Deadline - Jo Köhler - E-Book

Deadline E-Book

Jo Köhler

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Beschreibung

Die Kritik an meinem letzten Buch und vor allem an meiner Autorenpersönlichkeit hat mich getroffen: demzufolge versuche ich mich wie ein Boxer, der Knockout gegangen ist, nun wieder zu berappeln, die Situation, wie sie ist, anzunehmen und das, was es für mich bedeutet, wie einen geheimen Schatz zu betrachten, aus dem sich neue Energie schöpfen lässt. Mein großer Kollege Theodor Fontane sagte dazu: du sollst das Gegebene lieben und für das Kommende leben! Man kann das nicht oft genug unterstreichen. (Jo Köhler)

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Seitenzahl: 78

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Für Margarete

Inhaltsverzeichnis

Vorwort von Aurelia Wendt

Gereist

Ausgedehntes Universum

Der Eingebung

Scheherazade

Kodifiziert

Gerettet II

Zufluss 1: Über das Schreiben

Zuteil

Der Selbststeuerung

Kosmografisch

Memoiren

Der Unvollendete

Warum ich schreibe

Zufluss 2

Neue Zeit

Altgeworden

Codiert

Verwaist

Herbstgedicht

Niemandsinsel

Mit Wortgewalt ist auch Gewalt!

Lerne zu schweigen

ins andere

Burnout

Alles zu seiner Zeit!

Rede von Kunst und Kultur

Rede von Glück

Zufluss 3

Geteilt

Gefastet

beunruhigungen

Grauenhaftes Glück

Gefügt II

Gesundheit

Geirrt

Gegenentwurf

Kai-Zen

Allerheiligen

Lob auf den Schweinehund

Zufluss 4

Zirkuliert

Psychohygienisch

Quadratur

Gealtert

Kosmologisch betrachtet

Regentropfen-Prélude

Klimakonferenz

Farbenspiel

Nachhaltigkeit

Überfluss

Entglitten

Zufluss 5

Himmelsnähe

Im Kreis

In Fluss

Deadline

Verwirklicht

Lauf der Zeit

Einkommen oder Auskommen, das ist hier die Frage!

Live

Fin

Zufluss 6

Schadenfall

Eine merkwürdige Weihnachtsgeschichte

Reset

Verschwiegen

Gerätselt

Überrascht

Herrschaftszeiten

Erfolgsgeschichte

Wie im Märchen

Zufluss 7

Mittelbar

Politische Lage

Fortsetzung der Geschichte

Kein Wort

Modell der Wirklichkeit

Gepriesen II

Selbsterhalt

Konstruktivistisch

Gratwanderung

Mitgefühlt

Ideenfluss

Advent

Zufluss 8: Der geschenkte Mensch

Der geschenkte Mensch

Identisch

Zivilcourage

Zufluss 9

beunruhigungen

Quergedacht

Faszinosum Donald Trump

Autoaggressiv

Gepriesen III

Fluchtgedanken

Politische Software

One Life

Reanimation

Wir

Kurze Geschichte der Menschheit

An keinem Tag

Zufluss 10: Oder Versuch einer Annäherung

Ich wünschte

Großwetterlage

Anonymous

Sichere Seite

Die Aushebelung der Welt

Winterende

Inkludiert

Für Influencer

Das Leben II

Sei getröstet

Wie die Zeit vergeht

Frühlingshaft

Imagine

Als Zugabe

ZEN II

Endzeit

Holzweg

Surrogat

Zur Person

Vita

Vorwort von Aurelia Wendt

Wenn ich den Begriff „Miniaturen“ auf dem Buchdeckel lese, muss ich an kleine, feine Malereien oder an winzige Porzellanfiguren denken. Zwar sind es keine Kunstgegenstände, die uns Jo Köhler in dieser Lektüre präsentiert, aber seine literarischen Miniaturen haben durchaus den Charakter von kleinen Kunstwerken. So beschreibt der Autor das Leben bildhaft als „Achterbahnfahrt der biochemischen Prozesse vom Kopf über den Bauch zu den Füßen und wieder zurück“ oder lässt vor unseren Augen malerisch „einen ganzen Schwarm aufgeregter Wildgänse“ auftauchen, die „in Wirklichkeit aber Kinder auf einem Schulhof sind“.

