Das Uhrwerk des Bösen - Andreas Reuel - E-Book

Das Uhrwerk des Bösen E-Book

Andreas Reuel

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Beschreibung

Westfal, Ende des 19. Jahrhunderts. Trist, hart und staubig ist der Alltag von vier ungleichen Freunden. Doch als bei Arbeiten in den Stollen des Bergwerks von Sankt Ohlberg ein verborgener Raum entdeckt wird, nimmt ihr Leben eine unerwartete Wendung. Was der Magier Winfried Tretenville in der Tiefe findet, bleibt zunächst ein Geheimnis, bis sein Fund über Nacht verschwindet. Auf Anraten des Schichtleiters werden die vier Freunde um den Zwerg Tolumirantos Luck ausgesandt, das verschwundene Artefakt wiederzubeschaffen. Doch bald schon sind sie selbst die Gejagten. Um ihre Unschuld zu beweisen, müssen sie sich den Schatten ihrer Welt stellen. Dabei müssen die Gefährten erkennen, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die weder mit Verstand noch mit Mut allein zu besiegen sind.

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Seitenzahl: 313

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Für die wahren Chaoten!

PROLOG

Wir schreiben das Jahr 1888 in St. Ohlberg, nahe der Stadt Allfaldria, in der gräfischen Verbundsmark Westfal, unter der Regentschaft Kaiser Karrel Karl Ott I. von Kalandria. Ein Jahr, dem viele Magier seit langem eine besondere Weihe zusprechen: Die Acht stehe für Unendlichkeit, und im Bunde mit der Drei, so raunen die einen, liege Unheil verborgen, wie die dreifache Sechs den Teufel rufe. Andere halten dagegen und verweisen auf das Wunderjahr 1666, da Pest und Stadtbrand bezwungen wurden, ein Annus mirabilis, nicht des Verderbens. Natürlich ist es wie so oft Auslegungssache. Und doch klammern sich die Leute hier wie seit Jahrhunderten an ihren Aberglauben: Schuld ist stets der Teufel, und man findet ihn, wann immer es passt.

Das Städtchen lag in einer Talsenke, durchzogen vom seichten Wichtbach. Benannt wurde es nach dem heiligen Ohl, der – so will es die Sage – einst mit erhobenem Kruzifix den Teufel vom Berg vertrieb, hinüber zum Lötz nördlich von Allfaldria. Von der alten Geschichte wissen die wenigsten noch mehr als ein paar bruchstückhafte Verse, doch der Name blieb. Streng genommen hätte man St. Ohlberg auch Stollenberg nennen können, denn über dem Ort thronte die Kupferburg, umgeben von Schächten und Stollen des Bergwerks Sänkemacher & Co., die das Land durchlöchern wie ein Emmentaler. Rund um die Burg drängten sich die Fachwerkhäuser; aus ihren Schornsteinen stiegen nachts dünne Rauchfäden in die Höhe und verloren sich im Schwarz über den Hängen.

Es war längst nach Mitternacht. Der abnehmende Mond stand über einem klaren Sternenzelt, als ein kleiner, untersetzter Mann die enge Turmtreppe hinaufstieg. Eine Kerze flackerte in seiner Hand, Wachs tropfte an die Fingerkuppen, der Schweiß lief ihm trotz der kühlen Luft den Nacken hinab. Achtzig Stufen aus abgetretenem Blaustein lagen vor ihm; in Sandalen, mit pochendem Herzen, fürchtete er, jeden Moment auszurutschen und sich das Genick zu brechen. Doch sein Meister hatte ihn rufen lassen. Dieser Ruf wog schwerer als Müdigkeit oder Angst. Atemlos erreichte er das Officium, stellte die Kerze auf eine Kommode und rieb sich gähnend die Augen.

»Meister? Ihr habt nach mir gerufen?«, fragte er vorsichtig.

»Merxselin, da seid Ihr ja endlich. Setzt Euch«, erklang die Stimme hinter dem Ohrensessel am Kamin. Die Flammen warfen zuckende Schatten über Teppich und Paneele; die Füße des Sitzenden ruhten warm im Schein.

»Wie geht es Euch?«, fragt die Stimme schmeichlerisch.

»Gut. Danke der Nachfrage«, erwiderte Merxselin misstrauisch.

»Mir scheint, es geht Euch vielleicht zu gut.«

Merxselin schluckte. Er ahnte, wohin das Gespräch führte. Solch eine Unterhaltung hatte er erst vor drei Tagen geführt.

»Ich studierte die alten Unterlagen erneut«, fuhr der Meister fort, »und ich werde ungeduldig. Sie beschreiben deutlich, wo der Raum liegt. Ihr habt Männer, Pläne, Anweisungen. Und doch keine Ergebnisse. Heute erhielt ich ein Telegramm aus Treveriam. Der Orden ist ungehalten. Man setzt viel auf mich und ich darf ihre Geduld nicht überstrapazieren. Ergebnisse sind nötig. Sonst werden Köpfe rollen. Auch der Eure, Merxselin.«

»Meister, ich tue, was in meiner Macht steht. Gebt mir nur etwas mehr Zeit …«

»Zeit?« Ein schneidendes Lachen. »Tretet dem Schichtleiter in den Hintern! Es ist nicht meine Aufgabe, Schichten einzuteilen, sondern Eure und Kelchebonts. Ich will Ergebnisse. Und zwar Jetzt.«

Der ältere Mann erhob sich. Sein kurzes, weißes Haar wirkte im Zwielicht zerzaust, das Gesicht ohne Brille ungewohnt streng. Langsam ging er zu einem Grammophon, legte den Finger auf den Hebel. Die Scheibe begann sich zu drehen, ein Knistern erfüllte den Raum, nachdem die Nadel aufsetzte.

»Es ist alles gesagt. Geht.«

»Sehr wohl, Meister Tretenville.« Merxselin verbeugte sich, wandte sich rasch zur Tür und verschloss sie hinter sich. Keuchend stieg er die Stufen hinab, begleitet von der Symphonie Ode an die Freude, die ihm wie blanker Hohn in den Ohren klang.

