Den Sternen das Ende - Jo Schneider - E-Book

Den Sternen das Ende E-Book

Jo Schneider

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Beschreibung

Ciaras neue Fähigkeiten stellen sie auf eine harte Probe. Viel Zeit bleibt ihr jedoch nicht, denn die Schatten der Unterwelt greifen immer stärker nach Arkasia. Um die Dämonen aufzuhalten, muss Ciara sich auf die Suche nach den drei Rätseln der Welt begeben. Diese Reise kann sie allerdings nicht allein bestreiten. Der gerissene Illusionist Kazra schließt sich ihr an. Doch kann sie ihm wirklich vertrauen? Und wird sie über sich hinauswachsen, um Ragnarök zu verhindern, oder wird sie die Welt mit ihren Kräften ins Chaos stürzen? Trilogie: Teil 1: Dem Feuer die Seele Teil 2: Den Knochen der Abgrund Teil 3: Den Sternen das Ende

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Den Sternen das Ende

Drei Kronen Saga 3

Jo Schneider

Copyright © 2020 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Laura Labas

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout:Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Alexander Kopainski

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-489-5

Alle Rechte vorbehalten

Für Jana

Den Sternen verraten sei das wahre Ende.

Verborgen hinter den Rätseln der Welt.

Dazwischen drei Kronen, eine jede kann splittern.

Für sie lassen Sonne und Mond Welten erzittern.

Unter ihnen ein vereintes Licht, das selbst Seelen erhellt.

Inhalt

1. Erwachen

2. Des Winters König

3. Heimat

4. Die Rätsel der Welt

5. Feuer und Sturm

6. Der zweite Prinz

7. Der Rabengipfel

8. Träume einer einsamen Seele

9. Zerrissen

10. Die Zukunft in unserer Vergangenheit

11. Die Splitter eines vergangenen Lebens

12. In der Tiefe

13. Seelengift

14. Sehnsucht

15. Fremde und Freunde

16. Zweifel

17. Zauber der Schatten

18. Der Krater

19. Inmitten der Spiegel

20. Ein gefährlicher Handel

21. Mondblut

22. Der Fund

23. Die schwebende Stadt

24. Schwert und Schild

25. Sonnenfunken

26. Die Gaben des Lebens

27. Neuankömmlinge

28. Opfer

29. Freundschaft und Liebe

30. Kinder der Träume

31. Unheil

32. Kampf unter der Sonne

33. Leben und Tod

34. Entscheidungen

35. Traum und Wirklichkeit

36. Der Anfang vom Ende

37. Stärke

38. Splitter

39. Den Sternen das Ende

40. Brüder

41. Abschied

42. Der Sonne entgegen

Glossar

Danksagung

1

Erwachen

Meine Treue schwöre ich dem König des Winters, meine Fähigkeiten unterwerfe ich seiner Krone.

Dieser eine Satz hatte mein Leben verändert. Lautlos kamen mir die Worte über die Lippen, während ich mit den Fingern durch mein helles Haar fuhr, das nicht einmal mehr bis zu meinen Schultern reichte. Der Kampf vor vier Tagen … Ich hatte mich selbst verbrannt. Meine Haut, mein Haar, meine Seele.

Dennoch stand ich nun vor dem Spiegel in Graus gewaltigem Schlafgemach. Unversehrt – aber auch verändert. Meine Haut war noch immer von einem goldunterlegten Braunton, die Haare dagegen nun von einem kupferdurchzogenen Blond. Meine Augen leuchteten in einem irisierenden Grün, das mich ganz und gar gefangen nahm. Wie ein Fenster zum Innersten meiner Aura, die in genau jener Farbe schillerte.

Zaghaft ließ ich meinen Blick an mir hinabgleiten. Was ich entdeckte, ließ mir einen kalten Schauer über den Rücken rinnen.

Eine tiefrote Narbe zog sich über meine Kehle. Von einer Seite zur anderen. Zaghaft legte ich die Fingerkuppen daran, befühlte die Erhebung, die unbestreitbare Echtheit.

Ich war gestorben. Und wieder auferstanden.

Mit zitternden Lippen senkte ich den Kopf, hob den Arm, zog den Ärmel zurück. Statt der tiefschwarzen Schneeflocke, die ich mir einst bei einem Kampf gegen Estre verdient hatte, prangte dort eine verschnörkelte, nicht weniger auffällige schwarze Sonne. Doch diese war nicht irgendein Symbol.

Ein Widerhall ging durch meinen Körper, als ich den Ärmel wieder nach unten schob.

Ich war eines der sechzig Gallyx-Wesen. Vier davon hatte man tot geglaubt, doch drei dieser eigentlich vergangenen Symbole waren geraubt worden. Mit ihrer Hilfe hatte man die Energien uralter Elemente zu Lebewesen geformt und erweckt. Eine dieser drei Kreaturen war ganz und gar vom Feuer erfüllt, und genau jenes wohnte in mir.

Mit zusammengepressten Lippen starrte ich auf meine erhobene Hand. Mir gelang es nicht, die Flammen anzurufen. Dabei war der Grund nicht die Schwäche, die mir noch in den Gliedern steckte nach diesem verheerenden Kampf, sondern die Angst. Angst vor dem, was in mir war.

Angst vor dem, was ich nun in der Lage wäre zu beschwören.

Keuchend wandte ich mich herum, tat ein paar Schritte durch den Raum. Ich war allein. Vage erinnerte ich mich noch an die Stimmen meiner Freunde und die von Grau. Gemeinsam hatten sie über mich gewacht, während ich geschlafen hatte. Tagelang. Die Rückkehr in diese Welt nach meinem Tod hatte mich viel Kraft gekostet. Wieder und wieder hatte ich mich von einer Seite des Bettes auf die andere gewälzt, unfähig, ein vernünftiges Wort zu sprechen. Naesh hatte mir leise Geschichten über die große Winterkönigin erzählt, der Schöpferin der Gallyx-Symbole. Sazel hatte immer wieder die kunstvoll gegossenen Kerzen auf dem Nachtkasten für mich entzündet und ihre Flammen tanzende Schatten über mein Gesicht werfen lassen, während Grau neben mir gesessen und meine Hand ergriffen hatte. Selten einmal hatte er meine Wange berührt, so sanft, dass ich zunächst geglaubt hatte, ein Windhauch würde mich streicheln.

Mein Herz klopfte heftig, als ich den Blick zur Tür schweifen ließ. Ich musste zu ihnen. Musste sie sehen. Jetzt sofort.

Voller Eile hastete ich in den Flur; weit kam ich allerdings nicht, denn prompt stellte sich mir ein fremder Krieger in den Weg. Rötliches Haar fiel ihm in die gerunzelte Stirn, die blauen Augen wirkten hart und unnachgiebig, die rechte Hand glitt bereits zum Griff seines Schwertes.

»Halt!«, zischte er mit tiefer Stimme.

»Wer seid Ihr denn?«

»Filder«, antwortete er. »Eure Wache.«

Das erstaunte mich. »Ich habe eine Wache? Seit wann denn das?«

»Seit Ihr nach Obsydian zurückgekehrt seid. Eure Hoheit hat mich beauftragt, nicht von dieser Tür zu weichen und Euch mit meinem Leben zu beschützen.«

»Ich will zu ihm.« Mein Puls stieg abermals an. »Wo ist er?«

Filder zögerte, richtete sich endlich wieder auf. »In einer wichtigen Besprechung. Seid Ihr denn sicher, dass Ihr wohlauf seid? Ihr wirkt sehr … angeschlagen, wenn ich das so sagen darf.«

Unverhohlen wanderte sein Blick zu meinem Hals. Mühevoll widerstand ich dem Drang, die Fäuste zu ballen. Mir schwindelte es. Mit einer schnellen Bewegung riss ich eines der schmückenden schwarzen Bänder meines Gewandes ab und band es mir um den Hals.

»Ist es so ein wenig besser?«, fragte ich grimmig.

Filder sagte nichts. Es wirkte, als bisse er sich gerade auf die Zunge.

»Los jetzt, bringt mich zum König«, forderte ich.

Tatsächlich neigte er daraufhin ergeben das Haupt und setzte sich in Bewegung. Ich folgte ihm durch die Korridore Wallhalls, dem prunkvollen Quartier des Königs und seiner Elite. Es dauerte nicht lang, bis wir im nicht weniger beeindruckenden Palast angekommen waren, dem Herzstück der Hauptstadt des Winterreiches, Obsydian.

