Dazwischen das Meer - Jenny Green - E-Book

Dazwischen das Meer E-Book

Jenny Green

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Beschreibung

Für ein Reisemagazin fliegt Theresa Petersen nach Neuseeland, wo sie die Touristenführerin Amiri kennenlernt. Schnell entwickeln sich starke Gefühle füreinander, die auf keinen fruchtbaren Boden fallen: Amiri ist bereits vergeben, und zu Hause wartet Maren auf Theresa. Nach ihrer Rückkehr beschließt Theresa, sich ganz Maren zu widmen, obwohl ihr Herz noch immer an Amiri hängt, denn sie hat Maren viel zu verdanken. Doch dann steht plötzlich Amiri in Theresas Café und gesteht ihr ihre Liebe - für wen soll Theresa sich denn jetzt entscheiden?

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Jenny Green

DAZWISCHEN DAS MEER

Roman

© 2015édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-147-6

Coverfoto: © Rawpixel – Fotolia.com

1 Neuseeland

Theresa breitete die Arme weit aus, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Feine Wasserperlen, die der Wind durch die Luft trug, bestäubten ihre Haut. Nur das Rauschen des Meeres und Vogelgezwitscher waren zu hören. Theresa sog das Gefühl der Freiheit tief in sich auf, das Leben, so, wie es sein sollte.

Unter ihren nackten Füßen spürte sie den kalten Sand, den die Sonne erst im Laufe des Tages aufheizen würde – dann, wenn Theresa diesen wundervollen Ort bereits wieder hinter sich gelassen hatte. Wehmut stieg bei diesem Gedanken in ihr auf, und sie ließ langsam die Arme sinken.

Sie hatte das Paradies gefunden. Genau so hatte sie es sich immer vorgestellt. Das Meer, die unendliche Weite und Natur, so weit das Auge reichte. Alles wirkte so friedlich. Das genaue Gegenteil der lauten, pulsierenden Stadt, in der sie sonst jeden Tag erwachte.

Erst als Theresa das Knarzen der Schiebetür ihres alten VW-Busses vernahm, öffnete sie die Augen langsam wieder und drehte sich um in Richtung Strand, auf dem sie tags zuvor ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten. Ein einfaches Zelt neben ihrem Bus, den sie gestern erst freudestrahlend abgeholt hatten und der sie nun vier Wochen über die Südinsel Neuseelands befördern sollte.

Gestern Nachmittag waren sie in Christchurch gelandet, aufgeregt wie kleine Kinder, die eine völlig neue Welt entdeckten und sich auf eine Reise ins Ungewisse machten. Ein großes, spannendes Abenteuer lag vor ihnen.

Schon so lange hatte Theresa von Neuseeland geträumt, ein Traum, der bisher unerreichbar schien. Immer wieder hatte sie Bücher über das Land, die Kultur und die Menschen gewälzt. Und als das Reisemagazin, für das sie seit Jahren immer wieder neue Länder bereiste und in großen Reportagen darüber berichtete, sie mit einer neuen Reportage über Neuseeland beauftragt hatte, hatte sie keine Sekunde gezögert. Es war ein Traum, der in Erfüllung ging. Eine einmalige Chance, die sie sofort beim Schopf gepackt hatte.

Vom ersten Moment an war sie von der Schönheit dieses Landes gefangen gewesen. Und nun stand sie hier an diesem wunderschönen Strand, konnte sich kaum satt sehen und nur widerwillig den Blick vom Meer lösen.

Langsam setzte sie sich in Bewegung und stapfte durch den Sand zurück zum Zelt, aus dem sich kurz zuvor Anna hervorgearbeitet hatte. Jetzt stand sie kopfschüttelnd und mit zerzausten Haaren vor Theresa. »Dein Eifer in allen Ehren. Aber ganz ehrlich – fünf Uhr morgens? Wir können doch auch erst in zwei Stunden aufbrechen und wären immer noch sehr früh dran.«

»Hab dich nicht so«, gab Theresa grinsend zurück. »Schließlich könntest du in Hamburg im November nicht so einfach am Strand schlafen. Findest du es nicht traumhaft hier?«

Anna gähnte herzhaft. »Das ändert nur leider auch nichts daran, dass ich hundemüde bin. Der lange Flug hat mich echt geschlaucht. Dich etwa nicht?« Sie sah Theresa ungläubig an, ehe sie sich demonstrativ streckte und die Augen rieb. Ihre kurzen Haare standen wild in alle Richtungen. Wirklich zurechnungsfähig sah sie noch nicht aus.

Theresa schmunzelte. »Ich bin viel zu aufgeregt, um müde zu sein. Das Meer, die frische Luft . . . ein Traum. Ich war wach und konnte einfach nicht mehr ruhig liegen bleiben. Nein, ich bin gerade alles andere als müde. Ich kann es kaum erwarten loszufahren.«

»Ja, ein toller Traum. Ich brauch erst einmal einen Kaffee«, brummte Anna und fing an, im Businneren zu kramen auf der Suche nach den Bechern mit den kalten Kaffeegetränken, die sie neben anderem Proviant gestern in einem kleinen Supermarkt gekauft hatten.

»Pass auf, auch du alter Morgenmuffel wirst schon noch merken, wie schön es hier ist!« Damit ließ sich Theresa in ihren Campingstuhl fallen und sah erneut hinaus auf das Meer.

Wenig später hatten sie ihr Zelt abgebaut und alles in ihrem rot-weißen 1966er Campingbus verstaut. Das Faltdach war defekt, daher hatte der Vermieter ihnen das Zelt mit auf den Weg gegeben. Doch das sollte nicht das Einzige bleiben, was an diesem Bus nicht ganz in Ordnung zu sein schien. Schon als sie das Gefährt abgeholt hatten, waren sie beide mehr als skeptisch gewesen, ob es die lange Reise verkraften würde. Doch der Vermieter hatte nur gelacht und gemeint, der alte VW sei viel zuverlässiger als er aussehe. Sehr beruhigend, wie Anna und Theresa fanden. Doch sie hielten sich an dem Gedanken fest, dass er sie schon nicht in ihr Unglück fahren ließ.

Als Anna sich jetzt hinter das Steuer schwang und immer wieder und immer fester das Gaspedal drückte, passierte allerdings gar nichts, außer dass das laute Heulen des Motors über den Strand fegte und die wenigen anderen Camper aufschrecken ließ. Erst dann bemerkten die beiden, dass ihr Bus im nassen Sand eingesunken war und sich keinen Millimeter bewegte.

