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Das Unverwundbare – Inspiration und Kraft für emotionale Herausforderungen wie Abschied, Trennung und Verlust. Lisa Freund, erfahrene Begleiterin von Menschen in Grenzsituationen, führt in Das Unverwundbare durch einen kreativen Prozess im Umgang mit Tod und Trauer. Sie verbindet dabei wissenschaftliche Erkenntnisse und lebenspraktische Hilfestellung mit inspirierenden Übungen aus der buddhistischen Tradition, um den Lesern zu zeigen, wie sie auch in schwierigen Lebenslagen Kraft aus ihrem unverwundbaren inneren Kern schöpfen können. Basierend auf ihrer langjährigen Erfahrung weiß die Autorin, dass jeder Mensch diesen Quell der Kraft in sich trägt. Durch einfühlsame Meditationen und Visualisierungen, die auf einer beiliegenden CD zu finden sind, unterstützt sie die Leser dabei, Zugang zu ihrer inneren Stärke zu finden und so die Herausforderungen des Lebens zu meistern. Das Unverwundbare ist ein wertvoller Begleiter für alle, die Wege suchen, mit Abschied, Trennung und Verlust umzugehen und dabei zu persönlichem Wachstum und innerer Entwicklung zu finden.
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Seitenzahl: 405
Veröffentlichungsjahr: 2011
Lisa Freund
Wege der Heilung in Lebenskrisen
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Alles Leben unterliegt dem Wandel – Altes vergeht, Neues entsteht. Lisa Freund führt durch einen spannenden und kreativen Prozess im Umgang mit emotionalen Herausforderungen wie Abschied, Trennung und Verlust. Aus ihrer langjährigen Erfahrung in der Begleitung von Menschen in Grenzsituationen weiß sie, dass jeder einen unverwundbaren Kern in sich trägt. Gerade in schwierigen Lebenslagen kann dieser ein Quell der Kraft sein.
Die Autorin verbindet wissenschaftliche Erkenntnisse und lebenspraktische Hilfestellung mit inspirierenden Übungen aus der buddhistischen Tradition, aus denen man Kraft schöpfen kann, wenn das Leben ebendies von einem verlangt.
Für Günter – gest. am [...]
Teil I
DAS AUF UND AB DES LEBENS
Das Unverwundbare
Unser unermessliches Potenzial
Glück und Leiden
Reiseführer für dieses Buch
Übung
Höhen und Tiefen des Lebens
DER LEBENSFLUSS
Mystisches Erleben
Der Mythos von Hades und Persephone
Der Ritus – die Mysterien von Eleusis
Der Blick zum anderen Ufer
Mythos und Ritus als Stoff für eine Reise in die Unterwelt
Wege in das Unverwundbare
Vom Kreislaufdenken zum unsterblichen Bewusstseinsstrom
Im Fluss sein
Meditationen und Übungen
KRAFTQUELLEN
Spiritualität im Wandel
Was ist eine Kraftquelle?
Äußere Kraftquellen
Innere Kraftquellen
Spirituelle Kraftquellen
Brücken bauen – vertrauen und sein lassen
Innehalten als Kraftquelle
Der Stimme des Herzens folgen
Hindernisse auf dem Weg
Meditationen und Übungen
* * *
Schließen Sie die Augen. [...]
Teil II
UMGEHEN MIT ANGST
Der Drache, der den größten Schatz hütet
Die Angst als Hüterin der Schwelle
Leben ohne Angst?
Meditationen und Übungen
SCHULDGEFÜHLE – RAUS AUS DEM TEUFELSKREIS
Schuld und Schuldgefühle
Schuldvorwürfe und Lösungswege
Im Schlepptau das schlechte Gewissen
Die Kraft der Vergebung
Meditationen und Übungen
LEBENSBEDROHLICHE ERKRANKUNG – DIE GROSSE HERAUSFORDERUNG
Die Diagnose einer lebensbedrohlichen Erkrankung
Den Weg mit der Krankheit gehen
Die Kraftquellenmeditation als Weg zur Heilung
Hilfen für Begleiter
Mitfühlende Begleitung
Die Achterbahn der Gefühle
Meditationen und Übungen
Mit körperlichen Schmerzen umgehen
Essentials im Umgang mit Schmerzen
Erfahrungen mit Schmerzen – Wege, Ängste, Erfolge
Schmerzbotschaften
Die innere Einstellung zum Schmerz
Medizin ist ein Heilmittel
Meditationen und Übungen
END-LICH LEBEN
Abschied nehmen
Wie gehen Sie mit Abschieden um?
Abschiede würdigen
Individuelle Ausdrucksformen für den Abschied finden
Ideenpool Abschied
Meditationen und Übungen
Das Sandmandala
ANHANG
Verwendete Literatur
Der Lebensfluss
Kraftquellen
Umgehen mit Angst
Schuldgefühle – raus aus dem Teufelskreis
Lebensbedrohliche Erkrankung – die große Herausforderung
Mit körperlichen Schmerzen umgehen
End-lich leben
Weiterführende Literatur
Wo finde ich Hilfe?
Thema: Lebensbedrohliche Erkrankung
Diagnose Krebs
HIV
Mukoviszidose und andere lebensbedrohliche Krankheiten
Demenzerkrankungen
Thema Schmerz
Schmerzbehandlung in der letzten Lebensphase
Widmung
Für Günter – gest. am 22.6.2000
Die Natur kennt keine Vernichtung, nur Verwandlung.
Wernher von Braun
Innere Ressourcen
Ich sitze im Meditationsraum eines buddhistischen Zentrums in Irland und überschaue den weiten Atlantik. Hoch oben auf einer Klippe steht der Tempel, und mein Blick ist auf die Horizontlinie gerichtet, dorthin, wo Himmel und Meer aufeinandertreffen. In diesem Moment spüre ich in mir eine unermessliche innere Weite. Alle Sorgen, Gedanken oder körperlichen Beeinträchtigungen sind in den Hintergrund getreten. Stille Freude und Glückseligkeit, ein tiefer Frieden, der mit Worten nicht zu beschreiben ist, erfüllen mich. Dieser Geisteszustand ist kraftvoll und unaufgeregt, fast schlicht. Alles kommt zur Ruhe, eine Balance stellt sich ein, die einfach ist, voller Energie. Mein Blick schweift erneut über das Meer, und ich denke über mein Leben nach.
Meine erste Begegnung mit dem Tod in einem Berliner Krankenhaus, in dem ein naher Verwandter in den achtziger Jahren in einer Abstellkammer, zwischen Putzeimern und Besen sowie vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln, die letzten Stunden seines Lebens verbrachte, versetzte mir einen großen Schock, motivierte mich aber auch, das Mysterium des Todes näher zu erforschen und mich für ein menschenwürdiges Sterben in Deutschland einzusetzen. In dieser Situation und inmitten der Trennung von meinem langjährigen Lebenspartner traf ich 1988 in Berlin auf den tibetischen, buddhistischen Lehrer Sogyal Rinpoche. Er lehrte über das Sterben, den Tod und die Bardos, jene Zwischenzustände, die der Geist tibetischer Sicht zufolge nach dem Austritt aus dem Körper durchläuft. Seine Worte berührten mich sehr; der Funke sprang über, und meine Neugier auf den Buddhismus war geweckt. Sogyal Rinpoche wurde mein Lehrer. 1992 legte ich am Ende eines dreimonatigen Retreats mit ihm innerlich eine Art Gelübde ab. Ich wollte in diesem Leben Sterbenskranken dienen und daran mitwirken, eine menschenwürdige Sterbe- und Trauerkultur in unserer Gesellschaft zu schaffen. Seither ist dies ein ganz zentraler Teil meines Lebensweges.
