DAS VERSCHWUNDENE KIND VON HILLTOWN - Mara Laue - E-Book

DAS VERSCHWUNDENE KIND VON HILLTOWN E-Book

Mara Laue

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Beschreibung

Als die kleine Katie aus dem Kindergarten entführt wird, gerät Brenda Spense, die Schwester von Investigativ-Journalist Bruce Borthwick, in Verdacht. Sie hatte mehrfach heftigen Streit mit der Mutter und kein Alibi für die Tatzeit. Aber auch die Mutter hat etwas zu verbergen, und eine Lösegeldforderung bleibt aus. Wurde Katie für eine illegale Adoption verkauft? Hat die demente Großmutter mit ihrem Verschwinden zu tun? Oder weiß Brenda doch mehr, als sie sagt? Gegen den Willen seiner Schwester beginnt Bruce zusammen mit seinem Freund, Inspector Monty Sutherland, zu ermitteln. Doch als sie dem Entführer auf die Schliche kommen, wird die Suche nach der Wahrheit zu einem Wettlauf gegen die Zeit, denn der Entführer sieht nur noch einen einzigen Ausweg, um seine Haut zu retten: Katie muss sterben... DAS VERSCHWUNDENE KIND VON HILLTOWN ist ein spannender Schottland-Krimi aus der Feder der deutschen Thriller-, Science-Fiction- und Fantasy-Autorin Mara Laue (Jahrgang 1958), die bereits über 50 Romane und mehr als 100 Kurzgeschichten veröffentlicht hat.

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MARA LAUE

 

 

DAS VERSCHWUNDENE KIND VON HILLTOWN

 

 

 

 

Roman

 

 

 

 

Signum-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Impressum 

Das Buch 

DAS VERSCHWUNDENE KIND VON HILLTOWN 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Epilog 

Schottland und seine Sprachen 

Dundee 

Schottische Namen 

Danksagung 

Impressum

 

Copyright © 2023 by Mara Laue/Signum-Verlag.

Lektorat: Dr. Birgit Rehberg

Cover: Copyright © by Christian Dörge.

 

Verlag:

Signum-Verlag

Winthirstraße 11

80639 München

www.signum-literatur.com

[email protected]

Das Buch

 

 

Als die kleine Katie aus dem Kindergarten entführt wird, gerät Brenda Spense, die Schwester von Investigativ-Journalist Bruce Borthwick, in Verdacht. Sie hatte mehrfach heftigen Streit mit der Mutter und kein Alibi für die Tatzeit. Aber auch die Mutter hat etwas zu verbergen, und eine Lösegeldforderung bleibt aus. Wurde Katie für eine illegale Adoption verkauft? Hat die demente Großmutter mit ihrem Verschwinden zu tun? Oder weiß Brenda doch mehr, als sie sagt?

Gegen den Willen seiner Schwester beginnt Bruce zusammen mit seinem Freund, Inspector Monty Sutherland, zu ermitteln. Doch als sie dem Entführer auf die Schliche kommen, wird die Suche nach der Wahrheit zu einem Wettlauf gegen die Zeit, denn der Entführer sieht nur noch einen einzigen Ausweg, um seine Haut zu retten: Katie muss sterben...

 

Das verschwundene Kind von Hilltown ist ein spannender Schottland-Krimi aus der Feder der deutschen Thriller-, Science-Fiction- und Fantasy-Autorin Mara Laue (Jahrgang 1958), die bereits über 50 Romane und mehr als 100 Kurzgeschichten veröffentlicht hat. 

DAS VERSCHWUNDENE KIND VON HILLTOWN

 

  Erstes Kapitel

 

 

Freitag, 3. Mai

 

»Du blöde Sau!« Der Beleidigung folgte ein scheppernder Krach.

Beth Fletcher stellte die Teekanne ab, ging zum Küchenfenster und sah hinaus. Vor dem Kindergarten auf der anderen Straßenseite standen sich zwei Frauen gegenüber. Die eine, eine kurzhaarige Blonde, stieß ihr kleines, vielleicht dreijähriges Mädchen, der brünetten Kindergärtnerin so heftig entgegen, dass das Kind gestürzt wäre, hätte diese es nicht aufgefangen. Eine Mülltonne lag bereits umgekippt auf dem Bürgersteig, was wohl die Ursache für den Krach gewesen war. Und das am frühen Morgen. Beth schüttelte den Kopf.

»Sie haben keinen Grund, Ihre Wut an Katie auszulassen, Mrs Nolan«, rügte die Brünette mit erhobener Stimme. »Ich mache die Vorschriften nicht. Der Kindergarten schließt um sechs, und die Kinder müssen bis spätestens dahin abgeholt werden. Sie sind in dieser Woche bereits dreimal zu spät gekommen und die Woche davor ebenfalls. Gestern waren Sie erst um sieben Uhr da. Das geht so nicht. Entweder Sie holen Katie ab sofort pünktlich ab oder Sie suchen sich einen anderen Kindergarten. Ich bezweifle allerdings, dass man es sich anderswo gefallen lässt, dass Ihretwegen fast täglich jemand Überstunden machen muss.«

Die Erzieherin drückte das kleine Mädchen an sich und schützte sie mit einem Teil ihres grauen Regenmantels vor dem leichten Nieselregen, der vor ein paar Minuten eingesetzt hatte. Beth fand, dass der wadenlange rote Rock, den sie darunter trug, ein wohltuender Farbtupfer an diesem allzu grauen Morgen war. Die blonde Frau – Mrs Nolan – trug einen schwarzen Regenmantel, der die Kleidung darunter verdeckte. Schwarz – wie die Wolke aus Wut, die die Mutter des Kindes ausstrahlte.

»Leck mich doch am Arsch!«, brüllte sie die Kindergärtnerin an.

»Ihre Beleidigungen machen die Sache nicht besser«, konterte diese. »Und noch was, Mrs Nolan. Katie ist verhaltensauffällig in einer Weise, die mich zu dem Schluss bringt, dass sie von einem Kinderpsychologen untersucht werden sollte.«

Mrs Nolan holte aus und knallte der Kindergärtnerin eine saftige Ohrfeige, dass diese beinahe das Gleichgewicht verlor. »Du verlogenes Miststück! Willst mir Schwierigkeiten machen? Nur weil ich nicht so gut angezogen bin wie du, meinst du wohl, auf mir rumtrampeln zu können, was?«

Das Kind begann zu schreien, hoch und schrill wie es nur eine Kinderstimme fertigbrachte. Die Erzieherin versuchte vergeblich, das Mädchen zu beruhigen. Beth schüttelte erneut den Kopf. Mrs Nolan brachte ihr Kind erst seit wenigen Wochen zu den »Little Flowers«, und seitdem gab es täglich Streit mit ihr. Nicht nur mit der brünetten Kindergärtnerin. Aber Mrs Nolan schien die besonders auf dem Kieker zu haben.

