Die Rättin - Günter Grass - E-Book
Beschreibung

In den Träumen des Erzählers kann das Tier sprechen und zwingt ihm die Vision vom Untergang der Menschheit und der Übernahme der Herrschaft auf Erden durch Ratten auf. Sie allein haben in der von Neutronenbomben getroffenen Stadt Gdansk-Danzig überlebt und bauen dort auf eine Solidarität gegründete neue Zivilisation auf. Gegen diese apokalyptischen Visionen entwickelt der Erzähler seine Geschichten: vom Maler Malskat und der falschen Restauration der 1950er Jahre, von toten Wäldern und von fünf geliebten Frauen, die sich in der quallenverseuchten Ostsee auf die Suche nach Vineta machen, einem Ort weiblicher Utopie.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:618


Günter Grass

Inhaltsverzeichnis
Die Rättin
DAS ERSTE KAPITEL, in dem ein Wunsch in Erfüllung geht, in Noahs Arche kein Platz für Ratten ist, vom Menschen nur Müll bleibt, ein Schiff oft seinen Namen wechselt, die Saurier aussterben, ein alter Bekannter auftritt, eine Postkarte einlädt, nach Polen zu reisen, der aufrechte Gang geübt wird und mächtig Stricknadeln klappern.
DAS ZWEITE KAPITEL, in dem Meisterfälscher benannt und Ratten Mode werden, der Schluß bestritten wird, Hänsel und Gretel davonlaufen, im Dritten Programm über Hameln was läuft, jemand nicht weiß, ob er reisen soll, das Schiff am Unglücksort ankert, es hinterher Klopse gibt, Menschenblöcke brennen und Rattenvölker allerorts den Verkehr sperren.
DAS DRITTE KAPITEL, in dem sich Wunder ereignen, Hänsel und Gretel städtisch sein wollen, unser Herr Matzerath an der Vernunft zweifelt, fünf Hängematten belegt sind, das Dritte Programm schweigen muß, in Stege Ausverkauf und in Polen Mangel herrschen, eine Filmschauspielerin geheiligt wird und Truthähne Geschichte machen.
DAS VIERTE KAPITEL, in dem Abschied genommen wird, ein Vertrag reif zur Unterschrift vorliegt, Hänsel und Gretel ankommen, Rattenköttel gefunden werden, Sonntagsstimmung herrscht, Ultimo ist, einige Goldstücke überzählig sind, Malskat zu den Soldaten muß, es schwerfällt, von den Frauen zu lassen, und das Schiff vor Kreidefelsen ankert.
DAS FÜNFTE KAPITEL, in dem eine Raumkapsel kreist, unser Herr Matzerath schwarzsieht, die Rättin fehlende Angst beklagt, die Stadt Gdánsk äußerlich heil bleibt, die Frauen um Ohrenquallen sich streiten, Hänsel und Gretel zur Aktion aufrufen, die Erziehung des Menschengeschlechtes fortgesetzt und eine Preisrede gehalten wird.
DAS SECHSTE KAPITEL, in dem der Rattenmensch denkbar und beim Wacheschieben geträumt wird, sich die Rättin als ortskundig erweist, das kaschubische Kraut wuchert, falsche Namen den Frauen anhängen, gleich nach dem Aufräumen die posthumane Geschichte beginnt, ich als Fehlerquelle erkannt werde, das große Geld die Macht und Wilhelm Grimm eine Idee hat.
DAS SIEBTE KAPITEL, in dem vorm Bundestag geredet wird, die Sieben Zwerge Individuen sind, fünf Frauen von Bord gehen und was erleben wollen, laut und leise die Quallen singen, unser Herr Matzerath ankommt, Malskat gotisch im Hochchor turnt, vereinsamt die Rättin jammert, Dornröschen sich mit der Spindel sticht und das Schiff über Vineta ankert.
DAS ACHTE KAPITEL, in dem fünf Gedenkminuten vergehen, der Geburtstag seinen Verlauf nimmt, die Rättin von Irrlehren berichtet, der Kuckuck im Film und in Wirklichkeit ruft, die Frauen sich schön machen, Oskar unter die Röcke kriecht, fast alles sein Ende findet und auf dem Bischofsberg Kreuze errichtet werden.
DAS NEUNTE KAPITEL, in dem die Frauen noch einmal aufleben, das Land ohne Regierung ist, nagend Hunger herrscht, zwei Mumien samt Zubehör überführt werden, worauf der Ackerbau beginnt, Ratte, Vogel und Sonnenblume ein Bild ergeben, die Menschen nur noch als ob sind, es überall sprießt, treibt und rankt, schon wieder Oskar dazwischenredet und nach der ersten Lautverschiebung das Erntedankfest gefeiert wird.
DAS ZEHNTE KAPITEL, in dem beim Festakt ein Gewitter niedergeht, unser Herr Matzerath sich behauptet, die Rättin dem treibenden Wrack Geheimnisse nachsagt, der Prinz davonläuft, Neues aus Hameln berichtet wird, die Ratten dichtgedrängt voller Erwartung sind, keine Post Nachricht aus Travemünde bringt, doch zu Beginn des neuen Zeitalters die Glocken läuten.
DAS ELFTE KAPITEL, in dem die Gekommenen seßhaft werden, der Dornröschenschlaf schrecklich endet, in Hameln Drillinge überraschen, im Lübecker Bildfälscherprozeß geurteilt wird, die Speicherinsel zu eng ist, unser Herr Matzerath wieder einmal alles vorausgewußt hat, die Watsoncricks Ordnung schaffen und - weil die Post gute Nachricht bringt - Musik tröstet.
DAS ZWÖLFTE KAPITEL, in dem eine Kutsche in die Vergangenheit fährt, zwei alte Herren von dazumal reden, eine andere Damroka schöngelockt ist, Museumsstücke gesammelt und Ratten gemästet werden, eine traurige Nachricht das Geburtstagsfest trübt, Solidarność siegt, doch vom Menschen nichts bleibt und sich die letzte Hoffnung verkrümelt.
Impressum

DAS ERSTE KAPITEL, in dem ein Wunsch in Erfüllung geht, in Noahs Arche kein Platz für Ratten ist, vom Menschen nur Müll bleibt, ein Schiff oft seinen Namen wechselt, die Saurier aussterben, ein alter Bekannter auftritt, eine Postkarte einlädt, nach Polen zu reisen, der aufrechte Gang geübt wird und mächtig Stricknadeln klappern.

Auf Weihnachten wünschte ich eine Ratte mir, hoffte ich doch auf Reizwörter für ein Gedicht, das von der Erziehung des Menschengeschlechts handelt. Eigentlich wollte ich über die See, meine baltische Pfütze schreiben; aber das Tier gewann. Mein Wunsch wurde erfüllt. Unterm Christbaum überraschte die Ratte mich.

Nicht etwa zur Seite gerückt, nein, von Tannenzweigen überdacht, dem tiefhängenden Baumschmuck zugeordnet, anstelle der Krippe mit dem bekannten Personal, hatte, mehr lang als breit, ein Drahtkäfig Platz gefunden, dessen Gitterstäbe weiß lackiert sind und dessen Innenraum mit einem hölzernen Häuschen, der Saugflasche und dem Futternapf möbliert ist. Wie selbstverständlich nahm das Geschenk seinen Ort ein, als gäbe es keinen Vorbehalt, als sei diese Bescherung natürlich: die Ratte unterm Weihnachtsbaum.

Nur mäßige Neugierde, sobald Papier knisterte. Huschig raschelte sie im Streu aus gelockten Hobelspänen. Wie sie nach kurzem Sprung auf ihrem Haus kauerte, spiegelte eine gülden glänzende Kugel das Spiel der Witterhaare. Von Anbeginn war erstaunlich, wie nackt ihr Schwanz lang und daß sie fünffingrig ist wie der Mensch.

Ein sauberes Tier. Hier und dort: nur wenige Rattenköttel kleinfingernagellang. Jener nach altem Rezept hergestellte Heiligabendgeruch, zu dem Kerzenwachs, Tannenduft, ein wenig Verlegenheit und Honigkuchen beitrugen, übertönte die Ausdünstung des geschenkten Jungtieres, das einem Schlangenzüchter abgekauft wurde, der, in Gießen ansässig, Ratten als Schlangenfraß züchtet.

Gewiß überraschten auch andere Gaben: Nützliches, Überflüssiges links rechts beigeordnet. Es fällt ja immer schwerer zu schenken. Wo ist noch übriger Platz? Oh, dieses Elend, nicht mehr zu wissen, was wünschen. Alles ist in Erfüllung gegangen. Was fehlt, sagen wir, ist der Mangel, als wollten wir den uns zum Wunsch machen. Und schenken weiterhin ohne Erbarmen. Niemand weiß mehr, was wann von wem wohlwollend über ihn kam. Satt und bedürftig hieß mein Zustand, als ich mir, nach Wünschen befragt, auf Weihnachten eine Ratte wünschte.

Natürlich wurde gespottet. Fragen blieben nicht aus: In deinem Alter? Muß das sein? Nur weil die Mode sind jetzt? Warum keine Krähe? Oder wie letztes Jahr: mundgeblasene Gläser? - Nagut, gewünscht ist gewünscht.

Eine weibliche sollte es sein. Doch bitte keine weiße mit roten Augen, keine Laborratte bitte, wie sie bei Schering und Bayer-Leverkusen in Gebrauch sind.

Aber wird die graubraune Wanderratte, vulgär Kanalratte genannt, auf Lager und käuflich sein?

In Tierhandlungen werden gewöhnlich nur Nager geführt, denen kein Ruf anhängt, die nicht sprichwörtlich sind, über die nichts Schlimmes geschrieben steht.

Erst kurz vor dem vierten Advent soll Nachricht aus Gießen gekommen sein. Der Sohn einer Tierhändlerin mit üblichem Angebot, der ohnehin über Itzehoe in Richtung Norden zu seiner Verlobten fuhr, war gefällig und brachte ein Exemplar wie gewünscht; der Käfig konnte getrost der eines Goldhamsters sein.

