Das Vermächtnis der Highlanderin - Eva Fellner - E-Book
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Das Vermächtnis der Highlanderin E-Book

Eva Fellner

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Beschreibung

Das große Finale: die gefahrvolle Reise einer mutigen Frau. 

Schottland, 1329: James Douglas musste dem schottischen König am Totenbett versprechen, sein Herz nach Jerusalem zu tragen. Enja macht sich gemeinsam mit ihrem Mann auf den gefährlichen Weg. Unterwegs werden sie jedoch vom Papst im Kampf gegen die Mauren zu Hilfe gerufen. Im Kampf um die Burg Teba ereilt die unerschrockene Kriegerin ein herber Schicksalsschlag. Enja sieht sich nicht nur in einer schweren Schuld, sondern wird auch von ihrer Vergangenheit eingeholt. Mit einer mutigen Reise ins Ungewisse stellt sie sich gegen ihr eigenes Schicksal. 

Stimmungsvoll und voller Abenteuer: ein packendes Epos aus den schottischen Highlands.

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Seitenzahl: 622

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

James Douglas bekommt einen besonderen Auftrag, der sterbende schottische König bittet ihn, sein einbalsamiertes Herz nach Jerusalem zu bringen. Seine Frau Lady Enja begleitet ihn auf dieser gefahrenvollen Reise. Auf dem Weg ereilt ihn der Hilferuf des Papstes, der alle Ritter des Abendlandes nach Kastilien in den Kampf gegen die Mauren herbeiruft. Die folgenschwere Entscheidung ihres Mannes trifft Enja schwer. Und schließlich wird die Kriegerin von ihrer eigenen unglückseligen Vergangenheit eingeholt …

Über Eva Fellner

Eva Fellner, mit vollem Namen Eva Fellner von Feldegg, wurde 1968 im oberbayerischen Murnau geboren und arbeitete zunächst als Chefredakteurin einer Fachhandelszeitschrift. Sie gründete eine Agentur für digitales Marketing und unternahm zahlreiche Reisen. Neben asiatischer Kampfkunst interessiert sie sich schon immer für die Welt des Mittelalters.

Im Aufbau Taschenbuch sind aus der Saga ebenfalls »Die Highlanderin«, »Der Weg der Highlanderin«, »Der Clan der Highlanderin« und »Der Kampf der Highlanderin« lieferbar.

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Eva Fellner

Das Vermächtnis der Highlanderin

Historischer Roman

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Kapitel 1 — Smithfield, 20. Juli 1328, England

Kapitel 2 — Irland, Castle Dunguaire, 1328 – Ein paar Monate vor dem Turnier in Smithfield

Kapitel 3 — Caerlaverock, Dumfries, Schottland, im Dezember 1328

Kapitel 4 — Edinburgh Castle, Schottland, im Januar 1329

Kapitel 5 — Caerlaverock, Schottland, im März des Jahres 1330

Kapitel 6 — Frankreich, im Mai des Jahres 1330

Kapitel 7 — Malaga, Kastilien im Juni des Jahres 1330

Sevilla, Juli 1330

Kapitel 8 — Teba, Kastilien, Mitte August des Jahres 1330

Kapitel 9 — Teba, Kastilien, am 25. August des Jahres 1330

Kapitel 10 — Teba, Kastilien, 25. August des Jahres 1330

Kapitel 11 — Caerlaverock, Dumfries, im November des Jahres 1330

Kapitel 12 — Irland, Burg Dunguaire, Provinz Connacht – Anfang Mai des Jahres 1331

Kapitel 13 — Island, im Mai des Jahres 1331

Kapitel 14 — Island, im Mai des Jahres 1331

Kapitel 15 — Island im Juni des Jahres 1331

Kapitel 16 — Island, Akureyri, am 13. Juni des Jahres 1331

Kapitel 17 — Island, Akureyri, im Juni des Jahres 1331

Kapitel 18 — Island, Akureyri, im Juni des Jahres 1331

Kapitel 19 — Island, Akureyri, im September des Jahres 1331

Nachwort

Impressum

Kapitel 1

Smithfield, 20. Juli 1328, England

Die Stimmung auf dem zerwühlten Sandplatz war aufgeheizt – nicht nur von der Sonne, die gnadenlos auf die Zuschauer und Turnierteilnehmer herabschien und ihnen die Luft zum Atmen nahm. In der Arena bahnte sich der Höhepunkt eines Spektakels an, das mit Spannung erwartet wurde. Das bunt gemischte Publikum fächerte sich Luft zu und drängte sich unter den Schatten spendenden Bäumen und Zeltdächern, die sich am Rande der Arena erstreckten. Wimpel und Fahnen in allen Farben flatterten leicht im lauen Wind über den Köpfen der Menschen. Das Brüllen der Kämpfer auf dem Sandplatz übertönte sogar das Geschrei der Leute in den Zuschauerrängen. Das Scheppern von Metall auf Metall jagte den Anwesenden Schauer über den Rücken. In ihren Gesichtern spiegelten sich Faszination und Abscheu gleichermaßen. Manche reckten sogar die Hälse, um das blutige Spektakel noch besser zu sehen. Selbst die in den Boden gerammten Holzmasten der schlaff hängenden Banner wurden erklommen, um ungestörte Sicht zu haben.

Das geschäftige Treiben wurde von einem ungewöhnlich trockenen und warmen Sommerwetter gekrönt, das noch mehr neugierige Menschen aus der ohnehin überfüllten Stadt zu dem Turnier nach Smithsfield, einem Vorort der englischen Hauptstadt London, lockte. Das sonst so beschauliche Städtchen war zum Bersten voll.

Auf dem Sandboden hatten sich die besten Ritter der westlichen Hemisphäre eingefunden. Über Tage zogen sich die Vorbereitungen, die Gruppenkämpfe und damit die Qualifikation zu den Einzelprüfungen dahin. Am letzten Turniertag waren es nur noch wenig Verbliebene, die in der brütenden Hitze in ihren Harnischen ausharrten.

Tausende Ritter aus aller Herren Länder waren der Einladung der Brautmutter Isabella von Aquitanien und ihres Geliebten Roger Mortimer nach London gefolgt. Sie war die Regentin Englands, nachdem sie ihren eigenen Ehemann Edward II. im Gefängnis hatte ermorden lassen. Zwar ließ sie ihre Tochter mit dem Sohn des schottischen Königs vermählen, behielt aber die Zügel in der Hand, bis ihr eigener Sohn Edward die royalen Pflichten übernehmen konnte.

Zu Ehren des frischgebackenen kindlichen Königspaars sollte ein dreitägiges Spektakel stattfinden, um die Untertanen an den Feierlichkeiten teilhaben zu lassen. Zwei Tage zuvor, am 17. Juli 1328 nach der Geburt des Herrn, war der vierjährige Sohn des schottischen Königs Robert de Bruce, David II., mit der drei Jahre älteren Johanna von England, Tochter von Isabella von Frankreich aus der Ehe mit dem englischen König Edward II., vermählt worden. David und Johanna waren nicht anwesend, aber dafür freuten sich die Brautmutter und ihr Liebhaber auf ein Fest, das seinesgleichen suchte. Isabellas blaue Augen leuchteten unter dem Seidenschleier, der ihr Haar bedeckte. Aufgeregt beobachtete sie die prächtigen Pferde und ihre gepanzerten Reiter bei ihren gefährlichen Kämpfen. Ihre von Goldringen geschmückte Hand hielt die ihres Liebhabers Mortimer fest umschlungen, als hätte sie Angst, ihn loszulassen. Der mit Spannung erwartete Höhepunkt des Spektakels würde in wenigen Augenblicken beginnen.

Anlässlich des Hochzeitsfestes hatte Isabella die besten Ritter der englischen Krone, aus Frankreich und aus dem deutsch-römischen Reich zum größten bis dahin bekannten Ritterturnier geladen. Dreitausend Kämpfer hatten sich angemeldet und waren vor drei Wochen unter dem Jubel von Londons Bürgern mitsamt ihrer Entourage auf die Turnierwiese vor den Toren der Hauptstadt gezogen. Das großartige Geschehen wurde von einer Heerschar an Musikern, Künstlern und Marketendern begleitet. Sie freuten sich auf zahlungskräftige Kunden, denn die Vorbereitungen und Übungen für den Wettkampf gingen mit Hunger und Durst einher. Allerlei Tand ließ sich gerade für die Damenwelt ergattern, die sich zu diesem Ereignis besonders herausgeputzt hatte. Denn nicht wenige der Anwesenden nutzten die Veranstaltung für ihre ganz eigenen Zwecke. Hier konnten Männer um die Aufmerksamkeit adliger Frauen oder einer hübschen Mätresse buhlen, während sich auf dem Sandplatz ehrgeizige Recken für Ruhm und Ehre schlugen.

Hochrangige Damen in edlen Seidenkleidern und glitzernden Juwelen wedelten hektisch mit ihren Fächern. Barone und Fürsten schwitzten in ihrem aufwendigen Wams und betupften mit einem Tüchlein ihre feuchten Gesichter. Die Entourage des Königspaars litt genau wie das einfache Volk unter der unbarmherzigen Sonne. Die vornehmen Herrschaften hatten jedoch den Vorteil, unter einem Segeltuch zu sitzen, das über ihren Köpfen gespannt war. Das viele Tausend Köpfe zählende niedere Volk saß dagegen ungeschützt in der gleißenden Mittagshitze. Wer konnte, hatte sich eine Kopfbedeckung oder ein Tuch besorgt. Hier wie dort rümpften so einige die Nase über den unangenehmen Geruch, der sich in der Enge unter den Zuschauern ausbreitete. Es war eine eklige Mischung aus Schweiß, Dung und säuerlichem Most. Selbst das Parfüm der Damen kam nicht gegen die allgegenwärtige Ausdünstung so vieler Menschen an.