Inhaltsverzeichnis

PROLOG

1. UNTER TAG

2. EIN SCHWARZER FREITAG

3. BÖSES ERWACHEN

4. KRALLEN IN DER DUNKELHEIT

5. DIE OFFENBARUNG

6. WOHIN DES WEGES?

7. SO WIRD'S GEDANKT

8. ZUCKERBROT UND PEITSCHE

9. ERMITTLUNGEN

10. KEIN GEWÖHNLICHER MONTAG

11. KURIOSUM

12. EIN SELTSAMES DUO

13. ZUR ROTSCHUPPIGEN ECHSE

14. WAGHALSIGE MANÖVER

15. ZWEI UNTER SICH

16. AEGIDIUS HAULINGER

17. ZWISCHEN RAST UND RITUS

18. DIE PRÄLATIN

19. ETWAS GERÄT INS ROLLEN

20. WARTEN

21. DIE ANGELEGENHEIT WIRD ERNST

22. EINE PASSABLE ABLENKUNG

23. EIN HEIKLER AUSWEG

25. WORTEN FOLGEN TATEN

26. OKKULT AN DER KLAUSE

27. TREFFPUNKT NOVEMBER

28. IM HEXENKESSEL

29. EIN BESORGTER FREUND

30. ERFREULICHE VISITE

31. DIE ERMITTLER, DAS RESUMÉ

32. ZUR MAINACHT

EPILOG

NAMENSREGISTER

WEITERE TITEL DES AUTORS

DANKENDE WORTE ZU DIESER AUSGABE

DER AUTOR

1. UNTER TAG

EIN KÜHLER APRILMORGEN IN ST. OHLBERG.

Die Luft war trocken, staubig und dünn; Schwefel und Rauch von den Fackeln brannten in den Lungen. Doch Jammern lohnte sich nicht. Niemand war gezwungen hier zu schuften, sie alle waren Freiwillige. Freiwillige Arbeiter in den Bergstollen der Kupferburg.

Die Bezahlung war gut, die Arbeitsbedingungen dagegen miserabel. Wer hier anheuerte, wusste, dass er bis zur nächsten Untersuchung durch den Betriebsarzt blieb, und der entschied alle zwei Wochen neu. Manch einer hoffte auf den ›Glücksposten‹ als Fuhrtner, der mit einem Kameraden die Loren schob und zog. Knochenarbeit, gewiss, aber immerhin nicht so zerstörerisch für die Lungen wie das ewige Hacken tief unter Tage.

Andored und Tomagril hatten dieses Glück, wenn man es so nennen wollte. Gemeinsam schleppten sie an diesem Morgen eine vollbeladene Lore den Schacht hinauf. Der Frost hatte die Schienen verzogen und die Räder klemmten in der Verengung fest. Der Schweiß stand ihnen auf der Stirn, obwohl die Kälte der Nacht noch in den Felsen hing und in der Luft lag.

»Meine Fresse, dieser Schmied«, keuchte Tomagril, die Zähne zusammengebissen. »Seit einer Woche sagen wir ihm, er soll die Schienen richten. Glaubst du, der rührt sich?«

»Noch ein Stück, dann läuft sie«, keuchte Andored zurück, alle Muskeln angespannt.

Da erklang hinter ihnen eine spöttische Stimme. »Wenn ich euch so ansehe, frage ich mich, wer zum Teufel euch eingeteilt hat, ihr Waschlappen.« Ein hochgewachsener, stoppelhaariger Kerl trat aus dem Schatten, einen glimmenden Stängel zwischen den Lippen, und grinste breit. »Zu den Weibern im Waschkeller hätte ich euch geschickt. Immer dasselbe mit den Spitzohrigen.«

Tomagril und Andored wurden rot, ob aus Anstrengung oder Wut, ließ sich schwer unterscheiden. Doch noch ehe sie kontern konnten, kam Medjev heran; breitschultrig, kahlköpfig, ihr Gruppenführer und alter Freund. Er packte wortlos mit an.

»Entweder Sie schieben mit oder Sie kümmern sich um Ihren eigenen Kram, Herr Kruhmen«, meinte Medjev nebenbei.

Doch Kruhmen lachte nur auf und zog noch einmal genüsslich an seinem Stängel, bevor er den Stummel fortflitschte. »Leider bin ich gerade in Raucherpause.« Dann verschwand er so schnell, wie er gekommen war.

Zu dritt schafften sie es, die Lore endlich über die Schwelle zu ziehen. Mit einem ächzenden Ruck lief sie an und sie konnten verschnaufen. Kaum hatten sie sich den Schweiß von der Stirn gewischt, hallte das Signalhorn zur Frühstückspause über den Hof und die Gänge. Die Männer ließen die Kette los, zogen die Bremse an und atmeten schwer.

Medjev wischte sich die Hände an der Hose ab. »Gute Arbeit, Männer. Ich werde gleich noch mal beim Schmied vorstellig werden und das hier erneut reklamieren. Eine Zumutung ist das.« Er deutete auf die verzogenen Gleise. »Jetzt geht erst mal frühstücken. Ich komme gleich nach.«

Andored nahm den Wasserschlauch von Tomagril entgegen, trank gierig und nickte. »Danke, Medjev. Wir warten noch auf Tolu. Sehen uns dann bei den Baracken.«

»Immer derselbe Mist in diesem Drecksloch«, brummte Tomagril, während er den Schweiß mit dem Hemdärmel wegwischte. »Langsam hab ich echt keinen Bock mehr.«

»Das sagst du seit Wochen, Toma. Uns geht es doch genauso«, versuchte Andored das Gemüt seines Freundes zu besänftigen. »Wenn die gute Bezahlung nicht wäre, würde keiner von uns hier arbeiten. Bald hab ich mein Geld zusammen, dann kann ich vielleicht endlich mein eigener Herr sein.«

Tomagril seufzte. »Ja, das wäre toll.«

»Toll?«, kam eine grummelige Stimme aus der Dunkelheit. »Hier in diesem Drecksloch ist gar nichts toll. Außer man bekommt ›toll Wut‹. Jaaahhaaa, das wäre schön.«

»Grüß dich, Tolu«, winkte Andored dem Zwerg rüber.

Tolumirantos Luck, kurz Tolu genannt, stapfte aus dem dunklen Schacht und blinzelte gegen das Tageslicht.

»Moin, ihr Mädchen«, entgegnete er breit grinsend. »Auf was warten wir? Ab zum Frühstück!«

Ein kalter Luftzug wehte aus dem Schacht, als sie sich umwandten und blies hinter ihnen die Flamme der Fackeln fast aus.

Die Kantine war ein niedriger Bau aus groben Balken, die Fenster blind vom Ruß der Jahre. Drinnen hing der Geruch von Erbsen, Schmalz und Schweiß in der Luft. Lärm und Stimmen füllten den Raum, Becher klirrten, Teller klapperten.

