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Der Maschinenbauingenieur Michael Harris muss auf dem Terraformer-Planeten Deidalus nicht nur Sandstürme bewältigen, sondern auch noch die Streitigkeiten schlichten, die der aggressive Techniker Curtis immer wieder anzettelt. Dabei ist Curtis gar nicht so schwulenfeindlich, wie er immer vorgibt zu sein …
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Norma Banzi
© dead soft verlag Mettingen, 2007
© dead soft verlag, Mettingen 2014
© by Norma Banzi/ Edition Banzini
Cover: Irene Repp
http://daylinart.webnode.com/
Bildrechte:
Mechaniker: wernerimages – fotolia.com
Hintergrund: Marlene DeGrood – fotolia.com
http://www.deadsoft.de
http://www.banzini.de
2. überarbeitete Auflage 2014
ISBN 978-3-943678-67-3 (print)
ISBN 978-3-943678-68-0 (epub)
Terraformer waren es gewohnt, in karg möblierten Containern auf tristen Planeten zu hausen. Dies war Teil ihres Berufes. Dennoch wälzte sich Mike unruhig auf seiner Pritsche. Glücklicherweise stand ihm als Ingenieur ein eigener Wohncontainer zu. Er musste nicht in einer der riesigen Unterkünfte hausen, in denen die in Reih und Glied gestapelten Schlafelemente nur eine minimale Privatsphäre boten. Seine Anspannung hätte jeden Elementnachbarn verrückt gemacht.
Mike führte seine Ruhelosigkeit auf die Abwesenheit seines geliebten delairianischen Ehemannes Tin zurück. Ohne ihn fühlte Mike sich isoliert. Nicht nur der Delairianer litt unter den beruflichen Trennungen. Früher hatten sie jeden Auftrag gemeinsam ausgeführt. Dies war unmöglich geworden, als Tin vor einigen Jahren nach einem schwerwiegenden Vorfall mit einem Vorgesetzten dauerhaft auf der schwarzen Liste der Terraformer-Gesellschaften gelandet war und seitdem nicht mehr engagiert wurde. Tin hatte wenigstens die beiden Ehefrauen als Gesellschaft.
Fluchend erhob sich Mike von seinem Bett und streifte sich seine Kleidung über. Er wollte in die Bar des Lagers gehen. Vielleicht ließ sich dort jemand aufreißen, der ihm über seine Sehnsucht nach seinem Ehemann hinweghalf.
Als Mike die Bar betrat, schrie ein kräftiger Martika-Mann: „Michael Harris!“
Weil Mike ihm zuwinkte, stieß der Martika seinen imposanten Leib von der Bar ab und ging auf ihn zu. „Bist du auch mal wieder auf Deidalus?“, fragte der Riese. Er umarmte Mike mit seinen überlangen Armen und hob ihn hoch.
„Lass mich runter, Groll!“, fluchte Mike. Der Martika stellte ihn auf die Füße zurück.
„Wo ist dein glatzköpfiger Ehemann?“, fragte Groll. Er zog Mike zu der Bar und nötigte ihm einen grünlich schimmernden Drink auf. Das Getränk hieß im Terraformer-Jargon grünes Wasser, obwohl es alles andere als wässrig war. Da hochprozentiger Alkohol in Terraformer-Lagern verboten war, deklarierte man den Kräuterschnaps bei der Einfuhr einfach als grünes Wasser. Nicht einmal die Aufsichtsbehörde ließ sich dadurch täuschen, doch mit der Umbenennung des Getränkes war den Vorschriften genüge getan.
„Tin befindet sich immer noch auf Delair.“
„Seid ihr nicht mehr zusammen?“, wunderte sich Groll.
„Doch, sind wir. Er kümmert sich um die Familie.“
„Weißt du nicht, dass Tin nicht mehr engagiert wird, seit er ein Projekt ruiniert hat?“ Eine Frau, die neben Groll an der Bar stand, mischte sich in ihr Gespräch ein.