Schon seit Tagen hatten sich einige der heute antretenden Sieger aus den Gruppenkämpfen – dem sogenannten Buhurt – duelliert. In dieser Massendisziplin mussten sich die gepanzerten Ritter im Sattel halten, während sie versuchten, sich gegenseitig mit Schlegeln und stumpfen Schwertern vom Pferd zu holen. Großes Geschick im Umgang mit Ross und Waffe hatten zuletzt über achtzig Teilnehmer bewiesen, die zur Freude der Zuschauer bis zum Ende durchhielten. Fiel ein Ritter unter den heftigen Schlägen seiner Gegner vom Pferd, wurde er von seinen Knappen vom Platz getragen. Oft wurde dabei nicht nur der Körper verletzt, sondern besonders der Stolz. Das Ausscheiden in diesem frühen Stadium eines Turniers begleitete das Publikum mit Gespött und Gelächter. Zusätzlich zu dieser Schmach verlor der unterlegene Ritter seine Ausrüstung und sein Pferd an den Gegner.

Um sich für den kräftezehrenden und geradezu brutalen Buhurt zu qualifizieren, hatten Wochen zuvor alle Recken auf dem Rücken eines Pferdes und unter den Augen eines strengen Richters Geschicklichkeitsübungen absolvieren müssen. Größtenteils waren es Anwendungen von Pfeil und Bogen oder der Lanze, die den Teilnehmer weiterbrachten. Ein gutes Team, speziell ausgebildete Pferde und die richtigen Waffen halfen den Rittern und ihren Helfern, ihrem Ziel näher zu kommen.

Der immense Aufwand erlaubte es meist nur den reichen und adligen Teilnehmern, überhaupt einen der begehrten Plätze im Buhurt zu ergattern. Aber es gab Ausnahmen. Sollte ein Unbekannter oder ein Ritter ohne Banner schon im Vorfeld mit seinem Können überzeugen, konnte er es bis in die letzten Runden schaffen.

England und Frankreich kristallisierten sich wie erwartet als die Länder mit den siegreichsten Rittern heraus. Ihre Kämpfer lieferten sich die versiertesten und härtesten Duelle. Holzsplitter flogen, Metall schepperte, der Sand dämpfte den Sturz der Unglücklichen. Hatte es der Ritter zum Buhurt geschafft, lagen bereits etliche Stunden voller Anspannung hinter ihm. Überstanden die Kämpfer auch den Buhurt, ohne ihr Pferd zu verlieren, standen sie im Finale und durften in der Königsdisziplin zeigen, wer der Beste seines Standes war – dem Tjost.

Das spannende Lanzenstechen zwischen zwei Rittern hatte sich aus den täglichen Kampfübungen der königlichen Recken entwickelt. Das Beherrschen des Pferdes, das präzise Setzen der Lanzenspitze auf die Brust oder den Schild des Gegners, all das war seit Kindheit an geübt und mit ständiger Routine verbessert worden. Es galt, im vollen Galopp mit einer stumpfen Holzlanze den Brustpanzer, den Kopf oder den Schild des Gegners zu treffen und ihn vom Pferd zu stoßen. Nur ein Holzgerüst – der Tilt – trennte die beiden Reiter. Die mächtigen Pferde würden die schwer gepanzerten Ritter aneinander vorbei tragen. Oft waren die Kämpfer so versiert, dass sie den Gegner mit der Lanze sogar aus dem Sattel hoben. Bereits einige der Teilnehmer hatten so ein verfrühtes Ende des Turniers in Kauf nehmen müssen.

Im Tjost zeigte sich das ganze Können eines Kämpfers. Natürlich ließen sich die Adelshäuser von Königin Isabella nicht lange bitten. Die Teilnahme war eine Ehre und eine Huldigung an den Ritterstand.

Der mit Spannung erwartete Höhepunkt an diesem Tag spitzte sich auf ein dramatisches Finale zu. Die Sieger des ersten Durchlaufs standen recht bald fest. Übrig geblieben waren nur noch vier von insgesamt achtzig qualifizierten Recken, die bereits jetzt zu den besten ihres Standes zählten und in die Annalen der Geschichte eingehen würden.

Die ersten zwei Kämpfer standen sich in diesem Moment auf ihren Pferden gegenüber, die genauso mit Metallplatten geschützt waren wie ihre Reiter, um sie vor umherfliegenden Holzsplittern zu schützen. Ihre Nüstern waren vor Aufregung gebläht. Schaum flockte von den Trensen. Die wertvollen Tiere, meist speziell gezüchtete Destriere mit kräftigem Körperbau, waren für diese Art des Ritterduells ausgebildet worden. Sie sollten sich vom Lärm und der Unruhe der Teilnehmer nicht beirren lassen. Doch selbst sie spürten die Nervosität, die sich wie eine Decke über den gesamten Platz legte. Ihre Beine tänzelten unruhig auf der Stelle.

Die Spannung war jetzt mit Händen greifbar. Wie immer vor solch einem Spektakel befiel die Anwesenden gleichermaßen eine seltsame Unruhe. Frauen wie Männer waren gefangen in der Faszination des gefährlichen Spiels um Sieg und Niederlage. Jedem dort war bewusst, wie fatal der geringste Fehler war.

Einige Zuschauer suchten immer noch einen unverstellten Blick auf das Feld. Das Gedränge schien kein Ende nehmen zu wollen. Unablässig strömten neue Besucher in die voll besetzte Arena. Selbst die Pferdejungen kletterten eiligst auf die Holzgestelle, an denen die Tiere festgebunden waren, um eine bessere Sicht zu ergattern. Jeder ausgeschiedene Teilnehmer, der noch laufen konnte, drängte sich nach vorn. Die Unglücklichen, die keinen Sicht auf das Feld hatten, ließen sich von Laufjungen über den Stand des Kampfes berichten.

Der Herold kündigte soeben den Namen eines berühmten Ritters an, der sich mit einem weiteren Finalisten messen sollte. Die Menge tobte. Unter der sengenden Sonne und auf dem Sand von Smithfield würde nun Geschichte geschrieben werden, das wurde spätestens jetzt allen klar. Die Zuschauer zeigten mit dem Finger, raunten und plapperten wild drauflos, während die beiden Kontrahenten mit ihren Pferden und Knappen die Arena füllten.

Die Frauen reckten die Hälse, wedelten hektisch mit ihren Fächern. Einige waren der Ohnmacht nahe. Wegen der Spannung oder der Hitze, das vermochte keiner zu sagen. Einige Männer standen zum Ärger anderer von ihren Sitzplätzen auf, um einen besseren Blick zu erhaschen.

Die beiden Kämpfer, welche bisher die größte Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten, stellten sich am Tilt einander gegenüber auf. Der Trommelwirbel setzte ein. Wenn dieser abbrach, würden die Pferde losgaloppieren. Schlagartig wurde es auch in den Reihen der Zuschauer still. Plötzlich schien es, als hielten Tausende von Menschen gemeinsam die Luft an.

Die Spannung im Publikum lag nicht nur an dem vielversprechenden Tjost, sondern auch an den beiden berühmten Rittern, die sich jetzt gegenüberstanden. In den weiß-blauen Farben der schottischen Douglas-Dynastie hatte sich Sir James Douglas in die Runde der besten vier gekämpft. Der General des schottischen Königs war noch am Vorabend der Schlacht am Bannockburn von Robert de Bruce persönlich zum Ritter geschlagen worden. Mit dem darauffolgenden Sieg über die Engländer machte er sich für seinen König und dessen Untertanen einen Namen.

James gehörte zu den Ältesten in diesem Turnier. Er nutzte weniger seine Kraft als vielmehr seine Erfahrung, um sich seine Gegner vom Hals zu halten. Das bärtige Gesicht des berühmten Generals, der seinem König im Kampf um den schottischen Thron nie von der Seite gewichen war, glänzte rot unter dem Helm. Das Visier war aufgeklappt, um Luft hereinzulassen.

Der harte Blick aus dunklen Augen musterte seinen Gegner über den Metallpanzer am Hals seines Pferdes hinweg. James Douglas hatte keine Angst vor diesem Kampf. Sein Pferd war schnell, und mit der Erfahrung aus zahlreichen Schlachten hatte er alle Gegner in Grund und Boden gestampft. Dem schottischen Krieger machte nur die Tatsache zu schaffen, dass sein Kontrahent keinen Namen und kein Banner trug. Der Unbekannte wirkte auf ihn sehr geschickt im Umgang mit Pferd und Waffen. Irgendetwas störte ihn an diesem Mann. Aber er kam nicht darauf, was es sein mochte.

Es war ein Ritter in schwarzer Rüstung, seine Aufmachung zierte weder ein Wappen noch die Farben seines Landes. Der Herold ließ keinen Namen verlauten oder auch nur einen Hinweis auf seine Herkunft. Schon im Buhurt war der dunkel gewandete Recke den Kämpfern und Zuschauern aufgefallen. Die brachiale Art und Weise, wie er seine Waffen und sein Pferd gegen den Gegner führte, hatte bereits zu lebhaften Diskussionen unter den anwesenden Rittern geführt. Er schien ein Meister der Kampfkunst zu sein und verstand es, sich die knüppelnden und zerrenden Gegner mit stumpfer Gleichmut vom Hals zu halten.