»Ganz klasse. Kalter Kaffee und dann auch noch das«, seufzte Anna genervt und ließ den Kopf auf das Lenkrad sinken. »Das geht ja sehr gut los.«

»Warum bist du eigentlich so schlecht drauf?« Theresa sah Anna prüfend an. Als sie keine Antwort erhielt, öffnete sie kurzerhand die Tür, sprang ins Freie und sah sich hilfesuchend um.

Die Reifen steckten tief im Sand und hatten sich durch die vergeblichen Fahrversuche noch mehr eingegraben. Zu zweit würden sie den Bus wohl kaum befreien können.

»Und was jetzt?«, rief Anna vom Fahrersitz und starrte bewegungslos durch die Frontscheibe in Richtung Meer.

»Rumsitzen hilft uns auch nicht weiter«, antwortete Theresa und merkte, dass sie sich langsam von Annas schlechter Laune anstecken ließ. »Ach, bleib einfach sitzen. Ich bin gleich wieder hier.«

Zu ihrem Glück war Tim Davids, der Campingplatzwärter, bereits wach. Wenig später kam er mit ihr zurück zum Bus, um sich den Schlamassel genauer anzusehen.

»Warum seid ihr Europäer eigentlich immer so scharf darauf, direkt am Strand zu parken?« Er hatte die Hände vor der Brust verschränkt und schnalzte mit der Zunge.

»Na ja«, meinte Theresa verlegen, »weil das hier erlaubt ist, zu Hause aber nicht?«

»Ah ja«, brummte Tim, ein Bär von einem Mann, und lächelte. »Ich glaube, euch beiden wird hier sicher nicht langweilig werden. Vor allem mit dieser alten Schüssel, die sich Bus schimpft.« Skeptisch betrachtete er Annas und Theresas ganzen Stolz.

Dann drehte er sich um und ging, um ein Abschleppseil aus seinem Wohnwagen zu holen. Kurz darauf hatte er den Bus mit seinem Geländewagen befreit und auf festes Gelände befördert.

»Nein, langweilig wird es uns beiden sicher nicht«, lachte Anna, als sie schließlich den alten VW zurück auf die Straße lenkte und Theresa ansah. »Ich glaube, jetzt bin auch ich hier endlich angekommen.«

Dann fuhren sie los. Das Abenteuer Neuseeland konnte endlich beginnen. Schon auf den ersten Kilometern begannen sie, sich mit hysterischem Kichern zu überbieten, als der Schlüssel in einer Kurve unbemerkt aus dem Schloss rutschte und in den Tiefen des Fußraumes verschwand, der Bus jedoch trotzdem weiterfuhr. Von der Bremse, die mal bremste und mal nicht, dem dritten Gang, der sich kaum einlegen ließ, und der Besteckschublade, die in der Kurve aufsprang und Gabeln und Messer durch den Innenraum spie, mal ganz abgesehen. Ja, an diesem Bus war so einiges nicht in Ordnung. Aber gehörte das nicht zum Abenteuer? Vorsichtshalber schickte Theresa trotzdem ein Stoßgebet gen Himmel, dass sie das alles hier heil überstehen würden.

»Wir können froh sein, wenn wir die vier Wochen mit dieser alten Schüssel überleben«, kicherte sie und wischte sich den Angstschweiß von der Stirn, als Anna zu scharf in die nächste Kurve bog. »Oder eher, dass ich diese vier Wochen mit dir überlebe.«

»Du wolltest deinen alten Bus, und jetzt hast du deinen alten Bus, also stell dich mal nicht so an«, antwortete Anna, ehe sie kurz darauf scharf auf die Bremse trat und vor einer Kreuzung zum Stehen kam. »So, jetzt müssen wir wohl mal kurz vor die Tür gehen.«

Theresa sah auf die Schilder vor ihnen. Sie selbst wollte am liebsten sofort an die Westküste, doch Anna beharrte auf der Ostküste. Schnell kramte Theresa nach ihrer To-do-Liste im Rucksack, auf der sie bereits in Hamburg alle Plätze notiert hatten, die sie sehen und über die sie berichten wollten. Vielleicht konnte sie Anna ja überzeugen, dass die wichtigsten Orte an der Westküste lagen.

Da Anna jedoch schon immer den größeren Dickkopf von ihnen beiden hatte, ging diese Runde an sie, und sie steuerte den Bus mit einem Gewinnerlächeln in Richtung Ostküste.

2

»Denkst du daran, Amiri Bescheid zu geben, dass wir bereits heute in Kaikoura ankommen?«, fragte Anna. »Vielleicht können wir gleich heute noch die Tour mit ihr machen? Na ja, oder besser morgen . . . ich bezweifle, dass ich heute mit meinen kleinen Schlitzaugen die Wale erkenne.«

Sie hatten den Bus in einer kleinen Parkbucht am Straßenrand abgestellt, um sich ein wenig die Beine zu vertreten. Anna hatte sich mit der Straßenkarte in der Hand an das Holzgeländer gelehnt, hinter dem eine imposante Felswand steil in die Tiefe zum Meer hin abfiel. Theresa stand mit dem Rücken am Bus, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen, vor sich hinträumend.

Jetzt öffnete sie die Augen und meldete: »Bereits geschehen. Während du wie eine Irre mit der Karte hantierst und nichts mehr um dich herum bemerkst, habe ich längst für morgen Vormittag alles klargemacht. Wo bist du denn mit deinen Gedanken?«

Anna hob beschämt den Kopf. »Tut mir leid, aber irgendwie überfordert mich diese Karte. Die ist etwas irreführend. Und dann dieser Linksverkehr – warum gibt es dann immer noch rechts vor links und nicht links vor rechts? Wer hat sich das ausgedacht?«

»Soll ich erst einmal weiterfahren?«, bot Theresa mitfühlend an. »Bis nach Kaikoura ist es nicht mehr weit, und dann suchen wir uns fürs Erste eine Art Jugendherberge oder etwas anderes, das erschwinglich ist. Also, nichts gegen die Nächte neben dir im Zelt, aber so ein weiches Bett, um ausreichend Schlaf zu tanken, wäre auch nicht so verkehrt, oder was denkst du?«

Anna nickte dankbar. »Ich glaub, ich hab noch eine Mütze Schlaf bitter nötig . . . und eine Dusche. Ja, vor allem eine Dusche.«

»Klingt nach einem sehr guten Plan. Amiri will uns heute Abend in einem Restaurant treffen, damit wir wegen morgen alles besprechen können. Die Adresse hab ich notiert«, erklärte Theresa, während sie auf den Fahrersitz kletterte und den labilen Blinker ein paarmal irritiert drückte. »Ist hier eigentlich irgendwas richtig funktionsfähig?«

Doch anstatt einer Antwort vernahm sie nur noch die tiefen Atemzüge von Anna, die eingeschlafen war, kaum dass sie auf dem Beifahrersitz Platz genommen und sich angeschnallt hatte. Typisch, dachte Theresa mit einem Grinsen.

