Dating - Moira Weigel - E-Book

Dating E-Book

Moira Weigel

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Beschreibung

Früher hat man nicht gedatet. Erst als Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts allein in die Städte aufbrachen, um dort zu leben und zu arbeiten, änderte sich das. Die Geschichte des Datings ist also auch eine Geschichte des Feminismus. Und eine Geschichte ökonomischer Realitäten, die das Date schon immer maßgeblich beeinflusst haben und es bis heute tun. Moira Weigel hat die erste Kulturgeschichte des Datings geschrieben. Darin spricht sie über die ersten Kinos und besorgte Eltern, über Sex im Auto, Online Dating und was Romantik mit harter Arbeit zu tun hat.

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Seitenzahl: 419

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zum Buch

Früher hat man nicht gedatet. Erst als Frauen allein in die Städte aufbrachen, um dort zu leben und zu arbeiten, änderte sich das. Die Geschichte des Datings ist also auch eine Geschichte des Feminismus. Und eine Geschichte ökonomischer Realitäten, die das Date schon immer maßgeblich beeinflusst haben und es bis heute tun. Moira Weigel hat die erste Kulturgeschichte des Datings geschrieben. Darin spricht sie über die ersten Kinos und besorgte Eltern, über Sex im Auto, Online-Dating und was Romantik mit harter Arbeit zu tun hat.

Zur Autorin

MOIRA WEIGEL wurde 1984 in Brooklyn geboren, hat an der Yale University promoviert und ist jetzt Junior Fellow an der Harvard University. Ihre Texte werden u. a. in Die Welt, The Guardian, The Nation und n+1 veröffentlicht, sie hat Henrich von Kleist und Werner Herzog ins Englische übersetzt. Heute lebt sie mit ihrem Mann in Cambridge, Massachusetts, und nach Jahren der persönlichen Recherche in Sachen Dating hat sie die erste Kulturgeschichte des Datings geschrieben.

Moira Weigel

Dating

Eine Kulturgeschichte

Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2016unter dem Titel »Labor of Love. The Invention of Dating« bei Farrar, Straus & Giroux, New York.

1. Auflage

Genehmigte Taschenbuchausgabe April 2018

by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Copyright der Originalausgabe © 2016 by Moira Weigel

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotiv: © H. Armstrong Roberts/Getty Images

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

mr · Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-21335-0V001www.btb-verlag.dewww.facebook.com/btbverlag

Für alle, die mir etwas über die Liebe beigebracht haben, besonders Mal und Ben.

Inhalt

Vorwort: Dates

Kapitel 1. Geschäfte

Kapitel 2. Likes

Kapitel 3. Draußen

Kapitel 4. Campus

Kapitel 5. Steadies

Kapitel 6. Freiheit

Kapitel 7. Nischen

Kapitel 8. Niederschriften

Kapitel 9. Pläne

Kapitel 10. Beistand

Nachwort: Liebe

Ausgewählte Literatur

Dank

Personenregister

Vorwort: Dates

Ich würde auffliegen. Wenn nicht jetzt, dann sehr bald. Dieses Gefühl hatte ich mit Mitte zwanzig. Ich wusste nicht genau, wen ich getäuscht hatte und wie, und ich wusste auch nicht, wie ich mich schließlich verraten würde. Die Selbsthilferatgeber und meine irisch-katholische Mutter meinten, es sei das Leben als alte Jungfer, das ich auf mich zukommen sah. Natürlich wünschte ich mir keine einsame, liebesleere Zukunft – wer tut das schon? Doch die Angst, die mich umtrieb, war eine andere. Allmählich stellte ich fest, dass ich gar nicht wusste, wie ich etwas wollen sollte.

Erste Anzeichen dafür gab es an einem schwülen Frühsommerabend in New York, als ich sechsundzwanzig war. Ich spazierte mit einem Mann durch Chelsea, mit dem ich mich schon länger traf, und wie Schauspieler in einer Liebeskomödie fanden wir uns eines Tages auf der High Line wieder. Von Touristen und Millionären umgeben sahen wir zu, wie die Sonne in Hoboken, New Jersey, versank.

Er war älter als ich, gutaussehend und vielleicht ein Genie (dachte ich jedenfalls). Außerdem war er egoistisch auf eine Art, die so zerstörerisch wie unbeabsichtigt war. Seit Wochen hatte er versucht, unser Verhältnis zu beenden, um sich zu einer anderen, länger zurückreichenden Beziehung mit einer Ex-Ex zu bekennen, die er inzwischen wieder seine Freundin nannte. Doch hatte er bisher immer einen Rückzieher gemacht. Er wollte uns beide an seinem Entscheidungsprozess teilhaben lassen.

Er sprach gerade von den ideologisch fragwürdigen Eigenschaften dauerhafter romantischer Liebe, als mich eine Frage einholte, der ich bisher immer aus dem Weg gegangen war. Mit schnellen Schritten kam sie jetzt auf mich zu.

Was soll ich wollen?

Damals fühlte ich mich zerrissen zwischen dem Bewusstsein, wie klischeehaft das Vielleicht-Genie und ich waren, und der brennenden Gewissheit, dass mir das Erkennen eines Klischees als Klischee nicht helfen würde. Er war im Begriff, mir das Herz zu brechen. Aber wie so viele Frauen war ich dazu erzogen worden, mich nach den Bedürfnissen anderer zu richten – wenn schon nicht, um sie glücklich zu machen, dann wenigstens, um mich selbst begehrenswert erscheinen zu lassen. Deshalb waren sogar meine Gefühle vom Sollen besessen. Sollen war ein Reflex geworden.

»Was soll ich wollen?«, fragte ich schließlich das Vielleicht-Genie, als es mich zurück zur U-Bahn-Station begleitete. Ich versuchte, nicht zu verkniffen zu klingen, und das musste geklappt haben, denn er lachte.

»Will nicht jeder einfach nur glücklich sein?«

Ich zuckte zusammen. Nicht nur, dass er mich abwimmelte, wahrscheinlich damit er den Rest des Abends mit seiner Ex-Ex verbringen konnte. Die Antwort war auch noch so banal. Konnte es denn sein, dass er wirklich nicht viel mehr wusste als ich? Er war doch so überzeugt davon, ein Recht aufs Wollen zu haben, selbst wenn er nur unentschlossen sein wollte. Ich wollte auch etwas wollen. Aber was?

Und warum fragte ich immer irgendeinen Mann danach?

Tja, das hatte ich beim Daten gelernt.

Ich sage »ich«. Aber damit könnte jede Frau in meinem Bekanntenkreis gemeint sein. Ich gehöre zu einer Generation, der ständig gesagt wurde, wir Mädchen könnten alles erreichen. Und trotzdem wuchsen wir unserer eigenen Wünsche entfremdet auf. In der Schule erklärten uns die Bücher, Feminismus sei etwas, das bereits vorbei war: Wenn wir uns nur genug anstrengten, könnten wir jetzt dasselbe erreichen wie unsere männlichen Klassenkameraden.

Dating jedoch brachte uns bei, wie wir zu sein hatten, wenn wir begehrt werden wollten.

Bereits als Kinder lernten wir, dass romantische Liebe das Wichtigste sei, was uns im Leben passieren würde. Liebe war wie die Note einer Abschlussprüfung: Egal, was wir sonst geleistet hatten, ohne sie war alles bedeutungslos. Wir wussten, dass wir diese Liebe mithilfe von Dates finden sollten. Darüber hinaus gab es jedoch keine eindeutigen Regeln. Es schien noch nicht einmal jemand zu wissen, was Dating überhaupt genau war.

Als Erwachsene waren sich die meisten meiner Freunde einig, dass Dating sich anfühlte wie experimentelles Theater. Immer, wenn man sich mit jemandem traf, hatte man unterschiedliche, einander widersprechende Drehbücher. Man tat trotzdem sein Bestes. Diejenigen unter uns, die Frauen und auf der Suche nach einem Mann waren, wurden mit Informationen darüber zugeschüttet, wie das Ganze anzugehen sei. Bücher, Filme, Fernsehsendungen, Zeitschriften, Blog-Artikel und die Werbung erklärten uns, wie wir uns zu verhalten hatten.