Nicht nur James Douglas fragte sich, woher dieser mächtige Gegner kam. In den Geschicklichkeitskämpfen vor einer Woche war er noch niemandem aufgefallen. Ein leichtes Unterfangen unter dreitausend teilnehmenden Recken. Aber jetzt befand sich der schwarze Ritter unter den besten vier, und das rückte ihn in den Fokus. Und brachte damit sowohl Douglas als auch einige andere zum Nachdenken. Wer mochte er sein?

Douglas’ Erfahrung nach stammten solche zähen Kämpfer aus niederen Zünften, die sich hier mit dem Adel messen wollten. Aber dagegen sprachen der teure Harnisch und die Qualität der Pferde, die der Ritter mit seinen zahlreichen Knappen ins Feld führte. Das schlichte Zelt des Unbekannten war nicht weit von dem des schottischen Lords aus Dumfries errichtet worden. Hinter dem Canvas war er vor neugierigen Blicken geschützt gewesen.

Die Gerüchteküche brodelte bereits gefährlich. Am Morgen hatten Sir Douglas’ Knappen hinter vorgehaltener Hand getuschelt, als sie ihm das gesteppte Wams angezogen hatten. Nachdenklich und stumm hatte er den Worten der beiden Jugendlichen gelauscht. Angeblich sei der Unbekannte ein König aus dem Norden, der das Turnier gewinnen wolle, hatte der eine geschätzt, denn nur dort seien die Menschen so groß. Ein böser Blick von James hatte die Konversation beendet. Er hasste leichtfertige Verdächtigungen und verdrehte Tatsachen.

Tatsächlich verärgerte ihn die Aufmerksamkeit, die der Unbekannte auf sich zog. Hier waren Ritter mit Erfahrung, Rang und großen Namen in das Turnier gezogen. Es war eine Ehre, sich vom Herold mit seinem vollen Titel vorstellen zu lassen. Aber diesem Fremden schien Ehrerbietung fremd zu sein. Selbst die Neugier der Damen auf der Tribüne ließ ihn kalt. Wie abgebrüht musste ein Mann sein, um lediglich auf seine Kampfkunst zu bauen und zugleich seinen Namen und seine Herkunft zu negieren?

James hatte sich die üblen Gedanken nicht anmerken lassen. Er wollte sich auf seinen bevorstehenden Wettkampf konzentrieren. Das Gewäsch seiner Knappen war ihm einerlei. Für ihn war der Unbekannte nur ein weiterer Kämpfer, den er besiegen musste. Egal ob er nun ein König oder ein einfacher Ritter war. So war er stets in alle Schlachten gegangen. Ehre, wem Ehre gebührt!

Ein hochgewachsener Knappe aus seiner Entourage stand neben seinem Pferd und drückte ihm die Holzlanze in die Hand. Lord Douglas’ Handschuh aus Eisengliedern knirschte, als er beherzt zugriff. Die Holzwaffe, die fast seine doppelte Körperlänge maß, wog schwer. Sie war vom Waffenmeister perfekt ausgewogen und vom Turnierrichter zuvor in Augenschein genommen worden. So war es Vorschrift. Das stumpfe Ende würde am Schild vorbei auf den Brustkasten seines Gegners prallen und ihn mit voller Wucht aus dem Sattel hebeln. Das war der Plan. Bisher war James Douglas ungeschlagen geblieben und hatte sich aller Rivalen entledigt. Der schwarze Ritter vor ihm war ebenfalls unbesiegt geblieben. Er hoffte, den Namen dieses Mannes spätestens dann zu erfahren, wenn er vor ihm auf dem Boden lag. Seine Zuversicht war ungebremst. Ein Douglas fürchtete keinen Gegner.

Der Trommelwirbel brach ab. Das war das Zeichen für die beiden Kontrahenten, ihren Pferden die Sporen zu geben.

James schob sich das Klappvisier vor die Augen, das geräuschvoll einrastete. Dann trieb er dem Pferd die Absätze in die Flanken. Aus dem Stand sprang der Schecke los und führte ihn mit einem rasanten Galopp in das Feld. Die weiche Auflage dämpfte das Trommeln der eisenbeschlagenen Hufe. Der Sand spritzte. Sir Douglas bekam von der Außenwelt in diesem Moment nichts mehr mit. Sein Puls jagte. Seine Augen fokussierten durch die Sehschlitze sein Ziel. Sein Trumpf war die Schnelligkeit, mit der seine Lanze auf die Brust des Gegners treffen würde. Dabei musste er sie ganz ruhig halten. Der Impuls würde den Unbekannten aus dem Sattel heben. Seine Hand krampfte um den Holzgriff. Die Lanze korrigierte sich kaum merklich. Er war sich seiner Sache sicher. Es gab keinen Zweifel.

Es dauerte nur Sekunden, bis die beiden Waffen ihr Ziel trafen. Ihre stumpfen Enden krachten fast zeitgleich auf das gegnerische Schild. Mit einem hässlichen Geräusch zerbarst das präparierte Holz. Sir Douglas spürte die Wucht des Aufpralls in seiner Hand, die den Schild hielt. Zur selben Zeit auch auf seinem Brustharnisch. Die gegnerische Lanze war von seinem Schild geglitten und hatte seine Abwehr durchbrochen.

Unter der Anspannung fühlte James Douglas den Schmerz des Aufpralls kaum. Er bekam nur mit, wie ihn eine unglaubliche Kraft aus dem Sattel hob. Noch im Fallen vernahm er benommen den überraschten Aufschrei der Zuschauer. Dann landete er unsanft im Sand der Arena. Der weiche Belag dämpfte wenigstens den Aufschlag. Scheppernd und krachend hatte er erst seinen Helm und dann noch einen Stiefel verloren, der im Sattel hängen geblieben war. Unfähig, sich zu bewegen, blieb der schottische Ritter am Boden liegen.

James wurde seine Niederlage gewahr. Als hätte er soeben eine Schlacht verloren, spürte er plötzlich all den Schmerz und den Frust über das verlorene Gut.

Nur mit reiner Willensanstrengung hob der ältere Kämpfer seinen Kopf. Er bemerkte das Entsetzen im Publikum. Menschen, die vor Schreck ihren Mund bedeckten, starrten auf ihn, den gefallenen schottischen Helden. Wenn er jetzt aufstehen würde, könnte sein Gegner weiter auf ihn einschlagen. Er blickte hinüber zu seinem Kontrahenten, der im Sattel geblieben war. James’ Lanze hatte ihn am Brustbein treffen sollen, aber der mächtige Mann war trotzdem nicht vom Pferd gefallen. War die Spitze an seinem Schild abgerutscht?

Der schwarze Ritter zügelte auf der anderen Seite sein Pferd und drehte es kampfbereit für eine neue Runde herum. James’ Blick verschwamm. Sollte er sich vollends lächerlich machen und sich von einem übermächtigen Gegner bloßstellen lassen oder gab er in Würde auf?

Mühsam richtete er sich mithilfe eines herbeigelaufenen Knappen auf. Seine Brust schmerzte, das Atmen fiel ihm schwer. Eine Niederlage war ihm bislang weder in einem Turnier noch in einer Schlacht beschert gewesen. Ausgerechnet hier, im größten Ritterturnier dieser Zeit, hatte seine Geschicklichkeit versagt.

James’ ungläubiger Blick irrlichterte zu dem fremden Kämpfer, der mit erhobenem Schild abwartete. Er suchte die kaum zu erkennenden Augen seines Mitstreiters. Hinter dem Sehschlitz des eisernen Kopfschutzes war keine Regung zu sehen. Seine Hand ruhte auf dem Knauf seines Schwertes. Diese Geste bedurfte keiner Worte. Der Ritter war bereit, seinem Sieg Nachdruck zu verleihen.

James zog schmerzhaft den Atem ein. Sein Knappe hatte ihn noch einmal unter den Armen gepackt und war dabei, ihm auf die Füße zu helfen. Zu gern würde er noch einmal aufstehen und seinem Gegner zu Fuß den Rest geben. Aber seine Beine versagten ihren Dienst. Welche Schmach, vor aller Augen so eine Demütigung zu erfahren! Er blieb am Boden und hob die rechte Hand als Zeichen seines Eingeständnisses. Er war zu schwach, um in eine zweite Runde zu gehen. James Douglas erkannte mit letzter Würde den Sieg seines übermächtigen Gegners an.

Erstaunen machte sich im Publikum breit. Die edlen Damen stöhnten entsetzt. Niemand konnte sich so recht erklären, wieso der rätselhafte schwarze Kämpfer den bis dahin unbesiegten Sir James Douglas aus dem Sattel heben konnte.

Noch vom Sandboden aus blickte James hilflos zurück zur Bühne. Sein Gesicht verzog sich zur peinlich berührten Grimasse, als er die Gestalt erkannte, die sich aus der Ansammlung von Menschen schälte. Seine Ehefrau eilte ihm zu Hilfe. Sie hatte den Vorgang besorgt beobachtet. Lady Enja Douglas hatte sich erst gar nicht die Mühe gemacht, zur Feier des Tages ein Kleid zu tragen. Wie immer war sie in Reiterhosen aus Leder und eine Tunika gekleidet. Nur auf die Waffen in ihrem Wams hatte sie verzichtet. Enjas Stiefel wirbelten ein wenig Sand auf, als sie auf ihn zulief.

