Dauerhaftes Morgenrot - Joseph Zoderer - E-Book

Dauerhaftes Morgenrot E-Book

Joseph Zoderer

3,9

Beschreibung

VIELSCHICHTIG, POETISCH, BERÜHREND: Joseph Zoderers frühes Meisterwerk "Dauerhaftes Morgenrot" neu aufgelegt. "Er spürte die Wärme, die aus ihrer Haut kam, und doch fröstelte ihn, und es war nicht die kühle Luft, die durch die Schlitze der Fensterläden hereinzog, er wünschte in einem kahlen Raum allein zu sein, er wusste nicht mehr, warum er mit diesem Mädchen hinter geschlossenen Fensterläden stand. Trotzdem strich er mit seiner freien Hand über die Finger, die ihn hielten, bevor er sich aus ihrer Berührung löste." Von der Sucht nach dem Sehnen Lukas ist einer, der stets getrieben ist und doch nie ankommt. Seine Frau bringt ihn dazu, sie zu verlassen - sie weiß, dass er zurückkommen wird. Er zieht aus, um Johanna zu suchen, die andere Frau, die andere Sehnsucht. In einer fremden Stadt am Meer, in herbstlichen Streifzügen um den Hafen richtet sich sein Sehnen jedoch auf Gianna, in der er seine Johanna zu erkennen glaubt. Doch sowie er sich der Erfüllung seiner Sehnsüchte nähert, zeigt sich: Vielleicht ist die Sehnsucht selbst schon ihre Erfüllung. Von der Möglichkeit und Unmöglichkeit der Liebe Lukas ist sich selbst fremd, und je näher ihm die Frauen kommen, desto fremder werden auch sie ihm. "Dauerhaftes Morgenrot" erzählt davon, dass Liebe nur möglich ist, wenn das Wünschen nie aufhört: die Sehnsucht danach, dass der Zauber des Anfangs bestehen bleibt, die Sehnsucht nach der Geliebten und die Sehnsucht nach dem Geliebtwerden. Die Verwirrungen von Lieben, Leben und Wünschen beschreibt Joseph Zoderer vielschichtig, poetisch, eindringlich und mit größter sprachlicher Präzision. "... ich habe es natürlich sofort gekauft und in einem Zug durchgelesen. Es hat ja einen ungeheuren Sog und ist das, was Kafka von den guten Büchern verlangt: eine Axt, mit der man gefrorene Seen aufschlägt. Mir hat es tiefe Wunden aufgerissen ..." Brief von Jürg Amann an Joseph Zoderer, Wien, 6. 3. 1987

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Joseph Zoderer

Dauerhaftes Morgenrot

Roman

Mit Materialien aus dem Vorlass des Autors sowie Beiträgen von Johann Holzner und Verena Zankl

Für Konrad N.

Und so fragten sie ihn, fragten ihn hartnäckig, stellte er sich vor, über sein Gefühl aus. Er hätte eine Weile stumm bleiben können, aber eines Tages oder mitten in der Nacht hätte er wohl einmal zu reden begonnen:

Zuallererst von den Hunderten aneinandergekuschelten graublauen Tauben auf dem Platz vor dem Hauptpostgebäude, nur notdürftig geschützt vom Halbkreis einer gestutzten Parkhecke. Ich, sagte Lukas, wollte sie mit ihren ins Gefieder geduckten Köpfen in Frieden lassen, doch einmal musste ich bei diesem Sturmwind die Diagonale des Platzes durchmessen. Und so schritt ich mitten in den dichten, kauernden Schwarm hinein, den blau­grau­en See, gut zwanzig Meter lang und etwas weniger breit, der mir einige Wellenspritzer entgegenwischte; nur wenige, einzelne Tauben flatterten da und dort jäh auf, ich sah einige grellrote Füße und beugte mich mit der Hand an der Hutkrempe vor dem nächsten Windstoß, die Augen halb geschlossen, in den Ohren flatterndes Sausen, so dass ich Lust bekam auf diese Auseinandersetzung und den Platz, den Taubensee, mehrmals, vielleicht dreißigmal an diesem Vormittag, bei Windstärke hundert oder hundertzwanzig über- und durchquerte. Ich kehrte wieder und wieder um, allmählich auch selbst mit den Armen jäh aufflatternd und mit der Zunge zischelnd, so dass die Tauben zu Hunderten wie plötzlich aufgepeitschte Staubwolken mir ins Gesicht flogen, über das ich jedes Mal zu spät die Hände hob, sagte Lukas fast buchstabierend. Aber ich erholte mich jedes Mal von meinem Schrecken, indem ich, am anderen Punkt der Diagonale angekommen, ruhig und nacheinander ein Bein hob und es jeweils ruhig und langsam schüttelte.