Rosafarbene Cover und Schnörkelschrift sowie die Tatsache, dass diese Anleitungen zwischen Seiten mit Parfümpröbchen steckten, wiesen jedoch unzweifelhaft darauf hin, dass sie völlig belanglos waren. Ach, komm, sagten das Rosa und die Schnörkel und das Parfüm, Dating ist nichts, was du ernst nehmen musst. Doch was könnte ernstzunehmender sein als der einzige Weg, von dem dir gesagt wird, dass er zur Erfüllung führt – und zur Fortpflanzung der Gesellschaft, in der du lebst.

Je öfter ich darüber nachdachte, desto mehr kam mir das alles wie eine große Verschwörung vor.

Wenn du geliebt werden willst, musst du folgendermaßen sein, erklärten die Artikel, das heißt, wenn du überhaupt irgendetwas wert sein willst.

Und stell bloß keine Fragen.

Weibliches Begehren ist kein banales Thema. Und die Frage danach, wie man glücklich wird, ebenso wenig. Ich erkannte, dass vieles, was ich dachte wollen zu sollen und Erwartungen, von denen ich meinte, sie würden an mein Verhalten gestellt, vom Dating kamen. Und deshalb wollte ich herausfinden, wo eigentlich das Dating selbst herkam. Dazu reichte es nicht, die Gegenwart zu untersuchen. Das Durcheinander an Mutmaßungen und Überzeugungen, die meine Freunde und ich mit uns herumtrugen, war über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte angesammelt worden. Also machte ich mich daran, die Vergangenheit zu untersuchen.

Meine erste Google-Suche brachte schlechte Neuigkeiten.

Das Dating war tot.

Am 11. Januar 2013 bestätigte das die New York Times. »Das Ende des Liebeswerbens?«, fragte sie in einer Überschrift. Im Artikel wurden Gespräche mit zwanzig- bis vierzigjährigen Frauen aus diversen Ostküstenstädten der USA zitiert, woraus eine der größten und seriösesten Zeitungen der USA folgerte, »One-Night-Stands« und »lose Verabredungen« hätten das Dating-Ritual abgelöst. »Der Begriff ›Date‹ kann bald aus dem Wörterbuch gestrichen werden!«, äußerte sich eine der Befragten sehr bestimmt. Der Autor des Artikels stellte eine Reihe von Fragen, von denen er wohl meinte, jede Singlefrau wolle sie hören, um sie gleich danach abzuschmettern. »Dinner in einem romantischen neuen Bistro? Vergiss es.«

»Ein schickes Abendessen? Du kannst von Glück sagen, wenn du einen Drink bekommst.«

»Auf Dates geht doch niemand mehr!«, wenden auch Eltern von Kindern im Highschool- und Collegealter ein, wenn ich erzähle, dass ich ein Buch übers Dating schreibe. Und währenddessen melden sich jeden Tag unzählige Singles aus ganz Amerika in Online-Partnerbörsen an.

In Restaurants im ganzen Land treffen sich jeden Abend einander fremde Menschen, die aufrichtig hoffen, der oder die jeweils andere möge der oder die Eine sein oder zumindest jemand, mit dem sie sich ein gemeinsames Leben vorstellen können. Randvoll mit Informationen, die sie über ihr Gegenüber gesammelt haben, setzen sich zwei Menschen an einen Tisch. Ein bisschen ungelenk fangen sie an, einander Fragen zu stellen.

Ob sie wohl alles richtig machen?

Einer lacht zu laut.

»Internetdates – die erkennt man sofort.« Meine Freundin verdreht die Augen. Sie arbeitet als Kellnerin, seit sie ihren PR-Job verloren hat, und sieht nach eigenen Angaben Dutzende solcher Paare pro Woche. Sie kann sogar ein OkCupid- von einem Match.com-Date unterscheiden. Auch zwischen JDaters und Leuten, die sich über Hinge kennengelernt haben, gebe es feine Unterschiede, sagt sie.

Dates sind tot? Lang leben die Dates, müssen sich die Besitzer der Apps und Restaurants wohl denken.

Sind die Berichte über das Aussterben des Dates also übertrieben?

In allen menschlichen und vielen Gesellschaften im Tierreich hat es schon immer Werbungsrituale gegeben. Nicht alle daten einander. Der männliche Blaufußtölpel beispielsweise vollführt einen fulminanten Balztanz, aber er geht nicht auf Dates. Ebenso wenig tat das der gemeine US-Amerikaner um 1900. Seither haben Experten immer wieder verkündet, das Date sei ausgestorben, oder es stehe kurz davor. Der Grund dafür ist einfach – die Art des Datings verändert sich mit der Wirtschaft. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen: Dating ist die Form, die Liebeswerbung in einer Gesellschaft annimmt, die unter den Gesetzen des freien Marktes steht.

Die Geschichte des Dates begann, als Frauen ihre eigenen und die Häuser anderer verließen, wo sie als Sklavinnen und Hausmädchen geschuftet hatten, und in die Städte zogen, wo sie Jobs annahmen, bei denen sie mit Männern in Kontakt kamen. Zuvor hatte es für junge Menschen keinerlei Möglichkeit gegeben, sich unbeaufsichtigt zu treffen, und jeder, dem man im eigenen Dorf über den Weg lief, war mit hoher Wahrscheinlichkeit jemand, den man schon kannte.

Denken Sie nur mal darüber nach, was in einem Jane-Austen-Roman für eine Aufregung herrscht, wenn ein einziger Single auftaucht, den noch niemand kennt. Und nun schätzen Sie, wie vielen Männern eine Verkäuferin im Luxuskaufhaus Lord & Taylor um 1910 wohl jeden Tag begegnet ist. Dann erkennen Sie das romantische Potenzial, das sich durch die Arbeit in der Großstadt ergeben hat.

Wie die Menschen arbeiten, hat schon immer einen Einfluss darauf gehabt, wie Dates sich gestalteten. Ich hole dich um sechs ab – diese Nachricht hat zu einer Zeit einen Sinn gehabt, in der die meisten Menschen einen Job mit festen Arbeitszeiten hatten. Heutzutage hat eine SMS mit dem bloßen Inhalt Zeit? womöglich die gleiche Funktion.

Doch Dates werden nicht nur beeinflusst von der Arbeit, Dates sind Arbeit. Ein Teil davon sogar körperliche. Nehmen Sie all die Dinge, die Hochglanzmagazine heterosexuellen Frauen nahelegen, um überhaupt »datebar« zu sein: Sie müssen geschmackvolle Klamotten kaufen, Sport treiben, um da auch hineinzupassen, sich gesund ernähren, ein attraktives Äußeres bewahren – lackierte Nägel, gewachste Haut am ganzen Körper, Make-up, Frisur und so weiter – und auch noch einen Job haben, um all das bezahlen zu können. Jedem Single wird geraten, Onlineprofile zu erstellen, sie immer auf dem neuesten Stand zu halten und durch eine einnehmende Social-Media-Präsenz zu überzeugen. Doch damit hört es noch lange nicht auf.

Ein Date erfordert nicht nur körperliche Arbeit, sondern auch emotionale. Mein ehemaliger Mitbewohner Travis nannte sein Programm fürs erste Date »Die Travis-Show«, was er jedes Mal mit einer ironisch-theatralischen Geste unterstrich. Aber es kostet ja tatsächlich einige Mühe, die Version seiner selbst abzuspielen, die einen Fremden verzaubert. Am schwersten ist es manchmal, dabei leicht und unangestrengt rüberzukommen.

Die Tatsache, dass Dating Arbeit bedeutet, muss nicht unbedingt negativ sein. Durch Arbeit gestalten wir die Welt um uns herum. Begehren ist die Chance, die jeder von uns bei der Geburt erhält, sich an andere zu binden und die gemeinsame Welt zu erneuern. Die meisten Ratgeber wenden sich an eine begrenzte Zielgruppe: junge heterosexuelle Weiße aus der Mittelschicht oder Collegeabsolventen in Großstädten. Da ich die Datingkultur untersuchen will, die auf genau solche Menschen zugeschnitten ist, werde auch ich viel über sie sprechen. Aber ich will auch versuchen zu zeigen, wie sich diese Geschichten mit denen anderer überschneiden.