Dabei hatte ich meinen Wunsch annähernd vergessen, als mich am Heiligen Abend die weibliche Ratte in ihrem Käfig überraschte. Ich sprach sie an, töricht. Später lagen geschenkte Schallplatten auf. Ein Rasierpinsel wurde belacht. Bücher genug, darunter eines über die Insel Usedom. Die Kinder zufrieden. Nüsseknacken, Geschenkpapier falten. Scharlachrote und zinkgrüne Bänder, deren Enden gezwirbelt sein müssen, wollten zur Wiederverwendung - nur nichts wegwerfen! - aufgewickelt verwahrt werden.

Gefütterte Hausschuhe. Und das noch und das. Und ein Geschenk, das ich für meine Liebste, die mich mit der Ratte beschenkte, in Seidenpapier gerollt hatte: Auf handkolorierter Landkarte liegt, der pommerschen Küste vorgelagert, Vineta, die versunkene Stadt. Trotz Stockflecken und seitlichem Riß: ein schöner Stich.

Niederbrennende Kerzen, der geballte Familienverband, die schwer erträgliche Stimmung, das Festessen. Tags darauf nannten erste Besucher die Ratte süß.

Meine Weihnachtsratte. Wie anders soll ich sie nennen. Mit ihren rosa Zehen, die feingegliedert den Nußkern, die Mandel oder gepreßtes Spezialfutter halten. Anfangs ängstlich auf meine Fingerkuppen bedacht, beginne ich sie zu verwöhnen: mit Rosinen, Käsebröcklein, dem Gelben vom Ei.

Sie mir danebengesetzt. Ihre Witterhaare nehmen mich wahr. Sie spielt mit meinen Ängsten, die ihr handlich sind. Also rede ich gegenan. Vorerst noch Pläne, in denen Ratten ausgespart bleiben, als könnte zukünftig irgendwas ohne sie sich ereignen, als dürfte, sobald die See kleine Wellen wagt, der Wald an den Menschen stirbt oder womöglich ein Männlein bucklicht sich auf die Reise macht, die Rättin abwesend sein.

Neuerdings träumt sie mir: Schulkram, des Fleisches Ungenügen, was alles der Schlaf unterschiebt, in welche Geschehnisse ich hellwach vermengt werde; meine Tagträume, meine Nachtträume sind ihr abgestecktes Revier. Keine Wirrnis, der sie nicht nacktschwänzig Gestalt gäbe. Überall hat sie Duftmarken gesetzt. Was ich vorschiebe - schranktiefe Lügen und Doppelböden -, sie frißt sich durch. Ihr Nagen ohne Unterlaß, ihr Besserwissen. Nicht mehr ich rede, sie spricht auf mich ein.

Schluß! sagt sie. Euch gab es mal. Gewesen seid ihr, erinnert als Wahn. Nie wieder werdet ihr Daten setzen. Alle Perspektiven gelöscht. Ausgeschissen habt ihr. Und zwar restlos. Wurde auch Zeit!

In Zukunft nur Ratten noch. Anfangs wenige, weil ja fast alles Leben ein Ende fand, doch schon vermehrt sich die Rättin erzählend, indem sie von unserem Ausgang berichtet. Mal fistelt sie bedauernd, als wolle sie jüngste Würfe lehren, uns nachzutrauern, mal höhnt ihr Rattenwelsch, als wirke Haß auf unsereins nach: Weg seid ihr, weg!

Doch ich halte gegen: Nein, Rättin, nein! Immer noch sind wir zahlreich. Pünktlich geben Nachrichten von unseren Taten Bericht. Wir tüfteln Pläne aus, die Erfolg versprechen. Zumindest mittelfristig sind wir noch da. Selbst jenes bucklichte Männlein, das abermals dreinreden will, sagte noch kürzlich, als ich treppab in den Keller wollte, um nach den Winteräpfeln zu sehen: Mag sein, daß es zu Ende geht mit den Menschen, doch letztlich bestimmen wir, wann Ladenschluß ist.

Rattengeschichten! Wie viele sie weiß. Nicht nur in wärmeren Zonen, sogar in den Iglus der Eskimos soll es sie geben. Mit den Verbannten gelang es Ratten, Sibirien zu besiedeln. Polarforschern gesellig, haben Schiffsratten die Arktis und Antarktis entdeckt. Keine Einöde war ihnen unwirtlich genug. Hinter Karawanen zogen sie durch die Wüste Gobi. Frommen Pilgern im Gefolge waren sie nach Mekka und Jerusalem unterwegs. Mit den wandernden Völkern des Menschengeschlechts sah man dicht bei dicht Ratten wandern. Sie sind mit den Goten ans Schwarze Meer, mit Alexander gen Indien, mit Hannibal über die Alpen, anhänglich den Wandalen nach Rom gezogen. Hinter Napoleons Heerhaufen nach Moskau hin und zurück. Auch mit Mose und dem Volk Israel liefen trockenen Fußes Ratten durchs Rote Meer, um in der Wüste Zin vom himmlischen Manna zu kosten; es gab von Anbeginn Abfall genug.

So viel weiß meine Rättin. Sie ruft, daß es hallt: Am Anfang war das Verbot! Denn als der Menschen Gott polterte: Ich will eine Sintflut mit Wasser kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darin ein lebendiger Odem ist, durften wir ausdrücklich nicht an Bord. Für uns kein Zutritt, als Noah seine Arche zum Zoo machte, obgleich sein immerfort strafender Gott, vor dem er Gnade gefunden hatte, von oben herab deutlich geworden war: Aus allerley reinem Vieh nimm zu dir je sieben und sieben, das Menlin und sein Frewlin. Von dem unreinen Vieh aber je ein Par, das Menlin und sein Frewlin, denn wil ich regnen lassen auff Erden vierzig tag und vierzig nacht und vertilgen von dem Erdboden alles, was das Wesen hat, das ich gemacht habe. Mich reuet mein tun.

Und Noah tat, was sein Gott ihm befohlen, und nahm von den Vögeln nach ihrer Art, von dem Vieh nach seiner Art und von allerley Gewürm auff erden nach seiner Art; nur von unsereins Wesen wollte er kein Paar, nicht Ratz und Rättlin, in seinen Kasten nehmen. Rein oder unrein, wir waren ihm weder noch. So früh war das Vorurteil eingefleischt. Von Anbeginn Haß und der Wunsch, vertilgt zu sehen, was würgt und Brechreiz macht. Dem Menschen eingeborener Ekel vor unserer Art hinderte Noah, nach seines strengen Gottes Wort zu handeln. Er verneinte uns, strich uns aus seiner Liste, die alles nannte, was Atem hat.

Küchenschaben und Kreuzspinnen, den sich krümmenden Wurm, die Laus sogar und die warzige Kröte, schillernde Schmeißfliegen nahm er, ein Paar, an Bord seiner Arche, uns aber nicht. Wir sollten draufgehen wie der verderbten Menschheit zahlreicher Rest, von dem der Allmächtige, dieser immerfort rachsüchtige und den eigenen Pfusch verfluchende Gott, abschließend gesagt hatte: Des Menschen Bosheit war gros auff Erden und ihrer Hertzen Tichten und Trachten war böse imer dar.

Worauf er Regen machte, der vierzig Tage und Nächte fiel, bis alles mit Wasser bedeckt war, das einzig die Arche und deren Inhalt trug. Als aber die Wasser fielen und erste Bergspitzen aus der Flut tauchten, kam nach dem Raben, der ausgesetzt wurde, die Taube zurück, von der es hieß: Sie kam zu ihm umb die Vesperzeit und sihe, ein Oelblatt hatte sie abgebrochen und trugs in ihrem Munde. Doch nicht nur mit Grünzeug, mit verblüffender Botschaft auch flog die Taube Noah zu: Sie habe, wo sonst nichts mehr kreuche und fleuche, Rattenköttel, frische Rattenköttel gesehen.

Da lachte der seiner Stümperei überdrüssige Gott, weil Noahs Ungehorsam an unsrer Zählebigkeit zunichte geworden war. Er sagte wie immer von oben herab: Fortan sollen Ratz und Rättlin auff Erden des Menschen gesell und zuträger aller verheißenen Plage seyn…

Er sagte noch mehr voraus, was nicht geschrieben steht, trug uns die Pest auf und schwindelte sich, nach Art des Allmächtigen, weitere Allmacht zusammen. Er persönlich habe uns der Sintflut enthoben. Auf seiner Gotteshand sei von unreiner Art ein Paar sicher gewesen. Auf göttlicher Hand habe Noahs ausgesetzte Taube frische Rattenköttel gesehen. Seiner Pranke verdanke sich unser zahlreiches Fortleben, denn auf Gottes Handteller hätten wir Junge, neun Stück, geworfen, worauf sich der Wurf, während das Gewesser hundert und fuffzig tage auff Erden stund, zu einem Rattenvölkchen ausgewachsen habe; so geräumig sei des allmächtigen Gottes Hand.

Verstockt schwieg Noah nach dieser Rede und dachte, wie von Jugend an gewohnt, Böses bei sich. Doch als die Arche breit und platt auf dem Gebirge Ararat Grund gefunden hatte, war das wüste Gelände ringsum schon eingenommen von uns; denn nicht in Gottes Hand, wohl aber in unterirdischen Gängen, die wir mit Alttieren gepfropft und in Nistkammern zu rettenden Luftblasen gemacht hatten, waren wir, das zählebige Rattengeschlecht, der Sintflut entkommen. Wir, langschwänzig! Wir, mit dem ahnenden Witterhaar! Wir, mit dem nachwachsenden Zahn! Wir, des Menschen enggefügte Fußnoten, sein auswuchernder Kommentar. Wir, unverwüstlich!

Bald bewohnten wir Noahs Kasten. Keine Vorkehr half: Seine Speise war unsere auch. Schneller, als sich die Menschen um Noah und sein erwähltes Getier vermehren konnten, wurden wir zahlreich. Uns wurde das Menschengeschlecht nicht mehr los.

Da sagte Noah, indem er Demut vor seinem Gott heuchelte und sich gleichwohl an dessen Stelle setzte: Verstockt war mein Hertz, daß ich des Herrn Wort außer acht ließ. Doch nach des Allmächtigen Wille überlebte auff erden mit uns die ratt. Sie soll verflucht seyn, in unserem Schatten zu wühlen, wo abfall liegt.

