In den Gassen der Stadt - Jenny Green - E-Book

In den Gassen der Stadt E-Book

Jenny Green

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Beschreibung

Astrid ist von langer Krankheit genesen, aber sie hat das Wichtigste verloren: ihre große Liebe Lotta, die Astrids Zurückweisung nicht mehr ertragen konnte. Zuvor waren sie lange Jahre ein glückliches Paar, bis Astrid krank wurde und Lotta in ihrer Verzweiflung immer wieder von sich stieß. Astrid braucht einige Zeit, bis sie erkennt, dass nicht Lotta die Schuldige ist, aber sie kann sich noch nicht wieder auf Nähe einlassen. Dadurch fühlt Lotta sich erneut zurückgestoßen, und eine gemeinsame Zukunft scheint in weite Ferne gerückt. Nach einigen turbulenten Ereignissen und Umwegen über Stockholm und Italien zeigt sich jedoch ein Silberstreif am Horizont ...

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Jenny Green

IN DEN GASSEN DER STADT

Roman

© 2015édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-120-9

Coverfoto: © Ramona Ortiz – Fotolia.com

1

»Frau Demel, haben Sie gehört, was ich gesagt habe? Frau Demel?«

Astrid starrte regungslos auf den akkurat aufgeräumten Tisch vor ihr. Nur kurz tangierte ihr Blick die blauen Augen des Mannes, der ihr gegenübersaß und sie eingehend ansah. Dann griff sie plötzlich wie von der Tarantel gestochen nach ihrer Tasche, schob den Stuhl energisch nach hinten, stolperte dabei fast über ihre eigenen Beine und eilte zur Tür, ohne sich noch einmal umzusehen.

»Frau Demel! Wo wollen Sie hin?«, klang es hinter ihr, als sie bereits auf dem Flur angekommen war und in Richtung Ausgang stürmte.

Frische Luft.

Frische Luft war alles, woran Astrid denken konnte und wonach sie japste. Sie musste hier raus. Keine einzige Minute konnte sie länger in diesem Gebäude bleiben.

Ihre Schritte beschleunigten sich noch mehr, sie rannte vorbei an ratlos wirkenden Arzthelferinnen, die ihr fragend und irritiert nachsahen. Mit einem Ruck schwang sie dann die große Eingangstür auf und trat in das gleißende Licht der Spätsommersonne, die in ihren Augen brannte. Sie zwinkerte ein paarmal heftig, bevor sie weiterstürmte.

Atemlos ließ sie sich auf einer Bank vor dem Klinikeingang nieder. Aufgebracht, die Tränen nur mühevoll zurückhaltend, fuhr sie sich über die raspelkurzen Haare. Wie viel Schmerz diese flüchtige Berührung ans Tageslicht beförderte. Hastig kramte sie nach einem Taschentuch und trocknete die kleinen Tränen, die jetzt doch hervorquollen. Dann, als sie wieder etwas klarer sehen konnte, blickte sie sich um.

Hatte sie die bunten Farben des ausklingenden Sommers schon immer so intensiv wahrgenommen? Das leuchtende, satte Grün der Blätter flimmerte vor dem Blau des Himmels. Und die gelben Tupfer auf den Wiesen erstrahlten in den schönsten Tönen.

Astrid atmete tief ein und ließ sich fallen in das Sommerbett, das sich um sie herum aufzubauen schien.

Und dann konnte sie nicht anders. Erst leise, dann immer lauter und heftiger wurde sie von einem Lachen geschüttelt, mit dem die ganze bleierne Last von ihr abzufallen schien, die seit zwei Jahren auf ihren Schultern ruhte. Ihr dünner, von der Krankheit gezeichneter Körper bebte, doch das Lachen sprudelte immer lauter aus ihr hervor mit einer Energie, von der sie gar nicht geglaubt hatte, dass sie noch in ihr schlummerte.

Erst in diesem Augenblick begann sie allmählich die Worte ihres Arztes zu realisieren, die vorhin in seinem Behandlungszimmer wie durch eine dicke Nebelsuppe noch nicht richtig greifbar gewesen waren. Worte, die ihr in den zwei Jahren zuvor so oft verwehrt worden waren und kaum erreichbar schienen. Manchmal hatte sie gar nicht mehr daran geglaubt, sie überhaupt zu hören.

Ja, manchmal hatte sie kapituliert. Der harte Kampf hatte ihr alle Kraft geraubt und mit ihr den letzten Funken Hoffnung auf eine Kehrtwende im Leben. Sie hatte sich aufgegeben, war zu müde, um all das noch zu ertragen.

Astrid schüttelte den Kopf. Noch immer konnte sie es kaum glauben. Da eilte Frau Heckl, eine der Arzthelferinnen, auf sie zu.

»Frau Demel, geht es Ihnen gut? Sie waren vorhin so schnell weg. Der Doktor hat sich schon Sorgen gemacht.«

Astrid nickte und konnte nicht verhindern, dass das Lachen schon wieder aus ihr herausbrach. Tränen, dieses Mal Tränen unsäglichen Glückes, schossen ihr in die Augen.

»Soll ich Ihnen ein Wasser bringen? Oder brauchen Sie ein Taxi?« Frau Heckl stand etwas hilflos neben Astrid und legte ihr behutsam die Hand auf die bebende Schulter.

Astrid nahm einen tiefen Atemzug, um sich zu beruhigen, dann stand sie auf. »Nein, schon gut. Es ist nur . . . ich kann es gerade selbst nicht fassen.«

Frau Heckl nickte verständnisvoll und lächelte. »Das sind wirklich sehr, sehr gute Nachrichten. Versprechen Sie mir aber, sich weiter zu schonen. Und rufen Sie an, wenn Sie irgendetwas brauchen.«

In diesem Moment wollte Astrid nur noch weg. »Versprochen, aber jetzt muss ich los«, antwortete sie hastig, lächelte Frau Heckl an und machte kehrt, um schnellstmöglich Abstand zu gewinnen. Abstand zu jenem Ort, an dem die schlimmste Odyssee ihres Lebens angefangen hatte.

Schluchzend hatte Emma die Arme um Astrid gelegt und hielt sie so fest, dass sie sie beinahe erdrückte. Aber Astrid genoss diesen Moment. Ein Augenblick der Ruhe, in dem sich ihre Gedanken langsam entwirrten. Erst nach einer Weile ließ Emma sie los und wischte ihr sanft die Tränen von der Wange.