Liebe und Anziehungskraft können Identitätsgrenzen überschreiten. Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat das Dating den Menschen berauschende neue Freiheiten ermöglicht. Sie sind auf die Straße gegangen und haben für ihr Recht gekämpft, Liebe zu suchen, die unabhängig von der Hautfarbe ist, die heterosexuell, homosexuell, beides, keins von beidem, monogam oder polyamourös sein kann, ohne Strafverfolgung zu riskieren. Inzwischen kann man sich tatsächlich vorstellen, ohne Angst seine Liebe zu leben.

Es gibt kein besseres Leben als eines, das man mit Arbeit an der Liebe verbringt – ein Leben, in dem wir uns nicht anstrengen, weil wir müssen, sondern weil wir daran glauben, etwas Wertvolles zu erschaffen, und wollen, dass es existiert. Da unsere Kultur jedoch dazu neigt, die Natur der Arbeit und der Liebe gleichermaßen misszuverstehen, wird beides immer irgendwie geringgeschätzt.

Wenn die Ehe der Langzeitvertrag ist, den viele Singles noch immer abzuschließen hoffen, dann fühlt sich das Dating oft wie die schlechteste, prekärste Form moderner Arbeit an: ein unbezahltes Praktikum. Man weiß nicht genau, wo das hinführen soll, aber man versucht, möglichst viele Erfahrungen zu sammeln. Wenn man clever genug ist, bekommt man vielleicht ein Mittagessen umsonst.

Kapitel 1. Geschäfte

Ein Mittagessen umsonst zu bekommen wird im Geschäftlichen immer schwieriger und auch im Privaten. Wenn ich herumfrage, was eigentlich ein »Date« ist, bekomme ich meistens zur Antwort, dass eine Person dabei eine andere zum Essen oder Trinken oder zu irgendeiner anderen Art von Unterhaltung einlädt. Anschließend wird wehmütig angemerkt, welchen Seltenheitswert das inzwischen habe. Artikel, die das Aussterben des Datings beklagen, führen häufig das Ausbleiben solcher Ausflüge als Beweis für den Niedergang der Romantik an. Dabei war in den Anfangstagen des Datings die Vorstellung, ein Mann führe eine Frau irgendwohin aus, um dort etwas für sie zu bezahlen, regelrecht schockierend.

Bis dahin hatte man sich auf der Suche nach Liebe nämlich nicht in der Öffentlichkeit treffen oder Geld ausgeben müssen. Als die Polizei dann um 1900 feststellte, dass junge Menschen sich auf der Straße trafen und miteinander ausgingen, war die Irritation groß. Viele derer, die zu dieser Zeit bei einem Date erwischt wurden – also eigentlich nur die Frauen –, wurden deswegen sogar verhaftet. In den Augen der Behörden wirkten Frauen, die sich von Männern Essen, Trinken, Eintrittskarten oder sonstige Geschenke bezahlen ließen, wie Prostituierte und Dates wie die Werbung um Freier.

Das Wort »Date«, wie wir es heute benutzen, tauchte das erste Mal 1896 in gedruckter Form auf. Der Schriftsteller George Ade verwendete es in seiner Wochenkolumne für die Zeitung The Chicago Record. Die Kolumne nannte sich »Stories of the Streets and Town« und versprach ihren bürgerlichen Lesern einen Einblick ins Leben der Arbeiterklasse.

Der Protagonist der Kolumne ist der junge Büroangestellte Artie. Als dieser den Verdacht hegt, seine Freundin treffe sich mit anderen Männern und habe kein Interesse mehr an ihm, konfrontiert er sie damit, dass sie sich wohl mit anderen trifft während der Zeit, in der sie sich sonst sahen: »I s’pose the other boy’s fillin’ all my dates?«

Drei Jahre später staunt Artie in einer anderen Folge darüber, dass eine Dame so beliebt ist, dass sie ihren Kalender wohl nach dem Prinzip der doppelten Buchführung gestalten müsse: »Her Date Book had to be kept on the Double Entry System.«

Die Frauen, die Artie datete, waren etwas ganz Neues. In Chicago bezeichnete man sie als women adrift, haltlose Frauen.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verließen immer mehr Frauen, die auf Bauernhöfen oder in Kleinstädten aufgewachsen waren, ihre Heimat und suchten Arbeit in der Stadt. Sie kamen bei entfernten Verwandten oder in billigen Zimmern in Privatpensionen unter. Die sich wandelnde Wirtschaft bot ihnen immer mehr Beschäftigungschancen. In Fabriken konnten sie Kleidung und andere Leichtgüter herstellen. In Kaufhäusern konnten sie als Verkäuferinnen und bei reichen Familien als Hausmädchen arbeiten. Sie konnten Stenografieren lernen und Sekretärinnen werden. Oder sie arbeiteten in den Wäschereien, Restaurants und Cabarets.

Noch häufiger als weiße Frauen suchten Afroamerikanerinnen eine Stelle außerhalb des eigenen Zuhauses. Nach dem Ende des Bürgerkriegs versuchten viele ehemalige Sklaven, Arbeit zu finden. Viele Männer verdienten aufgrund von Diskriminierung nicht genug Geld für den Lebensunterhalt, und die Frauen mussten sich in der Stadt mit den Stellen begnügen, die sonst niemand haben wollte. Im Jahr 1900 arbeiteten 44 Prozent von ihnen als Hausangestellte. Die meisten waren verzweifelt über ihre Situation, denn in den weißen Haushalten waren sie oft körperlichem, emotionalem und sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Viele probierten daher, nur noch tagsüber zu arbeiten und nicht mehr dauerhaft dort zu wohnen. Andere entschieden sich stattdessen sogar für Schwerarbeit.

In den 1890ern löste ein Börsencrash die schlimmste Wirtschaftskrise aus, die die USA bis dato erlebt hatten, wodurch die Flut an alleinstehenden Frauen, die vom Land in die Städte zogen, wuchs. Zeitgleich strömten Einwanderer aus Italien und Osteuropa ins Land, die sich in die überfüllten Wohnhäuser unter die Iren mischten, die dort schon lebten. Auch deren weibliche Familienmitglieder machten sich auf die Suche nach Arbeit.

In den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts machte die zweite Welle des Feminismus einen Appell stark, den Betty Friedan in Der Weiblichkeitswahn aufgebracht hatte. Friedan rief Hausfrauen dazu auf, die Vorstädte zu verlassen und einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Heutzutage vergisst man deshalb leicht, dass bis 1900 bereits mehr als die Hälfte der US-amerikanischen Frauen außerhalb ihres eigenen Zuhauses arbeitete.

Viele von ihnen waren ledig, und bei der Arbeit oder auf dem Weg zwischen Arbeitsstelle und Wohnort kreuzten ihre Wege die der Männer. Es überrascht wohl kaum, dass manche dieser alleinstehenden Frauen an Beziehungen interessiert waren, sie flirteten, und logischerweise geschah dies an öffentlichen Orten. Wo sonst hätten sie es tun sollen?

Samuel Chotzinoff, Sohn eines Rabbiners, kam im Alter von siebzehn Jahren mit seiner Familie aus Witebsk in Russland nach New York, wo sie in einer Sozialwohnung in der Lower East Side von Manhattan lebten. Chotzinoff wurde später ein berühmter Musikkritiker, und in seiner Autobiografie beschrieb er die Siedlung an der Stanton Street, wo sie früher gewohnt hatten:

»Eine durchschnittliche Wohnung bestand aus drei Zimmern: Küche, Wohnzimmer und einem tür- und fensterlosen Schlafzimmer dazwischen.«

»Die Etikette des Hofierens war streng«, ergänzt er.

Wenn ein junger Mann seine ältere Schwester besuchte, musste das Paar sich in die kleine Küche zwängen, und wenn die Eltern außer Haus waren, musste Samuel zu Hause bleiben, um seine Schwester und eventuell auftauchende Verehrer auszuspionieren.

