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Aufgrund seines Mangels an telepathischer Empfänglichkeit wird der junge Pilot Marius Fox auf seinem Heimatplaneten Central Prime verachtet. Nur auf dem Kampfstern eines Nomadenvolkes kann er sich seinen Lebenstraum erfüllen, Raumjägerpilot zu werden. Überwältigt stellt er fest, dass die Horons ihn gerade für seine telepathische Blindheit schätzen. Welches Talent schlummert in ihm, was die Planetaren in ihrer Ignoranz nicht erkennen?
Um seinen Traum, Kampfpilot zu werden, nicht begraben zu müssen, wandert Marius Fox, junger Absolvent einer Pilotenakademie, nach Stonewall aus, einem künstlichen Ballungsraum der ewig im Weltall Wandernden. Ihm ist klar, dass er nie wieder auf seinen Heimatplaneten zurückkehren kann, denn die Horons gelten auf Central Prime als kriminelle Freibeuter. Sein Mitbewohner und Pilotenkollege Rob Stark wird zu seinem besten Freund und macht ihn mit der Kultur der Horons vertraut.
Das vorherrschende Clanwesen bringt Marius mehr als einmal in überraschende Situationen und rückt ihn in den Fokus der über das Schiff wachenden Künstlichen Intelligenz. Als der KI-Master Daniel Stonewall dem überraschten Clanrat seine Pläne für die Zukunft der Stonewall-Horons eröffnet, finden sich die Freunde Marius und Rob plötzlich als Schlüsselfiguren auf dem politischen Schachbrett der Führungscrew wieder.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Klappentext
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Social Media
DER UNWILLIGE CLANCHEF (Starship-Possums Band 1) © Norma Banzi Bildquelle: depositphotos Gestaltung des Covers: Norma Banzi Edition Banzini Kurvenstraße 25 22043 Hamburgwww.banzini.de
Aufgrund seines Mangels an telepathischer Empfänglichkeit wird der junge Pilot Marius Fox auf seinem Heimatplaneten Central Prime verachtet. Nur auf dem Kampfstern eines Nomadenvolkes kann er sich seinen Lebenstraum erfüllen, Raumjägerpilot zu werden. Überwältigt stellt er fest, dass die Horons ihn gerade für seine telepathische Blindheit schätzen. Welches Talent schlummert in ihm, was die Planetaren in ihrer Ignoranz nicht erkennen?
Um seinen Traum, Kampfpilot zu werden, nicht begraben zu müssen, wandert Marius Fox, junger Absolvent einer Pilotenakademie, nach Stonewall aus, einem künstlichen Ballungsraum der ewig im Weltall Wandernden. Ihm ist klar, dass er nie wieder auf seinen Heimatplaneten zurückkehren kann, denn die Horons gelten auf Central Prime als kriminelle Freibeuter. Sein Mitbewohner und Pilotenkollege Rob Stark wird zu seinem besten Freund und macht ihn mit der Kultur der Horons vertraut.
Das vorherrschende Clanwesen bringt Marius mehr als einmal in überraschende Situationen und rückt ihn in den Fokus der über das Schiff wachenden Künstlichen Intelligenz. Als der KI-Master Daniel Stonewall dem überraschten Clanrat seine Pläne für die Zukunft der Stonewall-Horons eröffnet, finden sich die Freunde Marius und Rob plötzlich als Schlüsselfiguren auf dem politischen Schachbrett der Führungscrew wieder.
Achtung!: „Der unwillige Clanchef“ ist der Start zur Buchserie Starship Possums. Das Ende zeigt optimistisch in die Zukunft der Stonewall-Horons, die sie sich noch erarbeiten müssen. Es ist daher offen.
Die dicke Katze jaulte auf, als Marius Fox ihr in der Kantine versehentlich auf den Schwanz trat, weil sie ihm völlig unvermutet zwischen die Füße lief. Sofort richteten sich die missbilligenden Blicke von mindestens zwanzig Personen auf ihn. Zum Glück für ihn rannte das Biest nicht fort, sondern blieb vor ihm sitzen und leckte sich die Pfoten. Schnell kramte Marius in seiner Jackentasche nach einem Leckerli für das Tier und hielt es ihm unter die Nase. „Immer ein Geschenk für die Katzen dabei haben“, hörte er die mahnende Stimme seines Vaters, der ihm vor seinem Abflug in ein neues Leben noch dutzende Ratschläge mit auf den Weg gegeben hatte.
