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Buch 1 in der Serie - Lang Downs Caine Neiheisel steckt nicht nur in seinem Job in einer Sackgasse fest, sondern auch in seiner Beziehung, als die Chance seines Lebens in seinen Schoß fällt: Seine Mutter hat die Schafstation ihres Onkels in New South Wales, Australien, geerbt, und Caine sieht es als die Chance auf einen Neuanfang, draußen auf einer Ranch, wo sein Stottern ihn nicht zurückhalten und sein Wille zu arbeiten seine Unerfahrenheit wettmachen würde. Unglücklicherweise wechselt Macklin Armstrong, der Vorarbeiter von Lang Downs, der eigentlich Caines größter Verbündeter sein sollte, zwischen kühlem und völlig abweisendem Verhalten, und die anderen Arbeiter sind eher über Caines Stottern amüsiert, als durch seine Entschlossenheit beeindruckt … Zumindest, bis sie herausfinden, dass er schwul ist und ihre Belustigung sich in Zorn verwandelt. Es wird Caines ganze Entschlossenheit – und einen Sabotageakt eines feindlich gesinnten Nachbarn – brauchen, um die Männer von Lang Downs zu vereinen und Caine und Macklin eine Chance auf Liebe zu geben.
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Seitenzahl: 315
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Von Ariel Tachna
Buch 1 in der Serie – Lang Downs
Caine Neiheisel steckt nicht nur in seinem Job in einer Sackgasse fest, sondern auch in seiner Beziehung, als die Chance seines Lebens in seinen Schoß fällt: Seine Mutter hat die Schafstation ihres Onkels in New South Wales, Australien, geerbt, und Caine sieht es als die Chance auf einen Neuanfang, draußen auf einer Ranch, wo sein Stottern ihn nicht zurückhalten und sein Wille zu arbeiten seine Unerfahrenheit wettmachen würde.
Unglücklicherweise wechselt Macklin Armstrong, der Vorarbeiter von Lang Downs, der eigentlich Caines größter Verbündeter sein sollte, zwischen kühlem und völlig abweisendem Verhalten, und die anderen Arbeiter sind eher über Caines Stottern amüsiert, als durch seine Entschlossenheit beeindruckt … Zumindest, bis sie herausfinden, dass er schwul ist und ihre Belustigung sich in Zorn verwandelt. Es wird Caines ganze Entschlossenheit – und einen Sabotageakt eines feindlich gesinnten Nachbarn – brauchen, um die Männer von Lang Downs zu vereinen und Caine und Macklin eine Chance auf Liebe zu geben.
Inhalt
Zusammenfassung
Widmung
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Nachwort
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Copyright
Für Nicki, die mich immer wieder inspiriert,
und für Isabelle und Meredith, die mir Australien näherbrachten.
CAINE NEIHEISEL warf seine Tasche auf das Bett und ließ sich daneben auf die Matratze fallen. Sechs Jahre für nichts. Es gab keinen Streit oder einen Moment, ab dem alles schiefgelaufen war. Caine hatte einfach erkannt, dass seine Beziehung mit John nirgendwohin führte. Sie waren gute Freunde, gute Mitbewohner, aber keine Partner und in der letzten Zeit nicht einmal mehr halbwegs annehmbare Liebhaber. Caine sagte sich, dass sie sich auseinandergelebt hatten, denn er wollte nicht daran denken, dass John ihn vielleicht einfach nicht mehr attraktiv fand. Sein Selbstbewusstsein brauchte keinen weiteren Rückschlag. Es war schlimm genug, dass er seit fast zehn Jahren in der Poststelle von Comcast festhing. Natürlich hatte er um eine Beförderung gebeten, wurde jedoch immer übergangen. Das allein belastete ihn schon genug, und aus diesem Grund ertrug er es nicht, dass John ihn vielleicht nicht mehr anziehend fand und deshalb das Interesse an ihm verlor.
Das hieß jedoch, dass er entweder einen neuen Mitbewohner oder eine neue Wohnung brauchte. Alleine war die Miete einfach nicht leistbar. Als er und John damals in die Eigentumswohnung einzogen, war das kein Problem gewesen, da sein Ex-Freund die Hälfte der Kosten übernahm, um in der schwulen Nachbarschaft Philadelphias zu leben. Caine würde natürlich all das vermissen, wenn er tatsächlich keinen Mitbewohner fand. Auch wenn es ihm nicht gefiel, aber seit Kurzem verlief sein Leben eben so.
„Caine! Essen ist fertig.“
Caine seufzte und stand auf, um zu seinen Eltern zu gehen.
„Es gibt dein Lieblingsessen“, sagte seine Mutter Patricia, als er in die Küche kam. „Schweinemedaillons, Rosenkohl und Kartoffelbrei.“
„Danke, Mum“, sagte Caine und war erleichtert, dass er nicht stotterte. Er wusste, aus welchem Grund seine Mutter sein Lieblingsessen zubereitete und das hatte nichts damit zu tun, dass er sie über Weihnachten zu Hause besuchte. Sie wollte ihn aufmuntern. Er schätzte diese Geste, doch der Gedanke daran, den ganzen Urlaub bemitleidet zu werden, war nicht sehr angenehm. Er hatte so schon genug Probleme.
„Also, was stand im Brief aus Australien?“, fragte sein Vater Len, der zu ihnen in die Küche trat.
„Das erzähle ich euch beim Abendessen“, antwortete seine Mutter. „Lass mich erst das Essen anrichten.“
„Ich h-helfe dir“, bot Caine an und zuckte wegen seines Stotterns leicht zusammen. Anscheinend fühlte er sich zu Hause doch nicht so wohl, wie er angenommen hatte. Sich selbst dafür tadelnd, dass er sich mit etwas beschäftigte, das nicht mehr zu ändern war, deckte er den Tisch und trug anschließend die Servierschüsseln ins Esszimmer.