„Tin war es nicht, der das Projekt ruiniert hat, Janice“, zischte Mike seine Kollegin aus der Computerabteilung an.
„Jedenfalls wurde es dem Delairianer in die Schuhe geschoben“, mischte sich ein katzenähnliches Wesen vom Planeten Rastori ein. „Mike wäre auch beinahe auf der schwarzen Liste gelandet.“
„Mrress! Halt die Klappe!“
„Seit Jahren verteidigt Mikie seinen Liebsten“, lachte das weibliche Katzenwesen. Sie legte ihre mit scharfen Krallen ausgestatteten Hände an Mikes Wange. Im Augenblick waren die Krallen eingezogen. Doch Mike wusste, wie schnell sich dies ändern konnte.
„Noch eine Runde grünes Wasser“, bestellte der Riese. Martika hatten eine Größe von 2,20 Metern. Ihre Arme waren länger als die eines durchschnittlichen Humanoiden, wobei in der Liga als humanoid galt, wer Beine und Arme in beliebiger Zahl hatte, mehr oder weniger aufrecht ging und im weitesten Sinne ein lebend gebärendes intelligentes Säugetier war. Die außergewöhnlichen Körperkräfte der Martika waren in Außenteams von Terraforming-Gesellschaften geschätzt.
„Groll! Die Menschen vertragen nicht so viel grünes Wasser“, sagte der Barmann, ein bunt schillernder Insektoider. Dank seiner unzähligen Arme konnte er Cocktails in einer Geschwindigkeit mixen, die jeden menschlichen Barmann vor Neid erblassen ließ. Leider konnte er diese Fähigkeit in seinem jetzigen Job nur selten einsetzen, da Terraformer lieber Bier tranken. Er gehörte zu einer ansehnlichen Spezies. Deshalb ertrugen es die Humanoiden in seiner Nähe. Andere der Liga angehörenden Insektoidenvölker blieben lieber unter sich. Sie ekelten sich genauso vor den Humanoiden wie diese sich vor ihnen. Der Barmann war eigentlich eine große Raupe. Irgendwann würde er sich verpuppen und als intelligenter Schmetterling schlüpfen.
„Dann eine Runde Bier!“, entgegnete Groll schul-terzuckend.
„Ist niemand hier, den du abgreifen könntest?“, sagte Janice zu Mike.
„Was soll das denn heißen?“, fragte Mike ungehalten.
Mrress schmiegte ihren knapp bekleideten Körper an Mike. Er kraulte ihr das Rückenfell.
„Wir wissen doch, dass du auf Männer stehst. Die Jungs hier gehen aber lieber mit Frauen ins Bett“, schnurrte sie und zeigte dabei auf einige junge Arbeiter, die in Gesellschaft von Liebesdienerinnen Billard spielten.
„Eure freundliche Sorge um meine Entspannung ist rührend“, sagte Mike ironisch. Er wusste, dass Mrress und Janice Recht hatten. In einem von Menschen dominierten Terraformer-Lager waren homosexuelle Verhaltensweisen unter den Angestellten und Arbeitern eher die Ausnahme. Wer gleichgeschlechtlich orientiert war, brachte besser seinen Partner mit ins Lager. Bei kleinen Lagern war dies sogar Vorschrift. Einige Holokammern boten schwule Programme an. Der Besuch in einer Holokammer war jedoch teuer und nur ein schwacher Abglanz der Wirklichkeit.
Mit taxierendem Blick musterte Mike die Männer in der Billard-Ecke. Mit zunehmendem Lager-Koller würde der eine oder andere von ihnen wahrscheinlich zugänglicher werden.