Anständig standen die Männer in der Schlange der Essensausgabe und warteten auf ihr Frühstück.

»Ando, sag mir, ist Elsa da?«, wandte sich der kleine Tolumirantos an seinen Freund. »Ich hab heute Morgen einen Mords-Hunger.«

»Hast du nicht zu jeder Mahlzeit einen Mords-Hunger?«

Der Zwerg zuckte gleichgültig mit den Schultern.

»Du hast Glück, sie ist da«, erwiderte Andored mit großen Augen. »Sie hat gerade den alten Knurrbart abgelöst. Och nee, nicht schon wieder Haferbrei mit Apfelkompott.«

Tolumirantos grummelte freudig etwas in seinen schwarzen Vollbart, von dem Andored nur »doppelte Ladung« verstand. Er schmunzelte über Tolus Verhalten, der sich breit grinsend die Hände rieb, ein Tablett schnappte und sich artig einreihte.

In der Kantine wurde man für gewöhnlich ziemlich schnell abgefertigt. Nur die drei Freunde hatten es geschafft, herzlich vom Personal begrüßt und ebenso bevorzugt bedient zu werden. Der Zwerg tändelte mit der stämmigen Elsa, bekam tatsächlich seine doppelte Ladung, bedankte sich überschwänglich und ging zufrieden seiner Wege.

Sie ergatterten einen Fensterplatz, sodass sie wenigstens vom Tageslicht in der sonst dunklen Kantine profitierten. Die Aussicht auf den Hof war zwar nicht prickelnd, aber immerhin konnte man erkennen, was einem auf dem Tablett serviert wurde.

Tolumirantos ließ sich mit einem zufriedenen Brummen auf die Bank fallen und schob die Schüssel mit Haferbrei und Apfelkompott näher. »Endlich was Ordentliches zwischen die Zähne.«

Andored begann die Rosinen aus seinem Brei zu fischen und angelte sogar ein Haar heraus. »Wenn man das ordentlich nennen will«, spottete er und bedachte die Schüssel angewidert.

Tomagril zog eine Grimasse. »Der Koch hat sicher wieder die Hälfte des Apfelmuses für sich behalten. Und das Weißbrot …« Er riss ein Stück ab, das trocken zerbröselte. »… taugt nicht mal als Bauholz.«

»Sei froh, dass du was hast.« Tolumirantos schaufelte den Brei, als könne man ihn ihm im nächsten Moment wegnehmen. »Ich hab schon Schlechteres gegessen.«

Medjev setzte sich ihnen gegenüber, mit der Ruhe eines Mannes, der Streit gewohnt war. »Hört auf zu meckern. Es reicht, den Magen zu füllen. Mehr braucht’s nicht.«

Tomagril wollte schon kontern, doch Medjev aß gemächlich weiter und redete vor allem mit Tolu über Dinge, die gerade überhaupt nicht zur Debatte standen.

Da bemerkte Andored im Hof etwas Ungewöhnliches, das schließlich die Aufmerksamkeit aller auf sich zog: Der Magus – man sah ihn nicht alle Tage – eilte mit wehender Robe über den Hof. Für einen Moment meinte Andored, ein Kälte hauch sei durch die Kantine gestrichen. Schließlich blieb er abrupt vor einem Aufseher stehen, der einen kuschenden Arbeiter im Schlepptau hatte.

»Ist das dieser Trettelfill?«, fragte Medjev und blinzelte an den Köpfen vorbei.

Tolumirantos grummelte zustimmend.

»Trettel… was?«, hob Andored die Brauen.

»Na der Magus. Der mit dem weißen Schopf.«

Der Elb seufzte und legte den Löffel beiseite. »Tretenville. Sprich’s langsam nach: Tre-ten-ville.«

»Ja, ja, schon gut«, brummte Medjev und winkte ab. »Tretenwasauchimmer. Ihr wisst doch, wen ich meine.«

Tolumirantos lachte schallend, dass ihm beinahe der Brei aus dem Bart tropfte. »Bei den Göttern, Medjev. Wenn du so weitermachst, zaubert er dir noch einen Knoten in die Zunge.«

Tomagril grinste schief. »Das würde aber kaum auffallen.«

»Sehr witzig«, grollte Medjev, konnte jedoch ein Schmunzeln nicht verbergen.

Währenddessen schob Andored die Rosinen an den Tellerrand und sprach leise: »Trotzdem ungewöhnlich. Ein Magus taucht nicht ohne Grund im Stollen auf.«

Die Freunde blickten einander an, jeder mit einer Mischung aus Neugier und Unbehagen.

»Muss wohl ein großer Edelstein entwendet worden sein«, kommentierte Tomagril die Situation im Hof.

»Dein Scharfsinn verblüfft mich immer wieder, Elb«, sagte der Zwerg kopfschüttelnd. »Ich höre mich um. In den Stollen sieht man oft nicht, wer neben einem steht, da wird das kein Problem sein. Zudem geht mir das Gejauner von Pietto eh total auf den Geist«, schlug der Zwerg umgehend vor, zog ein betrübtes Gesicht auf und kramte sein Tablett zusammen. »Der Kerl redet ununterbrochen von seinen Schulden und wie schlecht es ihm ergeht.«

»Ach, deswegen hast du so große Ohren«, bemerkte Tomagril schelmisch. »Vom ganzen Geschwätz, das dir dein Kumpel an die Backe labert, was?«

Tolumirantos war gerade im Begriff zu gehen, drehte sich aber nochmal um. »Wo wir bei dem Thema Ohren sind«, bedachte er Toma scharf. »Deine sehen etwas Stumpf aus. Kommt wohl vom vielen Arschkriechen, hä? Soll ich sie dir gleich neu anspitzen?«

Das schallende Horn verkündete das Ende der Frühstückspause. Die vier Freunde machten sich wieder an die Arbeit.

•••

Am Abend fanden sich die vier Freunde wie so oft im Küpferle ein, der kleinen Schenke am Fuße der Burg. Das niedrige Fachwerkhaus roch nach Rauch, Braten und verschüttetem Bier. An den Balken hingen Laternen, die flackerndes Licht auf die schweren Holztische warfen. Stimmengewirr, Gelächter und das Scheppern von Krügen füllten den Raum. Für die vier Freunde war es der vertraute Ort, an dem sie nach einem harten Tag unter Tag wieder zu sich selbst fanden.