Vorsichtig setzte sie den Blinker – sie hatte Angst, den kleinen Hebel bei der nächsten Gelegenheit abzubrechen – und bog aus der kleinen Parkbucht zurück auf die Straße Richtung Norden.

Ihr Hochgefühl hatte sich nicht erschüttern lassen, auch wenn Anna mit dem Jetlag und somit auch mit ihrer guten Laune zu kämpfen hatte. Theresa fühlte sich frei, völlig ungebunden und stark.

Es tat so gut, Hamburg für eine Weile hinter sich zu lassen, all die Menschen und den Stress der letzten Wochen. Sie hatte sich eingesperrt gefühlt, eingesperrt in der Angst, die ihr zeitweise die Luft abzuschnüren schien. Es hatte keinen einzigen Moment der Ruhe gegeben, stets war sie rastlos gewesen. Doch mit der Ankunft in Neuseeland war die Last von ihr abgefallen. Neuseeland war weit genug von zu Hause entfernt, wie eine ganz andere Welt, in die sie eintauchen durfte.

Nur ihre besten Freunde Ole und Frida, die ebenso verrückt waren wie sie, konnten verstehen, dass es ihr schwerfiel, lange an einem Ort zu bleiben und Wurzeln zu schlagen. Zwar liebte sie Hamburg und das Leben in dieser Stadt, sie konnte sich auch nicht vorstellen, Hamburg jemals den Rücken zu kehren. Doch sie brauchte die Freiheit, einfach losfahren zu können, Neues entdecken zu können. Am liebsten zusammen mit Anna, die sie seit dem Kindergarten kannte.

Sie waren von klein auf unzertrennlich, auch wenn Anna der bodenständigere Typ von ihnen beiden war und Theresa manches Mal einbremsen musste. Und jetzt arbeiteten sie sogar für dasselbe Reisemagazin, für das sie immer wieder gemeinsam die verschiedensten Ecken der Welt erkunden durften: Anna als Fotografin, Theresa als Autorin. Diese Teamarbeit hatte sie über all die Jahre nur noch enger verbunden.

Das Einzige, was Theresa in diesem Moment vermisste, abgesehen von ihrer Familie, war ihre Arbeit in ihrem eigenen Café. Für die Wochen, in denen sie unterwegs war, hatte sie die Leitung in die vertrauensvollen Hände ihrer langjährigen Mitarbeiterin Heike gelegt. Sie vertraute Heike, doch sie hatte einfach lieber zu jeder Zeit alles im Blick.

Theresa drehte das Radio etwas lauter und summte leise mit. Anna hätte in diesem Moment ohnehin nichts wecken können. Die Felder und Weinberge, die an Theresa vorbeizogen, erstrahlten in den schönsten Farben und der Himmel in kräftigem Blau. Die Temperaturen kletterten gegen die Mittagszeit auf heiße 30 Grad. Theresa rückte ihre Sonnenbrille zurecht.

Noch 50 Kilometer bis Kaikoura.

Kaikoura war eine der Stationen, die Theresa dick auf ihrer Liste unterstrichen hatte. Hier wollten sie eine Walbeobachtungstour machen. Sie würden mit einem Katamaran hinaus aufs Meer fahren, um Wale und Delphine zu sehen.

Schon in Deutschland hatte Theresa über das Magazin Kontakt zu Amiri aufgenommen, die mit ihrem Katamaran fast jeden Tag Touristen und Einheimische mit aufs Meer nahm. Sie war froh, einen Ansprechpartner vor Ort zu haben, der ihnen vielleicht auch ein paar Geheimtipps für die restliche Reise mit auf den Weg geben konnte – schließlich waren sie beide zum ersten Mal hier. Theresa wusste zwar noch nicht sehr viel über Amiri, doch sie war ihr von der ersten E-Mail an sympathisch gewesen, und sie hatten noch etliche weitere Mails gewechselt.

Anna hielt sich aus diesen Dingen eher heraus. Sie konzentrierte sich auf ihre Aufgabe als Fotografin und ließ Theresa freie Hand, wenn es darum ging, Einheimische kennenzulernen oder Termine zu vereinbaren. So war es schon immer gewesen, und Theresa hatte sich gut damit arrangiert. Anna und Organisation, diese Kombination funktionierte nur in den wenigsten Fällen.

Als es bereits früher Nachmittag war, bog Theresa endlich in die nur knapp 2000 Einwohner zählende Stadt ein. Sie sah sich suchend um und parkte den Bus schließlich vor einem kleinen Hotel, das eigentlich nur eine Hütte am Straßenrand war. Erst als sie den Motor abstellte, erwachte Anna und sah verschlafen aus dem Fenster.

»Wo sind wir?«

»Am Ziel, du Schlafmütze. Ich bin sofort wieder da, ich will nur schnell nachfragen, ob sie noch ein Zimmer für uns frei haben. Du kannst in der Zwischenzeit erst einmal wach werden«, grinste Theresa und stieg aus.

Ihre lange Jeans klebte an ihr. Sie sehnte sich nach einer Dusche und kurzen Shorts. Eiligen Schrittes verschwand sie durch die Eingangstür ins kühle Haus, um wenig später freudestrahlend zu Anna zurückzukehren.

»Sie sind leider vollkommen ausgebucht«, begann sie, während sie wieder auf den Fahrersitz stieg.

Anna sah sie verwundert an. »Und warum grinst du dann so?«

»Der nette Mitarbeiter an der Rezeption hat sofort bei einer anderen kleinen Pension angerufen und nach einem Zimmer für uns gefragt. Wir müssen nur noch hinfahren und einchecken.« Theresa strahlte. Sie war wirklich froh, dass alles so glatt verlaufen war. Auch wenn sie sich fest vorgenommen hatten, die meisten Nächte im Freien zu verbringen – der Jetlag ließ sie beide rasch einknicken und die Aussicht auf ein weiches Bett äußerst verlockend erscheinen.

3

»Langsam, aber sicher beginnt mein Magen zu rebellieren.« Anna saß wie ein kleines Häufchen Elend auf der Bettkante, die Haare noch nass vom Duschen, als Theresa zurück ins Zimmer kam.