Auf diesem Weg bin ich oft einer Menschlichkeit begegnet, die das Unverwundbare beherbergt. Sie trägt keine Masken, ist ganz ungeschminkt und aufrichtig, und ihr zu begegnen trifft mitten ins Herz. In all dem großen Leiden, das im Sterben oft überwältigend ist, ist es besonders der Blick in die Augen eines sterbenskranken Menschen, der mich, wie mir in solchen Momenten scheint, bis auf den Grund seines Wesens schauen lässt, und in dieser zutiefst intimen Begegnung erkenne ich, dass wir beide die gleiche unsterbliche Natur in uns tragen. Wir sind miteinander auf eine tiefe, kaum fassbare Weise verbunden. Genau dann, wenn alles auseinanderbricht und sich auflöst, werden für mich Verbundenheit und Unverwundbarkeit sinnlich erfahrbar. Das sind heilige Momente, in denen mein Herz ganz in Liebe und Mitgefühl badet und unendlich viel Dankbarkeit mich erfüllt. Ich kann fühlen, dass es mitten in der Auflösung etwas gibt, das nicht vergeht, das nicht zerstörbar ist. Ich bezeichne es als das Unverwundbare. Für mich ist das Unverwundbare eine Qualität der Natur des Geistes, der nondualen Erfahrung in dem Raum, in dem alles mit allem verbunden ist.
Der Mensch, der diese Welt bald verlässt, ist viel mehr als sein Körper. Ich weiß in diesem Moment, in einer Erfahrung, die bis in meine Zellen hineinreicht: Sein Geist wird mit aus dem Körper ausziehen und im unendlichen Bewusstseinsstrom weiter existieren. Das ist nicht nur eine tröstliche, sondern auch eine sehr beglückende Erfahrung.
Sie bestätigt die tiefe Einsicht, dass Sterben und Tod nur ein Übergang sind. Weil das so ist, muss es eine Kontinuität geben, denn das, was übergeht, muss vorher auch schon da gewesen sein; es zieht nach dem Tod aus dem Körper aus und existiert weiter. Die Schlussfolgerung für mich ist: Es gibt eine unsterbliche Essenz in uns allen, und wir können mit ihr in Berührung kommen, Wege finden, ganz in ihr zu ruhen, mit ihr schon zu Lebzeiten in Verbindung treten und daraus große Kraft schöpfen.
Auf meinem buddhistischen Weg habe ich gelernt, wie ich meinen Geist zur Ruhe bringen kann: in der Meditation, beim Studium der Lehren, im Kontakt mit meinen Lehrern sowie im Alltag. Ich habe auf einer noch tieferen Ebene verstehen können, was mir in der Sterbebegleitung immer wieder begegnet ist. Das ermutigte mich, spirituelles und praktisches Wissen sowie Methoden, die im Umgang mit Lebenskrisen, Krankheit, Sterben, Tod und Trauer relevant sind, zu studieren, zu erforschen und anzuwenden.
Mehr als zwanzig Jahre habe ich die buddhistischen Lehren in vielfältiger Weise und in verschiedenen Traditionen studiert, mich ebenso lange in der Hospizbewegung engagiert und in diesen Kontexten unzählige Stunden ehrenamtlich gearbeitet.
Welten liegen für mich bis heute zwischen der theoretischen Beschäftigung mit dem Tod und dem konkreten Erleben des Sterbens eines Menschen, den ich begleite. Für mich ist beides wichtig: die Aneignung und Anwendung von Wissen und Methoden und der Erfahrungsprozess bei der Sterbebegleitung. Die Menschen, die mir erlaubt haben, im Sterben und im Tod bei ihnen zu sein, sind für mich große Lehrmeister. Sie zu begleiten war und ist für mich eine wichtige und sehr kostbare Lebensschule.
Ein großer Teil meiner gegenwärtigen Arbeit besteht darin, Sterbenskranke und ihre Angehörigen zu unterstützen sowie ehrenamtliche Betreuer und medizinisches Personal zu schulen. Es geht dabei immer wieder darum, sowohl praktisches Wissen als auch spirituelle Inhalte so zu vermitteln, dass sie hilfreich sind für Menschen, die gerade schwere Lebenskrisen durchleiden ebenso wie für lebensbedrohlich Erkrankte, aber auch für Menschen, die sich um sie kümmern. Mit der Hospizbewegung verbindet mich der tiefe Wunsch, ein menschenwürdiges Leben bis zuletzt zu ermöglichen und dafür die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen wider alle Anfeindungen zu schaffen.
Die Erfahrung der unsterblichen oder ursprünglichen Natur des Geistes wird in unterschiedlichen spirituellen Traditionen verschieden benannt, und damit sind immer Konzepte und Theorien verbunden. Die Erfahrung selbst ist nichts Theoretisches, sondern etwas sehr Persönliches und zugleich Universelles, und die spirituellen Lehren wollen uns in eine solche Erfahrung führen. In diesem Buch werden Sie unterschiedliche Begriffe für die Natur des Geistes finden wie Leerheit, Buddhanatur, ursprüngliche Natur, ursprüngliche Vollkommenheit, das Wesen von allem, der Urgrund der Existenz, die unsterbliche Essenz, das unermessliche Potenzial, das Göttliche. Es sind Begriffe, Namen für Erfahrungen, die jenseits der Worte und des Denkens liegen. Ich gehe davon aus, dass uns die Suche nach Erfahrungen dieser Art zu spirituellen Erkenntnissen führt. Doch jeder Mensch hat ein anderes Karma, geht seinen persönlichen Entwicklungsweg. Menschen fühlen sich zu unterschiedlichen spirituellen Wegen hingezogen und damit zu verschiedenen Deutungen der letztendlichen Wahrheit. Ich lege mich bewusst nicht fest auf einen Begriff oder eine Definition, denn so bleibt ein Stück des Nicht-Greifbaren der ursprünglichen Vollkommenheit erhalten. Es entsteht Raum. Theorien und klare Definitionen fördern die Neigung, sie zu unanfechtbaren Richtlinien zu machen. So werden sie zum Hindernis, das tiefere Erfahrungen und Einsichten blockiert. Sie können aber auch hilfreich sein, und zwar dann, wenn sie uns Richtungen weisen und Methoden an die Hand geben, die in unser unermessliches Potenzial führen.
Im buddhistischen Retreat-Zentrum in Irland war es der Blick über den Horizont, der mich mit der unermesslichen Weite und der Unverwundbarkeit als Qualitäten meiner urspünglichen Natur in Verbindung brachte. Das war eine tiefe Erfahrung oder eine innere Schau, wie die Mystiker es nennen würden. Dadurch hat sich mein Leben noch einmal grundlegend geändert. Die Überzeugung, dass uns allen etwas Unverwundbares innewohnt, begleitet mich seither.
Zu der Zeit, als ich in Irland den spektakulären Blick auf das Meer genieße, liegt Felice in einem deutschen Krankenhaus und wartet auf den Geburtstermin. Zwei Etagen über ihr ist ihr Vater, dessen Leben zu Ende geht. Felice gebiert einen kleinen Sohn und ist überglücklich. Die Familie nimmt ihn mit ins Zimmer des Großvaters. Er kann seinen Enkel in den Armen halten, und Freudentränen stehen in seinen Augen. Am nächsten Morgen stirbt der Großvater in tiefem Frieden. Felice hat innerhalb weniger Stunden einen Sohn geboren und den Vater verloren. Ihre Mutter verlor den langjährigen Ehepartner und bekam zugleich ihren zweiten Enkel. So dicht liegen Geburt und Tod, Glück und Leiden oft beieinander.
Nicht immer geht es so extrem zu, jedoch wissen wir, wenn wir heute glücklich sind, heißt das nicht, dass es morgen genauso sein wird. Alles ist vergänglich. Glückliche Momente sind kostbar, doch wir können sie nicht festhalten. Zum Glück gehört, dass wir es irgendwann loslassen müssen. Das finden wir meistens nicht gut. Wenn Leidvolles vergeht, sind wir froh, und wir hoffen auf ein neues Hoch nach dem Tief, das uns mit dem Abgründigen konfrontierte.
