Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Buch 2 in der Serie - Lang Downs Der zwanzigjährige Chris Simms kann kaum den Kopf über Wasser halten. Nachdem er seine Mutter und sein Zuhause verloren hat, kämpft er darum, sich und seinen Bruder zu versorgen. Als er einem homophoben Angriff zum Opfer fällt, denkt er, dass sein Leben zu Ende ist. Aber er wird von den Jackaroos einer nahegelegenen Schafsstation gerettet. Er ist über das darauffolgende Jobangebot genauso erstaunt wie über die Tatsache, dass der Stationsbesitzer und der Vorarbeiter schwul sind. Für Chris ist Lang Downs ein Traum – einer, der noch besser wird, als er begreift, dass sein heimlicher Schwarm, der Jackaroo Jesse Harris, ebenfalls schwul und für einen Flirt zu haben ist. Alles geht gut, bis Chris klar wird, dass er mehr für Jesse empfindet, als ihr Deal erlaubt. Jesse ist ein Herumtreiber, der von Station zu Station zieht. Er sucht nicht nach etwas Dauerhaftem und da er überzeugt ist, dass Chris zu jung und zerbrechlich für eine richtige Beziehung ist, legt er Regeln fest, um die Dinge unverbindlich zu halten. Den Stationsbesitzer und seinen Vorarbeiter zusammen zu sehen, lässt Jesse darüber nachdenken, ob es nicht doch Vorteile hat, sich niederzulassen. Aber als er begreift, was Chris für ihn fühlt, gerät er in Panik. Er und Chris werden sich entscheiden müssen, ob die Möglichkeit zusammen glücklich zu werden, es wert ist, ein Risiko einzugehen, ehe das Ende der Saison sie trennt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Von Ariel Tachna
Buch 2 in der Serie – Lang Downs
Der zwanzigjährige Chris Simms kann kaum den Kopf über Wasser halten. Nachdem er seine Mutter und sein Zuhause verloren hat, kämpft er darum, sich und seinen Bruder zu versorgen. Als er einem homophoben Angriff zum Opfer fällt, denkt er, dass sein Leben zu Ende ist. Aber er wird von den Jackaroos einer nahegelegenen Schafsstation gerettet. Er ist über das darauffolgende Jobangebot genauso erstaunt wie über die Tatsache, dass der Stationsbesitzer und der Vorarbeiter schwul sind.
Für Chris ist Lang Downs ein Traum – einer, der noch besser wird, als er begreift, dass sein heimlicher Schwarm, der Jackaroo Jesse Harris, ebenfalls schwul und für einen Flirt zu haben ist. Alles geht gut, bis Chris klar wird, dass er mehr für Jesse empfindet, als ihr Deal erlaubt.
Jesse ist ein Herumtreiber, der von Station zu Station zieht. Er sucht nicht nach etwas Dauerhaftem und da er überzeugt ist, dass Chris zu jung und zerbrechlich für eine richtige Beziehung ist, legt er Regeln fest, um die Dinge unverbindlich zu halten. Den Stationsbesitzer und seinen Vorarbeiter zusammen zu sehen, lässt Jesse darüber nachdenken, ob es nicht doch Vorteile hat, sich niederzulassen. Aber als er begreift, was Chris für ihn fühlt, gerät er in Panik. Er und Chris werden sich entscheiden müssen, ob die Möglichkeit zusammen glücklich zu werden, es wert ist, ein Risiko einzugehen, ehe das Ende der Saison sie trennt.
Inhalt
Zusammenfassung
Widmung
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
Mehr Bücher von Ariel Tachna
Biographie
Von Ariel Tachna
Besuchen Sie Dreamspinner Press
Copyright
Für Nicki, Emmet, Amy, Mary, und Andrew,
die mich dieses Buch nicht aufgeben ließen.
„HELFT MIR, bitte! Oh Gott, irgendjemand muss mir helfen!”
Die Schreie des Jungen, der mehr in das Yass Hotel fiel, als dass er hineinrannte, lenkten Caines Aufmerksamkeit von dem eigentlich geplanten, ruhigen Mittagessen mit seinem Liebhaber und Partner, den er vor drei Monaten gefunden hatte, ab.
„Sie werden ihn umbringen. Bitte, er ist alles, was ich habe.”
„Wer?“, fragte Macklin und stand vom Tisch auf.
„Diese Schläger.“ Der Junge weinte jetzt. „Sie haben ihn eine Schwuchtel genannt und gedroht, ihn dafür umzubringen.“
Macklins Gesichtausdruck, den man generell nicht als sanft bezeichnen konnte, versteinerte. Caine hätte schwören können, dass Macklins Schultern mit jedem Schritt, den er auf den Jungen zuging, breiter wurden.
„Wo sind sie?“
Der Junge hatte seine Antwort kaum ausgesprochen, da war Macklin schon zur Tür hinaus.
„Neil …“
„Ja, Boss“, antwortete der Jackaroo am Nachbartisch, er war schon auf den Beinen und folgte Macklin nach draußen, ehe Caine seinen Satz beenden konnte. Dass Ian und Kyle, die anderen beiden Arbeiter, die mit ihnen nach Yass gekommen waren, um neue Helfer für Lang Downs anzuwerben, Neil ohne Aufforderung folgten, entlockte Caine trotz der ernsten Situation ein Lächeln. Es fiel ihm noch immer schwer zu glauben, dass er ihre Loyalität gewonnen hatte.
„Ich bin C-C-Caine Neiheisel.“ Caine näherte sich dem Jungen langsam. Sein Herz schlug so heftig in seiner Brust, dass es sich anfühlte, als würde ihm jemand die Rippen zusammenpressen, sodass es ihm schwerfiel zu atmen. Er konnte Macklin zwar nicht helfen, da er in einem Kampf nutzlos war, aber sein Körper reagierte auf die bedrohliche Situation mit einer typischen Kampf-oder-Flucht Reaktion. Er atmete tief durch und schüttelte die Hände aus, um das durch den Adrenalinschub ausgelöste Kribbeln loszuwerden. „W-Willst du dich s-setzen?“
„Sollten wir ihnen nicht helfen?“
Caine schüttelte den Kopf. „Macklin und die anderen werden sich d-d-darum kümmern, keine Sorge. W-Wie heißt du?“
„Seth. Bist du dir sicher?“
„Ich bin mir sicher. Macklin wird solchen Bockmist nicht zulassen“, versprach Caine. Er war so zuversichtlich, dass er den Satz ohne zu stottern herausbrachte, trotz seiner Besorgnis über diese Art der Homophobie, die quasi in seinem eigenen Hinterhof auftrat, und der Gefahr, die sie auch für Macklin und ihn selbst bedeutete. „Woher kommst du?“
„Nirgendwo mehr“, antwortete Seth mit solchem Schmerz in der Stimme, dass Caine ihn am liebsten in den Arm genommen hätte. Allerdings erinnerte er sich daran, wie er als Teenager gewesen war und verwarf den Gedanken. Seth hätte die Umarmung eines völlig Fremden wohl nicht zugelassen.
„Was ist mit deinen Eltern?“
„Mum ist vor sechs Monaten gestorben und dieser Bastard, den sie geheiratet hat, hat uns am Tag nach der Beerdigung rausgeworfen“, sagte Seth. „Es sind nur noch ich und Chris übrig, wenn es der angsteinflößende Typ schafft, ihn zu retten.“
„Dieser ‚angsteinflößende Typ‘ ist Macklin oder Mr. Armstrong für dich. Du kannst nicht älter als vierzehn sein.“
„Ich bin sechzehn“, erwiderte Seth schnell.