Weitere Wachen kreuzten unseren Weg. Jede einzelne von ihnen stierte mich voller Unglauben an, manche blieben sogar stehen, froren regelrecht fest und hielten den Atem an. Kalter Schweiß sammelte sich auf meinen Handflächen. Kaum hatten wir die große Pforte des Ratssaals erreicht, die der des Thronsaals erstaunlich ähnelte, hatte ich das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Ein seltsamer Stoß ging durch mich hindurch, genauer gesagt durch meine Aura.

Da war etwas. Hinter dieser Pforte. Es rief nach mir.

Die Tür öffnete sich mit einem lauten Knarren, ganz ohne Zutun von Filder, der einfach davor stehen geblieben war. Er trat zur Seite und offenbarte mir einen gewaltigen Raum, der von boden­tiefen Bogenfenstern gesäumt war. Dunkelblaue Fliesen, erfüllt von der Reflexion riesiger Kronleuchter, wiesen mir den Weg zu einem großen, elliptisch geformten Tisch. Ich zählte sieben Leute, die um ihn herum saßen, wobei eine Person gerade in die Höhe schoss.

»Eure Majestät, die … die … Sommerprinzessin«, kündigte Filder mich stockend an.

Sommerprinzessin. So hatte man mich einst gerufen. Und heute? Wer war ich nun? Die Seele des Feuers? Die Geliebte des Winterkönigs? War ich überhaupt noch so etwas für ihn? Eine Geliebte, eine Freundin?

»Ciara.« Graus Stimme klang heiser.

Ich betrachtete die kreidebleichen Gesichter der anderen. »Was glotzt ihr alle so? Stimmt etwas nicht mit meinen Haaren?«

Keine Antwort. Dann sah ich ein schwaches Grinsen auf Sazels Gesicht. Meine Aufmerksamkeit richtete sich alsbald auf Grau, der den Tisch umrundete. Mein Winterkönig. Silberaugen unter schneeweißem Haar. Der mit einem onyxschwarzen Stein besetzte Handschuh, der die Krone des Winterreiches symbolisierte. Hinter all dem strahlte eine Aura, so kalt und machtvoll, dass ich früher einmal zu Boden gegangen wäre, hätte ich sie in dieser nahezu ungezügelten Form zu spüren bekommen.

Heute war es anders. Mein Feuer loderte stark, meine Magie vermochte sich mit der eines Königs zu messen. Wenn nicht gar dagegen zu gewinnen.

Kurze, dunkle Erinnerungen stiegen in mir auf. Der Kampf … Ich konnte von Glück sagen, Grau nicht schwer verletzt zu haben. Mithilfe meines Feuers hätte ich es gekonnt, denn er war weitaus anfälliger dafür als normalen Flammen gegenüber.

Die perfekte Waffe gegen den Winterkönig – genau das sollte ich sein. Genau für diesen Zweck war ich erschaffen worden. Um ihn zu vernichten.

»Du bist wach«, vernahm ich seine gesenkte Stimme.

Vorsichtig hob ich den Kopf. Er stand vor mir, blickte auf mich herab. »Und ihr heckt gerade etwas aus«, stellte ich fest. »Nicht wahr?«

»Das kommt darauf an, wen du fragst.«

Ein schwaches Lächeln stahl sich auf meine Lippen, als ich Kazra entdeckte, der trotz der gefesselten Hände in seinem Stuhl lümmelte wie der Prinz, der er tatsächlich war.

»Seit gestern führen wir … Verhandlungen«, kam es von Naesh, der die Freude deutlich ins Gesicht geschrieben stand, während sie mich betrachtete. »Es geht um die Dämonen.«

»Kazra hat uns bereits aufgeklärt, wer ihnen die Befehle erteilt hat und was deren Absichten sind«, führte Azaldir genauer aus.

»Ebenso über ihre Vergangenheit, ihre wahre Herkunft.«

Mein Herz tat einen kleinen Sprung, als ich der Sprecherin des letzten Satzes in die grünen Augen sah. Es war Aïrael. Ein sanftes Schmunzeln zierte ihr wunderschönes Gesicht. Die spitzen Ohren der Fae waren dank eines hohen Zopfes gut zu sehen. Ihre hellbraunen Siegelmale zogen sich über die glatte Haut bis hinab zu ihrem Hals, wo sie unter dem Kragen ihrer Robe verschwanden.

Wäre sie nicht gewesen, stünde ich vielleicht gar nicht mehr hier …

»Und?« Mein Blick richtete sich wieder auf Grau. »Was sagst du?«

Anstatt mir eine Antwort zu geben, umfasste er mein Gesicht, schloss die Augen und lehnte seine Stirn an meine.

Du weißt nicht, wie sehr ich dich vermisst habe.

Verblüfft rang ich nach Luft. Du sprichst in meinem Kopf?

Einer der Vorzüge unserer neuen Verbindung.

Er musste von meinem Gallyx-Symbol sprechen.

Kazra hat mir davon erzählt. Dass du und zwei andere Seelen erschaffen worden sind und eine Gestalt erhalten habt mithilfe der Symbole.

Ich schluckte. Wusstest du davon? Dass sie noch existieren?

Er löste sich von mir, strich sachte mit den Daumen über meine Wangen. Ja. Allerdings war ihre Macht gebunden an jene Wesen, denen sie einst verliehen worden sind. Ich sah in ihnen keine Gefahr. Sie sind von den Weisen des Winterreiches an einem ganz besonderen Ort verwahrt worden. Da sie jedoch für bedeutungslos gehalten worden sind, fiel ihr Diebstahl auch niemandem auf.

Nickend presste ich meine Lippen zusammen. Womöglich war dies Kazras Werk gewesen. Er als Graus Bruder und meisterhafter Illusionist war in der Lage, sich unbemerkt im Winterreich zu bewegen. Womöglich hatte er sogar eine Illusion an dem Aufbewahrungsort der Symbole hinterlassen, um keinen Verdacht zu erregen.

Ändert es etwas für dich? Was ich nun bin? Ich traute mich kaum, diese Frage auszusprechen.

»Was auch immer gerade bei euch vorgeht – verschiebt es auf später«, fuhr Sazels Stimme dazwischen.

Ich warf ihm einen gereizten Blick zu, ließ mich dann von Grau zu einem freien Stuhl geleiten. Verunsicherung zog ihre brennenden Kreise durch meinen Bauch. Er hatte mir keine Antwort gegeben.

»Ich halte Aïrael für vertrauenswürdig. Sollte sie Zuflucht in meinem Reich suchen, so gewähre ich sie ihr selbstverständlich. Sollte sie dagegen den Wunsch hegen, Arkasia zu verlassen und in ihre Heimat zurückzukehren, werde ich mich auch in diesen Belangen für sie einsetzen«, erklärte Grau. »Was ihn allerdings betrifft«, er sah hinüber zu Kazra, der eine gelangweilte Miene aufgesetzt hatte, »bin ich mir nicht so sicher.«

Meine Brauen zuckten. »Aber wieso? Hat er dir nicht alles erzählt? Wie er Aïrael und mich gerettet hat?«

»Wer sagt, dass all dies nicht Teil eines gut ausgefeilten Plans ist? Warum sollte er zu mir kommen und mich darum bitten, ihm Asyl zu gewähren und seinen Worten Gehör zu schenken? Ist es ein Zeichen von Läuterung? Das bezweifle ich. Er kann nach wie vor einer jener Dämonen sein, die dem Heerführer und der Königin der Knochen treu ergeben sind.«

Schlagartig lehnte ich mich nach vorn. »Dämon? Du hast es ihm noch nicht gesagt?«, fuhr ich Kazra an.

Der schielte kurz zu seinem Bruder, dann schaute er mich an. Zuckte mit den Schultern. »Nein, bisher hatte ich nicht das Bedürfnis danach.«

Stöhnend rollte ich mit den Augen. »Bei der ewigen Sonne, Kazra!«

»Was meint ihr?« Grau sah zwischen uns hin und her.

»Sag es ihm!«, forderte ich.