Das ging in Erfüllung, sagte die Rättin, von der mir träumt. Wo der Mensch war, an jedem Ort, den er verließ, blieb Müll. Selbst auf der Suche nach letzter Wahrheit und seinem Gott auf den Fersen machte er Müll. An seinem Müll, der Schicht auf Schicht lagerte, war er, sobald man ihm nachgrub, jederzeit zu erkennen; denn langlebiger als der Mensch ist sein Abfall. Einzig Müll hat ihn überdauert!

Wie nackt ihr Schwanz mal so und mal so liegt. Ach, wie hat sie sich ausgewachsen, meine niedliche Weihnachtsratte. Unruhig auf und ab, dann wieder starr, bis auf die zitternden Witterhaare, hält sie alle Träume besetzt. Mal plappert sie leichthin, als müsse auf Rattenwelsch, in dem viel Tratsch zischelt, die Welt samt Kleinkram verplaudert werden, dann wieder fistelt sie belehrend, indem sie mich in die Schule nimmt, mir rattig geschichtsläufige Lektionen erteilt; schließlich spricht sie endgültig, als habe sie Luthers Bibel, die Großen und Kleinen Propheten, die Sprüche Salomonis, Jeremiä Klagelieder, wie nebenbei die Apokryphen, den Singsang der Männer im Feuerofen, die Psalmen alle und Siegel nach Siegel des Johannes Offenbarung gefressen.

Wahrlich, ihr seid nicht mehr! höre ich sie verkünden. Wie einst der tote Christus vom Weltgebäude herab, spricht weithallend die Rättin vom Müllgebirge: Nichts spräche von euch, gäbe es uns nicht. Was vom Menschengeschlecht geblieben, zählen wir zum Gedächtnis auf. Vom Müll befallen, breiten sich Ebenen, strändelang Müll, Täler, in denen der Müll sich staut. Synthetische Masse wandert in Flocken, Tuben, die ihren Ketchup vergaßen, verrotten nicht. Schuhe, weder aus Leder noch Stroh, laufen selbsttätig mit dem Sand, sammeln sich in vermüllten Kuhlen, wo schon des Seglers Handschuh und drolliges Badegetier warten. All das redet von euch ohne Unterlaß. Ihr und eure Geschichten in Klarsichtfolie verschweißt, in Frischhaltebeuteln versiegelt, in Kunstharz gegossen, in Chips und Klips ihr: das gewesene Menschengeschlecht.

Was sonst noch geblieben ist: Auf euren Pisten rollt, scheppert Schrott. Kein Papier uns zum Fraß, doch zerschlissene Planen um Pfeiler, um Stahlträger gewickelt. Geronnener Schaum. Als sei in ihm Leben, bibbert in Fladen Gelee. Überall rotten Horden leerer Kanister. Aus Kassetten befreit sind Filmbänder unterwegs: Die Caine war ihr Schicksal, Doktor Schiwago, Donald Duck, High Noon und Goldrausch… Was euch vergnüglich oder zu Tränen rührend in beweglichen Bildern das Leben gewesen ist.

Ach, eure Autohalden, in denen sich wohnen ließ früher. Container und sonstige Stapelware. Kisten, die ihr Safe und Tresor nanntet, stehen sperroffen: jedes Geheimnis ausgekotzt. Alles wissen wir, alles! Und was ihr in suppenden Fässern gelagert, vergessen oder falsch abgebucht habt, wir finden sie, eure tausend mal tausend Giftdeponien: Plätze, die wir begrenzen, indem wir warnend - uns warnend, denn nur noch wir sind - Duftmarken setzen.

Zugegeben: selbst euer Müll ist beachtlich! Und oft staunt unsereins, wenn Stürme mit dem strahlenden Staub sperrige Bauelemente von weither über die Hügel ins flache Land tragen. Seht, es segelt ein Glasfiberdach! So erinnern wir den verstiegenen Menschen: immer höher hinaus, immer steiler erdacht… Seht, wie zerknautscht sein Fortschritt zu Fall kam!

Und ich sah, was mir träumte, sah Gelee bibbern und Filmbänder unterwegs, sah rollenden Schrott und Folien von Stürmen bewegt, sah Gift aus Fässern suppen; und ich sah sie, die vom Müllberg herab verkündete, daß der Mensch nicht mehr sei. Das, rief sie, ist euer Nachlaß!

Nein, Rättin, nein! schrie ich. Noch gibt es uns tätig. Zukünftig sind Termine gesetzt, vom Finanzamt, beim Zahnarzt zum Beispiel. Es sind die Ferienflüge vorausgebucht. Morgen ist Mittwoch und übermorgen… Auch steht mir ein bucklicht Männlein im Weg, das sagt: Es müsse dies noch und das niedergeschrieben werden, damit unser Ende, sollte es kommen, vorbedacht sich ereigne.

Meine See, die sich nach Osten

und nördlich verläuft, wo Haparanda liegt.

Die baltische Pfütze.

Was von der windigen Insel Gotland außerdem ausging.

Wie die Algen dem Hering die Luft nahmen

und der Makrele, dem Hornfisch auch.

Es könnte, was ich erzählen will,

weil ich durch Wörter das Ende aufschieben möchte,

mit Quallen beginnen, die mehr, immer mehr,

unabsehbar mehr werden,

bis die See, meine See

eine einzige Qualle.

Oder ich lasse die Bilderbuchhelden,

den russischen Admiral, den Schweden, Dönitz, wen noch

aufkreuzen, bis Strandgut

genug bleibt - Planken und Bordbücher,

aufgelistet Proviant -

und alle Untergänge abgefeiert sind.

Als am Palmsonntag aber Feuer vom Himmel

auf die Stadt Lübeck und ihre Kirchen fiel,

brannte vom Backsteingemäuer die innere Tünche;

hoch ins Gerüst soll nun Malskat, der Maler,

abermals steigen, damit uns die Gotik

nicht ausgeht.

Oder es spricht, weil ich nicht lassen kann

von der Schönheit, die Organistin aus Greifswald

mit ihrem R, das zum Uferkiesel gerollt wurde.

Sie hat, genau gezählt,

elf Pfaffen überlebt und immer

den Cantus firmus gehalten.

Jetzt heißt sie, wie Witzlavs Tochter hieß.

Jetzt sagt Damroka nicht,

was der Butt ihr gesagt.

Jetzt lacht sie von der Orgelbank

ihren elf Pfaffen nach: der erste, son Mucker,

der kam aus Sachsen…

Ich lade euch ein: Denn hundertundsieben Jahre

wird Anna Koljaiczek aus Bissau bei Viereck,

das liegt bei Matarnia.

Ihren Geburtstag zu feiern mit Sülze, Pilzen und Kuchen

kommen alle gereist, denn weit

zweigt das kaschubische Kraut.

Die aus Übersee: Von Chicago her reisen sie an.

Die Australier nehmen den längsten Weg.

Wem es im Westen bessergeht, der kommt,

es jenen zu zeigen,

die in Ramkau, Kartuzy, Kokoschken geblieben,

um wieviel besser in deutscher Mark.

Fünf von der Leninwerft sind eine Delegation.

Schwarzröcke bringen den Segen der Kirche.

Nicht nur die staatliche Post,

Polen als Staat ist vertreten.

Mit Chauffeur und Geschenken

kommt unser Herr Matzerath auch.

Aber das Ende! Wann kommt das Ende?

Vineta! Wo liegt Vineta?

Seetüchtig kreuzen sie auf; denn zwischendurch

werden Frauen tätig.

Allenfalls Flaschenpost,

die ihren Kurs ahnen läßt.

Da ist keine Hoffnung mehr.

Denn mit den Wäldern,

soll hier geschrieben stehen,

sterben die Märchen aus.

Abgeschnitten Krawatten kurz unterm Knoten.

Endlich, das Nichts hinter sich, treten die Männer zurück.

Doch als die See den Frauen Vineta zeigte,

war es zu spät. Damroka verging,

und Anna Koljaiczek sagte: Nu isses aus.

Ach, was soll werden, wenn nichts mehr wird!

Da träumte die Rättin mir, und ich schrieb:

Die Neue Ilsebill geht als Ratte an Land.

Als im Oktober neunundneunzig die »Dora«, ein stählerner Ewer mit Holzboden, dem Schiffsbauer Gustav Junge in Auftrag gegeben und im März des Jahres 1900 auf der Wewelsflether Werft zu Wasser gelassen wurde, ahnte der Schiffseigner Richard Nickels nicht, was alles seinem für die Hamburger Graskellerschleuse bemessenen Alsterewer geschehen sollte, zumal das neue Jahrhundert, laut angekündigt und klotzig, mit prallen Taschen ans Licht trat, als wollte es sich die Welt kaufen.

Knappe achtzehn Meter war das Schiff lang und viersiebzig breit. Die Tonnage der »Dora« belief sich auf achtunddreißigkommafünf Bruttoregistertonnen, ihre Tragfähigkeit betrug siebzig Tonnen, war aber mit fünfundsechzig angegeben. Ein Lastschiff, für Getreide und Schlachtvieh, für Bauholz und Ziegelsteine gut.

Der Schiffer Nickels war nicht nur auf der Elbe, der Stör und der Oste mit Fracht unterwegs, sondern befuhr auch deutsche und dänische Häfen bis nach Jütland hoch und nach Pommern hin. Bei gutem Wind lief sein Lastewer vier Knoten.

1912 wurde die »Dora« an den Schiffer Johann Heinrich Jungclaus verkauft, der den Ewer ohne Schaden über den Ersten Weltkrieg brachte und ihm im Jahr achtundzwanzig, zur Zeit der Rentenmark, einen 18-PS-Glühkopfmotor einbauen ließ. Krautsand und nicht mehr Wewelsfleth stand nun als Heimathafen am Heck geschrieben: mit weißen Buchstaben auf schwarzem Anstrich. Das änderte sich, als Jungclaus seinen Lastewer dem Schiffer Paul Zenz aus Cammin an der Dievenow verkaufte, einer Kleinstadt in Pommern, die heute Kamień heißt.

Dort fiel die »Dora« auf. Abfällig nannten die pommerschen Küstenschiffer das Plattbodenschiff, wenn es durch den Greifswalder Bodden geschippert wurde, einen Dwarsdriewer. Noch immer Getreidelasten, Winterkohl, Schlachtvieh als Last, aber auch Bauholz, Ziegelsteine, Dachpfannen, Zement; es wurde ja bis in den Zweiten Weltkrieg hinein viel gebaut: Kasernen, Barackenlager. Doch hieß der Eigner der »Dora« jetzt Otto Stöhwase, und am Heck stand Wollin als Heimathafen geschrieben; so heißt eine Stadt und Insel, die mit der Insel Usedom vor der pommerschen Küste liegt.