Er war viel zu klein und zu dünn, um sechzehn zu sein. Nicht dass Caine annahm, er würde lügen. Es war nur ein Beweis dafür, wie hart sein Leben gewesen sein musste.
Caine hatte bereits beschlossen, dass sich dies ändern würde. Sein Großonkel, Michael Lang, hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, Herumtreiber auf der Station aufzunehmen, sehr zu Caines Glück. Er hätte Macklin jetzt nicht an seiner Seite, wenn Onkel Michael den Vorarbeiter nicht aufgenommen hätte, als der so alt gewesen war wie dieser Junge. Jetzt musste Caine Seth nur noch davon überzeugen, dass es für ihn und seinen Bruder die richtige Entscheidung war, mit nach Lang Downs zu kommen. „Also, wo übernachtet ihr?“
„Wir haben ein Zimmer“, gab Seth defensiv zurück.
Wohl in einer billigen, drogenverseuchten Absteige, da sie sich vermutlich nichts anderes leisten konnten.
„Nimmst du Drogen?“
„Was? Nein!“
„Verkaufst du welche?“
„Fuck, nein!“
Das war gut. Caine war zwar dafür, eine helfende Hand zu reichen, aber er würde keine Drogen auf seinem Land tolerieren. Er hatte zu viel zu verlieren. „Gut. Ist dein Bruder auch clean?“
„Was geht dich das an?“
„Ich heuere keine Männer mit Drogenproblemen an.“
„Was?“
„Wenn alles, was du hast ‚ein Zimmer‘, keine Eltern und niemand außer deinem Bruder ist, bedeutet das mehr oder weniger, dass du keine Zukunft hast, zumindest von meinem Standpunkt aus betrachtet. Ich betreibe eine Schafsstation nördlich von Boorowa. Ich dachte, dass du vielleicht einen Job willst.“
„Du bist ein Ami!“
„Und du bist ein verzogener Bengel, der gerade eine einmalige Chance verspielen könnte“, konterte Caine. „Hör dich um, wenn du es mir nicht glaubst. Ich war die ganze Woche hier, um Jackaroos anzuheuern. Ich habe noch Platz für zwei weitere.“
Das hatten sie nicht wirklich. Sie hatten die letzten Mitglieder der Crew heute Morgen angeheuert und beschlossen, nach dem Mittagessen nach Boorowa zurückzukehren, dort die Vorräte aufzustocken, und dann am nächsten Morgen nach Lang Downs aufzubrechen. Seth musste das allerdings nicht wissen. Caine hatte schon genug vom Stolz dieses Jungen gesehen, um zu wissen, dass er keine Almosen annehmen würde.
Es würde auch keine Almosen geben. Seth würde auf Lang Downs härter als jemals zuvor arbeiten müssen. Er würde sich jeden Cent verdienen müssen, den sie ihm und seinem Bruder zahlten. Er würde nicht viele Ausgaben haben, also könnte er fast alles für das College sparen, oder für den Tag, an dem er Lang Downs verlassen und seinen eigenen Weg gehen würde. Und wenn er bleiben sollte, würde er eine neue Familie bekommen, da er seine eigene nach dem Tod seiner Mutter verloren hatte.
CHRIS SIMMS stöhnte, als ein weiterer harter Tritt in seiner Nierengegend direkt unterhalb der Rippen landete. Er hatte versucht, die Angreifer abzuwehren, aber es waren zu viele. Deshalb hatte er sich, um wichtige Teile zu schützen, zu einer Kugel zusammengerollt, in der Hoffnung, dass jemand kommen und die Kerle verjagen würde, bevor sie ihn umbrachten. Sein ganzer Körper tat weh und der scharfe Schmerz, der mit jedem Schlag oder Tritt durch seinen Körper jagte, verschmolz mit den Qualen, die er bereits litt. Dennoch klammerte er sich an sein Bewusstsein und seine Hoffnung. Er durfte nicht sterben, er konnte Seth nicht verlassen, so wie es alle anderen getan hatten. Er konnte das einfach nicht.
Ein wütender Ruf von der Straße her verlangsamte die Hiebe, die auf ihn niedergingen. Er hob den Kopf und sah, dass sich ein Racheengel seinen Angreifern näherte. Sein Blick verschwamm, als er versuchte, sich auf das Gesicht seines Retters zu konzentrieren, aber dann gab ihm ein weiterer Schlag gegen den Kopf den Rest. Sein letzter Gedanke, bevor er bewusstlos wurde war, dass der Mann wie aus Stein gemeißelt wirkte.
MACKLIN STAND über dem bewusstlosen Jungen und rieb sich abwesend die wunden Knöchel. Er war zu alt für Straßenkämpfe, aber das war egal, als er gesehen hatte, dass der Junge auf dem Boden lag und von fünf Männern angegriffen wurde. Er nahm an, dass er ein wenig älter war als der Junge im Hotel, aber nicht viel. Die fünf Raufbolde hatten ihre Meinung geändert, als sie richtigen Männern gegenüberstanden, die zu kämpfen wussten. Macklin nickte Neil, Ian und Kyle dankend zu. Neil hatte eine blutige Nase davongetragen, aber ansonsten schienen alle unverletzt zu sein. Er selbst würde wohl morgen einen Bluterguss am Kinn haben. „Er braucht einen Arzt. Es sieht aber nicht so aus, als wäre etwas gebrochen. Ian, hol den Ute. Wir werden mit ihm ins Krankenhaus fahren und sehen, was ihm fehlt.“
„Sollten wir nicht einen Krankenwagen rufen?“, fragte Ian.
„Er ist zwar bewusstlos, aber er atmet, und er blutet nicht. Wir können ihn vermutlich genauso schnell ins Krankenhaus bringen, wie die Ambulanz hier wäre, und so müssen wir nicht dafür bezahlen. Ich garantiere euch, dass er keine Krankenversicherung hat.“
Ian nickte und rannte zum Truck.
„Du solltest Caine anrufen, Boss“, sagte Neil, der den Blutfluss aus seiner Nase mit dem Ärmel stoppte. „Er wird sich Sorgen machen.“
„Sobald wir den Jungen im Ute haben und auf dem Weg sind“, sagte Macklin. „Er kann das Auto nehmen und uns dort treffen.“
Macklin blickte hinunter auf den Jungen und überlegte, wie sie ihn am besten bewegen konnten, ohne ihn noch mehr zu verletzen. „Neil, nimm seine Füße. Kyle, hilf mir mit seinen Schultern.“
Der Junge stöhnte leise, als sie ihn bewegten, was Macklin etwas beruhigte. Er war zwar bewusstlos, aber nicht in einem Koma. Als sie ihn aus der Gasse trugen und hinten auf den Ute legten, brannte sich ein Gedanke förmlich in Macklins Kopf ein.
Bei der Gnade Gottes in Gestalt von Michael Lang: Das hätte er selbst sein können.
DIE NOTAUFNAHME in Yass war ungefähr so überlaufen und geschäftig wie der Rest der Stadt, also überhaupt nicht. Der Doktor schien überrascht, jemanden zu sehen - noch dazu in solch schlechter Verfassung wie der junge Mann.