»Ein schöneres Geschenk hättest du mir gar nicht machen können«, seufzte sie, und dann lächelte sie. »Bitte, sag es noch mal. Ganz langsam und deutlich, damit ich sicher sein kann, dass ich alles auch wirklich verstanden habe.«

Astrid zog Emma an den kleinen Küchentisch und setze sich ihr gegenüber. Dann griff sie nach Emmas Händen und drückte sie. »Dieser Scheiß-Krebs ist weg. Ich hab’s geschafft. Er hat mich nicht kleinbekommen. Jede noch so kleine Krebszelle ist weg!«

Es auszusprechen erschien Astrid immer noch so unwirklich. Die Krankheit tatsächlich besiegt zu haben, fühlte sich immer noch an wie ein Traum. Ein wunderschöner Traum. Und doch blieb die Angst, dass dieser Traum schneller platzen könnte, als ihr lieb war. Schon zu oft hatte sie sich Hoffnungen gemacht, die stets auf die bitterste Art und Weise zerstört worden waren. Und jetzt sollte alles anders sein? Astrid wünschte sich nichts mehr, als dass dieser Traum endlich Realität war, aber wirklich daran zu glauben wagte sie noch nicht.

»Du hast es geschafft. Ab jetzt geht es nur noch bergauf!« Emma klangt optimistisch. Doch Astrid konnte auch in ihren Augen Angst sehen.

In all der schrecklichen Zeit hatte Emma immer an ihrer Seite gestanden. Auch in den schlimmsten Momenten, in denen sich Astrid bereits aufgegeben, Emma aber dafür umso mehr gekämpft hatte. Ohne ihre beste Freundin, das wusste Astrid, hätte sie diese Zeit nicht gemeistert.

Sie musste die aufkeimende Traurigkeit mit aller Macht unterdrücken. Vieles hatte darauf hingedeutet, dass diese Geschichte ein anderes Ende nehmen würde. Nur selten hatte Astrid gewagt, sich einen Moment wie diesen hier vorzustellen. Einen Moment, in dem plötzlich alles hinter ihr lag und vor ihr . . . Ja, was lag eigentlich vor ihr? Das Wort Zukunft war ein einziger schwarzer Fleck in ihrem Kopf.

Der Krebs hatte ihr alles geraubt. Nicht nur jegliche Kraft und Lebensfreude, sondern auch ihre eigentlich frohe Art, viele Freunde und ihre Beziehung. Ihr Leben war ein Scherbenhaufen. Der einzige Lichtblick war, dass sie überhaupt am Leben war – und Emma, die ihre Gedanken zu lesen schien.

»Du musst das alles erst einmal verdauen«, sagte sie. »Über alles andere solltest du dir erst einmal keine Gedanken machen.« Sie schob Astrid eine Tasse Tee über den Tisch zu. »Willst du heute Nacht vielleicht hierbleiben? Ich will dich in diesem aufgewühlten Zustand ungern nach Hause gehen lassen.«

»Was würde ich nur ohne dich machen«, seufzte Astrid.

Emma zwinkerte ihr zu. »Ohne mich wäre dein Leben weitaus langweiliger.« Astrid war ihr dankbar für den Versuch, die Stimmung etwas aufzuheitern, doch sie war zusehends wieder in ihren eigenen Gedanken gefangen. Unaufhörlich kreisten sie in ihrem Kopf und ließen sie immer wieder an dem heute Geschehenen zweifeln.

»Willst du sie nicht anrufen?«, fragte Emma unvermittelt.

»Wen will ich anrufen?«

»Lotta.«

Astrid sah sie ungläubig an. »Das fragst du mich jetzt nicht wirklich?«

»Hat sie kein Recht darauf, es zu erfahren?«, wandte Emma vorsichtig ein. »Sie macht sich doch auch Sorgen.«

»Sie macht sich Sorgen? Das habe ich gemerkt. So viele Sorgen, dass sie es kaum erwarten konnte, sich zu verdrücken.« Astrids Atem ging schwer. Warum musste Emma gerade jetzt mit Lotta anfangen?

»Entschuldigung, ich dachte nur . . .«

»Du dachtest was?«, fuhr Astrid sie an – schärfer als beabsichtigt.

Emma hob nur beschwichtigend die Hände, rückte ihren Stuhl nach hinten und stand auf. »Vergiss einfach, was ich gerade gesagt habe.« Dann drehte sie sich um und verließ die Küche.

Astrid sah ihr nach. Das Blut pulsierte in ihren Adern, doch sie war zu müde, zu ausgelaugt, um jegliche Art von Wut oder Enttäuschung zuzulassen. Sie wollte einfach nur die Augen schließen. Und ganz sicher wollte sie jetzt nicht an Lotta denken und an all das, was zwischen ihnen passiert war. Hatte ihr das Leben nicht übel genug mitgespielt? Konnte sie diesen Teil nicht einfach herausschneiden?

Ein einziger sauberer Schnitt, und das wär’s. Als hätte es die letzten Jahre nie gegeben.

2

Schweißgebadet wachte Astrid auf. Hektisch sah sie sich um, doch der Schleier auf ihren Augen raubte ihr jegliche Orientierung.

Panik stieg in ihr auf. Ihre Hände tasteten über die zerknüllte Decke, die halb auf ihr und halb auf dem Boden lag. Ihr Atem ging schnell, immer wieder blinzelte sie. Nur langsam wurde ihr Blick klarer. Die Angst saß in jeder Faser ihres Körpers und drohte sie zu ersticken.

Ein eiskalter Windhauch zog durch das Zimmer, in dem sie lag. Dann erkannte sie undeutlich ein felliges Etwas, dass langsam durch den Raum auf sie zu schlurfte. Als die kalte, feuchte Nase sie anstupste und sie ein leises Winseln hörte, beruhigte sich Astrids Atem.

Während sie Emmas Hündin Josy sanft das Ohr kraulte, versuchte Astrid ihre Gedanken zu ordnen.

Die ganze Nacht war sie orientierungslos durch sterile, menschenleere Krankenhausgänge geirrt, immer auf der Suche nach dem Ausgang. Doch es war, als sei sie gefangen gewesen in diesen Gängen, die sie in den letzten Jahren viel zu oft gesehen und von denen sie oft gedacht hatte, sie würde sie nie mehr verlassen können.

»Astrid, ist alles in Ordnung?«

Astrid hatte Emma nicht kommen hören, doch plötzlich kniete sie neben ihr und legte ihr die Hand auf die Stirn. »Du glühst ja richtig.«

»Dieser Traum . . .«, flüsterte Astrid, doch weiter kam sie nicht. Jedes Wort kostete sie Kraft.