Erst dann warf Lukas wieder einen Blick auf das Taubengewimmel, das mit plusterndem Federzeug erneut zusammenrückte und offensichtlich seine Wiederkehr erwartete.

Aufjauchzend bin ich, wie von Mord zu Mord, schreiend durch sie hindurchgelaufen, wie durch einen Regen aschiger Hostien. Kot und Asphaltdreck, bildete ich mir ein, trieben gegen meine Augen, obwohl kein roter Fuß meine Haare oder mein Gesicht streifte, ich lief immer hastiger hin und zurück, bis ich durch ein Spalier zu rennen schien aus korallenen Augäpfeln und schwarzen Pupillen, sie ließen mir einen grauen Laufkanal mit Wänden aus staubigem blauem Geflatter.

Plötzlich sah ich, sagte Lukas, ganz deutlich das Schwirren einer einzelnen Taube gegen den Wind, ihr Umkippen und Abstürzen und ihr erneutes Aufsteigen mit seitlich gedrehtem silbernem Bauch.

Sie finden mich,

sie verhören mich,

sie lassen mich leben.

Ich wollte Johanna treffen, aber sie weiß nicht, wo ich bin. Dass ich hier warte vor einem Fenster nach Südosten.

Zum ersten Mal war Lukas ohne Gepäck in einen Zug gestiegen, und Livias abgestorbenes Lächeln beschwerte ihn nicht.

Er hatte die Bahnsteigunterführung ohne Hast hinter sich gebracht, war weder die Stufen hinunter- noch die Stufen hinaufgerannt. Er hätte auch auf eine der Eisenbänke springen können, aber es regnete, und so wartete er unter dem Vordach der Unterführung auf das Einfahren des Zuges. Die angekündigte Verspätung freute ihn gerade so, als ob er sich wünschte, noch rechtzeitig aufgehalten zu werden, sie erinnerte ihn an die vielen Verspätungen, die er mit Livia auf diesem Bahnhof erlebt hatte, so dass die kahle Bar zu einem Ort unbeabsichtigter Nähe mit Livia geworden war, wo er ihr jedes Mal ein Glas Bier oder Wein aufgedrängt hatte, obwohl sie nichts zu trinken verlangte, außer einmal einen Kaffee. Er fürchtete sich vor keinem Gesicht, die meisten glaubte er schon zu kennen, und von Bahnhof zu Bahnhof war er froh, dass sie allmählich ihre Vertrautheit verloren.

Schon vor den letzten Stationen leerten sich die Sitze, Lukas stand auf und wanderte im Abteil hin und her, schob die Tür auf und zu, blickte einmal durch ein Gangfenster, dann wieder durch die Scheibe seines Abteils. Auf dem Boden rollte eine leere Bierdose hin und her, ich freue mich, dass du rollst, roll weiter.

Auf dem Bahnsteig kaum eine Handvoll Menschen, ein Gepäckträger schob lustlos den Karren über den grauen Perron.

Gegen Ende der Nacht, zwischen vier und fünf, war Livia aus dem anderen Zimmer zu ihm gekommen mit kaltnasser Stirn, wortlos ihren Rücken an den seinen drückend, und erst nach einer Weile hatte er sich umgedreht und mit einer Hand vorsichtig über ihren Kopf gestrichen.

Etwas später hatte er die Vorhänge aufgezogen und die Balkontür geöffnet: Durch den Nebel leuchtete mit zerfließenden Konturen die Mondsichel. Er kochte Livia Kaffee, heiß, warnte er, und ihre Lippen zuckten vom Tassenrand zurück.