James beeilte sich, ein wackeliges Lächeln aufzusetzen, um ihre Sorgen zu zerstreuen. Es gelang ihm nicht ganz, ihrem prüfenden Blick zu entgehen. Vielleicht hatte er sich tatsächlich eine oder mehrere Rippen gebrochen, aber das musste sie ja nicht wissen. Er biss sich auf die Lippen, als ihn mehrere herbeigelaufene Helfer hochhoben, um ihn samt Rüstung aus der Arena zu tragen. Sein Zustand war für eine Heilerin wie Enja eindeutig erkennbar, aber sie sagte nichts. Und noch etwas fiel ihm auf, als er ihr zerknirscht ins Gesicht starrte. Und diese Tatsache verwirrte ihn vollends. Dachte er doch, dass die Aufmerksamkeit seiner Frau eigentlich nur ihm gelten sollte.

Aber der Blick aus ihren kristallblauen Augen hatte sich nicht auf ihn gerichtet: Sie sah an ihm vorbei. Als er seinen Kopf in dieselbe Richtung wandte, bemerkte auch er, was ihre Aufmerksamkeit erregte. Der unbekannte Sieger ritt unter enthusiastischen Zurufen aus der Arena. Die Begeisterung um seine Person schien ihn aber kaltzulassen. Der schwarze Ritter grüßte weder die Königin noch die hochgestellten Damen. Er schien sich für nichts anderes zu interessieren, als in diesem Turnier zu gewinnen. Tatsächlich war er auf dem besten Weg. Für ihn gab es jetzt nur noch einen Gegner: den Sieger aus dem kommenden Duell.

James schloss gekränkt die Augen. Sein ganzer Körper war ein einziger Schmerz. Als er unter Anstrengung den Kopf wieder zu Enja drehte, trafen sich endlich ihre Blicke. Sie wirkte, als hätte sie ein schlechtes Gewissen. Oder bildete er sich dies nur ein? Wusste sie vielleicht sogar, wer der schwarze Ritter war? Jetzt stahl sich noch ein weiterer Schmerz in seinen Körper. Er spürte ihn diesmal in seinem Herzen.

Ich hatte noch nie ein Ritterturnier von solchem Ausmaß gesehen. Es mussten Tausende von adligen Teilnehmern samt Gefolge sein, die sich hier gegenseitig herausforderten. Seit unserer Ankunft vor drei Wochen hatte mein Mann James Douglas die beste Zeit seines Lebens. Er sonnte sich in Ruhm und Ehre. Jede Menge Gleichgesinnte taten es ihm nach, und mir kam es vor wie ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Zugegeben, ich hatte noch nie so viel geballten Kampfgeist erlebt wie hier in Smithfield. Eigentlich ein malerischer Ort, an dem sich sonst nicht viel bewegte. Es gab eine Kirche, eine Hauptstraße, und ab und an fand ein Turnier in der Arena statt.

Mein Mann konnte auf diesem Turnier unter den bewundernden Augen von Rittern und vor allem der adligen Damen sein ganzes Können zeigen. James war ein Meister seiner Zunft, und sein Ansehen war selbst unter den arroganten französischen Rittern tadellos.

König Philipp IV. hatte sich nicht lumpen lassen und eine ganze Abordnung seiner besten Kämpfer ins ferne London mitgebracht. Hochrangige Hochzeiten waren für Herrscher seit jeher ein willkommener Anlass, in einem friedfertigen Umfeld die Fähigkeiten ihrer Kavallerie zu demonstrieren. Auch Isabella war dieser Tradition gefolgt und stellte als Gastgeberin die Arena zur Verfügung.

Natürlich war die Heirat zwischen den beiden Königskindern David und Johanna ein politischer Schachzug. Robert de Bruce erhielt damit den Ritterschlag der englischen Krone als souveräner König von Schottland. Dies mit einem solchen Ritterturnier zu verbinden, war ihm gelegen gekommen. Nicht nur, um die Hochzeit seines Sohnes mit einem Sieg zu ehren, sondern auch, um die Kontakte zum englischen und französischen Königshaus zu pflegen.

Tatsächlich saßen in seltener Einigkeit der französische König Philipp IV. und dessen Frau sowie Isabella und Roger Mortimer auf der Ehrentribüne und plauderten angeregt in Französisch.

Allerdings fehlte die mächtige Gestalt von Robert de Bruce. Er hatte sich aus gesundheitlichen Gründen entschuldigt, was mich sehr besorgt hatte. Diese politisch so wichtige Ehe hatte er seit Davids Geburt vorbereitet. Sie sollte Schottlands Stellung gegenüber dem in Bannockburn besiegten Erzfeind England festigen. So hatte es sich Robert de Bruce gewünscht. Ich wusste, dass ihm die Festigung seines politischen Nachlasses am Herzen lag.

Dass er nun nicht anwesend sein konnte, war höchst seltsam. Ich teilte meine Sorgen mit James, der um die gesundheitlichen Probleme des schottischen Königs wusste. Aber mein Mann bewahrte selbst mir gegenüber Stillschweigen um das königliche Wohl.

Das Gerücht hielt sich hartnäckig, dass der König der Schotten an einer unheilbaren Krankheit leide. Hatte er womöglich nur den falschen Arzt? Ich hatte bisher meinen Mund gehalten, um mich nicht aufzudrängen, doch vor meiner Rückkehr in die Burg Caerlaverock würde ich ihm wohl als Medicus einen Besuch abstatten müssen. Irgendwann würde James von selbst auf diese Idee kommen.

Mein Blick schweifte über die Köpfe der Menschen, die sich in dieser Gluthitze eingefunden hatten. Mit Kappen, Tüchern oder Fächern schützten sie sich notdürftig vor der sengenden Sonne. Der Geruch nach menschlichen Ausdünstungen, Most und süßliche Essenzen waberte mir in die Nase. Die Sandfläche vor uns flimmerte. Ich saß ganz rechts auf der Ehrentribüne, und der Schatten der überspannten Segelflächen hielt wenigstens die stärkste Einwirkung von mir fern. Trotzdem schwitzte ich unter dem Leder meiner Hose. Anstelle meiner dicken Reitjacke hatte ich zur Feier des Tages mein schwarzes Wams angezogen. Es war ein feines Stück Tuch, in dem mir dennoch genauso der Schweiß hinablief wie den Männern in ihren Rüstungen.

Unter den in Seide gekleideten Damen der hohen Gesellschaft stach ich mit meiner männlichen Kleidung heraus. Die Blicke, die mich kritisch musterten, irritierten mich nicht mehr. Trotzdem wäre ich im Moment lieber in einer Rüstung auf dem Feld gewesen als hier unter den neugierigen Blicken des hauptsächlich weiblichen Publikums. Als wären die fein herausgeputzten Ritter in diesem Turnier nicht viel wichtiger als eine Frau in Männerhosen!

Ich konzentrierte mich auf die Kämpfer in der Arena. Von hier oben hatte ich eine gute Sicht auf die beiden Ritter, die jetzt im Tjost gegeneinander antraten. James forderte dort unten auf dem Sandplatz gerade den schwarzen Ritter heraus.

Mein Ehemann war inzwischen neununddreißig Jahre alt und gehörte damit zu den ältesten Turnierteilnehmern. Sein Körper war immer noch gestählt von den täglichen Übungen und – als ich ihn heute beim Anziehen betrachtet hatte, war es mir wieder aufgefallen – wohlgeformt. Es reichte, um unseren ehelichen Pflichten mit Freude nachzukommen.

Selbst in den Morgenstunden verspürte ich seine Energie, die er schon in jungen Jahren in sich getragen hatte. Nur sein schwarzes Haar war inzwischen von grauen Strähnen durchzogen, und sein Vollbart leuchtete in allen Schattierungen von Grau. James war durch und durch ein Kämpfer, und sein Anblick im Turniersattel machte mich stolz, seine Frau zu sein.

Im Gegensatz zu ihm wusste ich, wie dieser Kampf enden würde. Ich biss mir auf die Zähne, um mich davon abzuhalten, einen Fehler zu begehen und James zu warnen. Ich hätte ihm diesen entwürdigenden Moment gerne erspart. Aber das hätte seinem Stolz nicht geholfen.

Zusammen mit wenigen Vertrauten wusste ich, wer unter der schwarzen Rüstung steckte. Dort in der Arena trat James gegen einen der besten Kämpfer des Abendlandes im Tjost an. Selbst mein eigener Ehemann würde keine Chance gegen ihn haben …

Ich schluckte schwer. Der Herold kündigte soeben James’ Namen und Titel an. Danach folgte der Trommelwirbel der Musiker. Die Hitze brachte die Luft auf dem Kampfplatz zum Flimmern. Ich beschirmte mit der Hand die Stirn, um besser sehen zu können. Für meine hellen Augen war das Sonnenlicht eine Tortur.

Als die Lanzen auf die Schilde prallten, krampfte sich trotz meiner Erfahrung der Magen zusammen. Gänsehaut bedeckte meine Arme. Ich war völlig gefangen von der Kampfkunst, die sich vor meinen Augen abspielte.

Der schwarze Ritter schwankte leicht im Sattel. Dagegen war sein Gegner nicht mehr dort, wo er vor Sekunden gesessen hatte. James war wie von einer unsichtbaren Faust aus dem Sattel geschleudert worden. Mein Herz stockte. Hoffentlich war ihm nichts Schlimmes passiert!