Kazra seufzte und hob die gefesselten Hände, um sich über das Gesicht zu reiben. »Nicht so stürmisch, Wölfin, ich habe gerade höllische Kopfschmerzen. Seit zwei Tagen durfte ich keinen Traum mehr lesen, allmählich macht mich das ganz mürbe.«

»Nehmt ihm die Fesseln ab.«

Estre, die direkt neben Kazra saß, starrte mich ungläubig an. »Ganz sicher nicht.«

Ich ignorierte sie und widmete mich weiterhin dem Traumweber. »Wenn du es ihm nicht sagst, werde ich es tun.«

Er lächelte schwach. Seine blauen Augen blitzten raubtierhaft. Da war sie wieder, die Unberechenbarkeit, die ihn so gefährlich machte. »Gerade erst erwacht und schon auf Streit aus? Das wird noch amüsant, glaube ich.«

Wütend kniff ich die Lippen zusammen. »Ihr hättet auf mich warten sollen. Ohne mein Beisein mit ihm zu sprechen, hat keinen Zweck. Er reitet sich nur selbst in den Untergang. Ihr dürft ihm das nicht übel nehmen, das ist seine Art.«

»Hm, was für ein Glück, dass eine formvollendete Diplomatin wie du bereit ist, ihre Hand für mich ins Feuer zu legen.« Jedes Wort glich einem verheißungsvollen Raunen.

»Genug«, sprach Grau eine leise Warnung aus.

Ein letztes Mal versuchte ich, Kazra mit Blicken zu durchbohren, ihn stumm anzuflehen, er möge die folgenden Worte selbst aussprechen. Doch er tat es nicht. Also blieb es an mir.

»Kazra ist dein Bruder, Grau. Dein Zwillingsbruder.«

Auf einmal wurde es in der Halle totenstill. Nicht einmal einen Atemzug vermochte ich noch zu vernehmen. Unbeirrt sprach ich weiter.

»Er wurde einst von der Königin der Knochen und dem Heerführer der Dämonen nach Under geholt. Sie haben ihn großgezogen und ihn und seine Fähigkeiten benutzt, um meine Schwestern und mich zu erschaffen. Er ist gekommen, weil ich ihn überredet habe. Meine Flucht gelang allein wegen ihm, denn er hat bereits seit meiner Erschaffung dort unten ein doppeltes Spiel gespielt. Er ist kein Anhänger der Königin, glaub mir. Er will einen anderen Weg finden, um den Dämonen von Under eine neue Heimat zu geben. Ohne Krieg und Gewalt. Darum sitzt er heute hier. Er spricht in ihrem Namen und bittet für sie um Hilfe. Deine Hilfe.«

Es kostete mich Mühe, in Graus Gesicht zu sehen. Doch mit dem, was ich dort fand, hatte ich nicht gerechnet: Es war nichts als blankes Entsetzen. Seine geweiteten Winteraugen starrten hinüber zu Kazra, dessen dunkler Blick nichts von den Emotionen preisgab, die ihn gerade beherrschten.

Sazel stand der Mund offen, Estre schienen die Augen fast aus den Höhlen zu fallen, Naesh war zu einer stocksteifen Statue erstarrt und Azaldir schüttelte langsam den Kopf. Nur Aïrael war ruhig geblieben und wartete ab.

»Ich habe keinen Zwillingsbruder«, war das Erste, was Grau von sich gab. Noch immer zeigte er keinerlei Regung.

»Du hattest keine Ahnung, dass es mich gibt«, entgegnete Kazra. »Warum auch? Du hattest dein nettes Leben hier in Obsydian. Deine warmen Kleider, deine Diener, deine dich liebenden Eltern.« Ein grausamer Ausdruck eroberte sein Gesicht, abgerundet von einem freudlosen Schmunzeln. »Du warst ein kleiner wohlbehüteter Prinz, dem womöglich jeden Abend eine nette Gutenachtgeschichte erzählt wurde, ehe du friedlich in deinem Bett eingeschlummert bist und von Schneedrachen und Eisleoparden geträumt hast. Jemand wie ich war viel zu unbedeutend, zu glanzlos für eine kleine Hoheit wie dich. Ein schmuddeliger Junge, der jede Nacht neben dem Kamin geschlafen und von verbeulten Zinntellern gespeist hat. Das Wissen um meine Existenz hatte keinerlei Vorteile für dich, also wurde sie schlichtweg verschwiegen. Doch von wem? Glaubst du, alle außer dir wären eingeweiht gewesen? Oh nein, lieber Bruder, die Anzahl der Menschen, die von uns beiden wusste, ließ sich damals an einer Hand abzählen. Die, die das Lügengeflecht so verzweifelt aufrechterhielt, war unsere Mutter. Die edle Winterkönigin. Die gerechte, liebende Dame, wie man sie früher nannte. Sie hat dir die Schmach eines abtrünnig gewordenen Bruders erspart, wie ich glaube. Bevor du fragst: Ja, ich bin mir mehr als sicher, dass sie um meine Reise nach Under Bescheid wusste. Aber ich schätze, sie hatte nicht mehr genug Kraft, um dem etwas entgegenzusetzen. Vielleicht hat es sie auch nicht gekümmert. Möglicherweise war es ihr sogar recht. Ich weiß es nicht.«

Jeder einzelne dieser Sätze hatte mir mehr und mehr das Herz gebrochen. Wie konnte Kazra so etwas sagen? Seine Mutter hatte ihn geliebt, zweifellos.

Es schepperte. Grau stand auf. Obwohl ich zunächst damit rechnete, er würde Kazra mit Worten des Hasses bewerfen, tat ich nichts. Stattdessen sah ich einen Wimpernschlag später dabei zu, wie er mithilfe schwarzer Nebel aus dem Saal verschwand.

Kazra, der sich während seiner bösartigen Ansprache ein Stück aufgerichtet hatte, sank wieder in den Stuhl zurück, gab sich so gelangweilt wie zuvor. Allerdings spürte ich das Wogen seiner Aura, was mir wiederum verriet, dass ihn Graus Reaktion nicht kaltgelassen hatte.

»Idiot«, war das Erste, was ich zu ihm sagte.

Erstaunt zog er eine Braue nach oben. »Wie hätte ich ahnen sollen, dass er ein solch empfindliches Seelchen ist?«

»Es gibt Tausende Arten, sich seinem Bruder das erste Mal vorzustellen. Tausende! Und du wählst diese? Am liebsten würde ich dir die Augenbrauen dafür abfackeln, aber ich kann nicht!«, donnerte ich und fuhr nach oben. Dann wandte ich mich an die anderen. »Diese verdammte Durch-den-Raum-Dringerei geht mir auch auf den Geist! Wohin, bei allen Sternen, ist er verschwunden?«

»In den Thronsaal«, kam es kleinlaut von Sazel.

Kazra schnaubte. Es klang belustigt. Blitzschnell hatte ich den Tisch umrundet und ihm meine Hand über den Hinterkopf gezogen. Dann machte ich mich an seinen Fesseln zu schaffen. »So, und jetzt kümmere dich um deine Magie. Vielleicht bist du ja weniger garstig, wenn du einen Traum gelesen hast.«

Es dauerte keine zwei Sekunden, da leuchteten zwei hellblaue Zeichen auf seinen Handrücken auf. Symbole des Traumwebers. Kurz danach fiel Filder einfach in sich zusammen. Kazra atmete hörbar durch.

»Ja, das war nicht schlecht«, meinte er.

Ich rollte mit den Augen. »Musstest du ihn dafür wirklich seines Bewusstseins berauben?«

»Nein, aber es war lustig. Außerdem war es vermutlich vonnöten, seine Erinnerungen zu löschen. Wer weiß, ob der Junge nicht geplaudert hätte. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie mein Bruder weiter vorgehen will. Ob ich ihm ein Dorn im Auge bin, ein Übel, das er lieber vor seinem Volk geheim zu halten wünscht?«

»Du«, ich deutete auf den Traumweber, »reißt dich jetzt gefälligst zusammen. Ich werde mal wieder versuchen, deinen Hintern zu retten. Gib dir bitte Mühe, dich in der Zwischenzeit nicht umbringen zu lassen. Die Kraft der Wiedererweckung mag vielleicht Karulath gewährt worden sein, ich kann deine Überreste allerhöchstens zu einem Häufchen Asche verbrennen.«

Kazras Mundwinkel zuckte. »Ist ja gut, geh zu deinem traurigen König. Ich versuche, mir Mühe zu geben.«

Mit diesen Worten begab ich mich aus dem Saal, kam jedoch nicht umhin, die letzten Worte des Prinzen zu hören, die mich innerlich die Fäuste ballen ließen.

