am Sandwerder. Und einer dieser Oberwessis mit Fliege am Hals hält nen Festvortrag über die Unsterblichkeit als Wegwerfprodukt…«

»Quatsch! Wenn einer redet, dann Fonty, irgendwas über Jenny Treibel. Wie die mit ihrem Clan das Ende der Mauerzeit erlebt. Und was dabei an Profit rausspringt.«

»Oder sie reichen ihn rum: von einer Talkshow zur andern. Der quasselt doch gerne. Den sind wir los.«

»Ich bring ihn euch!« sagte Hoftaller oder hätte er sagen können. »Unser Fonty wird begreifen müssen, wohin er gehört, selbst an seinem Geburtstag.«

Mit letztem Wort klopfte er knöchelhart auf die Tischplatte und versprach, mit dem Ausreißer »in Bälde« zurück zu sein. Den jungen Talenten spendierte er ein Tellergericht, Hackbraten mit Spiegelei zu Bratkartoffeln, eine weitere Runde Bier und - wie zum Trost - eine Lage Nordhäuser Korn.

»Na gut, warten wir, bis er hier antanzt, endlich.«

Dann wird sich Hoftaller mit seiner ihm allzeit berufstauglichen Nase auf Suche begeben haben. Ohne Umweg nahm er die S-Bahn zum Bahnhof Zoo. Und da er den westlichen Teil der Stadt in sein Ordnungssystem einbezog, stieg er nicht wie in Feindesland aus, sooft er Fonty gegenüber beteuert hatte, ihn schmerze die notwendig gewordene Öffnung der Friedensgrenze. Sogar uns gegenüber sagte er: »Wird man sich noch zurückwünschen eines Tages, den Schutzwall.«

Damals, zum Zeitpunkt der sich überstürzenden Weltereignisse, als nicht nur in Rumänien, sondern, wie zum Ausgleich, auch am Panamakanal scharf geschossen wurde, hat man den Bahnhof Zoologischer Garten, besonders dessen zugige Vorhallen, bis hin zur Heine-Buchhandlung, als Wechselstuben benutzt. Einerseits kam Ostgeld in Bündeln günstig in Umlauf, andererseits waren Kleinbeträge in Westmark gefragt. Der unstabile Kurs von zehnkommafünf bis elf Mark Ost zu einer Mark West belebte das Geschäft, zumal sich viele Einwohner der bis vor kurzem abgeriegelten Stadthälfte für den Besuch der anderen zahlungsfähig machten: Zumindest für einen Kinobesuch und ein Bier danach mußte es reichen.

Und inmitten der Händler und wechselnden Kunden stand im Wintermantel, mit Hut, Shawl und Stock ein genügsamer Beobachter. Fonty wurzelte reglos im immer neu belebten Zahlungsverkehr und hatte sein Vergnügen an dieser für ihn kostenlosen Revue. Er vermutete Zaubertricks, sah Fingersprache inmitten Stimmengewirr, war Zeuge schnellbeschwichtigten Streits. Das Händlervolk und dessen mobile Kundschaft erstaunte ihn. Als Abgesandte eines Vielvölkerstaates mochten sie Vorboten größeren Andrangs sein. Fremdländisch wurde der schwankende Kurs der blechernen Ausverkaufswährung betont, in wechselnder Stimmlage, hier flüsternd, dort mit lautem Akzent. Dann wieder herrschte der trockene bis naßforsche Berliner Sprechanismus vor. Aber niemand trat auf, der die Bahnhofshallen zum Tempel erklärt und geräumt hätte.

Außer der Deutschmark waren amerikanische Dollar und Schwedenkronen gefragt. Gegen Pfennigbeträge wurde umgerubelt. Fonty sah, wie schlanke und dicke Finger gleich flink gebündelte Scheine abzählten. Überall waren Taschenrechner in Gebrauch. Jemand trug einen Hut, an dessen Krempe drei Scheine fremder Währung hingen, durch Wäscheklammern gesichert. Er sah, wie Plastikbeutel, Rucksäcke und neuglänzende Diplomatenkoffer prall gefüllt ihre Besitzer wechselten, einige mehrmals, als folgten sie den Regeln eines allseits tolerierten Rituals. Da wurde er rücklings angesprochen.

»Ihre jungen Freunde warten nun schon ne geschlagene Stunde. Schwer enttäuscht sind sie, bitter enttäuscht.«

»Kann sich nur um ungeladene Gäste handeln.«

»Sollte ne Überraschung werden…«

»Also wenn schon gefeiert wird, dann bitte nach Pläsier.«

»Und wo? Etwa auf dieser Stehparty, die in Nullkommanix durch ne Razzia beendet werden kann?«

»Wäre ich bei Kasse, wüßte ich, wo.«

Zur Einladung genötigt, tauschte der Gastgeber beim nächststehenden Anbieter etliche Scheine Ost gegen rund fünfzig Mark West. Doch erst auf dem gleichfalls betriebsamen Vorplatz des Bahnhofs nannte Fonty das Lokal seiner Wahl: Nicht auf dem Kurfürstendamm oder am Savigny-Platz, ganz nahbei, in Nachbarschaft zum Elefantenhaus des Zoologischen Gartens, dem Bahnhof gegenüber, sollte in einem Lokal, das zwischen einer Radiohandlung und einem Tanzcafé mit Leuchtschrift warb, des Unsterblichen und des Nachgeborenen runder Geburtstag gefeiert werden: »Glaube zwar immer noch nicht, daß meine siebzig Anlaß genug sind, doch hundertsiebzig machen was her. Erwarten Sie aber bloß nicht, daß ich dabei ein feierliches Gesicht schneide.«