Eine Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht, eine kaputte, müde gewordene Locke, dachte Lukas und dachte zugleich an ein baumelndes Messer, das nicht ins weiche Fleisch fuhr, sondern über ihrem Gesicht zum Stillstand kam und dann schräg über dem Auge in der Senke zwischen Nase und Wange lag. Er streckte nicht die Hand aus, er wischte ihr nicht die Strähne aus der Stirn. Bitte, sagte er, kannst du nicht für einen Augenblick deine Haare nach vorn schütteln, und er sagte nicht: damit sie deine Augen ganz verdecken.

Livia hatte ihn zum Zug gebracht und umarmt, flüchtig, wir haben einander ja schon lange nicht mehr festgehalten.

Unser erstes Zimmer am Meer war eine fensterlose Schachtel, mit schmiegsamem Gras vor der Tür. Ein halbverödetes Dorf, und weiß schimmerndes Karstgestein am Ufer. Immer stand die Zimmertür offen, einen Spalt wenigstens.

Er sah den verzogenen Mund eines Clowns vor sich, bei seiner Abfahrt hatte ihm Livia diesen verzogenen Mund entgegengestreckt, den er sonst nie sah, und er hatte die feinen Hautlinien bemerkt, die sich in die Richtung des abfahrenden Zuges verzerrten, und dieses Zusammenpressen des Blicks, wobei sich Ober- und Unterlippe gleichzeitig aus- und vorstülpten, der Mund sich trichterförmig verengte, dieser Fischmund, dieses kontrollierte Ausatmen des Schmerzes, diese Anstrengung in jeder Sekunde, um die zuckenden Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu haben, auf dass diese Verzerrungen wenigstens ein Gleichgewicht erhielten, eine rhythmische Ausgeglichenheit. Mit diesem dunkelblonden Haar geht sie, wann immer ich die Augen schließe, von mir weg, mit diesem steifen, gesammelten Gehen, während der Zug aus dem Bahnhof hinausrollt.

Wir haben, sagte er in das leere Abteil hinein, wir, die voneinander nichts wollten, immer jedenfalls so taten, als wollten wir auch in Zukunft nichts voneinander, wir haben im Auto während eines Junigewitters und später auf dem Balkon von Freunden das Lachen zurückgehalten, und der Ernst, Johanna, hat unsere Kehle gekitzelt, wir wollten einander das Lachen abschauen, und gleichzeitig haben wir unsere dunklen Pupillen gesehen.

Er starrte aus dem Zug auf gemähte Wiesen, auf den Regen und die überlaufenden Dachrinnen an den Bahnhöfen. Zu Hause wurden bei windigem Wetter die Zweige der Eschen geschüttelt, und im Mai hatte er in das staubige Blau des Maihimmels geschaut, über den die Wolken noch wie Schneeflecken trieben, er hatte Zeit, auf einen Spinnfaden zu achten, der ein Fenstereck überquerte, und gleichzeitig hielt er nichts mehr von seinen leise dahergesagten Antworten.

Es goss, als er in ein Taxi stieg, der Fahrer kümmerte sich nicht um ihn, Lukas zwängte sich auf den Rücksitz, auf bekleckerten Velours, mit den Spitzen einer Hand hatte der Fahrer die Tür aufgehalten, bis Lukas mit verrutschtem Hut und schon nass unter dem Heckfenster kauerte.

Der Portier des lächerlich schmalen Hotels mit den fünf Etagen schaute ihm aus einer schwarz tapezierten Nische entgegen. Ich lese nie Zeitung, bekennt er, als ob das für Lukas wichtig sein müsste, ich sehe die Straße im Spiegel, das genügt, ich zeige Ihnen das Zimmer, wenn Sie wollen. Es liegt im letzten Stock, im fünften, es ist zu Fuß erreichbar, der Lift fährt nur bis zur vierten Etage.

Ein weiches, durchhängendes Bett, ein Hurenbett, aber ein Fenster über den Dächern der Altstadt, dunkelgrüne Holzläden, deren Flügel Lukas einklinkt, während ihm der Regen ins Gesicht schlägt.

Ich kann mir deine Narbe vorstellen, nicht deinen Tod, ich habe nie deine Narbe berührt.

Unter dem Dachgebälk sieht er Vögel kauern, Tauben, mit rötlichgelben Krallenzehen. Wichtig ist, dass das Fenster fast so breit ist wie das Zimmer schmal, ich liege in einer Art viereckigem Schiebefach, zwei Meter fünfzig hoch, zwei Meter breit und drei Meter lang, das Fenster dem Bettende gegenüber.