Einer der Männer bemerkte Mikes Blick. Für einen Moment erwiderte er ihn augenzwinkernd, um sich dann wieder der Frau zuzuwenden, die er umschlungen hielt. Mike griff sich sein Bier. Gutmütig hörte er zu, wie Groll von seinem ersten Kind erzählte. Eine Martika-Frau überließ die Pflege des Säuglings ihrem Ehemann. Deshalb hatte Groll einen großen Fundus von Baby-Anekdoten. Die ganze Zeit hatte Mike die Billard-Spieler im Blickfeld. Als er ein zweites Mal in die Augen des Arbeiters blickte, hob er grüßend seinen Krug in dessen Richtung, bevor er trank. Der junge Mann wurde jedoch von einem seiner Kollegen abgelenkt. Er war an der Reihe, die Billard-Kugeln aufzubauen. Während seines Spieles kümmerte er sich nicht um Mike. Die Arbeiter spielten um Geld, deshalb ließ er sich offenbar durch nichts ablenken. Nachdem er gewonnen hatte, wanderte sein Blick wieder zur Bar. Mike strich sich auf eine bestimmte Art mit der Hand über den Schenkel. Es war eine Geste aus der homoerotischen Symbolsprache der Ul`cha-Krieger. Der Arbeiter reagierte nicht. Vielleicht war ihm das Symbol unbekannt. Menschen verwendeten die Symbole der Ul`cha nur selten. Oder Mike hatte sich geirrt. Er wurde von Janice abgelenkt, die ihn in eine Diskussion über ein Computerprogramm verwickelte, das für die Steuerung großer Baumaschinen verantwortlich war.
Plötzlich spürte er eine Schulter an seinem Rücken. Er drehte vorsichtig seinen Kopf und bemerkte den fremden Arbeiter. Dieser bestellte für seine Kollegen Bier. Als sich Mike umdrehte, nickte der junge Mann ihm zu. Ein leichtes Kribbeln durchlief seine Lenden. Also hatte er mit seiner Einschätzung doch richtig gelegen. Noch fünf Minuten unterhielt sich Mike mit Janice.
„Ich haue mich besser wieder in meine Koje“, sagte er dann und gähnte demonstrativ. „Die Umstellung liegt mir noch in den Knochen.“
Janice nickte mitfühlend. Die Umstellung war für jeden eine erschöpfende Angelegenheit, sogar für die robusten Martika, und Mike befand sich erst seit wenigen Tagen auf dem Planeten, der eine höhere Gravitation als Delair aufwies.
Ohne Eile schlenderte Mike in Richtung Ausgang.
„Hallo! Ich bin Ben“, fing der Arbeiter ihn an der Eingangstür der Bar ab. Er lehnte lässig an der Wand. „Weißt du einen Ort, an den wir uns zurückziehen können?“
„Wir gehen zu mir“, antwortete Mike. Er hob seine Hand und strich Ben durch die rotblonden, kurzen Haare. Der schloss für einen Augenblick genießerisch die Augen mit den langen, blonden Wimpern und trat dann einen Schritt zurück, so, als fürchte er sich davor, beim Austausch von Zärtlichkeiten mit einem anderen Mann erwischt zu werden.
„Ich will aber nicht, dass jemand merkt, dass ich mit Männern ficke“, sagte Ben abweisend.
„Ich habe einen eigenen Container.“
„Bist du Ingenieur oder was?“
„Genau! Ich bin für die großen Maschinen zuständig.“
„Bist du Harris?“, fragte Ben nachdenklich.
„Genau! Stört dich das etwa?“
„Nein!“, antwortete Ben gedehnt.
„Dann komm!“ Mike setzte sich in Bewegung. Er achtete nicht darauf, ob seine Eroberung ihm folgte. Aber er hörte dessen Schritte hinter sich. An seinem Container angekommen, tippte er den Öffnungscode in die Verriegelungstastatur. Die Tür sprang auf. Mike ließ seinen Gast zuerst eintreten.
„Mann, ist viel bequemer als der Schlafsaal der Arbeiter.“
„Du verdienst als Terraformer viel Geld oder nicht?“, wandte Mike ein. Die Tür schloss er mit einem Stoß seines Stiefels.