Die buddhistische Lehrerin Pema Chödrön sagt: »Wenn die Dinge über uns zusammenbrechen, dann ist das eine Prüfung und gleichzeitig ein Heilungsprozess. Wir glauben, es ginge darum, die Prüfung zu bestehen und das Problem zu überwinden, aber in Wirklichkeit gibt es gar keine Lösung. Die Dinge kommen zusammen und fallen wieder auseinander. So einfach ist es. Die Heilung stellt sich ein, wenn wir allem Geschehen Raum lassen: Raum für Trauer, Raum für Linderung, Raum für Elend, Raum für Freude.«1 Oft liegen Glück und Leiden im Leben dicht beieinander, manchmal trennen uns nur Sekunden von einem Glückserleben mitten in einer Lebenskrise. Wie wir etwas empfinden, hängt von unserer Wahrnehmung ab. Es ist keine Qualität des Ereignisses an sich. Dieses ist immer neutral. Eine Neutralität, die es für uns verliert, wenn wir Emotionen und Wertungen daran knüpfen. Ihr heutiges Lieblingslied missfällt Ihnen einige Tage später. Das liegt nicht am Lied, sondern an der Bewertung, die Sie vornehmen, und die hängt oft von Stimmungen ab, die wiederum von äußeren Dingen und Umständen beeinflusst werden. Ihre Bewertung zusammen mit Ihren Gefühlen prägt Ihre Wahrnehmung. Und da alles sich fortwährend verändert, sind auch unsere Bewertungen nicht beständig. Glück ist nicht dauerhaft, Leiden auch nicht. Im Grunde geht es im Leben darum, im Glück und im Leiden die Mitte zu finden, eine feine Ausgewogenheit und Balance, in der wir den Herausforderungen mit größerer Gelassenheit begegnen.
In diesem Buch möchte ich Ihnen Hilfsmittel zur Verfügung stellen, die Sie wieder in die Balance führen, wenn in schweren Zeiten des Lebens die Wogen über Ihnen zusammenschlagen. So kann Ihr Geist frei werden, Sie können die Situation analysieren und möglicherweise Auswege entdecken, aber auch die Chancen zur inneren Reifung sehen, die in jeder Krise liegen.
In der kleinen Übung am Ende dieses Kapitels können Sie erforschen, welche Rolle Glück und Leiden in Ihrem Leben spielen. Die Übung ermöglicht Ihnen auch eine Betrachtung Ihres Lebensweges bis heute und lädt Sie dazu ein, Ihre Zukunftsvisionen auszudrücken. Sie bildet einen guten Einstieg in die Inhalte dieses Buches. Sie benötigen nur ein Blatt Papier, einen Stift und ein wenig Zeit, in der Sie ungestört sind.
Das Vergängliche, das, was sich verändert, sich auflöst, vergeht, und das Unverwundbare, das, was bleibt, unsterblich, unzerstörbar ist – dies sind die beiden zentralen Säulen dieses Buches. Im Allgemeinen ist Vergänglichkeit der größte Krisenauslöser, den wir kennen. In den folgenden Kapiteln werde ich näher beschreiben, wie Sie im Vergänglichen, im Wandel immer wieder auch dem Unverwundbaren begegnen und daraus Kraft und Zuversicht schöpfen können.
Dieses Buch enthält vielfältige Hilfestellungen für den Umgang mit Lebenssituationen, in denen Sie mit dem Vergänglichen zu kämpfen haben, z. B. wenn Sie erkranken, mit Schmerzen konfrontiert sind, Abschied nehmen, sich Ängsten stellen müssen und Schuldgefühle Sie plagen. Es zeigt Wege auf, wie Sie dabei innere und äußere Hindernisse beseitigen können, die sich besonders in Krisenzeiten zwischen Sie und Ihr unbegrenztes Potenzial stellen. Drei ineinandergreifende Ebenen der Krisenbewältigung werden näher beleuchtet: die Regelung lebenspraktischer Angelegenheiten, die Klärung emotionaler und gedanklicher Verwicklungen sowie die Verbindung zu unserem innersten Potenzial.
Ich beschäftige mich mittlerweile mehr als zwanzig Jahre mit den hier vorgestellten Themen und habe innerhalb dieser Zeit eine Seminarreihe mit dem Thema »Wege der Heilung« entwickelt, die ich seither regelmäßig in Deutschland, aber auch in Österreich durchführe. Dieses Buch enthält vielfach erprobte, ausgereifte und immer wieder verbesserte Übungen und Meditationen aus diesen Seminaren. Sie können diese jeweils so miteinander verknüpfen, dass ein individueller Prozess der Krisenbewältigung und Heilung entsteht, dessen Intensität und Richtung Sie selbst bestimmen. Auf diesem Weg können Sie Ihre Krisenerfahrung in einen Lernprozess verwandeln. So befreien Sie ehemals gebundene Energien, finden wieder in den Fluss des Lebens zurück und können Ihren speziellen Zugang zu Ihrem unermesslichen Potenzial und dem Unverwundbaren in Ihnen entdecken.
Im folgenden Kapitel geht es zunächst um einen für uns ungewohnten Umgang mit der Vergänglichkeit, wie er z. B. im alten griechischen Mythos von Hades und Persephone deutlich wird. Die darin enthaltene Sicht von Wandel und Vergänglichkeit, von Leben und Tod ist auch für uns moderne Menschen noch zutiefst inspirierend. Ich stelle Ihnen eine Visualisierung und eine Übung vor, mit deren Hilfe Sie an die Bilder und Archetypen dieses Mythos anknüpfen können.
Das anschließende Kapitel über Kraftquellen ist das Herzstück dieses Buches. Äußere, innere und spirituelle Kraftquellen für sich zu entdecken und zu nutzen, das ist ein unschätzbar wirkungsvoller Weg, mit Lebenskrisen umzugehen, Angst in Vertrauen umzuwandeln, Leidvolles in Heilsames. Heute, wo religiöse Bindungen sich mehr und mehr auflösen und die Verbindung zu religiösen Symbolen zunehmend schwindet, kommt diesem Weg meines Erachtens eine immer größere Bedeutung zu. Die kreative und heilsame Arbeit mit Kraftquellen wird Ihnen auch in allen weiteren Kapiteln dieses Buches begegnen, ebenso finden Sie Meditationen, die vielfältige Aspekte geistiger Heilung enthalten. Gerade in den schwierigen Zeiten des Lebens inspirieren die hier vorgestellten Visualisierungen innere Weite und Leichtigkeit.
Die beiliegende CD enthält die wichtigsten Meditationen dieses Buches. Alle Anleitungen sind so gestaltet, dass Menschen unterschiedlichster spiritueller Orientierungen sie nutzen können.
Sie können in dieser Übung auf Ihr Leben schauen und betrachten, wie dicht Glück und Leiden beisammenliegen. Die Anregung hierzu habe ich in einem Seminar von Christine Longaker erhalten.
Nehmen Sie ein großes Blatt Papier, etwa im DIN-A3-Format, falten Sie dieses Blatt in der Mitte und ziehen Sie dann mit einem Stift eine Linie in der Falzung von dem einen zum anderen Endes des Blattes. Nun legen Sie das Blatt waagrecht vor sich auf den Tisch. An einem Ende der Mittellinie zeichnen Sie eine Pfeilspitze auf das Blatt. Vom Anfang der Linie bis zur Pfeilspitze tragen Sie mit senkrechten Strichen, so, als fertigten Sie eine Skala an, für jedes Lebensjahrzehnt einen senkrechten Strich ein. Achten Sie darauf, etwas mehr Platz zwischen dem letzten senkrechten Strich und der Pfeilspitze zu lassen. Tragen Sie jetzt in die Hälfte des Blattes oberhalb der Linie mit dem Pfeil die Highlights in Ihrem Leben ein. In die untere Hälfte des Blattes (unterhalb der Pfeillinie) notieren Sie die großen Tiefpunkte Ihres Lebens mit wenigen Stichpunkten.