Mit dem Gesicht vom Gegner abgekehrt blieb James liegen. Der verlorene Helm rollte noch scheppernd weiter. Sein Pferd irrte in der Arena herum, bevor es eingefangen wurde. Dann war es still. Mein Atem und der Tausender Zuschauer setzte kurz aus. Einen Lidschlag lang machte ich mir ernsthaft Sorgen, aber dann bewegte James seinen Kopf, und ich hörte mich innerlich jubeln. Er lebte noch.

Mein Herz beruhigte sich langsam wieder. Die Hoffnung auf nichts Schlimmeres als verletzten Stolz ließ meine Füße von allein loslaufen, mich hielt jetzt nichts mehr auf der Tribüne. Froh, den tuschelnden Weibern zu entfliehen, eilte ich hinunter in die Arena. Böse Gedanken schwirrten in meinem Kopf. Warum hatte ich diese Begegnung der beiden Männer nicht verhindert, als ich es noch gekonnt hätte?

Ich wollte mich nicht verraten. Die Antwort auf meine Frage war eindeutig. Woher hatte ich auch wissen sollen, dass James im Halbfinale ausgerechnet dem schwarzen Ritter gegenüberstehen würde? Damit hatte keiner gerechnet. Ich schalt mich eine Närrin. James war ein Ritter und von Ehrgeiz geplagt, selbst todkrank wäre er im Tjost angetreten. Meine Kenntnisse leichter Gifte hätten nichts gebracht.

Ein wenig reckte ich die Schultern. Ich musste mich für das wappnen, was mich erwarten würde. Sicher würde James ungehalten sein, wenn er jemals erfuhr, was ich vorhatte. Ich kämpfte mit meiner Ehrlichkeit. Im Grunde genommen musste er ja nicht erfahren, wer der schwarze Ritter war. Die sichere Niederlage meines Mannes hatte ich in Kauf genommen, um den Platz freizumachen für den Kampf des schwarzen Ritters gegen einen Erzfeind: Nicholas de Verdun.

In diesem Moment wurde mir wieder bewusst, warum ich hier war: Ich wollte Gerechtigkeit. Ein Mann, der anderen schweres Leid zugefügt hatte, musste sterben. Dafür überging ich gern unbequeme Fragen. Dafür nahm ich die schlechte Laune meines Mannes in Kauf.

Ich war kurz vor dem Ziel: Diese Arena sollte heute der Schauplatz werden für den Tod eines englischen Adeligen, der sich im Krieg um Irland auf die falsche Seite gestellt hatte. Der Ritter Nicholas de Verdun hatte meinen Freund Sir Cathal O’Conchobhar, den Provinzialfürsten von Connacht, vor vielen Jahren in Irland in eine Falle gelockt. Cathal, viele Gefährten und ich selbst waren von dem englischen Ritter gefangengenommen worden. Einige unserer treuesten Anhänger hatte man vor unseren Augen hingerichtet. Ich selbst war dem düsteren Schicksal mit knapper Not entkommen, hatte mich von den Fesseln gelöst und war in den See gesprungen. Cathal dagegen hatte in Ketten den Fußmarsch zum Hafen antreten müssen. Wäre meine Flucht nicht geglückt, ich hätte ihm niemals helfen können. So hatte ich ihm in einer abenteuerlichen Kaperung seines Schiffes die Rückkehr nach Irland ermöglicht. Fast hätte ich gelächelt bei dem Gedanken an Cathals Gesicht damals, als ich ihn plötzlich bei Nacht und Nebel befreit hatte.

Nicholas de Verdun stand seit Jahren auf Cathals schwarzer Liste. Ausgerechnet hier, auf dem Turnier in London, war der verhasste englische Anführer wieder aufgetaucht. Welch ein glücklicher Zufall, dass ich die Liste der teilnehmenden Ritter über meinen königstreuen Ehemann erhalten hatte!

Jetzt war ich bei James am Ende der Arena angekommen. Mit einem prüfenden Blick machte ich mir ein Bild der Lage. Sein Knappe mühte sich gerade ab, ihn aufzurichten, aber die schwere Rüstung ließ es nicht zu. James war zu benommen, um noch weiterzukämpfen. Die Niederlage fiel ihm schwer, das konnte ich erkennen. Mir gegenüber versuchte er, seine Scham und den Schmerz wegzulächeln, sah mir jedoch nicht in die Augen, sondern stur geradeaus in Richtung Tribüne. Dorthin, wo die Königin saß. War ihm ihre Meinung wichtiger als meine?

Mein Blick wanderte über James’ eisernen Schulterschutz zu dem schwarzen Ritter auf der anderen Seite der Arena. Er hatte mit einer Hand seinen Rappen gezügelt. Die andere ruhte kampfbereit auf seinem Schwertgriff. Cathal traute der Situation nicht, das spürte ich förmlich. Der erste Angriff hatte ihm nichts anhaben können. Wahrscheinlich hatte er unter seinem dicken Panzer noch nicht einmal den Schlag von James’ Lanze gespürt. Sie war sogar zerbrochen, die Holzsplitter lagen noch im Sand. Die grünen Augen meines irischen Freundes funkelten vor Vergnügen hinter dem Sehschlitz seines Helms. Selbst die schwarze Feder auf der Haube wippte vergnügt mit jeder Bewegung des Pferdes.

Mir wurde bewusst, dass es Cathal tatsächlich Spaß gemacht hatte, den berühmten James Douglas in den Sand zu schicken. Auf diesen Moment hatte er sein Leben lang gewartet. Meine Miene blieb unverändert ernst, obwohl ich ihm den Sieg gönnte. Im Tjost war Cathal bisher ungeschlagen geblieben.

Ich ließ mir meine Gedanken nicht anmerken, als ich wieder in James’ Gesicht blickte. Er wirkte irritiert, hatte er doch bemerkt, dass ich an ihm vorbeisah. Dabei hatte ich nur den Moment genutzt, in dem er mir vor Scham nicht in die Augen schauen konnte. Auf den ersten Blick hatte er sich nichts gebrochen. Die Rippen könnten in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Das erklärte auch seine Benommenheit. Sicher hatte er auch Schmerzen. Ich zog meine Hände geistesgegenwärtig wieder zurück, als ich merkte, dass ich ihm helfen wollte. Es wäre ihm zu weit gegangen, vor aller Augen von seiner Frau angefasst zu werden. Ich ließ es dabei bewenden. Später im Zelt würde ich ihn genauer untersuchen.

James, der sich von seinem Knappen aus der Arena tragen ließ, war kein Gegner mehr. Mit einer Handbewegung hatte er das Schiedsgericht wissen lassen, dass er seine Niederlage anerkannte. Das tat ihm sicher mehr weh als seine Rippen.

Jetzt musste ich doch ein wenig schmunzeln.

Nicholas de Verdun hatte sich im zweiten Halbfinale des Franzosen schneller entledigt, als dem lieb war. Der junge Ritter war zwar ein achtbarer Gegner, aber für den erfahrenen Verdun waren seine Reitkünste nicht ausreichend, um ihn zu besiegen. Selbst der geschickte Schlenker mit seinem Pferd kurz vor dem Aufprall der Lanzenspitze hatte nicht den gewünschten Effekt. Er verlor an Geschwindigkeit und damit die Kraft für einen eindeutigen Punkt.

Dafür bescherte Verduns Trick ihm im zweiten Anlauf den Sieg. Seine Waffe traf den Franzosen zuerst gezielt auf dem Schild, zerbrach, und Sir Nicholas de Verdun trieb dem Gegner das gesplitterte Ende seiner Lanze unter die Achsel. Dort war der Brustharnisch offen. Der Stich mit dem stumpfen Ende verletzte den jungen Franzosen nicht nur, sondern stieß ihn seitlich aus dem Sattel.

Für ihn war das Turnier mit dieser Verletzung erledigt. Das Nachsetzen mit der gesplitterten Waffe war vielleicht nicht ritterlich, erfüllte aber seinen Zweck. Nicholas de Verdun war nicht zimperlich. Die Augen der Königin und des Hofstaats waren auf ihn gerichtet. Er war der Einzige aus der Ritterschaft der Krone Englands, der noch im Turnier war. Nach der Niederlage des Franzosen hatte er jetzt nur noch einen Gegner, der ihm den Sieg streitig machen konnte. Und Verdun war sich sicher, dass er auch gegen diesen einen Heimsieg für das englische Königreich erzielen konnte.

Abschätzend blickte der skrupellose englische Recke auf seinen nächsten Gegner, den Sieger aus dem vorherigen Kampf gegen James Douglas. Selbst für Sir Nicholas war der zu Boden gegangene schottische Ritter ein Held, hatte er doch alle wichtigen Schlachten gegen König Edward gewonnen. Ein Mann von großer Ehre und tadellosem Ruf.

Ausgerechnet ein Ritter ohne Banner und Namen hatte ihn besiegt. Einfach so. Wie aus dem Nichts hatte er einen der mächtigsten Teilnehmer aus dem Sattel gestoßen. Jetzt wollte sich der schwarze Ritter mit Verdun im Finale messen. Zugegeben, es war ein ausgesprochen großer und massiger Kämpfer, der sich gezielt seinen Weg durch die brutalen Spiele gebahnt hatte. Verdun wäre gern stattdessen gegen James Douglas geritten, aber das Schicksal meinte es anders, und er würde nicht den Fehler machen, diesen unbekannten Gegner zu unterschätzen.

