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Psychische Störungen im frühen Kindesalter sind vielfältig und betreffen etwa 10-15 % aller Säuglinge, Klein- und Vorschulkinder. Sie umfassen u. a. ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen, Depressionen, Angst-, Schlaf-, Fütter- und Schreistörungen und erfordern eine sorgfältige, differenzierte Diagnostik und Behandlung. Eine zentrale Grundlage dafür bietet das multiaxiale Klassifikationssystem DC:0-5. Dieses Fallbuch ergänzt das Grundlagenwerk DC:0-5: Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit und zeigt anhand von zahlreichen Fallstudien, wie Fachkräfte die DC:0-5 im klinischen Alltag anwenden können, um eine gesunde emotionale Entwicklung von Anfang an zu unterstützen. Die sorgfältige Auswahl der Fallbeispiele ermöglicht ihnen ein tieferes Verständnis für die Komplexität und Vielfalt psychischer Auffälligkeiten im frühen Kindesalter. Das Buch bietet zudem viele praktische Hinweise zur diagnostischen und therapeutischen Arbeit mit kleinen Kindern und ihren Familien. Das ergänzende Online-Material enthält praxisorientierte Arbeitsblätter zur strukturierten Erfassung und Organisation klinischer Eindrücke und unterstützt eine ganzheitliche diagnostische Einschätzung.
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Seitenzahl: 702
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Cover
Titelei
Hinweis zur deutschen Ausgabe
Vorwort zur deutschen Übersetzung
Vorwort
Literatur zum Vorwort
Einleitung
Literatur zur Einleitung
Teil I Diagnostische Kategorien und Fallbeispiele ausgewählter klinischer Störungen
1 Einleitung
1.2 Literatur
2 10 Neurobiologische Entwicklungsstörungen (Störungen der neuronalen und mentalen Entwicklung)
2.1 10.2 Frühe Atypische Autismus-Spektrum-Störung
Carlos, 16 Monate
2.1.1 Einleitung
2.1.2 Anamnese und Vorstellungsanlass
2.1.3 Symptomanamnese
2.1.4 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
2.1.5 Klinische Beobachtungen
2.1.6 Diagnostik und Verfahren
2.1.7 Fallvignette
2.1.8 Diagnostische Zusammenfassung
2.1.9 Diskussion
2.1.10 Weitere Überlegungen
2.1.11 Literatur
2.2 10.4 Überaktivitätsstörung des Kleinkindalters
Kaiden, 32 Monate
2.2.1 Einleitung
2.2.2 Anamnese und Vorstellungsanlass
2.2.3 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
2.2.4 Diagnostik und Verfahren
2.2.5 Klinische Beobachtungen
2.2.6 Fallvignette
2.2.7 Diagnostische Zusammenfassung
2.2.8 Diskussion
2.2.9 Weitere Überlegungen
2.2.10 Literatur
3 20 Sensorische Verarbeitungsstörungen
3.1 20.1 Sensorische Überreaktivitätsstörung
Jasmine, 3 Jahre
3.1.1 Einleitung
3.1.2 Anamnese und Vorstellungsanlass
3.1.3 Symptomanamnese
3.1.4 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
3.1.5 Klinische Beobachtungen
3.1.6 Diagnostik und Verfahren
3.1.7 Fallvignette
3.1.8 Diagnostische Zusammenfassung
3.1.9 Diskussion
3.1.10 Weitere Überlegungen
3.1.11 Literatur
3.2 20.2 Sensorische Unterreaktivitätsstörung
Marissa, 4 Jahre, 10 Monate
3.2.1 Einleitung
3.2.2 Anamnese und Vorstellungsanlass
3.2.3 Symptomanamnese
3.2.4 Klinische Beobachtungen
3.2.5 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
3.2.6 Diagnostik und Verfahren
3.2.7 Fallvignette
3.2.8 Diagnostische Zusammenfassung
3.2.9 Empfehlungen
3.2.10 Weitere Überlegungen
3.2.11 Literatur
4 30 Angststörungen
4.1 30.5 Störung mit Inhibition gegenüber Neuem
Ignes, 1 Jahr, 11 Monate
4.1.1 Einleitung
4.1.2 Symptomanamnese
4.1.3 Klinische Beobachtungen
4.1.4 Fallvignette
4.1.5 Diagnostische Zusammenfassung
4.1.6 Diskussion
4.1.7 Weitere Überlegungen
4.1.8 Literatur
5 40 Affektive Störungen
5.1 40.2 Dysregulierte Ärger- und Aggressionsstörung der frühen Kindheit
Elijah, 40 Monate
5.1.1 Einleitung
5.1.2 Anamnese und Vorstellungsanlass
5.1.3 Symptomanamnese
5.1.4 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
5.1.5 Klinische Beobachtungen
5.1.6 Diagnostik und Verfahren
5.1.7 Fallvignette
5.1.8 Diagnostische Zusammenfassung
5.1.9 Diskussion
5.1.10 Weitere Überlegungen
5.1.11 Literatur
6 50 Zwangsstörungen und verwandte Störungen
6.1 50.1 Zwangsstörung
Sandy, 38 Monate
6.1.1 Einleitung
6.1.2 Anamnese und Vorstellungsanlass
6.1.3 Symptomanamnese
6.1.4 Klinische Beobachtungen
6.1.5 Diagnostik und Verfahren
6.1.6 Fallvignette
6.1.7 Diagnostische Zusammenfassung
6.1.8 Diskussion
6.1.9 Weitere Überlegungen
6.1.10 Literatur
7 60 Schlaf-, Ess- und Schreistörungen
7.1 60.6 Essstörung mit Einschränkung der Nahrungsaufnahme
Gabriel, 14 Monate
7.1.1 Einleitung
7.1.2 Anamnese und Vorstellungsanlass
7.1.3 Symptomanamnese
7.1.4 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
7.1.5 Diagnostik und Verfahren
7.1.6 Fallvignette
7.1.7 Diagnostische Zusammenfassung
7.1.8 Diskussion
7.1.9 Weitere Überlegungen
7.1.10 Literatur
8 70 Trauma-, Belastungs- und Deprivationsstörungen
8.1 70.1 Posttraumatische Belastungsstörung
Sofia, 6 Monate
8.1.1 Einleitung
8.1.2 Anamnese und Vorstellungsanlass
8.1.3 Symptomanamnese
8.1.4 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
8.1.5 Klinische Beobachtungen
8.1.6 Diagnostik und Verfahren
8.1.7 Fallvignette
8.1.8 Diagnostische Zusammenfassung
8.1.9 Diskussion
8.1.10 Weitere Überlegungen
8.1.11 Literatur
8.2 70.3 Komplizierte Trauerstörung der frühen Kindheit
Corey, 20 Monate
8.2.1 Einleitung
8.2.2 Vorstellungsanlass
8.2.3 Symptomanamnese
8.2.4 Diagnostischer Prozess
8.2.5 Ergebnisse der Diagnostik
8.2.6 Klinische Beobachtungen
8.2.7 Diagnostik und Verfahren
8.2.8 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
8.2.9 Fallvignette
8.2.10 Diagnostische Zusammenfassung
8.2.11 Diskussion
8.2.12 Weitere Überlegungen
8.2.13 Zusätzliche Fragen zur weiteren Überlegung
8.2.14 Literatur
9 80 Beziehungsstörungen
9.1 80.1 Spezifische Beziehungsstörung der frühen Kindheit
Arjun, 50 Monate
9.1.1 Einleitung
9.1.2 Anamnese und Vorstellungsanlass
9.1.3 Symptomanamnese
9.1.4 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
9.1.5 Klinische Beobachtungen
9.1.6 Diagnostik und Verfahren
9.1.7 Fallvignette
9.1.8 Diagnostische Zusammenfassung
9.1.9 Diskussion
9.1.10 Weitere Überlegungen
9.1.11 Literatur
Teil II Die Bedeutung des multiaxialen Systems
10 Einleitung
10.1 Literatur
11 Zwei Kinder: Dieselbe klinische Störung, unterschiedliche Geschichten
Mariah, 30 Monate, und Sayed, 30 Monate
11.1 Einleitung
11.2 Wie das multiaxiale System »eine Geschichte erzählt«
11.3 Mariah
11.3.1 Anamnese und Vorstellungsanlass
11.3.2 Symptomanamnese
11.3.3 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
11.3.4 Klinische Beobachtungen
11.3.5 Diagnostik und Verfahren
11.3.6 Fallvignette
11.4 Sayed
11.4.1 Anamnese und Vorstellungsanlass
11.4.2 Symptomanamnese
11.4.3 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
11.4.4 Trauma-Anamnese
11.4.5 Klinische Beobachtungen
11.4.6 Diagnostik und Verfahren
11.4.7 Fallvignette
11.5 Diskussion
11.6 Weitere Überlegungen
11.7 Literatur
12 Eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung: Diagnose und Fallformulierung
Nicholas, 59 Monate
12.1 Einleitung
12.2 Anamnese und Vorstellungsanlass
12.3 Symptomanamnese
12.3.1 Schwangerschaft und Geburt
12.3.2 Medizinische/Entwicklungsanamnese
12.3.3 Biografie der Mutter
12.4 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
12.5 Klinische Beobachtungen
12.5.1 Familie und versorgende Umgebung
12.5.2 Patient
12.6 Diagnostik und Verfahren
12.6.1 Beurteilung der Beziehung: Mutter und Nicholas
12.6.2 Zusammenfassung der Beziehungsbeurteilung
12.7 Fallvignette
12.7.1 Beurteilung der Beziehung zur Hauptbezugsperson
12.7.2 Bewertung der versorgenden Umgebung im weiteren Sinne
12.8 Diagnostische Zusammenfassung
12.9 Diskussion
12.10 Weitere Überlegungen
12.11 Literatur
Teil III Kultureller Hintergrund – Überlegungen
13 Einleitung
13.1 Literatur
14 Wie versteckte kulturelle Barrieren die Diagnosestellung zum Scheitern bringen können
Aniss, 4;5 Jahre
14.1 Einleitung
14.2 Anamnese und Vorstellungsanlass
14.3 Symptomanamnese