Das also verstand Fonty unter »annähernd schottisch«. Bei McDonald’s lief der übliche Betrieb. Dennoch fanden sie dem langen Tresen und den sechs Kassen schräg gegenüber einen Zweiertisch, von dem aus Blicke auf anschließende Räume möglich blieben. Sie belegten die Stühle mit ihren Hüten, Fonty den seinen zusätzlich mit dem Stock. Nie ließ Hoftaller von seiner Aktentasche.

Vor Kasse fünf stellten sie sich an und mußten schnell zum Entschluß kommen, denn der fragende Blick der Kassiererin, die, wie das gesamte Personal von McDonald’s, unter grüner Schirmmütze einen grünen Schlips zum grünweißen Hemd trug und - laut Namensschild links überm Herzen - Sarah Picht hieß, verlangte Bestellung, sofort.

Nach Blick auf das gut leserliche und mit Preisen ausgewiesene Angebot entschied sich Fonty, dem der Super Royal TS für 5 Mark 95 West zu teuer war, für einen Cheeseburger und eine Portion Chicken McNuggets. Hoftaller schwankte zwischen dem Evergreen Menue - Hamburger Royal TS, mittlere Portion Pommes frites und mittelgroßes Erfrischungsgetränk, alles für nur 7 Mark 75 - und einem bloßen McRib, zog dann aber den doppelstöckigen Hamburger namens BigMäc vor, dazu Milchshake mit Erdbeergeschmack; Fonty wünschte einen Pappbecher Coca-Cola. So sicher traf er Entscheidungen, als sei McDonald’s schon immer sein Stammlokal gewesen. Er riet Hoftaller, der schließlich für beide zahlte, zu einer zusätzlichen Bestellung: Pommes frites mit Senfsoße. Ihm stand, als jedem sein Tablett über den Tresen geschoben wurde, zweierlei Soße zu - eine hieß Barbecue -, passend zu den Chicken McNuggets. Sarah Picht lächelte der nachrückenden Kundschaft entgegen.

Dann saßen sie, und jeder mampfte für sich. Hatte der eine Mühe mit dem BigMäc, tunkte der andere seine Chicken McNuggets wie geübt mal in die eine, mal in die andere Soßenschale. Von den Pommes frites nahmen beide. Noch aßen sie wortlos und blickten, obgleich einander gegenübersitzend, aneinander vorbei. Cola und Milchshake wurden weniger. Natürlich waren die Strohhalme nicht aus Stroh, doch das Fleisch versprach, hundertprozentig vom Rind, die panierten Nuggets vom Huhn zu sein. Weil sie nicht wußten, wohin damit, hatten beide ihre Hüte auf. Fontys Spazier- oder Wanderstock hing an der Stuhllehne. Sie hörten sich und andere essen.

Laufkundschaft, die bestellte und mitnahm, viel jugendliches Publikum, aber auch Devisenhändler von gegenüber belebten den Betrieb; doch waren die beiden nicht die einzigen älteren Semester oder Senioren, wie man im Westen sagte. Hier und da standen ziemlich abgetakelte alte Männer und Frauen aus dem Bahnhofsmilieu, die sich bei McDonald’s aufwärmten; und manchmal reichte es sogar für eine Portion Pommes frites. Bei soviel Zulauf hätte Lärm herrschen können, aber in allen Räumen ging es gedämpft zu.

Fonty wartete nicht, bis er mit seinem Cheeseburger und den Chicken McNuggets fertig war. Zwischen Biß und Biß, kauend kommentierte er das Lokal: die Messingleuchter über der Theke, die abgeschirmte Schnellküche, für deren Angebot Preistafeln sprachen - ein FischMäc für drei Mark dreißig. Und auf das überall, auch an der grünen Schirmmütze der Kassiererin Sarah Picht doppelbäuchig werbende Firmenzeichen wies er hin, um sich sogleich von jenem westlichen, nunmehr die Welt erobernden Namen, dessen Signum als Heilszeichen galt, davon- und zurückführen zu lassen.

Von der ihm aufgehalsten Zeitlast beschwert, begann Fonty bei den historischen Macdonalds und deren Todfeinden, den Campbells. Er erzählte, als wäre er dabeigewesen, von einem frostigen Februarmorgen des Jahres 1692, als über hundert Kiltträger des Campbell-Clans über die noch schlafdumpfen Macdonalds hergefallen waren und den Clan nahezu ausgerottet hatten. Und vom Massaker von Glencoe kam er auf die gegenwärtigen Wirtschaftsimperien der beiden schottischen Großfamilien, deren Namen sich global eingeprägt hatten: »Werden es nicht glauben wollen, Hoftaller. In aller Welt zerstreut leben heute grob geschätzt dreizehn Millionen Campbells und immerhin gut drei Millionen Macdonalds. Da staunen selbst Sie…«