Es war inzwischen Nachmittag geworden. Eine leichte Brise vertrieb die sengende Hitze, aber die drückende Luft nahm ihm unter seiner Rüstung den Atem. Es war, als zöge ein Gewitter auf, aber keine Wolke machte sich breit. Vielleicht war es ja auch die Erregung, die ihn so schwer atmen ließ. Unter dem Eisen seines Helms hörte er seine eigenen hektischen Atemzüge.

Nach der Niederlage des Franzosen hatten die Musiker zunächst noch ein wenig aufgespielt. Die Zuschauer konnten sich erleichtern oder etwas essen und trinken. Schließlich sollte es den Gästen an nichts mangeln. Jetzt hatte der Herold ein weiteres Mal Verduns Namen und Titel ausgerufen. Bei dem schwarzen Ritter blieb er – wie zuvor schon – stumm.

Aufmerksam beobachtete Verdun von seinem Platz aus, wie die Helfer die Arena ein weiteres Mal für das Aufeinandertreffen richteten. Bisher hatte sich die Teilnahme für ihn ausgezahlt. Prächtige Rösser und Rüstungen hatte er auf dem Weg in dieses letzte Duell siegreich erkämpft. Jetzt freute er sich schon diebisch auf das prächtige Tier seines Gegners.

Seltsam, dass niemand auch nur die leiseste Ahnung hatte, wer der fremde Kämpfer war. So angestrengt seine Beobachter das schlichte Turnierzelt des unbekannten Ritters im Auge behalten hatten, der Kämpfer hatte sich keine Blöße gegeben. Vielleicht war es richtig, was die Leute tuschelten?

Es könnte ein Lord oder gar ein König aus einem anderen Land vor ihm stehen. Aber wollte er sich mit den besten Rittern messen, ohne sein Gesicht zu zeigen? Man munkelte, dass sich der römisch-deutsche König Ludwig IV. gern unter solche Turniere mischte, um seinen Ruf zu nähren. Würde er sich zu erkennen geben, wenn es denn so wäre? Die Vorzüglichkeit seiner Kampfkunst, die teure Aufmachung sprächen dafür. Auch wenn er ein König war, Verdun würde ihm jetzt eine Niederlage bescheren. Seine Selbstsicherheit speiste sich aus seinen bisherigen Erfolgen. Noch nie hatte er ein Duell verloren. Trotzdem hatte er jetzt ein eigenartiges Gefühl im Magen. Je näher er sich seinem Ziel wähnte, dieses Turnier für sich und seine Königin zu entscheiden, desto mehr Unbehagen verursachte ihm dieser Unbekannte. Seine Geschicklichkeit hatte sich im versierten Ausschalten eines der besten Kämpfer gezeigt. Sollte es womöglich Verduns erste Niederlage werden?

Seine Beteiligung war seine größte Chance, die Aufmerksamkeit des Königshofs zurückzugewinnen. Edward II., zu dessen Lebzeiten er gegen die Schotten gekämpft hatte, hatte ihm eine Karriere am Hofe in Aussicht gestellt. Der Sieg auf dem Schlachtfeld im irischen Faughart gegen Edward de Bruce hatte ihm die Gunst des damaligen Königs eingebracht. Lord John de Bermingham persönlich hatte den jungen Verdun 1318 mit einem Empfehlungsschreiben nach London entsandt. Seine Karriere am Hofe als königstreuer Ritter in Edwards elitärem Führungskreis hatte jedoch nur vier Jahre später mit der schmählichen Niederlage der englischen Armee in der Schlacht in Byland ein jähes Ende genommen.

Dieser verdammte Robert de Bruce hatte mit seiner Armee einmal mehr das Recht auf ein eigenständiges Schottland verteidigt und dem englischen König Edward II. einen dreizehnjährigen Frieden abgerungen. Nicholas de Verduns Liebe zu den Schotten hatte sich schon immer in Grenzen gehalten, aber seither ganz besonders. Er war nicht in Byland dabei gewesen, aber die Autorität Schottlands war ihm ein Dorn im Auge.

Nicht nur das. Der zweite und unrühmlichste Punkt in Nicholas de Verduns Karriere war die offene Liebesbeziehung Königin Isabellas zum schmierigen Roger Mortimer von Wigmore. Das unzüchtige Paar vertrieb den schwachen Edward vor den Augen seines eigenen Volkes aus London. Als königstreuer Ritter kämpfte Verdun um seine Stellung am Hofe. Hielte er seine Loyalität gegenüber dem fliehenden König aufrecht, würde er in Ungnade fallen. Aber er hatte ihm die Treue geschworen. Ein Fluch glitt ihm über die Lippen.

Das weibische Gehabe von Englands Oberhaupt galt selbst in den Augen seiner Unterstützer als untragbar. Vor allem, als er dem Wunsch seines Liebhabers nachkam, Magnaten und einflussreiche Adelige als Strafe für ihre Rebellion gegen ihn zu entmachten. Erzürnt hatten einige dem ungeliebten König die Treue versagt. Königin Isabella hatte sich gegen ihren eigenen Ehemann auf die Seite des reichen Adels gestellt.

Mit Unterstützung ihres Geliebten Roger Mortimer nutzte die kluge Isabella die Gunst des Augenblicks. Sie jagte ihren eigenen Mann mit den Truppen Mortimers und sympathisierender Barone durch halb England. Nach der Festnahme Edwards Ende November 1326 brachte die Königin ihren eigenen Mann zur Anklage. Durch ihre Anhänger in den Reihen des Adels zwang sie den gefallenen Herrscher, zugunsten seines Sohnes abzudanken. Der junge Edward III. hatte Ende Januar 1327 seinen Vater als König abgelöst, und Nicholas de Verdun hatte seinen Posten als Günstling verloren.

Er fluchte und schwitzte unter seiner Haube. Rinnsale von Schweiß liefen von seiner Stirn die Wangen herab und sammelten sich auf seiner Brust. Aber das spürte er im Moment nicht mehr. Die Aufregung schoss ihm ins Blut. Wieder meldete sich sein Magen mit einem ungehörigen Wabern. Mit tiefen Atemzügen überwand er sein Unwohlsein. Noch war sein Helm geöffnet, um ihm ein wenig Luft zu verschaffen. Doch das sollte gleich vorbei sein.

Der Sandboden in der Arena von Smithfield bewegte sich in der aufkommenden Brise, und Staubkreisel zogen über die Oberfläche. Zahlreiche Helfer hatten den von vielen Hufen aufgewühlten Boden wieder geglättet. Ross und Reiter litten an diesem heißen Tag gleichermaßen unter der schweren Last der Panzerung. Blinzelnd starrte Verdun in das Publikum, das sich um ihn herum drängte. So war er Zeuge, als die Zuschauer wie elektrisiert aufsprangen. Frenetischer Jubel brach aus, als sein Gegner hereingeführt wurde.

Das ist ein Unbekannter, ein Niemand!, schoss es Verdun wütend durch den Kopf. Sein vernichtender Blick heftete sich auf den Ritter auf dem großen schwarzen Pferd, der nun im Zugang zwischen den Tribünen auftauchte. Aus der schweren Panzerung sah er nur die vier schwarzen Beine herausragen. An den Fesseln zeigte sich eine zottelige Behaarung. Stolz reckte das Tier den Kopf nach oben, wie sein Reiter, dessen Kontur auf Nicholas de Verdun mächtig wirkte. Fast wie eine Teufelsgestalt, ging es ihm durch den Kopf. Ein Dämon in einer schwarzen Rüstung.

Stumm und bedrohlich blieb er ihm gegenüber stehen. Die Damen jubelten und kreischten. Hass kroch dem Engländer in den Bauch. Eifersucht tobte in seinem Herzen. Düster blickte er auf die Frauen, die um die Gunst seines Gegners buhlten. Nach dem finalen Kampf würde er jede dieser Frauen dort auf der Tribüne haben können. Nicholas de Verdun würde diesem aufgeblasenen Gecken zeigen, wo sein Platz war: auf dem Sand zu seinen Füßen.

Mit bester Absicht setzte Verdun sein Pferd in Bewegung und trabte in Richtung Tribüne. Anerkennender Applaus begleitete seine Grüße an den Adel und die Königin. Zumindest hatte er den Rückhalt von seinem Volk, dachte er zufrieden. Kein Engländer hatte es so weit wie er in diesem Turnier geschafft. Heute sollte ein englischer Ritter den Sieg für seine Königin erringen. Dafür wollte er sich von ihr ein Pfand holen, es stand ihm zu. Sein ehrgeiziges Ziel war Isabella, die lachend und scherzend mit ihrem Liebhaber im Schatten der Tribüne saß.

Ein Raunen ging durch das Publikum. Erst jetzt bemerkte die Königin Verduns Vorhaben. Es war frech und unziemlich, sich als gewöhnlicher Ritter um die Gunst der Königin zu bewerben. Aber darum scherte er sich nicht. Er würde dafür sorgen, dass sein Name Erinnerungen in ihr weckte.