»Vielleicht sollten wir die uns zuteilgewordene Zeit der Besinnung sinnvoll nutzen. Wie wäre es mit einer kleinen Vorstellungsrunde? Du da, Einfaltspinsel mit den roten Brauen, wer warst du noch gleich?«

2

Des Winters König

Erst nach dreimaligem Klopfen wurde ich in den Thronsaal gelassen. Die große Pforte öffnete sich gerade so weit, dass ich mich hindurchzwängen konnte; kaum war mir das gelungen, krachte sie auch schon wieder ins Schloss.

Der große Spiegelthron war leer, sehr zu meiner Überraschung, dafür fand ich Grau vor einem der vielen großen Fenster. Nachdenklich blickte er hinaus auf die Stadt.

»Es tut mir leid«, fing ich zaghaft an, während ich näher kam.

»Was?«, fragte er, ohne mich anzusehen.

»Dass du es auf diese Weise erfahren musstest. Kazra ist ein Mistkerl, aber das ist angesichts seiner Vergangenheit nicht verwunderlich«, versuchte ich zu erklären. »Dort unten herrschen andere Gesetze.«

»Ich kann seinen Neid fühlen.« Grau runzelte die Stirn.

Zwei Armlängen von ihm entfernt blieb ich stehen und nestelte unsicher an meinen Fingern.

»Meine Mutter hat nie auch nur ein Wort über ihn verloren.«

»Sie hatte auch keine Wahl.«

Nun schaute er mich an.

»Kazra hat die Prüfung des Winters nicht bestanden. Er sah nicht aus wie ein Sohn des Winterkönigs, darum konnte sie ihn nicht behalten. Zu seiner eigenen Sicherheit gab sie ihn weg und besuchte ihn nur an wenigen Tagen im Jahr. Anfangs wusste er nicht einmal, wer sie eigentlich ist«, erläuterte ich.

Grau schüttelte den Kopf. »Er ist nichtsdestotrotz ein Sohn des Herrscherpaares. Warum in aller Welt sollten sie ihn dafür verstoßen, dass er die Prüfung nicht erfolgreich bestanden hat?«

Da erst wurde mir ein weiteres schmerzvolles Detail bewusst, das Grau noch gar nicht klar war. Kazra war sein Bruder – dies wusste er bereits. Doch er hatte keine Ahnung, dass nicht der Winterkönig sein Vater war, sondern der König der Träume.

Geschlagen wandte ich mich ab, tat einige Schritte durch den Raum. Das Herz schlug mir bis zum Hals. »Weil Kazra nicht der Sohn des Königs ist. Ebenso wenig wie du. Euer Vater ist ein anderer, ebenfalls ein König, aber nicht der des Winterreiches.«

Wieder diese zerstörerische Stille.

Mit einem tiefen Atemzug schloss ich die Augen und erzählte ihm die Geschichte vom Mond und der einsamen Dame, die sich ineinander verliebt hatten. Dem Märchen des Traumkönigs. Erst da konnte er begreifen.

»Dieses Märchen … Ich kannte es nicht«, sagte er mit tonloser Stimme, nachdem wir im Anschluss an die Geschichte eine Weile geschwiegen hatten.

»Wie auch?« Ich kämpfte gegen den Impuls an, zu ihm zu gehen und ihn in die Arme zu schließen. Er wirkte derart fassungslos, dass ich annahm, er könnte gerade keinerlei Nähe ertragen.

»Er ist ein Illusionist«, murmelte Grau.

Da nickte ich. »Seine wahre Gestalt offenbart die Ähnlichkeit zwischen euch, aber ich glaube, er hasst sie.«

»Unsere Mutter hat versucht, ihn zu beschützen.«

Wieder ein Nicken. »Das hat sie. Sie hat euch beide sehr geliebt. Es war ein tragischer Zug des Schicksals, dass du mit der Kraft des Winters gesegnet worden bist und er nicht. Niemand trägt Schuld daran und doch hat genau dies eure Leben entscheidend geprägt.«

»Ich bin …« Grau besah seine Hände, seinen Handschuh, die Krone. »… kein wahrer Erbe.«

Meine Augen wurden groß. Dieser Gedanke war mir noch gar nicht gekommen.

»Es ist eine Lüge. Meine Krönung … die Ehre, die mir mein Vater – der Winterkönig – verliehen hat … Alles gelogen …«

Hastig eilte ich zu ihm hinüber. »Nein, nein, nein! Stopp! Fang gar nicht erst an mit diesem Unsinn! Du bist der rechtmäßige König! Die Tatsache, dass du die Prüfung dieses vermaledeiten Wintersees bestanden hast, beweist das! Soweit ich weiß, ist dies die Voraussetzung für den Titel des Königs!«

Grau taumelte fassungslos von links nach rechts. Ich fühlte den Aufruhr innerhalb seiner Aura, die Unruhe seiner Magie.

»Hör mir zu«, beschwor ich ihn mit eindringlicher Stimme. »Du magst vielleicht kein Blutsverwandter des vorigen Königs gewesen sein, doch das macht dich nicht minder zu seinem Nachfolger. Du trägst königliches Blut in dir, der Winter hat dich gesegnet, die Leute dort unten verehren dich! Sie glauben an dich und folgen dir!« Mit einer entschiedenen Geste wies ich hinab auf die Stadt. »Du bist ihr König! Ihr Anführer!«

Graus Winteraugen sahen mich an. Sein Atem war flach und hektisch. »Dieser Glaube basiert auf einer Lüge …«

»Grau!«, schrie ich mit einer Inbrunst, die ich so von mir nicht erwartet hätte. Unmittelbar richtete er sich auf, die Augen rund wie Mondscheiben. »Du – bist – der König. Der Winter wählt den Träger der Krone. Nicht das Blut. Die Linie der alten Könige hat geendet. Das hätte sie so oder so, der alte König konnte offenbar keine Kinder bekommen. Du bist der Neubeginn, den das Land gebraucht hat, um weiterhin einen Herrscher zu haben! Ohne dich gäbe es überhaupt keinen Winterkönig. Ist dir das eigentlich klar?«

Endlich schien ich zu ihm durchzudringen. Langsam nickte er.

»Du hast jedes Anrecht auf diesen Thron. Damals, als du noch keinen ganzen Tag alt warst, hast du es dir verdient. Dort draußen in einem See, der deine Seele dem Winter preisgegeben hat. Und weißt du, was geschehen ist? Der Winter hat sie akzeptiert, Grau, er besah sie, erachtete sie als würdig und erfüllte sie mit seiner Macht. Er vermachte dir dein rechtmäßiges Erbe. Nicht der vergangene König oder dessen Blut, es war der Winter selbst.«

Grau atmete ein. Er atmete aus. Die Wogen seiner Aura wurden schwächer. Auch mein Herz beruhigte sich, dennoch zitterten meine Hände unablässig weiter. Die Vorstellung, Grau wäre nicht länger der König des Winterreiches, weil man ihn als unwürdig erachten könnte, war erschütternd. Wer, wenn nicht er?

»Und all das ist die Wahrheit?«, fragte er flüsternd. »Es ist keine Geschichte, die Kazra sich ausgedacht hat?«

Ich schüttelte den Kopf. »Eine Seherin hat sie mir erzählt. Sie ist äußerst mächtig. Auch sie half mir dort unten in Under. Ich vertraue ihr voll und ganz.«

»Also vertraust du ihm?«

»Ja«, bestätigte ich. »Er hat sich mir anvertraut. Da sind auch andere Seiten an ihm, glaub mir. Auch wenn er die Königin und den Heerführer inzwischen verachtet für ihre Grausamkeit, so fühlt er sich doch mit den Dämonen verbunden. Er will ihnen wirklich helfen, und ich denke, das will ich auch.«

Grau runzelte die Stirn. »Ach ja?«

»Dort unten leben Wesen, die sich von den Menschen hier oben in Arkasia kaum unterscheiden. Sie mögen aussehen wie Monster, wie Untote, aber ihre Herzen sind so lebendig und von Gutmütigkeit erfüllt. Ich habe sie kennengelernt. Sie bauen Spiegel, die ihnen gegenseitig Hoffnung geben, sie flechten Kränze aus den wenigen Blüten, die dort unten wachsen, um ein wenig Farbe in ihre Feste zu bringen. Nicht alle von ihnen sind wie die Kreaturen, die nach Arkasia kommen, um Unheil zu stiften. Dies sind jene, die die Hoffnung schon aufgegeben haben, dass sich je etwas ändern könnte, würden sie nicht mit Blut und Tod danach verlangen.«

Grau hörte mir stillschweigend zu.