Als sie alle am Tisch saßen und zu essen begannen, wandte sich Len Patricia zu. „Also, was stand im Brief?“
„Ihr erinnert euch doch an Michael, den jüngeren Bruder meiner Mutter? Er hat England im selben Jahr verlassen, in dem sie meinen Vater heiratete und hierherkam.“
Len und Caine nickten beide. Caine und sein Onkel hatten sich regelmäßig Briefe geschrieben, auch wenn sie weniger wurden, als er aufs College ging.
„Er hatte letzte Woche einen Herzinfarkt“, fuhr Patricia fort.
„Oh, das tut mir leid“, sagte Len sofort. „War er krank?“
„Das weiß ich nicht“, erwiderte Patricia. „Nachdem Mum starb, hatten wir weniger Kontakt. Wir hätten diese Reise nach Australien machen sollen, über die wir immer sprachen – aber irgendwie kam immer etwas dazwischen. Aber das war nicht alles. Der Brief ist von seinem Notar. Es scheint, als hätte er alles mir hinterlassen.“
„Dir?“, fragte Caine. „Aber warum?“
„Er war nie verheiratet und hatte auch keine Kinder“, erklärte Patricia. „Ich bin die einzige lebende Verwandte. Außerdem wollte der Notar wissen, was mit der Schafsfarm geschehen soll, die Onkel Michael besaß. Offenbar ist es ein riesiges Stück Land, das sich über mehrere tausend Quadratkilometer erstreckt. Ich werde sie wohl verkaufen. Ich weiß nichts über Schafe und mein Leben ist hier. Ich habe allerdings keine Ahnung, was man da beachten muss. Hoffentlich kann der Notar das übernehmen und mir anschließend das Geld überweisen, sobald die Farm verkauft und die Steuern bezahlt sind.“
Len kicherte. „Ich sehe es schon vor mir, wie wir auf dieser alten Ranch ankommen. Ich gehe auf die Siebzig zu und du bist auch nicht so viel jünger. Sie würden uns auslachen und wieder nach Hause schicken, wenn wir versuchten, sie zu leiten.“
Caine musste zugeben, dass er den Gedanken äußerst interessant fand. „Es wäre schade, sie zu verkaufen“, meinte er. „Kannst du nicht jemanden einstellen, der sie weiterführt und dir die Gewinne ü-überweist? Wenn es sich lohnt.“
„Laut dem Notar ist die Farm sehr gewinnbringend“, erwiderte Patricia, „aber ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist, einen Vorarbeiter die Ranch verwalten zu lassen. Wir hätten keine Ahnung, ob er sie gut leitet.“
„Ich kann gehen“, sagte Caine leise. Die Worte waren ihm entschlüpft, bevor er überhaupt bemerkte, dass er darüber nachdachte. Er hatte schon immer seinen Großonkel besuchen wollen, aber die Reise, die sie so detailreich in ihren Briefen planten, war nie zustande gekommen. Wie so vieles in seinem Leben.
„Das ist nett von dir“, sagte seine Mutter, während sie seine Hand ergriff, „aber du hast einen Job und dein Leben spielt sich hier ab. Ich werde nicht von dir verlangen, das alles aufzugeben.“
Für Caine gab es nicht viel aufzugeben. „Wir sollten darüber nachdenken, zumindest einen T-Tag lang oder zwei und keine überstürzten Entscheidungen treffen.“ Sein Kopf war plötzlich mit zahllosen Möglichkeiten erfüllt.
„Oh Caine, ich weiß, dass du die Ranch besuchen willst, aber es ist ein großer Unterschied ob man den Sommer dort verbringt oder sein Leben“, sagte Patricia. „Baue keine Luftschlösser.“
Caine seufzte und ließ das Thema auf sich beruhen. Aber nach dem Abendessen, als er in sein Zimmer ging, um zu schlafen, kamen ihm die Worte seiner Mutter wieder in den Sinn. Luftschlösser.
Er war zweiunddreißig, verdammt. Er war verantwortungsbewusst und tat all die Dinge, die man von einem Erwachsenen erwartete. Das hatte ihn genau nirgendwohin gebracht. Sein Job war eine Sackgasse, sein Partner liebte ihn nicht mehr und es tat sich keine neue Perspektive auf. Sein „Leben“ in Philadelphia ließ all seine Leidenschaft, seinen Enthusiasmus und seinen Antrieb verdorren. Die Schafsfarm in Australien war die Lösung, um all das zu verändern. Es gab natürlich eine Menge zu lernen, aber mangelnde Intelligenz war nie ein Problem gewesen. Er stotterte, wofür es keinen Grund und kein Gegenmittel gab. Eine Sprachtherapie hatte zwar geholfen, aber sobald er nervös war, kehrte es zurück. Auf eine Beförderung konnte er nicht hoffen, da er bei jedem Interview schlecht abschnitt. Niemals würden seine Bosse jemanden mit einer solchen Sprachstörung in einem Bereich arbeiten lassen, wo man mit den Kunden interagierte. Er hatte das begriffen, aber so kam er bei Comcast nicht weiter und auch anderswo hätte er dieselben Probleme.
In Australien konnte er die Ranch leiten. Seine Mutter war zwar noch immer die Besitzerin, aber er war derjenige, der die Verantwortung trug. Er müsste natürlich alles Wichtige lernen und sich bis dahin auf die Gnade seiner Arbeitnehmer und Nachbarn verlassen, aber im Falle einer Beförderung oder Gehaltserhöhung wurde er nicht mehr übergangen. Er hätte einen Job, ein Leben und ein Tapetenwechsel tat ihm sicherlich gut. Und falls es sich als absolutes Desaster herausstellte, nun, dann war es zumindest mit Philadelphia vergleichbar.
Er wusste nicht, was man beachten musste, um nach Australien einzuwandern, aber es war ein Leichtes, diese Informationen zu beschaffen. Er war vielleicht nicht der beste Sprecher der Welt, aber er wusste, wie man nachforschte. Er zog seinen Laptop heraus, startete das Gerät und begann zu suchen.
Zwei Stunden später hatte er alle Informationen gesammelt. Nun musste er nur noch seine Mutter davon überzeugen, die Ranch nicht zu verkaufen.