»Zu Hause gab es so gut wie keine Privatsphäre«, erinnerte sich der erwachsene Chotzinoff. »Privatsphäre war nur in der Öffentlichkeit möglich.«

Natürlich bevorzugten es die traditionell veranlagten, nicht in den USA geborenen Eltern noch immer, ihre Kinder durch Familienmitglieder oder Heiratsvermittler zu verkuppeln, in der alten Heimat waren Familie und Gemeinde für die Anbahnung zuständig gewesen. Viele ethnische und religiöse Gruppen richteten deshalb Politik- und Theaterclubs aus und hofften, ihre Kinder würden sich dort zusammentun. Doch selbst strenge Eltern vertrauten meist darauf, dass ihre Kinder sich in der Öffentlichkeit nicht allzu unpassend verhielten. Viele unverheiratete Paare durften unbeaufsichtigt spazieren gehen und Konzerte, Bälle oder das Theater besuchen. Wenn der jugendliche Samuel in den nahen Park ging, sah er oft junge Männer und Frauen. Sie gingen Händchen haltend spazieren, saßen eng nebeneinander auf den Bänken oder zogen sich zwischen die Bäume zurück, um heimlich Küsse und andere Zärtlichkeiten auszutauschen. Englisch, Russisch und Jiddisch schwirrten durch die Luft.

Die Frauen arbeiteten meistens in Wäschereien oder Textilfabriken. Die Männer in ausbeuterischen Industriebetrieben. Sobald sie ausgestempelt hatten, trafen sie sich. Mit Voranschreiten der Dämmerung glich das Ganze zunehmend einem großen Fest, auf dem sich die Paare immer wieder in dunkle Ecken zurückzogen. Es bestand zwar immer die Gefahr, gesehen zu werden, aber die Wahrscheinlichkeit war gering. Das Risiko, das man gemeinsam einging, vertiefte die Beziehung, es war ein Geheimnis, das man teilte.

Für diejenigen, die es sich leisten konnten, gab es immer mehr Orte, an denen man sein Date treffen konnte: In Städten im ganzen Land schossen Kneipen, Restaurants, Tanzlokale und Vergnügungsparks für die Neuankömmlinge aus dem Boden.

Je mehr Paare ausgingen, desto größer wurde die Auswahl. Es gab etwa sogenannte penny arcades, Spielhäuser, die randvoll waren mit Automaten. Als dann Filme länger und qualitativ hochwertiger wurden, schafften die Eigentümer solcher Etablissements Projektoren an und begannen, fünf Cent Eintritt zu nehmen. Im Jahr 1908 gab es rund zehntausend solcher nickelodeons in ganz Amerika.

• • •

Eigenes Geld zu verdienen verschaffte jungen Frauen eine neue Entscheidungsfreiheit, sie konnten theoretisch selbst bestimmen, wohin sie mit wem ausgehen wollten. Doch kamen sie mit ihren Gehältern nicht besonders weit. Trotz der Rekordzahl von Frauen, die auf den Arbeitsmarkt drängte, war die Annahme weit verbreitet, diese Frauen würden nicht für ihren eigenen Lebensunterhalt arbeiten, sondern um das Einkommen ihrer Väter oder Ehemänner aufzubessern. Arbeitgeber nutzten diesen Irrglauben als Entschuldigung, um Frauen deutlich geringere Gehälter zu bezahlen als Männern. Im Jahr 1900 verdiente die durchschnittliche Arbeiterin weniger als halb so viel wie ein Mann in derselben Position. Die women adrift hatten also kaum genug Geld, um sich zu ernähren, geschweige denn, um es einfach zum Spaß auszugeben.

»Wenn ich alle Mahlzeiten, die ich esse, selbst bezahlen müsste, würde ich niemals mit meinem Geld hinkommen«, erklärte eine junge Frau, die ein Zimmer in Hell’s Kitchen bewohnte, einer Sozialarbeiterin im Jahr 1915. Diese Sozialarbeiterin, Esther Packard, arbeitete an einer Reihe von Berichten über Frauen und Kinder des Viertels.

»Wenn mein Freund mich nicht ausführen würde«, fragte eine andere, »wie sollte ich dann jemals irgendwohin ausgehen können?«

Packard verstand, was sie meinte. In ihrer Akte vermerkte sie: »Dass eine Frau beinahe jede Einladung annimmt, bedarf keiner Erklärung, wenn man bedenkt, dass sie oft zu keinerlei Vergnügen käme, wenn sie diese Gelegenheiten nicht nutzen würde.«

Die meisten Angehörigen der Mittelschicht hatten weniger Verständnis. Sie hatten ihr eigenes System, sich einander anzunähern. Es nannte sich calling und folgte um 1900 noch einem ausgeklügelten Regelschema. Hatte ein Mädchen ein gewisses Alter erreicht, normalerweise etwa sechzehn Jahre, durfte es Verehrer empfangen. Im ersten Jahr lud die Mutter Kandidaten ein, die an einem von mehreren Abenden pro Woche zu Besuch kamen. Wenn das Mädchen nach Ablauf dieses Jahres einen Mann auf einer Veranstaltung kennenlernte, durfte es ihn auch selbst einladen.

Es konnte durchaus passieren, dass ein junger Mann unangekündigt bei einer jungen Frau, die ihm gefiel, vor der Haustür stand. In diesem Fall jedoch verlangte es der Anstand, dass er dem Hausmädchen, das die Tür öffnete, zunächst seine Visitenkarte überreichte – bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs war es selbst für Haushalte mit durchschnittlichem Einkommen noch üblich, eine Bedienstete zu beschäftigen. Diese bat ihn also zu warten, während sie nachsah, ob die junge Lady zu sprechen sei.

Wenn das Mädchen kein Interesse hatte, konnte es ausrichten lassen, es sei nicht zu Hause. Wollte es den Verehrer sehen, durfte er in den Salon vortreten. Dort konnte das Paar sich unterhalten, gemeinsam singen oder auf dem Pianoforte spielen, während die Mutter und andere Verwandte oder Freunde sie im Blick hatten.

Heutzutage hört sich dieser Brauch an wie eine umständliche Sprechstunde. Doch denjenigen, die ihn pflegten, bot er klar umrissene Konventionen und eine Gemeinschaft, die über deren Einhaltung wachte. Außerdem verfestigte er gewisse Überzeugungen bezüglich der Rollen von Mann und Frau: Das Ritual machte den Mann zum aktiven Verfolger und die Frau zum Objekt der Begierde.

Eine Ideologie polarer Geschlechterrollen entwickelte sich, Frauen sollten zu Hause bleiben und liebevoll für ihre Familien sorgen, Männer hingegen sollten in der Öffentlichkeit miteinander konkurrieren und Geld verdienen. Konservative nennen diese Geschlechterrollen heutzutage »traditionell« und behaupten, sie seien evolutionär bedingt. Doch sind sie alles andere als zeitlos: Noch vor ein paar Hundert Jahren hätte der Gedanke, dass Männer und Frauen so grundverschieden sind, niemandem eingeleuchtet.

Vor der industriellen Revolution lebten die meisten Menschen in Europa und den USA als Kleinbauern oder betrieben mithilfe ihrer erweiterten Familie kleine Ladengeschäfte. Pflichten kamen dabei Männern und Frauen zu. Er pflügte die Felder, sie schlachtete die Hühner. Sie stellte die Butter her, er brachte sie zum Verkaufen ins Dorf. Beide waren Teil der gleichen Anstrengungen, ebenso die Kinder. Es ist kein Zufall, dass die Geburtswehen im Englischen als labor bezeichnet werden – als Arbeit. Nach den körperlichen Strapazen von Schwangerschaft und Geburt hört die Anstrengung nicht auf: Der Nachwuchs muss gefüttert und betreut werden und Wissen sowie Verhaltensregeln vermittelt bekommen. Kinder bekam man, damit sie bei der Arbeit halfen und die Eltern im Alter pflegten. In diesem Sinne fielen die Ziele der Arbeit und die Ziele der Liebe also zusammen.