Die feline Majestät nahm es an und die Leute in einer der vielen Kantinen des Kampfsterns, auf dem er als Pilot angeheuert hatte, kümmerten sich glücklicherweise wieder um ihren eigenen Kram.
Das war gerade noch einmal gut gegangen. Katzen galten bei den ewig Reisenden als heilig und wer sich an ihnen vergriff, endete oft auf der Krankenstation, oder noch schlimmer, als Protein im Bio-Synthetisierer. Katzen fingen auf Raumstationen Ratten und anderes seltsames Getier, also machte ihr Schutz durchaus Sinn. Marius mochte sie, aber für heilig hielt er sie trotzdem nicht. Die Katze strich um seine Beine und er streichelte sie pflichtbewusst, bis sie ihres Weges zog. Schließlich wollte er sich nicht gleich an seinem ersten Tag auf dem Horon-Kampfstern Feinde wegen Quälerei eines lebenden Heiligtums machen.
Die Horons waren ein Volk ohne eigenen Heimatplaneten und zogen im Weltall herum. In vielen Teilen der Galaxie fürchtete man sie als Freibeuter. Die Planetenallianz betrachtete sie als Kriminelle. Dennoch heuerte Marius auf einem der größten Kampfsterne an, den die Horons zu bieten hatten, auf Stonewall. Was blieb ihm als telepathisch blinder Kampfpilot anderes übrig? Die Allianz hatte keine Verwendung für einen Mann, der sich nicht mit anderen Piloten seines Geschwaders gedanklich verbinden konnte.
Marius hatte sich schon damit abgefunden, dass er auf einem Partydampfer anheuern musste, der Luxustouristen von einem Planeten zum anderen gondelte, als sein Vater alte Kontakte spielen ließ und ihm eine Heuer auf Stonewall vermittelte. Auch Dad war ein Horon, der sich in eine Planetare verliebt hatte und ihr zuliebe sesshaft wurde. Seine gefakte planetare Herkunft hatte ihn ein kleines Vermögen gekostet.
Marius griff sich ein Tablett und stellte sich in die Schlange vor der Essensausgabe. Offenbar ging es den Stonewall-Horons gerade so gut, dass sie sich echte Nahrungsmittel leisten konnten, denn die Düfte, die ihm in die Nase zogen, hätte konstruiertes Essen aus dem Synthetisierer niemals bieten können. Da und dort musterte ihn jemand neugierig. Das lag wahrscheinlich an seinem gesunden Teint, denn die Haut von Personen, die auf einer Raumstation oder einem Kampfstern geboren worden waren, deren Familien vielleicht seit Generationen keinen Planeten mehr betreten hatten, wirkte auffällig blass, fast weiß.
Ein kleines Kind riss sich von der Hand seiner Mutter los und berührte Marius neugierig an der Hand.
„Tut das weh?“, fragte es neugierig.
„Nein, ich bin nur besser pigmentiert, weil meine Haut die Sonne gewöhnt ist.“
„Wie ist es auf einem Planeten?“
Was sollte man darauf bloß antworten? Die Frau hob ihr Kind auf den Arm, entschuldigte sich murmelnd und eilte davon.
„Ein bisschen wie in eurem Park“, rief Marius hinterher und das Kind winkte ihm lächelnd zu. Marius hoffte, dass dieser Kampfstern auch Grünanlagen bewirtschaftete. Es war ja nicht so, dass es eine Broschüre von der Ausstattung hier gab. Dem Grunde nach lohnte es sich für die Allianz auch nicht, Spione auf einen der Kampfsterne zu schicken, hatte Dad mit einem Schmunzeln erzählt, das halb amüsiert und halb traurig gewesen war. Eric Fox lebte gerne auf Central Prime, weil er seine Frau und seinen Sohn liebte und seine Familie ihm ungeheuer wichtig war. Dennoch erinnerte sich Marius an Situationen aus seiner Kindheit, in denen sein Vater von seinem Heimweh übermannt wurde. Dann stopfte Dad eilig ein paar Sachen in seinen Gepäcksack und heuerte spontan auf einem Transport- oder Touristenschiff an, Hauptsache es handelte sich um einen künstlichen Lebensraum und er konnte im Weltall reisen.