Als vom Januar bis zum Mai des Jahres fünfundvierzig große und kleine Schiffe, mit Zivilisten und Soldaten überladen, die Ostsee befuhren, doch nicht alle Schiffe die Häfen der Städte Lübeck, Kiel, Kopenhagen, den rettenden Westen erreichten, holte auch die »Dora«, kurz bevor die Zweite Sowjetische Armee zur Ostsee durchstieß, Flüchtlinge aus Danzig-Westpreußen, um sie nach Stralsund zu bringen. Das war, als die »Gustloff« sank. Das war, als in der Neustädter Bucht die »Cap Arcona« ausbrannte. Das war, als überall und selbst an Schwedens neutraler Küste ungezählt viele Leichen antrieben; alle noch Lebenden glaubten, davongekommen zu sein, und nannten deshalb das Ende, als sei zuvor nichts geschehn, die Stunde Null.

Ein Jahrzehnt später wurde, während überall Frieden bewaffnet herrschte, der immer noch unverändert lange und breite Ewer mit einem 36-PS-Brons-Dieselmotor ausgerüstet und vom neuen Eigner, der Firma Koldewitz auf Rügen, nicht mehr »Dora«, sondern »Ilsebill« genannt; wohl in Anspielung auf ein plattdeutsches Märchen, dessen Wortlaut aufgezeichnet worden war, als überall in Deutschland, also auch auf der Insel Rügen, Märchen gesammelt wurden.

Benannt nach des Fischers Frau, die sich vom sprechenden Butt mehr, immer mehr, am Ende wie Gott zu sein wünscht, diente die »Ilsebill« noch lange als Lastschiff im Bodden, in der Peenemündung und im Achterwasser, bis man sie gegen Ende der sechziger Jahre, während immer noch Frieden bewaffnet herrschte, abwracken und im Hafen von Warthe auf Usedom als Molenfundament versenken wollte. Der stählerne Rumpf, dessen Heck zuletzt die Stadt Wolgast als Heimathafen ausgab, sollte geflutet werden.

Das geschah nicht, denn im reichen Westen, dem der verlorene Krieg Glück gebracht hatte, fand sich eine Käuferin, die von Greifswald herkam, über Umwege nach Lübeck gezogen war, doch weiter auf vorpommerschen Trödel fixiert blieb, der mochte von Rügen, von Usedom stammen oder, wie der stählerne Besanewer mit Holzboden, nach dorthin verschlagen sein; eigentlich hatte sie eines der selten gewordenen Zeesboote gesucht.

Am Ende langwieriger Verhandlungen bekam die Käuferin, die, ihrem Herkommen gemäß, beharrlich blieb, den Zuschlag, weil die Deutsche Demokratische Republik, als letzter Schiffseigner, nach hartem Westgeld begehrlich war; die Überführung des Lastewers kam teurer als dessen Kauf.

Lange lag die »Dora« als »Ilsebill« in Travemünde. Schwarz der Rumpf und der Hauptmast, blau-weiß das Steuerhaus und die restlichen Aufbauten. An langen Wochenenden und während Urlaubswochen putzte, besserte, pinselte die neue Eignerin, die ich, weil sie mir lieb ist, Damroka nennen will, an ihrem Schiff, bis sie, obgleich von Beruf Organistin und von Jugend an mit Händen und Füßen für Gott und Bach tätig, Ende der siebziger Jahre zum Bootsführerschein ihr Patent für Küstenfahrt machte. Sie ließ die Orgel samt Kirche und Pfaffen hinter sich, entzog sich der musikalischen Fron und soll fortan die Kapitänin Damroka genannt werden, auch wenn sie ihr Schiff mehr bewohnte als ausfuhr, nachdenklich auf Deck rumstand, wie verwachsen mit ihrem stets halbvollen Kaffeepott.

Erst Anfang der achtziger Jahre faßte Damroka einen Plan, der, nach Probefahrten in der Lübecker Bucht und nach Dänemark rüber, ab Ende Mai dieses Jahres, das nach chinesischem Kalender das Jahr der Ratte ist, umgesetzt werden soll.

Ein im Jahr 1900 gebauter Besanewer, der mehrmals seinen Eigner und Heimathafen gewechselt, seinen Besanmast verloren, doch nach letztem Umbau einen starken Dieselmotor gewonnen hat, ein Schiff, das nunmehr, als müsse es ein Programm verkörpern, auf den Namen »Die Neue Ilsebill« hört und bald mit Frauen bemannt sein wird, wurde im Hafen von Travemünde vom Lastewer zum Forschungsschiff umgerüstet. Im Vorschiff ist der enge Schlafraum für die weibliche Mannschaft mit einer Bretterwand abgeschlagen. Zum Schrank ausgebaut, bietet die Bugspitze Raum für Seesäcke, Bücher, Strickzeug und Erste-Hilfe-Kram. Im Mittelschiff soll der Frachtraum mit langem Arbeitstisch künftig der Forschung dienen. Überm Maschinenraum mit dem neuen 180- PS-Motor ist das Steuerhaus, eine Holzlaube mit Fenstern in jede Richtung, zum Heck hin um eine Kleinküche erweitert worden: mehr Verschlag als Kombüse.

Mit fünf Frauen überbelegt: eng und nur mäßig wohnlich ist es an Bord. Alles zweckbestimmt: der Forschungstisch muß auch Eßtisch sein. »Die Neue Ilsebill« soll bundesdeutsche, dänische, schwedische und - falls die Genehmigung eintrifft - Küstengewässer der DDR befahren. Der Auftrag ist vorgeschrieben: Punktuell muß die Quallendichte der westlichen Ostsee vermessen werden, denn die Verquallung des baltischen Meeres nimmt nicht nur statistisch zu. Der Bädertourismus leidet. Überdies schädigen Ohrenquallen, die von Plankton und Heringslarven leben, das Fischereiwesen. Das Institut für Meereskunde, mit Sitz in Kiel, hat deshalb Forschungsaufträge vergeben. Natürlich sind, wie immer, die Mittel knapp. Natürlich soll nicht die Ursache der Verquallung erforscht werden, einzig die Fluktuation der Bestände. Natürlich weiß man schon jetzt, daß die Meßdaten schlimm sein werden.

Das sagen die Frauen an Bord des Schiffes, die alle lachlustig, spottsüchtig, spitzzüngig und notfalls giftig ätzend sein können; angegraut sind sie die Jüngsten nicht mehr. Schon bei der Ausfahrt - backbord die Mole, besetzt mit winkenden Touristen - teilt die Bugsee überreichen Quallenbestand, der sich hinterm Heck verquirlt wieder schließt.

Für diese Reise haben sich die fünf Frauen, wie ich sie wünsche, anlernen lassen. Sie können Knoten schlagen und dichtholen. Das Belegen einer Klampe, das Aufschießen einer Leine geht ihnen von der Hand. Sie können die Betonnung des Fahrwassers lesen, mehr oder weniger gut. Seemännisch nehmen sie Kurs. Die Kapitänin Damroka hat ihr Patent hinter Glas rahmen lassen und ins Steuerhaus gehängt. Kein Bildchen sonst, das Schmuck bedeuten könnte, dafür ein neues Atlas-Echolot zum alten Kompaß und ein Wetterempfänger.

Zwar ist bekannt, daß die Ostsee von Algen verkrautet, durch Tangbärte vergreist, von Quallen übersättigt, obendrein quecksilbrig, bleihaltig, was noch alles ist, aber erforscht muß werden, wo sie mehr oder weniger, wo sie noch nicht, wo sie besonders verkrautet, vergreist, übersättigt ist, ungeachtet aller Schadstoffe, die anderenorts bilanziert sind. Deshalb wurde das Forschungsschiff mit Meßinstrumenten ausgerüstet, von denen eines »Meßhai« heißt und scherzhaft »Quallenzähler« genannt wird. Außerdem sollen die Vorkommen von Plankton und Heringslarven, was alles sonst noch die Qualle frißt, gemessen, gewogen, bestimmt werden. Eine der Frauen ist als Meeresforscherin ausgebildet. Sie kennt alle Zahlen verjährter Messungen und die Biomasse der westlichen Ostsee bis hinters Komma genau. Auf diesem Papier wird sie fortan die Meereskundlerin genannt werden.

Bei schwachem Nordwest nimmt der Forschungsewer Kurs. Ruhig wie die See und ihrer Kenntnisse sicher, gehen die Frauen seemännischer Arbeit nach. Langsam, weil ich das so will, gewöhnen sie sich daran, einander nach ihrer Funktion zu nennen und »He, Maschinistin!« oder »Wo steckt die Meereskundlerin?« zu rufen. Nur die älteste der Frauen wird von mir, obgleich sie die Küche besorgt, nicht Smutje, sondern die Alte genannt.

Noch muß der Meßhai nicht ausgefahren werden. Zeit bleibt für Geschichten. In Dreimeilendistanz zu den Seebädern der holsteinischen Küste erzählt die Kapitänin der Steuermännin aus Vorzeiten, als sie siebzehn Jahre lang ihrer Kirchgemeinde treu gewesen war und elf Pfaffen, einen nach dem anderen, überlebt hat. Zum Beispiel hat sie dem ersten - »Das war son Mucker, der kam aus Sachsen« - die immer zu lange Predigt mit dem Choral »Es ist genug« gekürzt. Weil aber die Steuermännin nur inwendig lächelt und ihrem Wesen nach bitter bleibt, verknappt Damroka diese Geschichte und läßt den ersten ihrer elf Pfaffen, nach plötzlichem Sturz von der Orgelempore, ableben: »Da waren es nur noch zehn…«

Nein, sagt die Rättin, von der mir träumt, solche Vertällchens haben wir satt. Das war einmal und war einmal. Was schwarz auf weiß alles geschrieben steht. Klugscheißerei und Kirchenlatein. Unsereins ist fett davon, hat sich durchgefressen bis zur Gelehrsamkeit. Diese stockfleckigen Pergamente, gelederten Folianten, mit Zetteln gespickten Gesamtausgaben und oberschlauen Enzyklopädien. Von d’Alembert bis Diderot, es ist uns alles bekannt: die heilige Aufklärung und der Erkenntnisekel danach. Jede Ausscheidung menschlicher Vernunft.