„Ich beschwere mich nicht. Es ist nur so, dass man im Schlafsaal nicht viel Privatsphäre hat. Manche Jungs nehmen eine Frau aus der Bar oder eine Kollegin mit in ihr Schlafelement. Aber es ist schwierig, wenn man andere Interessen hat, solche wie ich, besonders in einem kleinen Lager wie diesem. Du kennst doch die Regeln.“
„Komm her!“, befahl Mike.
Ben stellte sich vor ihn hin. Die Männer blickten sich forschend in die Augen. Jäh fielen sie sich in die Arme. Ihr Kuss war fast schmerzhaft. Ben war ungeduldig, zerrte an Mikes gefütterter Jacke. Ohne den Kontakt ihrer Lippen zu unterbrechen, streiften die Männer ihre Jacken ab.
„Fick mich, oder ich werde verrückt. Seit meinem letzten Urlaub hatte ich keinen richtigen Sex mehr“, keuchte Ben.
Mike tat ihm den Gefallen.
„Wer ist das?“, fragte Ben später und zeigte dabei auf ein Foto, das Mike an der Wand neben seinem Bett befestigt hatte. „Sieht aus wie ein Delairianer.“
„Mein Ehemann Tin“, murmelte Mike im Halbschlaf.
„Du bist mit einem Delairianer verheiratet?“, wunderte sich Ben.
„Seit zwanzig Jahren.“
„Mann! Delairianische Männer sollen ja scharfe Teile sein. Ich hatte leider noch keinen. Auf meiner Heimatkolonie gibt es nicht viele Möglichkeiten, mit anderen Rassen als mit Urtha in Kontakt zu kommen. Außerdem gibt es bei Terraforming-Jobs kaum Delairianer.“
„Mein Mann ist Terraformer, Biologe.“
„Sieht gut aus, dein Glatzkopf. Weshalb hast du ihn nicht mitgebracht?“, fragte Ben neugierig.
„Kau mir nicht das Ohr ab“, brummte Mike.
„Ich muss sowieso los, bevor meine Elementnachbarn sich wundern, wo ich bleibe. Kann ich deine Dusche benutzen?“
„Bedien dich!“, entgegnete Mike.
Ben trat in die Duschkabine des Containers und drehte das Wasser auf. Mit sinnlichen Bewegungen verteilte er Waschgel auf seinem Körper. Er machte aus dem einfachen Vorgang der Körperpflege eine Show für Mike. Dabei strapazierte er dessen Wasserkontingent. Es schien, als habe Ben vergessen, wo er sich befand. Seine Augen waren geschlossen. Langsam tastete er über seinen beträchtlichen Bizeps. Als er Seifenschaum über seine athletische Brust verteilte, seufzte er auf. Mit den Daumen strich er über seine rosigen Brustspitzen. Neckisch rieb er sie. Mike schwieg wegen des Wassers und genoss den Anblick, der ihm geboten wurde. Als Ben seine Nippel mit Zeigefinger und Daumen in die Zange nahm, ließ Mike im Bett seine Fingerspitzen an seinen Beckenknochen entlangfahren. Der junge Arbeiter hielt sich nicht lange mit seiner Brust auf. Er presste erneut Duschgel auf seine Handflächen und rieb es auf seinen Bauch, zunächst mit schnellen Bewegungen, damit sich genügend Schaum bildete. Dann tastete er jeden Waschbrettmuskel einzeln ab. Forschend blickte er zu Mike, der mittlerweile sein prall gewordenes Glied umspannte. Mike bemerkte seinen Blick. Anzüglich schob er seine Vorhaut zurück.
„Mann, du könntest mir den Rücken waschen!“, sagte Ben mit heiserer Stimme.
„Den Rücken?“, fragte Mike kühl.
„Wasch mir, was immer du willst, aber komm zu mir!“, keuchte Ben. Auch er nahm sein Glied in die Hand. Lasziv erhob sich Mike vom Bett und schlenderte zu seiner Duschkabine. Als er eintrat, zog Ben ihn sofort in seine Arme.