„Was ist passiert?“
„Wir haben fünf Kerle dabei erwischt, wie sie ihm die Scheiße aus dem Leib geprügelt haben“, sagte Macklin. „Sein Bruder ist mit unserem Boss auf dem Weg hierher. Er kann Ihnen den medizinischen Hintergrund erläutern, hoffe ich. Wir wollten nicht zu lange warten.“
„Nein, natürlich nicht“, meinte der Arzt. „Legen Sie ihn auf die Trage. Ich werde ihn röntgen müssen und …“
Macklin ignorierte das Gemurmel des Doktors, als dieser die Trage weiter in die Notaufnahme schob. Der Mann würde tun, was er konnte, und sie würden von da aus weitersehen. Er war eher um Caine besorgt. Er glaubte nicht, dass die Schläger in Caine hineinstolpern und ihn als den Viehzüchter von Lang Downs erkennen würden, noch weniger vermutete er, dass sie etwas unternehmen würden, nachdem Macklin ihnen schon in den Hintern getreten hatte. Dennoch wäre er deutlich weniger nervös, wenn er Caine wohlbehalten vor sich hätte. Vor allem kannte er Caines zartes Gemüt und er konnte sich vorstellen, wie sehr ihn diese Situation mitnehmen würde. Macklin kannte zwar nicht die ganze Geschichte, aber er konnte wetten, dass Caine diese bereits aus dem Bruder des Jungen herausgekitzelt hatte. Es konnte allerdings keine gute Geschichte sein und das würde Caine das Herz zerreißen. Nichts durfte seinen Geliebten quälen – und das bedeutete, dass eine Lösung gefunden werden musste.
Jetzt.
Caine erschien ein paar Minuten später, mit dem jüngeren Bruder im Schlepptau. Macklin bemerkte, wie Caines Augen über seinen Körper wanderten und ihn auf Verletzungen hin überprüften. Er drückte Caines Schulter, als der jüngere Bruder an ihnen vorbei ins Krankenhaus rannte. Es war eine kleine Geste, die einzige, die Macklin in der Öffentlichkeit zuließ, besonders hier in Yass. Aber Caine wäre für den Moment beruhigt und er konnte ihn später ausziehen, um jeden Zentimeter seines Körpers zu überprüfen.
„Wo ist Chris?“
„Der Doktor hat ihn zum Röntgen gebracht“, sagte Macklin, wobei er sich dem Jungen zuwandte, der in der Mitte der Lobby angehalten hatte, als er den Gesuchten nirgends entdecken konnte. „Ich weiß nicht, was sonst noch getan werden muss. Er war bewusstlos, aber am Leben. Er wird für längere Zeit ziemliche Schmerzen haben, aber er sah nicht so übel aus, dass man sich Sorgen machen müsste, dass er sich nicht wieder erholen wird.“
„Macklin, das ist Seth“, sagte Caine. „Seth, das ist Mr. Armstrong.“
„Danke, dass Sie meinen Bruder gerettet haben, Mr. Armstrong“, sagte der Junge. „Sie hätten nicht helfen müssen.“
Der Junge mochte es vielleicht so sehen, aber Macklin hatte keine andere Wahl gehabt. Nicht von dem Moment an, als er erfahren hatte, dass Homophobie der Grund für die Attacke war.
Der Doktor kam zurück, bevor Macklin antworten konnte.
„Ist der Bruder jetzt hier? Ich muss ihm ein paar Fragen stellen.“
„Ich bin Chris‘ Bruder“, sagte Seth.
Macklin packte Caines Arm, als dieser dem Doktor und Seth folgen wollte. „Lass ihn das machen. Ich muss erst mit dir reden.“
„Sie kommen nach Lang Downs“, erwiderte Caine sofort. „Sobald Chris fit genug ist, um die lange Fahrt zu überstehen.“
„Natürlich“, stimmte Macklin zu. „Was hat der Junge dir erzählt?“
„Sie sind Waisen; nach dem Tod ihrer Mutter hat ihr Stiefvater sie hinausgeworfen. Sie haben hier in Yass eine Bleibe, aber wohl nur eine vorübergehende. Sie brauchen eine Chance.“
„Und wir geben sie ihnen. Michael würde das befürworten.“ Macklin stimmte sofort zu.
Caine strahlte, wie immer, wenn Macklin seinen Großonkel erwähnte, und aus diesem Grund schwor sich Macklin, öfter von dem alten Mann zu sprechen.
„ER IST noch immer bewusstlos“, erklärte der Doktor Seth, „aber wird vermutlich bald zu sich kommen. Er hat drei angeknackste Rippen, eine Nierenprellung, mehrere Platzwunden und Quetschungen und einen gebrochenen Arm. Nichts davon ist gut, aber es sind keine bleibenden Schäden.“
„Wie lange wird das dauern?“
„Die Prellungen und Kratzer werden in ein paar Tagen verheilt sein. Der Arm, dessen Heilung am langwierigsten ist, wird wohl für sechs oder acht Wochen eingegipst sein.“
„Welcher Arm ist es?“
„Sein rechter.“
Seth fluchte im Stillen. Wenn es der linke Arm gewesen wäre, hätte Chris vielleicht weiterhin arbeiten können, aber mit links war er mehr als unbeholfen. Chris würde seinen Job verlieren, sie würden ihr Zimmer nicht mehr bezahlen können und wieder im Auto leben und dabei versuchen müssen, so vorzeigbar wie möglich auszusehen, um vielleicht noch einen anderen Job und ein neues Zimmer zu bekommen.
Es sei denn, sie nahmen das Angebot an, auf der Station zu arbeiten …
„Kann ich zu ihm? Ich will da sein, wenn er aufwacht.“
„Natürlich.“
Der Doktor führte Seth in ein kleines Krankenzimmer, in dem Chris auf einem Bett lag. Mehrere Maschinen überwachten seine Vitalfunktionen. „Lass dich nicht von den Schläuchen verunsichern“, sagte der Doktor. „Wir überwachen ihn zwar, aber sein Körper tut alles selbstständig. Sobald er wach ist, werden wir sie entfernen. Wenn wir uns sicher sind, dass er keine Gehirnerschütterung hat, können wir ihn nach Hause schicken. Habt ihr ein Zuhause?“
„Natürlich“, log Seth. Er hatte keine Ahnung, wohin sie gehen sollten. Ihr Vermieter ließ sie das Zimmer wöchentlich bezahlen, da Chris seinen Lohn ebenfalls wöchentlich erhielt, aber die Miete war in drei Tagen wieder fällig und Seth hatte keine Ahnung, ob sie genug Geld dafür hatten. Selbst wenn, würde dies nur das Unausweichliche um eine Woche verzögern, weil Chris nach Aussage des Doktors eine ganze Weile nicht mehr arbeiten konnte. „Wach auf, Chris“, bat Seth leise. „Wir müssen eine Lösung finden und ich kann das nicht alleine.“
Sie hatten das Angebot des Viehzüchters, aber Seth traute dem nicht. Er vertraute niemandem mehr, außer Chris. Zu viele Menschen hatten sie betrogen, als dass er jemand anderem als seinem Bruder trauen konnte. Er sah sich im Raum um, um sicher zu sein, dass sonst keiner da war – nicht, dass er jemanden erwartet hätte – und legte seine Hand auf Chris‘. „Komm schon, Chris, tu mir das nicht an.“
Er konnte fühlen, wie ihm die Tränen in die Augen traten, aber sein Stolz verbot ihm, wie ein kleines Kind zu heulen. Seth musste für Chris stark sein. Er fragte sich, was passieren würde, wenn er morgen im Restaurant auftauchte, um Chris‘ Schicht zu übernehmen. Er würde ohnehin nicht mehr tun, als Geschirr zu spülen. Sicher konnte er das gut genug, um ein Dach über ihren Köpfen zu finanzieren, zumindest bis Chris wieder arbeiten konnte.