Die Kellnerin, es war Elsa aus der Kantine, kam, ohne zu fragen.

»Fünf Weizen«, sagte Tolu.

»Ihr seid zu viert.«

»Ich hab Durst für zwei.«

Sie rollte mit den Augen und lachte. »Du hast Durst für drei.«

Dennoch brachte sie die Krüge. Tolu verteilte vier, zog den fünften zu sich und prostete der Runde zu. »Ah, das ist Leben! Frisch gezapft. Auf den Berg, den wir verabscheuen, und auf den Lohn, der uns trotzdem hält.«

»Und auf die krummen Schienen, die morgen gerade sind«, setzte Medjev nach.

»Und auf den Magus«, sagte Tomagril spitz. »Damit er nichts findet, was uns findet.«

Tolu klopfte den Humpen auf den Tisch und grinste breit.

»Ha!«, entgegnete Tomagril und hob sein Glas mit gespielter Eleganz. »Zumindest kann ich einen Krug halten, ohne dass mein Arm vom Gewicht gleich einknickt.«

»Ach, willst du’s drauf anlegen?«, brummte der Zwerg und trommelte mit den Fingern auf das Holz. »Ein Wetttrinken, und wir werden sehen, wessen Arm zuerst nachgibt.«

»Wäre ja kaum ein fairer Wettkampf«, spöttelte Tomagril, »wenn man bedenkt, dass deine Leber schon härter geschuftet hat als wir alle im Stollen.«

Die beiden Elben und der Hüne mit der Glatze lachten leise, wogegen Tolu nur schnaubte und weiter an seinem Bier nippte.

Andored schüttelte den Kopf und beugte sich vor. »Ihr seid wie Kinder. Der eine provoziert, der andere beißt an. Und am Ende sitzen wir mit einer Rechnung da, die doppelt so hoch ist wie euer Verstand.«

»Oh, ich wusste gar nicht, dass Elben plötzlich mit Zahlen umgehen können«, stichelte Tolumirantos sofort zurück.

»Wenn ihr zwei Zankhähne fertig seid«, grummelte Medjev, »könnten wir uns vielleicht mal unterhalten wie normale Leute.«

»Jetzt erzähl«, forderte Andored, nachdem er abgesetzt hatte. »Du hast gesagt, du hörst dich um.«

Tolu stellte den Krug erneut ab und legte die Arme auf den Tisch, als wolle er eine Karte ausbreiten. »Im neuen Schacht – ihr wisst schon, der hinter der zweiten Absperrung – ist ein Bereich abgeriegelt. Zwei Wachen, Männer aus einer anderen Schicht, die sich alle sechs Stunden ablösen. Da kommt keiner ran, außer …«

»… dem Magus«, sagte Andored.

»Dem Magus«, bestätigte Tolu. »Man munkelt, dass sie ein Mauerwerk gefunden haben. Etwas Gebautes, keine natürliche Höhle. So eine Art Gewölbe, nicht hoch, breit genug, dass vier von uns nebeneinander durchmarschieren könnten, wenn es denn ginge. Manche sagen sogar, es sei ein Raum, mit einem Stein …«

»… und darunter der Höllenschlund«, spottete Tomagril.

»Das sagen die, die vor dem ersten Bier schon zwei Schnäpse hatten«, knurrte Tolu. »Ich halt mich an das, was ich sehe: Wachen, die da nicht stehen, wenn es nur Staub wäre. Und Gesichter, die wegschauen, wenn du vorbeikommst.«

»Und hast du einen Blick hineinwerfen können?«, fragte Andored.

»Nicht ohne gesehen zu werden. Ich mag meinen Bart. Außerdem steht da immer einer, der nichts anderes tut, als den zu beobachten, der gerade so tut, als sei er zufällig in der Nähe.«

»Das riecht danach, dass etwas gefunden wurde«, sagte Andored langsam. »Nicht nur ›irgendwas‹. Etwas, das heilig ist.«

»Oder zu heikel«, sagte Tomagril. »Wenn’s der Kirche gehören würde.«

Sie schwiegen einen Moment. In der Stille hörten sie das Klirren von Krügen, das schmierige Gelächter und aus der Nähe den Atem eines Mannes, der gerade entschied, ob er sich noch einen bestellt.

»Wir sitzen nicht allein«, murmelte Andored. »Links zwei Tische, hinten einer, der immer aufsieht, wenn wir lachen.«

»Die haben heute alle große Ohren«, sagte Tolu. »Wir kleben uns mal dichter zusammen.«

Sie rückten die Krüge, als wären es Spielsteine. Elsa kam vorbei; Medjev, der große, sonst wortkarge Hüne, verfolgte ihre Bewegung so aufmerksam, dass Tomagril grinste. »Konzentrier dich, Medjev. Sonst hältst du gleich den Krug am Henkel und sprichst ihn mit ›Gnädige Frau‹ an.«

»Ich kann zwei Dinge gleichzeitig«, murmelte Medjev und hob den Krug, ohne hinzusehen.

Elsa setzte ein Lächeln auf, das man in dieser Kaschemme für ein Wunder hielt. »Alles recht bei euch da hinten?«

»Wie immer«, sagte Andored. »Nur die Welt wird größer, je kleiner die Räume werden.«

»Dann trinkt, solange sie noch in die Krüge passt«, gab Elsa zurück und war weg, bevor eine Antwort die Luft fand.

»Also«, nahm Tolu den Faden wieder auf, »manche schwören auf einen Schatz, andere auf ein Relikt, die abergläubischen Zungen reden vom Höllenschlund. Ich sage: Da unten hat jemand mit Sinn gebaut. Vor langer Zeit.«

»Wenn sie’s abgesperrt haben, wollen sie uns dumm halten«, sagte Tomagril.

»Oder schützen«, entgegnete Andored. »Uns oder etwas, das da liegt.«

»Die Wachen?«, warf Medjev ein.

»Ganz normale Kerle«, sagte Tolu. »Nerven wie Seile, Blicke wie Nägel. Und sie wissen, wann sie stumm zu sein haben. Einer von ihnen, der mit dem schiefen Ohr, hat mir zu verstehen gegeben, dass ein ›Fachmann‹ kommen wird.«

»Fachmann?«, fragte Tomagril.

»Er hat nicht ›Magus‹ gesagt. Aber wer sonst?«

»Vielleicht unser Adept aus der Küche«, murmelte Medjev.