Beruhigend strich ihr Emma über das Gesicht. Dann stand sie auf, eilte in die Küche und kam wenig später mit einem kühlen Tuch zurück, das sie ihr auf die Stirn legte. »Der Tag gestern war anstrengend. Kein Wunder, dass du heute so schwach bist.«

»Aber –«, setzte Astrid erneut an, doch Emma schüttelte den Kopf.

»Nichts aber«, erwiderte sie, »du bleibst jetzt erst einmal liegen und lässt mich machen.«

Zaghaft nickte Astrid, ehe sie die Augen schloss und kurz darauf wieder einschlief.

Das Klirren von Gläsern ließ sie wenig später jedoch wieder hochschrecken. Jedenfalls hatte Astrid das Gefühl, nur noch einmal kurz eingenickt zu sein. Sie rieb sich die Augen, sah blinzelnd zur großen Wanduhr und stellte fest, dass sie in Wahrheit den halben Tag verschlafen hatte.

Mit einem Lächeln auf den Lippen und einem vollbeladenen Frühstückstablett in den Händen kam Emma ins Wohnzimmer und stellte das Tablett vor Astrid auf dem Couchtisch ab. Dann trat sie ein paar Schritte näher und legte erneut ihre Hand auf Astrids Stirn. »Viel besser«, stellte sie zufrieden fest und ließ sich auf das andere Ende des Sofas fallen, auf dem Astrid lag.

Noch etwas mühsam richtete sich Astrid auf und sah Emma entschuldigend an. »Tut mir leid, dass ich gestern so aus der Haut gefahren bin.«

Emma zuckte mit den Schultern und lächelte schief. »Das geht ganz klar auf meine Kappe. Ich hätte gar nicht erst damit anfangen sollen. Lotta tat mir einfach nur so leid, als ich sie letztens getroffen habe.«

»Du hast sie getroffen?«

»Nur kurz. Quasi zwischen Konservendosen und Frischetheke, als ich mit Lisa einkaufen war.«

»Und?«

»Ich dachte, du willst nichts von ihr hören?«

»Jetzt hast du schon damit angefangen. Also, was hat sie gesagt?« Astrid sah Emma erwartungsvoll an, obwohl sie sich nicht sicher war, ob sie die Antwort wirklich hören wollte.

»Sie wollte wissen, wie es dir geht. Wirklich gut schien es ihr dabei nicht zu gehen. Ich glaube, du fehlst ihr«, sagte Emma und fügte hastig hinzu: »Aber das ist nur mein Eindruck.«

»Klar, wahrscheinlich drückt sie jetzt das schlechte Gewissen«, erwiderte Astrid patzig.

»Keine Ahnung. Auf mich wirkte es, als wäre es mehr als nur das schlechte Gewissen«, meinte Emma, »aber an deiner Stelle würde ich davon auch nichts wissen wollen.«

Astrid nickte zustimmend. »Wenn etwas in den letzten Wochen schmerzhafter war als der Krebs, dann die Tatsache, von der Person, die man am meisten brauchte, alleingelassen zu werden.« Sie schluckte, griff eilig nach ihrer Teetasse und spülte die aufkeimende Traurigkeit hinunter. Das war vorbei. Auch der Schmerz würde vorbeigehen.

Emma beugte sich zu ihr und legte ihr die Hand auf den Unterarm. »Kein Wort mehr über Lotta, versprochen! Jetzt geht es um dich. Du hast es dir verdient, nach vorn zu schauen.«

Der trockene Waldboden knirschte unter jedem Schritt, und das Rauschen der Blätter vollendete die Melodie, die vom Wind getragen durch die Lüfte zog.

Josy tapste wenige Meter vor Astrid von links nach rechts und zurück. Kurzentschlossen war sie mit dem Hund an den Stadtrand gefahren, in ein kleines Waldstück, um den Kopf freizubekommen. Seit Emma vor knapp einem Jahr Josy als kleinen Welpen bei sich aufgenommen hatte, war Astrid öfter mit ihr hier spazieren gegangen, sofern sie die Kraft dafür gefunden hatte.

Als sie den Weg entlangstapfte und sich umsah, hatte sie erneut das Gefühl, sämtliche Farben und Geräusche intensiver wahrzunehmen als all die Jahre zuvor. Oder war es einfach nur diese Stille, die so anders war als die Stille der Einsamkeit und des Wartens der letzten Zeit? Die Stille hier im Wald war frei von jeglicher Bedrohung und Angst. Sie ließ Astrid Raum, um in sich hineinzuhorchen.

Die Anspannung, die so lange ihr ständiger Begleiter gewesen war, hatte sich in den letzten Winkel ihres Körpers zurückgezogen. Doch gänzlich verschwunden war sie noch lange nicht.

Der Gedanke an einen derartigen Moment der Stille und der Freiheit hatte Astrid durch die schweren Monate und Jahre geholfen. Manchmal hatte sie sich diesen Augenblick ausgemalt und daran gedacht, wie viele Pläne sie für die Zukunft schmieden würde, wenn sie doch einfach nur weiterleben dürfte. Aber jetzt, da der Moment gekommen war, wollte sie gar keinen Gedanken an die Zukunft verschwenden. Denn würde sie es tun, würde auch die Angst zurückkehren, dass der Krebs sie wieder heimsuchen könnte.

Ihr Leben hatte sich komplett auf den Kopf gestellt. Nichts mehr war, wie es sein sollte. Und wenn Astrid ehrlich war, wusste sie nicht einmal mehr, wer sie selbst war. All ihre Kraft hatte sie in den Kampf gegen den Krebs gesteckt – und jetzt, da es nichts mehr zu kämpfen gab, schien alles, was sie ausmachte, verschwunden oder zumindest gut versteckt.

Astrid wusste, dass sie nicht ewig auf Emmas Sofa schlafen konnte. Dass sie schon bald nach Hause gehen müsste, zurück in ihre Wohnung, die mit so vielen düsteren Erinnerungen behaftet war. Und sie musste sich damit auseinandersetzen, wohin ihr Weg gehen sollte. Ja, sie musste an die Zukunft denken, zwangsläufig.