Noch früher, zu Augustinus’ Zeiten schon, waren wir überfressen. Von Sankt Gallen bis Uppsala: keines Klosters Bibliothek, die uns nicht wissender machte. Was immer das Wort Leseratte gemeint haben mag, wir sind belesen, uns haben in Hungerzeiten Zitate gemästet, wir kennen durchweg die schöne und die sachliche Literatur, uns sättigten Vorsokratiker und Sophisten. Scholastiker satt! Ihre Schachtelsätze, die wir kürzten und kürzten, waren uns allzeit bekömmlich. Fußnoten, welch köstliches Zubrot! Von Anbeginn aufgeklärt, waren uns Abhandlungen und Traktate, Exkurse und Thesen neunmalklug kurzweilig.

Ach, euer Denkschweiß und Tintenfluß! Wieviel Papier wurde geschwärzt, die Erziehung des Menschengeschlechts zu fördern! Streitschriften und Manifeste. Wörter geheckt und Silben gestochen. Versfuß gezählt und Sinn ausgelegt. So viel Besserwissen. Nichts war den Menschen zweifelsfrei. Jedem Wort sieben dagegengesetzt. Ihr Streit, ob die Erde rund und Brot wirklich des Herrn Leib sei, von allen Kanzeln herab. Besonders liebten wir ihren theologischen Hader. Man konnte die Bibel ja in der Tat so oder so lesen.

Und es erzählte die Rättin, die nichts von Damroka und ihren Pfaffen hören wollte, was ihr aus glaubenseifrigen Zeiten, vor und nach Luther, erinnerlich war: Mönchsgezänk und Theologenzwist. Und immer ging es um das wahre Wort. Natürlich war bald und schon wieder von Noah die Rede; sie schob mir die Arche dreistöckig, wie Gott sie gefordert hatte, in meinen Traum.

Ja! rief sie, er hätte uns aufnehmen müssen in seinen Kasten aus Tannenholz. Im ersten Buch Mose stand nichts geschrieben von: Ratten raus! Es durfte sogar die Schlange, von der gedruckt zu lesen stand, sie sei verflucht fur allen Vieh und fur allen Thieren auff dem felde, als Paar - Schlange und Schlänglin - in den hölzernen Kasten. Warum wir nicht? Beschiß war das! Wir legten Einspruch ein, immer wieder.

Worauf ich auf traumgerecht fließenden Bildern ansehen mußte, wie Noah sieben Paare vom reinen Vieh, je ein Paar vom unreinen Getier über eine Rampe in die mehrstöckige Arche führen ließ. Wie ein Zirkusdirektor genoß er seine Menagerie. Keine Art fehlte. Alles stampfte, trabte, hüpfte, tippelte, huschte, kroch, flatterte, schlich, ringelte sich hinein, der Regenwurm und seine Würmin nicht vergessen. Paarweise nahmen Zuflucht: Kamel und Elefant, Tiger und Gazelle, der Storch und die Eule, die Ameise und die Schnecke. Und paarweis nach Hunden und Katzen, Füchsen und Bären die Vielzahl der Nager: Siebenschläfer und Mäuse, jadoch, die Wald-, Feld-, Wüsten- und Springmäuse. Doch immer, wenn sich Ratz und Rättlin einreihen wollten, um gleichfalls Zuflucht zu suchen, hieß es: Raus! Weg hier! Verboten!

Das rief nicht Noah. Der führte stumm und verkniffen unterm Kastentor seine Strichliste: Tontafeln, in die er Zeichen kerbte. Das riefen seine Söhne Sem, Ham und Japheth, drei massige Kerle, denen später, laut Weisung von oben, aufgetragen wurde: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet die Erde. Die schrien: Haut endlich ab! Oder: Für Ratten Zutritt verboten! Die machten wahr ihres Vaters Wort. Jämmerlich war anzusehen, wie das biblische Rattenpaar aus dem Zottelfell langwolliger Schafe, unterm tiefhängenden Bauch des Flußpferdes mit Stöcken aufgestöbert, von der Rampe geprügelt wurde. Von Affen und Schweinen verspottet, gaben sie schließlich auf.

Und hätte nicht, sagte die Rättin, während die Arche sich zusehends füllte, Gottes Hand uns aufgehoben, nein, noch sicherer: hätten wir uns nicht eingegraben, unsere Tiefgänge gepfropft und die Nistkammern zu rettenden Luftblasen gemacht - es gäbe uns heute nicht. Nennenswert wäre niemand zur Stelle, dem es gelingen könnte, das Menschengeschlecht zu überleben.

Wir waren immer schon da. Auf jeden Fall gab es uns gegen Ende der Kreidezeit, als vom Menschen noch keine Idee spukte. Das war, als hier und anderswo Dinosaurier und ähnliche Monstren die Schachtel- und Farnwälder kahlfraßen. Dumme Kaltblüter, die lächerlich große Eier legten, aus denen neue Monstren ungestalt schlüpften und sich gigantisch auswuchsen, bis wir diese Übertreibungen der Natur satt hatten und - kleiner als heutzutage, etwa der Galapagos-Ratte vergleichbar - ihre Rieseneier knackten. Blöd und erstarrt in nächtlicher Kälte standen die Saurier hilflos da, keiner Gegenwehr fähig. Sie, Launen der oft mißgelaunten Natur, mußten aus vergleichsweise winzigen, beim Schöpfungsakt halbvergessenen Köpfen ansehen, wie wir, Warmblüter von Anbeginn, wir, die ersten Säuger lebendig geworfener Aufzucht, wir, mit dem immerfort nachwachsenden Zahn, wir, die beweglichen Ratten, ihren Rieseneiern Löcher nagten, so hart und dick die Schalen dichthalten wollten. Gerade gelegt, noch nicht angebrütet, mußte ihr Eiersegen sich Loch nach Loch gefallen lassen, auf daß er auslief und uns lustig und satt machte.

Arme Dinosaurier! höhnte die Rättin und zeigte ihre immerfort nachwachsenden Nagezähne. Sie zählte auf: den Brachiosaurus und den Diplodocus, zwei Monstren, die bis zu achtzig Tonnen wogen, schuppige Sauropoden und gepanzerte Theropoden, zu denen der Tyrannosaurus, ein Raubmonster von fünfzehn Metern Länge, gehörte, vogelfüßige Saurier und den gehörnten Torosaurus; Untiere, die sich mir alle traumwirklich zeigten. Dazu noch Lurche und Flugechsen.

Mein Gott, rief ich, ein Scheusal schlimmer als das andere!

Die Rättin sagte: Es hatte bald ein Ende mit ihnen. Nach Verlust ihrer Rieseneier, zukünftiger Babymonstren beraubt, schleppten sich die Dinosaurier in die Sümpfe, um klaglos und äußerlich unbeschadet zu versacken. Deshalb hat der Mensch später, in seiner rastlos schürfenden Neugierde, ihre Gerippe so ordentlich beieinander gefunden, worauf er weiträumige Museen baute. Knochen an Knochen gefügt, wurden die Saurier ausgestellt, ein jegliches Exemplar einen Saal füllend. Zwar fand man auch sehenswerte Rieseneier, deren Schale unsere Zähne gezeichnet hatten, doch niemand, kein Forscher der ausgehenden Kreidezeit, kein Hohepriester der Evolutionslehre, wollte unsere Leistung bestätigen. Aus bisher ungeklärten Gründen, hieß es, starben die Dinosaurier aus. Vielschichtige Verschalung der Eier, plötzlicher Klimasturz und sintflutartige Unwetter wurden als Ursachen für das Aussterben der Monstren vermutet; uns, dem Rattengeschlecht, wollte niemand Verdienste zusprechen.

So klagte die Rättin, von der mir träumt, nachdem sie mehrmals und bißwütig das Knacken der Rieseneier demonstriert hatte. Ohne uns gäbe es immer noch diese Mißgestalten! rief sie. Wir haben Platz geschaffen für neues, nicht mehr monströses Leben. Dank unseres nagenden Fleißes konnte sich weiteres Säugegetier warmblütig entwickeln, darunter Frühformen späterer Haustiere. Nicht nur Hunde, Pferde, Schweine, auch der Mensch ließ sich auf unsereins, die ersten Säuger, zurückführen; was er uns übel gedankt hat seit Noahs Zeiten, als Ratz und Rättlin in seinen Kasten nicht durften…

Es gilt, jemanden zu begrüßen. Ein Mensch, der sich als alter Bekannter vorstellt, behauptet, es gäbe ihn immer noch. Er will wieder da sein. Gut, soll er.

Unser Herr Matzerath hat allerlei und bald auch seinen sechzigsten Geburtstag hinter sich. Selbst wenn wir den Prozeß und die Verwahrung in einer Anstalt, zudem das Unwägbare der Schuld außer acht lassen, hat sich nach seiner Entlassung viel Mühsal auf Oskars Buckel gehäuft: dieses Auf und Ab bei langsam wachsendem Wohlstand. So viel Aufmerksamkeit seine frühen Jahre fanden, sein Altern vollzog sich unbeachtet und lehrte ihn, Verluste wie Kleingewinne zu buchen. Bei gleichbleibend familiärem Gezänk - immer ging es um Maria, besonders aber um seinen Sohn Kurt - hat ihn die Summe verstrichener Jahre zum gewöhnlichen Steuerzahler und freien Unternehmer gemacht: merklich gealtert.

So geriet er in Vergessenheit, obgleich wir ahnten, es muß ihn noch geben: Irgendwo lebt er in sich zurückgezogen. Man müßte ihn anrufen - »Hallo, Oskar!« -, und schon wäre er da: redselig; denn nichts spricht für seinen Tod.

Ich jedenfalls habe unseren Herrn Matzerath nicht ableben lassen, doch fiel mir zu ihm nichts Sonderliches mehr ein. Seit seinem dreißigsten Geburtstag gab es keine Nachricht von ihm. Er verweigerte sich. Oder war ich es, der ihn gesperrt hatte?