»Der mit der Sehmaschine und dem Kraushaar? Essenzeris?«, fragte Andored. »Der ist nützlich, wenn’s ums Zählen von Löffeln geht.«

»Ja, der taugt wenig«, sagte Tolu.

Sie tranken. Die Luft im Küpferle stand schwer; an den Balken der Decke hing ein Staub, der schon manchen Schwur gehört und vielleicht auch manches Geheimnis verschluckt hatte. Die Tür ging auf und zu, auf und zu. Jedes Mal kam ein Hauch Abend herein, der roch, als wäre die Welt draußen kleiner als hier drinnen.

»Warum fünf Weizen?«, fragte Tomagril irgendwann, halb scherzhaft, halb neugierig, und deutete auf Tolu.

»Falls eins umkippt«, sagte der Zwerg trocken. »Oder ich.«

»Du kippst niemals um«, sagte Medjev.

»Nein«, bestätigte Tolu. »Ich setz mich nur tiefer.«

Das Lachen löste die Anspannung kurz, wie ein Messer, das den Faden einmal aufschneidet und wieder ruhen lässt.

»Also gut«, fasste Andored zusammen, »wir wissen: Es gibt da unten etwas. Es ist gemauert. Es gibt Wachen. Der Magus war heute draußen, und er ging, als hätte ihm jemand die Uhr gestellt. Morgen sehen wir mehr.«

»Morgen.« Tolu richtete sich auf. »Lasst uns trinken, Jungs. Und bis dahin: Kein Wort in falsche Ohren.«

»Genau«, pflichtete ihm der große Medjev bei. »Bei dem ganzen Gerede wird das noch Schal. Prost!«

»Meine Ohren sind die richtigen«, kam eine Stimme von hinten. Kruhmen stand an der Theke und lächelte selbstgefällig zu ihnen herüber, als hätte er den letzten Satz nicht gehört und trotzdem jede Silbe verstanden. Seine Zigarette glühte; der Rauch stieg gerade so, dass die Augen tränten.

»Haben Sie ihre Raucherpause verlängert, Kruhmen?«, fragte Medjev.

Doch Kruhmen hob nur den Krug, als grüße er, und wandte sich wieder dem Tresen zu.

»Der riecht Ärger, wie ein Hund den Regen«, murmelte Tomagril.

»Soll er«, sagte Andored. »Wir haben nichts, was er uns nehmen kann, außer der Zeit. Und die nehmen uns ohnehin alle.«

»Philosoph«, brummte Tolu. »Jetzt trink.«

Sie taten es. Draußen drängte das Wasser des Wichtbachs an die Steine, als wäre Eile geboten. Drinnen schrieb der Abend das Übliche in die Gesichter. Ein paar Tische weiter erzählte einer schon wieder vom Teufel, den ein Heiliger einmal auf dem Berg mit einem Kruzifix zum Lötz gejagt habe; jemand widersprach, jemand nickte, jemand bestellte noch eine Runde.

Als sie aufbrachen, war es spät genug, dass die Luft kühl geworden war. Über der Kupferburg standen die Fenster wie müde Augen in der Fassade. Am Himmel hing der Mond, ein abnehmender Teller, der die Dächer mit bleichem Schein überzog. Ihr Weg ging zu den Baracken.

»Morgen früh«, sagte Medjev vor der Tür.

»Morgen früh«, antworteten die anderen.

»Und Tolu«, sagte Andored, »lass dich nicht festquatschen von Pietto.«

»Ich quatsch eher andere fest«, sagte der Zwerg und grinste. »Ist mein Handwerk.«

Sie trennten sich, jeder zu seiner Pritsche, seinem Bett. Der Staub saß in den Haaren, der Geruch nach Hafer und Apfel war längst einem anderen gewichen: dem der leisen Erwartung. Morgen würden sie wieder hinabsteigen, und was immer dieses Etwas war, was bei den Grabungen entdeckt wurde, es wartete nicht nur auf die Richtigen. Es wartete auf jeden, der nicht wegsah.

Die Nacht legte sich über St. Ohlberg. In den Kaminen verdünnten sich die letzten Rauchfäden. Der Berg schwieg. Und irgendwo, tief drin, tickte etwas, als hätte jemand eine Uhr aufgehängt, die niemand aufziehen musste.

2. EIN SCHWARZER FREITAG

Der Tag darauf war ein Freitag. Freitag, der Dreizehnte. Die Frühschicht hatte gerade erst begonnen. Bisher war keinem der Freunde etwas zugestoßen, das den Aberglauben bestätigte. Niemand hatte sich beim Frühstück auf die Zunge gebissen, ein Insekt im Becher gefunden oder war in den Pferdeapfel eines Gauls getreten. Kein Unglück weit und breit.

Die vier müden Männer erreichten gerade ihre Arbeitsstätte, als ihnen Pietto Huffelsbach entgegeneilte. Der kleine Halbling, ein alter Kumpel Tolumirantos’, hatte sich eben noch von einer Gruppe verabschiedet und kam nun winkend und keuchend auf sie zu.

»Leute, Leute«, japste er, »der Magus kocht … vor Wut.«

»Altes Haus!«, prustete Tolumirantos, klopfte ihm kräftig auf den Rücken. »Hol erst mal Luft.«

»Es geht schon wieder.« Pietto richtete sich tapfer auf. »Tretenville ist stinksauer. Warum, weiß keiner so genau. Man munkelt, es sei etwas gestohlen worden. Ein Edelstein vielleicht. Und die Wachen haben angeblich nichts mitbekommen.«

»Ein Edelstein?«, fragte Andored skeptisch. Er hatte längst gelernt, die Geschichten der Leute nicht zu unterschätzen, selbst wenn sie schwachsinnig klangen. In Gedanken sortierte er die Puzzleteile. Aber noch fehlten zu viele, um sich einen Reim machen zu können. »Wann wurde der Diebstahl bemerkt?«, fragte er gezielt.

»Heute früh!«

»Und woher weißt du das?«

»Ich war da, als der Magus geholt wurde«, erwiderte Pietto stolz. »Und aus Neugier bin ich hinterher. Auf einen Halbling wie mich achtet doch niemand. Also könnt ihr sagen: Ihr bekommt die Informationen aus erster Hand.«

Tolumirantos klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. »Gut gemacht, Pietto.«

»Sind wir jetzt Pädagoge, Herr Zwerg?«, stichelte Tomagril, dem der gestrige Schlagabtausch offenbar noch gefiel.

