Seid fruchtbar und mehret euch - Rainer Kleinefeld - E-Book

Seid fruchtbar und mehret euch E-Book

Rainer Kleinefeld

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Beschreibung

Angesichts der fortschreitenden Zerstörung unseres Planeten durch die ungebremste Produktion von Müll hinterfragt der Text das traditionelle Menschenbild, das die Geistesgeschichte in Jahrtausenden herausgebildet hat. Demnach schafft sich der vernunftbegabte Mensch in völliger Freiheit seine Kultur und distanziert sich damit von der Tierwelt, die allein von ihrer Erbsubstanz gesteuert ist. Moderne Erkenntnisse, vor allem aus der Hirnforschung und der Biologie, begründen erhebliche Zweifel an diesem positiven Selbstbild. Sowohl der freie Wille als auch die behauptete prinzipielle Unabhängigkeit unseres Verhaltens vom Genpool der Art lassen sich heute ernsthaft bestreiten. Der Autor vertritt die These, dass wir eingebettet in den Willen der Natur ein Genprogramm absolvieren, das ausschließlich und nichts anderem als unserer Vermehrung dient. Im egoistischen Streben nach dem eigenen Vorteil kämpfen wir gengesteuert und damit weitgehend unbewusst mit Vehemenz und wachsendem Erfolg darum, auf unserem Planeten die Infrastruktur für das Überleben von immer mehr Menschen aufzubauen. Der Kapitalismus ist ein wirkungsvolles Instrument bei der Bewerkstelligung dieser Aufgabe. Sein Motor ist das Gewinnstreben des Einzelnen, sein Ziel Wachstum um jeden Preis. Das Ergebnis bringt eine ständig wachsende Güterproduktion für eine ständig wachsende Erdbevölkerung. Im bedingungslosen Streben nach Wachstum übersehen wir völlig, dass die Erde nur begrenzt Ressourcen für uns bereithält und vor allem dass bei der Warenproduktion und aus den Waren selbst ein gewaltiger Müllberg entsteht, der die Kraft hat, uns alle zu vernichten. Das gilt vor allem für den uns unsichtbaren gasförmigen Müll, der als sogenanntes Klimagas im Begriff ist, die Erde auf einen für uns tödlichen Wert aufzuheizen. Der vom Kapitalismus erzeugte Wohlstand und unser Verlangen nach immer mehr davon machen uns blind für die drohende Gefahr. Die Habgier verdrängt unsere Angst. In seiner Streitschrift deckt Rainer Kleinefeld diese Zusammenhänge schonungslos auf, entwickelt aber auch Ideen und Vorschläge, wie die Katastrophe vielleicht doch noch abgewendet werden könnte.

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Seitenzahl: 164

Veröffentlichungsjahr: 2017

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SEID FRUCHTBAR UND MEHRET EUCH

DAS WACHSTUMSDIKTAT

INHALT

VORWORT

LEBEN

MENSCHEN

KAMPF

MACHT

HERRSCHAFT

KULTUR

GELD

RESÜMEE

LITERATUR

Rainer Kleinefeld

SEID FRUCHTBAR UND MEHRET EUCH

DAS WACHSTUMSDIKTAT

Die Logik ist unerbittlich,

aber einem Menschen, der leben will,

widersteht sie nicht.

Franz Kafka

VORWORT

Mit der krisenhaften Entwicklung des Kapitalismus mehren sich die Zeichen einer epochalen Wende. Die Ratlosigkeit ist groß, denn mit dem katastrophalen Ende des Großversuchs einer kommunistischen Gesellschaftsordnung ist jede Alternative zum Kapitalismus aus der Vorstellungswelt der Menschen verschwunden. In einer solchen Situation mehren sich die Stimmen, die zurück wollen in eine scheinbar behütete Gesellschaft von gestern. Es ist die Sehnsucht nach Geborgenheit in einer Welt vertrauter Formen und Normen, die den Konservatismus befördert. Alle früheren Versuche aber, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, endeten stets in einem Debakel. Uns bleibt nur der Weg nach vorne, der mutige Schritt in eine unsichere Zukunft, der allerdings umso sicherer werden kann, je genauer wir die Ausgangssituation kennen und auf je fundierteres Wissen wir bei riskanten Entscheidungen zurückgreifen können.