Die Finger unter seinen zuckten, sodass Seths Aufmerksamkeit wieder auf seinen Bruder gelenkt wurde. Chris‘ Augen waren noch geschlossen, dennoch glaubte Seth, eine Bewegung hinter den Augenlidern zu sehen, so als würde Chris aufwachen. „Kannst du mich hören, Chris? Komm schon. Hilf mir. Du musst aufwachen und mir sagen, was ich tun soll, denn alleine schaff ich das nicht.“
Chris‘ Finger zuckten nochmals, aber seine Augen öffneten sich nicht. „Was sollen wir tun?“, fragte Seth, in der Hoffnung, dass seine Stimme dabei half, seinen Bruder aufzuwecken. „Selbst wenn sie mir erlauben, an deiner Stelle zu arbeiten, werden sie sich über die Schule und die Arbeitsstunden aufregen. Ich weiß nicht, ob ich mit den Stunden, die sie mich arbeiten lassen werden, genug verdienen kann, um die Miete zu bezahlen. Du musst aufwachen und eine Lösung finden. Du hast immer eine Antwort, Chris. Jetzt wäre die richtige Zeit für eine.“
Lärm auf dem Gang ließ ihn aufschrecken. Er zog die Hand zurück, als ob die Person da draußen denken könnte, dass er unmännlich wäre, die Hand seines Bruders zu halten. Er beobachtete die Tür für mehrere Sekunden, doch niemand kam herein, also wandte er sich wieder Chris zu. „Die Männer, die dir geholfen haben, bieten uns einen Job an. Aber ich weiß nicht, ob sie es ernst meinen oder ob sie uns noch wollen, wenn sie erfahren, dass dein Arm gebrochen ist. Der Doc hat gesagt, dass du für sechs oder acht Wochen einen Gips tragen musst. Ich weiß nicht viel über Schafe, aber ich denke nicht, dass du mit deinem ruhiggestellten Arm viel tun kannst. Ich schätze, wir sagen ihnen ‚Danke, aber nein danke‘, und hoffen dann, dass Mr. Harrell uns eine oder zwei Mietzahlungen aussetzen lässt, bis du wieder auf den Beinen bist. Gerade als ich gedacht hatte, dass es besser wird, musste das passieren.“
„WIR MÜSSEN etwas tun.“
„Das werden wir“, sagte Macklin. Seine Hand lag wieder auf Caines Arm, um ihn davon abzuhalten, das Krankenzimmer zu betreten. „Aber der Junge da drinnen kennt und traut uns nicht. So sehr du es auch willst, er hat keinen Grund, dir zu vertrauen. Wir müssen geduldig sein und warten, bis sein Bruder wieder bei Bewusstsein ist. Dann wirst du mit Neil hier draußen bleiben und ich gehe rein, um mit Chris ein Gespräch unter Männern zu führen.“
„Ich bin also kein Mann?“, fragte Caine.
„Du bist ein erstaunlicher Mann, aber genau jetzt benimmst du dich wie eine Mutterhenne, und diese Kinder haben keine Ahnung, wie sie damit umgehen sollen. Du willst sie behüten. Das gibt dir ein gutes Gefühl, aber es wird ihnen nicht helfen.“
„Woher willst du das wissen?“
„Weil ich wie diese zwei Kinder war, als ich nach Lang Downs gekommen bin. Ich bin von zuhause weggerannt, weil ich nicht mehr konnte. Ich hatte es satt, die Schläge einstecken zu müssen, die eigentlich gegen meine Mutter gerichtet waren, nur um dann zusehen zu müssen, wie sie trotzdem geschlagen wurde. Ich konnte die homophoben Tiraden und die Angst nicht mehr ertragen. Ich glaubte, sogar auf der Straße wäre es besser als daheim. Ich lag natürlich falsch, bis mir Michael in den Arsch getreten und mir den Kopf zurechtgerückt hat. Er hat das nicht gemacht, indem er mich behütet hat, Welpe. Er hat mir gesagt, dass, wenn ich diese Entscheidung treffe, ich erwachsen werden und mich wie ein Mann benehmen müsste, und dann hat er mir gezeigt, wie es geht. Darauf werden diese Jungs reagieren, und weil ich genau an dem Punkt war, an dem sie jetzt stehen, kann ich für sie tun, was Michael für mich getan hat. Du kannst sie später trösten, wenn sie uns gut genug kennen, um uns zu vertrauen.“
Caines Herz schmerzte, als er das hörte. Er hatte so etwas anhand der Dinge, die Macklin gesagt oder auch nicht gesagt hatte, vermutet, aber es von ihm so deutlich zu hören, ließ in Caine den Drang aufkommen, Macklin in seine Arme zu ziehen und die alten Wunden zu heilen. Er lachte leise. Macklin hatte recht, was seine beschützende Art anging. „Na gut, in Ordnung. Wir machen es auf deine Weise.“
NADELN. JEMAND stach Nadeln in seinen Arm. Chris kämpfte gegen den Schmerz an, hatte nur das Verlangen, ihm zu entkommen. Dann kehrte die Erinnerung mit einem Schlag zurück und er saß plötzlich kerzengerade im Bett. „Seth!“
„Du bist wach!“
Chris sank wieder zurück auf die harte Matratze. Sein Rücken war durch die flachen Kissen nicht wirklich geschützt und er keuchte, als ein starker Schmerz von seinen Rippen abstrahlte. „Wo bin ich?“
„Im Krankenhaus“, sagte Seth, der im fluoreszierenden Licht klein und verängstigt aussah. „Ich habe Hilfe geholt. Diesen großen Kerl namens Macklin und, wie ich vermute, seinen Boss, so ein Ami namens Caine mit einem unaussprechlichen Nachnamen. Der Yankee besitzt eine Schafstation und er hat gesagt, dass wir für ihn arbeiten könnten.“
„Stopp, warte“, sagte Chris. „Ich komme nicht mit. Was ist passiert, als du weggerannt bist?“
„Ich bin zum Hotel. Es war in der Nähe und ich dachte mir, dass dort Menschen sind. Ich hatte recht. Ich habe um Hilfe gebeten und bevor ich fertig gesprochen hatte, fragte Macklin schon, wo du bist. Ich habe es ihm gesagt und er und drei andere sind losgelaufen, um dir zu helfen.“
Macklin musste der Mann sein, den Chris gesehen hatte, bevor er bewusstlos wurde. „Wie bist du von der Bitte um Hilfe zu einem Job gekommen?“
„Caine, der Yankee, hat mich nicht mit Macklin und den anderen zurückgehen lassen. Er hat mir Fragen über uns und unser Leben gestellt, und danach hat er gesagt, dass wir auf Lang Downs, seiner Station, arbeiten könnten.“
„Du hast ihm nicht die Wahrheit erzählt, richtig?“ Sie hatten das schon oft besprochen. Wenn die Leute wüssten, wo sie lebten und warum, würden sie beim Jugend- oder Sozialamt enden und voneinander getrennt werden, und das war Chris‘ größte Angst. Er hatte nicht viel in seinem Leben, aber er würde niemals zulassen, dass ihm irgendjemand das einzige nahm, was er hatte: seinen Bruder.
„Ich weiß, ich hätte es nicht tun sollen, aber ich wusste nicht mehr, was ich ihm hätte sagen müssen. Ich war einfach zu aufgeregt, und …“
„Keine Sorge, Seth“, meinte Chris mit einem Seufzen. „Er hat uns einen Job angeboten und nicht die Cops gerufen. Nicht, dass ich im Moment viel arbeiten könnte.“
„Ich könnte vielleicht deine Schichten im Restaurant übernehmen“, bot Seth an.
„Du musst in die Schule gehen.“
„Ich werde auf der Station auch nicht in die Schule gehen können“, gab Seth zu bedenken. „Hier wären wir wenigstens in der Stadt.“
In jener Stadt, in der die Leute nun wussten, dass er schwul war. Seth sprach davon, Chris‘ Job zu übernehmen, aber er war sich nicht sicher, ob er den Job nach dieser Begegnung, bei der er zusammengeschlagen worden war, noch hatte. Selbst wenn er ihn nicht verlor und Seth seine Schichten bis zu seiner Genesung übernehmen könnte, konnte er jederzeit wieder diesen Typen gegenüberstehen. Und Seth würde das nächste Mal vielleicht nicht da sein, um Hilfe zu holen.