Als die Menschen massenweise ihre Höfe und Familienbetriebe auf dem Land verließen und in die Fabriken und Großunternehmen strömten, hatte die Arbeit, die Frauen im Haushalt leisteten, auch weiterhin wirtschaftlichen Wert. Frauen versorgten die Arbeiterschaft und zogen gleichzeitig die nächste Generation von Arbeitern auf. Außerdem trieben sie durch Konsum das Wirtschaftswachstum an. Mit dem Fortschreiten der Industrialisierung fing die Leichtindustrie an, Kleidung und Lebensmittel in Masse zu produzieren, wodurch Haushalte – sprich: Hausfrauen –, die diese kauften, unverzichtbar wurden. Doch je mehr die Lohnarbeit zum Standard wurde, desto komplizierter wurde es, den Wert zu erkennen, den Hausfrauen für die Wirtschaft hatten. Es verbreitete sich die Vorstellung, Arbeit sei nur das, wofür man auch bezahlt wird. Keine Bezahlung – keine Arbeit. Arbeit war das, was Männer in der Öffentlichkeit taten. Was Frauen zu Hause leisteten, viel immer seltener unter diesen Begriff.

Dieser Logik folgend verfestigte sich die Annahme, dass Frauen überhaupt gar kein Bedürfnis hatten, für ihre Leistung entlohnt zu werden. Sie erledigten ihre Arbeit aus einem Instinkt heraus. Wir verschenken unsere Zeit und Energie schließlich automatisch so wie eine Kuh, die grast, oder wie Gras, das wächst. Unsere Fürsorge ist ein natürlicher Rohstoff. Innerhalb dieser Weltsicht war es also nur logisch, dass von Frauen geleistete Arbeit nicht zählte. Und deshalb sollten Frauen natürlich umsonst arbeiten. Viele kamen sogar zu der Überzeugung, dass es eben in ihrer Natur liege, alles zu tun für die Liebe.

Die Mittelschicht, auch als Calling Class bezeichnet, hatte ein großes Interesse daran, dass Frauen freiwillig und gern zu Hause blieben und ihren Männern Aufmerksamkeit und Fürsorge schenkten. Und die wiederum waren ebenso fasziniert wie abgestoßen von Prostituierten, sogenannten public women. Denn diese Frauen erdreisteten sich, Bezahlung für etwas zu verlangen, das Ehefrauen umsonst hergaben. Damit stellte ihre Existenz alles infrage, was die Mitglieder dieser Schicht über die Natur der Frau zu wissen glaubten.

Prostitution wird häufig als »das älteste Gewerbe der Welt« bezeichnet. Doch genau wie viele andere Gewerbe war sie um die Jahrhundertwende dramatischen Veränderungen unterworfen. Im späten 19. Jahrhundert flüchteten sich viele Frauen, die in der sich verändernden Wirtschaft nicht mehr Fuß fassen konnten, in die Sexarbeit. Prostituierte hatten einst einzeln agiert wie Handwerker, Kleinunternehmer oder Hausfrauen, die nebenbei als Produktberaterinnen tätig waren. Doch in den wachsenden Städten entwickelten sich Bordelle zu richtigen Unternehmen, und die wurden von Männern geführt. In den 1890ern gab es in vielen Städten bereits große, straff organisierte und offiziell tolerierte Rotlichtbezirke. In New Orleans ließ die Stadtverwaltung sogar Broschüren drucken, in denen Namen, Angebots- und Preisliste der Etablissements im Stadtteil Storyville aufgeführt waren. Im Viertel Tenderloin in San Francisco gab es unter anderem mehrstöckige Bordelle, die sogar Lightshows im Programm hatten.

Kritiker, denen es vor diesen Orten graute, waren sich einig, dass keine Frau freiwillig dort arbeiten könne. Es breitete sich die Überzeugung aus, wehrlose Mädchen würden entführt und in die »weiße Sklaverei« verkauft. Im Sommer des Jahres 1910 stellte das neu gegründete Bureau of Investigation (BOI), Vorgänger des FBI, Nachforschungen in Bordellen in ganz Amerika an. Die Ermittler warnten Frauen davor, dass Treffen mit Fremden, Dates, im Handumdrehen auf die schiefe Bahn und zu Schande, Krankheit und Tod führen könnten.

Es brauchte jemanden wie die Anarchistin Emma Goldman, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Hysterie um weiße Sklaverei ein wenig fehl am Platz war. In einem gepfefferten Artikel, in dem sie die allgemeine Aufregung um Prostitution kritisierte, zitierte Goldman den angesehenen britischen Sexualforscher Havelock Ellis: »Die Frau, die des Geldes wegen geheiratet hat, ist verglichen mit der Prostituierten die eigentlich Unglückselige. Sie bekommt weniger Geld, gibt aber viel mehr von ihrer Arbeitskraft und ihrer Fürsorge und ist dazu noch vollständig an ihren Herrn gebunden.«

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Unsere Kultur ist weiterhin fasziniert vom Mythos der aufopferungsvollen Ehefrau und Mutter und ihrem Spiegelbild, der Prostituierten. Trashige heimliche Lieblingssendungen wie The Real Housewives sprechen den Zuschauer genau deshalb an, weil sie mit liebgewonnenen Überzeugungen spielen, indem sie einerseits behaupten, Geld und Liebe vertrügen sich nicht, und andererseits zeigen, dass genau das Gegenteil oft genug der Fall ist.

In einer inzwischen beinahe legendären Folge von The Real Housewives of Beverly Hills empfängt Yolanda, eine der Hausfrauen, ein paar Freundinnen in ihrer neuen Küche. Bei einem Glas Weißwein spricht sie Klartext darüber, wie wichtig es sei, die Leidenschaft in der Ehe am Leben zu halten.

»Eins steht fest: Männer lieben schöne Frauen, und schöne Frauen lieben reiche Männer. Die vögeln deinen Mann für eine Chanel-Handtasche.« Deswegen, wollte sie damit anscheinend sagen, müsse man diesen Frauen zuvorkommen und selbst mit seinem Mann ins Bett gehen. »Wenn du die wahre Liebe gefunden hast, sollte das kein Problem sein.«

Und die »wahre Liebe« ist Yolanda zufolge das, was man mit einem Mann teilt, der einen genauso sexy findet wie man selbst ihn reich. Das ist der Deal – Sex gegen finanzielle Absicherung, Konsumfreude und gesellschaftlichen Status. Man hat überhaupt nicht das Gefühl zu arbeiten.

Der Witz an der Sache ist natürlich, dass alle Hausfrauen, die bei The Real Housewives auftauchen, genau dadurch zu Berufshausfrauen werden. Sie spielen sich selbst und bauen ihre Hausfrauenrolle als Marke auf, die ihnen schließlich zum Durchbruch als Beraterinnen und Geschäftsfrauen verhilft. Als solche verkaufen sie Produkte, die das Hausfrauenleben noch besser machen, zum Beispiel kalorienreduzierte Cocktails wie Skinny Girl Margaritas.

Kein Wunder, dass The Real Housewives so beliebt sind. Wir leben in einer Zeit, in der jeder gesagt bekommt, er solle sein Hobby zum Beruf machen – Do what you love! Yolanda ist die Heldin eines Zeitalters, in dem die Menschheit daran glaubt, sie könne reich werden, indem sie ihre Gefühle zu Geld macht.

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Die altmodischen Praktiken des Verkuppelns und Besuchens unter Aufsicht haben die Sphären von Mann und Frau früher klar getrennt. Das Dating löste deren Grenzen auf. Es holte die Liebeswerbung aus dem Privaten in die Öffentlichkeit und übertrug die Kontrolle von der älteren auf die jüngere Generation, von der Gruppe auf den Einzelnen und von der Frau auf den Mann.

Den Behörden kam all das höchst verdächtig vor. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts setzten Sittlichkeitskommissionen im ganzen Land Polizei und verdeckte Ermittler auf die Orte an, an denen sich die jungen Leute bei ihren Dates trafen. Bereits 1905 machten Privatdetektive, die von einer Gruppe progressiver Weltverbesserer in New York City engagiert worden waren, Aufzeichnungen über jene, die wir heute die Avantgarde des Datings nennen können.

Im Strand Hotel in Midtown begegnete ein Ermittler namens Charlie Briggs vielen Frauen, die nicht gerade wie Prostituierte wirkten, ihm aber definitiv halbseiden vorkamen. Die meisten waren »Verkäuferinnen, Telefonvermittlerinnen, Stenotypistinnen etc.«.