Und schon war er, vom Stammsitz der Fast-Food-Firma Schloß Armedale ausgehend, unterwegs: Wanderungen jenseits des Tweed ins schottische Hochmoor. Bei Nebel zum Hexentreff. Maria Stuarts Spuren hinterdrein, schlug er Exkursionen von Burgruine zu Burgruine vor. Jeden Clan konnte er beim Namen nennen, jedes Kiltkaro war ihm bis in Farbnuancen vor Augen. Fonty hatte nur noch Schottland im Sinn. Deshalb geriet er, nachdem die letzten Hähnchenhappen verputzt waren und er mit einem Rest Cola nachgespült hatte, über windgepeitschte Heide und entlang blauschwarz tiefgründigen Wasserlöchern in das Strophengefälle jener schier endlosen Balladen, die der Unsterbliche zum Gutteil im Tunnel über der Spree den gleichfalls dichtenden Leutnants und Assessoren, seinen Tunnelbrüdern, vorgelesen hatte, Verse, die Fonty als »meine ein wenig verstaubten Balladen« wertete; und manchmal sprach er von »unseren Balladen« wie von einem Gemeinschaftswerk.

Nahtlos schloß an den mörderischen Streit zwischen den Macdonalds und den Campbells der Dauerzwist zwischen den Douglasbrüdern und König Jakob an. Als suchte er Anlauf, zitierte er anfangs aus den Jakobitenliedern - »Die Duncans kommen, die Donalds kommen…« -, stieg dann in den Romanzenzyklus um Maria Stuart ein - »Schloß Holyrood ist öd und still, der Nachtwind nur durchpfeift es schrill…« -, irrte anschließend durch den Zyklus von der schönen Rosamunde - »Schloß Woodstock ist ein alter Bau aus König Alfreds Tagen…« -, war plötzlich bei den Schustern von Selkirk, dann wieder in Melrose-Abbey, um noch einmal die Phersons, die Kenzies, die Leans und Menzies aus den Jakobitenliedern herbeizuzitieren - »Und Jack und Tom und Bobby kommen und haben die blaue Blume genommen…« Dann aber, nachdem ihn die schöne Maid von Inverneß ins blutige Drummossie-Moor geführt und Graf Bothwell den König erschlagen hatte, stand Fonty plötzlich, wie aufgerufen. Er nahm Haltung an und den Hut ab, hielt ihn seitlich, schob mit linker Hand die Schachteln, Soßenschälchen und den Pappbecher samt Strohhalm beiseite, war bei Atem und trug mit heller Stimme, die, obgleich sie manchmal zitterte, jegliches Geräusch übertrumpfte, seinen »Archibald Douglas« vor. Strophe folgte Strophe. Reim paßte auf Reim. Vom wohlbekannten Einstieg - »Ich hab es getragen sieben Jahr und ich kann es nicht tragen mehr…« - über des alten Grafen Bitte - »König Jakob, schaue mich gnädig an…« - und des Königs schroffe Zurückweisung - »Ein Douglas vor meinem Angesicht wär ein verlorener Mann…« - bis zum versöhnlichen, noch immer das Herz anrührenden, wenngleich die Historie verfälschenden Ausblick - »Zu Roß, wir reiten nach Linlithgow, und du reitest an meiner Seit! Da wollen wir fischen und jagen froh als wie in alter Zeit…« - sagte er die kaum einem Schulbuch fehlende Ballade auf: dreiundzwanzig Strophen lang ohne Versprecher, ohne zu stolpern, mit Betonung. Sogar den dramatischen Höhepunkt »Und zieh dein Schwert und triff mich gut und laß mich sterben hier…« setzte er wirksam ergreifend. Und dennoch deklamierte kein Schauspieler, nein, der Unsterbliche sprach.

Kein Wunder, daß der Betrieb an allen Tischen verstummt war. Niemand wagte, in seinen Cheeseburger, in seinen BigMäc zu beißen. Beifall belohnte Fonty. Jung und alt klatschte. Die Kassiererin Sarah Picht rief vom Tresen herüber: »Spitze! Das war Spitze!«

Sein Vortrag hatte so sehr begeistert, daß zwei schrille Mädchen, die in der Nähe saßen, aufsprangen, herbeihüpften, ihn umarmten und abküßten, wie ausgeflippt. Und ein vom Bier aufgeschwemmter, in viel nietenbeschlagenes Leder gezwängter Glatzkopf hieb Fonty auf die Schulter: »War ne Wucht, Alter!«

Das Personal und die Stammkundschaft waren baff vor Staunen: So etwas hatte es bei McDonald’s noch nie gegeben.