Laut Eric Fox veränderten die jeweiligen künstlichen Intelligenzen die von ihnen betreuten Konstrukte ständig, die aus unzähligen Einzeleinheiten bestanden. So besaßen beispielsweise viele Horon-Familien eigene Wohnquartiere mit einem integrierten Antrieb, mit dem sie sich vom Kampfstern abkoppeln konnten. Die Optimierungsmaßnahmen der KIs sorgten oft dafür, dass das Quartier, in dem man lebte, abends an einem anderen Ort lag als morgens, wenn man es verließ und zur Arbeit ging. Deshalb hatte Marius beim Einchecken vom Quartiermeister dieser Sektion auch keinen Wegeplan erhalten, sondern nur eine Nummer, die er in jedes öffentliche Terminal eingeben konnte, das ihm dann den aktuellen Standort seines Quartiers anzeigte. Marius wohnte zur Untermiete bei einem Mann namens Rob Stark, der ebenfalls an telepathischer Blindheit litt. Viel wusste Marius bisher über Rob nicht, nur so viel, dass ihm die Wohneinheit gehörte und er von einer Raumstation stammte.
Die Thekenkraft an der Essensausgabe fragte nach seinen Wünschen und benahm sich dabei sogar freundlich. Marius hatte das schon anders erlebt. Dabei ging es in der Kantine des Transportschiffes, auf dem er dank seines Vaters ein Praktikum absolviert hatte, noch fast höflich zu. Die Witze der Küchenmannschaft ihm gegenüber waren rau, aber augenzwinkernd gewesen. An der Pilotenakademie dagegen glaubten sogar einige Kantinenkräfte, dass er nicht dorthin gehörte und ließen es ihn spüren. Manchmal hatten sie ihm bestimmte Nahrungsmittel, die in den Vorratsbehältern schmackhaft dampften, mit dem Hinweis verweigert, diese seien für die Ausbilder reserviert. Der Pilot hinter ihm in der Schlange bekam aber seine Portion ohne jegliche Einschränkungen. Wenn bestimmte Mitarbeiter an der Ausgabe standen, erhielt Marius immer das unattraktivste Menü.
Die Auswahl jetzt überforderte ihn, weil er praktisch keines der Nahrungsmittel kannte. Er hielt seinen Arm entschuldigend gegen einen Scanner, damit sie von ihrem Monitor aus ablesen konnte, welche Nahrungsmittelunverträglichkeiten er hatte. Ein kurzer Blick genügte für sie und sie tat ihm drei unterschiedliche Dinge auf. Jetzt konnte er sich recht sicher sein, dass das, was auf dem Teller lag, für ihn genießbar war. Ob es ihm schmeckte, war eine andere Sache.
Viele Personen, die im Weltall herumkamen, bedienten sich dieser Methode, für sie giftiges oder unverträgliches Essen aus ihrer Nahrung herauszufiltern. Touristen konnten sich vielleicht leisten, auch geschmackliche Vorlieben auf ihrem Chip einzuspeichern. Für Marius allerdings gab es kein ‚Mag-ich-nicht‘, nur ein ‚Kann-ich-nicht‘. In seiner Lage durfte er nicht mäkelig sein.
Er machte sich gar nicht erst die Mühe, nach anderen Piloten Ausschau zu halten, sondern setzte sich einfach auf einen der freien Plätze. Auf seinem Heimatplaneten hielten sich die telepathisch veranlagten Pilotenrekruten für etwas Besseres und mieden solche wie ihn. Dass er überhaupt zur Akademie gedurft hatte, verdankte er einem Antidiskriminierungsgesetz. In seinem Jahrgang war er der einzige telepathisch blinde Rekrut gewesen und deshalb entsprechend einsam geblieben.