»Wem sagst du das«, meinte Theresa und warf die letzte Tasche aufs Bett, die sie aus dem Bus geholt hatte, »ich bin völlig ausgehungert. Aber einen kleinen Moment musst du dich noch gedulden. Ich springe auch noch eben unter die Dusche, und dann können wir gleich los, okay?«

Anna verzog das Gesicht zu einer Grimasse. »Wenn ich bis dahin nicht verhungert bin.«

»Iss doch einen von diesen komischen Riegeln, die du unbedingt haben wolltest.«

Jetzt entgleisten Annas Gesichtszüge endgültig. »Nee, lass mal. Ich glaub, ich hab doch keinen so großen Hunger mehr.«

Theresa lachte bei der Erinnerung an Annas Gesicht, als diese zum ersten Mal in einen der viel zu harten und viel zu süßen Müsliriegel gebissen und dann über Zahnschmerzen geklagt hatte. »Nicht alles, was lecker aussieht, tut dir auch gut. Das müsstest du doch nach dieser Julia und der Party letzte Woche gelernt haben«, stichelte sie und brachte sich schnell in Sicherheit, als Anna ein Kissen nach ihr warf.

»Diese Anspielung hättest du dir sparen können«, lachte Anna und schüttelte den Kopf. »Dann nehm ich lieber diesen Riegel.«

»Welches Restaurant meintest du?«, fragte Anna.

»Ich glaube, wir müssen da vorn noch einmal um die Ecke, und dann müsste es dort auch schon sein.« Theresa kniff die Augen zusammen, um im grellen Sonnenschein etwas erkennen zu können. Frisch geduscht und in kurzen, leichten Sachen ließ sich die Hitze schon weit besser ertragen.

Auch Anna schien mittlerweile ausgeglichener zu sein, was wohl auch daran lag, dass sie die ersten Bilder mit ihrer erst kürzlich neu erworbenen Kamera geschossen hatte. Theresa hatte wenig Ahnung von Technik, doch Annas schwärmerischen Erklärungen nach musste diese Kamera der Traum eines jeden Fotografen sein. Zumindest war sie unübersehbar Annas Traum. Selbst ihren Bärenhunger schien sie darüber völlig zu vergessen, denn Theresa musste eine ganze Weile vor dem Eingang des Restaurants warten, bis Anna endlich ihren Finger vom Auslöser nehmen und ihr folgen wollte.

Der Geruch frisch gebratenen Fisches lag in der Luft, und wie auf Kommando begannen Theresas und Annas Mägen im Chor zu knurren. Sie wurden zu einem Tisch am Fenster geführt, vor dem sich ein unglaubliches Panorama auftat: das dunkelblaue Meer, grüne Wiesen, exotische Bäume und die hohen Berge im Hintergrund, auf deren Gipfeln sogar jetzt im neuseeländischen Sommer Schnee leuchtete. Aber das würden sie noch ausgiebig genießen können, wenn sie endlich ihren Hunger gestillt hatten.

Amiri wollte erst in einer Stunde zu ihnen stoßen. Sie hatten also Zeit und Ruhe zum Essen. In andächtigem Schweigen, nur von gelegentlichen »Mmhs« und »Aahs« unterbrochen, saßen sie sich gegenüber und waren ganz in das Geschmackserlebnis vertieft. Theresa konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal so gut gegessen hatte. Oder war es einfach nur der enorme Hunger, der in diesem Moment alles tausendmal besser schmecken ließ?

Vollkommen satt und glücklich lehnte sie sich schließlich zurück, legte eine Hand auf ihren vollen Bauch und sah versonnen hinaus in die üppige grüne Landschaft, die jetzt am Abend in goldenen, ins Rötliche spielenden Sonnenschein getaucht war.

Sie waren gerade einmal eine Nacht und einen Tag in diesem Land, doch ihr schien es wie eine kleine Ewigkeit. Sie hatte sich vom ersten Moment an willkommen und wohlgefühlt, was wahrlich selten vorkam. Meist brauchte sie einige Tage, um sich umzustellen und an ihrem Reiseziel zurechtzufinden.

Doch das hier, dieses unglaubliche Gefühl von Freiheit, war neu, aufregend und gerade deswegen wunderschön.

Als Anna sie sanft an die Schulter tippte und mit dem Kopf in Richtung Tür deutete, kehrte Theresa aus ihrem Kokon aus Gedanken zurück und blickte auf.

»Ist sie das nicht?«, fragte Anna. »Da vorn beim Eingang.«

»Ich weiß nicht . . .« Zweifelnd beäugte Theresa die Frau, die das Restaurant gerade betreten hatte.

Anna reckte den Kopf, um besser sehen zu können. »Na ja, ich habe auch nur die Fotos auf der Homepage gesehen. Aber doch, ich denke, das ist sie.«

Theresa legte den Kopf schief und sah um die Ecke. Doch erst als die Frau sich ihnen näherte, war auch sie sich sicher, dass es Amiri war. Schnell hob sie eine Hand, um auf sich aufmerksam zu machen. Als die Frau sie entdeckte, malte sich ein strahlendes Lächeln auf ihren Lippen, und sie kam eilig auf Anna und Theresa zu.

Theresa hatte noch nie ein so offenes, warmes Lächeln gesehen. Es ließ die Augen der Frau regelrecht funkeln. Und dieses Funkeln entfachte ein wildes Kribbeln in Theresa, das sie sich nicht erklären konnte. Wahrscheinlich lag es einfach nur daran, dass sie an Lachen und Fröhlichkeit von Fremden gar nicht mehr gewöhnt war, nachdem so viele Wochen lang nur düstere Themen ihr Leben beherrscht hatten.

»Kia ora«, begrüßte Amiri sie und streckte zunächst Anna ihre Hand entgegen.

»Kia O. . .?« Anna sah Amiri perplex an und vergaß darüber sogar, ihr die Hand zu geben, so dass Amiri ihre wieder sinken ließ.

»Kia ora«, wiederholte sie verlegen lächelnd. »Das ist die traditionelle Begrüßung der Maori und heißt ganz einfach ›Hallo‹. Ich freue mich jedenfalls sehr, dass ihr hier seid.«

Theresa grinste innerlich. Sie wusste, dass Anna sich nur ungern so offensichtlich aus der Fassung bringen ließ. Zugleich konnte sie nicht leugnen, dass sie vermutlich ganz ähnlich reagiert hätte, wäre sie an Annas Stelle gewesen. Amiri schien mindestens so sympathisch zu sein wie ihre E-Mails vermuten ließen. Und Theresa wusste nicht, was sie getan hätte, wenn der Blick dieser wunderschönen dunklen, mandelförmigen Augen sie so ganz unvorbereitet getroffen hätte. Als Amiri nun auch sie begrüßte, meinte sie darin zu versinken, und das Kribbeln in ihr verstärkte sich noch um eine Winzigkeit.