Und so ruhten seine Füße sprungbereit zur Straßenseite hin. Wenn er die Holzläden zuzog, puppte er sich ein mit Finsternis, aber wenn er die Läden aufstieß, hatte er das Licht, den Tag oder die Straßen­beleuchtung.

Er drehte den Warmwasserhahn und den Kaltwasserhahn des Bidets auf und schüttete den Rotweinrest in das Beckenoval und betrachtete das dunkle Rot, wie es schnell dünner wurde und zerfloss. Da ist der Schafstall, die offene Tür, durch die wir, Johanna, in den sommerlich leeren Pferch eintreten, wir haben Steine in den Stausee geworfen, platte Steine, die wie Silberstücke in der Nachmittagssonne glänzen. Ich ziehe den Kopf ein unter der Tür, taste – den Atem und dein Schweigen hinter mir – in die Dunkelheit hinein, tappe mit den Füßen über den mehligen Mist­belag. Scharfer Wollegeruch, und allmählich nehme ich an der Wand die langgezogene Futterkrippe wahr, und ich schaue auf die Rippen dieser Futterkrippe wie auf ein Sargbett, das mein Hochzeitsbett wird. Und du legst daneben deinen Rock hin, und darüber Bluse und Weißwäsche.

Livia hatte ihm fast immer recht gegeben, du sollst, sagte sie, nein, sie fragte: Meinst du nicht, dass es für dich gut wäre, dass es dir gut bekäme, wenn du ein paar Tage verreisen würdest, und sein hämisches Stummsein spornte sie an: Gib dir einen Schubs, sag, du musst es, und du musst es ja auch wirklich.

Hör auf, red mir nicht ein, was ich jetzt, gerade jetzt, unmöglich kann: weggehen. Vor dem Wohnzimmerfenster tanzte ein Mückenschwarm, ein gut abgestimmtes Luftballett in vertikal und horizontal schwirrenden Wolken. Er hatte in eine flirrende Wolke tanzender Mücken gestarrt, Livia neben sich, und über den bewaldeten Bergrücken im Osten fielen grüne Schattenflecken, so dass die Wiesen und der Lärchenwald, die noch in der Nachmittagssonne lagen, sich blassgelb verfärbten.

Jetzt fliegt Schnee auf den Khakibaum im Hinterhof, auf diese feuergelben Früchte, die alle Blätter des Baumes überstehen. Wenn ich meinen Atem auf die Scheibe des Hotelfensters hauche, taucht ein Schatten auf, einem Lungenflügel gleich, und ich sehe, wie die trockene Zimmerluft zuerst mein Herz frisst und dann meinen linken Lungenflügel, übrig bleibt nur der Abdruck meiner Nasenspitze am Scheibenglas.

Immer wenn Lukas ins Hotel zurückkehrte und das Zimmer aufschloss, rechnete er damit, dass die Tür schon geöffnet war und jemand ihn erwartete. Ich fürchte mich nicht wirklich, ich bin nur neugierig auf die fremde Lust: beobachtet zu werden. Aber er wurde nicht beobachtet, nie, in keinem Augenblick fühlte er sich von Livia beobachtet.

Setzen Sie sich

auf die Bettkante,

schauen Sie auf den Hut

am Haken,

am Boden ist nichts.

Auf der schmalen Marmorplatte über dem Hotelwaschbecken sah er ungeordnet, auch umgeworfen seinen Rasierpinsel, das Rasiermesser, Seife und Rasierwasser, unmittelbar unter dem Spiegel, zum Greifen nahe, hatte er Pinsel und Seifentube neben dem Wasserglas mit der Zahnbürste, und doch schwankte alles vor seinen Augen. Wenn er nach dem Rasieren die Klinge aus dem Handapparat zupfte, zögerte er jedes Mal, bevor er das Metall­blatt in den plastikgrünen Kübel unter dem Becken warf, er sah eine Hand hineintauchen und sich blutig schneiden, und so schleuderte er jetzt die Rasierklinge zum Fenster hinaus, wer lief schon zu dieser Zeit barfuß durch die Straßen? Erst am nächsten oder übernächsten Tag bemerkte er die zarten Blutspuren auf der Mauerbrüstung unter seinem Fenster, es waren halbzerborstene Kreuze oder auch gefärbte griechische Ypsilons. Der schneegesprenkelte Mauervorsprung war rosarot bedruckt von Taubenfüßen, die auf der senkrecht zwischen zwei Ziegeln steckenden Klinge gelandet waren.