Seufzend probierte er einen Bissen. Nun, es schmeckte nicht wie das tolle, selbst gekochte Essen seiner Mutter, aber immerhin recht angenehm.
Er blickte auf, weil die Besucher dieser Kantine leise anfingen zu murmeln. So etwas bedeutete meistens, dass jemand von der Führungscrew im Anmarsch war. Marius sah sich um und erkannte Rasmus Stormrider, den Anführer der Piloten. Zu Gesicht bekommen hatte er ihn zwar noch nicht, doch er erkannte die Zeichen auf dessen Uniform. Respektvoll wichen die Personen an der Essensausgabe Rasmus und seinem jungen Begleiter aus. Da und dort nickte Rasmus jemandem zu. Er wirkte selbstsicher und sich seiner Stellung im Leben bewusst, aber nicht arrogant. Die Leute ließen ihn vor, weil sie es wollten und nicht, weil er es von ihnen forderte. Die Thekenkraft kannte offensichtlich seine Essensvorlieben, denn sie tat ihm auf, ohne dass er auch nur einen Ton sagte. Sein Begleiter brauchte etwas länger und beriet sich sogar mit der Frau. Stoisch wartete Rasmus darauf, dass der Junge endlich seine Auswahl traf. Wenn ein so mächtiger Mann wie der Anführer der Piloten so viel Geduld mit einer Person hatte, konnte das nur bedeuten, dass …
Bevor Marius seinen Überlegungen abschließen konnte, fielen ihm die glitzernden Schuppen auf der Stirn des Jugendlichen auf. Du liebe Güte! Es lief Marius eiskalt den Rücken hinunter. War das etwa ein Kandri? Es gab nicht mehr viele Kandris, seit Piraten ihren Planeten überfallen und fast das ganze Volk ausgerottet hatten. Die Allianz machte die Horons für den Völkermord an den Kandris verantwortlich. Dad hatte das nie geglaubt. Aber weshalb befand sich dann ein Kandri auf Stonewall? Marius` Gedanken überschlugen sich und er zuckte überrascht zusammen, als er Rasmus und seinen ‚Was-auch-immer‘ auf sich zukommen sah. Marius sprang von seinem Stuhl, der daraufhin umkippte, und salutierte zackig.
„Rühren, Pilot! Wir sind hier nicht beim Militär der Allianz. Der hochgewachsene Rasmus setzte sich Marius gegenüber, der schnell den Stuhl aufhob und unsicher auf seinen Teller starrte.
„Setzen!“, befahl ihm Rasmus mit einem Schmunzeln. Also setzte sich Marius.
„Wow, ich kann seine Barriere nicht überwinden, so sehr ich mich auch bemühe“, hörte Marius den Jungen, der jetzt neben Rasmus saß. „Du bist die blindeste Person, mit der ich jemals zu tun hatte“, wandte sich das vorlaute Gör an Marius und lächelte so, als sei das etwas Tolles.
‚Verarschen kann ich mich alleine‘, grummelte Marius, konnte dem Jungen aber irgendwie nicht wirklich böse sein, denn dieser wirkte so frisch und unbeschwert, als verstünde er gar nicht, wie beleidigend seine Worte auf jemanden wie Marius wirken mussten.
„Deshalb hat Daniel ihn ja auch rekrutiert. Seine absolute telepathische Blindheit wird uns im Ernstfall einen taktischen Vorteil verschaffen. Daher sind einige Piloten wie er so wertvoll in unserer Staffel.“
Oha! Noch nie hatte jemand die telepathische Blindheit von Marius als wertvoll bezeichnet. In seiner Heimat galt er als Behinderter. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.
„Schmeckt Ihnen unser Essen nicht, Pilot Fox?“, fragte Rasmus.