»Die Sitten sind locker«, schrieb er, »und es besteht keinerlei Zweifel, dass sie mit ihren männlichen Begleitern sexuell intim sind.«

Als die Ermittlerin Natalie Sonnichsen und ihr Kollege T. W. Veness einige Monate später die Kellerkneipe Harlem River Casino in Uptown unter die Lupe nahmen, befanden sie die Tanzfläche für zu klein und »viel zu überfüllt für gesittetes Tanzen«. Sonnichsen war entsetzt über die Kleidung der Frauen: »Zwei junge Frauen trugen sehr enge Hosen«, notierte sie. Eine weitere hatte »ein sehr weit ausgeschnittenes Kostüm, praktisch ohne Ärmel, und trug eine Strumpfhose mit sehr knappem Höschen darüber«.

Die Vorstellung, dass junge Frauen ausgingen und Spaß hatten – vielleicht sogar am Sex –, war für die kuppelnde Klasse schwer verdaulich.

Ab 1910 finanzierte John D. Rockefeller jr., Sohn des Standard-Oil-Gründers, in mehr als einem Dutzend amerikanischer Städte Ermittlungen bezüglich der kommerzialisierten Rotlichtindustrie. Die Berichte sind voll von Anekdoten über junge Leute, die sich zu Dates verabreden.

Der Ermittlungsausschuss in Chicago fand heraus, dass viele junge Frauen ihren Charme einsetzten, um einen Tag auf der Strandpromenade oder im Vergnügungspark verbringen zu können: »Manche Mädchen gehen regelmäßig in solche Parks. Und weil sie sich nur den Eintritt und die Fahrt dorthin leisten können und für alles andere kein Geld mehr haben, suchen sie sich jemanden, der sie einlädt.«

Im Bericht aus New York wurde eine Schifffahrt von New York nach New Haven im August 1912 beschrieben. Zwei Mädchen in Begleitung einer Frau, die ihre Mutter zu sein schien, mieteten eine Privatkabine auf dem Schiff, wo sie den ganzen Tag verbrachten und von verschiedenen Männern besucht wurden. Irgendwann »machte sich das Mädchen auch an den Ermittler heran und bot an, ein ›Date‹ zu vereinbaren«. Ob er einwilligte, ist nicht vermerkt.

Der frühe Dating-Jargon zeigt, dass es sich dabei um eine Art Tauschgeschäft handelte. Picking up (dt. aufgabeln) etwa klang nach einem nebenbei getätigten Einkauf, treating (dt. spendieren, schenken) romantisierte das Date als einen Austausch von Geschenken.

Frauen, die sich von Männern einladen ließen, wurden Charity Girls genannt. In einem Wörterbuch zur Sexualität von 1916 findet sich der Begriff Charity Cunt als Beschreibung einer Frau, die »ihre Gunst ohne Preis verschenkt«. Was natürlich bedeutet, dass sie sie nur für den Preis eines Dates hergibt. In den Zwanzigerjahren beklagten sich die Prostituierten im New Yorker Strand Hotel bereits, die Charity Girls würden ihnen die Kundschaft wegnehmen.

Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen einem Charity Girl und einer Prostituierten war damals die Tatsache, dass Letztere für ihre Leistungen Geld nahm und Erstere nicht. Verdeckte Ermittler in Bars und Tanzlokalen berichteten, dass viele Frauen sich weigerten, mit ihnen über Geld zu sprechen, stattdessen zählten sie Dinge auf, die sie gerne haben wollten.

Als einer der New Yorker Ermittler spätabends mit einer Frau verhandelte, zu welchen Bedingungen sie die Bar gemeinsam mit ihm verlassen würde, verlangte sie eine Packung Zigaretten und eine Flasche Whiskey. Und wenn er schon dabei sei, könne er vielleicht gleich mit ihr zum Metzger kommen und eine ausstehende Rechnung begleichen. (Den Ermittlern scheint nicht in den Sinn gekommen zu sein, dass die Frauen sie vielleicht als solche erkannt und beschlossen hatten, sich einfach über sie lustig zu machen.)

»Ich entgegnete, alle Metzger seien um diese Uhrzeit geschlossen«, schrieb der Ermittler, »und ich hätte keine Lust, von Geschäft zu Geschäft zu tingeln. Da wurde sie sauer, nannte mich einen Versager und sagte, ich solle abziehen.«

Sich Lebensmittel, Drinks oder sogar Kleidung bezahlen zu lassen war das eine. Doch sobald es um bares Geld ging, sperrten sich viele der Frauen. Was glaubte der denn, wer sie sei?

Viele Damen, die Anfang des 20. Jahrhunderts beim Dating verhaftet worden waren, beteuerten ihre Unschuld, weil sie falsch verstanden worden seien.

Im Bedford Reformatory, einer Einrichtung zur Wiedereingliederung von Straftäterinnen in Upstate New York, erklärte eine Irin den Wärtern immer und immer wieder, sie habe »nie Geld von Männern angenommen«. Stattdessen hätten die Männer sie »zu Tanzveranstaltungen oder Filmvorführungen nach Coney Island eingeladen«.

Eine afroamerikanische Insassin gab zu, »Geschlechtsverkehr mit insgesamt drei Bekannten« gehabt zu haben, doch sie schwor, sie habe dafür »nie Geld von ihnen genommen«. Stattdessen hätten sie ihr »Geschenke gemacht und sie manchmal zum Essen oder ins Theater ausgeführt«.

Die Jahre vergingen, und irgendwann blieb der Sittenpolizei keine andere Wahl mehr, als es hinzunehmen. Die Datenden fanden an ihrem Tauschgeschäft nichts Anrüchiges – für sie war es im Gegenteil romantisch.

Noch heute leidet das Dating unter einer Art Prostitutionskomplex. Ich habe oft genug Diskussionen darüber mitbekommen, ob man dem anderen als Gegenleistung für ein Date wohl »etwas schuldig« sei – womit in jedem Fall ein wie auch immer gearteter Akt körperlicher Nähe gemeint ist. Die Fragenden scheinen sich nicht darüber bewusst zu sein, dass sie damit einen Preis für ihre Zeit oder den Zugang zu ihrem Körper verhandeln. Und es wäre es in der Tat schwierig, genau zu bestimmen, wo der Unterschied liegt zwischen mit jemandem schlafen, weil er mich zum Essen eingeladen hat, und mit jemandem schlafen, weil er mir den Gegenwert dieses Essens zahlt. Genau diese Grauzone zwischen einem Date und »Sex gegen Geld« verunsichert viele. Wer hat sich nicht schon mal gefragt: Mag er mich wirklich, oder will er nur mit mir ins Bett? Was will er wirklich?

Unsere Sprache hat einen großen Fundus an Ausdrücken, die Dating als Geschäft kennzeichnen. Wendungen wie »Ausschussware« werden zwar nicht mehr gern gehört, ebenso würden sich wenige Menschen in meinem Bekanntenkreis fragen: »Warum eine Kuh kaufen, wenn man die Milch umsonst bekommt?« Was wir aber hingegen sagen, ist, jeder solle Preise vergleichen, oder wenn man jemanden wirklich möge, solle man sich rarmachen. Auch hört man vielleicht, dass ein »Freundschaft plus« zwar eine gewisse Sicherheit biete, aber man Kosten und Nutzen vergleichen solle.

Die Sprachpraxis, die bewusst Konzepte aus der Wirtschaft entleiht, ist in letzter Zeit noch deutlicher zu beobachten. Die Leute führen »Kosten-Nutzen-Analysen« ihrer Beziehungen durch und sprechen von »geringem Risiko« oder »niedrigen Investitionskosten«, wenn es um One-Night-Stands oder Affären geht. Sie versuchen »sich am Markt zu positionieren« und ihre Liebesoptionen zu »optimieren«.