Ordnen Sie Höhe- und Tiefpunkte dem jeweiligen Lebensjahrzehnt zu. Tragen Sie nicht zu viel ein, nur die wichtigsten Höhe- und Tiefpunkte. Wenn Sie fertig sind, notieren Sie rund um die Pfeilspitze Ihre Vision oder Ideen für die Zukunft. Wenn Sie sich nicht festlegen wollen, dann lassen Sie den Platz leer. Jetzt überlegen Sie, ob es Lebensthemen für bestimmte Lebensphasen gibt oder gar einen roten Faden oder ein Kernthema, das Sie schon immer begleitet. Notieren Sie die Themen.
Wenn alles fertig ist, betrachten Sie Ihre Aufzeichnungen. Was fällt Ihnen auf? Gibt es Erkenntnisse über Glück und Leiden in Ihrem Leben? Wie erfahren Sie den Reichtum Ihres Lebens? Wo stehen Sie gerade auf Ihrem Lebensweg? Denken Sie über Ihre Erkenntnisse nach. Vielleicht notieren Sie einige Stichpunkte.
Lassen Sie die Übung nachklingen, z. B. in einer stillen Meditation.
Die Geschichte der Menschheit ist auch als eine Suche nach Wegen zu verstehen, den ständigen Wandel, Auflösung und Neubeginn, zu begreifen und mit ihm sinnvoll umzugehen. Zu unterschiedlichen Zeiten gab es die verschiedensten Herangehensweisen zur Erforschung des Todes, der Schattenseite des Lebens. Die Angst vor dem Tod ist tief in unserem Unterbewussten verankert. Das Unterbewusste hat seine ganz eigene Sprache, drückt sich in Bildern oder Symbolen aus, die uns unter anderem in den zahlreichen Mythen begegnen, die sich um die Bewältigung des Todes ranken. Diese umfassen einen vielfach deutbaren, faszinierenden Bilderreichtum und eine geheimnisvolle Symbolsprache. Auch wenn diese Mythen in längst vergangenen Zeiten entstanden sind, haben sie uns noch heute viel zu sagen, gerade was das Mysterium des Todes betrifft. Mythen entstammen vorwissenschaftlicher Zeit und sind nicht wegzudenkender Bestandteil unseres kulturellen Erbes. In Mythen spiegeln sich Versuche, Naturerscheinungen und Phänomene in Handlungen und Bildersprache zu übersetzen. Sie bilden nicht Wirklichkeit ab, sondern vermitteln einen tieferen Sinn, der jenseits des begrifflichen Denkens liegt. Daher haben Mythen eine eigene Sprache. Verstanden werden sie, indem man sie »schaut«. Mythen öffnen die Tür zu einem transzendenten Raum. Und in diesem Raum ist die Begegnung mit dem Unverwundbaren möglich.
Mythen werden mündlich überliefert oder in Riten übersetzt, mit deren Hilfe Menschen einen Brückenschlag in die Wahrheit, die hinter den Erscheinungen liegt, vollziehen können. Sie begleiten Menschen bei ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens. Ein Mythos wird erzählt, und er ist nie zu Ende.
Ein antiker Mythos – der von Hades und Persephone – kann uns nach meiner Erfahrung bei der Suche nach dem Geheimnis von Leben und Tod besonders hilfreich und lehrreich sein, weil seine geheimnisvolle Symbolsprache in uns verborgene Bilderwelten wachruft. Verdrängte Bewusstseinsinhalte werden dabei direkt angesprochen, in uns bewegt und erhalten eine Ausdrucksform. Auf diese Weise treten Ängste aus dem Schatten heraus, wir können sie wahrnehmen und einen neuen Umgang mit ihnen suchen. Das ist die psychologische Seite der Auseinandersetzung mit dem Mythos. Noch tiefer reicht die spirituelle Ebene. Hier transformieren wir beengende Muster, blockierende Einstellungen. Auch dabei helfen Mythen, vor allem, wenn sie in Riten übersetzt werden, die eine Brücke schlagen von der profanen Welt in den transzendenten Raum hinein. Dieser Brückenschlag wird vielfach als Akt der Befreiung erlebt.
Um diesen spannenden Prozess wird es auf den nächsten Seiten gehen, in denen wir einerseits um Jahrtausende zurückgehen, andererseits mit Siebenmeilenstiefeln vorankommen. Wir nutzen die Kraft des Mythos, um Vergänglichkeit und Wandel auf einer tieferen Ebene zu verstehen. Das Unterbewusste nehmen wir dabei mit. Die Methode setzt dort an, wo wir die Begegnung mit dem Wandel und auch mit dem Tod am hartnäckigsten und verbissensten verweigern. Es geht um eine Reise in das Geheimnis von Leben und Tod, um eine Transformation, das heißt um eine Befreiung von Blockaden. Sie kann sich als große Hilfe für die Bewältigung von Krisen erweisen.
Vor etlichen Jahren reiste ich mit einem Freund nach Griechenland. Mit der Fähre erreichten wir Igoumenitsa. Von dort aus fuhren wir an der Westküste entlang. Eine malerische, halbmondförmige Bucht mit einem breiten, weißen Sandstrand, dahinter die Häuser eines Dorfes, ein Fluss, der ins Meer mündete, lagen in betörender Schönheit vor uns. Es gab nur eine Zufahrtsstraße, die sich den Hügel hinunter zum Fischerdorf schlängelte. Dort angekommen, bot sich uns eine weitere malerische Kulisse. Hinter dem feinen, weißen, flach ins Meer abfallenden Sandstrand waren große, schattenspendende Platanen. Zwei Felsen bildeten eine Art Tor, in dessen Mitte gerade die Abendsonne unterging. Hier mündete der Fluss ins Meer. Er strahlte eine außergewöhnliche Kühle und Frische aus, obwohl es mitten im Hochsommer war. Eine kleine griechische Taverne an seinem Ufer, kurz vor dem Sandstrand, war umsäumt von Büschen und Blumen.
Wir blieben für einige Wochen an diesem Ort. Der kristallklare Fluss mit seinen üppig bewachsenen Ufern, an denen sich Wasservögel tummelten und Schildkröten zu Hause waren, hatte eine kräftige Strömung, von der man sich ins Meer hinaustragen lassen konnte. Das war nicht ganz ungefährlich, denn es gab zu bestimmten Zeiten Strudel, und es waren hier, wie wir hörten, schon gute Schwimmer ertrunken.
Der Fluss bestimmt das Leben an diesem Ort. Er bringt Kühle, spendet das Wasser für Gärten und Felder, nährt die rundherum üppige Vegetation, verdünnt das Salzwasser des Meeres und versorgt Einheimische und Gäste mit besonders schmackhaftem Fisch. Genau dort, wo er ins Meer mündet, geht die Sonne in atemberaubendem Farbenspiel wie ein Feuerball am Horizont unter. Dieser Platz lebt auf besondere Weise in den Abendstunden, im Zwielicht, den sensiblen Zeiten zwischen Tag und Nacht.
Der Fluss entspringt in den nahe gelegenen Bergen; man kann ihn 30 Kilometer bis zu seinen Quellen zurückverfolgen. Wer mit einem Boot flussaufwärts fährt, taucht in eine unglaublich magische Welt ein. Die Ebene, durch die dieser Fluss strömt, soll in der Antike eine fruchtbare Seen- und Sumpflandschaft gewesen sein. Dieser Fluss berührt die Seele tief, sowohl in seiner verträumten Schönheit als auch in dem Abgründigen, das er ausstrahlt.
Wir befinden uns an den Ufern des Acheron (ach = Trauer/Leid und reo = fließe), auch Fluss des Stöhnens genannt. In der griechischen Mythologie verkörpert er den Zugang zum Reich der Toten: der Unterwelt, dem Hades. In der griechischen Antike ist dieses Reich geographisch im Westen angesiedelt, am Ende des Okeanos, wo sich die vier großen Flüsse des Hades, die den Elementen und Jahreszeiten zugeordnet sind, in den Untergrund stürzen. Es sind die schwarzen Flüsse: Acheron (Luft/Frühling), Phlegeton (Feuer/Sommer), Styx (Erde/Herbst) und Kokytos (Wasser/Winter). Bekannt sind auch die acherusischen Seen als Zugang zur Unterwelt, geographisch werden sie heute im Mündungsdelta des Acheron angesiedelt. Im antiken Griechenland ging man davon aus, dass ein Mensch, der stirbt, aus dem Rhythmus der Jahreszeiten, von denen das Leben bestimmt wird, austritt. Der Verstorbene verwandelt sich in einen Schatten, der über einen der schwarzen Flüsse in das am sonnenlosen Rand der Welt liegende Totenreich überführt werden muss. Unweit von Ammoudia gibt es eine Ausgrabungsstätte des Totenorakels von Epyra, das früher an einem Seeufer lag.