Wir vom Archiv wären weniger erstaunt gewesen. Seit Jahren trug uns Fonty, manchmal auf Wunsch, häufiger ungebeten, »seine« Balladen vor, auch Gelegenheitsgedichte, wie das Poem zu Menzels siebzigstem Geburtstag, »Auf der Treppe von Sanssouci«, oder kurze Widmungen nur, für Wolfsohn, Zöllner, Heyse bestimmt. Unvergeßlich ist den älteren unter uns ein spätherbstlich trüber Nachmittag geblieben, anno 61, als wir uns durch die leider notwendig gewordenen Maßnahmen entlang unserer Staatsgrenze zwar vorm Klassenfeind geschützt, doch gleichermaßen wie eingesperrt vorkamen. Um jene Zeit, es wird im November gewesen sein, kam Fonty über nunmehr langwierige Umwege auf Besuch und hat uns mit der späten Ballade »John Maynard«, die vom brennenden Schiff auf dem Eriesee handelt, zu trösten versucht: »Und ein Jammern wird laut: ›Wo sind wir? wo?‹ Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo.«

Mag sein, daß uns damals, als Dr. Schobeß noch Archivleiter war, die rettende und heldenmütige Tat des Steuermanns - »In Qualm und Brand hielt er das Steuer fest in der Hand…« - Hoffnung auf bessere Zeiten, auf freieres Wort, auf nachlassende Zwänge gemacht hat; jedenfalls gelang es ihm, uns ein wenig aufzumuntern. Und wie Fonty dem sozialistischen Alltag Glanzlichter gesetzt hat, so hob er mit strophenreicher Darbietung die Stimmung bei McDonald’s. Sogar Hoftaller klatschte Beifall.

Danach saßen beide nur noch für sich. Kundschaft ging, Kundschaft kam. Fonty wieder mit Hut. Da die Pappbecher leer waren, holte Hoftaller eine weitere Cola und für sich einen Milchshake, diesmal mit Vanillegeschmack. Am Tresen hatte das Personal gewechselt: keine Sarah Picht mehr. Sie sückelten sparsam und ließen dabei ihre Gedanken treppab eilen. Endlich bei sich angekommen, sagte Fonty: »Habe diese Ballade mit einigem Erfolg, doch unter anderem Titel im Tunnel gelesen: ›Der Verbannte‹.«

Hoftaller erinnerte sich: »Zwei Jahre nach Ihrem ersten von uns geförderten Londoner Aufenthalt war das. Lange nach den revolutionären Umtrieben. Um genau zu sein: am 3.Dezember 1854. Wir hatten Sie wieder bei der ›Centralstelle‹ in Dienst genommen. War ja nicht einfach, für den abgebrochenen Apotheker ne Existenzgrundlage zu finden. Natürlich gab Merckel seinen Segen dazu. Zu observieren war damals bei Ihnen nichts mehr. Die letzten achtundvierziger Flausen hatte Freund Lepel dem Revoluzzer ausgetrieben. Adlig war der Herr, wie die meisten Tunnelbrüder, liberal und doch standesbewußt. Jedenfalls ließ das freundliche Herrensöhnchen keine Herweghiaden mehr zu. So kamen Sie unter die Preußen! Und denen gefiel das geschickte Gereime dieser Rührstory - ›Graf Douglas faßte den Zügel vorn und hielt mit dem Könige Schritt…‹ -, die Ihnen immer noch, wie man hören konnte, ungebrochen über die Lippen kommt. Respekt, Fonty, Respekt! War aber nicht Ihr erster Erfolg bei den sonntäglichen Versammlungen in Tabak- und Kaffeespelunken. Ihre Mache gefiel schon zuvor. Nacheinander bekamen ne Menge preußischer Totschläger, ›Der alte Derffling‹, ›Der alte Zieten‹, ›Seydlitz‹, ›Schwerin‹ und ›Keith‹, Beifall bis ins Protokoll hinein. Doch zu Zeiten des sogenannten Vormärz waren Sie häufig durchgefallen. Jedenfalls solang Sie bei dem von uns observierten Herwegh in die Schule gingen. Ihre Übersetzungen nach englischen Arbeiterdichtern: ein glatter Mißerfolg! Zum Beispiel ›Der Trinker‹, vorgetragen im Tunnel am 30.Juni 43. Wollten wohl damit Ihren Freund Lepel und den gesamten verseschmiedenden Adel aufrütteln. Das Portrait eines versoffenen Proletariers. Hörte man gar nicht gern. Auch nicht ›Des Gefangenen Traum‹: ›Das Volk ist arm! Warum? Warum verprassen die hohen Herrn des Volkes Hab und Gut?‹ Peinlich, Fonty, hab ich noch immer im Ohr, Ihre allzu nackte soziale Anklage. War ja nicht nur dem Objekt Herwegh auf der Spur, sondern auch, was mein Biograph meinte nicht erwähnen zu müssen, den Herwegh-Epigonen, darunter einem zweiundzwanzigjährigen Fant, der seine Apothekerprüfung noch nicht hinter sich hatte, doch in Leipzig und anderswo fleißig gegen die Obrigkeit konspirierte. Na, soll ich nachhelfen? ›Doch die Wände haben Ohren, und kaum weiß ich, wer du bist, und ich wäre schier verloren, hörte mich ein Polizist…‹ Zweiundvierzig war das. Wolfsohn, Max Müller, Blum, Jellinek hießen Ihre zuhörenden Freunde, die Sie allesamt, als es brenzlig wurde, gegen Lepel ausgetauscht haben. Und der hat Sie dann in den reaktionären Tunnel eingeführt. Nationalliberal nannten sich die Herren Merckel und Kugler. Gaben sich hochtrabende Namen, daß ich nicht lache! Xenophon und Aristophanes, Petrarca natürlich. Freund Lepel war Schenkendorf. Ihnen hat man als Vereinsmeiernamen, fast zu naheliegend, Lafontaine verpaßt. Und mich, den der erzreaktionäre Redakteur der Kreuzzeitung, ne längst vergessene Größe namens Hesekiel, mehr eingeschleust als eingeführt hatte, mich, den eher passiven Literaturliebhaber, glaubte man mit dem Namen eines mausetoten Stückeschreibers in russischen Diensten ehren zu können. Warum nicht? Gar nicht so übel seine Komödien. Wurde übrigens geboren, als ein Student Kotzebue erdolchte. Ohne diesen Mordanschlag hätte es womöglich keine Karlsbader Beschlüsse, keine Demagogenprozesse, kein Wasnochalles gegeben. ›Ein weites Feld‹, wie Ihr Briest zu sagen pflegte. Doch grundsätzlich waren Sie wohlgelitten bei den Tunnelbrüdern, trotz der Proletarierverse. Hat nicht der junge Heyse, der Sie bewunderte, passende Reime gefunden? Ich krieg’s noch zusammen. ›Doch der ist ein Dichter! weiß ich sofort, Silentium! Lafontaine hat’s Wort.‹«