14.3.1 Entwicklungs- und medizinische Anamnese
14.3.2 Familiärer Hintergrund
14.4 Klinische Beobachtungen
14.5 Diagnostische Zusammenfassung – Erstdiagnose
14.6 Unerwartete Änderung in der diagnostischen Einschätzung von Aniss auf den Achsen I und IV
14.7 Kulturelle Fallformulierung
14.7.1 Kulturelle Identität von Kind und Bezugspersonen
14.7.2 Kulturelle Konzeptualisierungen von Notlagen
14.7.3 Psychosoziale Stressoren und kulturelle Merkmale der Vulnerabilität und Resilienz
14.7.4 Kulturelle Merkmale der Beziehung zwischen den einzelnen Personen und der Therapeutin
14.7.5 Kulturelle Gesamtbeurteilung der Diagnose und Behandlung des Kindes
14.8 Diskussion
14.9 Weitere Überlegungen
14.10 Literatur
15 Kulturelle Fallformulierung als Grundlage für die Behandlungsplanung im Rahmen der DC:0 – 5
Joseph, 10 Monate
15.1 Einführung in die kulturelle Fallformulierung der DC:0 – 5
15.2 Anamnese und kulturelle Identität des Kindes und der Bezugspersonen
15.3 Kulturelle Erklärungen für die kindlichen Probleme
15.3.1 Vorstellungsanlass
15.3.2 Beschreibung des Problems durch die Bezugspersonen
15.4 Symptomanamnese
15.4.1 Schwangerschaft und Geburt
15.4.2 Medizinische/Entwicklungsanamnese des Kindes
15.5 Kulturelle Faktoren im Zusammenhang mit dem psychosozialen Umfeld des Kindes und seiner versorgenden Umgebung
15.5.1 Lebensraum und Umwelt des Säuglings
15.5.2 Bezugspersonennetzwerk des Kindes
15.5.3 Überzeugungen der Eltern hinsichtlich der Erziehung und Entwicklung des Kindes
15.6 Diagnostik und Verfahren
15.6.1 Entwicklungsdiagnostik
15.6.2 Sozio-emotionale Entwicklung
15.6.3 Elterliches Funktionsniveau
15.6.4 Elterliches Stressniveau
15.7 Kulturelle Einflüsse auf die Beziehung zwischen den Eltern und der Therapeutin
15.8 Kulturelle Gesamtbeurteilung für die Diagnose und Behandlung/Versorgung des Kindes
15.9 Fallvignette
15.10 Diagnostische Zusammenfassung
15.11 Diskussion
15.12 Weitere Überlegungen
15.13 Literatur
Teil IV Komorbidität
16 Einleitung
16.1 Literatur
17 Ein komplexer Fall mit Achse-I-Komorbiditäten
Leah, 2 Jahre
17.1 Einleitung
17.2 Anamnese und Vorstellungsanlass
17.2.1 Überlegungen zur medizinischen Anamnese
17.2.2 Psychische Gesundheit und bisherige Behandlungen
17.3 Kultureller Hintergrund und Fallformulierung
17.4 Diagnostik und Verfahren
17.4.1 Bericht der Eltern
17.4.2 Telemedizinische Beobachtung
17.4.3 Beobachtungen in der Klinik
17.4.4 Trennung
17.4.5 Lernaufgaben
17.4.6 Fragebögen
17.5 Fallvignette
17.6 Diagnostische Zusammenfassung
17.7 Diskussion
17.8 Weitere Überlegungen
17.9 Literatur
Teil V DC:0–5: Eine systembezogene Anwendung
18 Einleitung
18.1 Literatur
19 Politische und systemische Maßnahmen zur Einführung der DC:0–5
Wie das IECMH-System in Tennessee weiterentwickelt wurde
19.1 Einleitung
19.2 Historische Aspekte der IECMH in Tennessee
19.2.1 Barrieren werden langsam in Frage gestellt
19.2.2 Eine Gelegenheit, gezielt Beziehungen zu knüpfen
19.3 Vorüberlegungen zur Anwendung der DC:0–5 in den verschiedenen Systemen: Eine Chance tut sich auf
19.4 Das Projekt zur frühzeitigen Sensibilisierung und Reaktion (Early Awareness Early Response Project)
19.4.1 Projektumfang und Zeitplan
19.4.2 Eine staatenübergreifende Kooperation
19.4.3 Projektbudget und Zukunftsfähigkeit
19.5 Diskussion
19.5.1 Daten, Ergebnisse und Systemwechsel
19.5.2 Bisherige politische Änderungen und staatliche Initiativen infolge der Einführung der DC:0–5
19.5.3 Die Anwendung der DC:0–5 zur Förderung von Chancengleicheit und zum Abbau von Diskriminierung
19.5.4 Empfohlene Strategien für die weitere Verbreitung und langfristige Umsetzung
19.6 Zukünftige Überlegungen
19.7 Literatur
Anhang
Einleitung zum Anhang
DC:0–5TM-Schulungshandout
Die Autor:innen
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3
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Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Impressum
Inhaltsbeginn
About ZERO TO THREE
ZERO TO THREE works to ensure all babies and toddlers benefit from the family and community connections critical to their well-being and development. Since 1977, we have advanced the proven power of nurturing relationships by transforming the science of early childhood into helpful resources, practical tools, and responsive policies for millions of parents, professionals and policymakers.
Die Übersetzerinnen
PD Dr. rer. nat. Margarete Bolten, Luzerner Psychiatrie AG (LUPS): Leitung der Kinderpsychosomatik und des Konsiliar- und Liaisonpsychiatrischen Dienstes am Kinderspital Zentralschweiz (KidZ) Luzern. Weiterbildung in kognitiver Verhaltenstherapie und systemischer Therapie mit den Schwerpunkten Schwangerschaft, Übergang zur Elternschaft, Säuglinge, Klein- und Vorschulkinder; Zusatzqualifikation in Paartherapie mit sexualtherapeutischem Schwerpunkt. Wissenschaftliche Tätigkeit im Bereich der Säuglings- und Kleinkindpsychosomatik und der transgenerationalen Weitergabe psychischer Störungen.
Prof. (apl.) Dr. phil. Monika Equit, Leitung der Psychotherapeutischen Universitätsambulanz, Abteilung Klinische Psychologie und Psychotherapie, Universität des Saarlandes, Co-Leitung des Weiterbildungsinstitutes für Psychotherapie Saarbrücken an der Universität des Saarlandes (WIPS GmbH), Psychologische Psychotherapeutin (Fachkunde Verhaltenstherapie), Fachkunde für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, Supervisorin.
Übersetzt und mit einem Vorwortvon Margarete Bolten und Monika Equit
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Pharmakologische Daten, d. h. u. a. Angaben von Medikamenten, ihren Dosierungen und Applikationen, verändern sich fortlaufend durch klinische Erfahrung, pharmakologische Forschung und Änderung von Produktionsverfahren. Verlag und Autoren haben große Sorgfalt darauf gelegt, dass alle in diesem Buch gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Da jedoch die Medizin als Wissenschaft ständig im Fluss ist, da menschliche Irrtümer und Druckfehler nie völlig auszuschließen sind, können Verlag und Autoren hierfür jedoch keine Gewähr und Haftung übernehmen. Jeder Benutzer ist daher dringend angehalten, die gemachten Angaben, insbesondere in Hinsicht auf Arzneimittelnamen, enthaltene Wirkstoffe, spezifische Anwendungsbereiche und Dosierungen anhand des Medikamentenbeipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen und in eigener Verantwortung im Bereich der Patientenversorgung zu handeln. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Diese Publikation wurde aus dem Englischen übersetzt. Da eine derartige Übersetzung stets mit Schwierigkeiten verbunden ist, können weder die Herausgeber noch die Autoren die vollständige Richtigkeit der übersetzten Texte gewährleisten.
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1. Auflage 2025
Alle Rechte vorbehalten© W. Kohlhammer GmbH, StuttgartGesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Heßbrühlstr. 69, 70565 [email protected]
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Die deutsche Übersetzung der DC:0–5 liegt seit 2019 vor und stellt einen Meilenstein für die Klassifikation psychischer Störungen in der frühen Kindheit dar. Es ist das bisher umfassendste Klassifikationssystem für Kinder von der Geburt bis zum vollendeten fünften Lebensjahr und basiert auf dem aktuellen Stand wissenschaftlicher Forschung.
Die DC:0–5 wird von der ZERO TO THREE, einer 1977 gegründeten Organisation zur Förderung des Fachwissens über die frühkindliche Entwicklung, welche Programme, Schulungen und Ressourcen sowie reaktionsfähige politische Lösungen umsetzt, herausgegeben. Die Autoren der DC:0–5 betonen, dass eine Diagnosestellung eine ausführliche interdisziplinäre Abklärung mit idealerweise mindestens fünf Terminen voraussetzt. Dabei sollten die unterschiedlichen Fachdisziplinen sich gegenseitig unterstützen und ergänzen. Außerdem erfordert die Anwendung der DC:0–5 klinisches Fachwissen zur Entwicklung und zu spezifischem Verhalten von Kindern in dieser Altersgruppe.