»Mrs Nolan, wenn Sie...«

Die Frau schlug wieder zu. Die Kindergärtnerin schützte mit einer Hand ihr Gesicht, während sie mit der anderen das immer noch schreiende Kind an sich drückte und mit ihrem Körper abzuschirmen versuchte, denn Mrs Nolan nahm keine Rücksicht darauf, ob sie mit ihren Schlägen die Frau oder das Kind traf. Aus dem Kindergarten kamen zwei weitere Frauen gelaufen. Die Ältere, Mrs Singer, war, wie Beth wusste, die Leiterin von Little Flowers. Sie packte Mrs Nolan energisch am Arm und zerrte sie von ihren Opfern weg. Die schlug nun auch nach ihr und riss sich so heftig los, dass der fadenscheinige Stoff ihres Mantels am Ärmel der Länge nach an der Naht bis fast zur Schulter aufriss.

»Nun seht euch an, was ihr gemacht habt, ihr Arschlöcher!«, übertönte Mrs Nolan das Schreien ihres Kindes.

»Sie beruhigen sich auf der Stelle, Madam«, verlangte Mrs Singer scharf. »Und dann gehen Sie bitte. Wir werden uns ernsthaft überlegen, ob wir nach dem, was Sie gerade getan haben, Katie noch länger bei uns behalten können. Und eine Anzeige gegen Sie behalten wir uns ebenfalls vor.«

Die brünette Kindergärtnerin schaffte endlich, Katie zu beruhigen. Das kleine Mädchen presste sich an sie und hatte das Gesicht in ihrem roten Rock vergraben, wimmerte ängstlich und begann etwas zu singen, das Beth nicht verstehen konnte und dessen Melodie sie auch nicht kannte.

»Ich werde die Jugendfürsorge benachrichtigen, damit die mal Ihre Lebensumstände überprüfen, und dringend empfehlen, dass Katie einem Psychologen vorgeführt wird«, drohte die Brünette.

»Du verdammte...« Mrs Nolan versuchte erneut, sich auf die Frau zu stürzen, aber die beiden anderen Frauen drängten sie zurück.

»Sie reißen sich auf der Stelle zusammen, oder wir rufen die Polizei!«, drohte Mrs Singer. »Und jetzt gehen Sie endlich.«

Mrs Nolan trat den Rückzug an, nicht ohne den Frauen mit erhobener Faust zu drohen. »Das wird euch noch leidtun! Und besonders dir, Miststück!« Das galt der Brünetten. Abrupt drehte sie sich um und eilte davon, wobei sie fluchend den zerrissenen Ärmel zusammenzuhalten versuchte.

Die drei Erzieherinnen atmeten sichtbar auf.

»Dieses Weibsbild ist unerträglich!«, schimpfte die Brünette und presste die Hand auf die Wange, auf die Mrs Nolan sie geschlagen hatte und die sich bereits zu röten begann. »Man sollte es dieser Ziege mal so richtig heimzahlen! Und das würde ich mit dem größten Vergnügen persönlich tun! Ich bin wirklich dafür, dass...«

Sie gingen ins Haus und schlossen die Tür. Beth goss endlich den heißen Tee in ihren Becher. Während sie die Tageszeitung aus dem Briefkasten holte, kühlte er genug ab, dass sie sich nicht mehr den Mund daran verbrannte. Mit dem Tee und der Zeitung setzte sie sich an den Küchentisch am Fenster, schaltete das Radio ein und blätterte die Zeitung durch. Sie freute sich wieder einmal darüber, dass sie als Rentnerin endlich Zeit hatte, sie in aller Ruhe zu studieren, statt sie wie früher nur zu überfliegen, weil sie zur Arbeit musste.

Beth hatte sich aus ihrer Dienstzeit als Lehrerin ihre Liebe zu Kindern, ihr Interesse an der Welt und vor allem an Büchern bewahrt. Deshalb setzte sie sich, nachdem sie die Zeitungslektüre beendet, die Wohnung geputzt, ihren Einkauf erledigt und zu Mittag gegessen hatte, mit einem Buch in ihren Lieblingssessel am Wohnzimmerfenster, von wo aus sie die Straße vor dem Haus im Blick hatte. Ab und zu sah sie von ihrem Buch auf und schaute hinaus. Es regnete immer noch, und wer die Wahl hatte, hielt sich nicht im Freien auf.

Als sie wieder einmal nach draußen blickte, sah sie eine Erzieherin den Kindergarten verlassen. Sie hatte die Kapuze ihres grauen Regenmantels über den Kopf und tief ins Gesicht gezogen. Unter dem Saum des Mantels lugte ihr roter Rock hervor. Demnach musste das die brünette Kindergärtnerin sein, die sich heute Morgen mit Mrs Nolan gestritten hatte. An der Hand hielt sie deren Tochter, die sich von ihr mit mürrischem Gesichtsausdruck vorwärts ziehen ließ. Beth fragte sich, wohin die Frau mit dem Kind wollte. Wahrscheinlich zum Arzt. Oder zu einem Psychologen, wie sie der Mutter angedroht hatte.

Das Kind schaute zu Beths Fenster hin. Beth schob die Gardine zur Seite und winkte der Kleinen zu, aber das Mädchen reagierte nicht. Wahrscheinlich nahm sie nur den Regen wahr, der ihr ins Gesicht fiel, denn die Kindergärtnerin hatte ihr nicht einmal den Mantel geschlossen und auch nicht die Kapuze aufgesetzt. Beth fand das verantwortungslos. Sie schüttelte den Kopf und las weiter in ihrem Buch.

 

Das Smartphone klingelte. Monty Sutherland warf einen Blick auf das Display und stöhnte, als er sah, dass der Anruf von der Dienststelle kam. Er tippte auf den Empfangsbutton. »Muss das heute sein?«, fragte er ungehalten.

»Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie an Ihrem freien Tag störe, Sir«, sagte Detective Sergeant Willow Brodie, »aber wir haben ein aus einem Kindergarten in Hilltown verschwundenes Kind. Die Suche läuft bereits, hat aber noch nichts ergeben.«

»Anzeichen für ein Verbrechen?«

»Das scheint recht wahrscheinlich, Sir. Dafür spricht, dass nur dieses eine Kind verschwunden ist und die Türen und Fenster des Kindergartens so gesichert sind, dass kein Kind sie ohne Hilfe öffnen könnte.«

Monty stand aus seinem Sessel auf. »Ich komme sofort. Wohin?« 

»Little Flowers Kindergarten, Hilltown Ecke McDonald Street.« 

»Hilltown? Dafür ist doch das Revier von der Saint George Street zuständig. Liegt doch bei denen zwei Straßen weiter um die Ecke.«

»Ja, Sir. Aber die haben ab fünf Uhr geschlossen, und der Verlust wurde erst nach Dienstschluss gemeldet, weshalb unser Revier ran muss.«

»Ist DCI MacEwan schon informiert?«

»Ja, Sir. Er hat mir befohlen Sie – Zitat – ‚umgehend herbeizuschaffen’. Er trommelt alle zusammen, die er braucht.«

Monty seufzte. »Bin unterwegs.«

Er steckte das Phone ein und verabschiedete sich von seinen Plänen für das Wochenende. Denn bei einer mutmaßlichen Kindesentführung waren Wochenenden und Urlaub gestrichen. Er zog seine Regenjacke über und fuhr zum Kindergarten.