„Du hast einen geilen Körper“, gurrte Ben ihm ins Ohr. Mike war etwas massiger und gedrungener als der schlanke Ben, doch er war mit seinem Körper zufrieden. Ungeduldig nahm Ben die Geltube auf und drückte sie Mike in die Hand.
„Dreh dich um“, befahl Mike. Während Ben sich umwandte, presste Mike eine große Portion Gel auf seine Hand. Damit behandelte er Bens Rücken, bis dieser vor Schaum ganz weiß war. Nun tastete er sich weiter zu dem strammen Po vor. Als Ben die Hände auf seinen Pobacken spürte, stützte er sich an der Duschwand ab und beugte sich. Mike lachte leise über diese offensichtliche Einladung. Ausdauernd erforschte er die Kerbe. Er strich immer wieder die Rosette entlang, ohne sich näher mit ihr zu beschäftigen; eine süße Folter für Ben. Schon wollte jener protestieren, als Mike durch seine leicht gespreizten Beine griff.
„Ja!“, keuchte Ben unter den schmerzhaft zupackenden Fingern. Mike zog eine Hand wieder zurück in die Spalte.
Obwohl Ben ihn die ganze Zeit ersehnt hatte, kam er nun überraschend, der Zeigefinger Mikes, der zielstrebig in sein Loch getrieben wurde. Die Heftigkeit seiner dadurch ausgelösten Zuckung schleuderte Ben gegen die Wand der Duschkabine. Die andere Hand führte Mike um ihn herum und bemächtigte sich des prallen Schwanzes. Er rieb ihn fest. Eine zweite Zuckung ging durch Ben, als Mike den Druck auf die Prostata verstärkte und ihr eine Massage zukommen ließ.
„Bei den heiligen Hunden der Urtha“, keuchte Ben. „Fick mich!“
Mike zog seinen Finger zurück, verteilte etwas Seifenschaum auf seinem Schwanz und stieß ihn in den Hintern seines Spielgefährten. Aber er hielt sich zurück.
Mürrisch setzte sich der Techniker Curtis Meyer zu seinen Kollegen an einen der vielen Tische der Speisebaracke. Als er das Tablett mit seinem Frühstück auf den Tisch knallte, schepperte das Geschirr mahnend. Sein links neben ihm sitzender Kollege Ben Becker sandte ihm einen forschenden Blick und musterte ihn vorsichtig abschätzend.
Wie so oft hatten Ben und der Halb-Ul`cha Korth für Curtis einen Stuhl zwischen ihren Plätzen freigehalten. Nicht etwa, dass Korth und Ben nicht miteinander zurechtkamen. Es war ihre Art des kollegialen Respekts Curtis gegenüber. Auch im Schlafsaal lag seine Schlafkabine zwischen denen der beiden Männer. Obwohl die drei Techniker ihre Arbeitsperioden nicht bewusst aufeinander abstimmten, waren sie bereits das vierte Mal hintereinander zusammen in einer Arbeitsgruppe eingeteilt und in denselben Schlafsaal einquartiert worden. Zwischen ihnen hatte sich eine gewisse Gewohnheit eingependelt. Sie hatten kaum Streit miteinander, obwohl zumindest Curtis und Korth keiner Rauferei aus dem Weg gingen oder selbst die Ursache dafür waren. Beide Männer zogen den Ärger an.
Korth, weil seine ausgeprägten farbigen Stirnhornschuppen seine Abkunft von einer kriegerischen Spezies weithin sichtbar machten. Auch wenn er auf der Erde bei seiner menschlichen Mutter aufgewachsen war, gefiel ihm die Rolle des aggressiven Halb-Ul`cha jedoch sichtlich, und er spielte sie gut.