Das vorliegende Fallbuch soll Fachpersonen aus dem Bereich psychischer Gesundheit von Säuglingen, Klein- und Vorschulkindern dabei helfen, auch komplexe Fallvignetten gemäß der DC:0–5 zu klassifizieren. Es bietet die Möglichkeit, die Komplexität und die Variabilität klinisch auffälliger Entwicklungsverläufe und Verhaltensweisen von jungen Kindern besser zu verstehen. Die unterschiedlichen Fallbeispiele betonen dabei den multiaxialen Rahmen für das Verständnis der kindlichen Symptomatik und heben die Bedeutung des entwicklungsbezogenen, Beziehungs-und kulturellen Kontextes, in dem das Kind aufwächst, aber auch seinen medizinischen Status hervor. Auch das Stresserleben oder funktionelle Beeinträchtigungen der Kinder und ihrer Familien werden in den Fallbeispielen ausführlich diskutiert, da sie ein bedeutendes Risiko für die gesunde Entwicklung des Kindes darstellen. Eine Diagnose ist gemäß den Autoren die Grundlage, aber nicht allein ausreichend für die sogenannte »Fallformulierung« (Englisch: formulation), ein Begriff, der im Deutschen so nicht gebräuchlich ist, im klinischen Alltag jedoch als »Fallkonzeption« selbstverständlich ist.
Als Übersetzerinnen lag uns der Text in einer vorgegebenen Form vor und sollte möglichst verständlich und gut lesbar in die deutsche Sprache übersetzt werden. Eine Schwierigkeit bei unserer Übersetzungsarbeit war jedoch, dass der englische Originaltext zum Teil sehr kompliziert und verschachtelt formuliert wurde. Auch gab es häufig Wiederholungen und – aus unserer Sicht – Redundanzen. Wir haben deshalb aus sehr langen Sätzen mehrere kurze Sätze gebildet und Dopplungen innerhalb eines Satzes nur einfach aufgeführt, ohne jedoch den Inhalt zu verändern. Unser Ziel war es, dabei einen gut lesbaren Text zu generieren. Soweit es möglich war, haben wir uns bei der Bezeichnung der Diagnosen und Beschreibung der diagnostischen Kriterien an der deutschen Übersetzung der DC:0–5 von Prof. Alexander von Gontard orientiert, welche wiederum auf der deutschen Übersetzung des DSM-5 basiert.
Die Autoren des DC:0–5-Fallbuches stammen mehrheitlich aus den USA. Das dortige Gesundheitssystem, aber auch ganz allgemein die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen unterscheiden sich stark vom deutschsprachigen Raum. Im Rahmen unserer Übersetzung haben wir versucht, einige Begriffe, welche im Deutschen nicht gebräuchlich sind, entweder kulturell anzupassen oder zu erklären. Beispielsweise werden in den meisten Fallvignetten die Eltern mit ihrem Vornamen genannt. Dies ist in unserem Kulturkreis in therapeutischen Beziehungen im Allgemeinen nicht üblich, und wir haben uns deshalb für den durchgängigen Gebrauch des Nachnamens, einer Abkürzung des Nachnamens (z. B. Frau S.) oder der Benennung der Beziehung zum Kind (z. B. die Mutter oder der Großvater) entschieden.
Der kulturelle Kontext ist in der DC:0–5 von großer Relevanz. In den einzelnen Fallvignetten wird deshalb jeweils die ethnische Herkunft des Kindes und seiner Familie genannt. Wir haben die Angaben zum kulturellen Hintergrund bzw. zur genannten Hautfarbe jeweils übersetzt, Hinweise im Original auf »race« jedoch nicht übernommen, da uns das nicht angemessen erschien. »Race« haben wir häufig mit »Ethnie« oder »ethnische Herkunft« übersetzt. Wurden »White« oder »Black« im Original in Großschreibung aufgeführt, haben wir dies in der Übersetzung als »Weiß« und »Schwarz« übernommen, um so die gesellschaftspolitische Zugehörigkeit und nicht eine »biologische« Eigenschaft zu verdeutlichen Zudem haben wir uns für eine gendersensible Sprache entschieden und entweder neutrale Formulierungen wie z. B. Fachperson/en gewählt und uns in anderen Fällen für eine spezifische Schreibweise wie beispielsweise Therapeut:innen entschieden.
Weitere Besonderheiten bei der Übersetzung werden im Folgenden genauer erläutert:
Der Begriff der frühkindlichen Bildung (Englisch: Early Childhood Education, ECE) wird im Fallbuch mehrfach verwendet. Dieser bezieht sich auf eine Vielzahl von Programmen, die die Betreuung, Entwicklung und das Lernen von Kleinkindern vor dem Eintritt in die Grundschule in den USA unterstützen. Wir haben diese Bildungsprogramme entweder als Frühförderung oder Vorschule umschrieben und haben den Begriff der Kindertagesstätte (Kita) für die sogenannten Early Education Center verwendet.
»Caregiver«, also die Person, die ein Kind umsorgt und betreut, haben wir mit »Bezugsperson« übersetzt.
Für den Begriff »Distress« haben wir im Deutschen »Leid und Stress« oder »Belastung« gewählt.
Die Dopplung »infant/young child« wurde als »junges Kind« oder als »Säuglinge und Kleinkinder« übersetzt.
Den Begriff »Clinician« haben wir jeweils kontextabhängig übertragen: entweder als Diagnostiker:in oder als Therapeut:in.
Wir hoffen sehr, dass diese Übersetzung des Fallbuchs dazu beiträgt, dass die DC:0–5 auch im deutschsprachigen Raum weiter Verbreitung und eine rege Nutzung erfährt und damit die Diagnostik und Behandlung junger Kinder mit psychischen Auffälligkeiten weiter verbessert werden kann.
Basel und Saarbrücken, September 2025
Margarete Bolten und Monika Equit
Charles H. Zeanah Jr.
In den letzten Jahrzehnten haben zahlreiche Forschungsarbeiten gezeigt, dass die Erfahrungen von Säuglingen und Kleinkindern einen wichtigen Einfluss auf ihre weitere Entwicklung haben. Dieser Einfluss wird wiederum bedingt durch die Art der Ereignisse, die die Kinder erleben, die biologischen Merkmale, die ihre Reaktionen beeinflussen, und die subjektive Erfahrung, die die Kinder mit den jeweiligen Ereignissen und innerhalb ihrer Beziehungen gemacht haben. Im weiteren Sinne prägen außerdem die relationalen, kulturellen und sozialen Kontexte, die der Interpretation der Bedürfnisse und des Verhaltens von Kleinkindern durch die Bezugspersonen zugrunde liegen, ebenfalls die Erfahrungen und Reaktionen des Kleinkindes. Auch wenn Forschende sich bemühen, die Komplexität dieser Vielzahl an interagierenden Faktoren zu entschlüsseln, müssen Kliniker:innen Entscheidungen treffen, wann und ob sie in einer bestimmten Art und Weise eingreifen, um die Gesundheit eines einzelnen Kindes und einer Familie zu fördern und Risiken zu mindern.
Die Identifizierung reproduzierbarer Muster von maladaptiven Verhaltensweisen und Emotionen, die wir als Störungen definieren, ermöglicht die Kommunikation zwischen Fachleuten und macht eine systematische Bewertung von typischen Verläufen und der Behandlung von Störungen möglich. Die Entscheidung von Kliniker:innen einzugreifen, erfordert eine Unterscheidung zwischen gestörtem Verhalten und normalen Variationen und vorübergehenden Entwicklungsstörungen. Diese Unterscheidung lässt sich am besten durch systematische Beobachtung der Symptome und der damit verbundenen funktionellen Beeinträchtigungen bei Kleinkindern treffen.
ZERO TO THREE war federführend bei der Entwicklung einer frühkindlichen Nosologie psychiatrischer Störungen, beginnend mit DC:0–3: Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit (DC:0–3; ZERO TO THREE, 1994); weiterführend mit der ersten Überarbeitung, DC:0–3R: Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit, überarbeitete Ausgabe (DC:0–3R; ZERO TO THREE, 2005); und einschließlich der jüngsten Überarbeitung, DC:0–5 Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit (DC:0–5; ZERO TO THREE, 2016, 2021). Diese Nosologien wurden geschaffen, weil man der Meinung war, dass weder das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen, 4. Auflage (DSM-IV) und 5. Auflage (DSM-5; American Psychiatric Association, 1994, 2013), noch die Internationale Klassifikation der Krankheiten (10. Auflage; ICD-10; Weltgesundheitsorganisation, 1992) die Psychopathologie bei jungen Kindern adäquat abbilden. Aufgrund der zunehmenden qualitativ hochwertigen Forschung zur frühkindlichen Entwicklung und Psychopathologie, insbesondere der bevölkerungsbasierten und Längsschnittstudien, ist die empirische Datenbasis, auf deren Grundlage die Kriterien für spezifische Störungen in der DC:0–5 definiert werden, weitaus größer als bei der DC:0–3 oder der DC:0–3R. In der Tat stellt die DC:0–5 den bisher ehrgeizigsten Versuch dar, die Psychopathologie bei jungen Kindern zu charakterisieren.