Mit dem Mut eines echten Ritters ließ er sein Pferd direkt vor der Ehrenloge der Königin, die verschämt lächelte, stehen bleiben. Er zog seinen Helm und neigte den Kopf. Ihr Begleiter Sir Mortimer war für einen Moment sprachlos über die Direktheit dieser Geste. Aber anscheinend war Isabella von seinem Mut angetan, denn sie zog einen ihrer Ringe vom Finger und ließ ihn an den mutigen Ritter weiterreichen. Nicht nur das, sie wünschte ihm sogar eine sichere Hand für den bevorstehenden Kampf. Dabei musterte sie den athletischen Kämpfer eingehend hinter ihrem Fächer.

Nicholas de Verdun triumphierte innerlich. Nach außen hin gab er seiner Königin mit einem höflichen Lächeln zu verstehen, dass er sich über ihre Gunst freute. Mit diesem Ring hatte er sich den Zugang in die höchsten Kreise der höfischen Gesellschaft eröffnet. Vielleicht würde Isabella seine Fertigkeiten endlich anerkennen und ihm Ländereien und Ansehen zugestehen. Mit der freien Hand steckte er sich den Ring an den kleinen Finger und zog den Handschuh wieder darüber.

Mit neuer Zuversicht wandte er sein Pferd, setzte sich den Helm wieder auf und ritt auf die Ausgangsposition zu. Sein Gegner stand bereits mit gesenkter Lanze dort und schien geduldig auf ihn zu warten. Jetzt gab es nur noch sie beide. Das Turnier neigte sich seinem Höhepunkt und damit dem Finale zu.

Ein Raunen ging durch die Menge. Alle schienen die Spannung zu spüren, die sich plötzlich auf die Menschenmasse legte. Cathal, Provinzialkönig von Connacht, durfte sein Visier trotz der Hitze nicht öffnen. Seine schwarze Hautbemalung im Gesicht und am Kopf hätten ihn sofort verraten. Und Aufsehen konnte er hier nicht brauchen. Er freute sich darauf, seinem Todfeind Nicholas de Verdun in einem fairen Kampf das Leben zu nehmen. Dies und nichts anderes hatte er vor, und es sollte so aussehen, als wäre der edle Ritter im Kampf durch die Hand eines Unbekannten gestorben.

Heute war sein Tag – endlich. Nicholas de Verdun würde seine gerechte Strafe ereilen. Vor über zehn Jahren hatte er Cathal und seine Mannen unweit der Burgruine Mag Lurgh am Loch Key in eine Falle geführt. Viele seiner Freunde und Kampfgefährten waren kläglich unter englischer Hand gestorben – nicht im Kampf, sondern sie wurden von Verdun hingerichtet wie Schafe auf der Schlachtbank. Verbitterung saß wie ein Stachel in Cathals Fleisch. Verdun hatte ihm nicht nur gute Männer genommen, sondern auch seine Ehre. Cathal hatte seine Freiheit allein Enja zu verdanken, die ihn samt dem kläglichen Rest seiner Leute von dem Schiff entführt hatte, das ihn auf seine letzte Reise zum englischen König hatte bringen sollen. Er biss sich auf die Lippen. Sie hatte damals ihr Leben riskiert, um das seine zu retten. Jetzt lag es in seiner Hand, die Geschehnisse von damals zu rächen und den frevelhaften Tod seiner Gefährten zu sühnen.

Der Rappe unter Cathal war ein zuverlässiges Tier, kräftig und geduldig. Er hatte ihn bereits einige Male über den Sandplatz getragen und fürchtete sich weder vor wehenden Fahnen oder dem Lärm der Zuschauer noch vor dem Scheppern von Metall auf Metall.

Stille setzte ein. Keiner der Zuschauer wollte den letzten Kampf verpassen. Selbst die herumschwirrenden Fliegen zogen keine Aufmerksamkeit mehr auf sich.

Der Herold gab das Zeichen zum Start, einen Trommelwirbel, und Cathal gab die Zügel frei. Für diesen Rappen brauchte er nicht einmal die Sporen, um ihn aus dem Stand in den Galopp zu setzen. Diesmal entfuhr ihm ein triumphierendes Brüllen, ein sicherer Sieg trug ihn vorwärts. Wie in einem Tunnel blickte er durch die Sehschlitze auf seinen Gegner, der in den goldenen und roten Farben des Königs herangaloppierte. Sandkristalle glitzerten, als sie durch die Luft stoben. Cathals Atem ging stoßweise. Sein mächtiger Arm mit der Lanze spannte sich an. Das schwere Schild lag wie eine Mauer vor seiner Brust. Cathal erwartete jede Sekunde den Aufschlag. Und er kam. Wie ein Stein durchschlug der vordere Teil der gegnerischen Lanze seinen Schild und traf ihn seitlich in Höhe des Brustkorbes. Für einen Moment nahm es ihm den Atem, und er ließ seine Holzlanze fallen. Cathal schwankte, aber er fiel nicht. Er rang um Luft. Seine Lunge war wie gelähmt. Erst, als er flach zu atmen begann, konnte er sich ein Bild davon machen, was passiert war.

Die Spitze seiner Waffe war Verdun genau in den Sehschlitz gedrungen. Seine Lanze hatte eine spezielle Präparierung für dieses eine Duell. Normalerweise splitterten die Holzwaffen beim Aufprall, aber diese hier nicht. Im Gegenteil, sie entwickelte sich zu einer spitzen und tödlichen Waffe, sobald sie die äußeren Ränder verlor. Die Kampfrichter hatten nichts von der Manipulation bemerkt und auch nicht erwartet.

Cathal hatte auf den Sehschlitz gezielt, durch die Wucht des Aufpralls hätte sein Gegner normalerweise den Helm verloren oder sogar das Bewusstsein. Aber durch die Verwendung eines harten Kerns im sonst weichen Holz schob sich die Spitze durch den schmalen Schlitz und drang durch Verduns Augapfel. Cathal hatte den Todesstoß mit Enja lange geübt. Es sollte wie ein Versehen aussehen. Ein Splitter, der sich gelöst hatte und in den Kopf drang. In Wirklichkeit war es ein gezieltes Manöver, um ihn zu töten. Mit Präzision und Härte ausgeführt, die nur ein Mann hatte, der seine Kraft richtig einzusetzen vermochte. Und der über die richtige Motivation verfügte.

Nicholas de Verdun fiel von seinem Pferd, ohne das Bewusstsein wiederzuerlangen. Der gepanzerte Körper schlug hart auf und blieb seltsam verrenkt liegen. Cathal genügte ein Blick auf das Blut, das aus dem Helm sickerte, um zu wissen, dass er tot war. Seine Lanze hatte ihre Bestimmung gefunden.

Die Knappen beeilten sich, dem Publikum einen weiteren Anblick der Leiche zu ersparen und trugen den schwere Körper mitsamt der Rüstung hinaus. Erst jetzt begriffen die Zuschauer, dass der Kampf vorbei war, und bejubelten den Sieger mit tosendem Applaus. Nicholas de Verdun war zu diesem Zeitpunkt schon vergessen. Cathal O’Conchobhar war als Ritter ohne Namen in den Köpfen der Zuschauer geblieben. Sein Gesicht blieb verborgen hinter seinem Visier und hinterließ viele Fragen. Nur kurz grüßte er die Königin und ihr Gefolge mit einem Nicken. Mehr brauchte es nicht, um zu zeigen, dass er seinen Sieg dem jungen Hochzeitspaar widmete.

Cathals Name war unter den Rittern dieses Landes ebenso gefürchtet wie der von James Douglas. Diesen weiteren Sieg musste er nicht auf seine persönliche Liste setzen. Er war dem Tod seines Erzfeindes geschuldet. Eine Welle der Dankbarkeit überrollte ihn, die Aufregung und den Jubel um seine Person nahm er gar nicht mehr wahr. Sein Blick ging hinüber zur Tribüne zu Enja. Diese eine Person, der er seinen Sieg gern gewidmet hätte, war nicht hier. Seine Freundin, die ihm mit minutiöser Vorbereitung diesen Sieg ermöglicht hatte. Und damit auch den Tod Verduns durch seine Hand. Sie war vermutlich bereits im Duell zuvor mit ihrem verletzten Mann vom Platz gegangen, um sich um ihn zu kümmern. Bestimmt war ihr klar gewesen, dass Cathal gewinnen würde. Sie hatte es ihm immer wieder versichert. Wie so oft war Enjas genialer Plan aufgegangen.

Kapitel 2

Irland, Castle Dunguaire, 1328 – Ein paar Monate vor dem Turnier in Smithfield

Ich gebe zu, die vergangenen Jahre sind nicht ohne Spuren an mir vorübergegangen. Kriege und Konflikte sowie meine zerrissene Kindheit prägten mein Leben. Verluste und Sorgen hatten meine Seele gestählt wie der Schmied das Eisen. Mein Körper zeigte nach fünfundvierzig Jahren die Zeichen des Alterns. Das Leben im Sattel, die Härte jener Zeit und vor allem die Kämpfe hatten Spuren hinterlassen. Unwillkürlich griff ich an mein rechtes Ohr, von dem nur noch die Hälfte übrig war. Den unteren Teil hatte mir die Assassine Rabia vor vielen Jahren abgeschnitten. Möge sie in der Hölle schmoren …

Über meine Wange zog sich eine Narbe, einst ein klaffender Riss von einem Schlag mit dem Eisenhandschuh durch Nicholas de Verdun. Leider war er nie richtig vernäht worden und prangte deshalb als sichtbare Hautverdickung auf meiner linken Gesichtshälfte. Ich trug die Zeichen meiner Vergangenheit mit Stolz, denn kein Krieger hatte ein Gesicht wie ein Knabe. James pflegte zu sagen, Narben seien eine bleibende Erinnerung von Stolz und Tapferkeit. Da gab ich ihm ausnahmsweise einmal recht.