Hinderlich für den nüchternen Blick auf unsere gegenwärtige Lage ist vor allem das Festhalten am Dualismus des Philosophen René Descartes, der Trennung von immateriellem Geist und unbeseelter Materie als zwei unterschiedlichen „Substanzen“.1 Hinderlich ist die Trennung in Geistes- und Naturwissenschaften, die dazu geführt hat, dass man ganz unterschiedliche Vorstellungen des Begriffs „Geist“ entwickelt und so in einer entscheidenden Frage aneinander vorbeiredet. Auch der menschliche Geist ist eine Erscheinung der Natur und Gegenstand der Wissenschaft insgesamt. Es sollte zusammenkommen, was zusammengehört, denn es gibt nur eine Wirklichkeit.

In diesem Sinne entstand auch diese Schrift. Rüstzeug für dieses Vorhaben ist eine Bibliothek von Sachbüchern aus unterschiedlichsten Wissenschaftsbereichen. Das verfügbare Wissen ist nahezu unendlich. Um sich darin zurechtzufinden und daraus etwas Brauchbares herauszufiltern, ist es notwendig, die Naturwissenschaften zurate zu ziehen; ihre Methoden bieten die bestmögliche Hilfestellung, um die Spreu vom Weizen zu trennen.

Die geleistete Arbeit entspricht der Zusammensetzung eines Puzzles. Von der Annahme ausgehend, dass im Prinzip alles bereits gesagt wurde, was heute gesagt werden sollte, geht es darum, die mit hohem Aufwand und mit Akribie gewonnenen Erkenntnisse vieler Wissenschaftler zu identifizieren, sie im richtigen Kontext neu zusammenzufügen und ihnen zu neuer Aussagekraft zu verhelfen.

Es ist ein Zeichen der Zeit, dass mit dem Bedeutungsverlust der großen, einst staatstragenden Religionen das früher für alle verbindliche Weltbild zur Privatsache wird. In einer Zeit, in der die Freiheit des Individuums als höchster Wert gilt, entwickelt jeder seine eigenen, ganz privaten Vorstellungen über den Ursprung und den Sinn des Lebens. Scheinbar paradox existiert ein einheitliches Weltbild in der Vorstellung, dass eine freie Gesellschaft kein einheitliches Weltbild haben darf. Die den Spätkapitalismus tragende Ideologie ist die einer sich selbst angedichteten Ideologielosigkeit. Man verlangt zwar Sachlichkeit, wünscht aber kein allgemein anerkanntes objektives Verständnis vom Menschen, eines ohne die Prägung durch ein persönliches sinnstiftendes Ideal, ohne Vermischung von dem, was ist, mit dem, was der Einzelne gerne glauben möchte.

Der ungeschützte Blick auf die Realität ist kaum zu ertragen, er weckt im Menschen Angstgefühle, denen man reflexartig zu entkommen sucht. Einem Menschen, der leben will, gelingt das durch Selbsttäuschung, durch unbewusste Manipulation der eigenen Gefühlswelt. Hier zeigt sich die negative Seite unseres Bewusstseins, dessen störenden Einfluss auf unsere Psyche wir in unserer Leistungsgesellschaft durch Kultivierung einer Scheinwelt erfolgreich verdrängen. Aus dieser ideologischen Verwirrung hilft nur ein auf gesichertem empirischem Wissen gegründetes realistisches Menschenbild als Handlungsanleitung für die bewusste Gestaltung einer unbekannten Zukunft.

Wenn es um unser Verhalten geht, sind Neurologen, Ethologen und vor allem Evolutionsbiologen gefragt. Letztere versuchen alles von den Anfängen her zu verstehen. Sie legen den Grundstein, auf dem sich eine Wissenschaft vom Menschen in all ihren Dimensionen entfalten kann. Darauf beruht auch die vorliegende Schrift.

Das allgemein vorherrschende idealistische, den Geisteswissenschaften verpflichtete Menschenbild sieht im Menschen entweder immer noch eine herausgehobene Schöpfung Gottes oder ein Wesen, das sich aus eigener Kraft, ausgestattet mit einem freien Willen und mit Vernunft, einen eigenen Lebensraum, eine Kultur geschaffen hat und sich mit ihr von einer Natur distanziert, die alle übrigen Bewohner der Welt beherbergt. Man ist der Meinung, der Mensch könne die Welt beherrschen und zum Beispiel frei darüber entscheiden, ob er sie bewahrt oder vernichtet.