Einige Merkmale der DC:0–5 sind für das vorliegende Fallbuch von besonderer Bedeutung. Erstens wird nach einem multiaxialen Ansatz klassifiziert, im Gegensatz zum DSM-5 (American Psychiatric Association, 2013) und der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (11. Auflage; ICD-11; Weltgesundheitsorganisation, 2019). Der multiaxiale Rahmen wurde für das Verständnis der kindlichen Symptomatik beibehalten, weil er die Bedeutung des Kontexts hervorhebt, insbesondere des entwicklungsbezogenen, Beziehungs- und kulturellen Kontextes, in dem das Kind aufwächst. Der multiaxiale Ansatz berücksichtigt auch den medizinischen Status – ein Schwerpunkt, der auf die Wechselbeziehung zwischen körperlicher und mentaler Gesundheit hinweist. Zweitens berücksichtigt die DC:0–5 die häufigen Komorbiditäten zwischen psychischen Störungen. Drittens müssen im Rahmen der Diagnosestellung nach DC:0–5 Stresserleben oder funktionelle Beeinträchtigungen des Kindes bzw. der Familie nachgewiesen werden, um sicherzustellen, dass die Verhaltensweisen, die im Mittelpunkt der Behandlung stehen, nicht trivial sind und ein Risiko für die gesunde Entwicklung des Kindes darstellen.
Die sorgfältige Zusammenstellung dieses Fallbuchs durch die Herausgeber:innen bietet Kliniker:innen, die im Bereich der psychischen Gesundheit von jungen Kindern tätig sind, die Möglichkeit, die Komplexität, die Nuancen und die Variabilität gestörter Verhaltensweisen und Emotionen von jungen Kindern besser zu verstehen – dies geschieht durch die Darstellung konkreter Fallvignetten aus verschiedenen therapeutischen Einrichtungen in unterschiedlichen Teilen der Welt. Das Lesen dieser Fallbeispiele soll daran erinnern, dass zwar Störungen diagnostiziert werden, wir aber junge Kinder und ihre Familien beurteilen. Bei dieser Beurteilung müssen sowohl die Stärken als auch die Probleme berücksichtigt werden, und es muss geprüft werden, welche Stärken mobilisiert werden können, um Symptome zu verringern und eine angemessene Funktionsfähigkeit wiederherzustellen. Kinder sind immer viel mehr als ihre Diagnosen. Wenn Kliniker:innen junge Kinder in einem zusammenhängenden Kontext begreifen und dabei die Risiko- und Schutzfaktoren, die sich auf ihre Entwicklung auswirken, berücksichtigen, dann werden sie ein besseres Verständnis für die Diagnosestellung und für die Einleitung geeigneter Behandlungen entwickeln.
American Psychiatric Association. (1994). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (4th ed.).
American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.).
World Health Organization. (1992). International classification of diseases (10th ed.).
World Health Organization. (2019). International classification of diseases (11th ed.).
ZERO TO THREE. (1994). DC:0–3: Diagnostic classification of mental health and developmental disorders of infancy and early childhood.
ZERO TO THREE. (2005). DC:0–3R: Diagnostic classification of mental health and developmental disorders of infancy and early childhood (Rev. ed.).
ZERO TO THREE. (2016). DC:0–5TM: Diagnostic classification of mental health and developmental disorders of infancy and early childhood.
ZERO TO THREE. (2021). DC:0–5TM: Diagnostic classification of mental health and developmental disorders of infancy and early childhood (Version 2.0). (Original 2016 veröffentlicht)
Kathleen Mulrooney, Miri Keren und Joy D. Osofsky
Es ist sowohl eine Ehre als auch eine Freude, diese Zusammenstellung von Fallbeispielen als Ergänzungsband zur DC:0–5: Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit1 (DC:0–5; ZERO TO THREE, 2016) zu präsentieren. Seit der Veröffentlichung der DC:0–5 wurde von Kliniker:innen weltweit der Ruf nach einem begleitenden Fallbuch laut, um das Verständnis für klinische Störungen in der frühen Kindheit zu verbessern (insbesondere für die neueren, in der DC:0–5 enthaltenen Störungen). Die in diesem Fallbuch enthaltenen Fallbeispiele entsprechen sowohl dem ursprünglichen DC:0–5-Handbuch als auch der aktualisierten Version DC:0–5: Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit (Version 2.0; ZERO TO THREE, 2021). Ebenso waren Kliniker:innen an einem Fallbuch interessiert, um die Anwendung des multiaxialen Systems und des kultursensiblen/beziehungsorientierten Ansatzes besser zu verstehen, der für die DC:0–5 zur Diagnosestellung grundlegend ist. Wir haben uns bemüht, repräsentative Fallbeispiele aus der Praxis von einer kulturell vielfältigen, internationalen und multidisziplinären Gruppe von Autor:innen zu sammeln.
Die DC:0–5 ist die dritte diagnostische Klassifikation für seelische Gesundheit und Entwicklungsstörungen in der frühen Kindheit, die von ZERO TO THREE veröffentlicht wurde. Auf dem Gebiet der seelischen Gesundheit der frühen Kindheit und der Diagnostik gab es im Laufe der Jahrzehnte erhebliche Fortschritte durch die Anwendung der Nosologien der DC:0–3: Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit (DC:0–3; ZERO TO THREE, 1994), der DC:0–3R: Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit, überarbeitete Ausgabe (DC:0–3R; ZERO TO THREE, 2005), und der DC:0–5 (ZERO TO THREE, 2016, 2021). Wir sind uns im Klaren darüber, dass sogar sehr junge Kinder mit seelischen Gesundheits- und Entwicklungsproblemen zu kämpfen haben, was wiederum beim Kind selbst als auch bei seiner Familie zu klinisch relevanten Beeinträchtigungen führen kann. Die Symptome von jungen Kindern unterscheiden sich häufig von denen älterer Kinder oder Erwachsener. Der diagnostische Prozess kann sich nicht nur auf die Berichte der Kinder stützen (da viele in dieser Altersgruppe sich noch gar nicht oder nur unzureichend verbal ausdrücken können), sondern auch auf die Beurteilung der Beziehungen des Kindes mit seinen wichtigsten Bezugspersonen sowie auf eine sorgfältige Verhaltensbeobachtung. Die etablierten diagnostischen Klassifizierungssysteme – das Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen (3., überab. Aufl. [DSM-III-R]; 4. Aufl. [DSM-IV] und 5. Aufl. [DSM-5]; American Psychiatric Association, 1987, 1994, 2013) und die Internationale Klassifikation der Krankheiten (10. Aufl. [ICD-10] und 11. Aufl. [ICD-11]; Weltgesundheitsorganisation, 1992, 2019) – berücksichtigen das Spektrum der psychischen Störungen in der frühen Kindheit nicht angemessen und liefern keine aussagekräftigen, altersgerechten Beispiele für diagnostische Kriterien.
Die DC:0–5 stellt eine wesentliche Verbesserung gegenüber den früheren Publikationen DC:0–3 und DC:0–3R dar, da sie als eigenständiges, »freistehendes« Klassifikationssystem (Nosologie) konzipiert ist, das alle diagnostischen Kategorien und alle aktuellen, empirisch fundierten psychischen Störungen enthält, die in der frühen Kindheit auftreten können.
Darüber hinaus behielt die DC:0–5 ihren multiaxialen Rahmen bei – der wichtige Daten für ein transaktionales Modell des Verständnisses und der Verwendung diagnostischer Fallformulierungen in Bereichen wie Beziehungskontext (Achse II), körperliche Gesundheit und und Krankheiten (Achse III), psychosoziale Stressoren (Achse IV) und Entwicklungskompetenzen (Achse V) erfasst – und stellt gleichzeitig die kulturelle Fallformulierung als integralen Bestandteil einer umfassenden diagnostischen Einschätzung in den Mittelpunkt. Die DC:0–5 war weltweit für den Gebrauch von Fachleuten aus verschiedenen klinischen Disziplinen wie Psychologie, Psychiatrie, Sozialarbeit, Beratung, Pädiatrie, Krankenpflege und Frühinterventionstherapie gedacht. Sie sollte nicht nur von Kliniker:innen verwendet werden, die sich auf die seelische Gesundheit von jungen Kindern spezialisiert haben, sondern auch das Bewusstsein anderer Fachleute erweitern, die sich nicht mit dieser Thematik befassen oder erst seit kurzem mit dieser Zielgruppe in Berührung gekommen sind, um ein besseres Verständnis der psychischen Gesundheit und der Entwicklungsstörungen von der Geburt bis zum Alter von fünf Jahren zu erlangen. Dieses Fallbuch stellt eine Bereicherung für das Themengebiet der psychischen Gesundheit von jungen Kindern dar, da es die Arbeit und die Erfahrungen einer Gruppe von Autor:innen aus den USA und der ganzen Welt widerspiegelt, die in kultureller und beruflicher Hinsicht sehr unterschiedlich sind und die eine Vielzahl von Disziplinen und Arbeitsbereichen abdecken. Die Fallbeispiele sind ebenso reichhaltig und vielfältig. Es werden Fallvignetten von Säuglingen im Alter von 5 Monaten bis hin zu Kindern im Vorschulalter (3 – 5 Jahre) vorgestellt. Die Fälle sind auch repräsentativ für kulturell breit gefächerte, vielfältige und komplexe Überlegungen, einschließlich der Einbindung in Kinderschutzmaßnahmen, komplexer medizinischer Probleme und der Erfahrung von komplizierter Trauer. Für jede der acht diagnostischen Kategorien2 von klinischen Störungen wird mindestens eine Fallbeispiel vorgestellt. Die psychische Gesundheit von jungen Kindern muss im Kontext von Familie, Gemeinschaft, Gesellschaft und Kultur verstanden werden. Vielfalt, Chancengleichheit in Bezug auf die Hautfarbe, Fragen von Macht und Privilegien, implizite und explizite Voreingenommenheit und andere damit zusammenhängende kulturelle Kontexte werden in den Fallstudien kultursensibel untersucht und exploriert.