Sollte sie das Tee- und Schokoladenhaus wieder allein führen? Sollte sie Jonas, der als Partner eingestiegen war und ihr eine schwere Last von den Schultern genommen hatte, vor den Kopf stoßen? Die Vorstellung tat beinahe weh. Nicht nur die Tatsache, dass sie ihn dann bitten müsste zu gehen, sondern vor allem auch der Gedanke daran, die Leitung des Ladens wieder allein zu übernehmen und sich somit in einen Sumpf aus Arbeit begeben zu müssen, schien ihr unerträglich.

Erst jetzt begriff Astrid, wie sehr sie sich selbst in all den Jahren vergessen hatte. Ihr Job war ihr Leben, und ja, sie hatte ihn geliebt – doch jetzt schien dieses Leben nicht mehr ihres zu sein. Das Tee- und Schokoladengeschäft war ihr Leben, und um nichts in der Welt würde sie es aufgeben. Sie würde Jonas wohl bitten, zu bleiben, nicht nur für die Übergangszeit, sondern unbefristet. Das war die vernünftigste Idee. Auch wenn es ihr schwerfallen würde, Jonas dann auch seine eigenen Ideen umsetzen zu lassen.

Astrid legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf in den blauen Himmel. Musste sie sich darüber tatsächlich schon Gedanken machen?

Als Josy sie mit ihrer feuchten Schnauze anstupste und sie mit treuherzigen Rehaugen ansah, musste Astrid lächeln. Wichtig war nicht, was morgen war. Wichtig war, was in diesem Moment passierte.

3

Sie müssen mit Ihrer Vergangenheit Frieden schließen.

Astrid hatte es versucht. Sie hatte versucht, den Rat ihres Arztes anzunehmen und sich auf eine Therapie einzulassen, die ihr helfen sollte, auch seelisch wieder auf die Beine zu kommen. Und alles, was ihr davon geblieben war, war dieser eine Satz, der unaufhörlich in ihrem Kopf hämmerte.

Schon in dem Moment, als Astrid in das Behandlungszimmer getreten war und der Therapeut ihr entgegenkam, hatte sie gewusst, dass dies hier nicht ihr Weg sein würde. Eine einzige Sitzung lang hatte sie ausgeharrt, hatte die Stille ertragen, als der Therapeut ihr Raum zum Reden geben, sie selbst aber lieber schweigen wollte.

Eine einzige Sitzung, die sie trotz ihrer Bedenken nun hierher gebracht hatte, in dieses Café.

Astrid hob den Blick und sah in die blauen, aufmerksamen Augen ihr gegenüber, die schon seit einer Weile auf ihr ruhten. Wenn Lotta wüsste, dass ihre Nummer bereits kurz vor ihrem heutigen Zusammentreffen mit einem einzigen Klick aus Astrids Telefonbuch verschwunden war, würde sie sie dann immer noch so erwartungsvoll ansehen?

Immer wieder zuckten Lottas Mundwinkel, als wolle sie gleich etwas sagen, doch in Wirklichkeit saßen sie sich bereits eine halbe Stunde schweigend gegenüber. Und Astrid konnte nicht behaupten, dass es ihr Frieden brachte. Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her.

Sah so etwa abschließen aus? All der Schmerz, den ihr Lotta zugefügt hatte, kollidierte gewaltsam mit alten Gefühlen. Gefühle, die nach drei Jahren gemeinsamer Zeit einen faden Beigeschmack erhalten hatten. Nein, Friede war etwas anderes.

Astrid schaute nach draußen. Sie sah den bunten Regenschirmen dabei zu, wie sie durch den grauen Tag tanzten. Dann kramte sie nach ihrem Geldbeutel, legte das Geld für ihren Tee auf den Tisch und stand auf. Als sie das Café verließ, sah sie von draußen, wie Lotta immer noch an dem kleinen Tisch saß und abwesend in ihrer halbleeren Kaffeetasse rührte.

Schon an der nächsten Kreuzung hörte sie schnelle Schritte hinter sich, die durch die Pfützen auf dem Gehsteig platschten. Eine Hand ergriff ihren Oberarm und riss sie unsanft zur Seite. Mit Tränen in den Augen stand Lotta vor ihr. Ihre Finger drückten sich in Astrids Hände und hinderten sie daran, ihren Weg fortzusetzen.

»Was verlangst du von mir, Astrid?«, fragte Lotta leise. »Die Angst um dich hätte mich beinahe aufgefressen. Ich hätte es nicht ertragen, dich zu verlieren.«

Astrid stand wie erstarrt am Rande des Gehsteigs, während die Autos hinter ihrem Rücken vorbeirauschten und sie mitzureißen drohten. Oder vielleicht war es der Strudel aus Gefühlen, der sie mitriss. »Du hattest Angst? Was denkst du, was ich hatte?« Erstickt von dem überwältigenden Schmerz war ihre Stimme nur mehr ein leises Flüstern.

»Ich wollte dich nicht alleinlassen.« Lottas Tränen vermischten sich mit den Regentropfen, die unaufhörlich auf sie niederprasselten. »Du wolltest, dass ich abhaue. Ich wollte doch bei dir bleiben.«

»Ach was. Dir konnte es doch nicht schnell genug gehen. Ich war dir doch scheißegal!« Wütend riss Astrid sich los und stürzte über die Straße, als die Ampel gerade in diesem Moment auf grün schaltete.

Lotta schien ihr im ersten Moment folgen zu wollen, blieb aber dann resigniert stehen. Als sich Astrid noch einmal umdrehte, war sie verschwunden.

»Ich ertrage den Gestank der Stadt nicht mehr!« Mit Schwung pfefferte Astrid ihre Tasche in die Ecke.

Emma, die ihr gefolgt war und die schweren Einkaufstüten auf Astrids Küchentisch stellte, sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Was ist denn heute los mit dir?«

»Nichts ist los, rein gar nichts! Es ist alles in bester Ordnung.«

»Sicher. Und gleich kommt ein rosa Elefant durch das Fenster geflogen.«

Astrids Augen verengten sich. »Und du hast heute wohl einen Clown mit besonders schlechtem Geschmack gefrühstückt?«

Emma ignorierte Astrids Schimpftiraden und schob sich an ihr vorbei, um die Heizung aufzudrehen, den Vorhang zur Seite zu ziehen und Astrids Wohnung so wohnlich wie möglich zu machen. Sie war ziemlich gut darin, Astrids Launen an sich abprallen zu lassen und sie auf diese Weise schnell von ihren Wutanfällen zu kurieren. Aber heute wollte Astrid sich nicht kurieren lassen. Ihre Wut brauchte ein Ventil. Während Emma die Einkaufstüten auszupacken begann, stand sie immer noch schnaubend an die Küchenzeile gelehnt, die Hände in den Hosentaschen vergraben, und kaute kommentarlos auf der Unterlippe.