„Wir sollten noch einmal darüber nachdenken, bevor wir eine Entscheidung treffen“, sagte Chris. „Ich bin zu müde, um das jetzt aus der Welt zu schaffen.“
Ein Husten an der Tür ließ Chris aufblicken.
„Oh, Mr. Armstrong." Seth sprang auf. „Ich habe nicht gesehen, dass Sie hereingekommen sind.“
Chris hätte über Seths bewundernden Tonfall gekichert, den er normalerweise für Staatsoberhäupter und örtliche Halbgötter reservierte, aber die Situation war zu ernst, um zu lachen.
„Es ist schön, dich wach zu sehen“, sprach der Mann Chris an. „Seth, könntest du mir vielleicht eine Tasse Tee holen, während ich mit deinem Bruder spreche?“
Seth rannte wie ein eifriges Hündchen los.
„Sie haben meinen Bruder ziemlich beeindruckt.“
„Er ist nur dankbar, dass ich ihn ernst genommen habe, als er um Hilfe gebeten hat.“
„Sie haben mein Leben gerettet.“
„Möglicherweise. Macklin Armstrong.“
„Chris Simms.“ Chris hielt seine linke Hand hin. Die Geste war ein wenig merkwürdig, aber mit dem Gips an seinem rechten Arm ging es leider nicht anders. „Danke.“
„Ich bin froh, dass ich helfen konnte. Caine hat mir gesagt, dass ihr in letzter Zeit ziemliche Schwierigkeiten hattet.“
„Nichts, was wir nicht schaffen können“, meinte Chris abwehrend. „Ich habe einen Job.“
„Du kannst mit dem Scheiß aufhören, Chris“, sagte Macklin. „Du hast einen Beruf ohne Zukunft, eine Wohnung, die du kaum halten kannst, und keine Möglichkeit, etwas Besseres zu finden, da du dich noch um deinen Bruder kümmerst. Ihr esst nicht gesund, denn obwohl ihr regelmäßig esst, seid ihr beide noch immer viel zu dünn. Du tust dein Bestes, darauf kannst du stolz sein, aber es ist nicht genug.“
„Warum erzählst du mir das?“, fragte Chris. „Denkst du, ich weiß nicht, wie schlecht unser Leben ist?“
„Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass du es weißt. Ich will, dass du verstehst, dass ich es auch weiß.“
„Warum? Damit du uns herumkommandieren kannst?“
„Verdammte Scheiße, Junge, wenn du nicht schon in diesem Bett liegen würdest, würde ich dich hineinbefördern“, knurrte Macklin. „Ich hoffe, ich war nicht so verdammt stur wie du, als Michael Lang mich in einer seiner Hütten gefunden hat. Ich war genau da, wo du jetzt bist. Ich wurde nicht zusammengeschlagen, aber ich bin mit sechzehn von Zuhause abgehauen, weil mein Vater meine Mutter und mich geschlagen und den Rest der Zeit über Schwuchteln und Hinterlader geflucht hat. Seine Worte haben mich mehr verletzt, als es seine Faust je getan hat.“
„Du bist …“ Chris beendete den Satz nicht, weil er nicht wusste, wie er es aussprechen sollte, ohne Macklin zu beleidigen.
„Ja, und?“
Chris blinzelte ein paar Mal und sah den älteren Mann genauer an. Er war groß, aber nicht zu groß, vielleicht etwas über 1,80 Meter, mit breiten Schultern und muskulösen Armen, soweit sie unter dem kurzärmligen Hemd zu sehen waren. Sein Haar war verstrubbelt und seine Stiefel staubig. Er war das Bild des maskulinen Farmarbeiters. Und er war schwul.
„Und nichts. Ich war nur überrascht, das ist alles.“
„Überrascht, dass ich es zugebe, oder dass ich überhaupt schwul bin?“
„Ein bisschen von beidem“, gestand Chris. „Nicht viele hier draußen würden es zugeben, selbst wenn es stimmt.“
Macklin schnaubte amüsiert. „Wahre Worte, aber ich bin nicht wie die meisten Leute und Lang Downs ist nicht wie die meisten Stationen. Ich denke, dein Bruder hat dir von dem Jobangebot meines Partners erzählt.“
„Er ist erst sechzehn. Er muss zur Schule gehen“, sagte Chris.
„Er wird auch weiterhin unterrichtet werden“, meinte Macklin. „Wir haben ein paar Kids auf der Station und wir stellen sicher, dass alle ihren Abschluss machen. Was sie nach der Highschool tun, ist ihre Sache, aber die müssen sie abschließen. Wir nutzen den Fernunterricht, also sind die Stundenpläne ein wenig flexibler. Er kann arbeiten und gleichzeitig zur Schule gehen, und du kannst in der Küche arbeiten, bis du den Gips los bist. Dann schauen wir, aus welchem Holz du geschnitzt bist.“
„Warum sollten wir euch trauen?“
„Das sollt ihr noch nicht“, sagte Macklin. „Du solltest niemandem außer deinem Bruder trauen, bis du uns ein wenig besser kennst, aber wir bieten dir eine Chance an. Die gleiche Chance, die mir Caines Großonkel angeboten hat, als ich sechzehn und noch zu dumm war, um es besser zu wissen. Du wirst kein besseres Angebot bekommen und wenn du am Ende der Saison beschließt, dass die Station nichts für dich ist, kannst du sie mit den anderen Jackaroos im Mai verlassen. Was hast du schon zu verlieren?“
Einen Witz von einer Wohnung, einen beschissenen Job in einem schäbigen Restaurant …
„Wird es die anderen kümmern, dass ich schwul bin? Ich habe immer gehört, dass das Leben auf den Stationen, nun ja, nicht unbedingt angenehm für Leute wie mich ist.“
„Du hast mir nicht zugehört, oder?“, frage Macklin. „Caine Neiheisel, der Besitzer von Lang Downs, ist mein Partner.“
„Oh, diese Art von Partner.“ Bei Chris war der Groschen gefallen. „Ich dachte … Es ist nicht wichtig, was ich dachte. Ich lag offenbar falsch. Also wissen alle Bescheid?“
„Wir können es schwer verbergen, wenn ich nachts im Stationshaus schlafe, obwohl es ein völlig passables Vorarbeiterhaus gibt“, meinte Macklin. „Ich rede nicht darüber, weil es keinen was angeht, aber ich verstecke es auch nicht.“
„Du hast mir das Leben gerettet. Ich schätze, das könnte ein Weg sein, dir zu danken.“
„Du schuldest mir gar nichts. Aber du schuldest deinem Bruder die beste Chance, die er im Leben kriegen kann. Ich weiß, dass du bereits dein Bestes gibst, aber ich weiß auch, dass das nicht genug ist. Er hätte in Lang Downs eine richtige Chance, genau wie du. Denk darüber nach, während du hier bist. Du kannst uns deine Entscheidung mitteilen, wenn sie dich entlassen.“
„Das ist alles?“
Chris hatte keine Ahnung, warum er weiter diskutierte, aber es schien alles zu einfach zu sein.
