Den Knochen der Abgrund - Jo Schneider - E-Book
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Den Knochen der Abgrund E-Book

Jo Schneider

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Beschreibung

Um Grau aus den Fängen ihres Vaters zu befreien, ist Ciara jedes Mittel recht. In ihrer Verzweiflung schließt sie einen verhängnisvollen Pakt mit dem Dämon Kazra, denn der bietet ihr die Antworten, die sie noch immer händeringend sucht. Angeblich liegen sie in der geheimnisvollen Unterwelt Under verborgen.Aber um sie zu verdienen, muss Ciara eine gefährliche Prüfung bestehen, die sie nicht nur das Leben kosten könnte, sondern weitaus mehr

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Den Knochen der Abgrund

Drei Kronen Saga 2

Jo Schneider

Copyright © 2019 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Laura Labas

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-488-8

Alle Rechte vorbehalten

Für Ronja

Den Knochen unterworfen sei der tiefste Abgrund.

Regiert von Tod und Dunkelheit.

Zwei Seelen, ein Herz.

Getrennt von uralter Macht und ewigem Schmerz.

Durch Liebe gebunden, bis ans Ende der Zeit.

Inhalt

1. Der Käfig

2. Die Wahrheit und ein Versprechen

3. Gib acht, wen du rufst

4. Vor dem Sturm

5. Heimat

6. Mein König

7. Verhängnisvolle Entscheidungen

8. Finde den Schlüssel

9. Der Fährmann

10. Der Weg der Prüfung

11. Der Pilz mit der Tiefenangst

12. Das Troll-Dilemma

13. Der Sammler

14. Das Feuer im Spiegel

15. Den Knochen der Abgrund

16. Das, was du bist

17. Ein Traum aus Feuer

18. Ihr Schicksal in unseren Händen

19. Ein Drache als Zeuge

20. Was wir in den Spiegeln sehen

21. Der Gipfel mit tausend Antworten

22. Die Klingen des Assassinen und die Geschichte einer Fae

23. Jäger der Legenden

24. Geheimnisse eines Illusionisten

25. Die Bestie im Käfig

26. Was uns wirklich jagt

27. Unantastbar und so verletzlich

28. Mundi

29. Der Schein, den wir wahren, und die Wahrheit dahinter

30. Nue

31. Die Lichter, die der Dunkelheit entstiegen

32. Hass und Reue

33. Die Knochen vergeben nicht

34. Visionen einer Seherin

35. Die Geliebte des Mondes

36. Wer bist du?

37. Vom selben Blut

38. Der letzte Schritt

39. Die Wölfin

40. Ketten, die entfesseln

41. Schenk mir das Ende

42. Anfang und Ende

Glossar

Danksagung

1

Der Käfig

Ich war ein angeketteter Hund unter Wölfen.

Seit vier Wochen befand ich mich wieder zu Hause im Sommerreich. Obwohl es hier beinahe keinen Tag gab, an dem die Sonne nicht mein Gesicht verbrannte, verspürte ich nur Dunkelheit um mich herum.

Sie hatten Grau in ein Verlies geworfen. Hatten ihn mit Magiebannern geknebelt – schillernde Seile, die dazu gemacht waren, die Kräfte eines Magiers zu unterdrücken. Für Grau hatte ein einzelnes nicht gereicht, also hatten sie gleich fünf um seinen Körper geschlungen. Er hatte fast das Bewusstsein verloren, als sie ihn durch ganz Nova Libra geschleift hatten.

Seit er ins Gefängnis verbannt worden war, hatte ich ihn nur ein einziges Mal gesehen. Er hatte schrecklich ausgesehen: Blutergüsse auf Brust, Armen und am Kinn. Ein blaues Auge unter dem wirren weißen Haar, das ihm in Strähnen in die Stirn gefallen war. Bevor ich ihn durch den kleinen Essensschlitz der massiven Eisentür hatte ansprechen können, war ich auch schon von einer Wache gepackt und wieder in den Palast gezerrt worden. Khouan – mein bester Freund und Komplize – hatte noch schnell genug fliehen können und war einer Strafe entgangen. Ich dagegen war von meinem Vater eingesperrt worden wie das widerspenstige Balg, als das er mich schimpfte.

Ich hasste ihn mit jedem Tag mehr.

Die Weisen hatten sich meiner angenommen. Meine erwachten magischen Fähigkeiten waren ein Kuriosum für sie alle.

»Viel zu mächtig, das Mädchen! Sie ist viel zu mächtig!«, hatte eine der alten Frauen gemurmelt, die neben meinen beiden Großmüttern gestanden hatten.

Meine ältere Großmutter, die Mutter meines Vaters, hatte zustimmend gebrummt. »Wir müssen ihre Kräfte aufs Neue versiegeln. Der jetzige Bann hat sich bedenklich stark gelockert.«

Meine jüngere Großmutter, die Mutter meiner Mutter, hatte nur mit der Zunge geschnalzt. »Dieser dumme, dumme Wildenführer. Er hat gar nicht gemerkt, dass er fast seinen Untergang entfesselt hätte. Da ist so viel Feuer in ihrem Herzen.«

»Still! Sie könnte uns hören!«, hatte einer der wenigen Männer unter den Weisen gezischt.

»Das kann sie nicht. Sie steht unter dem Einfluss einer starken Droge. Sie schläft noch bis in die späte Nacht, mein Guter.«

Oh, ich hatte jedes einzelne Wort mit angehört. Der Sud, den sie mir verabreicht hatten, hatte kaum Wirkung gezeigt. Vermutlich war mein Körper durch den ausdauernden Gebrauch des Schlaftrunks im Winterreich resistent gegenüber derlei Kräutern geworden. Ich hatte mich dennoch schlafend gestellt, um die alten Krähen zu belauschen.

»Lasst uns zum heiligen Feuer beten«, hatte meine ältere Großmutter verkündet. »Auf dass niemals ein Wesen das feurige Herz der Sommerprinzessin berühre. Auf dass ihre Kräfte ewig in dem Käfig schlummern, den ihr zu bauen wir uns widmen werden mit all unserer Weisheit. Möge der Name des Feuers uns Kraft geben, ein starkes Werk zu vollbringen.«

»Im Namen des Feuers«, hatten die anderen Stimmen gesummt.

Irgendjemand hatte mir die Hand auf den Bauch gelegt. Übelkeit war in mir aufgestiegen. Danach hatte ich das Bewusstsein verloren.

Seit der Erneuerung des Banns hatte ich mich wie eine wandelnde Leiche gefühlt.

Da war so viel Übelkeit, die mich quälte. Jeden Morgen und jeden Abend erbrach ich mich. Der Hofarzt stellte ein schwaches Fieber bei mir fest. Jede Nacht schwebte ich zwischen Schlaf und vollem Bewusstsein, sah das stets wiederkehrende Bild einer sich verdunkelnden Höhle. Jedes Mal war ich gezwungen, das Erlöschen eines mächtigen Feuers zu betrachten. Immer wieder versuchte ich, dagegen anzukämpfen, war allerdings machtlos. Am Morgen war ich meist zu erschöpft, um mich überhaupt noch aufzusetzen, geschweige denn einen Ton von mir zu geben.

»Ciara, du musst aufstehen«, flehte Maklin, meine kleine Schwester. Seit einer halben Stunde hockte sie schon an meinem Bett und versuchte, mich zu irgendwelchem Unsinn zu überreden, der zum Zweck hatte, mich unter den Laken hervorzuholen.

Sinnlos.

Ich starrte träge an die Decke und sah zu, wie die Schatten über den kunstvollen Baldachin wanderten.

»Wir könnten doch in der Kutsche durch die Stadt fahren und uns auf dem Basar ein Eis kaufen. Was hältst du davon? Gezuckertes Erdbeermus an einem Stiel! Es schmeckt so gut, hm, du musst es unbedingt mal kosten!«

Ich drehte den Kopf und sah Maklin müde an. »Bitte geh.«

Meine kleine Schwester sandte mir einen verzweifelten Blick. Tiefbraune Wellen ergossen sich über ihre Schultern. Ihre dunklen Augen, die üblicherweise vor Lebensfreude strahlten, wenn es ihr gut ging, waren heute glasig und voller Schwermut.

»Du musst aufstehen, Ciara! Bitte tu etwas! Ich bin so in Sorge um dich, ich kann kaum noch essen!«

Langsam richtete ich mich auf. Rotbraunes Haar fiel mir ins Gesicht. Ich atmete tief durch, ehe ich ihr antwortete. »Das ist nicht mein Problem.«

»Das sagst du ständig! Aber deine Probleme sind doch unsere Probleme! Wir sind eine Familie!« Sie klang verängstigt.

Ohne jedwedes Blinzeln starrte ich sie an, als sie eine Hand auf meinen rechten Unterarm legte. Genau dorthin, wo die schwarze Schneeflocke prangte, die Grau mir einst nach meinem Wettkampf mit Estre vermacht hatte.

»Wir lieben dich doch«, fügte sie leise, fast schon flüsternd hinzu.

Ich biss die Zähne aufeinander.

»Was haben sie dir dort nur angetan? Dort in diesem kalten Land? Haben sie dir dein Herz gefroren? Bist du deswegen so kalt? Das Funkeln in deinen Augen – es fehlt. Seit du hier bist, fehlt dir etwas. Und, Schwester, ich wünschte, ich wüsste, was es ist. Ich würde es dir wiedergeben!« Maklin fing an zu weinen.