Erst kürzlich, als ich ohne weitere Absicht treppab in den Keller zu den runzelnden Winteräpfeln wollte und in Gedanken allenfalls meiner Weihnachtsratte anhing, trafen wir uns wie auf höherer Ebene: Er stand da und stand nicht da, er gab vor zu sein und warf einen Schatten plötzlich. Er wollte beachtet, gefragt werden. Und schon beachte ich ihn: Was macht ihn so plötzlich wieder bemerkenswert? Ist abermals die Zeit für ihn reif?

Seitdem der hundertundsiebte Geburtstag seiner Großmutter Anna Koljaiczek im Kalender vermerkt steht, wird vorerst halblaut nach unserem Herrn Matzerath gefragt. Eine einladende Postkarte hat ihn gefunden. Er soll zu den Gästen gehören, sobald auf Kaschubisch die Feier beginnt. Nicht mehr nach Bissau, dessen Äcker zu Flugpisten betoniert wurden, nach Mattern, einem Dorf, das nahbei liegt, wird er gerufen. Ob er Lust hat, zu reisen? Soll er Maria, das Kurtchen bitten, ihn zu begleiten? Könnte es sein, daß der Gedanke an Rückkehr unseren Oskar ängstigt?

Und wie steht es um seine Gesundheit? Wie kleidet das bucklicht Männlein sich heutzutage? Soll, darf man ihn wiederbeleben?

Als ich mich vorsichtig versicherte, hatte die Rättin, von der mir träumt, nichts einzuwenden gegen die Auferstehung unseres Herrn Matzerath. Während sie noch allen Müll berief, der von uns zeugen wird, sagte sie beiläufig: Weniger maßlos als vormals, bescheidener wird er auftreten. Er ahnt, was sich so trostlos bestätigt hat…

Also rufe ich - »Hallo, Oskar!« -, und schon ist er da. Mit seiner Vorortvilla und dem dicken Mercedes. Samt Firma und Zweigstellen, Überschüssen und Rücklagen, Außenständen und Verlustabschreibungen, samt seinen ausgeklügelten Vorfinanzierungsplänen. Mit ihm ist seine quengelnde Restfamilie zur Stelle und jene Filmproduktion, die, dank rechtzeitigem Einstieg ins Videogeschäft, stetig ihren Marktanteil steigert. Nach einer anrüchigen, inzwischen eingestellten Pornoreihe ist es vor allem sein didaktisches Programm, das verdienstvoll genannt wird und dessen sattes Kassettenangebot wie Schulspeisung immer mehr Schüler füttert. Samt eingeborenem Medientick und seiner Lust an Vorgriffen und Rückblenden ist er da. Ich muß ihn nur ködern, ihm Brocken hinwerfen, dann wird er unser Herr Matzerath sein.

»Was, Oskar, halten Sie vom Waldsterben übrigens? Wie schätzen Sie die Gefahr drohender Verquallung für die westliche Ostsee ein? Wo, genau lokalisiert, vermuten Sie die versunkene Stadt Vineta? Sind Sie schon mal in Hameln gewesen? Meinen etwa auch Sie, daß es demnächst zu Ende geht?«

Nicht der sterbende Wald, nicht zu viele Quallen machen ihn munter, meine Frage, was er vom Malskat-Prozeß halte - »Sie erinnern sich, Oskar, das war in den fünfziger Jahren« - , läßt ihn zappelig und hoffentlich bald beredt werden.

Er sammelt Stücke aus dieser Zeit. Nicht nur die damals modernen Nierentische. Sein weißer Plattenspieler, auf dessen Teller er behutsam den Hit »The Great Pretender« legt, ist ein Gerät der auf Formschönheit bedachten Firma Braun und wurde, als Malskats Prozeß lief, Schneewittchensarg genannt; Farbgebung und Plexiglasdeckel erlaubten diesen Vergleich.

Da ich mich in seiner Vorstadtvilla befinde, zeigt er mir deren Kellerräume, die alle, bis auf einen, der neugierig macht, weil er verschlossen bleibt, mit Stücken aus den Jahren des Neubeginns vollgestellt sind. Ein größerer Raum dient privaten Filmvorführungen. Auf runden Blechbüchsen lese ich Titel - »Sissi«, »Der Förster vom Silberwald«, »Die Sünderin« - und ahne, daß unser Herr Matzerath noch immer vom Jahrzehnt der Trugbilder gefangen ist, wenngleich ihn seine Videoproduktion als jemanden ausweist, der auf Zukunft setzt.

»Es stimmt«, sagt er, »im Grunde haben die fünfziger Jahre nicht aufgehört. Noch immer zehren wir vom damals fundierten Schwindel. Dieser solide Betrug! Was danach kam, war gewinnträchtiger Zeitvertreib.«

Stolz zeigt er mir einen Messerschmitt-Kabinenroller, der, auf ein Podest gestellt, einen kleineren Kellerraum beherrscht. Wie neu sieht er aus und lädt zwei Personen zum Platznehmen hintereinander ein. An cremefarben tapezierten Wänden hängen, zu Gruppen geordnet, gerahmte Fotos, die unseren Herrn Matzerath als Hintersassen des Kabinenrollers zeigen. Offenbar sitzt er erhöht, denn der grämlich blickende Mann am Steuer wirkt gleichgroß. Ein Foto zeigt beide stehend vor dem Roller: nun deutlich verschieden hoch gewachsen.

»Aber das ist doch!« rufe ich. »Na klar doch! Ich erkenne ihn wieder, trotz seiner Fahrerkappe…«

Unser Herr Matzerath lächelt zwergwüchsig. Nein, er lacht inwendig, denn sein Buckel hüpft. »Richtig!« ruft er. »Das ist Bruno. Vormals mein Pfleger, aber auch Freund in schweren Zeiten. Eine treue Seele. Als ich ihn nach meiner Entlassung bat, mir auch außerhalb der Heil- und Pflegeanstalt beiseitezustehen und mit mir die neugewonnene Beweglichkeit zu nutzen, machte er sogleich seinen Führerschein. Ein ausgezeichneter Fahrer, wenn auch eigensinnig. Doch was rede ich, Sie kennen ihn ja.«

Nun erzählt unser Herr Matzerath, wie er und Bruno Münsterberg im Jahr fünfundfünfzig »ganz von vorne angefangen haben«. Nach dem Messerschmitt-Kabinenroller sei es bald ein Borgward, dann aber doch ein Mercedes 190SL gewesen, den sein Chauffeur immer noch fahre, mittlerweile ein seltenes Stück. Falls er nach Polen reise, wogegen einiges spreche, werde er sich diesem unverwüstlichen Zeugnis deutscher Wertarbeit anvertrauen. Übrigens sei damals, zu Kabinenrollerzeiten, jener Prozeß zu Ende gegangen, der nach dem Maler Malskat benannt wurde.

Doch wie er noch am Urteilsspruch nörgelt und Malskat als eine ihm verwandte Seele begreift, sogar vom »Großen Malskat« spricht, vergeht mir mit seinem Museum unser Herr Matzerath…

Während ich in einem Rollstuhl angeschnallt saß, schrie ich, als wäre im Traum ein Lautsprecher greifbar gewesen: Wir sind da! Alle immer noch da! Ich laß mir nichts einreden!

Doch sie fistelte unbeirrt, anfangs unverständliches Rattenwelsch - Do minscher gripsch Ultemosch! -, um dann deutlich zu werden: Gut, daß sie weg sind! Haben alles versaut. Mußten sich immer kopfoben was ausdenken. Hatten, selbst wenn Überfluß sie ersticken wollte, nicht genug, nie genug. Erfanden sich notfalls den Mangel. Hungernde Vielfraße! Dumme Bescheidwisser! Immer mit sich entzweit. Ängstlich im Bett, suchten sie draußen Gefahr. Überdrüssig der Alten, verdarben sie ihre Kinder. Sich Sklaven haltende Sklaven. Fromme Heuchler! Ausbeuter! Ohne Natur. Grausam deshalb. Nagelten ihres Gottes einzigen Sohn. Segneten ihre Waffen. Gut, daß sie weg sind!

Nein, schrie ich aus meinem Rollstuhl, nein! Ich bin da. Wir alle sind da. Putzmunter sind wir und voller neuer Ideen. Alles soll besser, jadoch, menschlicher werden. Ich muß nur den Traum, diese Wirrnis abstellen, dann sind wir wieder, dann geht es weiter bergauf und voran, dann werde ich, sobald die Zeitung und gleich nach dem Frühstück…

Aber mein Lautsprecher unterlag ihrer Fistelstimme: Gut, daß sie nicht mehr denken, nichts sich ausdenken und nichts mehr planen, entwerfen, sich nie mehr Ziele stecken, nie wieder ich kann ich will ich werde sagen und nie wieder darüber hinaus wollen können. Diese Narren mit ihrer Vernunft und ihren zu großen Köpfen, mit ihrer Logik, die aufging, bis zum Schluß aufging.

Was halfen mir mein Nein, mein Ich bin, Ich bin immer noch; ihre Stimme hielt den Oberton, siegte: Weg sind sie, weg! Gut so. Sie fehlen nicht. Diese Humanen haben gedacht, es werde die Sonne zögern, auf- und unterzugehen nach ihrem Verdampfen, Saftlassen oder Verglühen, nach dem Krepieren einer mißratenen Sorte, nach dem Aus für die Gattung Mensch. Das alles hat nicht den Mond, hat kein Gestirn gejuckt. Nicht einmal Ebbe und Flut wollten den Atem anhalten, wenn auch die Meere hier und da kochten oder sich neue Ufer suchten. Stille seitdem. Mit ihnen ist ihr Lärm vergangen. Und die Zeit geht, als sei sie nie gezählt und in Kalender gesperrt worden.

Nein! schrie ich, falsch! und verlangte Richtigstellung, sofort: Es ist jetzt, schätze ich, halb sechs in der Frühe. Kurz nach sieben werde ich mit Hilfe des Weckers aufwachen, diesen verdammt gemütlichen Rollstuhl, in dem ich wie angeschnallt sitze, verlassen und meinen Tag - Mittwoch, es ist ein Mittwoch! - gleich nach dem Frühstück, nein, nach dem Zähneputzen, vor Tee, Roggenbrot, Wurst, Käse, dem Ei und bevor mir die Zeitung dazwischenquatscht, mit unbefleckten Vorsätzen beginnen…

Es war ihr aber nichts auszureden, vielmehr nahm sie an Zahl zu. Mehrere Würfe fistelten und überfüllten das Bild. Wieder ihr Rattenwelsch: Futsch midde Minscher. Stubbich Geschemmele nuch! Was heißen sollte: Nur noch Staubregen und gut, daß sie keinen Schatten mehr werfen.