Little Flowers lag im Stadtteil Hilltown, nahe dem Zentrum von Dundee, nicht weit von der Mündung des River Tay in die Nordsee. Wenn der Wind günstig stand, konnte man das Meer riechen und von einigen der höher gelegenen Straßen aus die breite Flussmündung sehen. Doch heute tilgte der seit dem Morgen fallende Regen fast alle anderen Gerüche und die Sicht auf die Bay.

Monty parkte seinen Wagen hinter einem Streifenwagen auf der Hilltown direkt gegenüber dem Kindergarten, der von Schaulustigen belagert wurde. Und hinter den Gardinen der umliegenden Häuser zeigten Bewegungen und erkennbare Schattenrisse weitere Neugierige. Zwei uniformierte Beamte bewachten den Eingang des Kindergartens. Monty musste sich ihnen gegenüber nicht ausweisen, denn man kannte sich. Er nickte ihnen zu, ging ins Haus und folgte den Stimmen, die er aus einem Raum am Ende des Flurs hörte. Eine davon kam ihm sehr vertraut vor, obwohl er sie seit Jahren nicht mehr gehört hatte.

Oh, bitte nicht!

Doch sein Stoßgebet stieß höheren Ortes auf taube Ohren, denn die Frau, der die Stimme gehörte, war tatsächlich Brianna Borthwick, die Zwillingsschwester seines besten Freundes Bruce. Sie saß zusammen mit Willow Brodie und vier anderen Frauen an einem Tisch in der Küche, jede einen Becher dampfenden Tees vor sich.

Er hatte geglaubt, über Brianna hinweg zu sein, doch an dem eisigen Klumpen, der sich in seinem Bauch ausbreitete, erkannte er, dass dem nicht so war. Monty war mit Bruce und Brianna zusammen zur Schule gegangen. Als Kinder hatten sie jede freie Minute miteinander verbracht. Als Erwachsene war zwischen ihm und Brianna noch eine ganz andere Art von Anziehung hinzugekommen. Eine Zeitlang war Monty überzeugt gewesen, in ihr die Frau fürs Leben gefunden zu haben. Aber dann...

Die Erinnerung überflutete ihn, als hätten die Ereignisse von damals erst letzte Woche stattgefunden. Bruce war nach der Schule zum Militär gegangen, voller Stolz und Ideale. Und hatte erleben müssen, dass die nicht von allen geteilt wurden. Einige Vorgesetzte machten sich einen perversen Spaß daraus, Rekruten zu misshandeln. Statt das brutal geforderte Schweigegebot zu befolgen, tat Bruce das Richtige, sammelte Beweise und meldete die Sache den Vorgesetzten. Die die Angelegenheit zu vertuschen versuchten. Nachdem alle seine Bemühungen, das Ungeheuerliche innerhalb des Militärs zu regeln und zu unterbinden, fehlgeschlagen waren, verließ er die Armee und gab die Beweise an die Polizei und die Presse.

Mit vorhersehbaren Folgen. Zwar hörten die Misshandlungen endlich auf, und etliche direkt oder indirekt daran Beteiligte wurden unehrenhaft aus der Armee entlassen, aber Bruce war für einige Zeit seines Lebens nicht mehr sicher. Allzu viele Menschen nahmen selbst heute noch daran Anstoß, dass er das geheiligte Nest der Armee Ihrer Majestät beschmutzt hatte. Auch seine Familie wurde bedroht und benachteiligt. Brianna, damals frischgebackene Erzieherin, war entlassen worden mit dem Hinweis, man könne keiner Erzieherin vertrauen, deren Bruder ein Verräter war. Das innige Verhältnis, das sie und Bruce verband, war zerbrochen. Auch weil er sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, Missstände aufzudecken, wo er sie fand, und öffentlich anzuprangern, weshalb er Investigativ-Journalist geworden war.

Ein Grund mehr für Brianna mit ihrem Bruder nichts mehr zu tun haben zu wollen. Sie hatte nicht nur zu ihm den Kontakt abgebrochen, sondern auch Monty in die Wüste geschickt, weil er unerschütterlich zu Bruce hielt. Das war siebzehn Jahre her. Er hatte sie seitdem nicht mehr gesehen.

Und nun saß sie hier und starrte ihn aus großen Augen an mit einem Gesichtsausdruck, als sähe sie ein Gespenst.

»Hiya, Brianna«, begrüßte er sie.

»Hallo, Monty.« Sie lächelte gezwungen.

Er wandte sich den anderen Erzieherinnen zu und verbeugte sich leicht. »Detective Inspector Montgomery Sutherland vom Dundee Criminal Investigation Department.«

Die beiden älteren Damen stellten sich als Mrs Jill Singer und Mrs Emily Wolfe vor, die Leiterin der Einrichtung und ihre Stellvertreterin. Die beiden anderen Frauen waren Laura Fisher und Susan Geddes.

Monty nickte Willow Brodie zu. »Die Kurzfassung bitte, Sergeant.«

»Das vermisste Kind heißt Katie Nolan und ist drei Jahre alt. Sie wurde am Morgen um sieben Uhr vierzig von ihrer Mutter, Joan Nolan, wie jeden Tag abgegeben. Danach hat die Kleine mit den anderen Kindern gespielt. Nach dem Mittagessen wurden alle Kinder gegen ein Uhr in den Schlafsaal gebracht zur Mittagsruhe. Dabei stellte man fest, dass Katie nicht mehr da war.«

Und jetzt war fast sechs Uhr abends. »Warum haben Sie nicht sofort die Polizei informiert?« Monty blickte Jill Singer anklagend an und gab sich keine Mühe, den Vorwurf in seiner Stimme zu unterdrücken.

»Wir haben sofort das ganze Haus durchsucht«, sagte Mrs Singer. »Mehrfach. Und danach haben wir stundenlang die Umgebung abgesucht. Aber Katie ist einfach verschwunden. Und das kann gar nicht sein.«

Das war zwar keine direkte Antwort auf seine Frage, aber Monty las die zwischen den Zeilen: Ein Kind, das aus der Obhut des Kindergartens verschwand, war kein gutes Aushängeschild. Erst recht nicht, wenn die Polizei eingeschaltet werden musste. Also hatte man auf eigene Faust versucht, das Mädchen zu finden, damit es gar nicht erst so weit käme, und die Polizei erst benachrichtigt, als es ohne sie nicht mehr ging. Dadurch war wertvolle Zeit verloren gegangen.