Amiri setzte sich zu ihnen an den Tisch, und gleich darauf entschuldigte sich Anna für einen Moment – vermutlich um ihren hochroten Kopf aus der Schusslinie zu bringen. Theresa wusste nur zu gut, was in ihrer Freundin vorging: Anna hatte eine Schwäche für schöne Frauen – und Amiri gehörte zweifelsohne zu denen, die alles um sich herum in den Schatten stellten. Da hätte man schon blind sein müssen, um das nicht zu bemerken. Aber Anna genoss es seit ihrer Trennung von Luisa ganz besonders, sich von einem Flirt in den nächsten zu stürzen, wenn auch manchmal etwas unbeholfen.

Nachdem Amiri ein kaltes Getränk geordert hatte, stellte Theresa lächelnd fest: »Amiri ist ein wirklich schöner, ja außergewöhnlicher Name, wenn ich das sagen darf.« Sie konnte nicht umhin, Amiris Tätowierungen zu bewundern, die ihre beiden Arme zierten. Derartige Tätowierungen hatte sie bereits gesehen, als sie sich mit der Kultur der Maori beschäftigt hatte, aber bisher nur auf Fotos. Sie mochte diese Kunst sehr.

»Vielen Dank«, erwiderte Amiri, und ihre braunen Mandelaugen strahlten dabei. »Es ist ein alter Maori-Vorname und bedeutet so viel wie Ostwind.«

»Das heißt, du bist Maori?« Theresas Faszination stieg.

»Mein Vater ist Maori«, gab Amiri bereitwillig Auskunft, »meine Mutter ist Deutsche. Also ja, ich bin sozusagen halbe Maori.« Sie lachte und nahm einen großen Schluck aus ihrem Glas.

»Deine Mutter ist Deutsche? Aber du bist hier aufgewachsen?«

»Meine Eltern haben sich getrennt, als ich noch klein war«, erklärte Amiri, »und meine Mutter ist dann nach Deutschland gegangen und hat mich mitgenommen. Nach meinem Abitur habe ich Berlin allerdings den Rücken gekehrt und bin hierher zurück.«

»Das kann ich durchaus verstehen«, versicherte Theresa und sah nach draußen. »Ein wirklich schöner Ort zum Leben.«

Bevor sie ihr Gespräch fortsetzen konnten, kam Anna zurück und setzte sich, nicht ohne Theresa dabei einen vielsagenden Blick zuzuwerfen. Ungewohnt eifrig begann sie die Organisation an sich zu reißen: Sie sprach mit Amiri den Plan für den nächsten Tag durch und legte alles Wichtige fest, was ja auch der Grund war, weswegen sie hierhergekommen waren. Währenddessen lehnte sich Theresa zurück und wurde ungewöhnlich still.

Ungewöhnlich – war doch eigentlich immer sie diejenige, die derartige Gespräche führte. Doch heute ließ sie Anna den Vortritt. Nicht etwa weil sie keine eigenen Ideen für den kommenden Tag gehabt hätte; davon hatte sie wahrlich genug. Sondern weil sie nicht anders konnte.

Sie konnte nicht anders, als Amiri zu beobachten. Ihrer Stimme zu lauschen. Und überrascht zu registrieren, dass sie sich in deren melodischem Klang verlor.

4

»Du warst den ganzen Abend so still. Irgendwas nicht in Ordnung?« Anna sah Theresa besorgt an, als sie nebeneinander her Richtung Hotel trotteten. »Geht es dir gut?«

Theresa vergrub ihre Hände in den Hosentaschen und richtete den Blick gen Himmel, vor dessen Tiefschwarz die Sterne tanzten.

»Na komm, raus mit der Sprache.« Anna stupste sie aufmunternd in die Seite.

»Was soll sein?« Theresa schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich will einfach nur schlafen, ich bin total kaputt. Ich könnte im Stehen einschlafen.«

»Mhm . . . kaputt«, brummte Anna und hievte ihre schwere Tasche, in der sich ihre Ausrüstung befand, von der einen auf die andere Schulter, wo sie fröhlich mit jedem Schritt weiterwippte.

Theresa warf ihr einen Seitenblick zu und grinste. »Darf ich dich daran erinnern, dass du heute diejenige warst, die den halben Tag verschlafen hat? Kein Wunder, dass du jetzt fit bist.«

»Schon gut, schon gut. Mich würde einfach nur interessieren, warum du dich gar nicht in das Gespräch eingebracht hast. Du hast einfach dagesessen und vor dich hin gestarrt. So kenne ich dich gar nicht. Sonst lässt du mich nie einfach schalten und walten.«

»Du hast doch alles super geregelt«, fing Theresa an sich zu rechtfertigen und merkte im selben Moment, dass ihre Antwort trotziger klang als beabsichtigt. Ertappt räusperte sie sich und wandte erneut den Blick ab.

Aber natürlich ließ Anna nicht locker: »Mittlerweile kenne ich dich gut genug, um zu wissen, was dein seltsames Verhalten zu bedeuten hat.«

»Und was hat es zu bedeuten? Genau, rein gar nichts.« Theresa zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Wie gesagt, ich bin einfach nur müde.«

»Rein gar nichts sieht in meinen Augen anders aus.« Obwohl sie Anna nicht ansah, konnte Theresa deren breites Grinsen hören. »Attraktiv, die Kleine, da will ich dir sicher nicht widersprechen.«

»Anna, jetzt hör aber auf. Ich bin wirklich durch für heute. Und ja, dass du sie mehr als attraktiv fandst, hat dein roter Kopf leider schon verraten, als sie zur Tür hereinkam.«

»Roter Kopf, das hättest du wohl gern«, feixte Anna zurück. »Sollen wir uns jetzt wegen einer Frau streiten? Das wäre mal was ganz Neues.«

»Ich streite mich nicht«, erwiderte Theresa und blieb ruckartig stehen. »Du unterstellst mir hier Dinge, die weit hergeholt sind.«

»Du findest sie also nicht attraktiv?«

»Nein!«

»Na gut, ich schon«, antwortete Anna und lief lachend weiter.

So sehr sie Anna mochte – manchmal hätte Theresa sie am liebsten geschüttelt. Und genau das hier war einer dieser Schüttelmomente.

Sie war müde, sie konnte die Augen kaum mehr offen halten, und doch wollte der erlösende Schlaf sich einfach nicht einstellen. Unruhig lag Theresa neben Anna, die bereits nach wenigen Minuten eingeschlafen war und jetzt tief und gleichmäßig atmete, bis obenhin in die Decke eingewickelt. Am liebsten wäre sie wieder aufgestanden, denn sie konnte einfach nicht still daliegen. Doch das würde sie genauso wenig weiterbringen. Was hätte sie auch machen sollen, jetzt um diese Uhrzeit? In der Dunkelheit durch eine fremde Stadt laufen? Nein, das mit Sicherheit nicht. Ihr blieb wohl nichts anderes übrig, als weiter Löcher in die Luft zu starren.