„Was sollte sonst noch sein?“
„Ich weiß nicht. Drohungen, dass du das Jugendamt anrufst, wenn ich nicht nach deiner Pfeife tanze?“
„Du bist kein Kind, das man einschüchtert“, stellte Macklin mit einem Schulterzucken fest. „Du bist ein Mann. Sicherlich noch ein ziemlich junger, aber trotzdem ein Mann. Du kannst deine eigenen Entscheidungen treffen, ohne dass ich dich unter Druck setze, und du wirst mit den Konsequenzen deiner Entscheidungen leben, so gut oder schlecht sie auch sind. Du hast bewiesen, dass du ein Mann bist, als du deinen Bruder bei dir behalten und ihn unterstützt hast. Tu weiterhin, was das Beste für ihn ist, und euch wird es gut gehen. Wir gehen jetzt zum Abendessen zurück zum Hotel, aber wir kommen morgen früh vorbei, damit du uns deine Entscheidung mitteilen kannst.“
Seth kam zurück in den Raum gerannt. „Es tut mir leid, Mr. Armstrong, aber ich konnte keinen Tee finden.“
„Ist schon gut, Kleiner.“ Macklin strubbelte Seth durch die Haare, als er zur Tür ging. „Ich bekomme sicher welchen im Hotel. Pass auf deinen Bruder auf. Wir werden morgen früh zurückkommen, um zu erfahren, was ihr beschlossen habt.“
„Was wir beschlossen haben?“, fragte Seth an Chris gewandt. „Was beschließen wir?“
„Was wir von jetzt an tun werden“, gab Chris zurück. „Armstrong denkt, dass wir ihr Angebot annehmen sollten. Er hat mir ein sehr überzeugendes Argument genannt.“
„Was für ein Argument?“
Seths Misstrauen war spürbar, aber Chris war sich dessen Notwendigkeit weniger sicher als noch vor einer Stunde. Es wäre eine Erleichterung, nicht der Einzige zu sein, der auf Seth aufpasste. Er erwartete nicht, dass die Männer auf der Station die Verantwortung für Seths Schulbildung oder sein Wohl übernehmen würden, aber sie mussten zusammenarbeiten und Armstrong hatte scheinbar ein onkelhaftes Verhältnis vorgeschlagen. Dann war da noch die Verlockung, zum ersten Mal in seinem Leben nicht die einzige homosexuelle Person im Raum zu sein. Auch wenn er sich dafür entschieden hatte, es nicht öffentlich zu machen, wussten doch schon einige Menschen davon, daher würde er es sowieso nicht geheim halten können. Wenn Armstrong recht hatte, müsste er das auf Lang Downs auch nicht.
„Wir können uns so schon kaum über Wasser halten und jetzt, mit meinem verletzten Arm, werden wir nicht mal mehr das schaffen“, erklärte Chris. „Kost und Logis bekommen wir auf der Station auch.“
„Wir wissen nichts über Schafe“, erwiderte Seth.
„Dann werden wir es eben lernen.“ Chris zuckte andeutungsweise mit den Schultern, so gut es mit der Armschlinge und den Bandagen um seine Brust eben ging. „Wir sind schlau, wir können Anweisungen befolgen und den Rest können wir dort herausfinden.“
„Du willst das wirklich tun?“
Chris versuchte erneut, mit den Schultern zu zucken, um zu verbergen, wie sehr er sich nach einem Ort sehnte, an dem er sich zuhause fühlen konnte. Außerdem würde er auch die Möglichkeit haben, Macklin und Caine näher kennenzulernen. Wie sie interagierten und wie sie das Leben zusammen bewältigten. Er wollte daran glauben, dass zwei Männer eine gesunde Beziehung führen konnten, aber da er keine Ahnung hatte, wie so etwas überhaupt aussah, hatte er bis jetzt Schwierigkeiten gehabt, sich das vorzustellen. „Ja, ich will es wirklich tun.“
„Dann sollte ich wohl nachsehen, was wir für Ausrüstung brauchen, damit wir das besorgen können.“
„Schau in der Tasche meiner Jeans nach, wenn du sie finden kannst“, meinte Chris. „Ich bin heute bezahlt worden und da wir nicht mehr in der Wohnung leben werden, brauchen wir uns um die Miete keine Gedanken mehr zu machen.“
„Ich werde sehen, ob ich sie finden kann, wenn ich Mr. Armstrong nach der Ausrüstung frage“, sagte Seth.
Die Krankenschwester kam herein, bevor er etwas erwidern konnte, also winkte Chris seinen Bruder mit seiner heilen Hand hinaus und legte sich dann aufs Bett zurück. Die Frau begann ihn zu stupsen und an ihm herumzudrücken. Danach war er dankbar für die Schmerzmittel, die sie ihm reichte, da er starke Schmerzen hatte, ehe die Medikamente ihn ausknockten.
ALS ER das nächste Mal aufwachte, blickte er in ein fremdes Gesicht. Der Mann neben seinem Bett hatte kurzes, braunes Haar, das ordentlicher als Armstrongs geschnitten war. Seine Haut war etwas blasser, aber dennoch gebräunt, und er hatte sanftere Augen. Als er bemerkte, dass Chris wach war, lächelte er. Er sah dabei so freundlich aus, dass Chris nicht wusste, wie er reagieren sollte.
„Hallo“, sagte der Mann, dessen Akzent sofort den Amerikaner verriet. „Ich bin Caine Neiheisel. Ich habe gehört, dass du mit uns nach Lang Downs k-kommen wirst.“
„Seth hat es dir gesagt?“, fragte Chris, seine Stimme rau wegen seiner trockenen Kehle. Also war das Macklin Armstrongs Partner. Es erschien ihm als zu intim, von den beiden als Liebhaber zu denken, aber Chris wusste, dass sie genau das waren.
Caine goss Wasser in ein Glas und reichte es ihm. „Ja, er hat es uns gesagt. Er besorgt die Ausrüstung für euch, aber wir werden auf dem Weg zur Station auch in Boorowa halten, dort findet ihr alles, was er hier nicht b-bekommen hat.“
„Ich weiß nicht, wie ich dir und Mr. Armstrong danken soll“, meinte Chris nach einem Schluck Wasser. „Ich wäre tot ohne ihn und ohne dich würde ich mir wünschen, es zu sein.“
„Ach, nicht der Rede wert“, sagte Caine. „Mein Onkel hatte diese Gewohnheit, Streuner a-aufzunehmen. Ich versuche ihm nachzueifern und das hier schien eine g-gute Chance dafür zu sein. Glaub mir, du wirst dir deine Mahlzeiten redlich verdienen.“
„Mit diesem Ding an meinem Arm?“, schnaubte Chris, wobei er seinen eingegipsten Arm anhob.
„Du wirst den Gips bald los sein und ich bin mir sicher, dass wir auch bis dahin etwas für dich finden werden“, versicherte ihm Caine. „Sie haben mich auch eingespannt, als ich noch nichts über Schafe wusste. Macklin wird schon einen Weg finden, dich beschäftigt zu halten.“
„Ich bin froh, dass ich nicht der erste Neuankömmling auf der Station sein werde.“
„Nicht der Erste und wahrscheinlich auch nicht der Letzte“, stimmte Caine zu. „Wir scheinen ein richtiger Magnet für Menschen geworden zu sein, die sonst nirgends hinpassen.“
„Menschen wie ich“, sagte Chris langsam.