»Wir können verhindern, dass es zu einem echten Krieg kommt. Wenn wir den Dämonen einen Platz hier oben auf Arkasia anbieten würden …«

»So einfach ist das nicht«, wurde ich von Grau unterbrochen. »Du magst vielleicht gesehen haben, dass es auch gute Seelen unter ihnen gibt, aber mein Volk hat es nicht. Vergib mir, doch ich denke nicht, dass sie deinen oder Kazras Worten Glauben schenken würden.«

»Aber dir würden sie glauben!«, entgegnete ich.

»Nun«, fing er an, »das würden sie. Vielleicht. Doch auch ich habe nicht viel mehr außer deinen Worten. Da ich die Verantwortung für dieses Reich trage, muss ich sichergehen, dass sie auch der Wahrheit entsprechen. Zudem werde ich wohl für einige Zweifler einen guten Beweis brauchen.«

»Dann … Dann … beschaffen wir einen.« Ich fing an, wild zu gestikulieren. »Wir holen ein paar Dämonen nach Arkasia.«

Sein Blick verriet, was für eine wahnwitzige Idee das war. »Und wie willst du das anstellen?«, fragte er leise.

Darauf wusste ich keine klare Antwort. Wie sollten wir genau diese Dämonen nach Arkasia bringen, die ich im Sinn hatte? Mundi. Nue. Vielleicht sogar Malba, den Spiegelmeister.

»Bevor du keinen ausgefeilten Plan präsentieren kannst, bin ich nicht überzeugt.«

Diese kühle Stimme verursachte ein Brennen in meinem Bauch. Es war die Stimme des kalten Königs. Aber er hatte recht.

Wie könnte ich es anstellen?

Es hatte mich überrascht, wie schnell Grau mich nach unserem kurzen Gespräch zurück in den Ratssaal verfrachtet hatte. Seine Elite saß immer noch dort, nur von Aïrael und Kazra fehlte jede Spur.

»Sie hat ihn rausgebracht«, erklärte Sazel. »War auch besser so.«

»Sazel wäre fast geplatzt, nachdem Kazra zugegeben hatte, dass er nicht weiß, wer er eigentlich ist.« Naesh wirkte amüsiert. »Der große Erste General, Wächter des Bifreys und Feuermeister des Winterreiches.«

Sazel winkte abfällig mit der Hand.

Ich nahm erneut auf einem der Stühle Platz, erlaubte mir dann, jeglichen Anstand zu vergessen und die Stirn auf die Tischplatte sinken zu lassen.

»Die Feuerseele und der Bruder des Winterkönigs«, murmelte Azaldir. »Wenn das mal keine unglaubliche Geschichte ist.«

»Bitte nennt mich weiterhin Ciara«, nuschelte ich in die Tischplatte.

»Was ist los, Sonnenblume? Müde?«

Mein Kopf ruckte nach oben. Ich sandte Sazel einen grimmigen Blick. »Kehr du erst mal von den Toten zurück, dann reden wir.«

»Ich weiß gar nicht, wo ich überhaupt anfangen soll. Wie wäre es, wenn du uns von deiner Zeit in Under erzählst, Ciara? Von den … Wesen, die du dort getroffen hast«, meinte Naesh.

»Das ist es, was dich am brennendsten interessiert?«, gab Sazel zurück. »Nicht vielleicht die Tatsache, dass sie ein Gallyx-Wesen ist? Erschaffen von Graus verfluchtem Bruder?«

»Ich bin nicht nur von ihm allein erschaffen worden.« Stirnrunzelnd blickte ich hinab auf meine Hände. »Auch der Heerführer der Dämonen und deren Königin haben an diesem Zauber mitgewirkt. Im Übrigen sind sie Quaireole. Sagt euch das etwas?«

Verwirrte Blicke.

So begann ich zu erzählen. Vom Drachenvolk, das einst hoch oben in den Wolken gelebt hatte. Von der Prinzessin und ihrem Wächter, die verstoßen worden waren und hinab auf die Erde fielen. Wie der Wächter sein Herz geteilt hatte, um seine geliebte Prinzessin wieder zum Leben zu erwecken. Und auch, wie sie gemeinsam in den Untergrund flohen und dort über die Jahrtausende ein Reich erbauten, das Heimat für all die Verbannten bot. Verbannte, die einst Bewohner Arkasias gewesen sind. Vornehmlich Menschen aus einem der beiden Reiche der Oberwelt – Winter oder Sommer.

Ich berichtete über die Aura von Under, die sich mit der der Knochen­königin verwoben hatte und dafür sorgte, dass sich allmählich jeder Dämon dort unten in ein Knochenwesen verwandelte. Mithilfe großzügiger Gesten versuchte ich ein Bild von Helhallion zu kreieren, beschrieb die Monster, die dort hausten, erzählte von den lyrischen Spiegeln, die tief in die Seele blickten.

Auch von meinen Schwestern, den anderen Seelen, redete ich. Von Fidre, der eiskalten, grausamen Seele des Eises, und von Lhorrdra, der unschuldigen Seele der Verderbnis. Danach folgte die Geschichte unserer Erschaffung. Zuallererst war da die Königin, die sich auf die Suche nach uralten Elementen begeben hatte. Dann kam Kazra, der die Träume ebendieser Elemente gelesen und gestohlen hatte. Die Mithilfe von drei eigentlich vergangenen Gallyx-Symbolen hatten sie mittels Karulaths Macht Wesen erschaffen, die kaum zu bändigen gewesen waren. Erst als man sie in magisch erschaffene Knochen­körper sperrte und voneinander trennte, schien es Hoffnung zu geben.

Hoffnung, drei Wesen heranzuziehen, die letztendlich dazu benutzt werden sollten, um die gesamte Welt aus den Angeln zu heben.

Gemeinsam würden wir Ragnarök entfesseln. Das Ende der Welt, wie wir sie kannten.

Zumindest war dies Karulaths Plan gewesen, und der der Königin. Nun, da ich hier im Winterreich saß, als neu erwachtes Gallyx-Wesen, fragte ich mich, ob dieser Plan überhaupt noch im Bereich des Möglichen wäre. Oder hatte mein Tod und meine Wiedererweckung alles zunichte gemacht?

»Leider nein«, lautete Naeshs Antwort. »Grau hat deine Aura untersucht und wäre dabei von dir beinahe in Brand gesteckt worden.«

»Während du im Koma gelegen hast«, fügte Sazel hinzu.

Ich sandte Grau einen schuldbewussten Blick. Er wirkte müde, als er mir tröstend eine Hand auf den Arm legte.

»Dein Bruder«, setzte ich an, ohne mich von ihm abzuwenden.

Grau runzelte die Stirn, seine silbernen Augen schienen dunkler zu werden. »Erklär du es ihnen.«

Also wiederholte ich auch diese Geschichte. Selbst die Tatsache, dass nicht der ehemalige Winterkönig, sondern der König der Träume ihr Vater war, brachte ich zur Sprache.

Die Fassungslosigkeit planierte den gesamten Saal, nachdem ich meine Erzählung beendet hatte. Estre war die Erste, die wieder eine Regung zeigte – sie schüttelte den Kopf.

»Majestät, das kann nicht sein.«

Grau, der die ganze Zeit über die Hand vor die Augen gehalten hatte, nickte bedächtig. »Aber so ist es, Estre.«

»Kazra verbirgt seine wahre Gestalt unter einer Illusion. Sie sehen einander eigentlich sehr ähnlich«, meinte ich leise. »Obwohl sie so grundverschieden sind.«

»Und du vertraust ihm, ja?« Sazel schaute mich zweifelnd an.

»Ich glaube, dass er eine gute Seite hat. Ihm fällt es jedoch schwer, an ihr festzuhalten. Wenn wir ihm helfen, wenn wir ihm zeigen, dass Gutes wiederum Gutes bewirken kann, dann würde er sich ändern.«

Estre stieß ein abfälliges Zischen aus. »Wohl kaum. Eine derartige Respektlosigkeit innerhalb dieser Halle habe ich noch nicht erlebt. Er ist ein zwielichtiger Manipulator. Es dürfte das Beste sein, ihn einfach wegzusperren und diese Gefahr aus dem Weg zu räumen.«

Nun richtete ich mich vollständig auf. »Ah, diese Herzlichkeit habe ich wirklich vermisst.«

»Ich mache es dir nicht zum Vorwurf, dass du dich von einem Illusionisten hast blenden lassen, Ciara, aber ich – und damit spreche ich wohl im Namen des Volkes – bin nicht allzu erfreut, dass du ihn in unser Reich geschleppt hast, mit dem Gedanken, aus ihm einen Schoßhund zu machen. Er wird unserem König in den Rücken fallen, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet.«

Azaldir strich nachdenklich über seinen dichten Bart. Seine Miene war sehr ernst, was ihm ein durchaus ehrfurchtgebietendes Aussehen verlieh. »Ich gebe zu, ich bin ebenfalls skeptisch.«

»Die Tatsache, dass er die Abstammung des Königs in Zweifel ziehen könnte, ist ein Risiko, das wir nicht eingehen dürfen«, machte Estre einfach weiter.