Schließlich knipste Theresa das kleine Nachttischlämpchen an und vergewisserte sich, dass sie Anna damit nicht geweckt hatte. Dann griff sie neben sich auf das Nachtkästchen, wo ihr kleines, schwarzes Buch lag. Ihr Reisetagebuch. Seine Seiten waren noch unbeschrieben.

Der Stift ruhte in ihrer Hand, minutenlang, ohne dass sie ihn ein einziges Mal über das Blatt bewegt hatte.

Ihre Gedanken kreisten. Doch weniger um die vergangenen Stunden ihrer Reise, die sie eigentlich festhalten wollte. Vielmehr waren es die Erinnerungen an zu Hause, die sie einholten. Erinnerungen an die letzten schweren Monate, die ihr jegliche Kraft entzogen hatten und in denen sie dennoch immer stark geblieben war.

Sie hatte so sehr gehofft, in Neuseeland alles hinter sich lassen und eine neue Tür öffnen zu können, hinter der neue, schöne Erlebnisse sie die schwarzen Tage vergessen lassen könnten. Sie hatte gehofft, neu anfangen zu können.

Doch die Hoffnung war wohl vergebens. Wirklich vergessen können hatte sie in den letzten Stunden nur für einen klitzekleinen Augenblick. Ein Augenblick, in dem ihre Gedanken zur Ruhe gekommen waren und sie sich treiben lassen konnte, auch wenn das für Anna nicht den Anschein gemacht hatte.

Mit Amiri war das gewesen. Als sie sie beobachtet, ihrer Stimme gelauscht hatte. Amiris unbeschwerte Art hatte sie gefangen genommen, hatte sie aus ihrer Melancholie herausgerissen, die sie trotz aller Euphorie immer still im Herzen mit sich trug.

Ausnahmsweise waren es diese Nacht also nicht nur die Sorgen und Ängste, sondern fast noch mehr die Vorfreude auf den nächsten Tag, die Theresa kein Auge zutun ließ.

Und dennoch. Ihr Körper fühlte sich an wie eine leere Hülle, die erst langsam wieder mit Leben gefüllt werden musste, Stück für Stück. Sie musste die schlimmen Erinnerungen erst abstreifen und hinter sich lassen, doch das erforderte Zeit.

Erst als vor einer Woche endlich die befreiende Nachricht eingetroffen war, dass alles gut werden würde, hatte Theresa gemerkt, wie ausgelaugt und entkräftet sie selbst war. Ihr Lächeln, ihr offenes Strahlen, das ihre Familie und Freunde so an ihr liebten, hatte sie in all der Zeit zusehends verloren – und es war ihr selbst nie aufgefallen. Ihr eigenes Leben war in all den Monaten ein gewagter Spagat zwischen dem Restaurant ihrer Eltern, der Arbeit in ihrem eigenen Café und dem kalten Krankenhaus gewesen. Ein wahrer Balanceakt. Durchatmen, zur Ruhe kommen, das war nur sehr selten und zuletzt gar nicht mehr möglich gewesen.

Theresa lehnte sich zurück und sah zum Fenster hinaus. Sie konnte ein Stück des Sternenhimmels erkennen, der wie eine Decke über der kleinen Stadt lag.

Wie oft hatte sie sich gewünscht, schwerelos zu sein, um einfach davonzuschweben. Um ganz leise und unbemerkt dem Gefühlssumpf zu entfliehen. Oft hatte sie nicht einmal die Kraft gehabt zu weinen, hatte sich nur immer mehr zurückgezogen und war immer stiller geworden, bis Anna diesem Trauerspiel nicht mehr tatenlos zusehen konnte. Sie hatte sich an das Reisemagazin gewandt, für das sie schon so oft zusammen unterwegs gewesen waren, und den Stein für diese Reise ins Rollen gebracht. Und das, obwohl Anna nach der Trennung von Luisa, mit der sie immerhin drei Jahre zusammen gewesen war, selbst schwer an ihrem Kummer zu knabbern hatte.

Hier waren sie nun also: zwei emotionale Wracks am anderen Ende der Welt, die sich erst von Vergangenem freistrampeln mussten, um Freiheit zu finden auf der Suche nach einem neuen, richtungsweisenden Weg. Jede auf ihre ganz eigene Art.

5

Theresa wusste nicht, wann sie schließlich eingeschlafen war. Als sie in den frühen Morgenstunden erwachte, lag ihr Reisetagebuch offen und nur spärlich gefüllt neben ihr auf dem Kissen, und das kleine Licht am Nachttisch brannte seit Stunden fröhlich vor sich hin.

Etwas orientierungslos sah sich Theresa im Zimmer um. Von Anna war noch nicht mehr zu hören als ein leises Schnarchen unter ihrem Deckenberg. Theresas Augen brannten, als sie hinaus in den Sonnenaufgang sah. Nur langsam legte sich die Schwere der Nacht. Mit Anbruch des neuen Tages wich das beklemmende Gefühl, das sie die halbe Nacht fest im Griff gehabt hatte und sie keinen Schlaf hatte finden lassen. Doch jetzt konnte sie allmählich wieder frei atmen.

Sie schwang ein Bein aus dem Bett, dann das andere, streckte sich genüsslich und trat dann ans Fenster, um es zu öffnen. Frische Luft strömte ins Zimmer. Sie konnte das Meer riechen. Ein lang vermisstes Glücksgefühl durchfloss sie.

Noch war es ruhig in den Straßen. In wenigen Stunden, sobald die ersten Touristenscharen genau wie Anna und Theresa zu den Katamaranen strömen würden, um hinaus aufs Meer zu den Walen zu fahren, würde sich das ändern. Doch für diesen Moment genoss Theresa die friedliche Stille, die nur vom Gezwitscher der Vögel durchbrochen wurde. Dieser Moment gehörte nur ihr.

Sie setzte sich auf die breite Fensterbank und ließ den Blick über die Stadt schweifen. Dann legte sie den Kopf in den Nacken, sah hinauf in das Tiefblau des Himmels und atmete tief ein.

Ein traumhafter Ort, um den Tag zu beginnen. Ja, ein traumhafter Ort, um endlich loszulassen.