Curtis provozierte seine Umgebung nur allzu gern mit scharfzüngigen Bemerkungen. Es gab kaum eine Gruppe, der er noch nicht auf die Zehen getreten war. Mit besonderer Hartnäckigkeit hatte er es auf schwule Männer abgesehen. Wann immer er einem bekennenden Schwulen begegnete, setzte er ihm durch Sticheleien zu. Die Reaktionen der von ihm gepiesackten Männer reichten von Schulterzucken über humorvolle Bemerkungen bis hin zu entnervtem Zuschlagen. Seltsamerweise legte sich Curtis nie mit solchen Männern an, die aus irgendwelchen Gründen ihre gleichgeschlechtlichen Neigungen lieber für sich behielten. Auf seine Weise war er diskret und sogar tolerant. Vor fünf kosmischen Standardjahren war die schwulenfeindliche Bruderschaft zur Aufrechterhaltung von Sitte und Anstand auf ihn aufmerksam geworden und hatte versucht, ihn zu rekrutieren. Curtis arbeitete damals in einem der großen Terraformerlager, wo die verschiedensten politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen für ihre Interessen werben durften. Seine große Klappe brachte ihm fast ständig ein ramponiertes Gesicht ein. Die Bruderschaft setzte ein junges, in der Mitgliederwerbung noch ziemlich unerfahrenes Mitglied auf ihn an, weil sie ihn wegen seiner deutlich schwulenfeindlichen Äußerungen für leichte Beute hielt. Curtis, der die Bruderschaft nicht ausstehen konnte, machte den Mittelsmann betrunken und schleppte ihn in eine der Schwulenbars des Lagers.
Ben, zu jener Zeit noch Auszubildender, sah den schmutzigen Scherz Curtis' auf Kosten des Bruderschaftlers aus nächster Nähe mit an. Er befand sich gerade in den Armen eines Schweißers, als Curtis den Bruderschaftler in den Darkroom der Bar bugsierte. Weil er von Curtis in dem schummrigen, gleichwohl nicht völlig abgedunkelten Raum nicht erkannt werden wollte, versteckte Ben sich hinter seinem breitschultrigen, damaligen Liebhaber. Verwundert stellte er fest, wie gut sich Curtis in einer Schwulenbar zurechtfand. Curtis sprach drei Männer von den Tigern an, die ihn zu kennen schienen. Da ihr Liebesspiel noch nicht die heiße Phase erreicht hatte, hörten sie ihm zu. Die Schwulenorganisation der Tiger führte Curtis weder damals noch heute auf ihrer schwarzen Liste, ein weiterer Punkt, den Ben nie verstanden hatte. Es waren schon Personen wegen einer einzigen, vielleicht unbeabsichtigten, schwulen-feindlichen Bemerkung in das Kreuzfeuer der Tiger geraten. Die Tiger hatten Einfluss auf der Erde und auch auf Deidalus. Eine Intervention der Tiger konnte Karrieren gefährden oder sogar beenden. Weshalb die Organisation ausgerechnet den giftspuckenden Curtis ignorierte, war Ben ein Rätsel. Vielleicht hing das Stillhalten der Tiger damit zusammen, dass Curtis mit Itsumi Rell, dem Stadthalter der Tiger auf Deidalus, befreundet war. Wussten die heiligen Hunde der Urtha, weshalb Rell und Curtis miteinander zurechtkamen. Curtis hatte Rell den ziemlich orientierungslosen Bruderschaftler überantwortet. Danach verabschiedete er sich mit freundschaftlichen Wangenküssen von seinen Gesprächspartnern.
Natürlich hatte es sich Rell nicht nehmen lassen, einen Bruderschaftler ins Schwitzen zu bringen. Während seine Freunde sich wieder einander zuwandten, knöpfte Rell das Hemd des betrunkenen Bruderschaftlers auf und liebkoste dessen Brust. Womit weder Curtis noch Rell gerechnet hatten, war, dass der Bruderschaftler die Annäherung Rells leidenschaftlich erwiderte. Eine Weile küssten der Tiger und der Bruderschaftler sich heftig und fassten sich überall an.