Wir sind zuerst an einem weitausladenden Johannisbrotbaum vorbeigekommen, und Livia hat sich nach einer dieser schokoladedunklen Hülsenfrüchte ge­bückt, sie auseinandergebrochen und mich abbeißen lassen.

Sie schmeckte süßlich und mehlig und erinnerte ihn an Nüsse im Lebkuchen. Ein kurzbeiniger Hund mit Ringelschweif folgte ihnen über ein karstiges Feld, auf dem wilder Hafer wuchs.

Das Auto hatten sie unter der Terrasse des Hauses zurückgelassen, wo die schwarz gekleidete alte Frau auf ihre Frage nach dem Meer wiederholt mit dem ausgestreckten Arm auf den Johannisbrotbaum gezeigt hatte.

Vielleicht ist es dieses diffuse, weiße Licht, das die Hitze über uns wirft, und die Sonne ist irgendwo. Der Johannisbrotbaum war der einzige Baum weit und breit; der Boden wurde schnell sandiger, zeitweilig überquerten sie verödete Weinäcker, die von Flugsand zugedeckt waren, manchmal hoben sie den Fuß über eine gewundene Rebe, die vereinzelte grüne Blätter trug und gelegentlich eine verkümmerte Traube. Livia zeigte mit der Hand auf eine Agave, deren gebogene Blätterspieße überklebt waren von Schnecken, braun und schwarzweiß linierten Schnecken, deren Schleim rund um ihr kleines Gehäuse getrocknet war, es knisterte, wenn sie ein Schneckenhaus vom Blatt brachen. Der Hund, ein Mischling mit weißen Pfoten, lief vor ihnen her über die höher werdenden Sandhügel, die zum Teil besetzt waren von stacheligen Sträuchern, an denen keine Blätter mehr saßen, sondern dicht aneinandergereiht diese Macchiaschnecken, von denen Lukas einmal zwei volle Teller gegessen hatte und Kognak dazu getrunken, so dass er am nächsten Morgen in den Schatten der Klippen kriechen musste, um sich im Uferwasser zu erbrechen.

Eine längere Strecke legten sie auf einem Karren­weg zurück, der früher wohl zu den Weinäckern geführt hatte und jetzt beinahe eingeebnet war vom Sand, nur da und dort sahen sie einmal abgeschliffene Steine, graue Karststeine, und die Schleifspuren eisenbeschlagener Räder, und hie und da noch Teile von Weggemäuer, das durchbrochen war von Macchia oder von Ohrenkakteen und manchmal von einer einzeln blühenden Agave. Livia trug das Badezeug in einer Strohtasche, die sie abwechselnd über die linke und die rechte Schulter hakte. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen und lauschte auf irgendein Geräusch, aber es gab nichts zu hören, oder fast nichts, kein entferntes Meeresrauschen, kein Vogelgeflatter, nur das Eintauchen der Sandalen in den Sand. Einmal stellte Livia die Tasche nieder und kauerte sich daneben hin, er sah, wie sie mit den Fingern ihr Haar nach vorne über das Gesicht kämmte und es dann wie einen Vorhang an den Spitzen fasste und straff zog. Er zeigte auf eine schwarze, verdorrte Orange neben seinem Fuß, er reichte ihr die von der Luft gehärtete Kugel, ein weißgrüner Fleck erinnerte an den Schimmelmuff, ein Auge, ein zugewachsenes Auge, der Lidstrich war unkenntlich geworden.

Zuallererst, am Anfang, hatte er Livia nur als Gesicht gesehen, ihre großen, gelangweilten Blicke, die über ihn und vielleicht auch über die Köpfe der anderen hinwegschweiften, ihre Gleichgültigkeit zog ihn an, reizte ihn, regte ihn allmählich auf.