Ich drehte den Kopf und starrte zum Fenster hinaus. Etwas in mir wollte aufbegehren, aber jener Teil, der mich im Zaum hielt, machte jegliche Ambition, wild und unbeherrscht zu wüten, zunichte.

Stattdessen breitete sich eine heiße Leere in mir aus, die nach und nach alles taub werden ließ.

Es fühlte sich an, als würde meine Seele zu Asche verbrannt.

»Wir müssen leise sein, vielleicht schläft sie«, murmelte eine männliche Stimme.

»Ich kann dich hören, Khouan«, brummte ich.

Schritte. Eine Tür wurde geschlossen.

»Hallo, Ciara.«

Diese Person war neu. Ein ganzes Jahr war seit unserer letzten Begegnung vergangen. Ein Jahr, das ausgereicht hatte, um uns zu Fremden werden zu lassen. Denn ja, so fühlte es sich an, als ich mich umdrehte und Pagana ansah – einfach nur fremd.

Und doch erinnerte ich mich an ihr schönes schwarzes Haar, an das runde gebräunte Gesicht und die unschuldigen dunkelblauen Augen, die mich damals so um den Verstand gebracht hatten.

Anders als heute.

»Was willst du hier?«, fragte ich sie mit rauer Stimme.

»Khouan hat mich hergebeten. Ich habe gehört, du seist krank, seit du aus dem Reich der Wilden zurückgekehrt bist«, verriet sie mir.

Krank. Das war die große Lüge, die mein Vater dem Volk auftischte. Einerseits verbreitete er die Nachricht des grandiosen Triumphes, den sein Sohn im Sieg über den Winterkönig errungen hatte, andererseits trug er eine Maske der bitteren Trauer, sobald er über mich sprach. Eine Krankheit hätte mich befallen, fesselte mich tagein, tagaus ans Bett. Vermutlich ein abscheuliches Mitbringsel aus den kalten Landen, in denen ich gefangen gehalten worden war. So der offizielle Wortlaut der großen Verkündung, die ein Sprecher des Sommerkönigs an das Volk nach meiner Rückkehr herangetragen hatte.

»Ich habe dich vermisst.«

Erschöpft hob ich den Blick. Paganas Wangen waren ein wenig gerötet. Sie lächelte mich vorsichtig an. Wut regte sich in einem entfernten Winkel meines Innersten. Was wollte sie hier? Ihre Sehnsucht stillen? Mir einreden, ich sollte mich besser den Wünschen meines Vaters fügen – genau wie damals, als er uns auseinandergerissen hatte? Oder wollte sie mich genau wie jeder andere aus dem Bett zerren? Zurück in das Leben, das man sich für mich erdacht hatte?

»Weiß mein Vater, dass du hier bist?« Meine Stimme war ein einziges Krächzen.

Paganas Augen wurden groß. »Nun ja …«

Immerhin. Die freche Rebellin hatte ich an ihr immer am meisten gemocht.

Ich räusperte mich schwach. »Du solltest besser gehen, bevor er Wind von der Sache kriegt. Du weißt, dass du gar nicht hier sein darfst.«

Pagana sah mich nur weiter an.

»Ich habe sie entgegen aller Gefahren hier eingeschleust«, erhob nun Khouan das Wort. »Ich dachte, du würdest dich freuen.«

Ich warf ihm einen Seitenblick zu. »Freuen? Denkst du, mich würde noch irgendetwas freuen dieser Tage?«

»Verflucht noch mal, was ist nur aus dir geworden, Ciara?«, brauste er plötzlich auf.

»Keine Ahnung. Sag du es mir.«

»Eine dunkle trauernde Gestalt, die meiner besten Freundin nur noch entfernt ähnlich sieht. Kalt und verbittert wie eine alte Witwe.«

Meine Augen blitzten.

»Was ist dir widerfahren, Ciara? Erzählst du es uns?« Paganas Stimme war leise, doch ich verstand jedes einzelne Wort.

»Würdet ihr mir denn glauben, wenn ich euch sage, dass ich eine Welt gesehen habe, von der wir dachten, sie existiere nur in Märchen und Wundergeschichten?«

Pagana und Khouan schauten einander an.

»Würdet ihr mir glauben, dass ich unter Menschen, die nicht einmal das Blut mit mir teilen, eine Familie gefunden habe? Liebe bei einem Mann, dessen Herz kalt sein soll wie ein Wintersturm?«

»Vielleicht«, hauchte Pagana. »Aber der einzige Mann, der so ein Herz besitzt, ist doch unser größter Feind.«

»Nein.« Ich fing langsam an, den Kopf zu schütteln. »Er ist niemals unser Feind gewesen.«

2

Die Wahrheit und ein Versprechen

Khouan und Pagana hatten kaum eines der Worte glauben können, die ich ihnen anvertraut hatte. Ich hatte bei meiner Flucht aus dem Sommerreich begonnen, hatte ihnen von meiner Reise über den Kontinent berichtet, von meiner Gefangennahme, von Naesh, die mich ausgebildet hatte, gemeinsam mit Sazel, von Estre, die mich zuerst gehasst und dann respektiert hatte, und auch von Azaldir, einem Bären von einem Krieger. Zuallerletzt hatte ich ihnen von einem Mann erzählt, dessen Wille den Winter rufen konnte. Einem Mann mit den Schwingen eines Raben und einem Blick aus flüssigem Silber.

Einem Mann, an den ich mein Herz verloren hatte.

Sein Name war Grau, und er war der Winterkönig.

»Er hat kapituliert?« Khouans Miene verriet seinen Unglauben. Gerade hatte ich ihnen von Suras Kampf gegen Grau erzählt. Hatte erklärt, dass Grau meinen Bruder am Leben gelassen hatte, obwohl er ihn binnen einer einzigen Sekunde das Herz mit einem Eiszapfen hätte durchbohren können, wenn er es nur gewollt hätte.

Ich schüttelte den Kopf. »Er hat Sura triumphieren lassen. Doch jeder mit Augen im Kopf hat gesehen, was für eine Farce das war.« Zorn füllte meinen Mund mit Säure. Grimmig schluckte ich sie hinunter. »Aber all das war nur ein Trick meines Vaters gewesen, um Grau niederzuringen und ihn gefangen nehmen zu lassen.«

»Er war der Gefangene, zu dem du wolltest?« Khouan schien entsetzt. Ich hatte ihm damals nicht verraten, wen ich im Gefängnis gesucht hatte. Er hatte wie auch viele andere geglaubt, dass der Winterkönig im Sicherheitstrakt für Schwerverbrecher untergebracht worden war. Tatsächlich hatte man ihn in das tiefste Loch gesteckt, das es im Kerker zu finden gab. Tief genug, damit man seine Schreie nicht hörte, wenn er gefoltert wurde.

Ich nickte ernst.

»Himmel, ich hatte ja keine Ahnung.« Khouan sah betroffen auf seine Hände hinab. »Ich kann nicht glauben, dass dieser Mann alles andere ist als ein kaltes Scheusal.«

»Grau ist ein gerechter, vernünftiger König. Sein Volk verehrt ihn. Im Gegensatz zu meinem Vater liebt er die Nähe zu seinen Leuten – er speist mit ihnen, kämpft Seite an Seite mit seinen Kriegern und lässt sich sogar dazu herab, lächerliche Kartenspiele mit ihnen zu spielen.« Ein warmes Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus, während ich über ihn sprach. »Er ist ein Mensch, ein Mann wie du, Khouan. Kein entfremdetes Wesen. Keine gnadenlose Bestie ohne Gefühle.«

»Er wollte dich nicht benutzen, um dem Sommerreich zu schaden?« Paganas Stimme klang zaghaft. »Verstehe mich bitte nicht falsch.«

»Nein, er hat mir geholfen. Hätte er mich nicht geschult, meine Magie zu entfesseln und zu kontrollieren, wäre ich heute vielleicht nicht mehr hier.« Mit gerunzelter Stirn blickte ich hinab auf meine Hände. »Ich trage so viel Kraft in mir, dass sie bereits aus mir herausquoll. Grau und seine Elite halfen mir dabei, sie zu beherrschen. Also bat ich, bei ihnen bleiben zu dürfen. Sie kümmerten sich um mich.«

»Wir wurden so getäuscht«, murmelte Pagana nach einigen Momenten der Stille. Und damit hatte sie recht. Das Winterreich war uns stets als Feind präsentiert worden. Als ein kaltes Land, in dem nur Wilde hausten. Niemand hätte gedacht, dass dort Menschen von Ehre und Anstand leben würden.

Khouan schaute mich betroffen an. »Was machen wir jetzt?«

»Das weiß ich nicht«, gab ich leise zu. »Ich … Ich kann kaum noch klar denken, seit sie diesen Bann auf mich gelegt haben. Es ist wie früher – nein, eigentlich ist es noch viel schlimmer. Ich will Pläne schmieden, aber das kann ich nicht. Nicht, wenn meine Gedanken tagtäglich durchpflügt werden wie ein Feld von einem Ackergaul.«

»Grau soll diesen Bann brechen. Das kann er doch, oder?«, kam es von Pagana.