Jo Köhler konzentriert sich auf das Schreiben kurzer Texte. Er bringt Gedichte, Essays und Gedanken in durchgängig knapper Form zu Papier. Selten gehen seine Texte oder Sätze über mehr als eine Seite hinaus - stattdessen füllen hier und da nur wenige Wörter oder Satzteile eine komplette Buchseite. Jo Köhlers kürzestes Gedicht kommt sogar mit lediglich sechs Wörtern aus: „Überfluss / ist / der Beginn / jeder / Quelle“.

Zwischen seinen Gedichten streut der Autor stellenweise Gedankensplitter ein. Trotz aller Knappheit habe ich jedoch nie das Gefühl, dass inhaltlich etwas fehlt oder ergänzt werden müsste. Es gibt nichts hinzuzufügen, wenn Jo Köhler empfiehlt: „Besser / wäre gewesen, / du hieltest dich / an keine Ratschläge / schon gar nicht / an deine eigenen.“

Das gleiche Schreibprinzip finden wir in seinen Essays. Der Autor fokussiert sich auf das Wesentliche. Hervorsticht sein „Minimalistisches spirituelles Essay“, in dem er über den Begriff „Eingebung“ sinniert: „Ich denke manchmal sie durchdringt uns wie die Neutrinos, (…) die aus dem All kommen und ununterbrochen auf uns niederregnen“.

In seinen Essays greift Jo Köhler brandaktuelle Themen auf und beschäftigt sich kritisch mit dem Zeitgeschehen. „Was früher einmal das Volk war, sind jetzt die Follower, welche von den Digital-Oligarchen an der Nase (…) durch die Arena gezogen werden,“ analysiert der Autor. Es ist der Trubel um Social Media und Digitalisierung, der ihm offensichtlich nicht behagt, da „jeder, der sich angreifbar macht, digital sofort geköpft, geteert und gevierteilt wird“. Köhlers Kritik wirkt immer fundiert und durchdacht. „Von Altersdiskriminierung in der digitalen Welt“ will er lieber gar nicht erst reden.

Stattdessen empfiehlt der Autor, einfach mal zu schweigen. „Vor allem dann / wenn man glaubt / etwas sehr / sehr Wichtiges / sagen / oder erklären / zu müssen.“ Das Motto „Lerne zu schweigen“ beherzigt Jo Köhler in diesem Werk offensichtlich selbst. Er gibt weniger von sich preis als gewohnt, hält sich mit Selbstanalysen zurück und wirkt dadurch distanzierter. Zudem scheinen die literarischen Miniaturen manchmal wie zufällig zusammengewürfelt, ohne vorgegebene Struktur.

Beibehalten hat der Autor seine offensive und herausfordernde Art. Unerschrocken geht er kontroverse Themen an und erlaubt es sich, gegen den Strom zu schwimmen.

Gleich in zwei Essays nimmt er sich den umstrittenen US-Präsidenten Trump vor und kritisiert ihn als „Baggerfahrer ohne Führerschein“ oder als „trotziges Kind, das mal hierhin springt und mal dahin.“ Gleichzeitig zollt er Trump Anerkennung, da dieser „tatsächlich neue und unerwartete Denkräume aufstößt“. Dazu liefert Köhler durchaus nachvollziehbare Argumente oder gibt zumindest einen Impuls zum Nachdenken, wenn er schreibt: „Er redet nicht nur darüber, dass die Dinge sich ändern müssten, sondern zwingt die Welt (…) sich neu zu sortieren.“

Was der Autor gar nicht mag, ist Untätigkeit, die er in einem Mini-Essay anprangert: „Nicht etwa, ob du bloß das Gute willst, sondern ob du es auch bewirkst, ist das Maß aller Dinge.“ Jo Köhler fürchtet globalen Stillstand und fordert ein gesellschaftliches Umdenken: „Sie tun so. Als wüssten sie mehr. Ich auch. Und denken nicht daran. Dass der andere. Der oder die. (…) Auch recht haben könnten.“

Während sich der Autor über die politische Lage den Kopf zerbricht und sich eine bessere Welt herbeiwünscht, beobachtet er gleichzeitig „eine wachsende Sehnsucht nach dem großen Knall“. Über alledem jedoch verliert er keineswegs die kleineren Träume und Visionen aus dem Auge. „Ich wünschte / ich könnte / ein klitzekleines / Lächeln / auf dein Gesicht (…) zaubern“, hofft Jo Köhler in einem Gedicht. Ein bescheidener Wunsch, den wir Leserinnen und Leser ihm an der einen oder anderen Stelle sicher erfüllen werden.