Emma zuckte mit den Schultern. »Von mir aus kannst du den ganzen Abend schmollen, oder du erzählst mir einfach, was los ist. Eine ganz einfache Rechnung und deine Entscheidung.« Sie schob Astrid ein Stück zur Seite, um freien Zugang zum Herd zu haben.

Astrid schüttelte den Kopf und schälte sich ungelenk aus ihrer Jacke. »Mir fällt hier die Decke auf den Kopf. Kannst du das nicht verstehen?«

»Das kann ich sogar ganz gut verstehen, aber daher rührt mit Sicherheit nicht deine schlechte Laune.« Ohne sich aus der Ruhe bringen zu lassen, begann Emma die bereitgelegten Zwiebeln zu schälen.

Mittlerweile hatte sich Astrid neben sie gestellt und stützte die Hände auf die Küchenablage. »Ich fühle mich einfach eingeengt, als würden die letzten Jahre schwer auf meiner Brust sitzen und mir den Atem rauben. Als müsste ich mein altes Leben abschütteln . . . verstehst du, was ich meine? Das hier erdrückt mich.«

Emma blickte sie kurz von der Seite an, dann nickte sie. »Natürlich. Das ist ja auch nicht verwunderlich, nach allem, was du durchgemacht hast. Ich kann mir gut vorstellen, dass du eine Luftveränderung brauchst. Ohne die ganzen schlechten Erinnerungen hier.«

Mit einem Seufzen stieß sich Astrid von der Küchenzeile ab und ging ein paar Schritte durch den Raum, ehe sie sich wieder zu Emma umdrehte und resignierend die Arme fallen ließ. Es hatte ja doch keinen Sinn, es ihrer besten Freundin zu verschweigen. »Ich habe mich mit Lotta getroffen.«

»Also doch!«, stellte Emma fest und legte das Messer beiseite, um sich ihr zuzuwenden. »Und?«

»Nichts und.«

»Jetzt erzähl schon. Wie ist es gelaufen?«

»Es gibt nichts zu erzählen. Wir haben uns angeschwiegen, eine geschlagene halbe Stunde. Sie hat mich einfach nur angesehen und nichts gesagt.«

»Und du?«

»Ich? Was soll ich denn sagen, ohne ihr noch einmal alles an den Kopf zu werfen, was sie mir angetan hat?«

»Hmm.« Emma presste die Lippen aufeinander und zuckte erneut mit den Schultern. »Und jetzt?«

»Als ich gegangen bin, ist sie mir nachgelaufen«, fuhr Astrid fort, ohne auf die Frage einzugehen.

»Also habt ihr doch geredet?«

»Nein, nicht wirklich. Ich wollte mir ihre Entschuldigungen nicht anhören. Von wegen, sie hatte Angst, mich zu verlieren. Wenn sie so viel Angst hatte, warum lässt sie mich dann allein? So hat sie mich doch genauso verloren. Das ergibt doch alles keinen Sinn.« Erschöpft ließ sich Astrid auf einen der Küchenstühle fallen und strich sich mit einer Hand durch die kurzen Haare.

Emma zog einen weiteren Stuhl zur Seite und setzte sich zu ihr. »Wer weiß, was Angst mit einem Menschen machen kann. Lotta war genauso überfordert mit der Situation wie du. Wie wir alle.«

»Ich hatte eine Scheißangst, Emma«, sagte Astrid gepresst. Es auszusprechen, schien die schrecklichen Momente wieder gegenwärtig werden zu lassen. »Ich hatte eine Scheißangst um mein Leben. Und genau dann lässt sie mich im Stich? Meinst du wirklich, mit einer einzigen Entschuldigung ist alles wieder gut?« Sie stützte den Kopf auf die Hände. Ein heftig pochender Schmerz bahnte sich seinen Weg.

»So habe ich das gar nicht gemeint.« Emma rückte näher an sie heran und nahm sie in den Arm. »Ich kann verstehen, dass dir das im Moment alles zu viel ist.«

»Ich muss raus hier. Ich will einfach nur noch weg«, flüsterte Astrid und legte den Kopf auf die kühle Tischplatte.

4

Lisa saß inmitten eines Berges an Schülerarbeiten, die kreuz und quer über den Tisch verteilt waren. Ein Chaos vor dem Herrn und doch in logischer Ordnung – zumindest für Lisa. Emma zog eine Augenbraue nach oben, als sie ihr eine Tasse Kaffee reichte. »Also, wenn ich so korrigieren müsste, wüsste ich schon bald nicht mehr, wo ich anfangen und aufhören sollte.«

Lisa machte eine fahrige Handbewegung. »Alles eine Frage der Organisation. Die Arbeiten dort oben sind korrigiert, die links im Eck muss ich noch mal anschauen, die vor mir sind noch zu korrigieren, und die Arbeiten in der Mitte rechts . . .«

»Schon gut, schon gut!« Emma hob abwehrend die Hand, um Lisas Redeschwall zu stoppen. Sie würde ja trotzdem nicht durchblicken.

Lisa legte den Stift zur Seite, lehnte sich zurück und sah Emma an. »Wie war es denn bei Astrid?«

»Sie ist ziemlich durch den Wind«, entgegnete Emma und hob die Schultern. »Verständlich.«

Lisa musterte sie eingehend. »Hat sie endlich mit Lotta gesprochen?«

Die Frage verursachte Emma Bauchschmerzen. Dieses Thema hatten sie schon so oft durchgekaut, ohne sich dabei je einig zu werden. Doch sie antwortete wahrheitsgemäß: »Sie haben sich getroffen, aber das Ganze hat sie nur noch mehr belastet.«

»Nur noch mehr belastet, mhm.« Lisa senkte den Blick wieder auf den Berg Arbeit vor ihr.

Emma seufzte. »Was soll ich ihr denn deiner Meinung nach raten, Lisa? Nach allem, was sie durchgemacht hat! Ich kann sie doch zu nichts drängen.«

»Und was Lotta durchgemacht hat, ist also völlig egal?« Lisa stellte ihre Tasse so schwungvoll auf den Tisch, dass sie die Schülerergüsse fast im Kaffee ertränkte.