Mir aber war es genau jetzt genug. Ich donnerte meine Fäuste auf die Tischplatte, ließ eine unsichtbare Druckwelle durch den Saal peitschen. Alle Anwesenden wurden in ihre Stühle gedrückt. Selbst Grau.

»Grau ist euer unanfechtbarer König. Der Winter selbst hat ihn ausgewählt und dies wiegt mehr als jedweder Ast in einem verdammten Stammbaum. Oder zweifelst du etwa daran, Estre?«

Die Anführerin der Walküren spitzte missvergnügt den Mund.

»Kazra ist unsere Verbindung zur Unterwelt. Mit seiner Hilfe können wir vielleicht einen Krieg verhindern, der ansonsten unzählige Leben fordern wird.«

»Und du bist dir wirklich sicher, was ihn betrifft?« Naesh sah mich stirnrunzelnd an.

»Ja, das bin ich. Ich würde jetzt sehr gern mit ihm sprechen. Oder geht das nicht, weil er in einem dunklen Keller vermodern muss?«

Mein Blick war scharf, während er langsam durch die Runde ging.

3

Heimat

Man brachte Kazra für mich zu einem Salon. Als ich eintrat, saß er in einem der großen Ohrensessel. Die Arme auf die Lehnen gelegt, als würde ihm der gesamte dunkel getäfelte Raum gehören und ich wäre hier der Gast.

»Du bist ein schrecklicher Mensch, weißt du das?«, sagte ich zu ihm und sank auf das Sofa gegenüber.

Er schnaubte. »Mensch.«

»Du bist doch einer, oder?«

»Habe ich meinen Bruder zum Weinen gebracht? Vorhin?«

Natürlich wich er den unangenehmen Fragen aus. Kazra war kein einfacher Gesprächspartner, und ich wusste nicht, ob ich vielleicht noch zu müde war, um mich dem hier zu stellen.

»Es hat ihn sehr erschüttert.«

Er lächelte zufrieden.

»Wenn du auf seine Unterstützung und die seiner Elite zählen willst, dann solltest du schleunigst aufhören, dich an seinem Leid zu ergötzen und das auch noch offen zu zeigen. Wir sind haarscharf an einem riesigen Unglück vorbeigeschrammt. Die nächsten Schritte sollten wir also sorgfältig planen.«

»Haarscharf, ja?« Seine Miene wurde kühl. »Veygraaz hätte es also noch schlimmer treffen können?«

Ich zuckte zusammen. Veygraaz war von Fidre ermordet und nur kurz darauf von Karulath von den Toten erweckt worden, um dessen willenloser Sklave zu werden. Er war Kazras Wächter gewesen, seit dieser als kleiner Junge nach Under gekommen war.

»Es tut mir leid.« Betroffen senkte ich das Haupt.

»Ich hatte es geahnt.« Kazra blickte zu den hohen Fenstern hinaus auf die schneebedeckten Gipfel, die die Stadt umgaben. »Karulath zu täuschen, war ein Spiel, das ich über die Jahre perfektionieren musste. Er ist mächtig, aber Illusionen messen sich nicht mit roher Gewalt oder magischer Konstitution. Ein Kampf auf der Ebene des Geistes ist anders. Aber nützt nichts, wenn ich alles vor ihm abriegele und er dennoch ein Fenster besitzt, von dem ich nichts wusste.«

Mich. Ich war dieses Fenster gewesen. Karulaths Macht war seit meiner Erschaffung mit der meinen verbunden gewesen und hatte ihm erlaubt, durch meine Augen zu blicken, wann immer er es gewollt hatte.

»Die Verbindung zwischen ihm und mir gibt es jetzt nicht mehr, oder?«, fragte ich leise.

»Sie dürfte durch deinen Tod zerstört worden sein. Dein Bewusstsein war für kurze Zeit körperlos und ohne Bindung.«

Er schenkte mir einen kurzen Blick, der allein meinem Hals galt. Das Band dort verdeckte die Narbe, die er mir verpasst hatte.

Ein nervöses Flattern ging durch meinen Bauch und ich rutschte unruhig auf dem Polster herum. »Ich wünschte, ich hätte irgendwie davon gewusst, von dieser Verknüpfung. Vielleicht wäre Veygraaz dann noch am Leben.«

»Wer weiß. Er war ein waschechter Dämon. Es wäre schwierig geworden, ihn hier in Obsydian unterzubringen. Außerdem war er schon alt. Sehr alt. Seine Zeit war gekommen.«

»Was meinst du damit?«

»Du weißt, dass Dämonen sich irgendwann in Asche auflösen, wenn ihr Körper zu lange überdauert hat.«

Ich hielt den Atem an. Ja, das wusste ich.

»Veygraaz’ Knochen sind in den vergangenen Monaten immer brüchiger geworden, seine Kräfte sind geschwunden. Ich weiß, dass er sich nicht vor dem Tod gefürchtet hat. Aber eine von Karulaths Marionetten zu werden, wenn auch nur für kurze Zeit, das … das hatte er nicht verdient. Es war grausam.«

»Glaubst du, er hat es gespürt?«

»Wenn Wesen sterben, löst sich ihr Bewusstsein nicht von einer Sekunde auf die andere auf. Es vergeht nach und nach. So gesehen war noch ein Teil von ihm in seinem Körper, als Karulath sich seiner ermächtigt hat. Also ja, er wird es gespürt haben.«

Ich legte eine Hand über meinen Mund, damit Kazra das verräterische Zittern meiner Lippen nicht sehen konnte. »Es tut mir leid«, murmelte ich abermals.

»Karulath wird dafür bezahlen.«

Ich nickte.

Daraufhin schwiegen wir eine Weile. Ich konnte Kazra ansehen, dass er in Erinnerungen schwelgte, also wollte ich ihm diese Zeit lassen.

»Grau ist bereit, dir und den Dämonen zu helfen. Allerdings müssen wir das Vertrauen des Wintervolks für sie gewinnen. Sie sollen sehen, dass es Dämonen gibt, die nicht blind den Plänen der Königin und Karulath folgen«, erzählte ich, nachdem er mich irgendwann wieder ansah. Abwartend und still.

»Natürlich«, höhnte er. »Wie wäre es, wenn wir dasselbe verlangen? Soll sich das Wintervolk vor den friedlichen Dämonen reuevoll zeigen. Das wäre das Mindeste.«

»Diese Differenzen können wir nur aus der Welt schaffen, wenn diese beiden Völker friedlich in Kontakt treten. Aber ich habe keine Ahnung, wie wir das anstellen sollen. Wir können nicht nach Hel­hallion zurück.«

»Wie ungünstig aber auch.«

Zornig funkelte ich ihn an. »Mit Spott ist jetzt keinem geholfen.«

»Denk doch nach, Wölfin, wie tritt ein Bewohner Arkasias für gewöhnlich mit einem Dämon in Kontakt?«

»Bis an die Zähne bewaffnet?«, spiegelte ich seine sarkastische Art.

»Ja, weil sie Angsthasen sind.« Kazra schmunzelte müde. »Nein, man beschwört ihn.«

Ich erinnerte mich zurück an unser Aufeinandertreffen im Sommerpalast. Kazra hatte damals behauptet, ich hätte ihn durch das Verschütten von Wein und der Verfluchung seines Namens beschworen. »Das funktioniert?«

»Natürlich, sofern der Schleier es zulässt.«

Der unsichtbare Schutzwall, der Arkasia vor dem ungewollten Eindringen der Dämonen schützte. »Du hast ihn doch teilweise zerstört, wenn ich mich richtig erinnere«, gab ich zurück.

»Ja, aber so, wie es sich anfühlt, hat mein Bruder alles brav repariert. Fleißiger Bastard.«

»Nenn ihn nicht so«, zischte ich.

Kazra schien sich bestens zu amüsieren.