„ICH H-HABE nachgedacht, Mum“, sagte Caine, als er am nächsten Morgen zum Frühstück herunterkam. „Ich w-w-will nach Australien gehen.“
„Caine“, tadelte seine Mutter. „Wir haben gestern Abend darüber gesprochen.“
„Nein“, sagte Caine tief durchatmend, um sein Stottern zu mindern. „Du hast darüber gesprochen. Ich habe in der letzten Nacht online nachgelesen. Ich kann wegen des Erbes d-d-dorthin. Du musst nur einen Brief schreiben, in dem steht, dass du mir die Leitung der R-R-Ranch überträgst.“
„Aber was ist mit deiner Karriere?“
„Was für eine Karriere?“, fragte Caine verbittert. „Ich habe einen Job und ich werde vielleicht nie gekündigt, weil ich ihn gut mache, aber ich werde bei Comcast nie aufsteigen. Ich bin schon seit z-zehn Jahren dort und wurde nie befördert.“
„Du kannst den Job wechseln.“
„Das k-könnte ich“, sagte Caine, „aber ich werde wegen meines Sprachfehlers vermutlich nichts finden. Jedenfalls keinen Job in dem ich vorankomme. Ich hätte somit eine Sackgasse gegen eine andere eingetauscht.“
„Du weißt nichts über Schafe.“
„Aber ich kann es lernen“, beharrte Caine. „Ich kann draußen arbeiten statt in einem Büro. Die Schafe k-kümmert es nicht, wenn ich mal stottere. Macht es denn so einen großen Unterschied, ob du die Ranch jetzt verkaufst oder erst in einem Jahr, wenn ich es doch nicht schaffe?“
„Für mich nicht. Aber wenn du hier alles aufgibst, hast du nicht mal einen Sackgassen-Job, zu dem du zurückkehren kannst.“
„Dann muss ich es eben in Australien schaffen“, meinte Caine. Er ergriff die Hände seiner Mutter. „B-Bitte, Mum. Gib mir diese eine Chance.“
Seine Mutter seufzte und umarmte ihn. „Na gut, Schatz. Wenn es das ist, was du willst, dann werde ich die Ranch noch nicht verkaufen. Du weißt, dass ich mir Sorgen machen werde, wenn du so weit von zu Hause weg bist, denn selbst wenn du erwachsen bist, so werde ich in dir doch immer mein Baby sehen. Außerdem wird alles, was mir gehört, eines Tages dir gehören. Ich schätze, somit ist es auch dein Erbe.“
„Danke, Mum. Ich liebe dich.“
DREI MONATE später hielt Caine sein Visum und seinen Pass in der Hand und wartete nervös darauf, dass sein großes Abenteuer begann. Er freute sich nicht wirklich auf den Flug, der achtundzwanzig Stunden dauerte. Er musste in Dallas und später in Los Angeles umsteigen, ehe es nach Sydney ging. Aber er kam mit Flughäfen zurecht, also konnte er auch den langen Flug überstehen, vor allem, weil es genau das war, was er wollte. Er hatte mit Macklin Armstrong, dem Vorarbeiter der Schafsstation, via E-Mail Kontakt aufgenommen. Dieser wusste, dass er nach Australien kam. Caine hatte beschlossen, ein paar Tage in Sydney zu bleiben, ehe er nach Lang Downs, der Farm seines Onkels, aufbrach. So erpicht er auch darauf war mit der Arbeit zu beginnen, so konnten ein oder zwei Tage Erholung nicht schaden. Nicht zu vergessen, dass er nicht unbedingt die richtige Kleidung für sein neues Leben besaß. Er war sich nicht sicher, ob es sie in Sydney zu kaufen gab, aber er konnte Ausschau halten. Und für den Fall, dass er nichts fand, verließ er sich auf Macklins Gnade und kaufte sie einfach in der nächstgelegenen Stadt zur Station. Boorowa sah auf der Karte wie der nächste Ort aus, aber er hatte schon in Eastern Kentucky am College gelernt, dass Karten trügerisch waren. Was wie eine gerade Linie aussah, musste nicht immer der schnellste Weg sein.
Als Erstes musste er allerdings in Australien ankommen.
Er hatte den Leasingvertrag für die Eigentumswohnung vor einem Monat aufgelöst, die meisten Möbelstücke verkauft und die Sachen eingepackt, ohne die er nicht leben konnte. Ein paar waren im Haus seiner Eltern verwahrt, um später nachgeliefert zu werden. Den Rest hatte er bereits nach Australien verschiffen lassen und hoffte, dass es in etwa zeitgleich mit ihm ankam. Er hatte zwei Koffer mit Kleidung und anderen Notwendigkeiten, die er selbst nach Australien mitnahm, aber er war nicht bereit, seine Bücher und CDs aufzugeben.
Es war traurig, dass die zehn Jahre in Philadelphia auf eine Schachtel mit Büchern und CDs reduziert waren, aber das waren nun mal die einzigen Dinge, die für ihn einen großen Wert hatten. Als er sich von seinen Freunden verabschiedet hatte, versprachen sie, über Facebook oder Twitter mit ihm in Kontakt zu bleiben. Caine glaubte jedoch nicht daran. Sie waren Freunde, aber mehr im Sinne einer beiläufigen Bekanntschaft. Jedenfalls waren sie für ihn kein Grund, um in Philadelphia zu bleiben.
Der Boarding-Aufruf unterbrach Caines Gedankengänge. Er reihte sich in die Schlange ein, um sein Ticket und seinen Pass vorzuweisen und seinen Platz einzunehmen. Er hatte für den Flug die Businessclass gewählt, da er genug Geld aus dem Verkauf seiner Möbel erhalten hatte und auf Lang Downs nicht viel brauchte. Macklin hatte ihm erklärt, dass man lediglich für seine Kleidung und andere persönliche Dinge aufkam. Die Station bezahlte den Rest. Da er ins Haus seines Onkels zog und mit den Männern, die für ihn arbeiteten, in der Kantine aß, musste er keine Miete zahlen und keine Einkäufe tätigen.