Dieses traditionell westliche Menschenbild kollidiert zunehmend mit den Erkenntnissen der heutigen Naturwissenschaften, insbesondere mit solchen aus den Bereichen der Evolutionsbiologie und der Neurologie.

Es wird zunehmend klar, dass der Mensch Teil einer einheitlichen Natur ist und in allen Facetten seines Wesens den allgemeinen Naturgesetzen unterworfen ist, aus deren Zwängen uns kein eigenständiger Geist, weder ein menschlicher noch ein göttlicher, kein Wille und keine Vernunft befreien kann. Der Physiker Albrecht Unsöld stellt fest: „Es besteht kein Zweifel, daß die physische und dann die geistige Evolution des Menschen sich nach denselben Prinzipien vollzog wie die vorhergehende biologische Evolution mit ihrem charakteristischen Zusammenwirken von Zufall und Notwendigkeit.“2

Moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse vertreiben uns aus der Geborgenheit einer Scheinwelt und fordern uns auf, die inneren Widersprüche unserer Denkweisen aufzulösen. Für den Neurowissenschaftler Gerhard Roth steht fest, dass der Mensch ganz wesentlich von innen gesteuert ist. Er bestätigt die Theorie Sigmund Freuds in einer Reihe von Kernaussagen, „vor allem was die Dominanz des Unbewussten gegenüber dem Bewussten, die Bedeutung frühkindlicher Erfahrungen, die sehr beschränkten Möglichkeiten des Selbstverstehens und die Neigung des bewussten Ich zu Pseudoerklärungen und Konfabulationen betrifft“.3

Bewusst können wir unseren Blick bis an die Grenzen des Universums richten, der direkte Blick auf uns selbst aber wird wie von Geisterhand immer wieder blockiert. Scheinbar wollen wir nicht wissen, was uns bewegt, was uns von innen heraus antreibt. Hier zeigen sich die Grenzen rein geisteswissenschaftlicher Analysen und einer introspektiven Philosophie. Erkenntnis verlangt nicht nur Logik, sondern vor allem exaktes Erfahrungswissen aus sinnlicher Wahrnehmung. Es gilt die allgemeine Feststellung des Philosophen und Naturwissenschaftlers Stanisław Lem: „Wenn die Urbegriffe eines Systems nicht empirisch sind, verhilft keinerlei ‚Präzisierung‘ der abgeleiteten Begriffe zu einem wissenschaftlich sinnvollen Resultat.“4 Sinnvolle Aussagen über die Welt, vor allem solche zum Verständnis unseres eigenen Verhaltens, erhalten wir nur auf der Basis erfahrungsabhängiger naturwissenschaftlicher Erkenntnisse.

Für den Zoologen und Ethologen Richard Dawkins ist das Verhalten aller Organismen geprägt von einem Egoismus, der sich aus dem Egoismus der in ihnen wirksamen Gene ableiten lässt. „Das egoistische Gen“5 verlangt nach Replikation und Wachstum in unerbittlicher Konkurrenz zu allen anderen Genen im Genpool dieser Welt. „Ich würde argumentieren, daß eine vorherrschende Eigenschaft, die wir bei einem erfolgreichen Gen erwarten müssen, ein skrupelloser Egoismus ist. Dieser Egoismus des Gens wird gewöhnlich egoistisches Verhalten des Individuums hervorrufen. Es gibt jedoch (...) besondere Umstände, unter denen ein Gen seine eigenen egoistischen Ziele am besten dadurch erreichen kann, daß es einen begrenzten Altruismus auf der Stufe der Individuen fördert. Die Worte ,besondersʻ und ,begrenztʻ sind wichtig. So gern wir auch etwas anderes glauben wollen, universelle Liebe und das Wohlergehen einer Art als Ganzes sind Begriffe, die evolutionstheoretisch gesehen einfach keinen Sinn ergeben.“6 Dieser grundlegenden Feststellung entsprechend sind auch wir Menschen prinzipiell alle Egoisten, die langfristig dem Wachstumserfolg ihrer Gene dienen und sich dabei nicht nur egoistisch, sondern je nach Gegebenheit gleichermaßen kooperativ oder gar altruistisch verhalten.