»Er könnte es vielleicht. Aber mit diesen Magiebannern um seinen Körper kann er seine Kräfte nicht rufen. Er ist zu geschwächt.«

»Dann nehmen wir sie ihm eben ab.«

Ich sah sie mit hochgezogener Braue an. »Und wie? Dafür braucht man spezielle Handschuhe, die sich ausschließlich im Besitz der Gardeeinheit befinden, die wiederum mit Magiebannern ausgestattet ist.«

»Können wir sie vielleicht klauen?«, fragte Khouan.

Ich schnaubte. »Sicher, wenn ihr einmal in die Kaserne einbrechen wollt.«

Es folgte eine angespannte Stille.

»Damit wäre es aber nicht getan. Wir müssten noch mal zu Graus Gefängniskammer vordringen und ich habe keinen blassen Schimmer, wie wir das bewerkstelligen sollten. Mein Vater wird meinen Namen gewiss von der Liste der Besucher gestrichen haben«, sagte ich mit deutlichem Sarkasmus in der Stimme.

»Dann versuch das zu ändern«, meinte Pagana.

»Wie denn?« Meine Stimme klang schnippisch. »Meinst du, ich kann meinen Vater mit großen Kulleraugen darum bitten und er wird es mir widerstandslos gewähren? Ich bin nicht Maklin.«

»Nein, aber ich habe gehört, dass es Schwierigkeiten gäbe, Informationen aus dem Winterkönig herauszubekommen.«

Nun legte ich den Kopf schief. »Wo hast du das aufgeschnappt?«

Pagana lächelte verschlagen. »Wachen tratschen. Und das viel zu gern, wenn es um den Winterkönig geht. Sie wollen sich regelrecht damit brüsten, dass sie etwas mit ihm zu tun gehabt haben, auch wenn es vielleicht nur die simple Nennung seines Namens während ihrer Dienstaufsicht ist.«

»Du wusstest schon immer, wo du Informationen herbekommst«, brummte ich.

»Natürlich. Ich wäre eine schlechte Diebin, wenn nicht.«

Pagana war eine interessante Frau, keine Frage. Ein Mädchen reicher Eltern, das des Nachts hochriskante Diebstähle beging, um sich die Langeweile zu vertreiben. Diebstähle, die sie auch in mein Schlafgemach geführt hatten, um mir drei in Gold eingefasste Kristall­eier vor der Nase wegzustehlen. Unglücklicherweise war ich aufgrund meiner damaligen Albträume verfrüht aus dem Schlaf erwacht und hatte sie prompt entdeckt.

Dies war der Anfang unserer Geschichte gewesen.

»Sag deinem Vater, du bietest dich ihm an. Sag ihm, du würdest die Zuneigung des Winterkönigs ausnutzen, um an die Informationen heranzukommen, die er zu haben wünscht«, wies Pagana mich an. »Im Gegenzug solltest du Freigang verlangen – zu deinem eigenen Seelenwohl. Du musst dir mal wieder die Sonne aufs Gesicht scheinen lassen.«

Zuerst widerstrebte mir dieser Vorschlag. Auf den zweiten Blick erschien er mir allerdings sehr verlockend. Die Aussicht, Grau wieder­zusehen, setzte Gefühle in mir frei, die fast bis an die Oberfläche drangen. Sehnsucht und Liebe. Ich konnte ein Ziehen in meinem Bauch spüren, als ich an seine Augen dachte, seinen silbernen Blick.

»Gut. Ich werde es versuchen«, meinte ich.

Es war nicht einfach, nach so vielen Tagen im Bett einen sicheren Gang zurückzugewinnen. Wie ein Fohlen bewegte ich mich durch die großen Korridore des Sommerpalastes. Meinen Vater fand ich schließlich in einem Lesezimmer, wo mein Bruder Sura eine Abhandlung über die vergangenen Könige unseres Reiches lesen sollte. Vater stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen vor einem Fenster und warf nachdenkliche Blicke auf die Stadt. Sura wagte es kaum aufzusehen, als ich an ihm vorbeilief. Seit meiner Rückkehr mied er mich. Ich nahm es ihm nicht übel, wusste ich doch am besten Bescheid über die Schmach, die er erfahren hatte im Duell gegen Grau. Wir waren uns beide darüber im Klaren, dass er nicht gegen ihn hätte gewinnen können, wäre das Ganze nicht ein abgekartetes Spiel gewesen.

»Vater«, erhob ich die schwache Stimme.

Der Sommerkönig drehte sich um. »Ciara. Kind, was tust du hier?«

»Ich habe dich gesucht. Man hat mir zugetragen, dass die Befragungen des Winterkönigs fruchtlos wären«, erklärte ich tonlos.

Die Brauen meines Vaters zogen sich misstrauisch zusammen. »Woher hast du diese Information?«

»Wachen. Sie tratschen.«

Er knurrte. »Unfähiges Pack.«

»Sag mir, was ist es, das du zu wissen wünschst? Vielleicht kann ich dir behilflich sein.«

Nun spannte sich seine Haltung an. »Ach ja?«

Ich nickte stumm.

»Woher dieser Sinneswandel?«

»Ich will aus diesem Palast. Ich halte es hier nicht mehr aus. Wenn ich es schaffe, dem Winterkönig ein Geheimnis zu entlocken, lässt du mich hinaus.«

Die Augen meines Vaters wurden schmal. »Führst du etwas im Schilde, Tochter? Oder kehrt deine Vernunft langsam zurück?«

Emotionslos sah ich ihn an. »Dieser Bann hat etwas in mir verändert. Alles fühlt sich so chaotisch an. Ich weiß gerade nicht mehr, wer ich bin.«

»Wie soll ich das verstehen?«

»Ich habe im Winterreich so viele schreckliche Dinge gesehen. Morde, Monster und verschlingende Magie. Es war schrecklich. Sie zwangen mich dazu, Teil des Ganzen zu werden – mit ihnen zu kämpfen und meine Magie aus mir herauszuzerren. Jeden Abend haben sie mich mit Rauschmitteln benebelt und irgendwann ging ich in mir selbst verloren. In diesem See aus Magie.« Ein gequältes Seufzen kam aus meinem Mund. »Ich weiß jetzt, warum du mich nie hast unterrichten lassen, Vater. Du hattest mit allem recht. Meine Magie ist gefährlich.«

Er hob das Kinn und betrachtete mich mit schmalen Augen. »So? Warum, glaubst du, ist das so?«

»Weil sie mich verschlingt«, entgegnete ich so eindringlich, wie ich konnte. Die Knöchel meiner Fäuste traten schon weiß hervor, als ich einen Schritt näher kam. »Sie frisst mich! Das, was ich bin, wird unter dieser Energie begraben! Es schmerzt, Vater, so sehr! Wenn du es könntest, würde ich dich bitten, sie mir zu nehmen.«

Den letzten Satz versah ich mit einer winzigen Träne, die mir über die Wange rann.

Selten hatte ich mir so viel Mühe gegeben, ihn hinters Licht zu führen. Viel zu oft hatte ich gegen ihn aufbegehrt, also musste ich meiner Demut etwas anderes hinzufügen, um ihn zu täuschen: Angst und Verzweiflung.

»Bitte«, wisperte ich und griff nach seiner Hand, während ich von diesem Schauspiel gleichzeitig unfassbar angewidert war. »Sag mir, was ich tun soll. Wie kann ich wieder die sein, die ich einst war?«

Die Augen meines Vaters leuchteten auf. Darauf hatte er offensichtlich gewartet. Dass ich gebrochen und eingeschmolzen wurde wie Glas, das er endlich wieder nach seinen Vorstellungen formen konnte.

»Indem du eine bessere Tochter wirst. Eine, die auf das hört, was ich zu sagen habe. Dein Leichtsinn hat dich beinahe den Kopf gekostet, Ciara. Wenn du dich mir als würdig und ergeben erweisen willst, dann zeige mir, dass du diesen Mann dort unten als den Feind siehst, den er für unser Reich darstellt. Ich will wissen, welchen Pakt er mit den Dämonen geschlossen hat, die unsere Lande noch immer attackieren. Finde etwas darüber heraus und ich gestehe dir zu, dich jeden Nachmittag unter Aufsicht aus dem Palast zu begeben, damit du endlich wieder zu deinem alten Leben zurückkehren kannst. Das Volk sehnt sich nach dir.«

Demütig nickte ich ihm zu. In meiner Brust fühlte ich ein hasserfülltes Brennen, als ich mich wieder aufrichtete. Mein Vater wirkte zufrieden. Ich hätte ihm am liebsten die Augen ausgekratzt.

»Wachen«, rief er mit lauter Stimme. »Begleitet meine werte Tochter ins Verlies. Behaltet sie gut im Auge, während sie mit dem Verräter spricht, der unseren Kontinent in den Abgrund stürzen will.«

Ich verbiss mir eine feindselige Antwort und ließ mich von den beiden Männern aus dem Saal führen. Sura regte sich noch immer nicht. Tatsächlich hatte ich sogar den Eindruck, er würde seine Nase noch tiefer in das Buch stecken, als ich an ihm vorbeilief.