Fonty lächelte über dem Rest seiner Cola, doch war dem heiteren Anschein eine gallige Farbspur beigemischt. Ganz gegenwärtig und ganz vergangen sagte er: »Ja, Hoftaller, Sie waren als Tallhover superb. Selbst ohne Hinweis auf Kotzebue sind mir Ihre Schofelinskischaften erinnerlich geblieben. Finde allerdings in meinem sonst gut sortierten Gedächtnis keinen Hinweis, daß Sie irgend etwas, und sei es einen Ihrer Polizeiberichte, in gereimter Fassung vom Blatt gelesen hätten. Menzel, den wir ›Rubens‹ nannten, hat ja trotz Tabakdunst und funzligem Licht etliche Skizzen aufs Papier geworfen und so einige der inzwischen total vergessenen Verseschmiede verewigt, aber Sie sind uns leider auf keinem Blatt erhalten. Kann jedoch sein, daß man Ihresgleichen aus den Skizzenbüchern heraussortiert hat. Spuren verwischen. Verdeckt bleiben. Abtauchen, ganz Ihre Methode.«

Hoftaller saß hinter leerem Becher, mochte aber restlichen Vanillegeschmack nachkosten. Immer wieder meinte er, sich mit einer neuen Papierserviette den Mund wischen zu müssen. Als Fonty nachhakte und ihm die Opfer des Leipziger Herwegh-Clubs in Erinnerung rief - »Haben nicht Sie dafür gesorgt, daß Hermann Jellinek und Robert Blum später füsiliert wurden?« -, täuschte er mit dem Strohhalm Reste von Milchshake vor und rief schließlich: »Leer! Absolut leer! Aber Sie irren sich, Fonty, übertreiben maßlos. Bin kein Bluthund. Ist mir einzig um Sicherheit gegangen. Mein Biograph bezeugt das. Die Politik haben andere gemacht, damals wie heute. War oft genug ne Politik, die uns mißfiel, ob unter Manteuffel oder während der Herrschaft unserer führenden Genossen. Besonders die Schlußphase: kopflos. Was haben wir nicht alles versucht, um unseren Arbeiterund Bauern-Staat vor drohendem Zerfall zu bewahren. Das nun den Klassenfeind destabilisierende Ergebnis unserer Bemühungen haben wir noch kürzlich besichtigt. Sowas gefällt Ihnen natürlich: Mauerspechte! Wie uns damals eure Kleintalentebewahranstalt, der Tunnel über der Spree, gefallen hat. Namhafte Dichter, etwa Storm oder Keller, wollten damit nichts zu tun haben. War durchweg harmlos, was an ›Spänen‹, wie dort Gedichte genannt wurden, zu Gehör kam. Selbst Ihr anfänglicher Herwegh-Verschnitt mit sozialkritischem Tremolo und vormärzlichem Revoluzzergehabe ist kaum einen Bericht wert gewesen. Im Grunde waren Sie da gut aufgehoben: ganz der Kunst hingegeben und politisch entschärft. Erinnert mich an die Prenzlberger Szene. Auch dieser Poetentreff hat sich als nützliche Bewahr- und Vorbeugeanstalt erwiesen, und das ohne Adel und Preußentum, vielmehr als typisches Produkt unserer klassenlosen Gesellschaft.«

Fonty schwieg. Außer altersbedingter Müdigkeit war ihm nichts anzusehen. Auch Hoftaller schwieg jetzt. Ihm war gleichfalls nichts anzusehen, außer seiner weit über hundertjährigen Aufmerksamkeit. Und da beide dem Jahrgang neunzehn angehörten, hatte Fonty noch kürzlich Hoftaller zu seinem Siebzigsten ein Geschenk präsentiert, das schon Tallhovers Biograph als geeignet nachgewiesen und somit in Vorschlag gebracht hatte: Dem Geburtstagskind gefiel das vielteilige Puzzle, ein original Westprodukt, dessen Motiv eine Großtankstelle mit allem Drum und Dran war; um ein Jahrhundert zurückentwickelt, hätte es in zusammengesetztem Zustand durchaus einen preußischen Exerzierplatz, das Tempelhofer Feld, abbilden können, gleichfalls mit allem Drum und Dran, so zeitlos war Hoftaller am 23.März siebzig geworden. Verspätet hatte Fonty das Tankstellen-Puzzle vom damals üblichen Begrüßungsgeld in der Spielzeugabteilung des KaDeWe gekauft und seinem betagten Tagundnachtschatten nachgeliefert.