»Wir könnten Mundi rufen, sie würde uns bestimmt helfen«, kam ich wieder auf den Plan zurück, ehe er noch weitere abfällige Dinge äußern konnte.

»Hm. Von allen Dämonen, die zu beschwören sind, pickst du dir die eine der mächtigsten unter ihnen heraus?«

»Ist das ein Problem?«

Kazra seufzte. »Mundi ist sehr, sehr wertvoll für Karulath und die Königin. Sie zu rufen wird nicht einfach sein, denn sie steht unter dem Schutz der Aura von Under. Es gilt also, die Aura zu durchdringen. Ohne dass die Königin es merkt.«

Ich beugte mich hoffnungsvoll nach vorn. »Kannst du das?«

Er rieb sich die Augen. »Möglicherweise, aber ich bin ziemlich erschöpft. Mein Bruder hat sich alle Mühe gegeben, mich auszulaugen.«

»Du hast doch vorhin die Träume dieses armen Soldaten gelesen«, hielt ich dagegen.

»Ja, ein schwacher kleiner Krieger ohne nennenswerte Fähigkeiten. Dass mein Bruder ihn mit deinem Schutz betraut hat, ist ein Witz, den vermutlich nur er versteht. Womöglich hätte er sich im Ernstfall selbst mit seiner Waffe erdolcht.«

»Dann nimm einen Traum von mir«, bot ich ihm an. »Ich kann meine Magie nicht anrufen, aber ich fühle, wie sie stetig in mir wächst. Das ist schlecht.«

Ein seltsamer Schatten huschte über sein Gesicht. »Auf keinen Fall.«

»Warum nicht?«

»Dass deine Magie nicht funktioniert, liegt an deinem Erwachen als Gallyx-Wesen«, erklärte er mir ausweichend. »Sie ist jetzt frei von jeglichen Blockaden. Du hast Zugang zu deiner innersten Aura.«

Unsicher knetete ich die Hände. Während des letzten Kampfes, bei dem ich nicht ganz ich selbst gewesen war, hatte ich diese rohe Macht bereits zu spüren bekommen. Sie war gefährlich und rasend gewesen. Es hatte sich teilweise angefühlt wie damals, als ich im Kindes­alter zum allerersten Mal das Feuer beschworen hatte. Es hatte mein Innerstes in Brand gesteckt und mich leiden lassen. Die Angst, dass ebenjenes wildes Feuer, das nun in mir freigesetzt worden war, genau dasselbe tun könnte, war groß.

»Ich kann verstehen, wovor du dich fürchtest«, sagte Kazra.

Ich blickte auf. »Natürlich. Du hast dem, was in mir lebt, ja bereits in die Augen geblickt.« Dem Wolf aus glühendem Feuer.

»Du hast die Kontrolle. Zweifle nicht daran.«

»Es fühlt sich aber nicht so an, als hätte ich sie.«

Auf einmal schoss ein hellblauer Energieblitz durch den Raum. Um ein Haar hätte er sich in meinen Kopf gebohrt, wären da nicht die blutroten Flammen gewesen, die ihn im allerletzten Moment getilgt hätten.

Kazras Mundwinkel rutschten nach oben.

»Reflexe«, murrte ich. »Das hat nichts mit echter Magiefähigkeit zu tun.«

»So kleinlich. Man hat dich hier offenbar nett unterrichtet.«

Ich sackte zur Seite weg, stöhnte. Rote Flecken tanzten durch mein Sichtfeld. Mein Körper wirkte mit einem Mal schwach und ausgezehrt – ich vermochte kaum die Arme zu heben. Kazra sah einfach zu, sein gesamtes Gesicht glich einer nichtssagenden Maske.

»Hilf mir«, ächzte ich, während das Blut in meinen Adern abwechselnd heiß und kalt wurde.

»Nein.«

Ein flehendes Wimmern kam aus meinem Mund.

»Du kannst dir selbst helfen. Halte dich nicht immer für so schwach.«

Stöhnend stemmte ich mich zurück in eine aufrechte Position. Keine Sekunde später beugte ich mich nach vorn und meinte fast, mich übergeben zu müssen.

»Gallyx-Wesen sind der Inbegriff von Macht. Ihre Existenz ist nicht nur irdisch, sondern auch überirdisch. Das ist es, was es ihnen ermöglicht, wiedergeboren zu werden. Dein Körper ist jetzt nur noch eine Hülle, deine wahre Gestalt verbirgt sich in deiner Magie, deiner Aura.«

»Hör auf.«

Ich konnte sehen, wie er den Kopf schief legte.

»Ich bin ein Mensch«, sagte ich mit gebrochener Stimme. »Noch immer.«

Wir wussten beide, dass dies eine Lüge war. Der Körper der Sommer­prinzessin war von der gewaltigen Magie vernichtet worden, die der letzte Kampf heraufbeschworen hatte. Es war mir nicht ganz klar, warum ich ihr immer noch ähnlich sah und wie ich es geschafft hatte, einen nahezu menschlichen Körper zurückzugewinnen. Wenngleich er nun diese Augen besaß.

Es waren nicht die Augen eines Menschen. So grün und voller Magie.

Die erste Träne, die mir über die Wange rann, war wie ein Tropfen flüssigen Feuers. »Ich versuche schon so lange herauszufinden, wer ich bin. Langsam habe ich das Gefühl, ich werde darauf niemals eine Antwort finden. Immer wenn sie zum Greifen nah scheint, löst sie sich in Rauch auf und ich beginne von vorn.«

»Weil es keinen Fixpunkt in einer Persönlichkeit gibt. Wir verändern uns. Ständig.«

Ein Schluchzer schüttelte meinen Körper.

»Sieh mich an.«

Zaghaft hob ich das Kinn.

»Du hast eine Persönlichkeit, Ciara. Und das macht dich menschlich. Du hast deine Erinnerungen. Du fühlst.« Dieses Mal war kein Spott in seiner Stimme, da war nur der ernste Blick aus blauen Augen. »Dieser Teil kann dir auch keine Wiedergeburt und kein unendliches Feuer je nehmen.«

»Hast du mich so gemacht?«, lautete meine geflüsterte Frage.

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Ich hatte keine Ahnung, was aus dir einmal werden würde. Du hast deinen Charakter ganz von allein entwickelt. Diese ständige Kratzbürstigkeit, gepaart mit dem naiven Blick. Wobei Letzteres sich ja schon ein wenig gebessert hat. Sie gefallen mir, deine neuen Augen. Sie zeigen, was in dir steckt.«

Langsam lehnte ich mich nach hinten. Allmählich ließ die Übelkeit nach. »Reizend wie immer.«

Er lächelte schwach und stand dann auf. Lautlos trat er vor die großen Fenster und warf einen Blick hinab auf die Stadt. Hätte er dasselbe weiße Haar besessen, hätte ich ihn in diesem Moment für Grau gehalten. Die Haltung, die Ruhe – alles war gleich.

»Gab es etwas am Winterreich, was du vermisst hast?«, traute ich mich zu fragen.

»Nein. Gar nichts.«

»Mir hat der Schnee gefehlt«, murmelte ich.

»Du magst bestimmt alles hier.«

»O nein. Der Schnaps ist furchtbar und die Sonne ist viel zu oft von den Wolken bedeckt. Außerdem riecht es ständig nach verbranntem Holz. Zudem gibt es außerhalb der Stadt keine Kreatur, die nicht in der Lage wäre, einen umzubringen. Selbst die Pferde in diesem Land sind überaus wild.«

»Hm«, machte Kazra. »Eins hat mir mal fast den Schädel eingetreten.«

»Ach ja?«

»Ich habe versucht, es zu zähmen, mithilfe meiner Magie. Kleinere Tiere waren nie ein Problem gewesen, Menschen auch nicht. Aber Pferde sind anders.«

»Warum?«

»Sie haben einen nahezu unbezwingbaren Freiheitsdrang, der ihren Geist schier unbezähmbar werden lässt. Sie ohne Vertrauen bändigen zu wollen, ist purer Wahnsinn.«

Die Vorstellung eines jungen Kazra zauberte mir ein Schmunzeln ins Gesicht. Dann kam mir eine weitere Frage in den Sinn: »Wie alt seid ihr eigentlich? Du und Grau? Er hat es mir nie verraten.«

Er drehte sich um, das typische schiefe Lächeln auf den Lippen. »Weshalb denn das?«

»Keine Ahnung. Vermutlich ist er eitel.«

»Wie bedauerlich für dich, dass ich das ebenso bin.«

»Bei ihm ist es die Macht der Winterkrone, nicht wahr?«, meinte ich.