Deshalb leistete er sich den Komfort der Businessclass.
Der Flug war ausgebucht, also hatte Caine einen Sitznachbarn, der zwischen ihm und dem Fenster saß. Der Mann war jedoch nicht wirklich an einer Konversation interessiert und Caine war nicht der Typ, der Gespräche mit Fremden begann. Er hatte gelernt, seine Ängste zu überwinden, wenn es nötig war, dennoch machte ihn der Gedanke, dass er vielleicht stotterte, ziemlich nervös.
Drei Stunden später landeten sie in Dallas und Caine bahnte sich seinen Weg durch das Labyrinth an Terminals bis zu seinem nächsten Gate. Schon jetzt quälte ihn die Reisemüdigkeit. Er streckte seinen Nacken durch, um die schmerzenden Muskeln zu entspannen, doch hatte damit keinen wirklichen Erfolg. Vielleicht hatte das Hotel in Sydney ein Spa, in dem er sich eine Massage gönnen konnte, ehe er weiterreiste.
Vielleicht sollte er das lieber überspringen und gleich damit beginnen, sich ein wenig abzuhärten. Er bezweifelte nämlich, dass es in Lang Downs einen Masseur gab.
Sein Magen rumorte, als er in das nächste Flugzeug stieg, denn Caine wurde bei dem Gedanken, was wohl ein Stadtjunge wie er auf einer Schafsstation in Australien machen sollte, immer nervöser. Er war in Cincinnati aufgewachsen, einer Stadt, die nicht wirklich zu den großen zählte, deren großstädtisches Areal dennoch über zwei Millionen Menschen umfasste. Philadelphia hatte sogar über fünf Millionen Einwohner. Er hatte das Gefühl, dass er wohl mehr als nur einen kleinen Kulturschock in Lang Downs erfuhr, aber vielleicht tat ihm das gut. Er war nicht übergewichtig, aber dennoch ein wenig auf der weichen Seite. Der physische Lebensstil machte ihn sicherlich stärker und gesünder und konnte ihn beschäftigt halten, sodass er keine Zeit hatte, die Annehmlichkeiten der Stadt zu vermissen. Und wenn die Sehnsucht nach einem Museumsbesuch oder einem Theaterstück zu groß war, wäre es sicherlich möglich, ein langes Wochenende in der Stadt zu verbringen. Australien war keine völlige Einöde. Das Opernhaus von Sydney war weltbekannt und wenn er nur sorgfältig genug plante, hatte er noch immer die Möglichkeit hin und wieder ein wenig Stadtleben zu erleben.
Als sie in Los Angeles landeten, hatte Caine seine Panik mit ein paar Shots Wodka gedämpft. Er war nicht sturzbetrunken, aber eindeutig entspannter.
Er erinnerte sich daran, dass sein E-Mail-Verkehr mit Macklin sehr herzlich gewesen war, wenn nicht sogar freundlich, und Caine verstand die Sorgen des Mannes. Er hatte zugegeben, dass er absolut nichts über die Schafszucht wusste. Er war mit Sicherheit unwissender als der jüngste Anfänger auf der Station, denn selbst die Neuen dort waren irgendwie mit der Branche aufgewachsen. Caine hatte etwas nachgeforscht und versucht, sich schon einige Begriffe und Techniken einzuprägen. Er wusste allerdings, dass man Erfahrung durch nichts ersetzen konnte.
Er hatte sich auch über die Hochebenen Australiens informiert, um zumindest auf das Klima vorbereitet zu sein. Jetzt war dort Herbst, es ging aber schon in den Winter über. Kühl, sogar kalt in der Nacht, gefolgt von einem kalten, trockenen Winter. Wenigstens musste er sich nicht wegen des Schnees sorgen. Nach dem harten Winter in Philadelphia war das sehr erleichternd. Er konnte schwören, dass es immer dann anfing zu schneien, sobald das Auto gerade freigeschaufelt war. Er hatte die Temperaturen in Sydney überprüft, die 70 Grad Fahrenheit betrugen. Es war wärmer als zu Hause.
„Lang Downs ist jetzt mein Zuhause“, erinnerte sich Caine. Um das Vertrauen der Leute zu gewinnen, musste er sich das immer vor Augen halten. Und nicht nur das, er musste es auch glauben. Fest und wahrhaftig glauben, denn er war sich sicher, dass die anderen es taten.
Die Stewardess auf dem Flug von Los Angeles nach Sydney sprach in einem australischen Akzent, was Caine zum Lächeln brachte. Er liebte die Art und Weise, wie die Australier sprachen. Er wusste, dass er auf Lang Downs mit seinem amerikanischen Akzent herausstach und es wohl etwas dauerte, ehe er nicht mehr lächelte, wenn die Leute um ihn herum sprachen. Er fragte sich, ob sein Akzent genauso charmant für die Australier war, wie ihr Akzent für ihn. Wenn dem so wäre, machte es vielleicht sein Gestotter wieder wett.
Als sie schließlich in der Luft waren, servierten die Flugbegleiter das Abendessen. Caine war froh, die Businessclass gewählt zu haben. Er wusste nicht, ob die Mahlzeiten besser waren, aber wenigstens hatte er mehr Platz zum Essen. Nach dem Abendessen versuchte er etwas zu schlafen.
DEN ERSTEN Kulturschock erlebte Caine als das Flugzeug gelandet war und der Flugbegleiter ihnen die Informationen über das aktuelle Wetter in Sydney durchgab. Er erwähnte dabei, dass es wundervolle 21 Grad hatte. Caine durchwühlte geistig seine Koffer, um irgendetwas zu finden, was ihn vor den eisigen Temperaturen schützte. Erst nach einem kurzen Augenblick begriff er, dass man in Australien von Grad Celsius, nicht von Grad Fahrenheit sprach. Er musste innehalten und versuchte sich daran zu erinnern, wie man das mittels Kopfrechnung umrechnete. Mit zwei multiplizieren, dann dreißig hinzuzählen … zweiundsiebzig. Kurzärmlige Shirts und Khakihosen zu tragen war somit kein Problem. Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt hätte es übel ausgesehen.