»Wie Mrs Singer mir schon vorgeführt hat«, ergänzte Willow, »sind die Türen und Fenster mit Spezialklinken und Schlössern versehen, die kein Kind allein öffnen kann. Es ist also ausgeschlossen, dass Katie eine der Türen geöffnet hat und auf die Straße gelaufen ist.«

Das glaubte Monty gern, denn die Eingangstür zu öffnen erforderte ein gewisses Maß an Kraft, das eine Dreijährige ganz sicher nicht aufbringen konnte. Ganz abgesehen davon, dass sie nicht einmal an die recht hoch angebrachte Klinke heranreichte. Und wenn jemand gerade in dem Moment die Tür geöffnet hätte, als Katie hinaus gewollt hatte, hätte die Person sie wohl kaum unbeaufsichtigt gehen lassen, sondern dafür gesorgt, dass sie drin blieb.

»Wir haben wirklich das gesamte Haus vom Keller bis in den hintersten Winkel durchsucht«, versicherte Mrs Wolfe. »Glauben Sie mir, Inspector, wir kennen jedes mögliche Versteck, in dem Kinder sich verkriechen können. Einschließlich der großen Kochtöpfe im Unterschrank der Küche.« Sie deutete auf die Anrichte neben dem Herd, die als marmorne Tischplatte über einen bauchhohen Schrank montiert worden war. »Aber Katie ist nicht mehr im Haus.«

»Die Kollegen von der Streife und ich haben das Haus auch noch einmal auf den Kopf gestellt«, ergänzte Willow. »Die Kleine ist definitiv nicht mehr hier.«

Montys erste Vermutung war, dass eine oder mehrere Damen des Personals ihre Aufsichtspflicht verletzt haben mussten. Ein Kind konnte nicht spurlos aus dem so gut gesicherten Kindergarten verschwinden. Das ging nur, wenn jemand nicht aufgepasst hatte, und zwar nicht nur mal eben für eine Minute anderswohin geschaut hatte, sondern eine ganze Weile lang unaufmerksam gewesen war.

Ihm fiel auf, dass es für einen Kindergarten ungewöhnlich still war. »Wo sind die anderen Kinder?«

»Die haben wir von den Eltern oder anderen Verwandten abholen lassen, bevor wir die Polizei gerufen haben«, antwortete Mrs Singer. »Wir haben den Eltern gesagt, dass es sich um einen Notfall handelt.« Sie runzelte besorgt die Stirn. »Ich hoffe nur, Katie wird bald gefunden.«

Monty setzte sich ebenfalls an den Tisch und holte sein Notizbuch und einen Stift aus der Jackentasche. »Bitte schildern Sie mir möglichst detailliert, wann und wo Sie alle Katie zuletzt gesehen haben und ab wann Sie bemerkt haben, dass sie nicht mehr da ist.« Er lächelte in die Runde. »Falls Sergeant Brodie Sie das schon gefragt hat, bitte ich um Entschuldigung für die Wiederholung, aber ich bin derjenige, der unserem Vorgesetzten berichten muss und mache mir deshalb lieber selbst ein Bild.«

In diesem Punkt waren er und Willow inzwischen ein eingespieltes Team. Am Anfang ihrer Zusammenarbeit – Willow war erst vor zwei Jahren in seine Abteilung versetzt worden – hatte sie geglaubt, dass Monty ihre Ermittlungen anzweifelte, wenn er den Zeugen oder Verdächtigen dieselben Fragen stellte, die Willow bereits abgearbeitet hatte. Inzwischen wusste sie, dass das eine effektive Methode war, Widersprüche zu erkennen, wenn sie später ihre Notizen zu den einzelnen Aussagen verglichen.

»Ich habe sie nach dem Mittagessen zuletzt gesehen«, antwortete Emily Wolfe. Während Jill«, sie nickte Mrs Singer zu, »die Kinder zusammen mit Susan zum Schlafraum gebracht hat, haben Laura und ich die Tische abgeräumt. Wir essen um zwölf, und um Viertel vor eins gehen die Kinder in den Schlafsaal zum Mittagsschlaf. Ich habe Katie mit den anderen noch aus dem Esszimmer kommen sehen.« Sie deutete auf die Küchentür, durch die Monty eingetreten war. Der gegenüber lag die gegenwärtig offene Tür zu einem Raum, in dem mehrere Tische standen.

»Das muss dann also Viertel vor eins gewesen sein?«, vergewisserte sich Monty.

Mrs Singer nickte. »Susan und ich haben die Kinder zum Schlafsaal gebracht. Unmittelbar nachdem wir das Esszimmer verlassen hatten, gab es einen kleinen Tumult. Bobby und Drake, zwei von den älteren Jungs, die kurz vor der Einschulung sind, haben sich mal wieder einen Spaß daraus gemacht, das Treppengeländer zum Keller hinunterzurutschen, obwohl sie wissen, dass das verboten ist. Es dauerte eine Weile, bis wir die beiden wieder zur Räson gebracht hatten.«

»Und die anderen Kinder befanden sich zu der Zeit – wo?«

»Im Flur vor dem Esszimmer und dem Schlafsaal. Und später im Schlafsaal.«

»Unbeaufsichtigt?«

Mrs Singer schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht, Inspector! Laura kam aus der Küche, hat die Kinder zusammengehalten und zum Schlafsaal gebracht, während Susan und ich hinter Bobby und Drake her waren.«

»Wir hatten Probleme, die Kinder in den Saal zu bringen, weil einige unbedingt dem Spektakel zusehen wollten«, ergänzte Laura Fisher und seufzte. »Ein paar fühlten sich animiert, ebenfalls zu toben, andere fühlten sich geschubst oder gestoßen und fingen an zu weinen. Es war ein heilloses Durcheinander. Aber so sind Kinder eben. Das haben wir hier ab und zu schon mal.«

Mrs Singer nickte. »Als wir Drake und Bobby endlich erwischt hatten, haben wir sie ebenfalls in den Schlafsaal zu den anderen gebracht und sie in ihre Betten gesteckt. Da hatte Laura aber schon festgestellt, dass Katie fehlt.«

Monty notierte sich das. »Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist Katie also auf dem Flur zwischen der Küche, dem Esszimmer und dem Schlafsaal verschwunden.«

Mrs Singer nickte und schüttelte unmittelbar danach den Kopf. »Es kann nicht anders sein. Und ich kann es mir wirklich nicht erklären.« Sie blickte Monty und Willow verzweifelt an.