»Das bringt doch nichts«, murmelte Emma und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

Aber Lisa war noch nicht fertig. »Astrid hat mit Lotta abgeschlossen, und das war’s dann? Einfach so?«

»Was soll ich denn machen, Lisa? Ich kann Astrid doch nicht zwingen, auf Lotta zuzugehen.«

»Aber du könntest mit ihr reden. Du dringst wenigstens zu ihr durch. Ich glaube fast, Astrid hat komplett verdrängt, wie unfair sie sich oft gegenüber Lotta verhalten hat.« Lisas Wangen röteten sich, wie immer, wenn sie sich über etwas maßlos aufregte.

»Astrid hatte Angst um ihr Leben«, wandte Emma ein. »Wir können uns das gar nicht ausmalen. Oder denkst du, wir können so etwas nachfühlen?« Fassungslos schüttelte sie den Kopf.

»Das rechtfertigt also, dass man seine Freundin wie Dreck behandelt?« Lisas Worte wurden immer bissiger.

»Nein, natürlich nicht! Das habe ich doch damit gar nicht sagen wollen.«

»Lotta geht es schlecht«, betonte Lisa. »Sie weiß selbst, dass sie nicht einfach hätte gehen sollen. Aber sie ist doch gar nicht mehr an Astrid rangekommen. Astrid hat sie nur weggestoßen. Immer und immer wieder.«

»Ja, aber Astrid war eben allein. Gerade als sie Lotta so sehr gebraucht hätte.«

Emma hasste diese Diskussion. Lisa und sie stritten sich, weil Lotta und Astrid Probleme hatten. Probleme, die durch einen harten Schicksalsschlag ausgelöst worden und nun so verfahren waren, dass niemand mehr wusste, wohin.

Emma verurteilte Lotta nicht für das, was sie getan hatte. Doch sie war nun mal Astrids beste Freundin, und sie konnte nur zu gut verstehen, wie es Astrid nun ging – nach dem schweren Kampf, den sie zum Schluss allein, ohne Lotta, hatte führen müssen. Das konnte auch Lisa nachvollziehen, das wusste Emma. Aber Lisa wiederum war Lottas beste Freundin. Das machte die ganze Situation so schwierig.

Um sich und auch Lisa zu beruhigen, streckte Emma eine Hand nach Lisas aus und hielt sie fest. »Ich rede noch mal mit ihr, okay? Sobald sie sich etwas erholt hat und nicht mehr so empfindlich ist. Momentan steht sie einfach noch neben sich, und da wäre alles, was ich sage, wenig erfolgreich. Aber bitte, lass uns nicht deswegen streiten.«

Lisa holte tief Luft und strich sich über die Stirn. Dann nickte sie. »Kein Streit mehr, versprochen.«

Emma lächelte erleichtert.

»Ach, übrigens«, fügte Lisa hinzu, »hast du etwas dagegen, wenn Lotta heute Nacht hierbleibt? Ich glaube, sie braucht dringend etwas Ablenkung.«

Emma zuckte mit den Schultern. Es war ja nicht das erste Mal. »Klar. Wollt ihr lieber allein sein? Dann schlafe ich heute Nacht in meiner Wohnung.«

»Würde es dir denn etwas ausmachen?« Lisa sah Emma scheu an. »Ich meine nur, weil Lotta . . .«

»Du musst dich nicht rechtfertigen«, unterbrach Emma sie und drückte ihre Hand. »Es ist in Ordnung. Ich verstehe es doch. Sehen wir uns denn wenigstens morgen?«

Lisas Lippen formten ein Lächeln. »Was ist denn das für eine Frage? Sobald Lotta morgen weg ist, komme ich zu dir und hole dich ab.« Damit zog sie Emma zu sich, um sie zu küssen.

Emma ließ sich auf ihr Sofa fallen und legte einen Arm über die Augen. Was für ein Tag! Ihre Gedanken fuhren Kettenkarussell. Wie gern hätte sie Astrid geholfen, doch im Moment schien sie einfach machtlos zu sein. Alles, was sie versuchte, endete im Streit.

Natürlich stand Lisa auf Lottas Seite, doch langsam schien diese ewige Diskussion an ihrer Beziehung zu knabbern. Kaum kamen Lisa und sie auf Astrid und Lotta zu sprechen, flogen die Fetzen.

Lotta hatte sehr unter Astrids Launen während der schweren Zeit zu leiden gehabt, das wusste Emma. Mehr als einmal hatte sie Astrids Wutattacken in den Monaten, als die Chemotherapie ihr besonders zu schaffen gemacht hatte, hautnah mitbekommen. Gerade unmittelbar nach den zermürbenden Chemo-Sitzungen. Lotta wollte Astrid einfach nur helfen – und musste sich dann stets anschreien lassen. Und auch wenn jeder wusste, dass Astrid sie nicht verletzen wollte und die reine Panik und Erschöpfung der Auslöser für die Wutanfälle waren, hatte sich Lotta immer mehr zurückgezogen. Sie hatte wohl keinen Weg mehr zu Astrid gefunden, ohne erneut weggestoßen zu werden.

Selbst Emma war immer wieder Ziel von Astrids Ausrastern geworden. Doch sie hatte sich in all der Zeit geschworen, Astrid beizustehen, so schwer es auch war – notfalls auch gegen Astrids Willen. Was allerdings nicht bedeutete, dass das Ganze spurlos an ihr vorüberging. Obwohl sie Astrid bereits seit einer Ewigkeit kannte und sie sämtliche Höhen und Tiefen gemeinsam gemeistert hatten, war Emma mehr als einmal fast am Ende ihrer Kräfte gewesen.

Lotta hingegen hatte irgendwann wirklich keine Kraft mehr gefunden, sich Astrids Ablehnung zu stellen. Die stets gegenwärtige Angst, Astrid zu verlieren, und ihre gleichzeitige Abwehrhaltung hatten sie aufgerieben. Irgendwann hatte sie es nicht mehr ausgehalten.

Und genau das warf Astrid ihr nun vor.

Emma stand wieder auf und streifte rastlos durch die Wohnung. Wenn sie nur wüsste, wie sie Astrid und Lotta helfen konnte – sie würde es sofort tun. Aber in ihrem Kopf war in diesem Augenblick nur ein einziges nervtötendes Sausen.

Ihr Blick fiel auf ein gerahmtes Foto, das auf dem kleinen Regal im Wohnzimmer lehnte. Rom vor knapp zweieinhalb Jahren. Ein Urlaub zu viert und einer der schönsten, den sie je verbracht hatte. Und gerade einmal einen Monat bevor Astrid die Diagnose bekommen hatte, die sie alle aus der Bahn geworfen hatte.