Caine kam ohne große Probleme durch den Zoll, jedoch hatte die Einwanderungsbehörde einige Fragen an ihn. Diese betrafen vor allem sein Visum und sie wollten wissen, wo er denn zu arbeiten beabsichtigte. Daraufhin zeigte er den Brief seiner Mutter vor, der ihm das Recht zur Leitung der Schafsstation übertrug. Mit jeder verstreichenden Minute wurde sein Stottern schlimmer. Schließlich durfte er passieren. Er schaffte es durch das Hauptareal des Terminals und überlegte, ob er mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren oder sich ein Taxi nehmen sollte. Er war immer stolz darauf gewesen, die öffentlichen Verkehrsmittel – wenn sie denn verfügbar waren – zu benutzen, allerdings hatte er diesmal zwei riesige Koffer und einen Rucksack dabei. Er war sich nicht einmal sicher, ob er es überhaupt bis zu einer Bus- oder Bahnstation schaffte, wenn er so beladen war. Seufzend trottete er zum Taxistand und wartete in der Schlange. Der Dispatcher musste ihn dreimal fragen, wohin er wollte, ehe er endlich in der Lage war zu antworten. „Das Medina Grand Sydney“, sagte er schließlich.
„Du kippst gleich aus den Schuhen, nicht wahr, Kumpel?“, fragte der Dispatcher. „Keine Sorge, wir bringen dich schon hin.“
Caine lächelte fahl, um wenig später die Koffer in den Kofferraum des Taxis zu hieven, ohne auf die Hilfe des Fahrers zu warten. Den Rucksack behielt er bei sich, da sich darin seine Geldtasche befand. Später musste er noch eine Bank finden, um sein Geld umzubuchen. Aber für die ersten paar Tage hatte er genug Bargeld.
Während der Fahrt wollte er eigentlich die Stadt beobachten, doch er war zu erschöpft. Zudem war sein Körper noch an die amerikanische Zeit gewöhnt. Er schloss die Augen und vertraute darauf, dass der Fahrer ihn schon an sein Ziel brachte.
Das Einchecken war ein weiteres Abenteuer. Die Bandbreite der Akzente verwirrte Caine und er tat sich schwer, sein Zimmer zu finden. Als er endlich in selbiges trat, ließ er alles stehen und sich aufs Bett fallen, um zu schlafen.
Als er aufwachte, war es drei Uhr nachmittags und er war am Verhungern. Zuerst benötigte er allerdings eine Dusche. Caine leerte seinen Rucksack, in den er alles gepackt hatte, was er in Sydney brauchte, und stand für eine lange Zeit unter der Dusche. Das heiße Wasser befreite ihn von den Nachwirkungen des Jetlags. Als er sich schließlich wieder wie ein Mensch fühlte, zog er sich an und steckte die Geldbörse in die Hosentasche, ehe er durch die Straßen ging, um etwas zu essen zu finden. In den kleinen, aneinandergereihten Geschäften wurde eine Vielfalt an heißen Gerichten angeboten. Die Gerüche lockten ihn schließlich in einen Laden, in dem eine Inderin in einem grün und blau gefärbten Sari stand. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie.
Caine studierte die Speisekarte, die rote Soße auf den Currygerichten erregte seine Aufmerksamkeit. Er mochte asiatisches Essen, hatte allerdings den Verdacht, dass es zu scharf war. „K-K-Kann ich bitte ein D-Döner K-Kebab haben?“, fragte er und verfluchte sein Stottern, das mit voller Kraft zurückgekommen war.
„Wollen Sie Taboulé und Hummus dazu?“, fragte die Frau.
„Ja, bitte“, gab Caine zurück. „Und eine Tasse Tee.“ Er wollte nicht nach Eistee fragen, auch wenn er gerne welchen bestellt hätte. Wenigstens war es nicht fürchterlich heiß draußen. Er musste ein paar Teebeutel kaufen, um zumindest auf der Station selbst gemachten Eistee zu trinken. Auch wenn die anderen vielleicht darüber lachen würden.
„Milch?“, fragte sie.
Caine blinzelte und versuchte, den Sinn dieser offensichtlichen Frage zu erfassen. „Uh, n-nein danke“, sagte er schließlich, unsicher warum er denn Milch brauchte. Doch dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Milch für den Tee. Er war froh, die Frage verneint zu haben, denn von dieser Mischung war er nicht wirklich begeistert. Als sie ihm wenig später das Tablett reichte, starrte er auf die riesige Menge an Essen. Er hatte eigentlich nur einen Snack gewollt, etwas was ihn bis zum Abendessen satt hielt, aber das hier war eine ausgiebige Mahlzeit. Er setzte sich an einen kleinen Tisch am Fenster und begann zu essen, wobei er sich schwor, sich ab morgen an die Lokalzeit zu halten.
CAINE HATTE sich zwei Tage eingeräumt, um alles Geschäftliche zu regeln: ein Bankkonto, Kreditkarten, ein Handy, das in Australien funktionierte, um gelegentlich mit seinen Eltern zu telefonieren, und ein neues Ladegerät, um den Laptop ohne einen Adapter und Wandler aufzuladen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er die vollen zwei Tage benötigte, um alles abzuwickeln, weshalb er, als er den Bus nach Yass nahm, das Gefühl hatte etwas Wichtiges vergessen zu haben. Die Fahrt durch Sydney und am Flughafen vorbei war nicht wirklich interessant, aber als sie nach Südwesten in Richtung Mittagong und weiter nach Goulburn fuhren, verschwand die städtische Skyline und wurde von fortschreitend schrofferem Terrain abgelöst. Als sie Canberra verließen und nach Yass fuhren, wo Macklin sich mit ihm traf, fühlte sich Caine von den neuen Eindrücken völlig erschlagen. Canberra war eine recht große Stadt und etwa eine Stunde von Yass entfernt, aber er hatte keine Ahnung, wie lange die Fahrt von Yass nach Lang Downs dauerte. Macklin hatte geschrieben, dass sie heute nur bis nach Boorowa fuhren und die Nacht dort verbrachten. Am nächsten Tag stellten sie dann seine Ausrüstung zusammen und fuhren weiter zur Station. Aber das hatte gar nichts darüber ausgesagt, wie weit Lang Downs entfernt war.