Die Styx (im Griechischen weiblich) wird, einer mythologischen Version zufolge, als der Strom betrachtet, in den alle anderen schwarzen Flüsse, die das Schattenreich äußerlich begrenzen, eingehen. Er fließt durch eine wilde Schlucht in die Unterwelt und windet sich neunmal in vollkommener Dunkelheit um den Hades. Styx heißt »das Grausen«. Der Fluss hat seinen Namen von der gleichnamigen Göttin, die über ihn herrscht und die im Hades in einem Palast mit silbernen Säulen wohnt. Sie ist eine enge Vertraute von Zeus, der verfügt hat, dass, wer bei den Wassern der Styx einen Eid breche, egal, ob Mensch oder Gott, für neun Jahre in eine totenähnliche Starre falle.
Ein Bad in der Styx soll unverwundbar machen. In diesem Sinne erreicht also derjenige Unverwundbarkeit, der das Grausen geschaut und ihm standgehalten hat. Für die Seelen ist auch der Schluck Wasser aus einem anderen Fluss, Lethe, wichtig, dem Fluss des Vergessens. Wer daraus trinkt, vergisst sein Leben und ist auf diese Weise gut auf den Hades oder die Wiedergeburt vorbereitet. Ohne die schwarzen Flüsse, besonders die Styx, ist es aber nicht möglich, ins Totenreich zu gelangen, sie sind Bindeglieder, welche die drei Teile des Kosmos: den Olymp (das Reich der Götter), die Erde (die Menschenwelt), und den Hades (das Schattenreich) zusammenhalten.
Begleitet und geleitet werden die Toten vom Götterboten Hermes, der dafür eigens den Olymp verlässt. Er hat seinen Auftrag von Zeus. Hermes (herma = Felsen/Stein) ist einerseits ein Magier, der Schutzgott der Reisenden, Kaufleute, Hirten, andererseits agiert er als Psychopompos (Seelenbestatter). Hermes kann sich schneller bewegen als das Licht, trägt in Abbildern oft einen geflügelten Helm, geflügelte Schuhe oder Flügel an den Schultern sowie den goldenen Hermeszauberstab. Der geflügelte Götterbote ist also auch eine Art Todesengel.
An den Ufern des schwarzen Flusses, meist ist es die Styx, erwartet der Fährmann Charon (von griech. charopos, »der mit den funkelnden Augen«) die von Hermes begleiteten Schattenwesen. Sie steigen in sein Boot und entrichten ihren Obolus. Dann rudert Charon sie über den Strom. Am anderen Ufer des Flusses beginnt das Schattenreich, in dem Hades die Verstorbenen in Empfang nimmt. In den Hades kommen nur die Toten, die eine ordentliche Bestattung bekommen haben und die eine Münze/Obole unter der Zunge oder zwischen den Zähnen haben. Das ist ihr Fahrgeld. Wer kein Begräbnis hatte, dessen Seele muss ein Jahrhundert an den Ufern des Unterweltflusses verweilen. Die Vorstellung einer solchen Bootsfahrt in die Unterwelt ist vermutlich ägyptischen Ursprungs. In Ägypten wurden die Verstorbenen mit einer Barke über den Nil zu den seligen Inseln im Sandmeer der Wüste, den Totentempeln, gebracht.
In der Unterwelt angekommen, unterliegen die Schatten der Herrschaft des Gottes Hades. Sein Name bedeutet »der Unsichtbare«. Hades, der Sohn von Kronos und Rhea, ist ein Bruder von Zeus, Demeter, Hera und Poseidon. Die Griechen nannten ihn auch Eubuleus, »den guten Ratgeber«, oder Pylartes, »den Türhüter«, oder Polydegmon, »den Gastlichen«, oder Stygeros, »den Verhassten«, um nur einige seiner Namen zu nennen. Als einst am Anfang das Universum verteilt wurde, soll Hades die Unterwelt als ewiger Wohnsitz zugefallen sein: Zeus erhielt den Himmel und Poseidon das Meer.
Hades genoss im Götterhimmel wenig Wertschätzung, da er das Totenreich regierte. Eine Gemahlin fand er nicht, da die Göttinnen ihn verschmähten, im Unterschied zu Zeus, der zahlreiche Geliebte hatte. Griechen und Römer stellten sich Hades als grimmigen, kalten Gott vor, der die Gesetze der Unterwelt auf jeden unterschiedslos anwandte. Sie sahen ihn jedoch nicht als satanisch oder ungerecht an. Die Römer nannten Hades Pluto, was mit Reichtum/Fülle übersetzt werden kann. Er verfügte über den Reichtum unendlich vieler Samenkörner, die im Schoß der Dunkelheit ruhen, um als Korn weltlichen Reichtum zu spenden, aber ebenso auch über den Reichtum der Seelen (siehe Platons Phaidon).
Das Schattenreich der Unterwelt war wie die antike Gesellschaft hierarchisch aufgebaut. Geographisch befand sich oberhalb des Hades die Erde und darunter der Tartaros. Bewacht wurde der Hades vom Höllenhund Kerberos, der mehrere Köpfe hatte, dessen Atem giftig und dessen Speichel tödlich war. Es gab unterschiedliche Refugien für die Seelen, zum Beispiel Bereiche, in denen unlautere Seelen bestraft wurden, oder Höllen wie den Tartaros. Die Vorstellungen vom Innenleben des Hades wandelten sich im Laufe der Jahrhunderte. Platon berichtet im Phaidon von einer Hadeshierarchie, in der das Griechenland, in dem er lebte, gut zu erkennen ist.
Es gab wie in Ägypten ein Totengericht mit drei Totenrichtern (Minos, Rhadamanthys und Aiakos), die Hades zur Seite standen. Nur eine kleine Schar Auserwählter kam nach der Konfrontation mit den Richtern der Unterwelt auf die Insel der Seligen bzw. in das Elysion, das Paradies. Die christliche Vorstellung vom Jüngsten Gericht hat hier ihren Ursprung.
Im Elysion, dem Paradies nach dem Tod, kamen einer frühantiken Vorstellung zufolge nur die Verwandten oder Lieblinge der Götter an, denen der Hades erspart wurde; später jedoch auch diejenigen, die vor dem Tod rituelle Reinigungen vollzogen und ein untadeliges Leben geführt hatten. Das Leben auf der Insel der Seligen, dem Elysion, war geprägt von Sorglosigkeit, Gesang, Musik, Tanz, Kulthandlungen für die Götter und philosophischen Diskursen.
Der Geschichte von Hades und Persephone kommt eine Schlüsselfunktion im Hinblick auf das Verständnis von Leben und Sterben in der griechischen Mythologie zu. Interessant sind auch die Parallelen zum sumerischen Mythos um Inanna und Ereshkigal.
Der Mythos enthält eine sinnbildliche Darstellung des Rhythmus der Jahreszeiten und damit des Lebenszyklus. Damit verbunden sind sowohl Fruchtbarkeits- als auch Totenkulte. In den Mysterien von Eleusis, einem der wichtigsten Kulte in der Antike, die auf diesem Mythos basieren, geht es um die Unsterblichkeit der Seele. Wir blicken hier in die Wiege unserer abendländischen Kultur, die faszinierende Einblicke, Erkenntnisse und Erfahrungen über Leben und Tod bereithält. Die wirkliche Bedeutung des Mythos erschließt sich aber nicht so sehr über das Erzählen als über das Erleben. Deshalb wurde er in den Mysterien von Eleusis als Ritus zelebriert. Wer an den Mysterienspielen teilnahm, übertrat eine Schwelle. Er war damit zum Eingeweihten geworden.