Fallbeispiele sind seit langem als wichtiges Instrument für das Lernen, die Entwicklung von Hypothesen, die Anwendbarkeit und die Veränderung klinischer Vorgehensweisen bekannt (Agha & Rosin, 2010; Kidd & Hubbard, 2007; Nissen & Wynn, 2014). Obwohl es keine Garantie dafür gibt, dass sich die Erkenntnisse aus einer Fallvignette allgemein auf andere ähnliche Fälle übertragen lassen, wird aus diesen Schlussfolgerungen doch die Betrachtung von Ähnlichkeiten und Unterschieden sowie die Untersuchung von klinischen Ansätzen und Überlegungen möglich. Das DC:0–5-Fallbuch bietet einen multiaxialen diagnostischen Ansatz mit speziellen Überlegungen für diesen sehr frühen Altersabschnitt sowie für kulturelle, umweltbedingte, konstitutionelle, entwicklungsbedingte und beziehungsbezogene Aspekte.
Das DC:0–5-Fallbuch soll nicht nur das Verständnis für psychischen Störungen fördern, sondern auch das Verständnis für die Verwendung und Bedeutung des multiaxialen Systems zur Erfassung der umfassenden diagnostischen »Geschichte« des Kindes und der Familie. Das Fallbuch ist daher in fünf Teile gegliedert:
Teil I, der sich auf Fallbeispiele konzentriert, die spezifische klinische Störungen illustrieren;
Teil II, der Fallbeispiele enthält, die den multiaxialen Rahmen und Ansatz verdeutlichen;
Teil III, der sich auf Fälle mit starkem kulturellem Kontext und die damit verbundenen Überlegungen konzentriert;
Teil IV, der die Komorbidität in der klinischen Diagnose veranschaulicht; und
Teil V, der ein Fallbeispiel enthält, in dem die Umsetzung der DC:0–5 in der Politik und im System beschrieben wird.
Jeder Abschnitt des Fallbuchs ist untergliedert in die Darstellung einer Fallvignette, einer Fallkonzeption und einer diagnostischen Zusammenfassung und schließt mit einer Diskussion und einigen Fragen ab, über die der:die Leser:in im Zusammenhang mit der Fallvignette und den aufgeworfenen klinischen Fragen nachdenken kann. Im Anhang werden dem:der Leser:in Arbeitshilfen, einschließlich Arbeitsblättern, zur Verfügung gestellt, die als Ressourcen oder Hilfsmittel im diagnostischen Prozess mittels der DC:0–5 genutzt werden können.
Eine traumainformierte Sichtweise ist bei der Betrachtung von Diagnosen der DC:0–5 sehr wichtig, da die Traumaexposition von jungen Kindern und ihren Familien oft erheblich zum diagnostischen Verständnis eines Falles beiträgt. Ein traumainformierter Ansatz berücksichtigt nicht nur die Traumaerfahrungen des jungen Kindes als Opfer von Missbrauch oder Vernachlässigung, sondern auch die Exposition gegenüber körperlichem oder emotionalem Missbrauch, häuslicher oder gemeinschaftlicher Gewalt oder Katastrophen (z. B. durch das Miterleben oder das Erfahren davon vermittelt über andere Personen). Darüber hinaus muss bei der Erstellung einer multiaxialen diagnostischen Zusammenfassung möglicherweise auch die Traumaanamnese der Eltern oder Bezugspersonen berücksichtigt werden, die wichtige zusätzliche Informationen für die diagnostischen Entscheidungen bezüglich des Kindes liefert.
Viele der im DC:0–5-Fallbuch vorgestellten Fälle veranschaulichen, wie traumatische Erfahrungen zum Verständnis von Diagnosen beitragen können. In Teil I (Klinische Störungen) wird beispielsweise der interessante Fall von Sofia beschrieben, bei der eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert wurde, eine seltene Diagnose in der sehr frühen Kindheit. In diesem Fall haben sowohl das Kind als auch die Mutter ein Trauma erlebt, einschließlich Missbrauch und häuslicher Gewalt. Die Familie erlebte auch Rassismus und ungleiche Behandlung.
In Teil II zwingen die Fälle von Mariah und Sayed die Leser:innen dazu, die Bedeutung von Traumata anhand der Beschreibung von Kindern aus Familien, die im Militärdienst arbeiten, zu betrachten. Zusätzlich zu den vorhersehbaren traumatischen Erfahrungen in Militärfamilien, die auf häufige Trennungen und Verluste zurückzuführen sind, ermöglichte der multiaxiale Rahmen ein sensibleres Verständnis der individuellen Unterschiede zwischen den Erfahrungen der Kinder. Auch in Teil II veranschaulicht der Fall des 59 Monate alten Nicholas die Bedeutung und Nützlichkeit eines multiaxialen Systems bei der Diagnose von Beziehungsstörungen. Die Beziehung, die ein Kleinkind zu einer primären Bezugsperson hat, ist im Vergleich zu anderen der Schlüssel zur gesamtdiagnostischen Einordnung. Die Bedeutung von Achse II (Beziehungskontext) für das Verständnis individueller dyadischer Beziehungen und des versorgenden Umfelds war im Fall von Nicholas ebenfalls von großer Bedeutung.
In Teil IV (Komorbidität) schließlich liefert der Fall von Leah ein weiteres Beispiel für die Diagnose einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Ein Kleinkind mit einer komplexen medizinischen Vorgeschichte, die frühe medizinisch-traumatische Erfahrungen und die damit verbundenen Symptome einschließt, führte zu einer Komorbidität auf Achse I.
In all diesen Beispielen verwendeten die Kliniker:innen sorgfältige, umfassende und traumainformierte Ansätze, die zu unterschiedlichen Diagnosen und zu den multiaxialen diagnostischen Fallformulierungen beitrugen.
Es ist kein Zufall, dass mehrere der Autor:innen der Fallbespiele aus verschiedenen Ländern stammen. In der Tat, die internationale Implementation dieses diagnostischen Klassifikationssystems war eines der Ziele bei der Veröffentlichung der DC:0–5.
Obwohl sich die diagnostischen Verfahren oft unterscheiden, sogar innerhalb eines Landes, sind die klinischen Symptome, die zu einer Vorstellung der jungen Kinder bei Kliniker:innen führen, erstaunlich ähnlich: Essprobleme, Schlafprobleme, Aggression, Angst, Depression, zwischenmenschliche Kommunikation, Beziehungsprobleme und posttraumatische Verhaltensweisen (um nur die häufigsten zu nennen). Daher brauchen Kliniker:innen eine gemeinsame »Sprache«, um das klinische Bild in einem kohärenten, facettenreichen Rahmen zu formulieren, wie z. B. die fünf Achsen, aus denen sich die multiaxiale DC:0–5-Diagnose zusammensetzt. Im Idealfall schließt sich die Behandlungsplanung an die Fallkonzeption an; sie hängt jedoch auch von der Struktur und den Ressourcen der einzelnen Kliniken sowie vom kulturellen Kontext und der Konzeptualisierung ab.
Schließlich kann diese globale Zusammenarbeit ein Fenster zur internationalen Forschung und zu gemeinsamen länderübergreifenden Forschungsprojekten öffnen, wie z. B. der Untersuchung der Prävalenz der verschiedenen klinischen DC:0–5-Störungsdiagnosen sowie der Wirksamkeit kulturell relevanter unterschiedlicher Behandlungsoptionen und vergleichender Studien.
Zusammenfassend hoffen wir, dass dieses Fallbuch eine nützliche Sammlung von Fallbeispielen liefert, um Kliniker:innen mit den klinischen DC:0–5-Störungen und dem multiaxialen Diagnoserahmen vertraut zu machen, die Bedeutung kultureller Aspekte anzusprechen und sinnvoll in den Diagnoseprozess zu integrieren und zu einer verstärkten Forschung auf dem Gebiet der Diagnose psychischen Störungen in der frühen Kindheit zu führen. Es ist noch viel Arbeit nötig, um die übermächtigen eurozentrischen Wurzeln des Fachgebiets der psychischen Gesundheit von jungen Kindern etwas aus dem Mittelpunkt der Betrachtung zu rücken und stattdessen auch nicht dominante Wissens-, Seins- und Praxisformen in eine multikulturelle, globale Weltsicht (siehe Kasten 1) stärker einzubeziehen. Mit diesem Fallbuch soll ein Schritt in diese Richtung gegangen werden. Wir freuen uns auf die Weiterentwicklung des Fachgebiets und der diagnostischen Klassifizierung psychischer Störungen und Entwicklungsstörungen in der frühen Kindheit in den kommenden Jahren.
Agha, R., & Rosin, R. D. (2010). Time for a new approach to case reports. International Journal of Surgery Case Reports, 1(1), 1 – 3. https://doi.org/10.1016/j.ijscr.2010.04.001
American Psychiatric Association. (1987). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (3rd ed., rev.).
American Psychiatric Association. (1994). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (4th ed.).
American Psychiatric Association. (2013). Diagnostic and statistical manual of mental disorders (5th ed.).
Kidd, M., & Hubbard, C. (2007). Introducing Journal of Medical Case Reports. Journal of Medical Case Reports, 1, 1. https://doi.org/10.1186/1752-1947-1-1
Nissen, T., & Wynn, R. (2014). The clinical case report: A review of its merits and limitations. BMC Research Notes, 7, Article 264. https://doi.org/10.1186/1756- 0500-7-264
World Health Organization. (1992). International classification of diseases (10th ed.).
World Health Organization. (2019). International classification of diseases (11th ed.).
ZERO TO THREE. (1994). DC:0–3: Diagnostic classification of mental health and developmental disorders of infancy and early childhood.