Weil sie nunmehr einander wortlos und trocken gegenübersaßen, holte Hoftaller eine dritte Cola und abermals einen Milchshake; dieser versprach Schokoladengeschmack. Sie hoben spaßeshalber die Pappbecher und nahmen Haltung an. Fonty sagte: »Furchtbar richtig! Wir wollten ja anstoßen, selbst wenn mir noch immer nicht nach Feiern ist. Welcher Siebzigste soll es denn sein?«

Der gegenwärtige Geburtstag hatte seinen Höhepunkt hinter sich. Eher beiläufig nahm Fonty Abstand: »Heut morgen, das längere Frühstück mit Frau und Tochter bei Rotkäppchensekt, war grad genug bei meinem fehlenden Sinn für Feierlichkeit. Außerdem kränkelt Mete noch immer, trotz Kur in Thale…« Erst Hoftallers Brückenschlag - »Na, feiern wir doch den großen Auftrieb vom 4.Januar, als die Vossische Zeitung zur Nachfeier eingeladen hatte« - erlaubte ihnen prompten Kostüm- und Kulissenwechsel. McDonald’s und dessen Kundschaft wurden unscharf, rückten weit weg.

Immerhin war das Ereignis durch den kaiserlichen Hoftraiteur ausgerichtet worden. Auf den einladenden Billets standen die Literarische Gesellschaft und des Unsterblichen Freunde - Brahm, Stephany, Schlenther - vermerkt: Als langjährige Existenzstütze des Theaterkritikers im Königlichen Schauspielhaus - Eckplatz Nr.23 - wollte sich die Vossische spendabel zeigen. Ganz Berlin war geladen.

Doch Fonty bemängelte den Aufwand: Für ihn sei das ein fragliches Glück gewesen. Die Zahl seiner Gegner habe sich verdoppelt, verdreifacht. Die über vierhundert Geladenen hätten sich auf das Vertilgen teurer Speisen und noch viel teurerer Weine konzentriert. Wohin man blickte: zur Schau gestellte Ordensbrüste und Schmuckkollektionen. Über allem habe auf- und abschwellender Lärm, gemischt aus Geschnatter und Renommiergehabe, gelegen. Kolossal ledern das Ganze und wichtigtuerisch. »Nichts ridiküler als Empfänge!« Und als gegen Schluß der Massenabfütterung sein »Archibald Douglas« rezitiert worden sei, habe die Mehrzahl der Gäste Unkenntnis durch vorzeitigen Applaus bekundet. Man hätte in den Boden sinken mögen.

»Jedenfalls war vorhin noch, was das Publikum betrifft, McDonald’s besser als Englisches Haus damals!« rief Fonty. »Aber was rede ich. Eure hochwohlgeborene Zuhörigkeit und untertänigst spitzelnde Durchlauchtigkeit waren ja dabei, ob geladen oder ungeladen. Gnädigst einen Schatten werfend, hat der Herr bemerken können, wie verlegen ich während der Rezitation auf das auf meinem Teller vereinzelte Radieschen gestarrt habe, als sei mir ein Hühnerdreck auf den Teller gefallen. Blamabel das Ganze! Hätte die Einladung ausschlagen sollen, als Stephany, freundlich wie immer, anfragte. Hätte nein und danke bestens sagen sollen, wie meine Emilie, aber auch Mete, die nicht dabei waren, angeblich fehlender Garderobe wegen, aber wohl eher doch, weil meine liebe Frau wieder einmal in Sorge war, ich könne mich in vornehmer Gesellschaft nicht recht benehmen und womöglich Unschickliches sagen, so daß man sich hätte genieren müssen. Schrieb deshalb an Stephany zurück: ›Muß ich Ihnen die Weiber schildern? Meine sind in einer Todesangst, daß ich mich blamieren könnte. Jede Frau wird diese Angst nie los; es muß wohl an uns liegen…‹«

Fonty starrte auf die leergefutterten Schachteln, als läge in deren Mitte noch immer das einsame Radieschen vom 4.Januar 1890. Das Jahr des jungen Kaisers, der, forsch von Anbeginn, seinem Kanzler den Laufpaß gab. Und im Vorjahr der Triumph der Freien Bühne, deren Intendanz der Unsterbliche ein Stück, Hauptmanns Erstling »Vor Sonnenaufgang«, empfohlen hatte: »Na, Tallhover, fällt der Groschen? Ende Oktober neunundachtzig? Und zwar im Lessing-Theater: Uraufführung. Schrieb in der Vossischen ziemlich begeistert gleich zweimal nacheinander. Und prompt war Emilie wieder in Angst, ich könnte, was den Hauptmann und seine schwarze Realistenbande betreffe, zu weit gehen. Ich engagiere mich ungebührlich, hat sie gesagt. Jedenfalls haben selbst Sie diesen völlig entphrasten Ibsen nicht aufhalten können. Und als dann das Deutsche Theater ›Die Weber‹ brachte, mit Liebknecht und weiteren Sozis im Parkett, war es mit den Bismarckschen Sozialistengesetzen vorbei; was Ihresgleichen natürlich nicht arbeitslos gemacht hat. Der Schnüffelei war kein Ende gesetzt. Hält sich bis heutzutage. Ist wohl auf Ewigkeit abonniert. Respekt, Tallhover! Respekt, Hoftaller!«