Yass war bei Weitem nicht so groß wie Canberra, aber es schien dennoch eine blühende, belebte Stadt zu sein. Er konnte durch das Busfenster eine beeindruckende, historische Hauptstraße sehen und fragte sich, ob er und Macklin wohl Zeit hatten, um daran entlang zu spazieren. Vielleicht war es möglich, hier schon ein paar Dinge einzukaufen, die er brauchte, um die Verzögerung zu rechtfertigen, bevor sie nach Boorowa weiterfuhren.
Er stieg aus dem Bus und nahm sein Gepäck, sah sich anschließend nach Macklin Armstrong, den Vorarbeiter von Lang Downs, um. Unglücklicherweise passte die Beschreibung auf ungefähr die Hälfte der Männer an der Busstation, jedoch sah keiner von ihnen so aus, als hielten sie nach ihm Ausschau.
„Caine Neiheisel?“
Caine drehte sich um und erblickte den wohl schroffsten Mann, den er je gesehen hatte. Allerdings gab es in Philadelphia nicht unbedingt viele Gelegenheiten, um ein Cowboy-Typ kennenzulernen.
„J-J-Ja“, stotterte er, da er sich leicht zu den Vorarbeiter hingezogen fühlte. „Ich bin Caine.“
„Macklin Armstrong“, sagte der Mann und bot ihm seine Hand an. „Willkommen im Outback.“
„D-Danke“, sagte Caine und ergriff die angebotene Hand. Er fühlte die Schwielen als Macklin zudrückte – nicht fest genug, dass es wehtat, aber dennoch stark genug, um Kraft zu beweisen. „Ich bin f-froh, dass ich endlich hier bin.“
„Lange Reise?“, fragte Macklin mitfühlend.
„Nun ja, heute nicht so sehr.“ Endlich hatte Caine sein Stottern unter Kontrolle. „Ich bin nur ungefähr fünf Stunden mit dem Bus gefahren. Der Flug war schlimmer.“
„Jetlag ist das Schlimmste“, stimmte Macklin zu, ehe er einen von Caines Koffern ergriff. „Bist du hungrig?“
„Ich bin am Verhungern. Ich habe g-gefrühstückt und hatte im Bus einen Snack dabei, aber ich habe noch nicht zu Mittag gegessen.“
„Es gibt ein paar Pubs im Stadtzentrum, dort können wir etwas essen“, meinte Macklin. „Zuerst verstauen wir aber deine Koffer im Kofferraum, dann können wir von hier aus zu Fuß gehen, wenn du bequeme Schuhe anhast. Glaub‘ mir, du willst keine Blasen bekommen, nicht jetzt.“
„D-Definitiv nicht“, stimmte Caine zu, schulterte den Rucksack und hob den anderen Koffer hoch. „Ich gebe zu, ich weiß nicht, was meine eigentliche Aufgabe auf der Station sein wird, aber ich weiß zumindest, dass Schmerzen definitiv auf der Liste mit den schlechten Dingen stehen.“
„Wir haben noch genügend helfende Hände auf der Station, da wir im Frühjahr Jackaroos anheuerten“, erwiderte Macklin, der gerade den Kofferraum seines Jeeps schloss. „Du musst dich um nichts kümmern, wo du möglicherweise anschließend Schmerzen hättest.“
Caine nahm die Abfuhr wahr, aber er war entschlossen, sich nicht abschrecken zu lassen. Macklin wusste, dass Caine vollkommen unerfahren war und konnte eigentlich nichts anderes erwarten. Was nicht hieß, dass er nicht alles daran setzte, den Vorarbeiter umzustimmen. „Kann man hier eigentlich gut einkaufen? Die Hauptstraße sah interessant und mit all den Shops ziemlich voll aus. Wenn es Zeit spart, hier statt in Boorowa einzukaufen, habe ich nichts gegen eine Planänderung.“
„Die Station hat Kundenkonten in diversen Geschäften in Boorowa“, erklärte Macklin. Seine langen Schritte ließen Caine fast rennen, obwohl sie beinahe gleich groß waren.
„Ja, aber die Station sollte nicht für meine persönliche Ausrüstung zahlen“, sagte Caine. „Du finanzierst dir doch auch keine neuen Stiefel aus dem Konto der Station, oder?“
„Nein. Aber ich besitze sie auch nicht“, entgegnete Macklin.
„Ich auch nicht“, gab Caine zurück. „Sie gehört m-meiner Mutter. Ich bin nur hier, um ihr mit dem Management zu helfen.“ Er grinste über den Kommentar. „Okay, nicht wirklich, weil ich noch keine Ahnung habe, was ich hier machen muss. Aber g-glaub‘ mir, fürs Erste werde ich einfach deinen Rat befolgen. Ich bin euer neuester … wie hast du es genannt? Jackaroo?“
„Du hast noch einen langen Weg vor dir, bevor du dir diesen Titel verdient hast, Caine.“ Macklin schüttelte den Kopf. „Wenn du wirklich lernen willst, gibt es viele, die dir etwas beibringen können. Es ist möglich, dass sie dir am Anfang ein paar Streiche spielen, aber im Herzen sind sie gute Menschen.“
„Ich k-kann damit umgehen.“ Der Gedanke, sich vor einer Station voller Männer zu beweisen, machte ihn wieder nervös. Er hoffte nur, dass Macklin das nicht bemerkte.