Mich beeindruckt die Wertschätzung der antiken Lebensgemeinschaft in Griechenland, speziell in Athen, für die Auseinandersetzung mit dem Tod im Leben. Die Mysterienspiele waren eine spirituelle Schulung und wurden zweimal im Jahr über mehrere Tage zelebriert. Wer daran teilnahm, unterwarf sich einem Prozess der Läuterung. Die antiken Mysterienspiele waren große gesellschaftliche Ereignisse, die eine hohe Wertschätzung genossen. Die Gesellschaft half ihren Mitgliedern auf diese Weise, den Tod als Teil des Lebens zu erfahren und damit Ängste zu überwinden.
Persephone (lat. Proserpina), auch Kore (die Jungfrau) genannt, ist die außergewöhnlich schöne Tochter der Demeter und des Zeus. Ursprünglich ist sie wie ihre Mutter eine Göttin des Wachstums. Wachstum und Tod stehen in der griechischen Agrargesellschaft in enger Verbindung. Demeter, eine der zwölf großen Gottheiten des Olymp, ist die Fruchtbarkeits- und Erdgöttin par excellence. Sie lebt mit ihrer Tochter auf ihrer Lieblingsinsel Sizilien. Eines Tages möchte sie auf Reisen gehen und ermahnt Persephone, bis zu ihrer Rückkehr an ihren künftigen Gemahl Dionysos zu denken, nicht auf Eros zu hören, falls er sich nähern sollte, und vor allem nicht eine bestimmte Blume zu pflücken, deren Duft so berauschend sei, dass sie die Erinnerung an alles Himmlische verlieren könne. Es gibt unterschiedliche Versionen des Mythos, von denen ich nur eine erzählen möchte.
Persephone verspricht, all das zu befolgen, doch schon bald beginnt sie, sich in Gedanken mit Eros zu beschäftigen. Darauf tritt aus dem Wald ein schöner geflügelter junger Mann, der sich als Eros zu erkennen gibt. Er überredet sie schließlich, auf der Wiese Blumen zu pflücken und ihren Duft einzuatmen, um dadurch Offenbarungen über die Liebe zu empfangen. Nach anfänglichem Zögern tut sie es schließlich. In diesem Moment öffnet sich die Erde, und Hades erscheint auf einem dunklen Wagen, gezogen von schwarzen Rössern, und entführt sie in die Unterwelt. Als Demeter von der Reise zurückkehrt und ihre Tochter nicht vorfindet, durchwandert sie trauernd und klagend auf der Suche nach ihr die Länder der Welt. Schließlich kommt sie in Gestalt einer älteren Frau nach Eleusis, wo die Einwohner der Stadt ihr zu Ehren einen Tempel bauen, den Tempel von Eleusis, in den die Göttin vorübergehend einzieht. Im Schmerz um den Verlust ihrer Tochter lässt Demeter die Felder verdorren, kein Samenkorn keimt mehr, und es kommt zu einer großen Hungersnot. Sie droht, die Erde vollständig verdorren zu lassen, wenn sie ihre Tochter nicht wiederbekomme. Angesichts dieser Drohung befiehlt Zeus seinem Bruder Hades, Persephone zu ihrer Mutter zu bringen. Vorher gibt Hades Persephone aber noch einige Granatapfelkerne zu essen. Ein unumstößliches Gesetz der Unterwelt besagt, dass der, der dort einmal etwas gegessen hat, für immer zu ihr gehört. Darüber hinaus sind Granatapfelkerne Fruchtbarkeitssymbole. Mit dem Verzehr der Granatapfelkerne hat Persephone Hades als Ehemann angenommen. Hades bringt seine Gemahlin zu Demeter in den Tempel von Eleusis, wo Mutter und Tochter sich überglücklich in die Arme fallen. Als Demeter vom Verzehr der Granatapfelkerne erfährt, weiß sie, sie kann ihre Tochter nicht für immer behalten. Sie, in einer jüngeren Version des Mythos ist es Zeus, entscheidet nun, dass Persephone ein Drittel des Jahres bei Hades in der Unterwelt als Königin des Schattenreichs verbringen solle und zwei Drittel des Jahres auf der Erde oder im Olymp. Persephone ist mit dieser Entscheidung einverstanden. Zeus bittet Demeter, wieder bunte Blumen und Feldfrüchte wachsen zu lassen, damit die Menschen Nahrung haben. Demeter lässt die Vegetation auf der Erde erneut sprießen.
Sie lehrt dann den Sohn des Königs Keleos Triptolemos den Getreideanbau und führt ihn in Fruchtbarkeitskulte sowie die Geheimnisse von Leben und Tod ein. Auch ausgewählten Adligen zeigt sie die dazugehörigen erhabenen Weihen und Opferdienste. Die Mysterien von Eleusis sind geboren. Sie werden von den adligen Familien, die die Einweihung von der Göttin erhielten, zelebriert und bleiben für Jahrhunderte in deren Händen. Diese Familien genießen in der griechischen Gesellschaft hohes Ansehen.
Das Besondere an diesem Mythos und Ritus ist, dass er das Geheimnis des Lebens zu ergründen versucht und dabei dem Tod eine zentrale Bedeutung zukommen lässt. In der mythologischen Figur Persephones und in ihrem Schicksal spiegelt sich der Kreislauf von Geburt, Leben und Tod. Der Tod erhält einen Platz in diesem Kreislauf, ist nicht mehr die Endstation, sondern ein Übergang. Symbolisch dafür steht das Samenkorn. Das Samenkorn, aus dem alles Leben entspringt, keimt, grünt, blüht, trägt Früchte, wird geerntet und zieht dann seine Energie wieder zurück in den Kern. Es verweilt im Schoß der Erde, um von dort aus wieder in den Lebenszyklus einzugehen. Dies mag ein Grund dafür sein, warum im antiken Griechenland das Reich der Toten im Erdinneren angesiedelt ist. Während das Korn in der Erde ruht, sieht es so aus, als wäre es gestorben; in Wirklichkeit zieht sich die Lebensenergie nur zurück. Sie konzentriert sich im Samen, um im Frühjahr erneut zu neuem Leben zu erwachen. Was in der Erde begraben war, ersteht wieder auf. Der Prozess des Keimens, Wachsens, Reifens, Ruhens und Wiederauferstehens vollzieht sich innerhalb der Jahreszeiten, die einen immer wiederkehrenden Kreislauf bilden, in dem Leben entsteht und vergeht. Demeter schenkt und erklärt den Menschen den ewigen Kreislauf des »Stirb und werde«. Die Seele ist das menschliche Samenkorn, das überlebt, daher lohnt es sich, die Seele zu bilden und zu veredeln.
Nahezu alle alten Kulturen haben sich mit dem Tod intensiv beschäftigt. Nur heutzutage halten wir das für unnötig, wehren uns dagegen und meinen, wer an den Tod denke, verneine das Leben und wünsche die zerstörerische Kraft des Todes unmittelbar herbei. Tatsächlich zeigen die Mysterien von Eleusis das Gegenteil. Wer das Mysterium des Todes ergründet hat, dessen Weltbild verändert sich. Die Entdeckung der Unsterblichkeit des Geistes oder der Seele ist eine beglückende und freudige Erfahrung, aus der heraus das Leben erst lebenswert wird, und dies gerade, weil es vergänglich ist. Das wird nach dem Ritus in einem großen Fest ausgelassen und orgiastisch gefeiert.