ZERO TO THREE. (2005). DC:0–3R: Diagnostic classification of mental health and developmental disorders of infancy and early childhood (Rev. ed.).
ZERO TO THREE. (2016). DC:0–5TM: Diagnostic classification of mental health and developmental disorders of infancy and early childhood.
ZERO TO THREE. (2021). DC:0–5TM: Diagnostic classification of mental health and developmental disorders of infancy and early childhood (Version 2.0). (Original 2016 erschienen)
Kasten 1: Professionelle Entwicklung der DC:0–5
Noelle Hause, Senior Professional Development Manager, Psychische Gesundheit von Säuglingen und Kleinkindern, Professional Innovations Division (PID), ZERO TO THREE
ZERO TO THREE setzt seine Arbeit fort, um die kulturellen Erwägungen, die für das Verständnis des Umwelt- und Beziehungskontextes jedes jungen Kindes, des Einflusses historischer und generationsbedingter Traumata, des systemischen Rassismus' sowie der Resilienz wichtig sind, in seinen DC:0–5-Fortbildungsangeboten (Überblicksschulungen, klinische Schulungen und Schulungen für Ausbilder:innen) zu fördern und in den Mittelpunkt zu stellen. Ein Beispiel für diesen Schwerpunkt findet sich im Anhang – die Arbeitsblätter zum multiaxialen System (▸ Anhang). Dieses Fallbuch wird seit langem benötigt und bietet reichhaltige Informationen, die wir gerne zur Ergänzung und Verbesserung unserer Weiterbildungsangebote nutzen möchten. Es ist uns eine Ehre, gemeinsam mit Ihnen ehrliche, offene und produktive Gespräche sowie konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung von Rassismus und Ungleichheit in Diensten und Systemen voranzutreiben, die Familien mit jungen Kindern unterstützen. Und wir verpflichten uns, diese Arbeit gemeinsam mit Ihnen kontinuierlich auszubauen. Bitte senden Sie eine E-Mail an [email protected], um mehr über die DC:0–5-Weiterbildungsangebote von ZERO TO THREE zu erfahren.
Bemerkung der Herausgeber
Wir würdigen die Erfahrungen von Säuglingen, Kleinkindern und ihren Familien, über die und für die dieses Fallbuch geschrieben wurde. Die in dieser Publikation dargestellten Fälle spiegeln zum Teil tatsächliche Begegnungen mit Kindern und Familien wider, zum Teil handelt es sich jedoch auch um die Wiedergabe teilweise zusammengefügter Erfahrungen von Kliniker:innen mit Familien von Säuglingen/Kleinkindern. Um die Anonymität zu wahren, wurden alle Namen und identifizierenden Merkmale in den Fallbeispielen abgeändert. Dankbar und voller Respekt möchten wir sowohl unsere Anerkennung gegenüber allen Fachkräften ausdrücken, die mit den betroffenen Familien arbeiten, als auch gegenüber den Familien selbst, von denen wir lernen dürfen. Mit diesem Fallbuch möchten wir das Verständnis für die Familien von Säuglingen und Kleinkindern weiter verbessern sowie unsere Partnerschaft mit ihnen.
1Anm. d. Übers.: Die deutsche Übersetzung der DC:0–5 ist 2019 erschienen:ZERO TO THREE (2019). DC:0–5: Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit. Stuttgart: Kohlhammer
2Anm. d. Übers.: Diese Angabe bezieht sich auf das englischsprachige Original (ZERO TO THREE, 2016, 2021).
Kathleen Mulrooney
Achse I der DC:0–5: Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit (DC:0–5; ZERO TO THREE, 2016, 2021) beschreibt acht diagnostische Kategorien3 klinischer Störungen. Die numerische Kodierung für die diagnostischen Kategorien, die ähnliche Störungen zusammenfasst, wird im Folgenden beschrieben.
Teil I enthält Fallbeispiele für alle diagnostischen Kategorien. Aus jeder Kategorie werden eine oder zwei klinische Störungen wie folgt dargestellt:
10 Neurobiologische Entwicklungsstörungen (Störungen der neuronalen und mentalen Entwicklung)
–
10.2 Frühe Atypische Autismus-Spektrum-Störung
–
10.4 Überaktivitätsstörung des Kleinkindalters
20 Sensorische Verarbeitungsstörungen
–
20.1 Sensorische Überreaktivitätsstörung
–
20.2 Sensorische Unterreaktivitätsstörung
30 Angststörungen
–
30.5 Störung mit Inhibition gegenüber Neuem
40 Affektive Störungen
–
40.2 Dysregulierte Ärger- und Aggressionsstörung der frühen Kindheit
50 Zwangsstörungen und verwandte Störungen
–
50.1 Zwangsstörung
60 Schlaf-, Ess- und Schreistörungen4
–
60.6 Essstörung mit Einschränkung der Nahrungsaufnahme
70 Trauma-, Belastungs- und Deprivationsstörungen
–
70.1 Posttraumatische Belastungsstörung
–
70.3 Komplizierte Trauerstörung der frühen Kindheit
80 Beziehungsstörungen
–
80.1 Spezifische Beziehungsstörung der frühen Kindheit
Die meisten der in den Fallstudien dargestellten klinischen Störungen sind neue Störungen der DC:0–5. Die vielfältigen Falldarstellungen sollen Klinikern helfen, die diagnostischen und assoziierten Merkmale der Störungen zu verstehen und Differenzialdiagnosen in Betracht zu ziehen. Die klinischen Störungen der Achse I sind für eine vollständige diagnostische Fallformulierung nach DC:0–5 nicht ausreichend. Stattdessen müssen Einschätzungen auf allen fünf Achsen vorgenommen werden. Jeder Fall veranschaulicht den diagnostischen Prozess, die differenzialdiagnostischen Überlegungen für Achse I und die diagnostischen Eindrücke für die kontextuellen Achsen und die kulturellen Fallformulierungen.
ZERO TO THREE (2016). DC:0–5TM: Diagnostic classification of mental health and developmental disorders of infancy and early childhood.
ZERO TO THREE (2021). DC:0–5TM: Diagnostic classification of mental health and developmental disorders of infancy and early childhood (Version 2.0) (Original 2016 erschienen).
Alison E. Chavez, Yael G. Dai, Daina M. Tagavi, Frances D. Martinez Pedraza und Alice S. Carter
Die Frühe Atypische Autismus-Spektrum-Störung (FAASS; Early Atypical Autism Spectrum Disorder [EAASD]), eine in der DC:0–5: Diagnostische Klassifikation seelischer Gesundheit und Entwicklungsstörungen der frühen Kindheit (DC:0–5; ZERO TO THREE, 2016, 2021) eingeführte Diagnose, ist durch Unterschiede in der sozialen Kommunikation sowie durch eingeschränkte und repetitive Symptome bei jungen Kindern im Alter zwischen 9 und 36 Monaten gekennzeichnet. Kleinkinder, bei denen eine FAASS diagnostiziert wird, dürfen die Kriterien für eine Autismus-Spektrum-Störung (ASS) bisher nicht erfüllt haben. Im Gegensatz zu ASS, bei der alle vier Kriterien der sozialkommunikativen Symptome und zwei restriktive und repetitive Verhaltensweisen erfüllt sein müssen, erfordern die diagnostischen Schwellenkriterien für FAASS nur zwei der drei sozial-kommunikativen Symptome und eine der vier repetitiven und eingeschränkten Verhaltensweisen. Um die Diagnosekriterien für FAASS zu erfüllen, müssen die Symptome oder die Anpassungen der Betreuungspersonen als Reaktion auf die Symptome das Funktionsniveau des jungen Kindes und der Familie erheblich beeinträchtigen, d. h., es gibt Anzeichen für eine Beeinträchtigung im Zusammenhang mit den sozialen Kommunikationsunterschieden des Kindes und den eingeschränkten und sich wiederholenden Symptomen. Die Diagnose sollte dann vergeben werden, wenn die Verhaltensweisen nicht besser durch eine Sprachverzögerung, eine globale Entwicklungsverzögerung oder eine andere Psychopathologie erklärt werden können.
Die Aufnahme von FAASS in die DC:0–5 entspricht dem aktuellen Verständnis der Entstehung und des Verlaufs von ASS-Symptomen in der frühen Kindheit (Soto et al., 2016). Längsschnittstudien mit Säuglingen haben gezeigt, dass trotz großer Unterschiede in den Entwicklungsverläufen von Säuglingen, die später die vollen Kriterien für eine ASS erfüllen (Kim et al., 2016), der Beginn der ASS oft schrittweise erfolgt und durch die langsame Entwicklung sozialer Kommunikationskompetenzen gekennzeichnet ist (z. B. Ozonoff et al., 2011; Zwaigenbaum et al., 2015). Die Diagnose FAASS ist daher so konzipiert, dass sie junge Kinder unter drei Jahren erfasst, bei denen es offenbar zu Rückschritten in den sozialen Kommunikationsfähigkeiten kommt oder die die chronologischen oder entwicklungsbedingten Alterserwartungen in den sozial-kommunikativen Fähigkeiten nicht erfüllen und beginnen, eingeschränkte und sich wiederholende Verhaltensweisen zu zeigen. Junge Kinder mit aufkommenden FAASS-Symptomen können von Interventionen profitieren, die darauf abzielen, sie in Lern- und soziale Kommunikationsmöglichkeiten einzubinden. Längsschnittliche Forschungsergebnisse jüngerer Geschwister von Kindern mit ASS, die später eine ASS entwickeln, zeigen ein allmähliches Fortschreiten der ASS-Symptome (Ozonoff et al., 2011; Zwaigenbaum et al., 2015), was darauf hindeutet, dass eine frühe Diagnose von FAASS mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit verbunden ist, später alle Kriterien für eine ASS zu erfüllen. Da sich ASS-Symptome ab einem Alter von 6 Monaten durch die gesamte frühe Kindheit hindurch allmählich entwickeln (Tanner & Dounavi, 2021), sollte auf die Entwicklung weiterer Symptome bei Säuglingen und Kleinkindern mit FAASS genau geachtet werden, insbesondere auf solche, die dazu beitragen würden, die vollen Kriterien für eine ASS-Diagnose zu erfüllen (z. B. ein zweites repetitives und restriktives Verhaltenssymptom), und solche, die eine größere Beeinträchtigung für das Kind und die Familie darstellen (z. B. Verlust von Fähigkeiten, Beginn einer Schlafstörung).