»Kann ich was dafür, dass dir dein Vater fehlte?«, konterte Tolumirantos spitzbübisch. Tomagril verschlug es die Sprache.

»Erzähl weiter, Pietto. Hast du einen Blick in den Raum werfen können?«, hakte Andored nach.

»Nein, leider nicht. Ich kam nicht nah genug heran.«

Gerade als er das sagte, traten Kruhmen und Kelchebont, der athletische Schichtleiter, aus dem Stollen, dicht gefolgt vom weißhaarigen Magus. Tretenville wirkte keineswegs aufgebracht, wie Pietto behauptet hatte. Im Gegenteil: Er sah ernst, aber gefasst aus.

Andored und Tolumirantos warfen sich einen Blick zu. Das passte nicht zusammen.

Niemand schien die kleine Gruppe zu bemerken, bis Pietto plötzlich niesen musste.

»Entschuldigt«, murmelte er kleinlaut.

»Gesundheit«, brummte Tolumirantos.

»Was steht ihr da herum?«, fuhr der Magus sie nun an, sichtbar verärgert. »Habt ihr nichts zu tun? Kelchebont, Kruhmen – warum arbeiten diese Männer nicht?« Er fuchtelte unkoordiniert mit den Händen.

»Ich erledige das, Herr Tretenville«, sagte Kelchebont sofort und stapfte auf sie zu.

Die Männer griffen hastig nach Werkzeug und Material. Tolumirantos und Pietto sprangen in die Lore, Andored und Tomagril schoben sie rasch Richtung Stollenschacht.

»Du!«, bellte Kelchebont und zeigte auf Medjev. »Warum arbeiten deine Leute nicht?«

»Äh… ich?« Medjev stotterte, suchte nach einer Ausrede.

»Schiele ich vielleicht, oder steht da noch einer untätig herum?«, donnerte der Schichtleiter.

»Wir haben uns nur um einen verletzten Kumpel gekümmert«, rief Tolumirantos aus der Lore. Auf Zehenspitzen reckte er sich, um sichtbar zu sein. »Kein Grund zur Aufregung, Herr Kelchebont. Wir sind schon wieder auf dem Weg hinab.«

Bevor Kelchebont etwas erwidern konnte, verschwand die Lore im Tunnel. Der Schichtleiter schnaubte, trat wütend gegen einen Stein und fuhr sich über den kurzgeschorenen Schopf. Sein spitz zulaufender Haaransatz verlieh ihm ohnehin ein scharfes, aggressives Gesicht. Und in Rage konnte er wahrlich furchteinflößend wirken.

»Stimmt das?«, fragte er nun ruhiger Medjev.

»Ja. Pietto hat sich den Knöchel verknackst. Wir haben die Stiefel enger geschnürt«, log der Hüne glatt.

Kelchebont musterte ihn lange, dann blickte er in den Tunnel, als sähe er die Lore noch dort. Schließlich nickte er langsam.

»Du und deine Männer kommt nach der Mittagspause in die Burg. Meldet euch bei mir im Büro. Ich habe vielleicht eine Aufgabe für euch.«

Medjev nickte erleichtert. Erst als der Schichtleiter davonging, wischte er sich den Schweiß von der Schläfe.

•••

Es war immer noch Freitag, der Dreizehnte. Mittagspause. Der Tag wollte einfach nicht vorankommen. Die vier Freunde saßen gerade in der Kantine über dampfenden Schüsseln.

»Bis jetzt«, begann Medjev seine Linsensuppe kauend, »war es doch ein guter Tag. Nichts Schlimmes passiert, oder?«

»War das rhetorisch gemeint?«, fragte Andored trocken, was der Zwerg sofort verstand und sich das Lachen verkneifen musste, weil Medjev ihm gegenüber saß.

»Hä? Was meinst du?«

»Ich meine: Schmeckt die Suppe?«

»Ja, ganz gut sogar.«

»Dann iss langsamer. Es nimmt dir niemand etwas weg«, brummte Tolumirantos und verdrehte die Augen.

Andored legte das Weißbrot zurück, das er eben noch in der Hand hatte. Es war hart wie Stein. »Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Meine Intuition sagt mir, dass heute noch etwas passiert, das uns nicht schmeckt.«

»Pah! Intuition. Meine sagte mir, dass du spinnst, Elb«, erwiderte daraufhin der Zwerg.

Medjev lachte laut, Suppe spritzte ihm aus dem Mund.

»Wir werden sehen«, entgegnete Andored kühl. Tomagril nickte zustimmend.

»Tztztz. Ihr Elben seid schon ein komisches Volk«, raunte der Zwerg.

Dann, als sei es eine Nebensache, warf Medjev ein: »Ach ja, wir sollen übrigens nach der Mittagspause zu Kelchebont ins Büro.«

Vier Löffel hielten inne.

»Neeein!«, stieß Tolu hervor und ließ den Löffel klappernd in die Schüssel fallen. »Und für wann?«

»Gleich. Direkt nach dem Essen.« Medjev griff seelenruhig nach Andoreds Brot.

Tolumirantos stöhnte. »Jetzt spüre ich auch diese Intuition.« Er sah Andored an, der nur leise nickte.

•••

Unterdessen, sprach man über sie. Oben im Burgfried, im Büro des Magus fand eine Unterredung von vier anderen, viel wichtigeren Männern statt.

Kelchebont stand vor den Burgherren, die Hände verschränkt. »Das sind Freidenker, solche brauchen wir hier nicht, die machen uns nur Probleme. Aber wenn wir sie richtig einsetzen, könnten sie uns noch nützlich sein.«

Tretenville starrte ihn an und Sänkemacher, der eigentliche Burg herr und Leiter des Bergwerks, kratzte sich ungeniert ruckartig im Schritt.

»Und außerdem wären wir den ollen Essenzeris auch los.«, warf Kruhmen ein. »Der kostet nur Nerven und Hellinge.«

»Ja ...«, wirkte Tretenville plötzlich angetan. »Das hört sich nach einem Plan an, Kelchebont. Nur beten sie beide, dass es auch so vonstatten geht«, befürwortete Tretenville mit großen Augen, lehnte sich in den Stuhl mit hoher Lehne zurück und schob sich die gestopfte Pfeife in den Schnabel. Er sog daran und sprach mit verwaschener Stimme weiter: »Mähr Aufmerkschamkeid könn isch nischk braugn. Erledig’n Sie das.«

Kelchebont und Kruhmen nickten. Sie wussten, was gemeint war.