Der Weg ins Gefängnis dauerte eine Weile. Ständig wurden wir von weiteren Wachen aufgehalten und man erkundigte sich nach unserem Anliegen. Mir entging nicht, wie man uns zweifelnd hinter­herschaute. Was sollte eine schwache, gebrochene Prinzessin schon bei einem aus Eis und Stahl gefertigten Mann ausrichten – das schienen sie zu denken.

Der Gang hinab zur Zelle war so eng, dass kaum zwei Menschen nebeneinander Platz hatten. Die Luft roch modrig und feucht, die Wände glänzten, als wären sie mit einem Film überzogen. Jeder Schritt auf dem verdreckten Boden erzeugte ein Knirschen. Abseits unserer eigenen Fackeln gab es kein Licht.

Als ich schließlich vor Graus Zellentür stand, rauschte das Blut in meinen Ohren. Schweiß sammelte sich auf meinen Handflächen, also ballte ich die Fäuste. Mit größter Beherrschung sah ich zu, wie man die Tür aufschloss und für mich aufstieß. Danach durfte ich eintreten.

Zunächst war da nichts außer Dunkelheit, doch als die fackel­tragende Wache hinter mir in die Zelle trat, sah ich den geschundenen Körper, der sich in der Mitte des Gewölberaumes befand. Helle, fast weiße Haut, die über und über mit blauen, roten und gelben Flecken übersät war. Stiche und Schnitte dazwischen wie Straßen, die man auf einer Landkarte verzeichnet hatte. Es war ein Bild des Elends.

Die Hände waren über dem Kopf fixiert. Ein schwaches Schillern der dünnen Seile – der Magiebanner – erhellte den Raum, als das Licht der Fackel reflektiert wurde. Der Kopf mit dem weißen, nun eher schmutzig grauen Haar, hing kraftlos herab.

Ich schluckte bei Graus Anblick. Nie hätte ich gedacht, dass man ihn derart in die Knie zwingen könnte. Nicht ihn. Den großen, strahlenden Winterkönig und eines der mächtigsten Lebewesen, die ich je kennengelernt hatte.

»Hey. Aufwachen.« Einer der Zellenwärter schlug mit einem Knüppel gegen Graus Bauch. Stöhnend regte er sich und hob den Kopf.

Sein Gesicht war von verkrustetem Blut bedeckt, die Unterlippe war aufgeplatzt. Unter seinem rechten Auge prangte ein Schnitt. Ein langer Bluterguss zierte seine linke Wange. Der Atem war flach und dennoch hörbar.

»Erkennst du dein Opfer noch?«, raunte der Wärter in sein Ohr. Dann packte er Graus Kopf und zwang ihn, mich anzusehen.

Zu gerne hätte ich den Wärter in Brand gesteckt. Er sollte ihn loslassen.

Graus Gesicht zeigte kaum eine Regung, was vielleicht daran lag, dass ihm alles wehtun musste. Doch auch ich trug eine nichtssagende Miene. Unter keinen Umständen durfte ich mir etwas anmerken lassen.

»Ich bin gekommen, um dir Fragen zu stellen«, sagte ich. »Fragen zu deinem Pakt mit den Dämonen.«

Grau röchelte. Sagte aber nichts.

»Welche Vereinbarungen hast du mit ihnen getroffen?«, fragte ich.

Grau schwieg, worauf der Wärter ihm die Faust in die Seite donnerte. »Antworte ihr!«

»Hört auf«, zischte ich ihn an. »Seht Ihr denn nicht, dass er völlig am Ende ist? Wie soll er denn noch sprechen mit derlei Verletzungen?«

»Er ist ein mächtiges Scheusal, das mit der Kraft des Winters gesegnet wurde. Ein paar Schläge hält er schon aus«, höhnte der Wärter.

»Ihr stört meine Befragung. Verlasst die Zelle. Sofort.« Mein Tonfall machte klar, dass ich keinen Widerspruch duldete.

Einer meiner beiden Wächter trat vor, als der Wärter nicht reagierte. »Hast du nicht gehört, was die Prinzessin gesagt hat?«

Grummelnd und fluchend rauschte der Wärter letztlich ab. Durchdringend starrte ich die beiden Wachen an, die mich hierher begleitet hatten. »Ihr geht ebenso. Ich will mit dem Winterkönig allein sein.«

»Herrin, das solltet Ihr besser nicht tun …«

»Warum?«, fiel ich ihm ins Wort. »Seht ihn Euch doch an. Er ist absolut wehrlos. Es dürfte ein Wunder sein, wenn ich etwas aus ihm herausbekomme. Aber lasst mir den Versuch.«

Es dauerte einen Moment, bis die ältere der beiden Wachen ermattet seufzte. »Wir warten auf Euch außerhalb der Zelle.«

Unmerklich nickte ich ihm zu. »Ich danke Euch.«

Es fühlte sich wie eine schiere Ewigkeit an, bis sie den Raum verlassen hatten. Derweil biss ich so fest die Zähne aufeinander, dass es wehtat. Ich zählte bis zehn, als die Tür sich hinter mir schloss, dann eilte ich zu Grau. Endlich hob er den Kopf. Sein Blick war trüb, aber er schien mich zu erkennen. Meine Hände berührten sein Gesicht, ich strich durch sein schmutziges Haar, kostete seinen Atem auf meinen Lippen, ehe ich ihn zu küssen begann. So verzweifelt, dass ich beinahe mit den Magiebannern in Kontakt gekommen wäre, die ihn umschlangen. Ich war darauf bedacht, sie nicht zu berühren, was mir unendlich schwerfiel, da ich Grau in diesem Augenblick nicht nahe genug sein konnte.

»Ciara«, wisperte er gebrochen, nachdem ich mich von ihm gelöst hatte. Der metallische Geschmack von Blut lag auf meinen Lippen, als ich mit der Zunge darüberfuhr. Grau stemmte sich im nächsten Moment gegen die Fesseln, woraufhin eine der verkrusteten Wunden an seinem Arm wieder aufplatzte.

»Scht«, machte ich. »Sei still und beweg dich nicht. Du bist vollkommen entkräftet.«

Er schloss die Augen, während ich meine Stirn an seine lehnte. »Du solltest fliehen.«

»Nicht ohne dich.«

»Kehr ins Winterreich zurück. Sag Sazel, dass …«

Ich sah auf. »Was?«

»… dass es so weit ist. Sie sollen die Stimme der Wintereiche um Rat fragen.«

Ich legte meine Hände an seine Wange, darauf bedacht, ihm nicht wehzutun. »Was redest du da?«

»Die Wintereiche bestimmen einen neuen König, wenn der alte vergeht und es keine Nachkommen gibt.«

Ich sog entsetzt die Luft ein. »Wage dich nicht, auch nur an so etwas zu denken! Ich werde dich befreien, koste es, was es wolle. Ich werde dich hier nicht zurücklassen.«

»Die Dämonen wüten noch immer. Ich habe die Wachen reden hören. Du musst ins Winterreich. Sie brauchen einen neuen Anführer, der das Volk unter Kontrolle bringt, wenn alles aus den Fugen gerät«, redete er einfach über mich hinweg.

Voller Panik zwang ich ihn, mich anzusehen. »Hör auf, so etwas zu sagen!«

Seine silbernen Augen hatten viel von ihrem einstigen Glanz verloren. »Ich werde deinem Vater und auch sonst niemandem etwas über das Winterreich verraten. Das ist mein Todesurteil.«

»Wir schmieden einen Plan, um dich zu befreien. Du musst nur ein klein wenig länger durchhalten.« Meine Stimme klang beinahe flehend.

»Je länger ich vom Winterreich getrennt bin, umso stärker schwindet meine Macht. Ich weiß nicht, wie lange ich noch standhalten kann.« Er ächzte. »Diese Magiebanner …«

»Es gab einen Grund, warum man sie früher einmal verboten hat.« Mir kamen beinahe die Tränen. »Ich finde einen Weg, um dich von ihnen zu befreien.«

Erneut küsste ich ihn. Wollte all meine Hoffnung in diese Zärtlichkeit legen, die eigentlich so verzweifelt und hungrig war.

»Ich lasse dich nicht zurück«, flüsterte ich abermals. »Hörst du?«

Grau nickte schwach.

»Ich verspreche es dir.«

3

Gib acht, wen du rufst

Unruhig schritt ich in meinem Zimmer auf und ab. Inzwischen war die Nacht über das Land hereingebrochen und so war der Raum nur noch von schwächlich glimmenden Lampen erhellt.

Meinem Vater hatte ich gesagt, dass Grau sich geweigert hatte, mit mir zu sprechen, ich aber dennoch Hoffnung in seinen Augen gesehen hatte. Vielleicht würde ich ihn beim nächsten Mal brechen.

Vater hatte zufrieden gewirkt, wenn auch nicht vollkommen überzeugt von meiner Treue. Also hatte er mich gebeten, ihm die Schwachpunkte des Winterreiches mitzuteilen. Ich hatte ihm Lügen aufgetischt über Mauerlöcher und Geheimgänge, über schwache Walküren und schlechte Bogenschützen. Er hatte jedes einzelne Wort in sich aufgesogen und immer wieder in sich hineingelächelt, wenn ich einen dramatischen Anflug von weiterer Reue geheuchelt hatte.

Es hatte mich geradezu angewidert, meinem Vater in die Augen zu blicken und die Genugtuung darin zu sehen.