Monty konnte sich in etwa vorstellen, wie sie sich fühlen musste. Ein ihr anvertrautes Kind, das spurlos verschwand, war der Albtraum jeder Erzieherin. Nur ein Alptraum war noch schlimmer: dass ein Kind, für das sie die Verantwortung trug, zu Tode kam. Monty hoffte sehr, dass sich der Fall schnell aufklärte und Katie heil und gesund gefunden wurde.

»Sie, Mrs Singer, haben also die Kinder aus dem Esszimmer geführt und sind dann gemeinsam mit Miss Geddes hinter Bobby und Drake hergejagt.«

Mrs Singer nickte, ebenso Susan Geddes.

»Das heißt, dass die Kinder für eine gewisse Zeit außerhalb Ihrer Aufmerksamkeit waren, bevor Miss Fisher die Aufsicht übernommen hat.«

»Ja, aber das war nur ganz kurz. Ein paar Sekunden. Also, höchstens eine halbe Minute.«

Monty erinnerte sich an seine eigene Quirligkeit als Kind. Mehr als zehn Sekunden hatten er, Brianna und Bruce nie gebraucht, um aus der Reichweite der Erwachsenen abzutauchen, und manchmal nicht mehr als zwanzig, um unauffindbar zu verschwinden. Die Strecke vom Hauseingang zur Küchentür war so kurz, dass eine halbe Minute mehr als genug Zeit für eine Dreijährige war, unbemerkt zum Ausgang zu gelangen. Dessen Tür sie trotzdem nicht aus eigener Kraft hätte öffnen können.

»Miss Geddes, wann haben Sie Katie zuletzt gesehen?«

»Im Esszimmer. Ich sah noch, wie sie es verlassen hat. Danach habe ich nicht mehr auf sie geachtet, weil Drake und Bobby anfingen zu toben.«

Monty notierte das ebenfalls. »Und Sie, Miss Fisher?«

Laura Fisher dachte eine Weile nach. »Bei der Essensausgabe. Als ich ihr die Suppe auf den Teller getan habe. Danach habe ich in der Küche aufgeräumt. Als ich dann rausgegangen bin, als der Tumult mit den beiden Jungs war, habe ich nicht darauf geachtet, ob Katie bei den anderen Kindern war. Erst als ich die Kinder im Schlafsaal in die Betten gesteckt habe, ist mir aufgefallen, dass sie nicht dabei ist.«

Monty nickte. »Wo warst du während der Zeit, Brianna?«

Brianna zuckte zusammen. »Ich war noch in der Mittagspause. Also, draußen. Ich bin spazieren gegangen. Als ich zurückkam, lagen die Kinder schon im Bett, und alle suchten nach Katie.«

Sie sprach leise und zurückhaltend, als müsste sie jedes Wort sorgfältig überlegen. Obwohl sie und Bruce als Zwillinge einander äußerlich recht ähnlich sahen, waren sie charakterlich so verschieden wie Tag und Nacht. Brianna war das pflegeleichte, angepasste Lieblingskind der Borthwicks und Bruce der nervtötende Satansbraten.

Wann immer sie zu dritt etwas unternommen hatten, war Brianna nicht nur eine ständige Spaßbremse gewesen, sondern auch eine Petze, die jede noch so winzige Unartigkeit, ganz zu schweigen von den Schandtaten, die Monty und Bruce gemeinsam ausgefressen hatten, den Eltern – Borthwicks wie Sutherlands – brühwarm auf die Nase gebunden hatte. Während Montys Eltern diese Dinge unter der Prämisse verbuchten, dass Kinder sich auch mal auf diese Weise austoben mussten – auch wenn er je nach Schwere des Vergehens ab und zu ordentlich eins aufs Dach bekommen hatte –, war Bruce jedes Mal hart bestraft worden. Sogar für Kleinigkeiten. Vermutlich war damals schon der Grundstein für das spätere Zerwürfnis der Geschwister gelegt worden oder hatte das zumindest begünstigt.

»Wann hast du Katie zuletzt gesehen?«, wollte Monty wissen.

Brianna zögerte. »Als die Kinder eine halbe Stunde vor dem Mittagessen zum Singen gegangen sind. Ich – habe, wie schon gesagt, einen Spaziergang gemacht und bin erst zurückgekommen, als die Kinder schon im Bett lagen.«

»Rückkehr von wo?«, hakte Monty nach, denn etwas an der Art, wie Brianna den Spaziergang erwähnte, sagte ihm, dass der ein bestimmtes Ziel gehabt haben musste und sie nicht nur ziellos in der Gegend herumgeschlendert war.

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich war nur ein bisschen spazieren. Ich brauchte frische Luft.« Das klang ein wenig ungeduldig, als wollte sie nicht, dass Monty weiter nachfragte.

Er hob die Augenbrauen. »Bei dem Regen heute? Ich erinnere mich, dass man dich schon früher bei Regen niemals freiwillig aus dem Haus bekam. Frische Luft hin oder her.«

»Menschen ändern sich, Monty.«

Das stimmte, aber es klang aus Briannas Mund so unglaubwürdig, dass sich sein bisher vager Verdacht erhärtete, dass sie etwas vor ihm verbarg. »Ist etwas vorgefallen, das dich aus dem Haus getrieben hat?«

»Nein. Ich hatte einfach nur das Bedürfnis nach frischer Luft. Und da war es mir egal, dass es geregnet hat.« Vorgebracht in einem scharfen Tonfall, der seine Vermutung zusätzlich bestätigte.

Er ließ das trotzdem so stehen. »Ist dir etwas Ungewöhnliches aufgefallen, als du zurückgekommen bist?«

Sie schüttelte den Kopf. »Die Kinder waren schon im Schlafsaal, und Jill«, sie nickte Mrs Singer zu, »sagte mir ganz aufgeregt, dass Katie vermisst wird.«

Das Ganze war auf den ersten Blick mysteriös. Monty glaubte sowohl den Erzieherinnen wie auch Willow, dass sie das ganze Haus gründlich nach dem Kind abgesucht hatten. Außerdem wurde, wenn jemand die Tür öffnete, eine Glocke betätigt. Unter normalen Umständen war es tatsächlich unmöglich, auf diesem Weg unbemerkt herein- oder hinauszukommen.

»Gibt es einen Hinterausgang?«, wollte er wissen.

Mrs Singer nickte. »Durch den Keller. Aber der ist immer abgeschlossen, und es gibt nur einen Schlüssel dazu. Den habe ich.«

Sie holte ein Schlüsselbund aus der Rocktasche, hielt es Monty hin und deutete auf einen Sicherheitsschlüssel.

»Die Tür war abgeschlossen und verriegelt, als wir angekommen sind«, ergänzte Willow.