Im Folgenden wird ein klinisches Fallbeispiel beschrieben, bei dem der multiaxiale Ansatz der DC:0–5 zur Diagnose von FAASS verwendet wurde. Die Familie wurde in einer interdisziplinären Ambulanz für Säuglinge und Kleinkinder vorstellig, die spezialisierte Diagnostik und Interventionen für Kinder von der Geburt bis zum Alter von 5 Jahren anbietet, bei denen ein hohes Risiko für neurobiologische Entwicklungsprobleme besteht. Der Fall hebt Merkmale der FAASS in der Abgrenzung zur Differenzialdiagnose ASS hervor und zeigt beispielhaft, wie familiäre und kulturelle Faktoren und andere Verhaltensauffälligkeiten (z. B. Hyperaktivität, Sprachverzögerungen, Essstörungen) die Diagnose der FAASS beeinflussen können.
Zum Zeitpunkt der Vorstellung war Carlos, ein Junge lateinamerikanischerr Herkunft, 16 Monate alt. Er war wegen seiner Hyperaktivität und Impulsivität zu einer umfassenden neuropsychologischen Untersuchung mit seinen Eltern überwiesen worden. Die Eltern beschrieben, dass Carlos ständig in Bewegung sei, sich in der Öffentlichkeit von seiner Familie entferne und Schwierigkeiten habe, während der Mahlzeiten sitzen zu bleiben. Zusätzlich äußerten die Eltern Sorgen über Carlos' verzögerte Sprachentwicklung, sein selektives Essverhalten und (auf Grundlage von Gesprächen mit seinen Erziehern) über sein vermindertes Interesse an Gleichaltrigen. Die Überweisung Carlos' wurde von seinem Kinderarzt veranlasst, nachdem er wegen Schwierigkeiten bei der Teilnahme an den täglichen Aktivitäten mit anderen Kindern vom Besuch der Kindertagesstätte (Kita) ausgeschlossen wurde. Die Erzieherinnen beschrieben Carlos als impulsiv, er laufe von Gruppenaktivitäten weg und verhalte sich anderen Kindern und dem Personal gegenüber aggressiv, wenn er frustriert sei (z. B., indem er sie biss). Bei Carlos seien bislang keine Entwicklungstests durchgeführt worden. Bei einem Screening mit dem Ages and Stages Questionnaire, Third Edition (Squires & Bricker, 2009) durch den Pädiater zeigte Carlos jedoch in den Bereichen Kommunikation und persönliche und soziale Entwicklung Werte, die im Grenzbereich lagen. Alle anderen Bereiche (d. h. Grobmotorik, Feinmotorik und Problemlösung) entsprachen einer alterstypischen Entwicklung. Seine Eltern waren unsicher, ob seine Hyperaktivität und seine verzögerte Sprachentwicklung dadurch zu erklären sei, dass Jungen innerhalb ihrer Familie generell motorisch sehr aktiv seien und später mit dem Sprechen begönnen.
Carlos lebte bei seiner Mutter und seinem Vater (Herr und Frau Perez), seiner Großmutter mütterlicherseits (Frau Reyes) und seiner Schwester (Maria, 6 Jahre). Obwohl zu Hause hauptsächlich Spanisch gesprochen wurde, kam Carlos in der Kita, mit seiner Schwester und beim Fernsehen mit Englisch in Berührung. Er war vier Monaten lang zweimal pro Woche zur Kita gegangen. Primär wurde er zu Hause von seinen Eltern und seiner Großmutter betreut. Ein Dolmetscher (Englisch/Spanisch) erleichterte die Kommunikation mit Carlos' Eltern während der ambulanten Vorstellung.
Die Schwangerschaft mit Carlos sei komplikationslos verlaufen. Nach Einschätzung der Mutter habe Carlos im Säuglingsalter »viel Energie« gehabt und habe viel geweint. Die Eltern berichteten, dass er immer einen geregelten Schlaf gehabt habe. Abgesehen von seinen sprachlichen Fähigkeiten, gaben seine Eltern an, dass die Meilensteine der Entwicklung im Allgemeinen normgerecht erreicht worden seien. Im Alter von 14 Monaten habe er seine ersten Worte auf Spanisch gesprochen. Zum Zeitpunkt der Untersuchung beherrschte er etwa drei Wörter und Wortannäherungen auf Spanisch. Seine Eltern berichteten, dass er seit diesen ersten Wörtern im Alter von 14 Monaten keine weiteren Wörter hinzugelernt habe. Hinsichtlich der rezeptiven Sprachfähigkeiten berichteten die Eltern, dass Carlos auf einfache verbale Aufforderungen wie »Heb den Ball auf.« nicht einheitlich reagierte. Sie berichteten, dass er hauptsächlich nonverbale Kommunikation wie Zeigen und Gestik nutze, um zu verdeutlichen, was er wolle. Darüber hinaus äußerten seine Eltern die Sorge, dass das bilinguale Aufwachsen mit Englisch und Spanisch zu seiner verzögerten Sprachentwicklung beigetragen haben könnte.
Vor der ambulanten Vorstellung wurde Carlos aufgrund von Hyperaktivität, Nichteinhaltung von Regeln und störendem Verhalten aus der Kita ausgeschlossen. Die Eltern von Carlos gaben an, dass er ein »neugieriger« Junge sei, dass die Erzieher:innen jedoch »hohe Erwartungen« dahingehend hätten, wann und wie lange er sitzen bleiben oder sich auf eine Gruppenaktivität konzentrieren müsse. Sie beschrieben beispielsweise, dass er häufig im Raum umherlaufe, während des Mittagsschlafs weine und, wenn die Erzieher versuchten, ihn abzulenken, ausdauernde Wutanfälle bekomme. Die Mutter schilderte, dass der Betreuungsschlüssel (Erzieher:innen : Kleinkinder) in der Kita ungünstig sei, und vermutete, dass diese Umgebung möglicherweise nicht gut für ihren Sohn sei. Obwohl beide Eltern zustimmten, dass Carlos oft übermäßig energiegeladen sei, erklärten sie, dass er zu Hause weniger Wutanfälle habe als von den Erzieher:innen beschrieben. Die Eltern gaben an, dass Carlos zu Hause nur während der Essenszeiten störe. Sie teilten auch mit, dass sie es nicht für entwicklungsangemessen hielten, von Carlos zu erwarten, dass er über kurze oder lange Zeiträume stillsitzen solle. Der Vater berichtete, dass er zu Hause kein unangemessenes Verhalten beobachtet habe und dass Carlos' mangelndes Interesse an Gruppenaktivitäten in der Kita als »unangepasst« bezeichnete werde. Im Allgemeinen erklärten seine Eltern, dass Carlos zu Hause mit nicht essensbezogenen Routinen gut zurechtkomme. Carlos besuchte die Kita seit 4 Monaten zweimal pro Woche. Vor seiner Aufnahme in die Kita im Alter von 12 Monaten habe die gesamte Betreuung zu Hause stattgefunden. Sie vermuteten, dass er sich nie an den Zeitplan und die alltäglichen Abläufe in der Kita gewöhnt habe.
Vor Carlos' Ausschluss aus der Kita, erklärten seine Eltern, hätten die Erzieher:innen häufig über Carlos' herausforderndes Verhalten und seine Anpassungsschwierigkeiten berichtet. Die Eltern stellten jedoch fest, dass sie erst bei den Abschlussgesprächen von den Bedenken der Erzieher hinsichtlich seines eingeschränkten Spiels und seiner eingeschränkten sozialen Interaktionen mit Gleichaltrigen erfahren hätten. Diese Bedenken bezogen sich u. a. darauf, dass Carlos andere Kinder nicht nachahme oder sich nicht am parallelen Spiel beteilige und dass er sich bei sozialen Spielen zu sehr auf das Spielzeug statt auf seine Spielkameraden konzentriere. Seine Eltern räumten ein, dass Carlos aufgrund der COVID-19-Pandemie vor Eintritt in die Kita nicht mit Gleichaltrigen in Kontakt gekommen sei. Den meisten Kontakt habe er zu seiner älteren Schwester Maria. Seine Eltern berichteten, dass er manchmal nur begrenztes Interesse daran habe, mit Maria zu spielen, aber sie nahmen an, dass dieser Mangel an Interesse auf den Alters- und Geschlechtsunterschied zurückzuführen sei. Die Erzieher:innen berichteten auch, dass Carlos bei mehreren Gelegenheiten, wenn er verzweifelt oder frustriert war, andere Kinder und seine Erzieher:innen gebissen habe. Die Eltern gaben an, dass er zu Hause nur selten beiße oder aggressiv sei.