Jedes Mal, wenn Emma an diesen Moment dachte, stieg unfassbare, traurige Wut in ihr auf, auch jetzt noch. Ein Gefühl, das sie so schnell nicht loslassen konnte nach all dem Leid, all den Schmerzen. Einem heftigen Impuls folgend griff Emma nach dem Bild und schmetterte es mit Karacho zu Boden.

Josy, die auf ihrem Platz in der Ecke des Wohnzimmers lag, zuckte zusammen und sah Emma aus ihren Rehaugen an. Als Emma nicht auf sie reagierte, schloss sie die Augen wieder und vergrub ihre Schnauze unter einer Pfote. Wenn jemand die Ruhe selbst war, dann Josy.

Mit bebenden Lungenflügeln gierte Emma nach Luft. Sie riss das Fenster auf und ließ sich dann daneben zu Boden sinken. Als sie den Bilderrahmen sah, dessen Glas in tausend Scherben zersprungen war, fiel ihr erst auf, wie sehr sie insbesondere die letzten Monate mitgenommen hatten.

An jedem einzelnen verdammten Tag hatte sie zwischen unsäglicher Wut, unerträglichem Kummer und Hoffnungslosigkeit geschwankt. Nur wenige Momente hatten ihr Anlass zu Optimismus gegeben. Jede verdammte Minute hatte sie Angst um das Leben des Menschen gehabt, der ihr näher stand als alle anderen. Und jetzt, da die Zeit der Angst vorbei war, brach sie innerlich vollkommen zusammen, als hätte eine unsichtbare Hand ihr Inneres zusammengehalten und unvermittelt losgelassen.

Emma starrte an die Decke, doch alles drehte sich. Wann hatte sie sich das letzte Mal so leer gefühlt? Als hätte man sie ausgepresst wie eine Zitrone, von der nur noch die Schale übrigblieb.

All die vergangenen Monate und Jahre zogen in Zeitraffer an Emma vorbei. Es war fast wie das Gefühl, das sie als kleines Mädchen nach dem Tod ihrer Eltern stets begleitet hatte. Auch wenn Astrids Geschichte auf ein gutes Ende zusteuerte, konnte Emma die Zerrissenheit, die Verzweiflung und die Ausweglosigkeit noch nicht abschütteln.

Es drohte sie schier zu erdrücken. Genau wie damals.

5

Astrid saß an einem Tisch ihres Tee- und Schokoladengeschäfts und verfolgte mit Argusaugen jede Bewegung von Jonas, der soeben neue Gäste begrüßte und sie zu einem Tisch am Fenster begleitete. Erst als Lea, eine junge Studentin – die neue Aushilfskraft im Laden –, die Bedienung der Gäste übernahm, kam er auf Astrid zu und ließ sich mit einem breiten Grinsen auf den Stuhl ihr gegenüber fallen.

»Hier bin ich«, strahlte er und sah Astrid gespannt an. »Was wolltest du mit mir besprechen?«

Irgendwie machte Astrid Jonas’ gute Laune nervös. Warum, wusste sie nicht. Geballte Fröhlichkeit hatte in letzter Zeit viel zu selten irgendeine Rolle in ihrem Leben gespielt.

Sie räusperte sich. »Du weißt ja, dass es mir mittlerweile wieder bessergeht und ich auch gern wieder arbeiten will. Wir müssen also darüber sprechen, wie es demnächst weitergehen soll.«

Jonas’ Lächeln verlor an Glanz, während er Astrid unverwandt ansah. »Ich verstehe.«

Astrid sah fragend zurück. »Ich habe doch noch gar nichts gesagt?«

»Na ja«, sagte er, »jetzt, da es dir bessergeht, willst du den Laden sicher wieder allein übernehmen? Daher doch der befristete Vertrag, oder?«

Jetzt musste auch Astrid lächeln. »Nein, eigentlich ganz im Gegenteil.«

»Wie jetzt?« Jonas zog eine Augenbraue nach oben. »Ich bin also nicht raus?«

»Nein, ich hatte eigentlich nicht vor, dich gehen zu lassen«, schmunzelte Astrid, »außer du willst unbedingt die Flucht ergreifen.«

Ein heftiges Kopfschütteln. »Also, wenn du willst, dass ich bleibe, dann will ich natürlich nicht. Nicht weg, meine ich.«

»Dann ist ja alles gut.« Astrid lachte. »Du warst mir in der ganzen Zeit ohnehin mehr als ein Angestellter. Ich habe dich immer eher als Partner gesehen. Du warst mir eine riesengroße Stütze in all der Zeit, und das rechne ich dir wirklich sehr hoch an.« Sie machte eine kurze Pause, um die Spannung zu steigern, bevor sie die Bombe platzen ließ: »Was hältst du also davon, ganz offiziell mein Partner zu werden?«

Jonas’ Augen weiteten sich. »Du meinst gleichberechtigter Partner? Aber der Laden ist doch dein Ein und Alles. Bist du dir sicher, dass du ihn wirklich teilen willst, sozusagen? Also – nicht, dass ich alles ändern wollte, aber es wäre dann ja eben in gewisser Weise unser Laden.« Jonas hielt inne und rieb sich seine Koteletten. »Wow, ich weiß gerade nicht, was ich sagen soll.«

Astrid war ernst geworden. »Die letzte Zeit hat mir gezeigt, dass es Wichtigeres gibt als die Arbeit.« Ihre Stimme wurde leiser, und es fiel ihr zusehends schwer, weiterzusprechen. »Klar, der Laden ist wirklich mein Ein und Alles. Ich habe sehr viel Herzblut hineingesteckt, auch in die Arbeit hier. Aber jedenfalls will ich nach allem, was war, kürzertreten. Und du hast mir gezeigt, dass ich mich voll und ganz auf dich verlassen kann, egal, was ist. Was will ich mehr?«

Jonas fuhr mit einer Hand durch seine blonden Locken und grinste jetzt wie ein Honigkuchenpferd. Dennoch meinte er bedächtig: »Also, ich muss mir das Ganze natürlich noch durch den Kopf gehen lassen. Ich meine, ich muss auch überlegen, ob das Ganze für mich finanziell umsetzbar ist. Das ist für mich etwas ganz Neues. Ich war ja bisher immer nur angestellt. Aber ich – ja, wie gesagt, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Das Angebot ist ein Traum, Astrid.«

»Nimm dir einfach so viel Zeit, wie du brauchst, und denk darüber nach«, willigte Astrid ein. »Lass es mich wissen, wenn du eine Entscheidung getroffen hast.« Sie griff nach ihrer leeren Tasse, und ihre Lippen verzogen sich zu einem Grinsen: »Werde ich heute noch bedient?«

Lachend griff Jonas nach der Tasse und stand auf. Er schien förmlich Richtung Tresen zu schweben.