Da die modernen Sicherheitsschlösser nicht mit herkömmlichen Dietrichen aufgebrochen werden konnten, hielt Monty es für unwahrscheinlich, dass jemand auf diesem Weg unbefugt ins Haus gelangt war. Außerdem hatten Mrs Singer und Miss Geddes im Keller Bobby und Drake gejagt. Wäre dort jemand gewesen, hätten sie ihn sehen müssen. Das Ganze war ein Rätsel.

Monty wandte sich an Willow. »Wurden Katies Eltern schon benachrichtigt?«

»Mrs Nolan ist alleinerziehend«, erklärte Jill Singer. »Sie arbeitet in einem Pub: The Troll Inn in der Arklay Street.«

»Sergeant Cooper und Constable Hartfield haben sie benachrichtigt und nach Hause gebracht«, teilte Willow ihm mit. »Für den Fall, dass Katie dort auftaucht oder dass – jemand sich dort meldet, der die Kleine gesehen hat.«

Diplomatisch formuliert, dass Willow von einer Entführung ausging und mit einem Erpresseranruf rechnete. Monty blickte die Kindergärtnerinnen der Reihe nach an.

»Fällt Ihnen noch irgendwas ein, das uns weiterhelfen kann? Irgendetwas. Egal wie unwichtig es Ihnen erscheint.«

Die Frauen schüttelten den Kopf.

»Moment«, sagte Emily Wolfe. »Als ich in der Küche war, also, zu der Zeit, wo der Tumult wegen Drake und Bobby tobte, hat die Türglocke geläutet. Demnach hat jemand die Tür geöffnet.«

»Haben Sie nachgesehen?«

Mrs Wolfe schüttelte den Kopf. Sie wurde blass. »Ich dachte, es wäre Brianna, die von der Mittagspause zurückkommt. Oh mein Gott! Das muss Katies Entführer gewesen sein!« Sie schlug die Hand vor den Mund. Tränen traten in ihre Augen.

Jill Singer tätschelte ihren Arm. »Das wissen wir nicht«, versuchte sie ihre Kollegin zu beruhigen. Ihr Tonfall verriet jedoch, dass sie ebenfalls davon überzeugt war.

»Wann genau war das?«, wollte Monty wissen. Doch keine der Frauen konnte ihm das beantworten. »Weiß jemand, wo Katie zu dem Zeitpunkt war?«

Allgemeines Kopfschütteln.

»Sie könnte zusammen mit einigen anderen Kindern im Flur gestanden haben«, vermutete Susan Geddes. »Hinter der Ecke, die in die Diele vor der Haustür führt. Wenn in dem Moment tatsächlich ein Fremder hereingekommen ist...« Sie warf Emily Wolfe einen kurzen Seitenblick zu.

Die begann zu weinen. »Oh Gott, das ist meine Schuld!«

»Ganz sicher nicht«, versuchte Monty sie zu trösten. »Ich habe in der Diele einen Schreibtisch gesehen. So eine Art Empfangstisch. Ist der normalerweise besetzt?«

Susan Geddes nickte. »In der Regel sitzt immer eine von uns dort, um Besucher zu empfangen. Manchmal kommen Eltern, die ihr Kind anmelden oder nähere Informationen über Little Flowers haben wollen. Und natürlich ist diejenige, die dort sitzt, gleichzeitig auch der ‚Wachhund’, der aufpasst, dass niemand mit bösen Absichten hereinkommt und ein Kind entführen kann. Wir haben schon mal solche Schwierigkeiten, wenn Eltern sich getrennt haben und einer von beiden mit der Sorgerechts- oder Umgangsregelung nicht einverstanden ist.« Sie schlug die Hände vors Gesicht. »Ich hätte dort sitzen müssen. Aber ich bin weggegangen, um Jill mit den beiden Jungs zu helfen.«

Sie wischte sich über die Augen und warf Brianna einen anklagenden Blick zu. Monty musste nicht Gedanken lesen können, um zu ahnen, was sie dachte. Wäre Brianna da gewesen, wäre es ihre Aufgabe gewesen, Mrs Singer zu unterstützen, und Susan Geddes hätte ihren Posten nicht verlassen müssen. Brianna biss sich auf die Lippen und senkte den Kopf.

Wo war sie wirklich gewesen? Spazieren ganz sicher nicht.

»Was ist mit Katies Vater?«, fragte Monty. »Hat Mrs Nolan mal etwas von Streitigkeiten mit ihm erwähnt, vielleicht wegen des Sorgerechts?« In dem Fall könnte der Vater das Kind entführt haben. So etwas kam leider öfter vor.

»Soweit wir wissen, hat der Mrs Nolan kurz vor der Geburt sitzengelassen«, sagte Jill Singer. »Das hat sie zumindest behauptet.«

»Wenn sie mit dem auch so umgesprungen ist wie mit uns, wundert mich das nicht«, höhnte Laura Fisher und erntete einen verweisenden Blick von Jill Singer.

»Nämlich wie?«, hakte Monty nach.

Mrs Singer seufzte. »Sie hat sich mit jedermann angelegt und bei jeder sich bietenden Gelegenheit Streit vom Zaun gebrochen. Eine sehr unleidliche Person. Erst heute Morgen hat sie sich mit Brianna gestritten. Sie hat sie sogar geschlagen.«

»Worum ging es?«, wandte Monty sich an Brianna.

Der war sichtbar unangenehm, darauf angesprochen zu werden. »Mrs Nolan kommt abends öfter zu spät, um Katie abzuholen. Ich habe nachdrücklich gefordert, dass sie pünktlich sein soll.«

»Und wir haben ihr gesagt, dass wir die Jugendfürsorge einschalten und Katie psychologisch untersuchen lassen werden«, ergänzte Mrs Singer.

»Warum?«, wollte Monty wissen.

»Sie ist verhaltensauffällig. Für eine Dreijährige scheint sie mir nicht angemessen entwickelt zu sein. Psychisch, meine ich. Außerdem rennt sie zu jeder Frau, die mit freundlicher Stimme spricht, selbst wenn sie gar nicht mit ihr redet, und klammert sich an sie. Wenn andere Kinder abgeholt werden, hat sie schon mehrfach versucht, mit ihnen mitzugehen. Und auf ihre eigene Mutter reagiert sie gleichgültig, beinahe apathisch. Außerdem hat sie Sprachdefizite.«

Mrs Wolfe nickte. »Das Einzige, was sie fehlerfrei herausbekommt, ist ein sinnfreies Lied über einen Whisky trinkenden Raben.«

Willow musste sich ein Lachen verkneifen und tarnte das als Hüsteln.