Einzig ihr Müll, der strahlt, und ihr Gift, das aus Fässern suppt. Niemand wüßte von ihnen, gäbe es uns nicht, fistelten die Rattenwürfe und Wurfeswürfe. Jetzt, da sie weg sind, läßt sich ihrer freundlich, sogar mit Nachsicht gedenken.

Als ich mich nur noch an meinen Rollstuhl hielt, sprach wieder die Rättin allein: Ja, wir bewunderten ihren aufrechten Gang, diese Haltung an sich, ihr Kunststück über die Zeiten hinweg. Jahrhundertelang unterm Joch, auf dem Weg zum Schafott, lebenslänglich durch Korridore, von Vorzimmer zu Vorzimmer abgewiesen: Immer gingen sie aufrecht bis gebeugt, krochen nur selten auf allen vieren. Bewundernswerte Zweibeiner: auf dem Weg zur Arbeit, in die Verbannung, schnurstracks in den Tod, auf dem Vormarsch rauh singend, stumm auf dem Rückzug. Wir erinnern des Menschen Haltung, ob er die Pyramiden Stein auf Stein setzte, die Chinesische Mauer fügte, Kanäle durch fiebriges Sumpfland zog, sich vor Verdun oder Stalingrad auf immer kleinere Zahl brachte. Sie blieben standhaft, wo sie Stellung bezogen hatten; und standrechtlich wurde erschossen, wer ohne Befehl nach hinten entwichen war. Oft sagten wir uns: In welche Irre sie gehen werden, auszeichnen wird sie ihr aufrechter Gang. Sonderbare Wege und Umwege; aber sie gingen sie Schritt nach Schritt. Und ihre Prozessionen, Aufmärsche, Paraden, ihre Tänze und Wettläufe! Schaut, lehrten wir unsere Würfe: Das ist der Mensch. Das zeichnet ihn aus. Das macht ihn schön. Hungrig beim stundenlang Schlangestehen, ja, selbst gekrümmt, geschunden von seinesgleichen oder unter erdachter Last, die er Gewissen nennt, vom Fluch seines rächenden Gottes beschwert, unter dem lastenden Kreuz. Schaut diese dem Leid immer anders bunt gewidmeten Bilder! All das steht er durch. Aufrecht geht er nach Stürzen weiter, als wolle der Mensch uns, die wir ihm immer nahe gewesen sind, Beispiel sein oder werden.

Nicht mehr mit Zischlauten und auf Rattenwelsch, ohne daß Zoirres aus ihr sprach, sanft redete die Rättin auf mich im Rollstuhl ein, der, ortlos schwebend, mehr und mehr dem Gestühl einer Raumkapsel glich. Sie sagte Freund zu mir, später auch Freundchen. Siehe, Freund: Schon üben wir den aufrechten Gang. Wir strecken uns und wittern gen Himmel. Und doch wird Zeit vergehen, bis wir der menschlichen Haltung mächtig sein werden.

Da sah ich einzelne Ratten, sah Würfe, sah Rattenvölker den aufrechten Gang üben. Zuerst in einem Niemandsland, das ohne Baum und Strauch wüst war, dann kam mir ihr Exerziergelände vertraut, plötzlich bekannt vor. Zuerst sah ich, wie sich auf Plätzen, dann auf Straßen, die zwischen schöngegiebelten Häusern auf Kirchenportale zuliefen, Ratten als Zweibeiner übten. Endlich tat sich das hochgewölbte Innere einer gotischen Hallenkirche auf. Zu Füßen aufstrebender Säulen standen sie, wennzwar für Sekunden nur, um sich, nach kurzem Abfall, abermals aufzurichten. Ich sah Rattenvölker gedrängt auf den Steinplattenböden des Mittelschiffes bis zum Altarraum, sah sie in Nebenschiffen bis vor die Stufen der Seitenaltäre drängen. Das war nicht Lübecks Marienkirche, nicht sonstige Backsteingotik der Ostseeküste, das war, kein Zweifel, die Danziger Hauptkirche Sankt Marien, die auf polnisch Kościół Najświętszej Panny Marii heißt, in der sich die Rattenvölker die neue Haltung einübten.

Gut, rief ich, wie gut! Es steht ja noch alles an seinem Platz. Jeder Stein auf dem anderen. Kein Giebel fehlt, kein Türmchen gestrichen. Wie soll denn Schluß sein, Rättin, wenn Sankt Marien, die alte Backsteinglucke, immer noch, was weiß ich, brütet!?

Mir war, als lächelte die Rättin. Nun ja, Freundchen. So sieht es aus, wie im Bilderbuch, alles getreulich noch da. Das hat Gründe. Es war auf Ultimo für die Stadt Danzig oder Gdánsk, wie immer du deinen Ort nennen willst, etwas Besonderes vorgesehen: etwas, das wegrafft und zugleich erhält, etwas, das nur Lebendiges nimmt, dem toten Gegenstand aber Respekt erweist. Sieh nur: kein Giebel gestürzt, kein Turmhelm geköpft. Erstaunlich noch immer, wie jedes Gewölbe auf seinen Schlußstein zueilt. Kreuzblumen und Rosetten, dauernde Schönheit! Alles außer den Menschen blieb heil. Wie tröstlich, daß nicht nur Müll von euch zeugt…

Ertappte mich beim Vernichten von Knabbergebäck:

Salzstangen, in Gläser gestellt,

aufgefächert zum Zugreifen.

Anfangs biß ich einzelne Stangen

immer schneller und kürzer auf den Wert Null,

dann rottete ich in Bündeln aus.

Dieser salzige Brei!

Mit vollem Mund schrie ich nach mehr.

Die Gastgeber hatten vorrätig.

Später, im Traum, suchte ich Rat,

weil, hinter Salzstangen her, ich immer noch

bissig auf Vernichtung aus war.

Das ist deine Wut, die Ersatz,

bei Tage und nachts Ersatz sucht,

sagte die Rättin, von der mir träumt.

Aber wen, sagte ich, will ich wirklich

einzeln oder gebündelt

bis zum Wert Null vernichten?

Zuallererst dich, sagte die Rättin.

Es fand die Selbstvernichtung

anfangs privat nur statt.

Sie stricken auf See. Sie stricken bei halber Fahrt und vor Anker liegend. Ihr Stricken hat einen Überbau. Der ist nicht zu übersehen, weil, wenn sie stricken, mehr geschieht, als sich in Maschen glatt kraus auszählen ließe: zum Beispiel, wie einig sie in der Sache sind, wenngleich jede jeder die Krätze wünscht.

Eigentlich sollten die fünf Frauen an Bord des Schiffes »Die Neue Ilsebill« zwölf Frauen sein. So viele hatten sich für die Forschungsreise auf dem ehemaligen Lastewer angemeldet; und eine gleich übertrieben hohe Zahl versammelte ich anfangs im Kopf. Da aber in Luxemburg ein fünftägiger Kongreß und auf der Insel Stromboli ein dreiwöchiges Seminar mit Gelegenheit für gemeinsames Stricken stattfand, verminderte sich meine zu hoch angesetzte Zahl; es gingen die Anmeldungen für die »Ilsebill« auf neun, dann auf sieben zurück, weil zwei Frauen mit ihrer Strickarbeit dringlich schnell in den Schwarzwald mußten und schließlich zwei weitere samt Wolle und Nadeln in die Region Unterelbe gerufen wurden; denn überall - und nicht nur in meinem Kopf - waren streitbare Frauen gefragt, die in Luxemburg gegen Dioxin in der Muttermilch kämpften, auf der Insel Stromboli das rabiate Leerfischen des Mittelmeeres beklagten, im Schwarzwald das Waldsterben thematisierten und an beiden Ufern der Unterelbe die Ballung von Atomkraftwerken anprangerten. Redegewandt und niemals um Gutachten und Gegengutachten verlegen, stritten sie kenntnisreich und wurden sogar von Männern als vorbildlich gepriesen. Niemand konnte ihre Fakten widerlegen. Sie hatten immer das letzte Wort. Und dennoch war ihr in Wörtern erfolgreicher Kampf vergeblich; denn die Wälder hörten nicht auf zu sterben, weiterhin sickerte Gift, niemand wußte wohin mit dem Müll, und dem Mittelmeer wurden mit zu engen Netzen die letzten Fische abgefangen.

Es sah aus, als werde einzig das Stricken der Frauen zu Faden schlagen. Da wurde in Rauten oder verschachtelt was fertig, Kleidsames kam in Gitterzöpfen oder durch Maschenverkreuzung zustande. Mehr noch: Anfangs belächelt und als weibliche Schrulle kommentiert, wurde das Stricken auf Kongressen und während Protestveranstaltungen von den männlichen, aber auch von weiblichen Gegnern der streitbar strickenden Frauen als Quelle wachsender Kraft erkannt. Nicht etwa, daß sich die Frauen ihre Argumente aus den Wollfäden ihrer doppelt vernoppten Perlmuster zogen; ihr Gegenwissen lag in Aktenordnern und statistischen Auflistungen neben dem Knäuelkörbchen bereit. Es war der Vorgang, die unaufhörliche, strenge und doch sanft anmutende Zucht des Fadenschlagens, das tonlose Auszählen der Maschenzahl, über dem hell das Argument der Strickerin auf Wiederholung bestand, es war die Unerbittlichkeit des Strickens, die zwar den Gegner nicht überzeugte, aber beeindruckte und auf Dauer zermürbt hätte, wäre nur Zeit wie Wolle vorrätig gewesen.

Doch auch für sich und unter sich, ohne Gegner als Gegenüber, strickten die Frauen, als wollten sie den Faden nie abreißen lassen; weshalb in meinem Kopf und tatsächlich jene restlichen Fünf, die mit dem Forschungsschiff »Die Neue Ilsebill« die westliche Ostsee befahren und deren Quallenbestände messen wollen, ihr Strickzeug und genügend Wolle vorrätig an Bord haben: gefärbte, ungefärbte, gebleichte.