Weite Teile der Ratgeberindustrie rufen die Menschen dazu auf, ihrem Liebesleben mit einer Geschäftsstrategie beizukommen. Im Jahr 2003 veröffentlichte Rachel Greenwald, ihres Zeichens Dating-Coach, ein Aktionsprogramm in 15 Schritten: Männerbeschaffungsmarketing. Mit der Harvard-Methode den Richtigen finden. Für Frauen ab 35. Greenwald will Frauen über dreißig beibringen, das Problem Beziehung und Partnerwahl durch die Brille eines Marketingfachmanns zu sehen. Blogs zum Thema Online-Dating sind geradezu fixiert auf den ROI, den »Return on Investment«.

Eine weitere Quelle für Dating-Metaphern ist die Welt des Sports. Man will beim Gegenüber punkten. Man nimmt sämtliche Hürden, bleibt am Ball, bis man irgendwann den ganz großen Wurf macht und den Traumpartner findet. Wenn man es allerdings übertreibt, befördert man sich schnell selbst ins Abseits. Wenn man einen Freund bittet, als Wingman aufzutreten oder einem den Rücken freizuhalten, muss dieser ein Opfer fürs Team bringen. Freunde helfen Freunden sogar gern beim »Einlochen«.

Diese Ausdrücke werden vielleicht nicht immer ganz ernst gemeint verwendet, doch die Tatsache, dass so viele davon im allgemeinen Sprachgebrauch vorhanden sind, zeigt, dass Dating in unserer Kultur noch immer als Tauschgeschäft, das irgendwo zwischen Arbeit und Spiel angesiedelt ist, gilt. Und es sagt auch etwas über die Geschlechterrollen aus, in die sich viele Singles noch immer gedrängt fühlen.

Theoretisch herrscht Chancengleichheit. In vielen Kreisen kann sich eine junge Frau heutzutage als »Aufreißerin« bezeichnen, ein junger Mann kann damit kokettieren, dass er »sich rarmacht«. Aber die Kühe und die Milch und die Anspielungen auf Löcher machen deutlich, dass wir diese gegensätzlichen Einstellungen zu Liebe und Sex »natürlicherweise« eher mit dem einen als mit dem anderen Geschlecht assoziieren. Eine Frau, die sich als »Player« bezeichnet ist wie eine selbsternannte »männliche Schlampe« gleich ein wenig drag. Mit anderen Worten verrät unsere Umgangssprache, dass wir noch immer glauben, Dating sei Arbeit für Frauen und Spiel für Männer.

In den letzten paar Jahrzehnten ist es zum Gemeinplatz geworden, wie dramatisch die digitale Revolution das Dating verändert hat. Dabei erinnern viele der Veränderungen durch neue Seiten und Apps an jenen Wandel, der das Dating überhaupt erst hat entstehen lassen. Auf dem Werbeaufsteller vor einer Bar las ich vor Kurzem, drinnen gäbe es »3-D-Tinder«. Es dauerte einen Moment, bis bei mir der Groschen fiel und ich verstand, was gemeint war: In dieser Bar sitzen echte Menschen.

Wie Tinder waren die ersten Kellerkneipen und Tanzlokale, die die Arbeiter schufen, als sie in die Städte strömten, eine Art Social Media. Und noch immer ist eine Bar Ort, wo sich potenzielle Datingpartner treffen. Bars ermöglichen es Fremden, zusammenzukommen und Kontakt zueinander aufzunehmen. Auch hier werden die Möglichkeiten der Interaktion strukturiert. Die Straßen um die überfüllten Wohnblocks, in denen die Menschen lebten, die die ersten Dates hatten, waren Plattformen, wie das Internet heute eine ist.

Die Anfänge des World Wide Web waren ähnlich ungestüm. In den Neunzigerjahren sprach sich schnell herum, dass es die Rubrik »adult services« auf den Anzeigenwebsites Craigslist und Backpage jenen, die für Sex bezahlen wollten, einfach machte, diejenigen zu finden, die welchen zu verkaufen hatten. Die Seiten wurden schließlich von den Behörden aus dem Verkehr gezogen. Doch neue digitale Technologien schaffen auch weiterhin Wege, Geschäfte mit Erotik zu machen. Viele Sexarbeiterinnen, die heute auf diese Weise Kundschaft suchen, bezeichnen sowohl ihre Freier als auch die Treffen mit ihnen noch immer als »Dates«.

Als ich nach dem College meinen ersten richtigen Job bekam, unmittelbar nach der Finanzkrise 2008, war »Findom« der Trend, über den die meisten Leute kicherten. Per Webcam heuerten Männer, die sich selbst als pay pigs (dt. Bezahlschweine) bezeichneten, Frauen an, um sich von ihnen für Geld »finanziell dominieren« zu lassen. Dies lief in den meisten Fällen darauf hinaus, dass sie sich beschimpfen und zwingen ließen, der Frau Geschenke zu machen.

Seit damals ist es für Sexarbeiterinnen dank der Verbreitung von Smartphones und mobilen Dating-Apps einfacher geworden, Freier zu finden und gleichzeitig die Risiken der Straßenprostitution zu umgehen – unter anderem die Überwachung und Schikane durch die Polizei.

Ein Mann, den ich interviewe, erklärt mir, er fände die Frauen, die er dafür bezahlt, zu ihm nach Hause zu kommen, auf die gleiche Weise wie die Frauen, die er zum Essen oder auf Drinks einlädt: über Tinder. Das Einzige, was die bezahlten von den unbezahlten Damen unterscheidet, ist der diskrete Link im Profilfoto. Klickt man darauf, landet man auf einer Website mit kurzer Beschreibung und einer Telefonnummer. Schickt man eine Nachricht an diese Nummer, steht innerhalb einer halben Stunde jemand vor der Tür. Wenn die Dame Feierabend macht, deaktiviert sie den Account vorübergehend. »Sie machen sich nicht mal die Mühe, Prepaidhandys zu benutzen«, sagt mein Interviewpartner und zuckt mit den Schultern.

Aktuell befeuern Smartphone-Apps, die das »Sugar-Dating« vereinfachen, die Fantasie der Allgemeinheit. Am bekanntesten ist »SeekingArrangement«. Das Konzept ist einfach: SeekingArrangement bietet eine Plattform, auf der sich »Sugar Babys« und »Sugar Daddys« suchen und finden können. Den Angaben auf der Seite zufolge sind Sugar Daddys »erfolgreiche Männer und Frauen, die genau wissen, was sie wollen. Sie […] genießen attraktive Gesellschaft an ihrer Seite«. Sugar Babys sind laut Website »attraktive Menschen«, die »nach den schönen Dingen im Leben« suchen.

Größtenteils verkuppelt SeekingArrangement jüngere Frauen, die Geld suchen, mit älteren Männern, die Sex suchen. Einen Account und ein Profil anzulegen ist kostenlos. Babys und Daddys stellen Fotos ein, geben Auskunft zu Größe, Gewicht und ethnischer Herkunft und verfassen eine charmante Selbstbeschreibung. Dann können sie Angaben über ihre »Erwartungen« machen, d. h., wie viel ein Daddy zu zahlen bereit ist und wie viel ein Baby verlangt. Man wählt aus einem Drop-down-Menü.

Wählen Sie eine Unterstützungshöhe aus:

Verhandlungssache

Minimal

Durchschnittlich

Moderat

Erheblich

Hoch

Daddys geben zusätzlich an, wie hoch ihr festes Kapital sowie das Jahreseinkommen sind.

Wenn man es ernst meint mit dem Sugar-Dating, entscheidet man sich für eine Premium-Mitgliedschaft. Diese kostet momentan zwischen 15,95 und 29,95 Dollar im Monat, je nachdem wie lange man sich bindet. Hat man das Upgrade gekauft, wird das eigene Profil in der Suche weiter oben angezeigt, was mehr Anfragen bringt. Außerdem wird ein Backgroundcheck gemacht, damit das Baby sicher sein kann, dass ein Daddy auch der ist, der er vorgibt zu sein, und ungefähr so viel Geld hat, wie er behauptet.

In den letzten zwei Jahren hat SeekingArrangement viel Aufmerksamkeit in den Medien erfahren, weil die Seite besonders um Studierende wirbt. Unter der Rubrik »Sugar Baby University« wird erklärt, wie praktisch es sei, einen Daddy zu haben, der den Lebensunterhalt finanziert, damit man die Uni nach dem Abschluss schuldenfrei verlassen kann. Jeder, der sich mit einer Uni-Mailadresse anmeldet, erhält die Premium-Mitgliedschaft kostenlos.