In den antiken Kulturen geht es darum zu begreifen, dass Leben und Tod zwei Pole sind, die sich gegenseitig erhellen; wer beide versteht, entdeckt eine tiefere Weisheit und erkennt, dass das Leben in seiner materiellen oder körperlichen Form immer wieder verlischt. Es stirbt jedoch nur scheinbar. Es gibt eine Wiederauferstehung des Lebens, doch in einer anderen Weise, als wir es uns vielleicht vorstellen mögen. Der Weg führt aus der Welt des Lebens ins Reich der Finsternis und von dort aus wieder ins Licht zurück. Was den Tod überlebt, ist nichts Stoffliches, es ist die Essenz des Lebens, die Seele. Bevor aber von Seele geredet und sie konzeptualisiert werden kann, muss man sie erfahren haben, ein Verständnis davon entwickeln, was sie eigentlich ist. Die Mysterien von Eleusis ermöglichen dem antiken Menschen die atemberaubende Erfahrung, dass er und alle Wesen eigentlich unsterblich sind, sie ermöglichen in der mystischen Schau, die Wandlung der Seele hin zur Unsterblichkeit zu erleben, und das als kollektives Ereignis. Die Qualität dieser Erfahrung galt als Voraussetzung für eine Höherentwicklung des Menschen. Wir modernen Menschen können heute noch daraus lernen, weil wir in unserer Kultur mit der Integration des Todes ins Leben noch nicht sehr weit gekommen sind. Deshalb ist meiner Meinung nach ein Exkurs zu den alten Mythen so inspirierend. Wir erschließen uns deren Weisheit, integrieren diese in unsere modernen Kontexte, um von dort aus weiterzugehen, und zwar auf eine westliche Art und Weise. Ein neuer Umgang mit Leben und Tod wird unsere Bedürfnisse ebenso wie unsere Weltsicht verändern, in Medizin, Politik und Gesellschaft sowie im persönlichen Leben deutliche Spuren hinterlassen und uns humanitäre Werte neu sehen und bestimmen lassen.
Im Buddhismus werden Leben, Tod und die Wiederverkörperung anders verstanden als im griechischen Mythos. Sie gelten als Produkte eines Leidenskreislaufs, der sich so lange wiederholt, wie ein Wesen darin gefangen ist. Erst der Ausstieg aus diesem Kreislauf führt nach Buddhas Lehre zu wirklicher Befreiung. Todlosigkeit, die in die Erleuchtung mündet, wird erst dann möglich, und zwar in der Erfahrung des Einsseins oder der Leerheit. Erst das vollständige Heraustreten aus dem Leidenskreislauf, aus der Dualität, schafft dauerhaftes Glück. Und das geschieht auf geistiger Ebene.
Das abendländische Konzept der Seele, wie auch das antike Denken insgesamt, bleibt einem dualistischen Denken insofern verhaftet, als es die Seele als eigenständiges, individualisiertes Subjekt sieht. Dieses dualistische Denken prägt die westliche Kultur seit Jahrtausenden, anders die asiatische, in der die Menschen in einer Sicht des Einsseins und der Verbundenheit allen Lebens verwurzelt sind. Das sollten wir bedenken, wenn wir uns auf einen östlichen spirituellen Weg machen.
Der Mythos vom Raub der Persephone liefert den Stoff für die Mysterien von Eleusis, einen komplexen Ritus, der den Fruchtbarkeitskult und die Feier der Unsterblichkeit der Seele und damit des Lebens vereint. Regt der Mythos die Phantasie an, so prägt der Ritus eine neue Qualität verinnerlichten Erlebens; die Eingeweihten berühren ihr unbegrenztes Potenzial und lernen, sich ihren Ängsten zu stellen und sie zu überwinden. Das ist die große Errungenschaft dieser wunderbaren Geschichte. Der Eingeweihte vertraut auf eine möglichst günstige Wiederverkörperung der Seele, und das motiviert ihn zu einem tugendhaften Leben. Er strebt nicht danach, aus diesem Kreislauf auszusteigen. So weit denkt er nicht. Die Seelenbildung wird für ihn zum Lebensthema.
Darüber, was die Seele ist, ist viel spekuliert worden, und die Vorstellungen wandelten sich im historischen Prozess. Das ist Theoriebildung. Die rituelle Erfahrung des Mythos ist etwas ganz anderes.
»An einem Frühlingstag in Athen säumen Hunderte von Bürgern der Polis die große Verbindungsstraße nach Eleusis. Sie warten auf die Mysten, die heute bekränzt, in feierlicher Stimmung und voll freudiger Erwartung auf der heiligen Straße nach Eleusis pilgern, um dort ihre Einweihung in das Mysterium der Demeter zu erhalten. Es sind fast 2000 Mysten, Männer und Frauen aller Schichten und Altersgruppen, auch Sklaven sind dabei. Es ist das Jahr 475 vor Christus. Sie werden dort sieben Tage verbringen, und wenn sie zurückkehren, sind sie verwandelt, geläutert. Die Reinigung von Körper, Geist und Seele, Tänze, Fasten und Opfergaben an die Götter, Gebete und Trancen gehören zum Ritual. Genaueres weiß man nicht, denn die Teilnehmer schwören vor den Göttern, nichts zu verraten. In Eleusis können Menschen das Geheimnis des Lebens erfahren. Es heißt, wer in Eleusis geweiht wurde, werde wie die Götter sein und müsse den Tod nicht mehr fürchten …« So könnte ein Bericht dieses spirituellen Brauchs beginnen, der eine sehr wichtige gemeinschaftsstiftende Erfahrung und ein gesellschaftliches Ereignis war, das jedes Jahr im Frühjahr und im Herbst zelebriert wurde.
Das griechische Wort mysterion beschreibt einen geheimen Kult, eine geheime religiöse Feier, in der es um die Schau des Göttlichen, des Transzendenten, geht.
Den antiken Mysterienkulten liegen einige Prinzipien zugrunde: Sie werden an geweihten, nichtöffentlichen Stätten durchgeführt, unterliegen absoluter Geheimhaltung, in ihnen wird verborgenes Wissen verkündet, die Probanden unterziehen sich Prüfungen, üben kultische Handlungen aus und gestehen Fehlverhalten sowie ihre Unwissenheit ein. Der Initiand begegnet den Schatten der Unterwelt und erfährt Erneuerung. Den Höhepunkt bildet das Erscheinen des Göttlichen, die göttliche Offenbarung oder heilige Schau (epopteia); daran geknüpft ist die Verkündung geheimen Wissens. Reinigungszeremonien, das Tragen besonderer Gewänder, die Bekränzung der Teilnehmenden, Tänze, Gesänge, Gebete, Opfergaben, der Gebrauch heiliger Gegenstände machten den Ritus, der mehrere Tage umfasste, aus. Die Rückkehr der Göttin Persephone aus dem Hades auf die Erde bildet den Höhepunkt des Kults. Sie symbolisiert die Wiedergeburt der Seele. Im Zentrum der Erfahrung steht die Erkenntnis »der polaren Einheit von Leben und Tod. Der Tod als Durchgang zu einem neuen, anderen Leben und die Geborgenheit des Menschen in diesem Lebenszusammenhang … Der Myste, der nun in diese Zusammenhänge eingeweiht war, durfte sich im Bilde des göttlichen Kindes sehen, eines Hoffnungsbildes, das dem Eingeweihten verheißt, dass auch er ›neugeboren‹ ist, neues Leben von der Gottheit erhält.«2
Am letzten Tag wurde der Toten gedacht. Es handelte sich um dramenähnliche Inszenierungen mit einem kathartischen Erlebnis als Höhepunkt. Ein Zaubertrank aus Gerstensaft diente der Erweiterung der Wahrnehmung. Der Ritus mündete in ein großes Fest, bei dem die geistige Wiedergeburt der Initianden gefeiert wurde. Die erweiterte Wahrnehmung ermöglichte Lichterfahrungen, ein Durchleben von Ängsten, die den Eingeweihten die Todesangst nehme. Platon erwähnt im Phaidon, die Eingeweihten von Eleusis bekämen im Jenseits einen Ehrenplatz. Sie müssten den Tod nicht fürchten, denn sie seien zu Stammesverwandten der Götter geworden.