„Äh, doch!“
„Dann essen Sie! Diese Nahrungsmittel kommen aus unseren Gewächshäusern. Wir bauen sie in vertikalen Aufzuchtstationen an, damit wir den Platz optimal nutzen können. Es wäre doch schade, wenn unsere Mühe umsonst wäre und sie in den Verwertungskreis geworfen werden, bevor sie ihren Körper durchlaufen haben.“
„Äh, ja …“ Gehorsam begann Marius zu essen. Er konnte sich vorstellen, wie sehr es einem Mann wie Rasmus gegen den Strich gehen musste, wenn mühsam gezogenes Essen in der Müllverwertung landete, weil jemand es stehen ließ.
Möglichst unauffällig beobachtete Marius, wie der Begleiter des Pilotenchefs anfing, das Essen auf seinem Teller nach Farben zu sortieren. Das hatte er bei dem Kandri-Navigator des Touristenschiffes, das ihn zur Horon-Raumstation Talli mitgenommen hatte, auch gesehen. Soweit Marius wusste, glaubten die Kandri, dass es sich positiv auf ihr Karma auswirkte, wenn sie ihre Nahrungsmittel in einer bestimmten Reihenfolge aßen.
Die Allianz sah es nicht gerne, wenn Schiffe der Reiseunternehmen Horon-Hochburgen anflogen, und es war verboten, mit einem solchen Trip zu werben. Was außerhalb der Hoheitszone der Allianz passierte, konnte diese allerdings nicht kontrollieren, und die Fälschung von Passagier- und Crewlisten war relativ einfach, wenn man als Eigentümer des Unternehmens den Zugangscode dazu hatte und seinem alten Freund Eric Fox einen Gefallen tat.
„Bist du ein Kandri?“, platzte Marius heraus und biss sich gleich darauf auf die Zunge. Solche Fragen stellte man einfach nicht auf einem Kampfstern der Horon, wenn man überleben wollte. Marius beobachtete genau Rasmus` Reaktion, doch der Mann ließ sich nicht in die Karten schauen und löffelte scheinbar unberührt von dieser unverschämten Frage seinen dampfenden Eintopf.
„Ich bin Khalil Stormrider, ein Horon vom Clan der Stormriders“, erklärte der Junge stolz und schmiegte sich an Rasmus.
„In einem halben Jahr bist du Khalil Stormrider, sobald wir dich in unsere Ehegruppe aufnehmen“, berichtigte Rasmus seinen Begleiter, mit dem er offenbar verlobt war. Piloten banden sich früh, die der Horons noch früher als die von anderen humanoiden Spezies. Nur durch die körperliche Vereinigung konnten sie den speziellen Bund herstellen, der sie zu gefährlichen Waffen im Kampf machte oder zu den wertvollen und hochbezahlten Spezialisten für die interstellare Raumfahrt. Insofern war Marius fast froh über seine telepathische Blindheit, denn er stand nicht auf Männer. Wie die Gruppe um Rasmus Stormrider aufgebaut war, wusste Marius natürlich nicht. Aber da laut Dad Frauen auf einem Kampfstern stark unterrepräsentiert waren, vermutete Marius, dass der Gruppe mehr Männer als Frauen angehörten.
Khalil schmollte und Rasmus gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Offenbar konnte es der Junge kaum abwarten, sich zu verheiraten und Sex zu haben. Im Gegensatz zu dem imposant gewachsenen und vor Muskeln strotzenden Rasmus wirkte er schmächtig. Ein Horon trat mit seinem vierzehnten Geburtstag in die Welt der Erwachsenen ein. Khalil schien diese Aussicht nicht zu schrecken.
Marius erschauerte innerlich. Mit vierzehn wäre er völlig untauglich für die Ehe mit gleich mehreren Personen gewesen. Damals hatte er noch Modellraumschiffe zusammengebaut. Er schüttelte seine Zweifel darüber ab, ob die Ehe für einen Vierzehnjährigen das Richtige war. Das ging ihn alles überhaupt nichts an.
Rasmus und Khalil aßen schweigend ihr Essen. Wenn sie sich unterhielten, dann telepathisch. Marius vermutete, dass sie auf ihre Art miteinander kommunizierten, denn hin und wieder lachte der Junge fröhlich auf. Die beiden aßen zügig, aber schlangen nicht. Als sie ihre Teller geleert hatten, standen sie auf und entboten Marius zum Abschied den üblichen Gruß unter Piloten. Marius war so überrascht, dass er fast vergaß, sie ebenfalls zu grüßen. Auf der Akademie hatte selten jemand aus seinem Jahrgang die Höflichkeit besessen, ihn angemessen zu grüßen.