Nach unserem Gespräch hatte ich mich in mein Zimmer zurückgezogen und angefangen zu grübeln. Letzten Endes lief jeder Plan darauf hinaus, dass ich in die Kaserne einbrechen und jene Handschuhe stehlen musste, die es erlaubten, Magiebanner unbeschadet zu berühren.

Ich seufzte leise, als ich vor einem der großen Rundbogenfenster stehen blieb und meinen Blick hinauf zum Mond richtete, der hier im Sommerreich so winzig klein erschien. Im Winterreich war er eine große silberne Scheibe, dessen Licht wie das einer matten Sonne anmutete. Ich hatte den Anblick sehr genossen.

Im nächsten Augenblick spürte ich ein unangenehmes Ziehen in meinem Kopf, das mich mittlerweile in einer beängstigenden Regelmäßigkeit heimsuchte. Eines, das mir recht vertraut war. Und das nicht erst seit Kurzem.

Nachdenklich trat ich hinüber zu einem kleinen Beistelltisch, auf dem jeden Tag zwei bis drei köstliche Getränke für mich bereitgestellt wurden. Alles Geschenke der reichsten Ständebesitzer des großen Basars unten in der Stadt – oft kamen sie in hübsch gedrehten Flaschen und Amphoren, verschnürt wie edle Pakete. Meist lag ein Genesungskärtchen dabei, das nach schweren ätherischen Ölen duftete, die mir nur Kopfschmerzen bereiteten.

Ich entschied mich dieses Mal für einen roten Wein. Bisher hatte der Alkohol immer geholfen, um den Schmerz in meinem Kopf besser ignorieren zu können. Großzügig goss ich die dunkle Flüssigkeit in einen gläsernen Kelch und kostete sie. Nach einem Augenblick verzog ich das Gesicht. Der Schmerz wurde noch intensiver. Wie Axtschläge, die meinen Schädel zweiteilten. Mit jeder Bewegung pochte das Blut spürbar in meinen Schläfen.

Fluchend eilte ich hinüber zur Balkontür. Eilig zog ich sie auf, atmete die frische Luft ein, aber die Qualen ließen nicht nach.

Seit meinem Aufeinandertreffen mit Kazra, dem Heerführer der Dämonen, plagte mich dieses Leid. Als wären die Nachwirkungen des neuen Bannes um mein Herz nicht schon genug. Nein, dieser Dämon rief sich mir mit aller Macht wieder und wieder ins Gedächtnis.

Schnellen Schrittes lief ich über die marmorierten Fliesen des Balkons weiter zur breiten Treppe, die hinab in einen kleinen Garten führte, in dem vor Jahren all meine Lieblingsblumen angepflanzt worden waren. Wütend schüttete ich den Wein über die Beete. »Lass mich in Ruhe, Kazra«, zischte ich. »Kriech zurück in die Erdspalte, aus der du emporgekommen bist.«

Als hätte er mich erhört, zog sich das Ziehen und Zerren aus meinem Kopf zurück. Verdutzt hielt ich inne.

»Wie ungehalten du mittlerweile geworden bist«, raunte eine glatte Stimme. »So gefällst du mir weitaus besser als in der Gestalt eines kleinen Trauerkloßes.«

Erschrocken wirbelte ich herum. Kazra stand inmitten des Weges. Seine blauen Augen blitzten im schwachen Schein des Mondes. Dem schwarzen Haar schien ein metallischer Schimmer innezuwohnen. Seine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Lächeln.

Angst schwappte durch meinen Körper. Das Herz schlug mir bis zum Hals. »Wie bist du hierhergekommen?«

Der Schleier des Sommerreiches, der es eigentlich vor dämonischen Erscheinungen schützt … Er hat ihn durchdrungen. Also gibt es doch ein Loch.

»Du hast mich beschworen.«

»Gar nichts habe ich«, knurrte ich wutentbrannt. »Ich habe gesagt, du sollst verschwinden.«

Er sah schmunzelnd an mir vorbei. »Nun ja, du hast ein Ritual durchgeführt und dabei meinen Namen gerufen. So funktioniert die Anrufung eines Dämons für gewöhnlich.«

Ich blinzelte erstaunt. »Ich habe Wein verschüttet! Und dich verflucht! Wie in aller Welt kann das eine Beschwörung sein?«

Kazra zuckte mit den Schultern. »Frag mich nicht. Ich habe die Regeln nicht gemacht.«

Meine Augen wurden schmal. »Ich will, dass du verschwindest. Und wag ja nicht, wiederzukommen.«

Sein Blick wanderte an meinem Körper entlang. »Bist du dir sicher, dass du das willst?«

Hätte ich es gekonnt, hätte ich ihn am liebsten in Brand gesteckt. »Was bildest du dir ein?«

Er lächelte und schaute mir wieder in die Augen. »Nur die Ruhe.« Lässig zupfte er an seinem dunklen Ärmel. »Dir dürfte nicht entgangen sein, dass ich hin und wieder den Kontakt zu dir gesucht habe. Ich habe dich vermisst, weißt du.«

»Du hast mir Schmerzen bereitet, du dämonische Made.«

Er ließ sich durch diese Beleidigung nicht aus der Ruhe bringen. »Das waren doch nur liebevolle Schubser. Ich konnte nicht ertragen, wie du bloß im Bett herumliegst und vor Verzweiflung dahinsiechst. Dafür bist du mir schlichtweg zu wichtig.«

»Wichtig?« Meine Finger umklammerten den Kelch so fest sie konnten. »Ich verstehe nicht, was du vom mir willst, du Scheusal. Ich habe dir nichts getan. Und ich besitze auch keinerlei Kräfte, die dir etwas nützen oder aber gefährlich werden könnten. Ich bin nur eine einfache Frau, die auf der falschen Seite des Kontinents geboren worden ist.«

Nun veränderte sich etwas in seinem Blick. Er tat einen Schritt auf mich zu. Und während er näher kam, fühlte ich, wie sich etwas in mir löste und entfesselt wurde. Etwas, das lange gelähmt und zu Boden gedrückt worden war. Ich keuchte.

»Eine einfache Frau?« Kazra schnaubte höhnisch. »Du hast ja keine Ahnung, was du wirklich bist.«

»Und du schon?«, stöhnte ich. So viel magische Energie strömte urplötzlich auf mich ein. Sie rauschte durch mein Blut und brachte die Luft zum Knistern.

»Ich weiß so einiges.«

Der Kelch fiel mir aus der Hand. Mit einem hellen Klirren rollte er über den Boden.

Kazra trat vor mich.

Ich hob das Kinn und sah ihn erschöpft an. Das Blau seiner Augen war von einem Leuchten beseelt, das mir einen Schauer den Rücken hinabjagte.

»Was tust du da?«, brachte ich hervor.

»Nur ein paar deiner Gedanken lesen.«

»Hör auf«, wisperte ich. »Das ist … zu viel Magie …«

»Sie haben dir einen Bann auferlegt.« Er neigte den Kopf zur Seite. »Und du hast ihn wiedergesehen. Deinen Winterkönig.«

Wühlte er etwa in meinen Erinnerungen? Ich war nicht fähig, meine Gedanken beisammenzuhalten; willkürliche Bilder der letzten Tage blitzten vor meinem inneren Auge auf.

Auf einmal endete das Wirken der Energien in meinem Körper jedoch abrupt. Meine Magie kam wieder zur Ruhe und mein Herz stolperte nicht länger in meiner Brust. Ich konnte wieder durchatmen.

Kazra sah mich weiterhin aufmerksam an. »Du willst ihn also befreien.«

»Und wenn schon«, zischte ich.

Wieder fing er an zu lächeln. »Ich könnte dir helfen.«

»Ich brauche deine Hilfe nicht, Dämon.«

»Du willst also lieber alles riskieren und in die Kaserne einbrechen? Deine Magie ist mächtig, in der Tat, aber momentan ist sie gebannt und ich bezweifle, dass du imstande bist, eine Waffe zu führen. Du solltest das nicht im Alleingang versuchen.«

Ich funkelte ihn an. Doch er hatte recht.

Nun zeigte er mir ein großmütiges Grinsen. »Wie wäre es, wenn ich dir ein wenig Arbeit abnehme? Ich hole dir diese Handschuhe, die du so dringend haben willst.«

»Ich lasse mich nicht auf einen Handel mit einem Dämon ein«, entgegnete ich mit dunkler Stimme.

»Und was, wenn ich nicht mehr verlangen würde, als dass wir uns wiedersehen, sobald du deinen Winterkönig befreit hast?«

Mein Blick schien ihn zu durchbohren. »Ich glaube kaum, dass ich damit so einfach davonkomme.«

Er breitete die Arme aus. »Ich bin großzügig. Hier und heute. Für dich.«

Ich traute der Sache nicht. Allzu viel wusste ich nicht über Dämonen, doch einen Pakt mit ihnen zu schließen bedeutete meist, die eigene Seele zu verkaufen. Man konnte nicht gewinnen, nur verlieren, auch wenn es anfangs vielleicht nicht danach aussah.