Der Geschäftsführer Brandon Wade gibt an, stolz zu sein auf den Zweck, den seine Firma erfüllt. Anfang 2015 verkündete er, im Vorjahr hätten 1,4 Millionen Studierende Seeking Arrangement genutzt, um Geld zu verdienen – 41% mehr als noch 2013. Inzwischen veröffentlicht er jedes Jahr eine Top Ten der am schnellsten wachsenden Sugar-Baby-Universitäten. Allesamt Hochschulen, deren Namen man zumindest schon einmal gehört hat.

Das Sugar Baby, das ich in San Francisco treffe, hat seinen Abschluss in Princeton gemacht. Die Jahre des Sugar-Datings hätten ihr gezeigt, dass beinahe alle romantischen Beziehungen auf dem Tauschprinzip basieren, erklärt sie mir. »Es ist immer ein Geben und Nehmen.«

In ihrem Profil auf SeekingArrangement beschreibt sie sich als »supersüßes bisexuelles Metalgirl und halbe Latina.« Ich verstehe, warum sie gut im »Anschaffen« ist (ihre Worte). Ihre Ausstrahlung ist unwiderstehlich. Seit ihrem Abschluss vor fünf Jahren hat sie verschiedene Seiten in verschiedenen Städten ausprobiert. Eine Zeit lang war sie auf einer Seite für lesbische Sugar Mommys angemeldet, die sich Mutual Arrangements nannte, aber dort lief es nicht so gut. Damals lebte sie bei ihren Eltern in Florida, und es gab einfach nicht genug Sugar Mommys in der Nähe.

In San Francisco funktioniert Sugar-Dating ihrer Erfahrung nach am allerbesten. Seit sie vor neun Monaten hergezogen ist, benutzt sie eine App namens StrawClub, um für Geld mit Geschäftsmännern von außerhalb essen zu gehen. Die meisten ihrer Stammkunden sind jedoch verheiratete Sugar Daddys, die sie über SeekingArrangement gefunden hat. Meist hält das Ganze ein bis zwei Monate an. Normalerweise trifft man sich in einem Hotelzimmer, das der Mann für ein paar Stunden nach Feierabend mietet, bevor er nach Hause fährt. Pro Treffen nimmt sie ein Pauschalhonorar von zweihundert Dollar.

»Diese Männer wollen nur wahrgenommen werden«, sagt sie. »Sie mögen mich, weil ich ihnen das Gefühl gebe, interessant zu sein.« Sie trifft sich gern mit verheirateten Männern, weil die gut zahlen. Damit schaffen sie »Anreize«, sie wollen sicher sein können, dass ihr Sugar Baby nicht irgendwann die Nase voll hat und bei der Ehefrau petzen geht.

Die Anleitung auf SeekingArrangement mahnt, Sugar Babys sollten sich bloß nicht in ihre Sugar Daddys verlieben. Doch die Frauen, mit denen ich spreche und die dieser Art Tätigkeit nachgegangen sind – man trifft sich regelmäßig und lernt sich näher kennen, es geht also um die sogenannte »girlfriend experience«, nicht um den reinen Sex –, berichten, dass es in der Praxis fast immer andersherum läuft.

Eine Professorin, inzwischen über vierzig, erzählt mir von einem Freier, den sie kennenlernte, als sie während des Studiums als Domina in einem privaten Dungeon arbeitete. Er kam einmal die Woche und schenkte ihr Bücher und Theaterkarten. Sie machte den Fehler, ihm ihren echten Vornamen zu verraten. Eines Tages brachte er ein Manuskript mit, ein experimentelles Theaterstück, das er selbst geschrieben hatte. Es endete mit einer Szene, in der sie sich im zerfetzten Brautkleid in einem leeren Raum im Kreis drehte. Auch als sie wenig später in eine andere Stadt zog, machte er sie ausfindig. Er schickte Päckchen an ihre Privatadresse und rief sogar in der Universität an, für die sie arbeitete. Er flehte sie an zurückzukommen.

Ob sie das überraschte, frage ich.

Sie schüttelt den Kopf. »Für die meisten von ihnen gab es ja nur mich, und in der Regel betrogen sie ihre Frauen mit mir. Ich war also etwas ganz Besonderes für sie. Ich hingegen traf mich mit mehr als zehn Männern pro Woche.«

Das Princeton-Sugar-Baby erklärt, fast alle ihrer Langzeitfreier hätten das Verhältnis schließlich beendet, weil sie Gefühle für sie entwickelt hätten.

Sie lacht: »Ich bin wohl einfach zu gut in meinem Job.«

Seit der Erfindung des Dates war es schwierig, eine Grenze zwischen Sexarbeit und »echtem« Dating zu ziehen, und erst recht unmöglich, diese zu kontrollieren. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs sahen die Reformer, die geschworen hatten, die Dating-Welle zu stoppen, langsam ein, dass ihr Vorhaben ein Ding der Unmöglichkeit war. Dating hatte sich weit über die anerkannten Rotlichtbezirke hinaus ausgebreitet. Eine Kellnerin, die verhaftet worden war, weil sie auf Dates ging, erklärte vor einem Gericht in Illinois, wie leicht man in eine Verabredung hineinrutschen könne.

»Man bedient einen Mann, und er lächelt. Damit man Trinkgeld bekommt, lächelt man zurück. Am nächsten Tag kommt er wieder, und man versucht umso mehr, ihm alles recht zu machen. Und sofort will er dich zu einem Date überreden und verspricht Geld und Geschenke, wenn man mitmacht und mit ihm ausgeht.« Wenn sie das – lächeln und es dem Kunden recht machen wollen – zur Sexarbeiterin mache, dann war Anschaffen wohl Teil ihres Jobs.

Als ein Sugar Baby mir anbietet, mich mit ihrem SeekingArrangement-Account anzumelden, um die Anfragen zu lesen, die sie dort bekommt, sind es nicht die Nachrichten, die mich überraschen. Diese wirken wie ganz normale Online-Dating-Nachrichten:

Hast du Hobbys?

Schreiben. Und am Wochenende gehe ich gern wandern.

Was schreibst du so?

Größtenteils Sci-Fi und Fantasy. Und du?

Ich gehe gern segeln.

Das wollte ich schon immer lernen!

Vielleicht kannst du es mir ja beibringen.

Was mich viel eher schockiert, ist die verharmlosende Unternehmenssprache, die die Firma nutzt, um sich als eine Art berufliches Ausbildungszentrum zu verkaufen.

Alle kostenpflichtigen Dating-Seiten benutzen Unmengen von Euphemismen. Und das müssen sie auch, denn nur so bleiben sie in den USA auf der richtigen Seite der Grenze zwischen (legalem) Escortservice und (illegaler) Prostitution. Doch SeekingArrangement setzt wirklich alles daran, die Vorstellung zu verkaufen, Sugar-Dating würde die Frauen auf ein späteres Berufsleben vorbereiten.

Meine Interviewpartnerin, die früher Domina war, erzählt, wie sie bei mehreren Vorstellungsgesprächen in Dungeons nur geblufft habe, »Seil- und Nadelfertigkeiten« zu besitzen. Und das war egal. Die Verantwortlichen suchten einen speziellen Typ Frau: weiß, schwarz, asiatisch aussehend oder eher wie eine Latina; klein, groß; kurvig, dünn. Als sie eingestellt war, brachten ihr Kolleginnen außerhalb der Arbeitszeit bei, wie sie einen Freier zum Orgasmus bringen konnte, ohne dabei seine Genitalien direkt berühren zu müssen. Für diese Einarbeitung und das Warten auf Freier wurden die Angestellten nicht bezahlt. Wie Uber-Fahrer mussten die »Mädchen« die Ausgaben für Kostüme und Make-up, regelmäßige Haarentfernung sowie Mani- und Pediküre selbst tragen und zusätzlich einen Teil ihrer Einnahmen für die Bereitstellung der Örtlichkeit abgeben.