„Hier gibt es gutes Essen.“ Macklin zeigte auf ein Gebäude an der Ecke der Hauptstraße. Auf dem Schild stand Yass Hotel. Die Einrichtung war dunkel und kühl, eine willkommene Abwechslung vom grellen Sonnenlicht. Es war nicht heiß, doch Caine fühlte bereits die Auswirkungen der Sonne. Ein Hut stand daher ganz oben auf seiner Einkaufsliste und Caine war sich sicher, dass Macklin ihn an so etwas Wichtiges erinnerte, sollte er selbst es vergessen – besonders, wenn man den Zustand seines eigenen Hutes bedachte.
Trotz des Namens war das Restaurant kein Hotel, sondern zwei voneinander getrennte Bars. Die eine war still und fast verlassen, während die andere halb voll war und die meisten Leute inmitten von Gelächter und Lärm Poolbillard spielten. Macklin führte Caine in den belebten Bereich. „Dir macht die Gesellschaft doch nichts aus, oder?“
„N-Nein, natürlich nicht“, sagte Caine. „D-Denkst du, es s-stört sie, wenn ich mich nach der Bestellung z-z-zu ihnen geselle?“
„Vermutlich nicht“, meinte Macklin. „Außer, sie haben gerade eine Wette am Laufen. Wenn es nur ein Freundschaftsspiel ist, werden sie sich über einen weiteren Mitspieler freuen.“
Caine wog die Situation ein zweites Mal ab, nachdem sie einen Tisch gefunden und die Speisekarte durchgesehen hatten. Neben dem überfüllten Tisch stand ein zweiter, der zurzeit leer war. Sie gaben ihre Bestellung auf und Caine lehnte sich zu Macklin. „S-Spielst d-du? Wir k-könnten unser eigenes S-Spiel starten.“
„Ich bin nicht in Stimmung“, entgegnete Macklin kühl. „Aber du kannst ruhig spielen. Der Tisch ist leer.“
Alleine Billard zu spielen kam Caine ziemlich seltsam vor, aber er machte jetzt keinen Rückzieher. Er nahm einen tiefen Atemzug und stand vom Tisch auf, leicht zusammenzuckend, als die Stuhlbeine über den Boden scharrten. Er ging zum Billardtisch und suchte sich in aller Ruhe einen Billardstock aus. Wenn er schon allein spielte, wollte er sich nicht zum Affen machen. Er war zwar kein Experte, spielte aber ziemlich gut. Zumindest gut genug, um bei jemanden, der gelegentlich spielte, Eindruck zu hinterlassen, vorausgesetzt der Stock war gerade und der Tisch eben.
Nachdem er die Kugeln angeordnet hatte, machte er mit der weißen Kugel ein paar Probeschüsse, um den Stock zu testen, bevor er zurückzog. Die Kugeln stoben auseinander, eine von ihnen landete sogar sofort in einem der Netze. Caine lächelte. Er konnte diesen Trick nicht oft zeigen und er war jedes Mal aufs Neue begeistert, wenn er es schaffte. Er überprüfte, welche Kugel er eingelocht hatte, ehe er weiterspielte als hätte er einen Gegner. Wenn sein Glück anhielt, war das bald der Fall. Er bemerkte ein paar Männer, die vom Nebentisch herübersahen. Caine hoffte, dass sie entweder zu ihm kamen oder ihn einluden bei ihnen mitzuspielen.
Stück für Stück arbeitete er sich um den Tisch herum. Er setzte an, verfehlte manchmal, konnte allerdings genug der Vollen versenken, um Zuschauer anzulocken.
„Du kennst dich mit Billard aus, Kumpel“, bemerkte einer der Männer und brach somit die Stille. „Bist du an einem freundschaftlichen Spiel interessiert?“
„Ein F-F-Freundschaftsspiel oder eine freundliche W-Wette?“, fragte Caine, wobei er lächelte und somit klarmachte, dass es nicht beleidigend gemeint war.
Die anderen Männer lachten. „Lass uns mit einem Freundschaftsspiel anfangen, okay?“, schlug der Australier vor. „Wir werden sehen, wie es sich entwickelt.“
„C-Caine Neiheisel“, bot Caine seine Hand an. „N-Neu angekommen.“
„Aidan Johnson“, stellte sich der Mann vor, als er Caines Hand schüttelte. „Willkommen in Yass.“
„Danke. Ich wollte eigentlich schon früher herkommen, aber irgendwie kam immer irgendwas dazwischen. S-Sollen wir anfangen?“
Aidan nickte und bereitete den Tisch vor, um Caine dann den ersten Schuss anzubieten. Er konnte zwar keine Kugel versenken, aber es war trotz allem ein sauberer Schuss. Aidan war an der Reihe und verfehlte um Millimeter. Seine Freunde verspotteten ihn, doch Caine schob das von sich weg. Sie wetteten nicht, das hieß, es gab keinen Einsatz, den er bei einer Niederlage verlor. Aber er hatte das Gefühl, etwas beweisen zu müssen – am meisten Macklin. Er brauchte keinen Babysitter oder ein Kopftätscheln. Er wusste zwar nichts über Schafsstationen, war aber kein Kind und auch kein Dummkopf.
Es war vollkommen ruhig, während sie spielten, die Jubelrufe und spielerischen Buhrufe schallten nach jedem Schuss durch den Raum. Caine war erfreut darüber, dass seine guten Schüsse genauso bejubelt wurden wie Aidans. Als das Spiel vorbei war, bot Aidan ihm erneut seine Hand an. „Du bist nicht schlecht. Lass mich dir ein Bier ausgeben, um dich in Australien willkommen zu heißen.“
Bevor Caine die Einladung annehmen konnte, stand Macklin plötzlich neben ihnen. „Das Essen steht auf dem Tisch.“
„Ich w-werde nur ein B-B-Bier mit meinen neuen Freunden trinken.“ Caine fühlte sich wie ein Teenager, der zum ersten Mal gegen seine Eltern rebellierte. Aber er war zweiunddreißig und kein Teenager mehr. Er benötigte Macklins Hilfe auf Lang Downs, nicht hier im Yass Hotel. „Ich w-werde meinen T-Teller holen.“
Es sah aus als wollte Macklin protestieren, doch er hielt sich zurück, sehr zu Caines Erleichterung. Er wollte nicht, dass Macklin ihn als Kind oder etwas Schlimmeres wahrnahm, doch er wusste auch, dass er die Hilfe dieses Mannes brauchte, um auf der Station alles am Laufen zu halten. Er durfte es sich mit Macklin nicht verscherzen. „Du k-könntest dich zu uns setzen.“
„Nein, danke“, brummte Macklin, ehe er an den Tisch und zu seinem Essen zurückkehrte.