Die Begriffe ,egoistisch‘, ,kooperativ‘, ,altruistisch‘ und andere, die sich auf den Überlebenskampf der Menschen und ihr Streben nach Wachstum beziehen, sind in diesem Text nicht moralisch konnotiert. Gene und ihre Organismen bis hinauf zum Menschen verhalten sich einfach so, wie es ihrer Vermehrung nutzt. Ethik und Moral sind Kopfprodukte der Menschen und von daher keine absoluten Wertsysteme, sondern Ausdruck der materiellen Interessen ihrer Schöpfer. Wertsysteme verstellen die Wirklichkeit, sie dienen nicht dazu, sie zu erhellen. Die menschlich-allzu-menschlichen Tatsachen finden sich jenseits von Gut und Böse. Nach Nietzsche muss zugestanden werden, „daß der schlimmste, langwierigste und gefährlichste aller Irrtümer bisher ein Dogmatiker-Irrtum gewesen ist, nämlich Platos Erfindung vom reinen Geiste und vom Guten an sich“.7 Entsprechend kann ein Neurowissenschaftler nicht etwas nachweisen oder beschreiben, was es in Wirklichkeit gar nicht gibt, den „reinen Geist“ nämlich. Ein realistisches Menschenbild verlangt nach einer materialistischen Grundlage, in der Beschreibung dessen, was ist, und nicht dessen, was sein soll. Das ist eine weitere Grundannahme, auf der diese Schrift beruht.

„Der lange Arm der Gene“8 greift über die Manipulation der Einzelorganismen hinaus tief in die Welt, bis in unser gesellschaftliches Leben hinein. In allen Bereichen des Sozialen ist erkennbar, wie wir von unseren Genen in ein Verhalten gedrängt werden, das einzig deren Replikation begünstigt und im Ergebnis die Weltbevölkerung ständig anwachsen lässt. Jedes Kapitel dieser Schrift zeigt dieses Phänomen in einem ausgewählten Bereich unter einem besonderen Aspekt. Die Kapitelüberschrift benennt den Bereich nur grob und ist kein Programm. So stehen die einzelnen Kapitel in ihrer Aussage relativ unabhängig nebeneinander und die Schrift bekommt eine offene Form. Das hat den Vorteil, dass jede Leserin, jeder Leser sich die ihrer oder seiner Meinung nach interessantesten Aspekte aussuchen und in beliebiger Reihenfolge lesen kann. Im Vordergrund bleibt immer der im Buchtitel angesprochene, uns von der Natur auferlegte Zwang, uns zu vermehren und die Erde untertan zu machen. In jedem Kapitel stellt sich immer wieder neu die Frage nach der wahren Natur des Menschen und nach seiner Lebenswirklichkeit.

Die bei dieser Darstellungsweise notwendigerweise entstehenden gedanklichen Überschneidungen und Wiederholungen unterstreichen die Richtigkeit der Kernaussage und sind daher nicht unerwünscht.

Den Leserinnen und Lesern, die weniger am Grundsätzlichen als an der aktuellen gesellschaftspolitischen Relevanz der Kernaussage interessiert sind, wird empfohlen, mit den letzten Kapiteln (ab Kultur) zu beginnen.

Diese Schrift handelt also vom Phänomen des Lebens: von uns Menschen und menschlichen Gesellschaften als Zufallsprodukten eines sich selbst organisierenden Lebensprozesses, mit der Metamorphose der biologischen in eine kulturelle Evolution. Im Zentrum steht das weitgehend vom Unterbewusstsein gesteuerte Sozialverhalten der Menschen in den Koordinaten von Kooperation und Konfrontation, im Streben nach Selbsterhalt und vor allem nach Fortpflanzung. Die Konstanten in diesem unermüdlichen Streben sind Kampf, Macht und Herrschaft, die auch heute, verdinglicht im Geld, unser Leben bestimmen.

In jedem Kapitel und über alle hinweg entfaltet sich ein neues Menschenbild, ein realistischer Blick auf uns selbst.