Andererseits wäre dies eine unglaubliche Gelegenheit. Grau zu befreien, war mein oberstes Ziel. Die Rückkehr in sein Reich war unabdingbar. Arkasia würde ins Chaos stürzen, sollte er nicht wieder zu seinem Volk heimkehren. Die Dämonen würden über den Kontinent herfallen und das Sommerreich würde ihn mit Leid und Krieg zugrunde richten.

Ich atmete tief durch. »Nur ein einfaches Wiedersehen? Keine sonstigen Bedingungen?«

Nun wurde Kazras Lächeln verschlagener. »Vorerst soll mir das genug sein.«

»Vorerst?«, echote ich alarmiert.

»Wer weiß, vielleicht kommst du ja auf den Geschmack und ich werde zum demütigen Diener all deiner Wünsche und Gelüste.« Je entsetzter ich aussah, umso mehr schien er sich zu amüsieren. »Glaube nicht, dass die Menschen keinen Gefallen daran finden würden, Dämonen ihrem Willen zu unterwerfen. Für einen guten Pakt tut eine solche Kreatur alles.«

»Eine Kreatur wie du?«

Kazra erwiderte nichts, lächelte bloß vor sich hin.

»Bring mir die Handschuhe. Dann erkläre ich mich bereit, dich danach ein weiteres Mal anzurufen.«

Kazra verbeugte sich vor mir, ohne mich jedoch aus den Augen zu lassen. »Zu Euren Diensten.« Seine Stimme war ein verheißungsvolles Raunen, das mich glauben ließ, ich hätte gerade den größten Fehler meines Lebens begangen.

4

Vor dem Sturm

Ich zitterte, meine Hände waren schweißfeucht und mein Magen derart nervös, dass es mir unmöglich war, überhaupt einen Bissen herunterzukriegen.

Der nächste Tag war angebrochen und ich wurde mit jeder Minute nervöser. Ich konnte unmöglich einschätzen, wie lange ein Dämon benötigte, um in eine Kaserne einzubrechen. Und eine Frage, die ich ihm nicht zu stellen gewagt hatte, kreiste um meinen Verstand: Würde der Dämon jemanden töten müssen? Hatte ich mit meinem Pakt Unschuldige zum Tode verurteilt? Die Unwissenheit machte mich beinahe krank. Gleichzeitig fühlte ich mich so lebendig wie seit Langem nicht. Kazras Kräfte hatten mir das Gefühl von Freiheit und Stärke zurückgegeben. Meine Magie blieb mir noch immer fern, doch ich vermochte es, mich flinker zu bewegen und meine Gedanken zu einem kontinuierlichen Strom zu verbinden. Bisher waren sie oft eine zähe Masse gewesen, die zu durchdringen nicht immer so einfach gewesen war.

»Wenn du mich an deinem Plan teilhaben ließest, könnte ich dir vielleicht besser helfen«, redete Khouan leise auf mich ein, während wir durch den Palastgarten spazierten.

»Ich sagte bereits, dass ich nachdenke«, gab ich murmelnd zurück. Um uns herum gab es eine Handvoll Patrouillen, die nichts von unserem Gespräch mitbekommen durften.

Natürlich log ich Khouan an. Mein Plan beinhaltete immerhin einen entsetzlich gefährlichen Dämonenkrieger – der Gefahr, möglicherweise aufzufliegen oder verletzt zu werden, konnte ich Khouan nicht aussetzen.

Khouan warf mir einen kurzen Seitenblick zu. »Warum bist du dann so nervös?«

»Weiß ich auch nicht. Als ich aufgewacht bin, ging es mir nicht sonderlich gut«, versuchte ich mich herauszureden.

Mein bester Freund presste die Lippen zusammen. »Das kommt wieder in Ordnung, Ciara. Du wirst bald wieder gesund sein.«

Sein Tonfall ließ Zweifel daran, ob er seinen eigenen Worten glaubte. Ehe ich etwas darauf erwidern konnte, tauchte in meinem Augenwinkel eine neue Gestalt im Garten auf. Ich erschrak, in der Annahme, dass es vielleicht Kazra sein könnte – zugetraut hätte ich ihm einen derartigen Schachzug durchaus –, doch es war bloß mein Bruder Sura.

Er kam direkt auf uns zu.

»Ciara, dürfte ich dich für einen Moment unter vier Augen sprechen?«, fragte er. Sein Blick wirkte wie so oft unsicher und nervös.

Etwas, das wir in diesem Augenblick also gemein hatten.

Ich nickte und Khouan entfernte sich nach einer höflich ausgeführten Verbeugung. Mein Bruder nahm seine Stelle ein und wir schritten langsam den gewundenen Pfad entlang, der an unzähligen wunderhübschen Blumen vorbeiführte.

»Wir haben kaum ein Wort miteinander gesprochen, seit du wieder zu Hause bist«, fing Sura an.

»Es gab nicht viel zu besprechen«, entgegnete ich.

»Hasst du mich, Ciara?«

Mein Kopf flog herum. Sura sah mich nicht an, doch ich erkannte den verräterischen Glanz von Tränen in seinen Augen. »Wie kannst du so etwas denken?«, hauchte ich. »Ich hasse dich doch nicht.«

»Obwohl ich es bin, der Schuld daran trägt, dass der Winterkönig unser Gefangener ist?«

»Du trägst nicht die Schuld daran, Sura, sondern unser Vater. Er hat dich benutzt.«

Mein Bruder presste für einen Moment die Lippen zusammen, dann schüttelte er den Kopf. »Ich hätte niemals gegen ihn bestehen können – gegen den Winterkönig. Er hätte mich jederzeit töten können. Aber das hat er nicht.«

»Nein. Denn er ist gütig.«

Suras Blick richtete sich auf mich. »Er scheint dich sehr zu lieben.«

Diese Worte setzten eine Welle von Sehnsucht in meinem Inneren frei. Ein Ziehen ging durch meinen Bauch, während meine Beine fast den Dienst versagten.

»Und ich liebe ihn«, wisperte ich. Voller Entschlossenheit erwiderte ich Suras Blick. »Ich liebe ihn von ganzem Herzen.«

»Dann solltest du ihn befreien.«

Ich stockte. »Was sagst du da?«

»Hol ihn aus diesem Loch. Bring ihn in sein Reich zurück. Lass nicht zu, dass Vater ihn bricht.«

»Sura … du bist doch der Kronprinz, und der Winterkönig … er ist dein Feind.«

»Niemand, der meine Schwester aufrichtig liebt und sie mit seinem Leben zu schützen versucht, kann wirklich mein Feind sein.«

Ich schluckte. Ein Kloß hatte sich in meinem Hals gebildet. Ehe ich anfing zu weinen, fiel ich meinem Bruder um den Hals. Er legte die Hände auf meinen Rücken und seufzte.

»Es tut mir so leid, Ciara. Ich wünschte, ich könnte dir irgendwie helfen.«

»Deine Worte waren gerade mehr, als ich zu hoffen gewagt hätte.«

Zaghaft löste ich mich von ihm und sah ihm in die dunklen Augen. Sura schenkte mir ein vorsichtiges Lächeln. »Ich wünsche dir alles Glück dieser Welt, Schwester, auch wenn das bedeutet, dass du uns verlassen musst. Vielleicht auch für immer.«

Zu mehr als einem Nicken war ich nicht imstande, denn da liefen mir schon die ersten Tränen über die Wangen.

Der Tag verstrich.

Es war bereits später Nachmittag, als ich in mein Schlafgemach trat und ein altbekanntes Ziehen im Kopf verspürte.

»Kazra«, knurrte ich.

»Guten Tag, die Dame.«

Ich drehte mich um und entdeckte Kazra in meinem dick gepolsterten Lesesessel. Er wirkte wie eine Katze, die bereit war zu spielen – mit einer Maus, die sich kaum zur Wehr setzen konnte. Aber genau das schienen die Spiele zu sein, die ihm am meisten gefielen.

»Hast du die Handschuhe?«, fragte ich unumwunden. »Und hat es Tote gegeben?«

»Immer mit der Ruhe, Flämmchen.« Sein Lächeln war kokett. Es widerte mich an.

»Hast du jemanden umgebracht?«

»Nein.«

Ich atmete erleichtert auf. Immerhin.

»Nun?« Kazra sah mich erwartungsvoll an. »Wollen wir nicht erst ein wenig plaudern?«

»Ich habe Besseres zu tun, als ein Kaffeekränzchen mit einem Dämon abzuhalten. Wir hatten einen Handel. Und der ist alles, was mich an dir interessiert.«

Kazra seufzte. »Ich komme nicht umhin, mich von dir benutzt zu fühlen.«

»Hast du die Handschuhe?«, fragte ich erneut und betonte jedes einzelne Wort.

»Natürlich habe ich die Handschuhe. Diese Kaserne war nichts weiter als ein lächerlicher Barbarenhaufen.«

Ich biss die Zähne aufeinander. So viele Beleidigungen lagen mir gerade auf der Zunge, aber ich schluckte sie mühevoll herunter. »Dann sei so gut und gib sie mir.«

Seine blauen Augen leuchteten erheitert auf. »Du weißt, dass du mit den Handschuhen allein nicht weit kommen wirst.«

»Was willst du damit sagen?«

»Jemand, der mit fünf Magiebannern verschnürt worden ist, kommt nicht so schnell auf die Beine, dass er postwendend eine kleine Armee an Wachen ausschalten kann.« Kazra ließ den Blick durchs Zimmer schweifen. »Auch wenn es der ach so große Winterkönig ist.«

»Was interessiert dich das? Welchen Nutzen hättest du überhaupt davon, wenn er wieder freikommt?« Es ärgerte mich, dass mir diese Frage nicht schon früher gekommen war.

