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Das allumfassende Gesetz der Entropiezunahme gibt der Evolution, einschließlich der kulturellen Evolution des Menschen, eine eindeutige Richtung. Dieser Richtung folgend entlarvt das Buch die herrschende Sicht auf die Realität als kollektiven Selbstbetrug.
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Seitenzahl: 62
Veröffentlichungsjahr: 2021
EINLEITUNG
ENTROPIE
INFORMATION
EVOLUTION
KULTURELLE EVOLUTION
ENDZEIT
LITERATUR
Doch es ist nun einmal so,
dass alles, was lebt,
an dem stirbt,
was ihm zum Leben verholfen hat.
Alain de Benoist
Eine schroff ablehnende Haltung in großen Teilen der Öffentlichkeit ist die Antwort auf Jonathan Franzens Verlangen, uns einzugestehen, dass wir die Klimakatastrophe nicht werden verhindern können.1 Er hat es gewagt, uns darauf hinzuweisen, dass wir alle sterben werden. Ein unerhörter Tabubruch in einer Spaßgesellschaft, deren einziger Zweck es ist, den Gedanken an den Tod im Medienspektakel zu ersticken.
Hinter dieser Haltung steht das elementare Bedürfnis nach absoluter Sicherheit, die es im realen Leben nicht gibt – nicht geben kann. Die daraus resultierende Angst weckt in uns das Verlangen nach einer erträumten Sicherheit, nach einer Flucht aus der Realität, wann eben das möglich erscheint. Wir lösen uns von uns selbst und unserer Umgebung, flüchten in eine Welt der Illusionen und reagieren panisch, wenn uns jemand darin stört.
Die Fähigkeit zum Selbstbetrug ist ungleich verteilt. Diese Schrift richtet sich an jene, denen die Sinnfrage noch etwas bedeutet, die immer noch neugierig fragen: Wozu sind wir auf Erden? Oder profaner ausgedrückt: Welche Aufgabe hält die Natur für uns bereit? An die, die den Mut haben, ihre Traumwelt zu verlassen und sich der Realität stellen. An die, die noch leben, denn wer den Tod verdrängt, verdrängt mit ihm das Leben, wandert als Untoter durch die Welt.2
Ein möglichst objektiver, von allen metaphysischen Verirrungen befreiter Blick auf die Realität ist nur möglich unter Beachtung der vom Literaten und Philosophen Stanisław Lem getroffenen Feststellung: „Wenn die Urbegriffe eines Systems nicht empirisch sind, verhilft keinerlei ,Präzisierung‘ der abgeleiteten Begriffe zu einem wissenschaftlich sinnvollen Resultat.“3 Das empirisch gesicherte Wissen, das Erfahrungswissen der Naturwissenschaften, ist also Grundlage dieser Schrift.
Die Physik des Lebens offenbart sich im zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, der Physik des Feuers, mit dem zentralen Begriff der Entropie. Ihn gilt es im Folgenden zu entziffern, das heißt über seinen formalen Gebrauch hinaus zum Wesen der Entropie selbst vorzudringen.
Obwohl man weiß, dass alle Modelle falsch sind,4 sind Bilder nützliche Instrumente, um das Wesenhafte abstrakter Phänomene wenigstens annähernd zu erfassen. Ein solches Bild liefert der Physiker Carlo Rovelli,5 indem er die Wirkung der Entropie mit dem Tanz des Gottes Shiva des Zerstörers vergleicht. So hebt er zwei Wesensmerkmale hervor, einmal das des undefinierbar Göttlichen, das die Urkraft in sich birgt, und das der Zerstörung – Shiva trägt in der linken Hand eine Flammenzunge.
In der hinduistischen Mythologie ist Gott Shiva nicht nur Zerstörer, er ist gleichzeitig Schöpfer der Welt. Aber auch das passt ins Bild, denn ein Ausdruck der Entropie ist die Gleichzeitigkeit von Zerfall und Aufbau. Der Zerfall, die Selbstzerstörung der Sonne, ermöglicht zum Beispiel den Aufbau des Lebens auf der Erde. Und dennoch ist die Zerstörung besonders hervorzuheben, weil das Auftreten beider Ereignisse mit unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit behaftet ist. Dem Aufbau folgt mit Notwendigkeit der Zerfall. Das sagt uns unsere Erfahrung: Alles zerfällt irgendwann zu Staub, endet in vollkommener Zerstörung, es ist nur eine Frage der Zeit. Ein Aufbau nach dem Zusammenbruch ist dagegen dem Zufall überlassen und nicht zwingend. Die Sonne schleudert ihre Energie unkontrolliert ins Weltall. Dass ein kleiner Teil davon auf der Erde die Bedingungen vorfand, die den Aufbau unseres Biotops ermöglichten, war eben reiner Zufall.
Der Begriff der Entropie steht in direkter Beziehung zu dem der Arbeit, zum Beispiel zu der beim Aufbau unseres Biotops zu leistenden Arbeit. Die hierfür erforderliche Arbeitskraft steckt in der Strahlungsenergie der Sonne. Im Verlauf des Arbeitsprozesses, konkret handelt es sich um die Photosynthese, schwindet die Arbeitskraft dahin; die Energie selbst bleibt quasi ermattet zurück. Sie ist erschöpft und hat keinen Wert mehr in dem Sinne, dass sie keine weitere Arbeit mehr leisten kann. Der Wertverlust einer bestimmten Energiemenge entspricht einer bestimmten Entropiezunahme. Das heißt, Energie niedriger Entropie hat einen hohen Wert, denn sie kann Arbeit leisten, Energie hoher Entropie ist dagegen wertlos. Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass der Nutzen einer bestimmten Energiemenge ständig abnimmt.