1 Pauen 2002, S. 41.

2 Unsöld 1983, S. 91.

3 Roth 2001, S. 454.

4 Lem 1983, S. 389.

5 Dawkins 2007.

6 Dawkins 2007, S. 519 f.

7 Nietzsche 1953, S. 4.

8 So der Untertitel des Werkes Dawkins, Der erweiterte Phänotyp, 2010.

LEBEN

In dem großen Strom zunehmender, sich ins Unendliche ausweitender Entropie, in grober Näherung als Unordnung zu verstehen, entstehen spontan immerzu isoliert geordnete Strukturen unterschiedlicher Beständigkeit, es entsteht „Ordnung im Chaos“. Unordnung benötigt Ordnung, um zu wachsen. Es ist also wahrscheinlich, dass dieser von physikalischen Gesetzmäßigkeiten bestimmte Vorgang auch lebende Strukturen hervorgebracht hat. Während tote Strukturen, beispielsweise Kristalle, in völliger Starrheit und ohne Energiezufuhr überdauern, zeichnen sich lebende Systeme dadurch aus, dass sie ihren inneren Zusammenhalt nur durch eigene Anstrengung, durch Arbeit aufrechterhalten können. Leben verlangt die ständige Zufuhr von Energie und dazu eine beträchtliche Menge an Informationen, die um mehrere Größenordnungen höher ist als die z. B. von toten Kristallstrukturen dargestellte. Insbesondere aber sind Lebewesen in der Lage, die ihrer eigenen Struktur entsprechende Information zu reproduzieren und weiterzugeben. Lebewesen bilden so Repliken von sich selbst. Eine Informationseinheit, die in der Lage ist, sich selbst im Zusammenspiel mit anderen zu replizieren, ist ein Replikator. „Der erste Replikator funktionierte aus sich heraus, ab initio, ohne Vorbild und ohne eine Unterstützung, die über die normalen Gesetze der Chemie hinausgegangen wäre.“9 Auch für den Chemienobelpreisträger Manfred Eigen braucht es keine geheimnisvolle „Vitaleigenschaft“ der Materie zur Entstehung des Lebens, wenn darunter die Entwicklung vom Makromolekül zum Mikroorganismus zu verstehen ist. Für ihn ist es „nur ein Schritt unter vielen, wie etwa der vom Elementarteilchen zum Atom, vom Atom zum Molekül … oder auch der vom Einzeller zum Organverband und schließlich zum Zentralnervensystem des Menschen. Warum sollten wir gerade diesen Schritt vom Molekül zum Einzeller mit größerer Ehrfurcht betrachten als irgendeinen der anderen?“10 Demnach hat die Molekularbiologie dem Schöpfungsmystizismus ein Ende gesetzt und die Schranke zwischen unbelebter Welt und der Biosphäre zum Verschwinden gebracht.

Mit radiometrischen Methoden konnte man das Erdalter auf 4,5 Milliarden Jahre festlegen. Vor über drei Milliarden Jahren gab es bereits Mikroorganismen, die sich als Fossilien nachweisen ließen. „Das Leben verlor keine Zeit – es tauchte sofort auf, nachdem es überhaupt auftauchen konnte.“11 Woraus die ersten Replikatoren bestanden, ist ungewiss, aber soweit wir zurückblicken können, bildet ein aus wenigen Elementen aufgebautes Kettenmolekül, verkürzt DNA genannt, die Grundlage der Vererbung. Auf solchen mehr oder weniger langen Molekülen sind alle zur Replikation erforderlichen Informationen in einem digitalen Code gespeichert.

Der Energiefluss der Sonnenstrahlung, den direkt oder indirekt alle Lebewesen anzapfen, erhält das Leben auf der Erde. Die mehr oder weniger intelligente und effiziente Nutzung dieser Energiequelle bestimmt alle Lebensvorgänge und Lebensäußerungen dieser Welt nach der einfachen Formel: Mehr Informationen bedeuten Zugang zu mehr Energie und damit auch mehr Leben. Je besser die Informationslage eines einzelnen Organismus ist, umso mehr Energie kann er seiner Umwelt entziehen und wachsen. Je mehr er sich daraufhin vermehrt, umso schneller sind die Ressourcen seiner Umwelt aufgebraucht und das Wachstum stoppt. Nur der Organismus, der sich dem Gleichgewichtszustand und dem Stillstand zu entziehen vermag, indem er ein besseres Know-how der Ressourcenbeschaffung entwickelt, kann weiterwachsen. Dies wird so lange andauern, bis auch er an einen Punkt gelangt, an dem die vorhandene Information nicht mehr reicht, sich dem immer von Neuem auftauchenden Mangel zu entziehen. Informationsgewinn durch Selektion ist also der Angelpunkt von Charles Darwins Prinzip des „survival of the fittest“, dem Grundstock der Evolution: Der Organismus setzt sich durch, der das ausgefeilteste System der Informationsverarbeitung besitzt. Für Albrecht Unsöld schließlich handelt es sich beim Geschehen der ganzen Evolution kurzgefasst „um die Gewinnung, Verwertung und Weitergabe von mehr und immer mehr Information, von ,know how“.12 Das erklärt auch, warum der Schwerpunkt der ganzen evolutionären Entwicklung in der Vergrößerung und immer differenzierteren Ausbildung des Gehirns liegt.