Aurelia Wendt

Germanistin, Journalistin

Buchrezensentin – auch für den Hörfunk

Gereist

Ich weiß nicht,

was man tun muss,

um anzukommen,

ich verfüge

über keinerlei

Erfahrung darin,

ich weiß nur,

was man tun muss,

um unterwegs zu sein

Ausgedehntes Universum

Hätte es nie gedacht,

aber mit jedem Tag

wird das Glück,

das ich

mit dir erlebe,

größer

Der Eingebung

Oder dem Heiligen Geist

Ich denke manchmal,

sie durchdringt uns wie die Neutrinos,

diese winzigen unsichtbaren Teilchen,

die aus dem All kommen

und ununterbrochen auf uns niederregnen

Wie ein Kontinuum, das uns

immanent ist

Wir sind bloß nicht immer in der Lage

zu verstehen, was es uns sagen will,

je nach Reife oder Sensibilität

seine Sendung zu empfangen,

uns bewusst zu machen

In unserem Radio die richtige Frequenz

zu finden, über die es uns erreichen

und durch uns wirken kann

Minimalistisches spirituelles Essay

Scheherazade

Eine über tausendjährige Erfolgsgeschichte

Wichtig ist nicht, welchen Status, welches Profil oder Image du besitzt, sondern ob du eine Geschichte hast. Du existierst noch lange nicht, nur weil du vielleicht einen Namen, einen Beruf oder eine Identität hast, sondern erst – durch die Geschichte, die dein Leben erzählt.

Dazu eine Buchempfehlung

„Ich wollte damit Schluss machen, dass Frauen immer erst etwas geben müssen, bevor sie etwas bekommen können!“ sagt die Autorin Joumana Haddad zu ihrem Buch: „Wie ich Scheherazade tötete“

Nicht umsonst tötet sie die Geschichtenerzählerin aus Tausend-und-einer-Nacht in ihrem Buch mit den Händen der Lilith, die nach einer alten jüdischen Legende die erste Frau Adams gewesen und wie er aus Erde und nicht wie Eva aus einer Rippe des Mannes geschaffen – ihm also ebenbürtig war.

Kodifiziert

Wenn wir

immer mehr

von dem,

was wir

für schön,

wahr

und gerecht

halten,

zu einem

moralischen

Begriff,

ja zu einer

moralischen

Norm

erheben,

die keinen

Widerspruch

duldet

Meiner Schwester

Meinem Bruder

Gerettet II

Wenn nur einer

von uns

sich ein Herz

fasste

über seinen Schatten

spränge

auf den anderen

zuginge

ihn versöhnlich

anschaute

ihm aufmerksam

zuhörte

und

es für einen Moment

gelten ließe

was hindert uns

daran

Zufluss 1

Über das Schreiben

Zuteil

Jedes Mal,

wenn in unserem

Denken

oder Gedanken-

gebäude

etwas zu Bruch

geht,

zerbricht

auch ein Teil

der Sprache,

mit der wir

es erbaut,

benannt

und beschrieben

haben

und

wir müssen

dann eine neue

vielleicht sogar

ganz andere

finden

Der Selbststeuerung

In der Liebe

und im Schreiben

ist so gut wie alles erlaubt

deshalb fühle ich mich

oft wie ein Kapitän

auf einem Schiff

in unsicheren Gewässern,

der sich vorsichtig

durch den Nebel tastet

und hofft,

einen Weg – eine Passage

zu finden

Kosmografisch

Ein literarischer

Prozess umfasst Vieles,

die Entstehung

der Welt zum Beispiel

ist vielleicht

aus göttlicher Sicht

auch sowas

wie ein literarischer

Prozess,

von dem wir

selbst ein Teil, ein Atom

davon sind

wie in einem

kosmografischen Roman,

der alles enthält,

was Geistmaterie

sich vorstellen kann,

wenn sie uns kommen

und gehen lässt,

ihre Energie

ist unsere Energie

und die war

schon lange da,

bevor es uns

gab

Memoiren

Auf die Frage, was rückblickend

für ihn das Beste

und was das Schwierigste,

antwortete er:

Die Wandlung

oder anders gesagt