Kazra schaute mich an. Nun wurde er ein wenig ernster. »Das ist vielleicht ein gutes Thema für unsere nächste Unterhaltung.«

Sorge verdichtete sich zu einem dicken, schweren Klumpen in meinem Bauch. Hatte ich womöglich nur ein Unheil gegen das andere getauscht?

»Wie ich dich kenne, wirst du doch sicher eine Idee haben, wie ich das Problem umgehen kann?«, fragte ich grimmig.

»Aber natürlich.« Geschmeidig drehte er die rechte Hand herum. Ein blaues Leuchten erstrahlte über seinen Fingern, genauer gesagt eine strahlende kleine Kugel.

»Was ist das?«, wollte ich wissen.

»Ein kleiner Muntermacher, wenn man so will.« Kazra betrachtete das Licht. »Konservierte Eismagie.«

»Klingt nach ziemlichem Humbug. Magie lässt sich nicht konservieren.«

Der Dämon lächelte in sich hinein. Das Licht verebbte, die Kugel löste sich auf. »Verstehe, du hast kein Interesse daran.«

Dieser Mistkerl liebte es, mich zu triezen, und ich hasste es, dass er ein ums andere Mal Erfolg hatte.

»Bei allen Sonnenstrahlen, gib es mir einfach«, zischte ich entnervt.

»Zu gern, gegen einen kleinen Aufpreis.«

Ich stöhnte. Als hätte ich es geahnt. Erwartungsvoll schaute ich ihn an, doch er tat nichts, außer die Finger ineinander zu verschränken und meinen Blick zu erwidern.

»Na los schon, spuck es endlich aus!«, herrschte ich ihn an, als ich die Geduld verlor. »Was willst du?«

»Ich will dich wiedersehen. Allein. Nur noch ein einziges Mal.«

Etwas in mir zog sich zusammen. Mir wurde übel. »Warum?«, krächzte ich.

So viel dunkler, unheilvoller Charme in diesem Gesicht, das schön gewesen wäre, wenn es nicht einem grausamen Dämon gehört hätte. »Weil du mir gefällst.«

Gefällst. So einfach sollte es sein? Das glaubte ich nicht. »Ich habe kein Interesse an einer Verabredung mit einem Dämon«, zischte ich finster.

»Nein? Dann sollte ich dir vielleicht etwas verraten, was deine Neugier wecken wird.« Ich stockte. Ein dünnes Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab.

»Ich höre.«

Für einen Moment hatte ich das Gefühl, meinem Untergang entgegenzusehen, ohne recht zu wissen wieso.

»Du bist nicht die erste Sommerprinzessin. Du bist nicht einmal in diesen Landen geboren. Deine wahre Herkunft ist eine ganz andere.«

Ich war zu keiner Regung fähig. Starrte ihn einfach nur an.

»Woher …« Mir war es nicht möglich, den Satz zu beenden. Die vielen unausgesprochenen Worte verursachten daraufhin einen schmerzenden Kloß in meinem Hals. Für einen Moment hatte ich sogar das Gefühl, neben mir zu stehen, da sich dieser Augenblick so überaus unwirklich anfühlte.

Kazra ging nicht darauf ein. Wieder erschien die blau leuchtende Kugel über seiner Hand. Er erhob sich und kam näher. Lächelnd streckte er mir den Arm entgegen. »Pass gut darauf auf. Wäre deine Seele nicht vom Feuer durchdrungen, würde ich dir das hier auch nicht anvertrauen.«

Zitternd hob ich die Arme und sah zu, wie das Licht von seinen Händen auf meine überging. Es war eisig kalt.

»Ein kleines Stück Winter für unseren kalten König.« Da war eine leise Note von Verachtung in seiner Stimme.

»Wer bin ich wirklich?«, krächzte ich endlich. »Sag es mir!«

»Vielleicht können wir uns darüber bei unserem nächsten Treffen unterhalten.« Er grinste. »Ich freue mich schon darauf.«

Ich war noch viel zu entsetzt, um etwas Schlagfertiges zu erwidern. Stattdessen konnte ich nur dabei zusehen, wie seine Hand zu meinem Gesicht glitt. Seine Finger legten sich um mein Kinn und hoben es an. Und obwohl ich mir diese eisige Energie vor die Brust hielt, fühlte ich so viel Hitze in mir, als Kazra mich berührte. Mit einem Mal peitschte ein Feuerstoß durch mein Inneres und erweckte meine Magie, die so lange zu einem traumlosen Schlummer gezwungen worden war. Feuer jagte durch meine Adern; beherrschbares, formbares Feuer. Es wand sich durch mein kochendes Blut, wartete auf einen Befehl, der es in die Welt schicken würde.

Bevor ich den Mund öffnen und dem Dämon tausend Fragen entgegenwerfen konnte, war er verschwunden. Und da fiel mir auf, dass ich keine einzige gestellt hätte, wäre er denn noch einen Augenblick geblieben. Meine Gedanken rasten – nur ein einziger drängte sich in dem Chaos an die Oberfläche.

Und der galt Grau.

5

Heimat

Eine neue Befragung? Das ist zwecklos! Der Eisblock wird nicht sprechen, den muss man in seine Einzelteile zerschlagen!«, knurrte die Wache vor dem Eingangstor zum Gefängnis, als ich ihr mein Anliegen erklärt hatte.

»Ich bin die Sommerprinzessin. Mein Wort ist Euch Befehl.« Kaum hatte ich den ersten Satz ausgesprochen, wollte ich mir am liebsten auf die Zunge beißen. Meine Gedanken schweiften zu Kazra.

»Soweit ich weiß, benötigt Ihr noch immer die Erlaubnis Eures Vaters, um in dieses Verlies hinabzusteigen. Wenn Ihr nicht in seinem offiziellen Auftrag kommt, kann ich Euch nicht vorbeilassen«, presste die Wache hervor.

Erlaubnis? Dieser … Ich plusterte mich auf. »Natürlich komme ich in seinem Auftrag! Was erlaubt Ihr Euch?« Die Wache holte Luft, aber ich ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen. »Falls Ihr nicht vorhabt, morgen als arbeitsloser Mann auf der Straße zu sitzen, solltet Ihr Euch gut überlegen, mich, Eure Prinzessin, infrage zu stellen! Und wagt nicht noch ein einziges Mal ungehorsam zu sein, wenn ich Euch befehle, dieses verdammte Tor für mich zu öffnen!«

Ich fuchtelte ein wenig hektischer als nötig in der Luft herum, um das Zittern meiner Hände zu verbergen. Die Wache bekam große Augen und senkte demütig das Haupt.

»Verzeiht, Herrin, ich habe nur versucht, die Anweisungen Eures Vaters genauestens zu befolgen. Es stand mir nie im Sinn, Euch infrage zu stellen«, brachte sie hervor.

Ich beugte mich vor, ganz nah an sein Ohr heran. »Das, was ich hier tue, tue ich für meinen Vater. Denn er ist ein weiser Mann, dem sich zu verweigern ein fataler Fehler wäre. Seht Ihr das nicht auch so?«

Er nickte hastig.

»Dann macht den Weg frei, damit ich seinen Befehl ausführen kann.«

Endlich gehorchte der Soldat – er sperrte das Tor auf und ließ mich hindurch.

Der Weg zu Graus Zelle führte mich noch an einigen Wachen vorbei, denen ich ebenso pampig erklärte, dass ich noch eine Befragung des Winterkönigs durchzuführen wünschte. Allein, wohlgemerkt. Sie alle tauschten zweifelnde Blicke untereinander und zögerten, mir Einlass zu gewähren, doch letztlich schenkten sie meinen eindringlichen Worten Glauben und ich wurde zu ihm durchgelassen. Als die Zellentür hinter mir zufiel, wusste ich, dass nun die alles entscheidende Stunde angebrochen war.

Hastig holte ich die Handschuhe hervor, die ich unter meinem Mantel verborgen hatte, der sich in der Gluthitze der Umgebung beinahe unerträglich warm anfühlte. Die konservierte Wintermagie hatte ich in einem kleinen Lederbeutel verstaut, der zusehends mit winzigen Eiskristallen überzogen worden war.

Grau hob den Kopf, während ich mich ihm vorsichtig näherte. Man hatte uns eine der Wandfackeln angezündet, sodass sein Gesicht von einem schwachen Schein erleuchtet wurde. Ich streifte mir die Handschuhe über und machte mich am ersten Magiebanner zu schaffen.

»Was tust du da?« Graus Stimme war nicht mehr als ein gebrochener Hauch.

»Dich befreien, genau wie ich es versprochen habe«, entgegnete ich und löste den ersten Knoten.