Bezüglich seines selektiven Essverhaltens legten die Eltern von Carlos eine detaillierte Krankengeschichte vor. Nachdem Carlos' Kinderarzt bei ihm eine gastroösophageale Refluxkrankheit (GERD) und selektives Essen festgestellt hatte, überwies er die Familie an eine Beratungsstelle für frühkindliche Fütterstörungen, als Carlos 13 Monate alt war. Carlos weigerte sich damals, bestimmte Nahrungsmittel zu essen, hatte Schluckprobleme und war während der Mahlzeiten sehr reizbar. Seine Eltern berichteten, dass durch die Behandlung Carlos' in der Beratungsstelle für frühkindliche Fütterstörungen seine Schluckprobleme behoben werden konnten und sie bei der Bewältigung seiner Wutausbrüche und frustrierten Stimmung unterstützt worden seien. Er ernähre sich jedoch weiterhin restriktiv und habe auch weiterhin Wutanfälle und Schwierigkeiten, während der Mahlzeiten still zu sitzen. Laut Bericht des Kinderarztes habe Carlos seit seiner Vorstellung mit 13 Monaten auch nicht die zu erwartende Gewichtszunahme erzielt. Die Mutter berichtete, dass sich das Füttern von Carlos auf die Essenszeiten der Familie auswirke, da alle Bezugspersonen abwechselnd separate Mahlzeiten für Carlos zubereiten würden und bei ihm blieben, um ihn dabei zu unterstützen, ruhig zu bleiben und zu essen.
Carlos' Eltern berichteten, dass er und seine Schwester die erste Generation ihrer Familie sei, die in den Vereinigten Staaten geboren worden war. Carlos' Mutter und Vater seien vor fast 8 Jahren aus der Dominikanischen Republik in die Vereinigten Staaten eingewandert. Carlos' Großmutter mütterlicherseits sei kurz nach der Geburt seiner Schwester zu der Familie gezogen. Die Eltern gaben an, dass sie sich als lateinamerikanisch5/hispanoamerikanisch identifizieren und sich nicht sicher seien, wie sie ihre Ethnie in den USA bezeichnen sollten, da in ihrem Heimatland nicht auf dieselbe Weise über die ethnische Zugehörigkeit gesprochen werde. In ihrem Heimatland werde ihre Ethnie als »mulatto« oder »mixed« bezeichnet6.
Auf die Frage nach ihrer kulturellen Akkulturation beschrieben die Eltern, dass sie durch die Medien und die Schule ihrer Tochter mit der US-Kultur in Berührung gekommen seien, sich aber dennoch stark mit den Werten ihres Heimatlandes identifizieren würden. Zu den Werten, die sie als besonders relevant für die Kindererziehung bezeichneten, gehöre, dass Kinder Rücksicht auf Erwachsene nehmen (d. h. respeto), und die Konzentration auf die Familie als wichtigste Quelle sozialer und emotionaler Unterstützung (d. h. familismo). Sie berichteten, dass sie Spanisch als ihre Hauptsprache zu Hause beibehalten wollten, um die Verbindung ihrer Kinder zu ihrer kulturellen Identität zu fördern. Die Mutter berichtete von einigen Kommunikations- und potenziellen Anpassungskonflikten mit Carlos' früherer Kita, in der nur wenige der Erzieher:innen Spanisch sprachen. Die Eltern schilderten beide, dass sie Englisch besser verstehen als sprechen könnten und es deshalb vorziehen würden, Spanisch zu sprechen oder Dolmetscherdienste mit Fachkräften in Anspruch zu nehmen.
Carlos' Hyperaktivität und eingeschränkte Interaktion mit Gleichaltrigen wurde zunächst von den Erzieher:innen festgestellt, während die Sprachentwicklungsdefizite und das selektive Essverhalten erst von seinem Kinderarzt festgestellt wurden. Die Eltern stimmten den Bedenken bezüglich des selektiven Essens zu, äußerten sich jedoch ambivalenter hinsichtlich der anderen Problembereiche. So erklärten sie beispielsweise, dass Carlos' Hyperaktivität und Verzögerung in der Sprachentwicklung für Jungen in ihrer Familie üblich seien, und waren deshalb unsicher, ob sie sein Aktivitätsniveau wirklich als problematisch beurteilen sollten. Während eines klinischen Interviews äußerte die Mutter eine gewisse Besorgnis über Carlos' eingeschränkte Fähigkeit, sich am wechselseitigen Spiel mit seiner Schwester zu beteiligen, während der Vater diese Einschränkung auf geschlechtsspezifische Unterschiede im Spiel zurückführte. Beide Eltern berichteten von den Diskrepanzen zwischen den Ratschlägen der Fachleute (z. B. Kinderärzt:in, Erzieher:in) und Carlos' Großmutter, die sage, dass er »da rauswachsen wird«. Obwohl sie betonten, dass die Kita hohe Erwartungen an Carlos stelle, führten sie sein störendes Verhalten dort auf Anpassungsschwierigkeiten an die neue Umgebung mit ungewohnten Abläufen zurück. Während des klinischen Interviews gab die Mutter außerdem sich selbst die Schuld an Carlos' Fütterproblemen. Sie gab an, dass sie Carlos mehr Zeit hätte widmen sollen, um ihn an neue Nahrungsmittel heranzuführen, als er noch jünger gewesen sei, anstatt ihn zu verwöhnen oder sich danach zu richten, was er gerne esse.
Die Familie von Carlos lebte in einer Wohnung in einem multikulturellen Stadtbezirk. Carlos' Großmutter, Frau Reyes, war bei der Vorstellung nicht anwesend, aber seine Eltern bezeichneten sie zusammen mit sich selbst als Hauptbezugsperson für Carlos. Beide Eltern waren ganztags berufstätig und gaben Carlos zweimal pro Woche in die Kita, um den Betreuungsaufwand der Großmutter zu reduzieren. Die Eltern beschrieben, dass die Betreuung von Carlos in verschiedenen Umgebungen konsistent und konstant verlaufe. Der Ausschluss aus der Kita sei die einzige signifikante Unterbrechung in Carlos' Betreuungsnetzwerk. Sie berichteten, dass Carlos nur selten von sich aus mit seiner Schwester Maria spiele, diese jedoch ständig versuche, mit ihm zu spielen und ihn in die Familienabläufe einzubeziehen. Die Eltern beschrieben die aktive Präsenz ihrer Tochter als Unterstützung, aber auch als Quelle von Konflikten in der Familie. So beschrieb die Mutter, dass es ihrer Tochter beispielsweise schwerfalle zu akzeptieren, wenn Carlos bei Spielen, bei denen man abwechselnd an der Reihe ist, einfach irgendwann nicht mehr weiter mit ihr spielen wolle. Die Familie berichtete auch von starker sozialer Unterstützung durch ihre Nachbar:innen und ihre Kirchengemeinde.
Die Eltern von Carlos berichteten, dass sie ihrem Kinderarzt vertrauten, den sie als Weißen Amerikaner beschrieben, der fließend Spanisch spreche und viel Zeit in ihrem Heimatland verbracht habe. Die Eltern waren eher zurückhaltend, wenn es darum ging, Hilfe für ihre Familie außerhalb des ihnen bekannten Unterstützungsnetzwerkes zu suchen. Während der Vorstellung zeigte sich, dass es der Familie leichter fiel, eine Beziehung zum Dolmetscher aufzubauen, was dem Behandlungsteam den Kontakt zur Familie erleichterte. Die Mutter beschrieb, dass sie vor kurzem Hilfe von einer Beratungsstelle für frühkindliche Fütterstörungen angenommen habe, nachdem der Kinderarzt Carlos dorthin überwiesen hatte. Abgesehen von dieser Beratung gaben die Eltern an, dass sie niemanden kannten, der verhaltensmedizinische Programme für Kinder in Anspruch genommen habe. Die Erstvorstellung wurde von einer nichtlateinamerikanischen Weißen Therapeutin mit einem zweisprachigen lateinamerikanischen Dolmetscher durchgeführt.
Insgesamt weist die Erfassung des kulturellen Hintergrundes darauf hin, dass Carlos' Entwicklung und Verhalten durch die kulturellen Werte und Praktiken seiner Familie geprägt sind. Da Carlos der erstgeborene Sohn von Eltern ist, die in die Vereinigten Staaten ausgewandert sind, legten seine Eltern großen Wert darauf, ihm die Werte ihres Heimatlandes nahezubringen und ihm unter anderem Spanisch beizubringen. Sie brachten zum Ausdruck, dass sie die Familie als Quelle sozialer und emotionaler Unterstützung schätzen. Dies könnte darauf hindeuten, dass Therapeut:innen erkennen müssen, dass sie aufgrund unterschiedlicher kultureller Werte eine separierte Rolle einnehmen und dass eine therapeutische Intervention zu Spannungen innerhalb der Familie führen könnte. Carlos' Großmutter meinte zum Beispiel, dass Carlos aus seinen Verhaltensproblemen herauswachsen würde, aber Carlos' Eltern reagierten dennoch auf die Bedenken des Kinderarztes und der Beratungsstelle für frühkindliche Fütterstörungen. Ihre kulturelle und familiäre Geschichte beeinflusste jedoch auch ihre Bedenken. Die Jungen in ihrer Familie hätten alle insgesamt erst später gesprochen als die Mädchen und seien motorisch aktiver gewesen als diese. Sie seien jedoch alle ohne therapeutische Unterstützung aus diesen Problemen herausgewachsen. Außerdem hatte die Familie eine starke soziale Unterstützung in ihrer Gemeinde. Eine persönliche Stärke der Familie bestand darin, dass sie Carlos beharrlich in die alltäglichen Abläufe einbezog und nur bei den Essenszeiten Ausnahmen machte. Da die Familie ein großes Vertrauensverhältnis zum behandelnden Kinderarzt hatte, war es wichtig, diesen über die Ergebnisse der Vorstellung zu informieren.