Khalil stapelte die Tabletts und das Geschirr übereinander und ging mit seiner Last schon vor, während sich Rasmus vorbeugte und leise grollte: „Es mag sein, dass Sie hier auf Stonewall Personen sehen, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den Kandris aufweisen. Ich gebe Ihnen einen guten Rat, Frischling. Machen Sie das nicht zum Gegenstand Ihrer Neugier. Haben wir uns verstanden?“
„Absolut, Sir!“
„Gut!“
Rasmus drehte sich abrupt um und folgte seinem Verlobten, der am Ausgang auf ihn wartete und seine kleine Hand in die so viel größere des Clanführers schmiegte.
Fuck! Marius war kaum ein paar Stunden auf dem Kampfstern und hatte sich schon mehrmals in die Nesseln gesetzt.
Mit seinem Gepäcksack auf dem Rücken trat Marius an eine Konsole und gab dort die Nummer seines Quartiers ein. Es wurde Zeit, seinen Vermieter zu treffen.
Es plingte kurz und eine angenehme Frauenstimme verkündete: „Bitte warten Sie auf den Serviceroboter, der Sie zu Ihrer Wohnung führen wird.“
Nein, nein, nein, nein, nein! Jetzt hatte er auch noch das Interesse der KI erweckt. Statt ihm einfach einen Wegeplan zu seiner Unterkunft zu zeigen, schickte sie ihm einen ihrer kleinen Spione. Das Gerät surrte heran und seltsamerweise lag eine Katze darauf, die in aller Seelenruhe schlief. Das Tier bedeckte eines der elektronischen Augen mit seinem Körper, aber der KI schien das andere Auge zu reichen, um Marius zu beäugen.
„Bitte folgen Sie mir, Pilot Marius Fox!“
Der Roboter setzte sich in Bewegung und Marius trottete hinterdrein.
„Marius Fox, Sohn von Eric Fox. Wie geht es Ihrem Vater?“, hörte er den Roboter fragen.
„Äh, danke, gut. Weshalb liegt eigentlich eine Katze auf diesem Servicegerät?“
„Ich nehme an, sie mag die Wärme der Energiezelle. Derzeit benötige ich nicht die gesamte Kapazität des Roboters. Da stört sie nicht.“
„Aha.“
„Es gibt keine Mitglieder des Foxclans mehr auf dieser Einheit. Braxas hat sie gestohlen.“
Damit konnte Marius wenig anfangen. Sein Vater redete praktisch nie über seine Familie. Allerdings kannte Marius den Namen Braxas als einen der meistgesuchtesten Verbrecher der Galaxie. Bevor er fragen konnte, was die KI damit meinte, erkundigte sich diese: „Ist Eric Fox immer noch Programmierer?“
„Nein, das hätte seine Tarnung gefährdet. Mom und Dad haben sich in einer Kleinstadt niedergelassen und Dad arbeitet als Rekonstrukteur für Nanohäuser, bei denen das Nano in den Wänden nicht das tut, was es soll.“
Die KI lachte durch ihren Boten. „Die kleinen Scheißerchen sind manchmal ziemlich eigensinnig.“
Eine KI mit Humor hatte Marius auch noch nicht oft erlebt. Der Smalltalk mit ihr war unterhaltsam und Marius achtete nicht so sehr darauf, wo sie ihn hinführte, bis der Roboter an einem Schott stehen blieb.
„Die Crew wünscht Ihnen einen angenehmen Aufenthalt“, flötete die KI im Tonfall der Betreuerin eines Touristenschiffs und der Roboter verschwand samt Katze im nächsten Servicetunnel.
Aha! Marius hatte vermutet, dass sein Quartier mehr in den Tiefen des Kampfsterns angesiedelt worden wäre, schließlich gehörten weder er noch sein Kollege zur High Society von Stonewall, die im ersten Ring residierte und einen ungehinderten Blick auf das Weltall hatte. Er schätzte, dass er sich allenfalls im zweiten Ring befand.