Monty zog die Augenbrauen hoch. »Ein Whisky trinkender Rabe?«, vergewisserte er sich. »Ich glaube, so ein Lied kenne ich nicht.«

Mrs Singer schüttelte den Kopf. »Wir kannten es auch nicht, bis Katie anfing es zu singen. Inzwischen können wir es auswendig, aber schon nicht mehr hören.«

»Warum? Das wird doch wohl nicht das einzige Lied sein, das die Kleine kennt.«

»Das nicht. Aber immer wenn Katie vor irgendetwas Angst hat – und es gibt fast nichts, was sie nicht ängstigt –, hockt sie sich in eine Ecke, hält sich die Augen zu und singt dieses Lied. Das gibt ihr Sicherheit.«

»Was bedeutet, dass wir es täglich fünf- bis zehnmal zu hören bekommen«, ergänzte Miss Fisher.

Mrs Wolfe nickte. »Irgendetwas stimmt nicht mit dem Kind. Aber ich glaube nicht, dass der Vater das Kind entführt hat.«

»Warum nicht?« Monty blickte sie aufmerksam an.

»Laut Mrs Nolan ist der Vater in Leeds geblieben. Da hat die Familie früher gewohnt. Aber er hat sich angeblich nie wieder gemeldet, nachdem er die Familie verlasse hat. Ich glaube, sie weiß nicht mal, wo er wohnt.«

Das schloss den Vater keinesfalls als Täter aus. Schon mancher Mann hatte nach einiger Zeit bereut, sein Kind im Stich gelassen zu haben, wenn auch nicht unbedingt dessen Mutter, und hatte alles daran gesetzt, zum Kind wieder Kontakt zu bekommen.

Monty notierte sich das.

Constable Harris kam herein und nickte in die Runde. »Sir, eine Zeugin hat die Entführung möglicherweise beobachtet. Das sollten Sie sich anhören.«

Monty fühlte einen Adrenalinschub. Vielleicht war das schon die Spur, die zu Katie führte. Er stand auf.

»Wir sind hier erst einmal fertig, Ladies. Danke für Ihre Kooperation.«

»Heißt das, wir können nach Hause gehen?«, hoffte Mrs Singer.

Monty nickte. »Wir haben ja Ihre Adressen und Telefonnummern.« Er vergewisserte sich mit einem Blick zu Willow, dass sie die bereits notiert hatte. Sie nickte. »Wenn noch Fragen auftauchen sollten, melden wir uns. Auf Wiedersehen.«

Er und Willow folgten Harris, der sie ins Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite führte, vor dem Montys Wagen parkte, und an einer Tür im ersten Stock klingelte. Eine ältere Dame öffnete ihnen.

»Mrs Fletcher, dies sind DI Sutherland und DS Brodie«, stellte er Monty und Willow vor. »Wenn Sie ihnen noch einmal sagen würden, was Sie mir erzählt haben.«

Mrs Fletcher bat sie in die sauber aufgeräumte Wohnung. »Mögen Sie einen Tee?«

»Danke nein«, wehrte Monty ab. »Wir wollen Ihnen keine Umstände machen.«

»Bitte nehmen Sie Platz.« Mrs Fletcher deutete auf das Wohnzimmer, ging voran und setzte sich in einen Sessel.

Monty setzte sich in einen anderen Sessel, Willow und der Constable nahmen auf der Couch Platz.

»Sie haben Constable Harris gesagt, dass Sie etwas Wichtiges beobachtet haben.« Monty hatte bewusst nicht gefragt, ob Mrs Fletcher die Entführung gesehen hatte, denn solche Fragen veranlassten manche Zeugen dazu, ihre Aussage den Erwartungen der Ermittelnden anzupassen.

Sie nickte. »Ich habe die Kindergärtnerin gesehen, wie sie mit dem kleinen Mädchen an der Hand die Straße raufgegangen ist. Richtung Ann Street. Ich habe am Fenster gesessen und Tee getrunken.« Sie deutete auf einen abgewetzten Sessel, der direkt am Fenster stand, mit einem Beistelltisch daneben. Darauf lag ein aufgeschlagenes Buch neben einem Teebecher. »Mein Lieblingsplatz.« Sie lächelte flüchtig.

Monty holte sein Notizbuch heraus und den Stift. »Wenn Sie das bitte ganz genau schildern würden, Mrs Fletcher. Mit allen Details, an die Sie sich erinnern.«

Sie nickte. »Ich saß nach dem Mittagessen am Fenster und habe gelesen: ‚The Wind in the Willows’. Ein wunderbares Buch, auch wenn es inzwischen über hundert Jahre alt und eigentlich ein Kinderbuch ist.«

Monty lächelte. Er kannte Kenneth Grahams Buch in- und auswendig, denn es war Bruces und sein Lieblingsbuch gewesen. Sie hatten stundenlang in ihrem Versteck auf dem Dachboden gehockt und sich gegenseitig die Abenteuer eines Kröterichs und seiner Freunde Dachs, Ratte, Maulwurf und Otter vorgelesen und sogar nachgespielt. Jedes Mal, wenn sie die zweihundert Seiten durchgelesen hatten, hatten sie wieder von vorn angefangen. Monty kannte heute noch Teile des Textes auswendig.

»Aye, es ist ein wundervolles Buch«, stimmte er Mrs Fletcher zu. »Und während Sie es gelesen haben...« Er sah sie fragend an.

»Dabei bekomme ich natürlich alles mit, was auf der Straße vor sich geht.« Sie deutete zum Fenster, von wo aus der Eingang des Kindergartens gut zu sehen war. »Da habe ich gesehen, wie die Kindergärtnerin mit einem Kind weggegangen ist.«

»Moment«, bat Monty. »Welche Kindergärtnerin? Kennen Sie die Erzieherinnen vom Little Flowers?«

»Nicht mit Namen, mit Ausnahme von Mrs Singer, der Leiterin. Mit ihr habe ich mich schon ein paar Mal unterhalten. Die anderen kenne ich vom Sehen. Und die mit dem Kind weggegangen ist, war die, mit der die Mutter der Kleinen sich heute Morgen so fürchterlich gestritten hat. Sie hat sie sogar geschlagen.« Man hörte Mrs Fletcher die Empörung darüber an.

»Und Sie sind sich sicher, dass es dieselbe Kindergärtnerin war? Sie haben sie zweifelsfrei erkannt?«

»Jawohl. Die mit dem roten Rock und dem grauen Regenmantel.«

Brianna. Zwar wusste Monty nicht, ob sie einen grauen Regenmantel besaß, aber sie trug als Einzige der Kindergärtnerinnen einen roten Rock. Doch er weigerte sich zu glauben, dass sie tatsächlich Katie Nolan entführt haben könnte. Ausschließen konnte und durfte er das jedoch nicht.