Obwohl sie grüngraue Augen hat, sah ich am Anfang ein fast aufdringliches Himmelblau, das ihre Wangenknochen beinahe auslöscht. Sie hat selten einen Satz zu Ende gesagt, aber immer wieder unerwartet gelächelt. Wenn sie aufstand, schien sie sich kaum zu bewegen, aber immer, fast unmerklich, rundeten sich ihre Bewegungen, sie bot sich an, wenn sie nichts davon zu wissen schien, kaum einmal, dass sie von sich aus zu reden begann, sie suchte kein Gespräch, wandte sich eher lächelnd ab.

Er hatte sie an vielen Abenden stumm zwischen den Gesichtern der anderen beobachtet, und an einem Nachmittag waren sie einander vor dem Telefon- und Telegrafenamt entgegengekommen, sie trug einen braunen, wuscheligen Mantel, der ihn an das Fell eines Waschbären denken ließ, aber es war tatsächlich ein brauner Schafpelzmantel, in den er sein Gesicht drückte. Er fragte sich oft, ob Livia ihn damals, an diesem Nachmittag, als sie in einer Bar Wein und Apfelsaft tranken, mit dem Satz verblüfft hatte: Ich bin glücklich, oder ob er ihn nur gehört haben wollte und ihn deshalb so für sich ins Gedächtnis geformt hatte.

Sie wateten eine Düne hinauf und hatten, als sie die Höhe erreichten, wieder nur andere Sandhügel und Sandrücken vor sich, die meisten höher als der, auf dem sie standen. Im Osten bekamen sie einen dunklen Bergbuckel in den Blick, im Westen verlief sich die gewellte Öde, und dort muss auch das Meer sein. Er bildete sich ein, mit geschlossenen Augen ein Murren zu hören, und stellte sich das rhythmische Schwappen des Wassers vor, und je länger er die Augen zusammenkniff, desto deutlicher hörte er ein dumpfes Maulen. Er hatte Livia beruhigt und gesagt: Was wir jetzt haben, haben wir, und was wir gehabt haben, kann uns niemand mehr nehmen.

Er sah die Verschlusskappe eines Plastikkanisters und den abgebrochenen Hals einer Bierflasche, Windspuren oder die Anflugspuren großer Vögel in verwehten Spiralen, er folgte mit den Augen Livias Kopfneigung und ihrer Hand, die den Taschengriff von der Schulter löste, und sah sie einschlafen mit noch jugendlicher Todesschwäche, ja, sie würde wegschlafen können, obwohl oder vielleicht weil sie noch immer einen Sonnenfleck oder einen Grasfleck oder einen Schneefleck bewundern konnte: schön –grün – weiß. Sie lässt ihn ihre Waden küssen, lässt ihn ihre Fußknöchel abschlecken, ihre Fußsohlen, die Haut zwischen ihren Zehen. Und er befeuchtet ihre Kopfhaare, er sucht mit der Zunge ihren Scheitel. Ich habe deinen Geruch gesucht, ganz am Anfang habe ich deinen Geruch gesucht, ich mochte deinen Schweiß und deinen Atem.

Von Zeit zu Zeit stieß er das Hotelfenster sperrangelweit auf, die Fensterflügel und die Holzjalousien, und mit dem Bauch an die Brüstung gedrückt freute er sich, wenn er den Wolfshund drüben am Hügelhang in seiner Umzäunung herumspringen sah in einem verwilderten kleinen Garten; eingeschlossen von einer Gattertür und durch einen zwei Meter hohen Zaun ließ man das Tier unter dem Khakibaum hin und her rennen auf einer Lauffläche, die nur doppelt so groß war wie das Hotelzimmer, in dem Lukas zwischen Bett und Schrank herumlief. Er beobachtete das nervöse Hin- und Hertrotten des Hundes, dem Freund und Feind fehlten, er bellte, jaulte in die Luft, es schien, als bellte er nichts als Luftsäulen über sich an, aber plötzlich begann er in einer Ecke zu wühlen, mit den Pfoten Erde aufzubuddeln, und dann hatte er den Knochen gefunden, freigelegt und im Maul. Und bald verscharrte er ihn wieder, nicht weit vom alten Versteck.

Ich habe dich nie in ein Versteck geschleppt, obwohl du immer meine Komplizin warst, schon damals, zwischen dem einen und anderen Sandhügel ohne größere Aussicht. Es war, als gingen wir einen endlosen Zickzackweg.