»Wir kommen unmöglich aus diesem Loch, geschweige denn aus der Stadt.« Sein steter Atem berührte meinen Hals, so nahe war ich ihm mittlerweile. »Ich bin zu schwach, um zu kämpfen.«

»Daran habe ich bereits gedacht.«

Je länger ich mich mit den schrecklichen Seilen beschäftigte, die tiefe Abdrücke auf Graus Haut hinterlassen hatten, umso nervöser wurde ich. Als ich das letzte gelöst und fortgezerrt hatte, fiel Grau mir entgegen und ich war kaum stark genug, ihn zu halten. Vorsichtig rutschte ich mit ihm an der Wand hinunter, bekam so eine Hand frei und griff nach der Eismagie.

»Wo hast du das her?«, keuchte Grau, als er die leuchtende Kugel in Augenschein nahm.

»Ich erkläre dir alles, sobald wir wieder in Obsydian sind.«

Obsydian. Die Hauptstadt des Winterreiches. Unser Ziel.

Entschieden reichte ich Grau die Lichtkugel. »Weißt du, was du damit tun musst?«

»Eismagie …« Seine Brauen zogen sich zusammen. »Wie ist das möglich?« Er nahm mir das Licht aus der Hand, schloss seine Faust darum, woraufhin hellblaue Funken durch die Zelle wirbelten. Ein Leuchten breitete sich in seinem Körper aus, als er die Augen schloss und tief durchatmete.

Da war sie wieder – Graus einzigartige Aura. Wie ein Atemstoß des Winters, der über einen hinwegfegte. Ein kaltes Prickeln eroberte meine Haut, als Graus silberne Augen sich öffneten und in einem Glanz erstrahlten, der zeigte, dass der König in ihm zurückgekehrt war.

»Kannst du uns von hier wegbringen?«, fragte ich mit brüchiger Stimme. Sein Blick ging mir durch Mark und Bein, machte mir das Atmen schwer.

Er blinzelte nicht einmal. »Noch nicht. Ich muss noch ein wenig Kraft sammeln, um den Raum zu durchdringen.«

Das würde bedeuten, uns binnen eines einzigen Augenblicks von hier nach Obsydian zu versetzen. Eine Fähigkeit, die nur sehr mächtige Magiebegabte einsetzen konnten.

Wir standen zeitgleich auf. Grau holte aus und riss mithilfe einer kraftvollen Aurawelle die Zellentür aus den Angeln. Ein Krachen ertönte, als sie in die Felswand des Ganges einschlug. Jemand brüllte. Für einen Moment konnte ich nichts außer einer gewaltigen Staubwolke erkennen, dann erschien eine Wache mit gezücktem Schwert.

In der folgenden Sekunde ragte ein Eiszapfen aus ihrem Bauch. Ächzend kam sie ins Stolpern und fiel schließlich vor unseren Füßen zu Boden.

»Wir müssen hier raus. Ich brauche mehr Platz«, erklärte Grau mit ruhiger Miene. Angespannt nickte ich ihm zu.

Gemeinsam jagten wir aus der Zelle. Die Wachen kamen uns entgegen, schrien und zückten ihre Waffen, doch Grau schmetterte sie mühelos zur Seite. Je weiter wir kamen, umso heftiger wurden seine Angriffe. Einmal beförderte er gleich drei Wärter auf einen Schlag an die Decke, fesselte sie dort in einem Kokon aus glitzerndem Eis.

Ich meinerseits hatte Angst, meine Magie zu nutzen. Sie war da, das wusste ich; hin und wieder knisterten Funken in meiner Faust, doch ich traute mich nicht. Diese Männer versuchten uns aufzuhalten, aber ich war nicht in der Lage, sie aus dem Weg zu räumen. Trotz allem fühlte ich mich mit ihnen verbunden, dies hier war schließlich meine Heimat und deshalb wollte ich ihnen nicht wehtun.

Zumindest hatte ich das immer geglaubt.

Wir stoben aus dem Gebäude. Der Platz, der sich vor uns auftat, wurde zusehends von Soldaten geflutet. Sogar Magier waren inzwischen dabei, beschossen uns mit surrenden Feuerkugeln. Grau wehrte sie alle ab. Noch immer war sein Körper geschunden und zeigte die Überbleibsel der vielen Gräueltaten, die ihm angetan worden waren. Dennoch stand er unerschütterlich an meiner Seite und ließ seiner wilden eisigen Magie freien Lauf.

Einer nach dem anderen ging zu Boden. Die Soldaten hatten dem mit ihren gewöhnlichen Waffen kaum etwas entgegenzusetzen. Die Magier waren zu schwach, um gegen Graus Attacken zu bestehen. Schlussendlich standen wir einer kleinen Gruppe von Kriegern gegenüber, die mir entsetzlich vertraut vorkamen. Schwarze Helme und seltsam schillernde Rüstungen, gebogene Schwerter, die in der Sonne funkelten, und Seile, die wie dünne Regenbögen anmuteten – all dies waren Merkmale, an die ich mich noch gut erinnerte.

Es waren die Männer, die Grau damals überwältigt und mit Magiebannern versehen hatten.

Zwischen ihnen stand mein Vater. Seine Augen glühten vor Zorn. Feuer ummantelte seine Hände.

»Tochter, was tust du da?«, brüllte er mich an. Vor lauter Entsetzen ballte ich die Fäuste so fest, dass sich meine Nägel in die Handflächen gruben.

Jetzt hat er uns. Er wird uns beide einsperren. Uns foltern.

Ich machte einen Schritt nach hinten und hob die Hände. Fieberhaft suchte ich nach Worten, aber es hätte ohnehin keinen Zweck. Der Hass in seinem Blick war so lodernd wie noch nie zuvor.

»Natürlich war das alles nur ein Spiel, wie könnte ich auch jemals hoffen, dass meine Tochter endlich zur Vernunft kommt?«, gellte es über den Platz.

»Hör nicht hin«, kam es von Grau, der die Energie zwischen seinen Händen kanalisierte.

Mein Vater bewegte sich auf uns zu. Funken begleiteten jeden seiner Schritte. »Es beschämt mich zu sehen, wem du deine Treue schwören willst. Diesem Wilden? Willst du wirklich den Rest deines Lebens als seine hörige Gespielin verbringen?« Er schnaubte. »Du könntest nicht tiefer fallen.«

Mit einem Mal verwandelte sich meine Angst in Wut. Die Art, wie er über meine Liebe zu Grau sprach, brachte mein Blut zum Kochen. Er hatte keine Ahnung, er war ein verblendeter, gieriger Mann, der mich nur immerzu hatte leiden lassen. All die Liebe, Akzeptanz und Wärme, die ich im Winterreich erfahren hatte, hatte er mir stets verwehrt.

Ich würde nicht zulassen, dass er so über Grau und sein Volk urteilte.

Ein Strahl aus singenden Flammen schoss aus meinen geöffneten Händen. Grau zischte, aber ich hatte nur Augen für meinen Vater, der überrascht den Kopf neigte. Im letzten Moment zog er einen Schild aus Flammen vor sich hoch. Kaum war das Feuer verraucht, setzte die Einheit der Magiebanner-Träger zum Angriff an. Mein Vater bedeutete ihnen allerdings mittels einer einfachen Geste, innezuhalten.

»Sie gehört mir«, grollte er.

Vor meinem inneren Auge stand die Stadt in Flammen. »Ich gehöre niemandem!«

Unser Feuer schlug abermals aufeinander. Schraubte sich in den Himmel, bis es die Dächer überragte. Alles in mir drängte danach, weiterzumachen und ihn zu vernichten, doch urplötzlich griff Grau nach meinem Arm. »Nicht heute, Ciara.«

Schwarzer Nebel floss an ihm entlang und nahm meinen Körper in Besitz.

Mein Vater brüllte meinen Namen, doch es war zu spät. Gerade als das erste Seil in unsere Richtung geflogen kam, wurden wir von der Schwärze verschluckt.

Ich japste nach Luft und stolperte über einen weichen, kalten Untergrund. Schnee. Eisiger Wind umfing mich, als ich mich vorsichtig aufrichtete.

Berge. Gipfel. Eis. Wir waren zurück im Winterreich.

Hohe Nadelbäume ragten neben uns auf, die Wipfel allesamt schneebedeckt. Ein gefrorener Bergsee lag unter einer schwachen Sonne. Spuren wilder Tiere zogen sich durch den Schnee. In der Ferne erkannte ich die Gipfelkette des kalten Kamms.

»Wir haben es geschafft«, keuchte ich. Grau gab mir keine Antwort und so drehte ich mich um. Panik erfasste mich, als ich ihn auf allen vieren entdeckte. Er atmete schwer. Eine seiner Bauchwunden war aufgerissen, dunkelrotes Blut tropfte in das eigentlich so unschuldige Winterweiß hinein.

Ich stürzte zu ihm.

»Garde«, hörte ich ihn bloß wispern. Dann fiel er zur Seite und verlor das Bewusstsein.

Hilflos zog ich ihn an mich heran, drückte seinen Oberarm und flüsterte seinen Namen, aber er reagierte nicht. Dafür erklang ein mysteriöses Rauschen hinter uns. Ich blickte über die Schulter und öffnete fassungslos den Mund.

Da standen Sazel, Estre, Azaldir und ein Mann, den ich schon einmal gesehen hatte, an dessen Namen ich mich jedoch nicht mehr erinnerte. Er wirkte grimmig, wenn nicht gar feindselig.

»Ihr seid zurück!« Sazels Stimme war laut. »Bei allen Wintersternen!«