Grundlage der das Leben erhaltenden Ausweitung des Informationspools einer Art ist, scheinbar paradox, eine mangelhafte Replikation. Durch eine gewisse Anzahl zufälliger und seltener Ablesefehler des digitalen Codes der DNA werden Varianten oder Mutanten der sich replizierenden Biomoleküle mit unterschiedlichen Informationsgehalten gebildet. Dieser Fehler ist kumulativ. Es entstehen laufend zunehmend unterschiedliche Replikatoren oder Anhäufungen von Replikatoren, die ganz verschiedene Erscheinungsformen des Lebendigen, sogenannte Phänotypen, hervorbringen. Die Vielfalt der Phänotypen ist die adäquate Antwort auf die kontingenten Herausforderungen der Welt und ein unveräußerliches Merkmal aller sich selbst organisierenden komplexen Systeme. Leben ist ein solches sich selbst organisierendes komplexes System, das sich durch eigene Arbeit und einen eigenen Pool von Informationen selbst immer wieder neu hervorbringt. Entsprechend verdankt nach Ansicht des Medizinnobelpreisträgers Jacques Monod ein Lebewesen „(...) nichts der Einwirkung äußerer Kräfte, aber alles – von der allgemeinen Gestalt bis in die kleinste Einzelheit – seinen inneren, ‚morphogenetischen‘ Wechselwirkungen“.13 So genau der ganze hochkomplexe Apparat auch funktionieren muss, ohne den zufälligen Ablesefehler wäre er nicht existent. Das veranlasst Monod zu der weiteren Feststellung: „Der reine Zufall, nichts als der Zufall, die absolute, blinde Freiheit als Grundlage des wunderbaren Gebäudes der Evolution – diese zentrale Erkenntnis der modernen Biologie ist heute nicht mehr nur eine unter anderen möglichen oder wenigstens denkbaren Hypothesen; sie ist die einzig vorstellbare, da sie allein sich mit den Beobachtungs- und Erfahrungstatsachen deckt.“14

Für den scheinbar zielstrebigen Charakter der Evolution, der zur Entstehung von uns Menschen geführt hat, gibt es nur die einzige von Charles Darwin (1859) gefundene wissenschaftliche Erklärung, nämlich genetische Mutation und Selektion. Das betont auch Albrecht Unsöld, nachdem er zuvor auf die Unumkehrbarkeit des Prozesses hingewiesen hat: „Ein ‚zurück‘ gibt es in der Evolution nicht. Dies beruht offenbar darauf, daß jeder erkennbare Evolutionsschritt sich in Wirklichkeit aus vielen Gen-Änderungen zusammensetzt, deren Koordination erst durch die Selektion zustande kommt.“15 Die Zufälligkeit der einzelnen Genänderungen macht den Werdegang der Evolution irreversibel, was leicht zu der Annahme verführt, der Mensch sei das Produkt einer weisen Voraussicht.

Richard Dawkins entfaltet sein Verständnis der hochkomplexen Vorgänge der Evolution des Lebens aus dem Blickwinkel des Gens. Dafür liefert er eine einfache Begründung: „Wenn man das Leben nicht aus dem Blickwinkel des Gens betrachtet, findet man keinen Grund, aus dem ein Organismus an seinem Fortpflanzungserfolg und dem seiner Verwandten ,interessiert seinʻ sollte, statt sich zum Beispiel um seine eigene Langlebigkeit zu kümmern.“16 Die Sorge um Nachkommenschaft ist wohl das Auffälligste, was man an jedem Lebewesen beobachten kann.

Diese ebenso einfache wie geniale Theorie von einem egoistischen Gen, das sich eine passende Überlebensmaschine baut, mit der es seiner Umgebung die Ressourcen entzieht, um absolut nichts als die eigene Replikation damit zu sichern – dieser Gedanke bildet die Grundlage aller weiteren Aussagen dieser Schrift, verleiht ihnen Sinn.