Aber Livia klagte über nichts, sie hörten endlich das an- und abschwellende Murren, das manchmal zerplatzte wie ein aufgeblasener Papiersack. An den Sträuchern sah er da und dort Fetzen hängen, die sich im Wind bewegten und aus der Ferne schimmerten. Er blieb vor einem Strauch stehen, der gelb blühte, und Livia stellte sich neben ihn, und er sagte: ein Absinth­strauch. Sie legte ihren Arm um ihn und hielt, ohne dass sie es hätte wissen können, auf diese Weise den Schweiß auf, der ihm den Rücken herunterlief, später vergruben sie eine leere Blechbüchse unter den Zweigen im Sand. Ein heißer Wind schleuderte winzige Körner gegen die Haut; wenn er mit der Handfläche über das Gesicht wischte, rieb er Sand über Stirn und Wangen. Das Lärmen kam näher, wurde lauter und drohender, so dass sie plötzlich zu laufen anfingen, eine Düne hinaufrannten und endlich das Wasser vor sich sahen, eine langgeschwungene Bucht, zersägt von Felsausläufern und Gesteinsrippen. Der Sandstrand brach in Stufen ab, auf denen Algenschleifen vertrockneten, einige dünne Tamarisken warfen Schattenflecken, Livia ließ die Tasche fallen und ging bis zur Wasserlinie vor; weit draußen glitzerte das Meer, aber vor dem Strand türmte sich die Flut zu petrolblauen Wellen auf. Lukas schlüpfte aus Hemd und Sandalen.

Geh nicht hinein, sagte Livia.

Nein, sagte er, ich stecke nur die Füße ins Wasser.

Langsam sah er sie davongehen, auf eine Felszunge zu, die weit hinausragte und wo ihm das Meer ruhiger schien. Er watete ein paar Meter in die Gegenrichtung und ließ sich von Gischtspritzern übersprühen, später legte er sich neben Livias Tasche hinter eine Tamariske. Im Sand, auf dem die Flutwellen ihre geschwungenen Linien zurückgelassen hatten, entdeckte er den blassgrünen Kalkpanzer eines See­igels, fleischlos und stachellos, er erreichte ihn liegend mit den Fingerspitzen und lauschte auf die sparsame Musik, die die Sandkörner im Schaleninneren mit ihrem Rieseln erzeugten, wenn er den Hohlkörper dicht an seinem Ohr schüttelte.

Er hatte seine Brille in den Sand gesteckt und sah Livia nun durch einen gleißenden Nebel, schmalhüftig und auf hohen, gespreizten Beinen, er sah, wie sie ihre Bluse über den Kopf zog und hinter sich in den Sand warf, wie sie aus ihren Jeans und der Wäsche glitt und die Kleidungsstücke zwischen übermütigen, staksigen Schritten in einem Halbkreis verlor, nackt tanzte sie der Wasserlinie entlang, die Hände in Schulterhöhe von sich streckend, als ob sie über ein gespanntes Seil balancierte, manchmal aufspringend, unvermutet zur Seite hüpfend, nie weiter als bis zu den Knien planschte sie durchs Wasser, kauerte sich sekundenlang auch in die heranleckenden Wellenzungen, um im nächsten Moment wieder hochzuschnellen, er hörte ihre Schreie, diese spitzen Laute, die sie noch nackter machten. Plötzlich begann sie, ohne die weggeworfenen Kleidungsstücke aufzulesen, in weit auseinandergezogenen Spiralen über den Strand zu laufen, immer weiter von ihm fort. Er empfand stärker als vorher diesen an der Haut zerrenden Wind, sah die Wolkenstriche, und auch die Schaumflocken, die im Ufersand versickerten. Livia stand plötzlich auf einem Stein und bewegte sich für Minuten nicht, ihre Haut, schien ihm, flimmerte weiß in der Luft, sie wird krank, schreiend krank werden, dachte er und rief sie, aber sie wollte oder konnte ihn nicht hören und wandte sich ihm nicht zu, er hatte den Oberkörper aufgerichtet, stemmte sich auf einem Ellbogen ab und rief noch einmal, da bückte sie sich und hob etwas auf, das er nicht erkennen konnte, und kam auf ihn zu. Der Wind blies über den Strand, wirbelte Sandwolken auf, er sah Livia in der Sandwolke die Muschel oder den Seestern, vermutete er, von einer Hand in die andere nehmen, er sah ihr Hantieren und ließ seinen Oberkörper wieder zurücksinken in den Sand, der nicht kühl war, auch wenn er im Schatten lag. Es ist wahr, dass ich mir keine Gedanken machte über deine Gedanken, auch wenn ich dir zusah, deinen Bewegungen, dieser Strand war mir etwas ganz und gar Eigenes, und ich dachte, wir leben, ich fragte mich nicht, ob du in diesem Moment etwas anderes fühltest.