Nun starrte Fontys Tagundnachtschatten auf die leeren Schachteln, die Pappbecher und die zerknüllten Papierservietten, als läge zwischen ihnen zerknautscht jener Theaterzettel, der die Premiere der Hauptmannschen »Weber« angekündigt hatte. Das war mehr als nur ein Skandal gewesen. So viel verletzte Sicherheit. So viele unterlassene Verbote und am Parlament gescheiterte Umsturzvorlagen, so viele schriftliche Eingaben und vorzeitige Hinweise während Kaiser- bis Stasizeiten, die alle mißachtet worden waren. Zu viel Vergeblichkeit.

»Gehen wir!« rief Hoftaller. »Im Mitropa warten noch immer unsre jungen Poeten.«

»Glaube kaum, daß ich für weiteres Geschwätz aufgelegt bin.«

»Sie wollen doch nicht etwa kneifen?«

»Keine Festivitäten mehr. Mein Bedarf ist gedeckt!«

»Aber aber. Um ne kleine Nachfeier werden Sie nicht herumkommen…«

»Und wenn ich nein sage?«

»Ratsam wäre das nicht.«

Indem Fonty verzögert und wie von innerem Zaudern gehalten aufstand, sagte er: »Übrigens wüßte ich gerne, auf wessen Gehaltsliste Sie stehen werden, wenn es unseren Arbeiter- und Bauern-Staat nur noch als Konkursmasse geben wird?« Dann seufzte er und stützte sich auf den Wanderstock: »Zweifelsohne, das findet kein Ende. Warum wird man siebzig?«

Sie ließen einigen Müll zurück, als beide zwischen vollbesetzten Tischen auf den Ausgang zusteuerten. Plötzlich blieb Fonty wie auf Anruf stehen. Nahe dem Tresen mit den sechs Kassen und grünbemützten Kassiererinnen sah er eine Frau seines Alters, die, mit Blick auf ihn, ständig ihr rechtes Auge verkniff, als wollte sie ihm zuzwinkern. Ihr steingraues Haar hatte sie beiderseits zu Gretchenzöpfen geflochten und mit knittrigen Propellerschleifen, die eine rot, die andere blau, gebunden. Die Zöpfe standen ab. Um den dürren Hals trug sie eine aus getrockneten Hagebutten gereihte Kette in doppelter Schlinge. Sie hatte sich in eine Decke gewickelt, in die Schlitze für die Arme geschnitten waren. Ihre löchrigen Handschuhe. Sie stand in Holzpantinen. Der halbvolle Sack neben ihr sagte nichts über seinen sperrigen Inhalt. Ein Lederkoppel, dessen Schloß die Rote Armee auswies, hielt die Decke zusammen. Und mit beiden Handschuhen, durch deren Löcher sie fingerte, faßte sie einen BigMäc, der ihr, fehlender Zähne wegen, Mühe machte. Doch während sie zubiß, dann mümmelnd kaute, zwinkerte unablässig ihr Auge, bis endlich auch Fonty ihr zuzwinkerte, mehrmals.

Sie muß ihm bekannt vorgekommen sein. Eine seiner Kräuterhexen, etwa die Buschen aus dem »Stechlin« oder Mutter Jeschke aus »Unterm Birnbaum«. Nein, wir tippen auf Hoppenmarieken aus »Vor dem Sturm«. Die hätte so zwinkern können.

Hoftaller zog ihn zum Ausgang: »Nun aber los, Fonty. Von McDonald’s haben wir mehr als genug.«

Draußen wehte ein böiger Wind. Bis zum gegenüberliegenden Bahnhof war es nicht weit. Indem sie gingen, wurden sie wieder zum Paar. Beide Mäntel miteinander verwebt. Von hinten gesehen, gaben sie ein einträchtiges Bild ab. Und übereinstimmend lehnten sie sich gegen den Wind aus Nordwest.

3    Wie von Liebermanns Hand

Wie sahen sie aus? Bisher nur Schattenrisse: die Mäntel, zwei Hüte, der eine hoch und gedellt, der andere flach. Mit einem Einzelbild zu beginnen heißt, vorläufig auf Hoftaller und dessen Aussehen zu verzichten, denn der sah nach nichts oder beliebig aus; Fonty hingegen prägte sich ein, weil sein Charakterkopf das Konterfei einer namhaften Person zu sein versprach.

So sehr ähnelte er, daß man vermuten konnte: er ist es; wenn Unsterblichkeit - oder anders gesagt, das ideelle Fortleben nach dem Tod - ein beschreibbares Aussehen hat, gaben seine Gesichtszüge im Profil wie frontal den Unsterblichen wieder. Ob in der S-Bahn oder Unter den Linden, auf dem Gendarmenmarkt oder im Getriebe der Friedrichstraße, man blickte sich nach ihm um. Passanten stutzten, zögerten. Man hätte den Hut ziehen mögen, so vorgestrig wirkte er.