Die Mysterien zu Eleusis sind auch so etwas wie die Wiege der Bühnenkunst. So gesehen lebt in jedem Drama ein Funken von Eleusis weiter. Das sieht man sowohl am Aufbau der griechischen Tragödien als auch an ihrer ursprünglichen Funktion: Sie sollten Opfergaben an die Götter sein. Jeder Aufführung, z. B. in Athen, gingen (etliche Jahrhunderte lang) religiöse Riten voraus. Die Zuschauer erlebten die Darbietungen in einem spirituellen Kontext und erwarben Einsichten, in denen sie sich mit den Göttern verbunden fühlten. Viele der großen griechischen Bühnenautoren waren Eingeweihte von Eleusis. Sie brachten ihre Reifungsprozesse und Erfahrungen in ihre Kunst ein. Betrachtet man moderne Aufführungen griechischer Dichter heute vor diesem Hintergrundwissen, erschließen sich neue Wahrnehmungsfelder.
In einer Übung, die am Ende des Kapitels genauer beschrieben wird, können Sie in die Magie und die archaische Kraft einiger Bilder dieses Mythos eintauchen und sich davon inspirieren lassen. Ich habe in meiner Arbeit mit Menschen gute Erfahrungen damit gemacht. Erstaunlich ist, wie schnell viele, vor allem in einer Gruppe, das energetische Feld des Mythos wahrnehmen können und wie heilsam das erlebt wird. In der Übung werden Sie sich an den Ufern der symbolisch dargestellten Styx niederlassen und von dort aus über den Fluss schauen. Die Übung ist so aufgebaut, dass Sie sowohl am diesseitigen als auch am jenseitigen Ufer der Styx sitzen werden. Am Schluss können Sie sich einen Platz im schwarzen Fluss oder an dessen Ufern suchen. Diese Übung führt man am besten unter Anleitung in einer Gruppe durch. Sie werden erleben, wie sich Ihnen ein Feld erschließt, in dem Sie Einblicke in die Mysterien von Leben und Tod gewinnen. Dieses Feld stimuliert das Unterbewusste, das sich oft in Träumen zu Wort meldet. Deshalb ist es gut, Träume oder Gedanken, die erscheinen, aufzuschreiben und darüber zu kontemplieren. Die Übung ist meditativ und kreativ. Das Flussmotiv – hier ist es der schwarze Fluss, die Styx, die zu einem Lebensfluss wird – ist das tragende Element dieser spannenden und inspirierenden Übung.
Angelehnt an Diane von Weltziens Praxisbuch der Rituale habe ich eine geleitete Visualisierung entwickelt, mit deren Hilfe ich in meinen Kursen Menschen nach der Flussübung und der Erläuterung des Mythos von Hades und Persephone die dort geschilderte Einweihung nachvollziehen lasse. Eine Anleitung für diese einprägsame und tiefwirkende Phantasiereise finden Sie am Ende dieses Kapitels. Als Höhepunkt der Reise erhalten Sie ein symbolisches Geschenk, das Sie mitnehmen dürfen. Ich habe erlebt, dass Teilnehmende Gegenstände »mitbrachten«, die in der Antike oder auch heute als Sinnbilder der Unsterblichkeit gelten. Manche hatten sogar Gegenstände im Korb, wie sie die Forschung auch in Eleusis vermutet. Das verdeutlicht mir immer wieder, wie tief uns die Symbolkraft des Mythos noch heute berührt.
Der Mythos vom Raub der Persephone und der dazugehörige Ritus weisen Wege zur Akzeptanz von Werden und Vergehen und zur Entdeckung der Unsterblichkeit der Seele. Dazu benötigen wir Menschen bewusstseinserweiternde Erfahrungen, wie sie in Eleusis möglich waren. Auf der Grundlage solcher Erfahrungen beginnt für die Eingeweihten ein neues Leben. Lebenskrisen gibt es für sie weiterhin, doch sie gehen anders mit ihnen um. Sie überwinden Ängste, leben freier und glücklicher, verantwortungsbewusster, begegnen Krisen gelassener. Die Überzeugung von der Unsterblichkeit der Seele vermag bei existenziellen Bedrohungen im Leben große Kraft zu geben.
Die alten Mythen des Abendlandes gehören ebenso wie das Christentum zu unserem spirituellen und kulturellen Erbe, an dem wir anknüpfen können, um dann weiterzugehen. Die europäische Antike prägt bis heute unser Leben und unsere Seelenbilder, denken Sie nur an die zahlreichen Lehnwörter aus dem Lateinischen oder Griechischen. Auch unser Kontinent hat seinen Namen von der griechischen Göttin Europa. Die alten Mythen enthalten im Sinne C. G. Jungs Archetypen, die uns helfen, Aspekte unseres Innenlebens, des Unterbewussten, zu verstehen. Sie führen in tieferliegende Schichten unserer Psyche.
Haben sich die Menschen im antiken Griechenland noch als Teil der Natur gesehen, nicht als ihre Beherrscher, und sich in deren Kreislauf im Rahmen ihrer religiösen und gesellschaftlichen Strukturen eingegliedert, so hat sich dieses Verständnis im Laufe der geschichtlichen Entwicklung radikal verändert. In der postindustriellen Gesellschaft haben wir uns weitgehend von der Natur entfremdet, mit all den destruktiven Folgen, die wir heute weltweit erleben können in Form von Klimaveränderung, Umweltzerstörung und Naturkatastrophen. Die menschliche Hybris stößt allmählich an ihre Grenze, und die Frage nach Alternativen wird immer drängender. Wir können aus dem spirituellen Selbstverständnis naturverbundener Völker lernen; es jedoch nicht eins zu eins übernehmen. Antikes Kreislaufdenken enthält Möglichkeiten und Grenzen. Wir können heute die darin enthaltenen Möglichkeiten nutzen und über die Grenzen hinausgehen. Eine der Möglichkeiten ist, die Vergänglichkeit zu akzeptieren und den Tod als Teil des Lebens zu verstehen. Wir lösen uns damit vom linearen Denken, in dem etwas anfängt (z. B. das Leben) und dann mit dem Tod des Körpers als beendet gilt. Lineares Denken kann vielfältige Phänomene wissenschaftlich fundiert erklären; wir verdanken ihm große Errungenschaften; es blockiert jedoch den Zugang zu den Welten, die hinter den Erscheinungen liegen. Das Verständnis von Leben und Tod im Sinne eines Kreislaufs ist sehr viel weitreichender als ein lineares.
Ein noch viel größerer Schritt ist die Vorstellung vom Heraustreten aus dem Kreislauf von Geburt und Tod. Wir können ihn vollziehen, wenn wir dem Unverwundbaren in uns begegnen, und das bedeutet weit mehr, als zu erkennen, dass der Tod ein Übergang ist. Es bedeutet, bis ins Tiefste zu verstehen, dass alles in einem unsterblichen Bewusstseinsstrom miteinander verbunden ist. Ein solches Verständnis kommt in den buddhistischen Lehren zum Ausdruck.
Die meisten antiken Vorstellungen von der Seele wurzeln in einem von den alten Mythen beschriebenen Kreislaufdenken. Die Seele ist unsterblich, sie kehrt wieder, auch wenn die Vorstellungen, wie das geschieht, sich über die Jahrhunderte, vom Altertum bis heute, vielfach gewandelt haben. Psyche, in Abbildungen als anmutige weibliche Gestalt mit Vogel- oder Schmetterlingsflügeln dargestellt, hatte die Fähigkeit, die Grenzen zwischen Raum und Zeit zu überschreiten. Die alten Ägypter zeichneten Ba, den Seelenvogel, mit menschlichem Gesicht; er erhob sich – als Abbild der Seele des Verstorbenen – über dem Toten und ging auf die Reise.
Beim Seelenbegriff ist die Verlängerung der Einzelpersönlichkeit von der stofflichen in die nichtstoffliche Welt mitgedacht. Seele ist etwas Individuelles, wenn auch nicht Greifbares. Immer wieder gab es aber Versuche in der westlichen Welt, der Seele in bestimmter Weise habhaft zu werden, indem man z. B. ihr Gewicht bei einem Verstorbenen ermitteln wollte. Kunstvolle Apparaturen wurden entworfen, die den Körper im Moment des Todes und einige Zeit später wogen. Da war er dann, Versuchen zufolge, 20