»Mal wieder eine schlaflose Nacht?« Anna musterte Theresa besorgt, als sie ihre schweren Taschen mit der Kameraausrüstung von den Schultern gleiten ließ. »Ich dachte, es wäre alles in Ordnung?«

»Das mit dem Abschalten klappt wohl noch nicht so ganz, wie ich mir das wünsche«, antwortete Theresa schulterzuckend und sah zu den Bootsanlegestellen hinüber, von wo aus sie zusammen mit Amiri und vielen anderen starten würden. »Dauert wohl noch etwas, bis ich wieder ruhig schlafen kann.«

»Du hättest mich doch jederzeit wecken können.«

»Schon okay, Anna. Es ist gut, wenn wenigstens eine von uns schlafen kann.« Theresa lächelte. »Ich komm schon klar. Ich brauche wohl einfach noch etwas Zeit, bis ich realisiert habe, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss. Außerdem geht es dir momentan auch nicht so besonders.«

Anna machte eine fahrige Handbewegung und wehrte ab: »Ach, mir geht’s gut. Ich kann nicht ändern, was nicht zu ändern ist, das habe ich viel zu lange versucht. Das Thema ist durch.« Dann erhellte sich ihre Miene von einer Sekunde zur anderen, und sie begann zu strahlen. Theresa musste sich gar nicht erst umdrehen, um zu wissen, wer sich ihnen gerade näherte.

Dieser Gedanke ließ jedoch auch ihr Herz einen Takt schneller schlagen. Als sie sich schließlich doch umwandte, um Amiri zu begrüßen, traf sie deren Lächeln mit voller Wucht mitten ins Herz. So unerwartet, so heftig, dass ihr der Atem stockte. Was passierte hier plötzlich?

Das konnte doch nicht sein. Ihr Körper begann verrückt zu spielen, sobald sie Amiri in die Augen sah. Sie wurde nervös, wenn Amiri sie nur anlächelte . . . Hatten sie die letzten Wochen wirklich so durcheinandergebracht, dass das Lächeln einer Fremden sie so aus dem Konzept bringen konnte? Anscheinend konnte sie nicht einmal mehr mit dem kleinsten Funken Fröhlichkeit und Freundlichkeit umgehen, ohne vollkommen durchzudrehen.

Während Anna Amiri umarmte, versuchte Theresa ihren Atem zu kontrollieren. Es gelang ihr nur mit Mühe. Ihr Herzschlag galoppierte ihr nach wie vor davon.

Sie durfte die Situation nicht überbewerten. Sie musste einfach von neuem lernen, sich fallenzulassen und alles entspannter zu sehen. Ihre Nerven waren, was Gefühle betraf, wohl vollkommen überreizt. Zu viele Emotionen hatte sie in den letzten Monaten kontrollieren müssen.

Ja, sie musste einfach wieder leben! Leben, wie sie es vor den schwarzen Monaten getan hatte: nicht völlig sorglos, aber ruhig und sicher, mit dem Wissen, wohin sie gehörte und wer sie war. Sie musste nur wieder den richtigen Weg dorthin finden. Dann würde sie so schnell nichts mehr aus dem Tritt bringen können.

Als Anna Amiri wieder aus ihrer Umarmung entließ – Theresa hatte das Gefühl, sie habe Amiri länger im Arm gehalten als nötig, doch den Gedanken verbot sie sich umgehend –, ging auch Theresa auf sie zu und nahm sie kurz in den Arm. »Hi, Amiri. Schön, dich wiederzusehen.«

»Schön, dass ihr hier seid! Das wird eine tolle Fahrt!« Amiri sprühte wie bereits tags zuvor vor Energie und war sichtlich in ihrem Element, als sie Theresa und Anna das Prozedere des Tages erklärte und ihnen half, die schwere Ausrüstung durch den Check-in an Bord zu schleppen.

Anna strahlte wie ein kleines Kind, als sie direkt hinter Amiri an Bord kletterte, wo bereits Amiris Kollegen und weitere Touristen auf die Abfahrt warteten. Theresa folgte in einigem Abstand und beobachtete die Situation argwöhnisch. Sie wunderte sich selbst ein wenig über dieses Misstrauen, das sie plötzlich empfand. Doch sie konnte es auch nicht einfach ignorieren.

Amiri begrüßte die Gäste: »Wir bringen euch heute etwa fünf Kilometer raus aufs Meer. Das Wetter ist perfekt, ich hoffe, eure Stimmung ebenso. Und mit etwas Glück können wir heute nicht nur Wale, sondern auch Delphine bewundern.« Dann half sie mit, den Katamaran loszumachen.

Theresa notierte sich schnell die wichtigsten Informationen, die ihnen Amiri im Vorfeld gegeben hatte, in ihrem Reisetagebuch. Und Anna begann bereits damit, die ersten Bilder des Tages zu schießen, noch ehe der Katamaran abgelegt hatte. Theresa fiel auf, dass sie dabei immer wieder ihr Objektiv auf Amiri richtete. Typisch Anna . . . Theresa konnte nur den Kopf schütteln.

Sie stellte sich an die Reling und blickte übers Meer in die Ferne, nicht sicher, ob sie über Annas Flirtlaune schmunzeln oder sich ärgern sollte.

Noch immer fiel es ihr schwer, rund um die Uhr Leben um sich zu haben. Das spürte sie in diesem Moment allzu deutlich. Immer wieder überkam sie das Bedürfnis, sich zurückzuziehen. Sie wollte einfach nur allein sein. Weit weg von diesem ganzen Trubel. Doch hier auf diesem kleinen Boot voller Touristen wäre das nur durch einen Sprung ins Wasser möglich gewesen, was wohl weniger ratsam gewesen wäre.

Theresa beobachtete noch eine Weile die kleinen Wellen, die das Meer überzogen. Dann setzte sie sich in eine freie Ecke und setzte eifrig ihre Notizen fort. Je konzentrierter sie sich in ihre Aufzeichnungen vertiefte, desto geringer war die Gefahr, in ein Gespräch verwickelt zu werden. Dabei bekam sie kaum mit, dass Amiri sich leise neben sie setzte.

»Du wirkst traurig.« Völlig unvermittelt riss Amiris Stimme Theresa aus ihren Gedanken. Sie hob den Kopf und sah Amiri an, verwirrt und etwas überrumpelt.

»Was? Oh, nein, nein, ich bin einfach nur müde«, wehrte sie ab, als sie ihre Sprache wiedergefunden hatte. »Der Jetlag macht mir mehr Probleme als mir lieb ist.« Sie bemühte sich um ein kleines Lächeln, um jegliche Zweifel aus dem Weg zu räumen. »Dieser ewig lange Flug fordert einem doch einiges ab.«

»Ich meinte eigentlich den Ausdruck in deinen Augen. Diese tiefe Traurigkeit«, erwiderte Amiri leise, so dass niemand sonst etwas davon mitbekam. Dabei sah sie Theresa so tief in die Augen, dass diese sofort den Blick senkte. Die Intensität dieser dunkelbraunen Iris ging ihr durch und durch.