Tretenville nahm die Pfeife aus dem Mund und winkte vorsichtig damit. »Ich werde mich nun wieder wichtigeren Dingen zuwenden. Ich bin ein beschäftigter Mann und man sollte mich nicht aufhalten.«

Schichtleiter Kelchebont und Vorarbeiter Kruhmen zogen sich zurück, um ihre Vorgehensweise im Stillen zu besprechen. Die Mittagspause war gleich zu Ende und das bedeutete Eile. Denn die vier Bergarbeiter hatten sie schließlich für diesen Zeitpunkt ins Büro bestellt.

•••

Wenige Minuten später fanden sich die vier Freunde um Tolumirantos vor besagter, geschlossener Bürotüre ein.

Medjev zögerte, schaute zurück. »Klopf du an!«, sah er zum Zwerg herab.

»Warum ich? Du bist der Gruppenführer und kriegst mehr Sold.«

»Weil…, weil du der Kleinste bist.«

»Pah, Frechheit! Ich könnt genauso sagen, weil du der Größte bist und glatzköpfig noch dazu.«

»Ich glaub's nicht«, knurrte Andored. »Medjev, du wurdest angesprochen. Also klopf.«

»Na gut.« Er hämmerte laut gegen die Tür.

Kruhmen öffnete, sein Gesicht verzog sich zu einem listigen Lächeln. Andoreds Argwohn wuchs wie das Quecksilberthermostat im Sonnenschein.

Drinnen lehnte Kelchebont über den Tisch, die Hände gefaltet, während Kruhmen wie ein Schatten an seiner Seite stand. Der Blick eines Habichts.

»Euch ist sicher nicht entgangen«, begann der Schichtleiter, »dass im Stollen etwas gefunden wurde. Was genau, darf ich nicht sagen. Ist streng geheim. Aber heute früh wurde es entwendet. Trotz magischer Sicherheitsvorkehrungen.«

Hier machte er eine kleine Pause, um den Skandal zu verkraften, sah sie dabei nacheinander an.

»Zur Erinnerung: Alles, was außer Metallen gefunden wird, fällt automatisch an die Kirche von Allfaldria. Wir wollen vermeiden, dass sie Wind davon bekommt und uns Fahrlässigkeit vorwirft. Deshalb: Stillschweigen. Wer sich nicht daran hält, wandert ein, wird angeklagt, wie bei Hochverrat.«

Kruhmen deutete ein Seil an und ahmte die Fratze eines Hängenden nach.

Kelchebont fuhr fort: »Wir fanden heute Morgen einen Gang auf der anderen Seite der Kammer. Alte Bauweise, kein frischer Stollen. Im Staub waren Spuren, nicht von zivilisierten Leuten, sondern von Orks oder ähnlichem Gesindel. Wir gehen davon aus, dass sie das Artefakt gestohlen haben.«

Er lehnte sich zurück. »Ihr seid tüchtig und nicht auf den Kopf gefallen. Der Magus will, dass ihr das Artefakt zurückbringt. Keine leichte Aufgabe. Aber das Werk zahlt einen ordentlichen Bonus. Für ein paar starke Kerle wie euch: ein Klacks, oder?«

Tolumirantos rieb sich die Hände. »Ein paar Orks die Schädel einschlagen? Warum nicht.«

»Dann gut. Ihr brecht heute noch auf. Adept Essenzeris wird euch am unteren Burgtor erwarten und führen.«

Mit einer Handbewegung entließ er sie. Kruhmen drängte sie wie Vieh hinaus.

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, dachte Andored bei sich. Und irgendwie beschlich ihn das ungute Gefühl, er würde Recht behalten.

•••

Vor dem unteren Burgtor wartete schon Adept Essenzeris. Für einen Adepten war er erstaunlich alt – Anfang vierzig, schmächtig, das krause Haar ungebändigt, die Sehmaschine schief auf der Nase. Er wirkte mehr wie ein verschrobener Buchhalter als ein Mann der Magie. Vom Gesicht her ähnelte er einem Halbling. Groß war er auch nicht, sondern körperlich schmächtig und gebrechlich.

»Na endlich«, sagte er spitz. »Die Herren lassen sich Zeit, dabei haben wir einen Auftrag von höchstem Rang.«

Wir?, dachte Andored und wechselte mit Tolumirantos einen Blick.

»Ich bin Essenzeris, Adept der Universität von Aquitan«, stellte sich der Mann mit stolzgeschwellter Brust vor, als erwarte er eine Verbeugung. »Während dieser Mission werde ich euer Führer sein. Also: folgt mir.«

Tolumirantos schnaubte. »Führer? Mir reicht, wenn du uns den Weg zeigst.«

»Ich habe keine Ahnung, was der da faselt«, murmelte Andored. »Aber es gefällt mir nicht.«

»Mir auch nicht«, knurrte Tolu.

Medjev trat an sie heran, wobei er sich im Gehen genau vor Andored positionierte und ihm somit den Platz neben Tolumirantos streitig machte. Der Elb wich zur Seite aus und fügte sich kopfschüttelnd.

»So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich bin der Gruppenführer hier, falls es jemand vergessen hat. Und von einem Begleiter war nie die Rede.«, sagte der große Glatzkopf an den Zwerg gewandt.

Seine Freunde grummelten zustimmend.

»Das finde ich nicht in Ordnung«, sprach der Hüne weiter. »Darüber werde ich mich beschweren.«

»Tu dir keinen Zwang an, Medjev«, antwortete der Zwerg gelassen. »Aber glaubst du, das interessiert die da oben?«

»Mir egal«, brummte der Medjev.

»Das dachte ich mir«, sagte Tolumirantos resigniert.

So folgten sie dem Adepten widerwillig in den Schacht.

»Bleibt dicht bei mir«, dozierte Essenzeris, der sich sichtlich freute, endlich einmal den Ton angeben zu dürfen. »Ich möchte nicht gezwungen sein, euch mit einem Zauber wieder einzusammeln.«

»Ich kenne den Stollen besser als meine Westentasche«, knurrte Tolu. »Wenn sich hier einer verläuft, dann wohl du, Herr Adept.«

»Eine magische Fackel wär vielleicht was«, schlug Tomagril spöttisch vor.