Sogar wenn er das Hotel nur auf ein Sandwich oder ein Bier verließ, empfand er sein Vorbeigehen an der Portiersloge jedes Mal wie ein Entkommen, obwohl er meist langsam ging und sein Entkommen im Spiegel gegenüber der schwarz ausgeflaggten Loge betrachtete, er beobachtete sein langsames Entkommen, sein Vorbeischlendern am Pult der Rezeption, in der dieser aufgedunsene Portierskopf residierte mit dem Lachen seines Kunstgebisses. Auf der Straße fuhr Lukas ein Windstoß über das Gesicht, so dass er unwillkürlich nach dem Hut griff und ihn an der Krempe festhielt, gleichzeitig spürte er etwas Nachgiebiges unter dem Fuß, sah, dass sich unter seiner Schuhsohle ein Taubenflügel spreizte, und bückte sich, hob den erstarrten Vogelkörper auf; nirgendwo sah er eine rote Spur auf dem Trottoir, ein plötzliches Autohupen erschreckte ihn, so dass er den Kadaver mitten auf der Gasse fallen ließ und, nachdem der Wagen zu langsam an ihm vorbeigefahren war, keine Lust mehr hatte, sich wieder zu bücken und einen Flügel anzufassen, diese Taube würde so oft zertreten und überfahren werden, bis sie sich in eine Leichtigkeit verwandelt hatte, die der Wind aufwirbeln und davontragen konnte, ganz wie die Blätter der Hinterhofbäume, die halbverwest und gefroren und irgendwann getrocknet und zerstäubt an die Fenster der Büros oder der Schlafenden fliegen würden. Eigentlich fürchtete er sich vor einer Begegnung mit Johanna, vor einer plötzlichen Gefühllosigkeit, auch vor ihrer Gefühllosigkeit, und trotzdem begehrte er zeitweilig nichts so sehr wie diese betörende heftige Leere, wie diesen endlosen Strand; Livia hatte ihre Haare nach vorn geworfen, so dass ihr Gesicht von Strähnen verdeckt war, sie hatte Ringe um ihre Brust gezeichnet, mit einem Finger Kreise um die Brust gedreht, und sie ließ ihre Beine einknicken, links und rechts seiner Hüften, sie hielt die Handflächen über ihre Schultern, als ob sie ihn hätte freihalten wollen von der Belästigung ihrer Haarspitzen. Der Himmel war nicht bewölkt, obwohl Hitzedunst über dem Horizont lag. Sie waren unter die salztropfenden Zweige der Tamarisken gekrochen, Schweißperlen wurden von seiner Haut auf ihre Haut gepresst, sie hatten sich Mund an Mund im Sand gerollt, bis seine Knie sich über Livias Bauch auseinanderzogen und er ihre Lippen geöffnet unter sich sah, ihre Haare im Sand und Sandkörner in ihren Haaren, je tiefer sie sich in den Sand wühlten. Später lachten sie über die Salztropfen, die von den Zweigen auf ihre Haut gefallen waren und die sie zuerst für Baumöl gehalten hatten.

Es gab nur diese schüttere Tamariskenreihe, keine Spur eines Autoreifens, und, so weit sie blicken konnten, die Bläue des Meeres und den Sand. Sie aßen Ziegenkäse und violette Oliven; von einem Sandhügel herunter hüpfte der Hund mit den weißen Pfoten, eigentlich, das sah Lukas erst jetzt, war nur eine Pfote bis zum Schenkel hinauf weiß, die anderen waren schwarz.