Jedes einzelne egoistische Gen handelt in diesem Denkansatz in Konkurrenz zu allen anderen Genen dieser Welt und das entstehende Wettrüsten um den Bau der leistungsfähigsten Überlebensmaschine erklärt überzeugend, wie sich die Struktur, die Funktionsweise, das Verhalten und auch die Umgebung eines Organismus unter der Kontrolle seiner Gene verändern. „Der lange Arm der Gene“ greift weit ein in den Ablauf der Natur.

Für Dawkins begann der evolutionäre Fortschritt, als Replikatoren anfingen, Schutzhüllen um sich herum zu bauen, um sich gegen andere Replikatoren, die nach den gleichen Ressourcen verlangten, abzusichern. Das Wettrüsten begann also wahrscheinlich mit dem Bau immer wirkungsvollerer Schutzhüllen, die sich in einem kumulativen und progressiven Vorgang als Überlebensmaschinen weiterentwickelten und dabei immer größer und perfekter wurden. Replikatoren wetteifern in der Kunst des Überlebens. „Heute drängen sie sich in riesigen Kolonien, sicher im Innern gigantischer, schwerfälliger Roboter, hermetisch abgeschlossen von der Außenwelt; sie verständigen sich mit ihr auf gewundenen, indirekten Wegen, manipulieren sie durch Fernsteuerung. Sie sind in dir und in mir, sie schufen uns, Körper und Geist, und ihr Fortbestehen ist der letzte Grund unserer Existenz. Sie haben einen weiten Weg hinter sich, diese Replikatoren. Heute tragen sie den Namen Gene, und wir sind ihre Überlebensmaschinen.“17

Mutation und Auslese, Zufall und Notwendigkeit haben die Gene zu ausgezeichneten Konstrukteuren von Überlebensmaschinen werden lassen. Die Überlebensmaschine bildet den einzigen Zugang der Geninformation zur lebenswichtigen Energie. Von Anfang an mussten die Gene dazu in Gruppen zusammenarbeiten. Als Spezialisten mit einem jeweils unterschiedlichen Informationsgehalt ausgestattet, konnten sie nur in gegenseitiger Unterstützung etwas Neues, Größeres als sie selbst hervorbringen. In diesem Sinne handelt auch ein egoistisches Gen kooperativ. Je größer die Aufgabenteilung ist, umso komplexer ist die hergestellte Maschine, die sich dadurch immer besser den äußeren Umständen anpassen kann, aber auch immer störanfälliger wird. Dabei besteht die Kunst des Überlebens darin, im Zusammenwirken mit anderen das Eigene zu behaupten. Das Gemeinsame ist niemals Selbstzweck, es ist immer Mittel zum Erhalt des Individuellen, des Speziellen.

Der Zusammenhalt der Gene eines Genoms, der Gesamtheit der vererbbaren Informationen, entsteht im gemeinsamen Bestreben, eine möglichst exakte Kopie der Lebensmaschine herzustellen, die das Überleben aller in der Vergangenheit gewährleistet hat, darin sind sich alle einig. Auch Gene verhalten sich grundsätzlich konservativ, sie wollen das Bewährte erhalten. Der Störenfried in dem Geschehen ist deshalb nicht das andere Gen eines anderen phänotypischen Ausdrucks, sondern ein neu durch Mutation im Genpool der Art entstandenes Gen des gleichen Phänotyps alternativer Ausprägung, das antritt, das alte zu ersetzen. Die Ebene der Gene ist die unterste Ebene des Kampfes von etwas Neuem gegen das etablierte Alte, der innere Antrieb der Evolution, durch den einige Gene im Genpool zahlreicher und andere seltener werden. Der Zufall spielt in jedem Kampfgeschehen eine wichtige Rolle. Die Selektion sorgt jedoch langfristig dafür, dass sich die Variante im Genpool durchsetzt, die dem ganzen komplexen Lebensprozess die notwendige Energiesicherheit gewährleistet, denn ohne einen permanenten Energiefluss gibt es weder Gene noch Überlebensmaschinen.

Ziel jedes Gens muss es sein, ein Vehikel zur möglichst effizienten Energiebeschaffung und -verwertung zu bauen. Sowohl Form als auch Funktionalität des Vehikels sind allein hierauf abgestellt. Effizienz bedeutet, dass sie bei möglichst geringem Eigenbedarf möglichst viel Energie für die Vermehrung der Gene und deren Informationsgehalt erwirbt. Je knapper der Energievorrat ist, umso größer ist der Selektionsdruck hin zu dessen effizienter Nutzung.