»Und das Kind war die blonde Kleine, wegen der sie sich mit deren Mutter gestritten hat: Mrs Nolan.« Mrs Fletcher lächelte entschuldigend. »Bitte glauben Sie nicht, dass ich lausche. Aber ich hatte das Küchenfenster gekippt, als ich mir heute Morgen mein Frühstück gemacht habe. Die Küche liegt ebenfalls zur Straße hin. Und die beiden Frauen und auch Mrs Singer haben so laut gesprochen, dass ich es zwangsläufig gehört habe. Daher weiß ich auch, wie die Mutter des Kindes heißt.«

Das klang plausibel. »Und Sie sind sicher, dass das Kind das von Mrs Nolan war?«

Mrs Fletcher nickte. »Die Kleine hat zu mir raufgesehen. Ich habe ihr noch zugewinkt, aber sie hat nicht darauf reagiert.«

Monty notierte alles. »Wissen Sie noch die Uhrzeit?«

Mrs Fletcher lächelte bedauernd. »Leider nein. Wissen Sie, Inspector, in meinem Alter, wenn man nur noch für sich selbst sorgen musst, isst man, wenn man Hunger hat und nicht mehr nach der Uhr. Aber es war kurz nach zwölf, als ich die Suppe aufgesetzt habe, denn da habe ich zur Uhr gesehen. Bis sie fertig war und ich gegessen hatte, hat es ungefähr eine Stunde gedauert. Danach habe ich mich wieder in meinen Lesesessel gesetzt. Also muss es in etwa ein Uhr gewesen sein. Plus oder minus ein paar Minuten.«

Das deckte sich mit der Zeit, zu der Brianna nicht im Kindergarten gewesen war, selbst wenn Monty »plus oder minus ein paar Minuten« großzügig als bis zu fünfzehn Minuten interpretierte. »Haben Sie gesehen, wohin die Frau mit dem Kind gegangen ist?«

Mrs Fletcher schüttelte den Kopf. »Nur dass sie Richtung Ann Street gegangen ist. Ich kann von meinem Fenster aus nur die Nachbarhäuser und die auf der anderen Straßenseite sehen. Ich konnte also nicht sehen, ob sie in die Ann Street eingebogen ist oder weitergegangen ist zur Rosebank.«

»Aber Sie sind sich ganz sicher, dass das die Frau war, mit der Mrs Nolan sich am Morgen gestritten hat?«, hakte Monty noch einmal nach. »Können Sie sie beschreiben?«

Mrs Fletcher zögerte. »Schlank, ungefähr so groß, dass sie Ihnen bis zum Kinn reicht. Ihr Gesicht habe ich nicht gesehen wegen der Kapuze. Aber sie ist die einzige Kindergärtnerin, die heute einen roten Rock und einen grauen Regenmantel trägt«, bekräftigte sie. »Ich habe sie alle heute früh kommen gesehen. Die Mutter des Kindes hatte einen schwarzen Mantel an.«

Das fügte sie wahrscheinlich hinzu, um zu belegen, was für eine gute Beobachterin sie war. Monty notierte das. Immerhin konnte er bestätigen, dass nur Brianna einen roten Rock trug. Er musste unbedingt noch einmal mit ihr sprechen. »Danke, Mrs Fletcher. Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?«

Die Frau wiegte den Kopf. »Aufgefallen nicht. Und ich will ja auch nichts Schlechtes über die Kindergärtnerin sagen.« Sie knetete die Hände.

»Aber?«, hakte Monty nach.

»Das hat bestimmt nichts zu bedeuten, denn wenn man wütend ist, sagt man manches, was man nicht so meint.«

»Nämlich – was?«

Mrs Fletcher seufzte. »Sie – also die Kindergärtnerin – hat gesagt, dass sie es Mrs Nolan gern einmal so richtig und höchstpersönlich heimzahlen würde. Danach ist sie ins Haus gegangen. Falls sie noch was gesagt hat, habe ich es nicht gehört.«

Mrs Fletcher hatte Recht. In Momenten der Wut sagte man so manches, das man nicht so meinte, sobald sich das Gemüt wieder abgekühlt hatte. Und von Brianna konnte Monty sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie Mrs Nolan oder jemand anderem was auch immer tatsächlich »heimzahlen« würde. Schon gar nicht, indem sie ein Kind entführte. Aber wie sie selbst gesagt hatte, änderten sich die Menschen.

Bruce war dafür das beste Beispiel. Der Vorfall beim Militär hatte ihn nachhaltig verändert und seinen Willen, um jeden Preis die Wahrheit herauszufinden, fast schon zu einer Besessenheit werden lassen. Er recherchierte für seine Artikel so lange, bis er auch das letzte Detail wusste und prüfte alles dreimal, bevor es zum Druck freigab.

»Danke, Mrs Fletcher«, sagte Monty zum zweiten Mal. »Sie haben uns sehr geholfen.«

Sie lächelte. »Gern geschehen. Wenn mir noch etwas einfallen sollte, werde ich mich melden.«

»Bitte tun Sie das.« Monty reichte ihr eine Visitenkarte, auf der seine Dienstnummern vermerkt waren. »Und vielen Dank für Ihren wichtigen Hinweis.«

»Man tut, was man kann. Ich hoffe, Sie finden das Kind schnell.«

»Wir geben uns die größte Mühe.«

Er verließ mit Willow und Constable Harris das Haus.

»Sir, offensichtlich war es doch Mrs Spense«, meinte Willow, als sie wieder auf der Straße standen. »Sollen wir sie in Gewahrsam nehmen?«

Mrs Spense? Richtig, Brianna hatte vor einigen Jahren einen Owen Spense geheiratet, wie Bruce ihm berichtet hatte.

Monty schüttelte den Kopf. Brianna hatte ihre Fehler, aber ein Kind kidnappen, nur um der Mutter etwas heimzuzahlen? Das sah ihr absolut nicht ähnlich. Andererseits war sie nicht mehr die Zweiundzwanzigjährige, die sie gewesen war, als er sie vor dem heutigen Tag zuletzt gesehen hatte. Das durfte er auf keinen Fall vergessen. Vor allem musste er seine professionelle Distanz wahren und seine persönlichen Gefühle und Mutmaßungen außen vor lassen. Nur die Fakten zählen. Und die wiesen bisher alle auf Brianna als mutmaßliche Täterin. Er seufzte.

»Ich werde später noch einmal unter vier Augen mit ihr reden. Ich denke, dass sie mir dann sagen wird, wo sie in der Zeit ihrer Abwesenheit gewesen ist. Jetzt sollten wir erst einmal mit der Mutter sprechen.«

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

52E Ladywell Avenue war ein schmales, mit graurosafarbenem Sand verputztes Reihenhaus, dessen Räume übereinander lagen statt nebeneinander. Drei Stufen, neben denen der Putz bereits abgebröckelt war, führten zu einer hölzernen Eingangstür, die einen erheblich neueren Eindruck machte.

---ENDE DER LESEPROBE---