Energie erschöpft sich selbst.
Arbeit erhält ihre Bedeutung nicht allein durch Arbeitskraft, also durch niedrige Entropie; es bedarf einer zweiten Entität, die das Vermögen besitzt, den Kraftfluss so zu lenken, dass er eine gewisse Wirkung erzeugt. Diese lenkende Funktion erfüllen Informationen. Eine bestimmte Information führt zu einem bestimmten Arbeitsergebnis.
Trifft die Kraft der Sonne auf Erdmaterie, so kommt es dort unter Umständen zu einer stofflichen Veränderung, zu einem Stoffwechsel. Die Materie wechselt Form und Eigenschaft dadurch, dass sich die in ihr enthaltenen Elemente umlagern, in Art und Zahl aber erhalten bleiben. Nun existieren in der Natur Substanzen, die diesen Prozess in besonderer Weise beschleunigen und lenken können, sodass es zu bestimmten Stoffwechselergebnissen kommt. Diese Substanzen, die man Katalysatoren nennt – jeder kennt z. B. den Platinkatalysator als Hilfsmittel zur Abgasreinigung – repräsentieren demnach spezielle Informationen. Diese sind geistiger Natur; Geist offenbart sich hier als Ausdruck der Beschaffenheit von Materie.
In einem Katalysator treffen sich Materie und Geist.
Ein zufällig anwesender Katalysator erzwingt ein bestimmtes Stoffwechselprodukt. Dieses hat Bestand oder es zerfällt oder es wird von anderen Prozessen mit besseren Informationen geschluckt. Dem Zufall folgt die Selektion. Nur die Informationen überleben, die einer aktuellen Wirklichkeit standhalten. Auf dieser Basis entwickelt sich Leben. Die Evolution ist ein Prozess zunehmender Informationsentfaltung in einem Wettbewerb zufällig auftretender Informationen.
Das komplexeste informationsverarbeitende System ist der Mensch. Die erste Bedingung seiner Existenz ist die ausreichende Zufuhr niedriger Entropie. Die direkte Verarbeitung der Sonnenenergie ist uns jedoch verwehrt. So sind wir auf unsere Umwelt angewiesen, auf deren Fähigkeit, die niedrige Entropie der Sonne in eine für uns zugängliche Form umzuwandeln. Im Mittelpunkt steht dabei die Photosynthese, also das Wachstum der Pflanzen, ein Arbeitsprozess, der von der niedrigen Entropie der Sonnenenergie angetrieben und vom Genpool des Biotops gelenkt wird.
Pflanzen sind unsere Nahrungsproduzenten, deren Leistungsfähigkeit unser Nahrungsangebot bestimmt. Das alles überragende Dilemma besteht darin, dass wir dem System, in das wir eingebunden sind, keine Nahrung entnehmen können, ohne das System insgesamt zu schwächen, denn eine Pflanze, die wir essen, kann keine Nahrung mehr produzieren. Es kommt also darauf an, dass alles, was wir dem Biotop entnehmen, die Chance hat, nachzuwachsen, sich zu reproduzieren. Das ist nur dann möglich, wenn wir dafür sorgen, dass die Informationsbasis, der Genpool, also die Artenvielfalt, erhalten bleibt.
Entziehen wir durch vermehrte Anstrengung, gesteigerte Arbeitskraft und besseres Know-how einem Biotop mehr Nahrung, als nachwachsen kann, greifen wir die Substanz an, schwächen wir deren Vermögen als zukünftiger Nahrungslieferant. Der Vorteil von heute wird zur Katastrophe von morgen.
Das können wir erkennen, aber anscheinend können wir nicht danach handeln. Hier zeigt sich das zweite grundlegende Dilemma, in dem wir gefangen sind: Wir sind dem Moment verpflichtet. Wer den Moment nicht überlebt, dem helfen keine noch so guten Entwürfe für eine glückliche Zukunft. Wie alle Lebewesen befinden wir uns in einer ständigen Konkurrenzsituation und sind deshalb von Natur her darauf eingerichtet, jeden sich bietenden Vorteil sofort zu nutzen und dabei schneller zu sein als der andere, der das gleiche Ziel verfolgt. Dieser Umstand hat gravierende Konsequenzen. Er zwingt uns, unsere langfristigen Interessen einem momentanen Vorteil zu opfern, und zwar entgegen besserem Wissen.
Diese unbedachte Handlungsweise findet Unterstützung dadurch, dass der momentane Vorteil dem Einzelnen zugutekommt, während der künftige Nachteil alle betrifft. Die Starken jeder Generation glauben, die Nachteile auf die Schwachen abladen zu können und selbst ungeschoren davonzukommen. Dieser Selbstbetrug der Reichen, gepaart mit unersättlicher Habgier, zwingt die menschliche Zivilisation auf ihre selbstzerstörerische Bahn.