„Menschen wie wir“, gab Caine zurück. „Es scheinen viel mehr Schwuchteln auf den Stationen zu arbeiten, als die Fanatiker glauben wollen, und mehr als einer von ihnen hat seinen Weg nach Lang Downs gefunden. Da es ziemlich heuchlerisch von mir wäre, mir über ihre sexuelle Orientierung Gedanken zu machen, ist es mir egal – solange sie ihren Job machen. Dasselbe gilt für dich und Seth. Macht eure Arbeit so gut ihr könnt und der Rest ergibt sich von selbst.“
„Wir werden unser Bestes geben, versprochen“, sagte Chris. „Haben die Ärzte gesagt, wann ich gehen kann?“
„Sobald sie sicher sind, dass deine Gehirnerschütterung nicht zu einem Koma führen könnte …“ Caine überlegte. „Vielleicht morgen, was uns gut passen würde. Wir werden so früh wie möglich aufbrechen, in Boorowa ein paar Vorräte aufstocken und dann entscheiden, ob wir weiterfahren oder die Nacht dort verbringen und erst am nächsten Morgen losfahren. Es dauert nur eine Stunde bis nach Boorowa, aber ganze fünf Stunden von dort bis zur Station, und die letzten vier Stunden werden hart. Es wäre vermutlich auch nicht schlecht, wenn du dich einen Tag länger erholen könntest. Die Schlaglöcher in den Straßen von Taylor Peak werden deinen Rippen ganz schön zusetzen.“
CAINES WORTE erwiesen sich selbst nach einer weiteren Nacht im Krankenhaus und einer in Boorowa als mehr als nur ein wenig prophetisch. Chris hatte sich am Morgen, während die anderen Jackaroos die Utes beladen hatten und Richtung Norden aufgebrochen waren, besser gefühlt. Aber bis Seth und er zusammen mit Caine und Macklin ins Auto stiegen, schmerzte sein Körper schon ein wenig vom ständigen Herumstehen. Als sie die Hauptstraße verließen und auf die unbefestigten Wege von Taylor Peak, der Station zwischen der Hauptstraße und Lang Downs, fuhren, hatte Chris das Gefühl, einen neuen Höllenkreis betreten zu haben. Darüber hinaus durfte er nicht einmal mit seinem eigenen Auto fahren. Einer der anderen Jackaroos fuhr es. Caine hatte darauf bestanden, da er der Meinung war, dass Chris wegen der Schmerzmittel, des gebrochenen Arms und der schlechten Straßen nicht dazu in der Lage war. Chris weigerte sich, zuzugeben, dass der Viehzüchter wohl recht gehabt hatte.
Die Straßen wurden besser, als sie Taylor Peak hinter sich ließen und auf dem Grund von Lang Downs fuhren. Besser war jedoch ein sehr relativer Begriff, denn Chris‘ Rippen schmerzten bei jedem Stoß. Schon lange bevor sie den Hauptteil der Station mit seinen gepflegten Rasenflächen und den penibel instandgehaltenen Gebäuden erreichten, war Chris kurz davor gewesen, das Handtuch zu werfen und einfach nach Yass zurückzukehren. Selbst im Auto zu schlafen, bis sie wieder eine schäbige Wohnung fanden, wäre besser als das hier.
Dann hielten sie an und Caine und Macklin stiegen aus. Zu sehen, wie sie nebeneinanderstanden, ohne sich zu berühren, und dennoch zusammen, wie sie tief durchatmeten, als wäre die Luft hier besser als irgendwo sonst auf der Welt, ließ Chris schlagartig innehalten. Yass hatte ihm Prügel gebracht. Lang Downs brachte diesen Männern Frieden. Vielleicht würde es auch ihm Frieden und Sicherheit bringen, wenn er dem Ganzen eine Chance gäbe.
„Wo sollen wir unser Gepäck hinbringen?“, fragte Chris und dehnte seine steifen Muskeln.
„Ins Haupthaus“, antwortete Caine. „Du wirst Kami in der Küche helfen, also ist es am sinnvollsten, wenn du in der Nähe bist.“ Er fasste Chris an seinem gesunden Arm und führte ihn in Richtung Haupthaus, während Macklin Seth in die entgegengesetzte Richtung mitnahm.
„Du willst deinen kleinen Bruder nicht wirklich bei den anderen Jackaroos in der Unterkunft haben“, fügte Caine hinzu, als sie außer Hörweite waren. „Sie sind kein schlechter Haufen, aber nicht gerade kindersicher. Ich weiß, dass Seth wohl schon mehr gesehen und gehört hat, als viele andere Kinder in seinem Alter, aber das bedeutet nicht, dass er weiterhin alles sehen und hören muss.“
Die Logik hinter Caines Argument traf Chris ziemlich hart. Er hatte versucht, das Beste für seinen Bruder zu tun, aber billige Zimmer, unmögliche Arbeitszeiten und das ständige Weiterziehen hatten ihren Tribut gefordert. Seths schulische Leistungen waren schlecht. Er hatte eine dreckige Sprache angenommen und legte ein schlechtes Benehmen an den Tag, wurde für Chris’ Geschmack zu sehr wie die Herumtreiber auf der Straße. „Ich kann verstehen, warum er hier wohnen sollte, aber ich kann auch in einer der Baracken bleiben. Ich bin nicht mehr sechzehn.“
„Denkst du wirklich, dass er irgendwo bleiben wird, wo du nicht bist?“, fragte Caine. „Er liebt dich. Verehrt dich sogar. Wenn du in der Schlafbaracke bist, wird er auch dorthin wollen.“
„Ich schätze schon“, meinte Chris. Er fühlte sich etwas überfahren, aber er konnte keinen Denkfehler in Caines Einwand erkennen. Er konnte allerdings zu einem späteren Zeitpunkt noch immer umziehen, wenn es denn nötig war.
„Gut“, sagte Caine. Er führte Chris in Richtung Haupthaus. „Lass uns dein Zeug holen und dann kannst du dich hier etwas einrichten. Es gibt ein paar Gästezimmer, das heißt, ihr könnt jeder ein eigenes Zimmer haben, wenn ihr wollt. Ich weiß nicht, für wen Onkel Michael sie eigentlich gebaut hat, da er nie geheiratet und auch keine Kinder bekommen hat. Ich bin trotzdem froh, dass sie da sind.“
Das Haus selbst war nicht neu. Chris konnte das zwar erkennen, aber nicht genau bestimmen, wann es gebaut wurde. Die Möbel, die gemütlich und heimelig aussahen, waren eindeutig neu und in dunklen, warmen Farben gehalten, die gut zum steinernen Kamin und den hellen Holzböden passten.
„Die Küche ist dort hinten“, sagte Caine. Er deutete einen langen Gang hinunter, der zu einem Anbau an das Haupthaus führte. „Ich werde dich Kami vorstellen, nachdem du dein Zimmer ausgesucht hast. Er ist unser Koch. Während dein Arm heilt, kannst du ihm helfen. Der Doktor hat gesagt, dass du deine Hand benutzen kannst, richtig? Du kannst also das Gemüse schneiden und die kleinen Sachen erledigen, während er sich um die schweren Aufgaben kümmert.“
„Ich habe keine Erfahrung in der Küche“, warnte Chris. „Alles, was ich im Restaurant getan habe, war Geschirr zu spülen.“
„Mach dir deswegen keine Sorgen. Kami wird sich gut um dich kümmern.“
Während sie die Stufen zu den Schlafzimmern hinaufstiegen, wunderte Chris sich darüber, dass Caine plötzlich nicht mehr stotterte. Es war gestern im Krankenhaus nicht allzu schlimm gewesen, aber jetzt war es völlig verschwunden. Er zuckte die Schultern und entschied, dass es egal war. Chris musste auf halber Treppe stehenbleiben, um Atem zu schöpfen. Caine trug zwar die Tasche, aber Chris konnte wegen der Bandagen um seinen Brustkorb nicht tief durchatmen. „Verdammte Scheiße“, murmelte er.