Rell war jedoch zu rechtschaffen, um das Spiel auf die Spitze zu treiben. Er zerrte den Bruderschaftler aus dem Darkroom und flößte ihm in einer abgelegenen Sitzecke mehrere Tassen Kaffee ein, bis er wieder einigermaßen nüchtern war. Der Bruderschaftler zog ziemlich verwirrt ab.
Einen Monat nach dem Vorfall war er wieder in der Bar aufgetaucht und hatte nach Rell gesucht. Der misstrauische Rell gab sich nur widerwillig zu erkennen, befürchtete er doch die Rache der Bruderschaft. Andererseits gefiel ihm der Bruderschaftler nur zu gut. Der Mann war nicht gekommen, um Rell in eine Falle zu locken. Die beiden Männer freundeten sich an. Eine Arbeitsperiode später beantragten sie eine Partnerschlafkabine, und bald darauf heirateten sie. Curtis Meyer war einer ihrer Trauzeugen gewesen. Die Bruderschaft hatte ihn nie wieder belästigt.
An diese Geschichte erinnerte sich Ben, wann immer Curtis seine höhnischen Bemerkungen auf Schwule herabtropfen ließ. Ben, der sich niemals geoutet hatte, fürchtete sich vor dessen scharfer Zunge. Andererseits war Curtis ein recht bequemer Kabinennachbar. Deshalb hatte Ben seine Einquartierung neben ihm stets hingenommen. Außerdem war der Deutsche so etwas wie Bens Alibi. Curtis stand in dem Ruf, schwule Kabinennachbarn nicht zu dulden, was Ben für ein Gerücht hielt, denn wer sich mit Küsschen von Tigern verabschiedete, konnte nicht derartig engstirnig sein. Doch solange Ben unangefochten neben Curtis hauste, würde niemand ihn für schwul halten oder zumindest nicht darüber reden. In Korths und Curtis' Nähe zu leben hieß, von Klatsch und Tratsch weitestgehend verschont zu bleiben. Kaum jemand wagte es, sich über sie zu äußern. Bereits zu oft hatten die beiden kraftstrotzenden, hünenhaften Männer Tratschtanten mit den Fäusten das Maul gestopft.
In der Schlafbaracke gab es noch einige andere Bewohner, die ähnlich gebaut waren wie Korth und Curtis. Terraformer-Techniker mussten zupacken können. Athletisch waren sie alle. Aber mit ihrer selbst für Terraformer-Verhältnisse außergewöhnlichen Aggressivität waren Korth und Curtis etwas Besonderes. Sie beherrschten ein Areal von etwa 30 Schlafplätzen. Strategisch günstig dazu waren die einer anderen Arbeitsgruppe zugeteilten Halb-Ul`cha Riss und ihr menschlicher Ehemann, ein Hüne namens James Salter, einquartiert worden. Der Quartiermeister war ein kluger Mann, der es verstand, für Ruhe im Schlafsaal zu sorgen. James und Riss prügelten sich weitaus seltener, doch auch mit ihnen wollte sich niemand anlegen.
„Hat dir die Nacht in der Holokammer nicht gefallen?“, wagte Ben den unzufriedenen Gesichtsausdruck Curtis' zu kommentieren.
Dieser bediente sich aus einem Brotkorb, während er grollend erklärte: „Das Programm ist im entscheidenden Moment abgestürzt.“
„Ich habe dich gewarnt“, sagte Korth, ohne eine sichtbar amüsierte Reaktion. Er hätte es sich leisten können, Curtis auszulachen. Statt seiner lachte die ihm gegenübersitzende Riss. Neben ihr frühstückte ihr Mann James. Er grinste breit und fragte: „Wie hast du das Problem gelöst?“
„Ich habe mir eine Hure genommen.“
„Doppelte Kosten und schlechter Service“, sagte Ben, der wusste, wie ungern sich Curtis mit einer Lager-Hure einließ.