»Natürlich nicht!«, rief Essenzeris empört. »Meine Kraft darf ich nicht vergeuden. Wir wissen nicht, ob uns schon an der nächsten Biegung Ungeheuer erwarten.«

»Orks?«, fragte Tolu betont gleichgültig.

»Sprecht es nicht aus!«, fauchte der Adept. »Das beschwört sie nur herauf.«

»Ah ja«, murmelte Tomagril. »Der Typ geht mir jetzt schon auf die Nerven.«

»Du bist nicht der Einzige«, stimmte Andored leise zu.

Es ging immer tiefer in den Berg hinein. Die Stollen waren ohne Markierungen das reinste Labyrinth. Doch endlich gelangten sie an den mit Barren versperrten Gang und folgten diesem ein kleines Stück bis zu einem Loch in der Felswand.

Dahinter öffnete sich eine gemauerte Kammer. Sie war rechteckig, mit gewölbter Decke und Staub lag wie ein grauer Belag über allem. Die Luft schmeckte nach altem Stein.

»Das also ist die berühmte Entdeckung?«, brummte Tolu und stapfte mitten hinein. »Ein bisschen Mauerwerk, mehr nicht. In Dûn Kohlenz hab ich schon Gewölbe gesehen, die beeindruckender waren.«

»Allerdings auch keine gewöhnliche Gruft. Aber du hast Recht«, pflichtete ihm Tomagril bei.

Essenzeris räusperte sich. »Der Magus äußerte, dass es sich hierbei um ein Kellergewölbe besonderer Art handele. Angeblich stamme es aus einer Zeit, als hier in der Gegend ein weitaus mächtigerer Zauberer lebte, wie es sie heute nicht mehr gibt«, erklärte der Adept unaufgefordert.

Unterdessen trat Andored an einen blockförmigen Stein in der Mitte. Ein Miniaturobelisk. Hüfthoch, glatt gearbeitet, mit einer Fassung aus einem fremdartigen, fast weißen Metall. »Sieht aus wie eine Halterung oder Krampe.« Er strich mit dem Finger darüber ... und zuckte zurück. »Verdammt! Scharf wie eine Klinge.«

»Du blutest alles voll«, stellte Tomagril amüsiert fest. »Ha, ein Bluter!«

Andored funkelte ihn an und saugte das Blut vom Finger.

Da stürzte Essenzeris hastig herbei, wedelte aufgeregt mit den Armen. »Nicht anfassen! Ihr verwischt Spuren! Geht zurück, sofort!« Mit übertriebenem Eifer beugte er sich über den Sockel, murmelte Beschwörungen und zeichnete unsichtbare Runen in die Luft.

Die Freunde tauschten Blicke.

»Der weiß mehr, als er sagt«, murmelte Tolu.

»Oder er weiß gar nichts und spielt nur den Gelehrten«, entgegnete Andored.

Medjev rieb sich den staubigen Schädel. »Von Orkspuren seh ich hier jedenfalls nichts.«

»Nur menschliche«, bestätigte Tomagril.

Eine Weile sprachen sie gedämpft über die sichtbaren Spuren, über Schuhsohlen und die Richtung, in die sie führten. Essenzeris ignorierte sie, als existierten sie gar nicht, so sehr war er in seine Untersuchungen vertieft.

Doch in seinem Kopf tobte ein Sturm. Endlich. Endlich eine Aufgabe von Gewicht. Ich werde beweisen, dass ich mehr bin als ein Laufbursche für Kruhmen und Kelchebont. Sie lachen immer, spotten über meinen Titel, machen mich klein. Doch ich werde diesen Fund enträtseln, werde zeigen, dass man mich ernst nehmen muss. Heute ist meine Stunde.

Er hörte kaum, wie die anderen tuschelten. Er sah nur den Sockel, die feine Metallfassung, die scharf wie Glas war. Ein Relikt aus uralter Zeit. Etwas, das größer ist als sie alle. Und ich ... ich werde der Erste sein, der es versteht.

Die vier Freunde rückten derweil zusammen.

»Wir verschwenden Zeit«, sagte Tolu schließlich leise. »Die Spuren führen dort in den Gang. Wollen wir warten, bis der Adept noch den Staub katalogisiert?«

Ein zustimmendes Nicken von Andored, ein Schnauben von Tomagril, und der Zwerg stapfte los. Die beiden Elben folgten. Medjev drängte sich hinterher, schob den Adepten beiseite, der hilflos protestierte.

Aber ich ... bin der Führer!«, rief Essenzeris hinter ihnen her.

Einen Augenblick stand er allein in der Kammer, atmete schwer. Er fühlte, wie ihm die Gelegenheit durch die Finger glitt. Wieder nicht ernst genommen. Wieder übergangen. Er zupfte an seiner Robe, ärgerte sich darüber, dass die Männer nicht auf ihn hörten.

Nein. Diesmal nicht. Diesmal werde ich Kelchebont, Kruhmen und dem Magus beweisen, dass ich es besser kann.

Er ballte die Fäuste, richtete die Sehmaschine, holte tief Luft und rannte den Männern hinterher, in den dunklen Gang …

… und stolperte gleich über seine eigenen Füße.

•••

Sie liefen und liefen durch den dunklen Stollen, allen voran Tolumirantos, der sich eine Fackel gebastelt und angezündet hatte. Es ging über schmale Pfade, unter tropfenden Stalaktiten hindurch, bis sie einen auftauchenden Gang erreichten. Dieser schien endlos: ein in Bruchstein gemauerter Tunnel mit gewölbter Decke. Es war klamm und roch nach Schimmel; schwarze Sporen wucherten wie Ausschläge an den Wänden.

Andored musste von dem bissigen Geruch und dem Rauch der Fackel husten. »Tolu, musst du so rennen? Mir brennt der Rauch in den Augen und in der Lunge.«

Der Zwerg blieb stehen, wandte sich um, funkelte ihn an und sagte: »Weißt du, wonach sich das anhört?«

»Nein.«

»Nach: Mimimimimi!« Er lachte. Laut und gehässig. »Nichts für ungut mein Freund. Da vorne ist ein Portal und dahinter scheint ein Raum zu sein. Dort machen wir halt.«

Tomagril lachte und klopfte ihm tröstend auf die Schulter. »Komm Ando, das schaffst du noch. Nach dir.«

»Wie großzügig.« Ein Hauch Sarkasmus lag in Andos Worten. Gefasst ging er weiter. Warum nahm man ihn einfach nicht ernst?