Caine fühlte sich angegriffen, sagte jedoch nichts. Macklin hatte keinen Grund ihn zu mögen oder ihm zu trauen, eher hatte er mehrere Gründe es nicht zu tun. Sie mussten aber dieses Misstrauen irgendwann aus der Welt schaffen, um nicht das Geschäft zu beeinträchtigen. Caine nahm seinen Teller, stellte sich zu Aidan und den anderen an die Bar und der Barkeeper reichte ihm ein Tooheys Old. Caine war kein abenteuerlustiger Biertrinker, aber es war sicherlich kein Fehler, sich mit den australischen Biersorten anzufreunden. Obwohl es ein dunkles Bier war, war es nicht schwer. Es war mehr wie Ale und schmackhafter als erwartet. Vielleicht war es doch nicht so schwer, sich an Australien zu gewöhnen.
„Also, was bringt dich nach Yass?“, fragte Aidan, als sie anstießen.
„Mein Onkel kam aus der Gegend um B-Boorowa“, erklärte Caine. „Nun, eigentlich Großonkel. Meine Mutter ist seine einzige, noch lebende Erbin, aber sie ist nicht für das Leben auf einer Schafsstation geschaffen.“
Die Männer lachten leise. „Denkst du, du bist das?“
„Vielleicht noch nicht, aber ich k-kann es lernen.“ Caine zuckte die Schultern. „Wenn jemand bereit ist, mir etwas b-beizubringen“, fügte er mit einem Blick auf Macklin hinzu. Der Vorarbeiter saß vornübergebeugt am Tisch, aß und starrte hin und wieder in Caines Richtung.
Aidan lehnte sich näher. „Ich verrat‘ dir was. Aussies benehmen sich als wären sie die offensten, freundlichsten Menschen der Welt, weil sie nicht von dem ganzen formalen Bullshit ihrer Vorfahren besessen sind. Unter dieser Schicht sind sie aber gleich verschlossen. Sie werden nicht ohne Weiteres bereit sein, dir etwas beizubringen. Das heißt aber nicht, dass du nicht trotzdem von ihnen lernen kannst. Lass sie dich nicht einfach ignorieren oder ausschließen. Du musst sie nicht verärgern, aber bleib in ihrem Blickfeld, wie ein Hund, der den sturen Schafen in die Beine kneift, bis du schlussendlich einer von ihnen bist, ohne dass sie es bemerken.“
„Wieso bist du so nett zu mir?“, fragte Caine misstrauisch. „Du kennst mich doch gar nicht.“
„Ich mag die Art wie du Billard spielst“, gab Aidan zurück. „Und es braucht Schneid, um das zu tun, was du getan hast. Wenn sie dich aus der Station jagen, geh nach Süden und schau bei mir vorbei. Es wäre kein Problem, dich auf einer anderen Station unterzubringen, auf einer, die dir nicht das Leben schwer macht, nur weil du nicht von hier bist.“
„Danke.“ Caine schrieb Aidans Nummer auf seinen Bierdeckel. „Ich hoffe, dass es nicht so weit kommt, aber danke, wirklich.“
CAINE WAR dank seines Erfolges am Billardtisch und seiner überwundenen Schüchternheit von neuen Lebensgeistern erfüllt und kehrte an Macklins Tisch zurück. Der Vorarbeiter starrte noch immer seinen mittlerweile leeren Teller an.
„Ich bin bereit, wenn du es bist“, sagte Caine. Das Bier beruhigte seine Nerven genug, um sein Stottern für den Moment zu unterdrücken. Er wusste, dass das nicht von Dauer war, aber es tat seinem Selbstbewusstsein trotzdem gut.
„Lass uns gehen“, sagte Macklin, stand auf und warf das Geld für die Rechnung auf den Tisch.
Caine schüttelte den Kopf und gab es dem Vorarbeiter zurück. „Du b-bist den ganzen Weg hierhergekommen, um mich abzuholen. I’ll shout you lunch.“ Die australische Redewendung war ungewohnt, aber Caine war entschlossen, Aidans Ratschlag zu befolgen und alles zu tun, damit ihn die Arbeiter auf der Station akzeptierten.
„Ein paar Aussie-Sätze machen dich nicht weniger zum Ami“, sagte Macklin mit einem leicht spöttischen Lächeln, was Caine noch mehr verärgerte. „Gib nicht vor etwas zu sein, was du nicht bist.“
Caines Ärger wurde mit jedem Wort größer, aber er hielt sich zurück. Er zahlte für ihr Essen und wartete bis sie vor dem Jeep standen, um den Vorarbeiter zur Rede zu stellen. „Was ist dein P-P-Problem?“, fragte er. „Du k-kennst mich nicht mal. Warum benimmst du dich, als hätte ich etwas falsch g-gemacht?“
Macklin öffnete den Mund, um zu antworten, schloss ihn aber wieder und nahm den Hut ab. Er fuhr sich durch die zottigen, blonden Haare, die aussahen, als hätte man sie mit einer Küchenschere geschnitten. „Es tut mir leid“, sagte er, und es klang so ehrlich, dass Caines Ärger nachließ. „Ich hab deinen Onkel aus vielen Gründen bewundert und ihn zu verlieren war hart. Der Gedanke, vielleicht alles zu verlieren, wofür er sein Leben lang so hart gearbeitet hat, ist noch härter. Aber das ist nicht deine Schuld und ich sollte es nicht an dir auslassen.“