Astrid sah ihm nach, und das Grinsen, das mehr Qual als wahre Freude war, verschwand langsam. Allein hier zu sitzen, inmitten des ganzen Trubels, den Kopf voller Gedanken, die sich um die Arbeit drehten, machte sie mürbe. Es war erschreckend, wie schwach sie immer noch war. Sie hatte das Gefühl, in einem Körper zu stecken, der nicht der ihre war. Alle Energie, die sie früher stets in sich getragen hatte, war wie weggefegt. Nie und nimmer könnte sie den Laden allein weiterführen. Und sie wollte es auch gar nicht, obgleich das bedeutete, dass sie alles, was sie sich so mühsam aufgebaut und wohl behütet hatte, von nun an teilen musste. Sofern Jonas ihr Angebot annahm.

Aber das würde er, das wusste Astrid. Und auch wenn ihr Laden von nun an nicht mehr ihr allein gehören würde – bei Jonas hatte sie ein gutes Gefühl, dass auch weiterhin alles seinen gewohnten Gang gehen würde.

Als Jonas wenig später zurückkam und die Tasse mit dem dampfenden Tee vor ihr abstellte, registrierte Astrid die Bewegung nur im Augenwinkel. Ihr Blick schweifte nach draußen und verfolgte die Menschen, die durch die regennasse Gasse huschten, um schnellstmöglich Unterschlupf zu finden. Ein tristes Bild, dem sich Astrids Inneres anzupassen schien. In den Pfützen spiegelten sich die bunten Fassaden der Häuser, um im nächsten Moment unter dem Aufprall eines Fußtritts zu verschwimmen.

Immer wieder schloss Astrid für einen kurzen Moment die Augen. Immer wieder versuchte sie die Gedanken auszublenden, die sie unweigerlich heimsuchten, wann immer sie sich nicht anderweitig beschäftigte. Sobald so etwas wie Ruhe in ihr einkehren wollte, war sie da, immer wieder sie – egal, wie sehr sich Astrid dagegen wehrte.

Was tat sie hier eigentlich? Sie musste aufhören damit. Aufhören mit diesen vernichtenden Gedanken. Es gab kein Zurück. Wie hätte dieses Zurück auch aussehen sollen? Vollbeladen mit Schuldzuweisungen, verletzten Gefühlen und zerrissenen Seelen?

Aber verdammt, warum tat Vermissen bloß so weh? Warum hörte es einfach nicht auf?

Und als hätte sie Astrids Gedanken gehört, stand Lotta plötzlich vor ihr. Nur die Fensterscheibe trennte sie voneinander.

Astrid hielt die Luft an. Lotta blieb regungslos stehen, starrte durch das Fenster in Astrids Laden und hielt Astrid mit ihren Blicken fest. Die Zeit schien stillzustehen. Als könnten beide nicht glauben, was hier gerade geschah, sahen sie sich einfach nur an.

Astrid wollte die Hand ausstrecken, wollte Lotta berühren, so als gäbe es die Glasscheibe zwischen ihnen nicht. Doch tatsächlich bewegte sie ihre Hand nur in Gedanken. Sie konnte den Kummer in Lottas Augen sehen. Er war geradezu greifbar. Und er versetzte Astrid einen Stich mitten ins Herz.

Ein letzter Blick, der eine Ewigkeit zu dauern schien. Dann drehte sich Lotta um und verschwand eiligen Schrittes.

Erst als sie weg war, streckte Astrid die Hand aus und berührte die kalte Glasscheibe. Die Leere in ihr erfüllte sie mehr denn je.

»Darf ich dir noch etwas bringen?«

Astrid schreckte zusammen. Lea war an ihren Tisch gekommen und lächelte sie an.

Aufgewühlt sah Astrid sich um. »Nein. Nein, ich muss leider los.« Hastig griff sie nach ihrer Jacke und stand auf.

Lea sah sie etwas irritiert an. »Schade. Wir konnten uns noch gar nicht richtig unterhalten.«

»Unterhalten?« Mit steifen Bewegungen schlüpfte Astrid in ihre Jacke und hätte beinahe das Gleichgewicht dabei verloren.

»Na ja, ich dachte, weil ich ja erst . . .«

Astrid versuchte zu lächeln, als sie Lea unterbrach: »Wirklich gern, und gern auch so bald wie möglich, nur jetzt bin ich gerade in Eile. Kaffee beim nächsten Mal, okay?«

Dann drückte sie sich an Lea vorbei, die Astrids plötzliche Unruhe mit einem irritierten Blick quittierte. Astrid sah gerade noch, wie sie zum Abschied die Hand hob, dann war sie auch schon aus der Tür. Sie warf einen kurzen Blick nach oben in den wolkenverhangenen Himmel. Dann fing sie an zu laufen.

Das Wasser spritzte an ihr hoch, als sie eine Pfütze nach der anderen zielsicher traf, doch ihre einzige Sorge war, Lotta nicht mehr rechtzeitig zu erreichen.

Warum sie ihr so nachstürzte? Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie es tun musste.

Doch ihr Körper war dieser Anstrengung nicht gewachsen. Als sie notgedrungen ihre Schritte verlangsamte, musste sie sich eingestehen, dass sie keine Chance mehr hatte, Lotta einzuholen.

Resigniert blieb sie stehen. Mitten im Regen. Nass bis auf die Haut und völlig atemlos.

Lotta war verschwunden, ganz so, als sollte es nicht sein, dass Astrid sie erreichte.

6

»Du musst mal wieder raus. Du kannst dich nicht die ganze Zeit in deiner Wohnung vergraben.« Emma hatte die Hände in die Hüften gestemmt und stand vor Astrids Sofa. Darauf türmte sich eine riesige Decke, unter der Astrid vollständig verschwunden war.

Nur gedämpft drang ihre Stimme nach draußen: »Ich muss gar nichts. Ich muss einfach nur hier liegen und nichts machen.«

Entschlossen griff Emma nach einem Deckenzipfel und versuchte die Decke wegzuziehen, doch Astrid hielt sie mit geballter Kraft fest.

»Astrid, so geht es nicht weiter.«