Einzig die älteste der fünf Frauen, ein zähes Leichtgewicht, dem die bald fünfundsiebzig Jahre währende Mühe und Arbeit nicht oder nur in Momenten plötzlich einbrechender Düsternis anzusehen sind, schiffte sich ohne Nadeln und Wolle ein. Ganz und gar ist die Alte gegen die, wie sie sagt, dämliche Strickerei. Nicht einmal häkeln kann sie. Das würde sie fusselig machen oder mürbe im Kopf. Doch ist sie den anderen Frauen, die von ihren Strickmustern nicht lassen wollen, beim Waschen, Backen, Putzen und Kochen voraus, weshalb sie die Kombüse übernommen hat: »Hört zu, ihr Weiber. Ich mach euch den Smutje, doch bleibt mir mit dem Strickzeug vom Leib.«

Die anderen vier seefahrenden Frauen lassen jedoch selbst bei steifer Brise nicht von ihren Wollknäueln und Klappernadeln. Sobald die Kapitänin die Steuermännin ablöst, um gegen Regenböen, die von Nordwest kommen, das Ruder in beide Hände zu nehmen, greift die Steuermännin zu reiner Schafswolle und strickt an einem einfarbigen, in sich gemusterten Pullover, der so weiträumig ist, daß er nach einem schrankbreiten Mann verlangt, von dem aber nie die Rede ist oder nur dunkel andeutend, als müsse dem Kerl eine Zwangsjacke verpaßt werden.

Läßt die Kapitänin, die ich von Herzen Damroka nenne, vom Ruder ab, worauf die Steuermännin beidhändig, bei nun abflauendem westlichen Wind, den Kurs hält, beginnt sie sogleich eine aus Wollresten bunte Decke, deren verschieden gemusterte Flicken sie sorgfältig abkettet, um ein Quadrat zu vergrößern, ohne dabei Kompaß und Barometer aus dem Auge zu lassen. Oder sie vernäht die abwechslungsreichen Flicken, deren Muster spiralig, gerippt, von Fallmaschenreihen gezeichnet oder wie Panzer geschuppt sind.

Wenn sich die Maschinistin nicht in den engen Maschinenraum des Motorewers zwängen muß, um den Diesel zu warten, kann man gewiß sein, daß auch ihre Strickarbeit, ein ponchoähnliches Ungetüm, wächst; sie ist ein Arbeitsviech und hat sich ihr Leben lang abgerackert. Das wird ihr nachgesagt: Immer für andere, nie für sich.

So auch die Meereskundlerin. Wenn sie nicht mittschiffs auf langem Tisch und in gläsernen Wannen Ohrenquallen wiegt oder ausmißt, strickt sie, aus Gewohnheit fleißig, zwei glatt, zwei kraus: viele Kindersächelchen für ihre Enkel, darunter niedliche Strampelhosen, deren Muster Tannenzapfen oder Sanduhr heißen. Über schmale Finger, die soeben noch geschickt mit den Velarlappen der Quallen umgingen, gleitet, rosa oder hellblau gefärbt, der feingesponnene Faden.

Man hat in Travemünde nicht nur für Proviant gesorgt und genügend Diesel getankt, sondern auch Wollvorräte angelegt, die bis Stege, so heißt die Hauptstadt der dänischen Insel Møn, reichen sollen.

Doch noch liegt der Hafen von Stege fern. Lärmig tuckernd - das ist der luftgekühlte Deutz-Diesel - läuft »Die Neue Ilsebill« in die Neustädter Bucht ein. Auch wenn sie den Meßhai nicht zum Quallenhol aushängen, wird den Frauen dort eine Zeitlang das Stricken vergehen.

Nein, Rättin! Ich nehme Wolle und Nadeln ernst und lache nicht, wenn der Faden reißt, eine Masche fällt oder aufgeribbelt werden muß, was zu locker gestrickt wurde.

Immer schon hatte ich dieses Geklapper im Ohr. Von Kindheit an bis zum gegenwärtigen Pullover haben mich Frauen mit Selbstgestricktem warmgehalten in Liebe. Zu jeder Zeit war etwas mit schlichtem oder versetztem Muster in Arbeit für mich.

Wenn meine Weihnachtsratte nicht, dann solltest du, Rättin, mir glauben: Nie werde ich die überall, rund um den Erdball strickenden, aus Not und Gefälligkeit, auch aus Zorn und Trauer strickenden Frauen verspotten. Ich höre sie gegen die rinnende Zeit, gegen das drohende Nichts, gegen den Anfang vom Ende, gegen jedes Verhängnis aus Trotz oder bitter begriffener Ohnmacht mit ihren Nadeln klappern. Wehe, wenn dieses Geräusch plötzlicher Stille wiche! Aus nur dummer Männerdistanz bewundere ich, wie sie überm Strickzeug gebeugt bleiben.

Jetzt, Rättin, seitdem sich in Wäldern und Flüssen, auf flachem, im bergigen Land, in Manifesten und Gebeten, auf Transparenten und im Kleingedruckten sogar, in unseren leerspekulierten Köpfen abzeichnet, daß uns der Faden ausgehen könnte, jetzt, seitdem das Ende von Tag zu Tag nur vertagt wird, sind Frauen strickend die letzte Gegenkraft, während die Männer nur alles zerreden und nichts fertigbringen, das den frierenden Menschen wärmen könnte - und seien es Pulswärmer nur.

DAS ZWEITE KAPITEL, in dem Meisterfälscher benannt und Ratten Mode werden, der Schluß bestritten wird, Hänsel und Gretel davonlaufen, im Dritten Programm über Hameln was läuft, jemand nicht weiß, ob er reisen soll, das Schiff am Unglücksort ankert, es hinterher Klopse gibt, Menschenblöcke brennen und Rattenvölker allerorts den Verkehr sperren.

»Wir stellen Zukunft her!« sagt mit dem Mund des Rufers, der sein Echo kennt, unser Herr Matzerath zu seinen leitenden Herren, wenn in den Produktionsstätten Filme rar werden, die mediengerechten Biß beweisen; doch sobald ich ihm Stoffe aus meinem Fundus, etwa das Waldsterben als letztes Märchen, vorschlage oder die Verquallung der Ostsee als hergestellte Zukunft gefilmt sehen möchte, winkt er ab: »Zuviel Endzeitkulisse! Dieses gottväterliche Schlußstrichziehen! Dieser apokalyptische Kassensturz! Dieser ewige letzte Tango!« Hingegen will er, nach seinen Worten freudig, den Fall Malskat aufgreifen, falls ich Material genug über die fünfziger Jahre beibringen könne; als lasse sich durch Rückgriffe Zukunft herstellen.

So wächst sich unser Gespräch für ihn zum Entwurf der Ära Adenauer-Malskat-Ulbricht aus. »Drei Meisterfälscher!« ruft er. »Wenn es Ihnen gelingt, meine, zugegeben, noch nackte These zu kleiden, wird sie filmisch einleuchtend sein.«

Zwar versuche ich, unserem Herrn Matzerath sein gesamtdeutsches »Fälschertriumvirat« auszureden, verspreche ihm aber dennoch, dem Fall Malskat nachzugehen. Schließlich gelingt es mir, seine Neugierde auf ein Projekt zu lenken, dessen legendäres Unterfutter so reich an Zufluchten ist, daß es ihn eigentlich ködern müßte.

Sein Hin und Her zwischen Gummibäumen. Jetzt zaudert er vor der Schultafel an der Stirnwand seiner Chefetage. Kaum ist das bucklichte Männlein hinterm Schreibtisch zur Ruhe gekommen, sage ich: »Sie sollten aufhorchen, lieber Oskar. In Hameln an der Weser wird gegenwärtig ein Fest vorbereitet. Dort soll nach siebenhundert Jahren jenes Rattenfängers gedacht werden, der während Zeiten großer Wirrnis und fiebriger Ekstase - man sah Zeichen am Himmel und ahnte das Ende kommen - tausend und mehr Ratten in den Fluß gelockt hat, auf daß alle ersoffen. Nach anderer Legende soll er außerdem Kinder auf Nimmerwiedersehn entführt haben. Sich widersprechender Stoff genug. Wäre der Umstand nicht günstig, den Wahn des Jahres 1284 mit heutigen Ängsten, das Flagellantenwesen des Mittelalters mit gegenwärtigen Massenaufläufen mediengerecht zu verquicken? Angebote genug gibt das Rattenfängerjahr her. Zum Beispiel die Flöte. Diese schrille Süße. Flirrender Silberstaub. Triller, wie Perlen gereiht. Lange vor Ihrer Zeit verführte bereits ein Musikinstrument. Sollten nicht Sie, Oskar, dem schon immer das Medium Botschaft war, zugreifen, einfach zugreifen?!«

Unser Herr Matzerath schweigt und vergeht mir. Anderes redet drein. Dieses Zischeln, Plaudern und fistelnde Eswareinmal, als sei schon alles vorbei, als gäbe es uns im Rückblick nur noch, als müsse uns nachgerufen werden, spöttisch und pietätvoll zugleich - das ist nicht mehr unser bucklicht Männlein, das ist sie, die Rättin, von der mir träumt…

Gegen Schluß wurden wir Mode. Junge Leute, die gerne in Gruppen auftraten und sich von sonstigen jungen Leuten durch Haartracht und Kleidung, Gestik und Sprache unterschieden, nannten sich Punks und wurden Punks oder Punker genannt. Zwar waren sie in der Minderheit, aber in einigen Stadtteilen dennoch bestimmend. Selber verschreckt, erschreckten sie andere. Eisenketten und schepperndes Blech war ihnen Schmuck. Sie stellten sich als lebenden Schrott zur Schau: verworfen, ins Abseits gekehrter Müll.

Wohl deshalb, weil sie dem Dreck zugeordnet wurden, kauften die Punks sich junge Laborratten, die sie durch regelmäßige Fütterung gewöhnten. Sie trugen sie zärtlich auf der Schulter, im offenen Hemd oder in ihre Frisuren gebettet. Keinen Schritt ohne das erwählte Getier, den Ekel überall hin verschleppt: auf verkehrsreiche Plätze, an satten Schaufensterangeboten vorbei, durch Parkanlagen und über Liegewiesen, vor Kirchenportale und Bankportale, als wären sie eins gewesen mit ihren Ratten.