„Gebrochene Rippen tun weh, nicht wahr?“, meinte Macklin vom Fußende der Treppe. „Ich habe mir zwei gebrochen, als ich von einem Pferd gefallen bin, kurz nachdem ich hier ankam. Michael bemitleidete mich überhaupt nicht. Er hat mir gesagt, dass ich gar nicht erst auf ein Pferd hätte steigen sollen, wenn ich es nicht reiten kann. Aber er hat meine Rippen einen Monat lang jeden Abend bandagiert, bis ich mich wieder schmerzfrei bewegen konnte.“
Chris‘ Rippen behinderten ihn gerade genug bei der Drehung, als er sich Macklin zuwandte, dass er sah, wie sich der Ausdruck auf Caines Gesicht veränderte, als er zu seinem Vormann hinuntersah. Seine Augen schienen zu leuchten und sein Lächeln wurde breiter. Sieht so Liebe aus?, fragte sich Chris.
„Wo ist Seth?“
„Ich habe ihn für den Fernunterricht angemeldet“, erklärte Macklin. „Wir werden sehen, wo er steht, und was notwendig ist, damit er die Schule beendet. Er wird wohl ein paar Stunden beschäftigt sein, falls du auspacken oder dich für eine Weile hinlegen willst.“
„Ich bin kein Invalide“, schnappte Chris, wobei er passenderweise vergaß, dass er nicht einmal die Treppe ohne eine kurze Pause bewältigen konnte.
„Nein, das bist du nicht“, stimmte Macklin zu. „Aber du erholst dich gerade von einer Prügelei und du musst, laut dem Beipackzettel, ziemlich starke Schmerzmittel einnehmen. Du hast dir ein wenig Erholung von dieser Reise verdient. Seth wird nicht vor morgen mit der Arbeit beginnen. Du auch nicht. Und bevor du anfängst zu diskutieren: Ich bin der Vorarbeiter. Ich treffe hier die Entscheidungen.“
„Er lässt keinen arbeiten, der krank oder verletzt ist“, fügte Caine hinzu. „Nicht einmal mich.“
„Besonders dich nicht“, sagte Macklin mit einem leisen Knurren.
Da war es schon wieder. Sie verkündeten ihre Beziehung nicht lautstark, aber das machte sie um nichts schwächer oder weniger real. „Kann ich wenigstens ein wenig herumlaufen und mich umsehen?“
„Überanstrenge dich nur nicht“, meinte Macklin. „Kami beginnt mit den Vorbereitungen für das Frühstück um halb fünf. Das heißt, du wirst morgen früh aufstehen müssen.“
„Dann werde ich nur einen schnellen Spaziergang machen“, sagte Chris. Er brauchte die Ruhe, aber da er darauf bestanden hatte, sich nicht auszuruhen, ließ sein Stolz es nicht zu, dass er nachgab.
„Nachdem ich dir dein Zimmer gezeigt habe“, unterbrach Caine. „Ich werde vielleicht nicht da sein, wenn du zurückkommst. Du solltest wissen, wo es ist.“
Chris nickte und folgte Caine die restliche Treppe hinauf. Das Schlafzimmer, das Caine ihm zeigte, war nicht besonders groß, aber es war sauber, mit großen Fenstern, einem breiten Bett und einer riesigen Kommode. „Das Badezimmer für dich und Seth ist am Ende des Flurs. Fühlt euch wie zu Hause.“
Caine ging, bevor Chris sich erneut bei ihm bedanken konnte. Chris beugte sich vorsichtig über den Koffer, öffnete ihn und nutzte die nächsten paar Minuten, um ihn auszupacken. Das Bild seiner Mutter, das er seinem Schwiegervater gestohlen hatte, platzierte er mittig auf der Kommode. Seine Kleidung warf er etwas nachlässig in die Schubladen, ehe er zur Treppe zurückging.
Hinunterzugehen war leichter als hinaufzusteigen und er schaffte es ohne größere Probleme nach draußen. Dennoch legte Chris eine kurze Pause ein und setzte sich auf einen der Holzstühle auf der Veranda. Die Station war sehr betriebsam. Zwanzig oder mehr neue Männer zogen in die Schlafbaracken ein, und dann gab es noch die Leute, die das ganze Jahr über auf der Station lebten. Er konnte die Schafe in den Gehegen blöken hören. Die Schur war die nächste anstehende Arbeit, das hatte Chris jedenfalls gehört, als die Männer zum Abendessen in Boorowa zusammensaßen, wegen seinem Arm würde er das allerdings verpassen. Er hatte keine Ahnung, wie lange das dauern oder was als nächstes kommen würde, aber ein Teil von ihm war begierig, mehr zu lernen. Er wusste nicht, wie lange dies anhalten würde, da nichts in seinem Leben momentan wirklich von langer Dauer zu sein schien, aber er würde alles geben und auf das Beste hoffen.
Er stand langsam auf und ging in Richtung der Baracken. Macklin war nicht der Einzige gewesen, der ihm geholfen hatte. Chris wollte den anderen Männern ebenfalls danken, wenn er sie denn finden konnte. Er überquerte den Hof und war gerade auf die Veranda getreten, als er in der Schlafbaracke eine Stimme hörte.
„Ein paar von euch haben vermutlich Gerüchte über den Boss gehört.“
Chris schlüpfte nach drinnen, um zuzuhören.
„Ihr habt vielleicht gehört, dass er eine Schwuchtel ist“, fuhr der Mann fort. Chris glaubte sich zu erinnern, dass Macklin und Caine ihn Neil genannt hatten, aber er war sich nicht sicher. „Ihr habt vielleicht noch viel unhöflichere Dinge über ihn gehört.“
Chris hoffte, dass Neil nicht versuchen würde, alles zu leugnen. Macklin hatte gesagt, dass sie nicht darüber sprachen, es aber ebenso wenig versteckten.
„Lasst mich das klarstellen“, sagte Neil mit gereizter Stimme. „Caine Neiheisel und Macklin Armstrong sind das Rückgrat dieser Station. Wenn ihr nicht damit klarkommt, für Schwuchteln zu arbeiten, solltet ihr jetzt besser gehen. Keiner der Männer auf der Station wird irgendwelche Anfeindungen ihnen gegenüber tolerieren.“
„Warte mal“, unterbrach einer der Männer. „Ihnen gegenüber? Ist Armstrong auch schwul?“
„Hast du ein Problem damit?“, bohrte Neil nach.
„Nein“, erwiderte der Mann, die Hände beschwichtigend erhoben. „Ich bin nur … überrascht. Und, nun ja, auch ein wenig überrascht darüber, dass alle so offen damit umgehen.“
„Caine hat Neil das Leben gerettet“, erklärte ein anderer Arbeiter. „Er fühlt sich nun verpflichtet, den Boss gegen jegliche Gefahr zu verteidigen, egal ob sie real ist oder nicht.“
„Als würde Macklin zulassen, dass Caine sich auch nur einen blauen Fleck einfängt“, scherzte ein Arbeiter.
„Caine arbeitet genauso hart wie alle anderen“, stellte Neil klar.
„Und bearbeitet in der Nacht Macklins Arsch.“
„Macklin würde sich niemals vögeln lassen.“
„Caine ist der Boss.“
„Auf der Station, ja. Keine Chance, dass er es im Schlafzimmer auch ist.“
„Genug jetzt!“, brüllte Neil. „Bewegt eure faulen Ärsche nach draußen und geht an die Arbeit!“
Die Männer gingen pflichtbewusst hinaus, sodass Chris alleine mit Neil in der Baracke zurückblieb. „Was willst du?“, fragte Neil.
„Ich wollte dir danken“, meinte Chris leise. „Du warst bei Macklin, richtig? Als er die Typen verjagt hat, die mich umbringen wollten?“
„Ja“, gab Neil mit einem Schulterzucken zurück. „Das war nichts Besonderes.“
„So wie es nichts Besonderes war, dass Caine dein Leben gerettet hat?“, fragte Chris. „Ich werde dir jetzt nicht wie ein Hündchen folgen oder so. Ich wollte dir einfach nur danken. Du hättest mir nicht helfen müssen.“