Er legte die Hand auf den Scanner des Schotts, welches sich daraufhin öffnete. Also hatte sich der Quartiermeister wirklich darum gekümmert, dass seine Daten zum Computer seiner Wohneinheit übermittelt worden waren.
Ein Mann mit langen, schwarzen Haaren blickte ihm von einer Koje aus entgegen und lächelte ihn an. „Hallo, Schicksalsgenosse! Wow! Was für eine exotische Hautfarbe. Blond und braun gebrannt! Damit kannst du bestimmt eine Menge Frauen aufreißen. Magst du die eine oder andere mit mir teilen?“
„Äh …“ Marius starrte seinen Pilotenkollegen irritiert an. So eine Begrüßung hatte er auch noch nicht erlebt. War Rob Stark etwa sexsüchtig? Worauf hatte Marius sich nur eingelassen?
Robs Lächeln änderte sich von charmant-verwegen in entschuldigend. „Sorry, ich vergesse immer, dass die Planetaren anders sind als wir.“
Dieses seltsame Gespräch lag weit außerhalb von Marius` Komfortzone. Mühsam suchte er nach Worten und platzte dann heraus: „Ich bin nicht schwul!“
Entwaffnend hob Rob die Hände und sein Gesichtsausdruck wirkte lausbubenhaft. „Ich auch nicht. Dennoch können wir uns Frauen teilen, Kumpel.“
Wahrscheinlich war Rob mit seinen langen, schwarzen Haaren und seinem unwiderstehlichen Lächeln, das sogar auf Marius wirkte, wie dieser sich eingestand, bei den Frauen beliebt. Marius wollte auf Stonewall nicht zölibatär leben. Wenn sie gemeinsam auf Tour gingen, verdoppelten sich ihre Chancen auf ein sexuelles Abenteuer vielleicht. Sicher wusste Rob besser, wie die Frauen hier drauf waren. In der Kantine hatte Marius nur wenige von ihnen gesehen. Daher bezweifelte er, dass sich viele Gelegenheiten für Techtelmechtel ergaben. So riskierte Marius hoffentlich kaum etwas, als er murmelte: „Von mir aus.“
Sein Vermieter strahlte, stand auf und hielt ihm die Hand entgegen. „Hi, ich bin Rob Stark vom Felsenclan. Ha, ha, als wenn ich jemals einen Felsen in Natura gesehen hätte. Keine Ahnung, weshalb meine Vorfahren ihren Clan so nannten.“
„Marius Fox vom Foxclan.“ Die beiden Männer schüttelten einander die Hände.
Schräg, zuerst über Sex zu reden und sich erst danach die Hände zu schütteln, dachte Marius und überhörte fast Robs Frage:
„Der Foxclan? Wie bist du Braxas entkommen?“
„Entschuldige, aber ich weiß nicht, was du meinst. Mein Vater lebt seit vielen Jahren auf Central Prime.“ Zum Glück errötete Marius nicht so schnell. Gerade fühlte er sich schrecklich isoliert, weil er so wenig über die Horons wusste und so weit weg von Zuhause war.
„Hm … Vielleicht siedelte er vor dem großen Kuddelmuddel um.“
„Das große Kuddelmuddel?“
„Die Ereignisse, über die niemand von uns Horons gerne spricht und die zur Spaltung unseres Volkes führten.“
„Aha“, meinte Marius stirnrunzelnd.
„Nicht viele von uns wagen sich dauerhaft auf einen Planeten. Dort ist es uns zu gesund.“
Gestresst sah Marius sich um und suchte nach einem unverfänglichen Ausweg aus dem Gespräch. Da fiel ihm ein Bild auf, das aussah, als würde man von dieser Wohneinheit ins Weltall blicken können.
„Das Fenster dort ist ein Fake, oder nicht?“, fragte Marius und zeigte auf die Wand mit dem Sternenpanorama.
„Nope!“ Rob grinste stolz.
„Bitte?“ Marius` Augen weiteten sich vor perplexer Überraschung.
„Die Aussicht ist echt.