»Ich . . . ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll«, seufzte sie. Sie wollte nicht reden. Nicht darüber und vor allem nicht hier. »Es ist alles in Ordnung, wirklich.«

Amiri schien Theresas Widerwillen zu spüren. Sachte legte sie ihr die Hand aufs Knie, für einen Moment nur. Doch die kurze Berührung löste einen Stromschlag aus, der Theresa in alle Glieder fuhr.

Sanft sagte Amiri: »Ich weiß, ich bin eine völlig Fremde und eigentlich nur dafür da, euch beide auf dieser Tour zu begleiten wie abgesprochen. Aber nachdem wir uns ja gestern Abend schon etwas kennenlernen durften . . . Ich wollte nur wissen, ob es dir gutgeht.«

Theresa umklammerte ihr Reisetagebuch und kämpfte gegen die Erinnerungen und die Traurigkeit an. Nein, sie wollte sich jetzt nicht davon übermannen lassen. Sie war hier, um dieses Land zu genießen.

Und was hätte sie Amiri auch groß sagen sollen? Amiri kannte sie nicht, und dieser Ausflug würde daran auch nichts ändern, zumal sie am nächsten Tag bereits wieder getrennte Wege gehen würden. Was hätte es also gebracht, Amiri ihr Herz auszuschütten, ihr all die komplexen Probleme zu erklären – nur um sie dann nie wiederzusehen? Theresa schwieg und mied dabei Amiris Blick.

»Wenn du willst«, hörte sie Amiris leise Stimme, »zeige ich dir heute Abend einen wunderschönen Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann. Also nur, wenn du willst. Ich fahre sehr gern dorthin, um Kraft zu tanken. Du sollst dich natürlich nicht dazu gezwungen fühlen – ich denke nur, es könnte dir guttun.«

Dieses Feingefühl hätte Theresas innere Mauern um ein Haar brechen lassen. Wenn sie jetzt etwas gesagt hätte, wäre es um ihre Selbstbeherrschung geschehen. Also nickte sie nur zaghaft. Wie sehr sehnte sie sich nach Ruhe. Da konnte eine kleine Auszeit nicht falsch sein.

Amiri nickte ebenfalls. »Tut mir leid«, sagte sie, »wenn ich zu direkt war. Ich wollte dir nicht zu nahe treten . . . Dann lasse ich dich jetzt besser allein.« Sie stand auf, drehte sich noch einmal um und lächelte aufmunternd, ehe sie zu den anderen Gästen ging.

Theresa blieb sitzen. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Sie hatte nicht gedacht, dass ihr der Ballast, den sie mit sich trug und nicht abschütteln konnte, so deutlich anzumerken war. Sie hatte sich doch alle Mühe gegeben, keine Schwäche nach außen zu zeigen . . . Doch Amiri schien eine besondere Sensibilität zu besitzen und ihre Melancholie zu spüren.

Warum sonst sollte sie eine völlig Fremde, die sie am nächsten Tag bereits hinter sich lassen würde, so offen darauf ansprechen und so genau spüren, dass irgendetwas nicht stimmte?

6

»Das war der absolute Wahnsinn. Das war einfach nur . . . wow . . . Ich bin immer noch total durch den Wind«, strahlte Anna und schüttelte den Kopf, als könne sie nicht glauben, was sie heute gesehen und erlebt hatte.

»Schon ein überwältigendes Gefühl, wenn man diesen Tieren so nahe kommen kann«, stimmte Theresa lächelnd zu, selbst noch ganz erfüllt von den Eindrücken des Tages. Sie blickte noch einmal zurück zum Anlegesteg und dem Katamaran, den sie vor wenigen Minuten verlassen hatten. »Das ist etwas ganz Besonderes. Es wird schwierig werden, das für meine Reportage in Worte zu fassen.«

Anna sah sie prüfend an. »Aber so richtig begeistert scheinst du nicht zu sein?«

»Doch, klar«, erwiderte Theresa schnell. »Ich muss das nur alles erst einmal verarbeiten. So etwas erlebt man nicht alle Tage.«

»Und wir beiden Glückspilze bekommen auch noch Geld dafür, dass wir hier sein dürfen.« Anna lachte, legte einen Arm um Theresa und wuschelte ihr einmal kräftig durch ihren Lockenkopf. »Was für ein Traumjob!«

Theresa wand sich blitzschnell aus Annas Griff. Deren Begeisterung war ihr in diesem Moment fast zu viel. »Du kannst ja wirklich gar nicht mehr aufhören zu strahlen«, bemerkte sie.

»Nee, wieso sollte ich auch?« Anna grinste und blieb dann plötzlich stehen. »Ach ja, Amiris Bruder Paora hat uns beide für heute Abend zu sich und seiner Familie nach Hause eingeladen. Das war der, der auf dem Boot den Vortrag über das Sozialverhalten der Wale gehalten hat. Er will für uns kochen und uns einiges über die Maori-Kultur erzählen. Na, was sagst du?«

»Ja, ich habe schon gesehen, dass ihr euch sehr gut unterhalten habt«, meinte Theresa, dann hielt sie inne. »Heute Abend, sagst du?«

»So ab sieben Uhr, ja. Damit wir vorher noch genügend Zeit haben, um uns ausführlich im Ort umzusehen.«

»Ich, also – eigentlich . . .«

»Was eigentlich, Theresa?« Anna sah sie skeptisch an.

Mit gesenktem Blick gab Theresa zu: »Eigentlich wollte ich heute Abend allein sein. Ich hab das Gefühl, ich muss einfach mal zur Ruhe kommen, und das kann ich sicher nicht, wenn ich inmitten vieler Menschen sitzen und fröhlich sein muss, auch wenn mir gerade nicht nach Fröhlichsein ist. Ich muss hier erst einmal richtig ankommen und mich ordnen, damit ich diese vier Wochen auch wirklich in vollen Zügen genießen kann.« Sie hob die Augen wieder.

Anna sah enttäuscht aus. »Und wenn du dir morgen etwas Zeit für dich nimmst?«, schlug sie vor. »Das Essen wird bestimmt lustig und interessant, und du kannst sicher vieles von dem, was Paora erzählt, in die Reportage aufnehmen. Und Amiri wird sicher auch vorbeikommen – sie meinte zumindest, sie versucht es. Vielleicht lenkt dich das Ganze etwas ab? Und wenn du dann noch Zeit für dich brauchst, dann nimm sie dir einfach morgen, und wir fahren ein bisschen später von hier weg.«