Trotz aller Widrigkeiten waren unsere Kinder erwachsen geworden und nun selbst Eltern geworden. Sosehr ich sie in Sicherheit und Gesundheit wissen wollte, auch sie würden eines Tages ihren Weg gehen müssen. Ich konnte sie nur zu Menschen formen, die imstande waren, alle Hürden zu meistern. Manchmal schaffte ich dies mit Worten, manchmal aber auch mit Härte.

Die Zukunft war für mich als junger Mensch noch so weit und nicht greifbar gewesen. Jetzt spürte ich, dass mir die Zeit davonlief. Dass mir bestimmte Dinge mehr bedeuteten als früher. Und andere weniger. Mein Leben hat mich gelehrt, wie wichtig Liebe, Freundschaft und Demut waren. Als Kind hatte ich mir geschworen, niemals meine Freiheit aufzugeben. Dafür hatte ich gelebt und gelitten. Menschen getötet. In den vielen Jahren hatte ich mich dann doch verändert. Die Leichen, die ich hinterließ, wurden weniger. Nur noch selten nahm ich mir die Freiheit, anderen das Leben zu nehmen. Viel mehr Freude machte es mir inzwischen, Leben zu bewahren und zu heilen.

Mein Blick fiel auf die Anhöhe, die mir von früher so bekannt war. Es war ein plateauförmiger Hügel. Ein Weg führte uns sanft hinauf auf das bewaldete Stück, das uns ein wenig Schatten für unsere Kampfübungen spendete. Der spektakuläre Sonnenaufgang mit lila Wolken über dem Firmament kündigte einen sonnigen Frühlingstag an, und wir wollten nicht bis zur Mittagshitze warten. Daher waren wir nach dem Morgengebet zur fünften Stunde aufgebrochen.

Der Hügel war so klein, er hatte nicht einmal einen Namen. Er befand sich nicht weit der irischen Burg Dunguaire, dem Familiensitz des irischen Geschlechts der O’Conchobhars. Stolz und erhaben ragte aus der Ferne der massive Turm, der die Burg beherrschte, im Dunst des Morgennebels auf und bewachte die Nordküste Schottlands. Dunguaire befand sich im Besitz meines Freundes und Provinzialkönigs Cathal O’Conchobhar, der mir seit unserer gemeinsamen Jugend im Orient verbunden war. Mit ihm an meiner Seite war ich als junge Assassine nach Schottland gereist. Noch mehr als für James wäre ich für ihn durch jedes Feuer gelaufen.

Mein Blick wanderte zu ihm, der auf einem bildschönen Rappen stumm neben mir her ritt. Sein Blick war geradeaus gerichtet, und er wirkte in Gedanken versunken wie ich. Vielleicht wurde auch er von Erinnerungen geflutet, die mit uns beiden zu tun hatten. Vielleicht dachte er über die Zukunft nach, die in Irland noch weniger absehbar war als in meiner Heimat Schottland.

Ich liebte Cathal, wie man seinen besten Freund lieben durfte. Unsere Freundschaft war so einzigartig wie er selbst. Sein auffallend großer Körper war durch jahrelanges Schwerterschwingen mit Muskeln bepackt. Seine Schultern waren so breit, dass er kaum durch eine normale Tür passte. Massige Beine verliehen ihm das Aussehen eines furchterregenden Kriegers. Dazu war seine Haut bemalt, was zusätzlich für Aufsehen sorgte. So beeindruckend er aussehen mochte, sein großes Herz war für mich das, was am meisten zählte. Das hatte er an Moira vergeben, meine beste Schülerin und Freundin. Und ein wenig davon behielt er für mich.

Als hätte er meine Gedanken gespürt, wandte er sein Gesicht und blickte mich mit seinen Augen an, die so grün funkelten wie die irischen Seen. Das war eigentlich das Schönste an Cathal – die Augen. Sie waren der Spiegel seiner Seele, und dafür hatte ich eine Schwäche. Ansonsten war Cathal nicht gerade mit gutem Aussehen gesegnet. Eine breite Nase dominierte sein kantiges Gesicht, das fast komplett mit schwarzer Farbe bemalt war. Er war der perfekte Krieger. Das zählte für mich mehr als sein Aussehen. Trotzdem stellte ich fest, dass bei ihm eine Veränderung stattgefunden hatte. Seit einiger Zeit trug er einen gestutzten weißen Vollbart, der gegen die schwarze Hautbemalung stark hervorstach. Sein Haupthaar dagegen hatte er wie immer glatt geschoren. Vermutlich war es ihm schon vor längerer Zeit ausgegangen. Wie ich hatte er sein halbes rechtes Ohrläppchen verloren.

Cathal bemerkte jetzt, dass ich ihn schon eine Zeit lang betrachtet hatte, und ein leises Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Liebe und Vertrautheit brauchten keine Worte. Dies war schon immer so gewesen, und wir mussten uns dessen nicht versichern. Dem sanften Hünen war diese Art der wortkargen Kommunikation gerade recht. Ich lächelte zurück.

Unsere morgendlichen Kampfübungen hatten eine lange Tradition. Dadurch und mit einer speziellen Medizin hatte ich ihn erst zu diesem Mann gemacht, der er heute ist. Cathal war als jugendlicher Eunuch zu Hassan I’Shabbahs Assassinen gekommen. Mit meiner Hilfe hatte er sich mit seinem Körper zurechtgefunden und seine Wut in Stärke verwandelt. Sein Geheimnis teilten nur wenige Vertraute. Sein Herz noch weniger.

Wortlos banden wir die Pferde an den knorrigen Eichenbaum, der auf diesem Hügel seit Jahrzehnten Schatten spendete. Dann folgten wir einem immer gleichen Ritual, das uns seit dem Beginn unserer Freundschaft verband. Wir überprüften die Waffen, legten unsere Mäntel ab und wärmten unsere Muskeln mit ein paar Liegestütze auf. Dehnung und Aufwärmen waren für mich immer wichtiger geworden, je älter ich wurde. Auch Cathals Muskeln nahmen an Masse ab. Er musste immer härter trainieren, um seine immense Kraft zu erhalten.

Cathal wollte sich an diesem Morgen seine Wut aus dem Körper trainieren. Darin war er richtig gut. Ich spürte körperlich, wie es in seinem Inneren vibrierte. Wie ihn die Sorgen zerrissen, die er nicht beeinflussen konnte. Im Gegensatz zu seiner Frau war er nicht gut darin, über seine Gefühle zu sprechen. Mein Freund ließ lieber sein Breitschwert für sich sprechen, und ich war froh, in ihm einen würdigen Gegner gefunden zu haben.

Cathal hatte mich wegen Moira nach Irland rufen lassen. Seiner Frau gehe es nicht gut, ließ mich ein Bote wissen. Moira war nicht nur Cathals Ehefrau, sie war für mich auch eine alte Freundin, die erfolgreich meinen Weg der Heilslehre beschritten hatte. Natürlich war ich sofort Cathals besorgtem Ruf gefolgt und nach Irland gesegelt. Zum ersten Mal seit acht Jahren hatten wir uns hier in Dunguaire wiedergesehen, so lange war ich nicht mehr in Irland zu Besuch gewesen. Ein Umstand, den ich in diesem Moment bereute, denn unsere Freundschaft war mir immer wichtig gewesen.

Moiras Anblick nach nur wenigen Monaten Krankheit hatte mich sehr besorgt. Ihre Schultern waren eingesunken, ihr Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, und ihre Hände sahen aus wie die einer alten Frau, die ihr Leben lang hart gearbeitet hat. So war es auch. Trotzdem hatten mir ihre Lebensfreude und ihre Schönheit schon immer den Atem geraubt. Ich wusste nicht genau, wie alt Moira war. Geschätzt war sie zwar weit älter als ich, aber so, wie sie damals vor mir gelegen hatte, hätte ich sie für eine Greisin gehalten. Wie konnte ein Körper so schnell zerfallen?

Ich hatte mich nach meiner Ankunft in Dunguaire in dem abgedunkelten Schlafbereich neben ihr Bett gesetzt und ihre kalte Hand genommen. Es war die Kammer der Eheleute gewesen, aber Cathal schien hier nicht mehr zu schlafen. Moira lag verloren in dem riesigen Bett, das nur für eine Person gerichtet war. Eine Kerze brannte auf dem Nachttisch. Sie war das Einzige in diesem Raum, dem noch Leben innewohnte.

Die Ehefrau Cathals hatte in meiner Erinnerung stets vor Kraft und Energie gestrotzt. Trotz ihres Status als Provinzialkönigin hatte sie unermüdlich für die Kranken und Schwachen gearbeitet. Sie hatte Kindern auf die Welt geholfen und Pestkranke begleitet, einige Kriege erlebt und viele Menschen sterben sehen. Jetzt fehlte die Lebensfreude in ihren Augen, die ich sonst immer hatte spüren können, egal wie hart die Zeiten waren. Ihre Iris hatte die Farbe von reifem Honig, jetzt war sie trüb und farblos.

Moiras Haut war so bleich wie das Bettlaken, in dem sie lag. Faltige Haut umspannte ihre Arme und Beine. Sie war immer eine sehr weibliche Frau gewesen mit Rundungen an den richtigen Stellen. Jetzt war nur noch die Hälfte dessen übrig,