Einige Mitarbeiter des Archivs, denen Fonty seit den fünfziger Jahren bekannt war, behaupten noch heute, er sei jederzeit als Neuauflage in Erscheinung getreten. Aber erst im Jahr, als die Mauer fiel, und seitdem er uns allen als Redner auf dem Alexanderplatz ins Blickfeld gerückt worden war, näherte sich sein Aussehen der bekannten Lithographie von Max Liebermann aus dem Jahr 1896, die nach einigen Kreidezeichnungen entstanden ist, auf denen besonders Nase und Augen betont sind; doch wurde die Länge des leicht gebogenen Nasenrückens schon auf einer relativ frühen Bleistiftzeichnung bewiesen, die uns den Fünfunddreißigjährigen überliefert.

Zwischen den Englandreisen hat ihn Hugo von Blomberg, ein Tunnelfreund, skizziert. Das geschah kurz nach dem Tod seines dritten Sohnes. An Theodor Storm, der sich aus dem dänisch besetzten Schleswig nach Preußen geflüchtet hatte, ohne in Potsdam seines Exils froh zu werden, schrieb er über das verlorene Söhnchen: »Außer Vater und Mutter wohnte ein besoffener Leichenkutscher und die untergehende Sonne dem Begräbnis bei…«

Mit der spätbiedermeierlichen Blomberg-Skizze, die einen stutzerhaft gekleideten und modisch frisierten jungen Mann vorstellt, wird die Aussage älterer Archivmitarbeiter bestätigt, nach der Fonty in den fünfziger Jahren langmähnig und mit zum Backenbart tendierenden Koteletten als Reisender für den Kulturbund aufgetreten sein soll und besonders bei Zuhörerinnen Eindruck hinterlassen haben muß; eine dieser mittlerweile reifen Damen schwärmt noch immer vom »zwar spätbürgerlichen, doch zugleich verführerischen Glanz« seiner Auftritte in Oranienburg oder Rheinsberg, wo immer sie ihn erlebt hat: »Wirklich, er verzauberte uns.«

Nichts dergleichen bietet jene Liebermann-Lithographie, die mit der Zeitschrift »Pan« verbreitet wurde. Wenn Thomas Mann als noch junger, doch schon seit den »Buddenbrooks« erfolgreicher Schriftsteller in seinem um 1910 geschriebenen Essay das »blasse, kränklich-schwärmerische und ein bißchen fade Antlitz von dazumal« mit dem »prachtvollen, fest, gütig und fröhlich dreinschauenden Greisenhaupt« vergleicht und überdies sehen will, daß »um dessen zahnlosen, weiß überbuschten Mund ein Lächeln rationalistischer Heiterkeit liegt«, wird auch er die Blomberg-Skizze mit dem Liebermann-Blatt verglichen haben, auf dem das annähernd weißergraute Haar willentlich ungekämmt über Mund und den Ohren fusselt und auf dem Schädel spärlich ausfällt.

Der gleiche Mangel machte Fonty eine hohe Stirn. Auch er war über die Ohren hinweg und bis in den Nacken vollhaarig geblieben. Auch er liebte es, die silbrigen Strähnen unordentlich über den Kragen fallen zu lassen. Und seine Koteletten wucherten gekräuselt bis flaumig an den Ohrläppchen vorbei.

Nicht etwa wilhelminisch gezwirbelt, kaum gebürstet, als unbeschnittener Wildwuchs hing ihm der Schnauzbart über die Oberlippe hinweg und verdeckte mit den Mundwinkeln deren häufiges, weil nervöses Zucken. Die Augäpfel von plastisch gewölbten Lidern gefaßt. Der Blick wissend und - obgleich wäßrig schwimmend - fest auf das jeweilige Gegenüber gerichtet; das mochten Personen oder Gegenstände sein. Ein Beobachter und Zuhörer, dem gesellschaftlicher Klatsch und märkische Spukgeschichten gleich wirklich waren, sosehr er handfesten Realitäten verhaftet schien. Herausfordernd und ein wenig herablassend blickt er uns an.

Das Kinn eher ängstlich, weich und zurückgenommen. Und diese in der Unterpartie des Gesichts mangelhaft ausgebildete Willenskraft, die dem zeichnenden Liebermann nicht verborgen geblieben ist, könnte auf Fontys häufig bewiesene Schwäche deuten: Ob Tallhover oder Hoftaller gegenüber, unter Druck gab er nach. Verjährte Verstrickungen mit dem Zensurwesen während seiner Tätigkeit in der »Centralstelle für Presseangelegenheiten« sind dafür Beleg, ob in Berlin oder später in London; desgleichen Fontys Dienstwilligkeit im Haus der Ministerien. Weitere Phasen seiner nachgelebten Biographie, etwa die wiederholten Kriegsberichte aus dem abermals besetzten Frankreich und alle Vorträge, die er für den Kulturbund gehalten hat, waren dem jeweiligen Staatswesen dienstbar; sosehr wir heute bereit sind, ihm vieles nachzusehen und anderes als üble Anpassung zu verurteilen: Seine Versuche, das Literaturverständnis jener Jahre, die dem elften ZK-Plenum folgten, mit Rückbezügen auf die preußische Zensur zu erweitern, wurden damals als halsbrecherisch mutig gewertet. Das brachte ihm Ärger ein. Und Ärger hat er sich allemal, in dieser und jener Gestalt, bereitet.