»Die Krone, ja. Es ist nur eine kleine Gabe, die ihm und seiner Elite zuteilwird. Es soll ihre Kampfkraft und Stärke so lange wie möglich aufrechterhalten. Endet die Regentschaft, verfliegt der Zauber nach und nach. Äußerlich bleiben sie jung, aber das Alter holt sich ihren Körper trotzdem. Man kann es nur nicht sehen.«

»Und du? Hüllst du dich in Illusionen? Ist dir eigentlich schon ein bodenlanger Bart gewachsen hinter deiner hübschen Fassade?«

»Mir zu schmeicheln wird mir auch keine Geheimnisse entlocken.«

»Was braucht es dann?«

Er gab mir keine Antwort mehr. Dunkle Nebel erschienen im Saal. Einen Wimpernschlag später stand Grau vor mir. Kazras Augen wurden ein wenig schmaler, aber das Lächeln blieb.

»So in Sorge um sein neuestes Symbol«, murmelte er.

»Sie hat einen Namen«, meinte Grau mit kalter Stimme.

Ich winkte ab. »Gib dir keine Mühe, er hat andere für mich.«

Kazra neigte vor mir das Haupt. »Wölfin.«

Grau ignorierte es und wandte sich direkt an mich. »Du siehst müde aus.«

»Das bin ich auch.«

»Dann komm, ruh dich aus.«

»Was ist mit ihm?« Ich deutete auf seinen Bruder. »Wo ist er untergebracht?«

Grau zögerte. Seine Silberaugen bekamen einen stechenden Glanz.

»Wenn du jetzt im Verlies sagst, kriegen wir ein Problem miteinander. Niemand sollte in diesem dunklen Loch sitzen müssen.« Die Erinnerung an meine Zeit im obsydianischen Kerker ließ mich frösteln.

»Da ist ein Turm«, sagte er langsam, als würde ihm jedes Wort widerstreben, »am Rande der Stadt. Er ist verlassen.«

Kazra schloss seufzend die Augen. »Das klingt wundervoll. Ein Zuhause wie aus meinen Träumen.«

»Er träumt nicht«, merkte ich an und stand auf. »Aber wenn er es könnte, dann wäre dieser Turm bestimmt das Erste, was er sehen würde. Nicht wahr?« Den letzten Satz schleuderte ich Kazra entgegen.

»Unbedingt«, gab der zurück.

»Man wird dich hinbringen.« Das war das Letzte, was Grau seinem Bruder zu sagen hatte. Er reichte mir die Hand. Ich legte meine Finger hinein und ließ mich von seiner Magie fortholen.

4

Die Rätsel der Welt

Grau brachte mich wieder in sein Schlafgemach. Ohne Umschweife führte er mich zum Bett. Seufzend sank ich in die Kissen und sah zu, wie er die Decke über mir ausbreitete. Danach setzte er sich neben mich und strich die letzten Falten glatt.

»Im Winterreich nimmt man das mit dem Ins-Bett-Bringen sehr ernst, nicht wahr?«, versuchte ich zu scherzen.

Es klappte nicht. Graus Miene blieb ausdruckslos.

»Ich weiß, es ist viel passiert, aber … wir werden das schaffen«, sagte ich dann.

Er zwang sich offenkundig zu einem Lächeln. »Das werden wir.«

Du hast meine Frage im Ratssaal nicht beantwortet. Und du hast mich noch kein einziges Mal geküsst, seit ich aufgewacht bin.

Überrascht, dass ich in meinen Gedanken zu ihm gesprochen hatte, hob er die Brauen an. Anstatt mir zu antworten, beugte er sich vor und drückte seine Lippen auf meine Stirn. Doch dies war nicht das, was ich mir erhofft hatte.

Ich setzte mich auf. Mein Herz schlug viel zu schnell vor lauter Aufregung. »Was ist los?«

Sein Blick glitt an mir hinab, blieb an dem Band hängen, das meine Narbe verdeckte. »Er hat dich getötet«, sagte er so leise, dass ich es fast nicht verstanden hätte.

Sofort kämpfte ich gegen die dunklen Erinnerungen an, die den Schmerz, den ich damals empfunden hatte, für immer in meinem Geist verankern würden. »Er musste es tun.«

Grau schüttelte unmerklich den Kopf.

»Ist es das, was dich abstößt? Denkst du, ich bin jetzt nicht mehr dieselbe?« Ein beengendes Gefühl bildete sich in meiner Kehle.

»Du könntest mich niemals abstoßen, Ciara.« Ein kurzes Zögern. »Ich frage mich, ob ich es hätte verhindern können. Wenn ich dich einfach fortgebracht hätte, bevor der Heerführer uns gefunden hätte.«

»Wahrscheinlich nicht. Vermutlich wäre er dir gefolgt. Ich glaube, es war sein Ziel, uns beide in seine Nähe zu bringen. Mich, um meine Kräfte freizusetzen, und dich, um …« Ich sprach nicht weiter.

»Es ist Kazras Schuld. Hätte er nicht den Schleier zerstört, hätte der Heerführer uns niemals nach Obsydian folgen können. Oder gar nach Arkasia aufsteigen.«

»Der Schleier war doch repariert«, entgegnete ich verwirrt.

»Nein. Er wurde immer wieder eingerissen, bis kurz vor deinem Erscheinen. Es sind immer mehr Löcher aufgetaucht.«

Ein unwohles Gefühl regte sich in meinem Magen und ich zog die Beine an meinen Körper. »Das kann unmöglich Kazra allein gewesen sein. Er war oft bei mir, während meiner Zeit dort unten.«

»Wir werden morgen mit ihm sprechen.«

Ich ergriff Graus Arm. »Mach dir keine Vorwürfe.«

»Die werde ich mir immer machen, weil ich nicht das beschützt habe, was mir am Herzen liegt.«

Als ich erwachte, ging gerade die Sonne auf. Grau war nicht da. Sofort fühlte ich wieder denselben Kloß in meinem Hals, der mir schon gestern beinahe die Luft abgeschnürt hatte, nachdem Grau wortlos verschwunden war. Ich fragte mich, ob er gelogen hatte. Ob er mich doch abstoßend fand. Nun, da er das Monster gesehen hatte, das in mir lebte. Eines, das nur dazu gemacht worden war, um ihn zu töten.

Diese Gedanken verfolgten mich noch eine ganze Weile. Selbst als ich mich ein wenig später – von Kopf bis Fuß neu eingekleidet – in den Palast begab, wo sich allerdings keiner der anderen finden ließ. Erst außerhalb, auf einer großzügigen Terrasse, von der aus man die gesamte Stadt überblicken konnte, wurde ich fündig.

»Ausgeschlafen?«, rief Sazel zu mir hinüber, als ich auf ihn zumarschierte. Aïrael stand neben ihm, ebenso wie Naesh.

»Ich glaube schon.«

»Keine Sorge, das geht vorbei. Bald wirst du keinen Schlaf mehr brauchen«, meinte Naesh mit sanfter Miene.

Ich stutzte. »Wie bitte?«

»Du bist jetzt ein Gallyx-Wesen. Deine körperlichen Grund­bedürfnisse werden mit der Zeit vergehen.«

»Aber ich habe dich essen sehen«, entgegnete ich verwirrt. »Und du bist verschwunden, um dich zu erleichtern. Sehr lange.«

Sazel schnaubte. Naesh wirkte amüsiert. »Natürlich, ich hatte ja auch etwas getrunken. Sehr viel.« Sie lehnte sich gegen das steinerne Geländer. »Du kannst selbstverständlich auch weiterhin etwas essen, aus purem Genuss, aber du bist bald nicht mehr darauf angewiesen. Wenn dein Körper etwas zu sich nimmt, muss er es ein wenig später allerdings genauso loswerden wie der eines Sterblichen.«

»Das sind ja völlig neue Informationen. Das raubt mir jetzt ein wenig die Illusion von glorreichen Kriegerwesen«, kam es von Sazel. »Ich hoffe, vor einer Schlacht lebst du in völliger Abstinenz, nicht, dass wir wegen einer kleinen Jägerinnen-Blase verlieren.«

»Wahrscheinlich nicht. Du wirst mich vermutlich bitten, einen ganzen Eimer Met mit dir zu trinken, damit du dir vor dem Kampf nicht so in die Hosen machst.«

Aïrael schmunzelte schwach. »Wie geht es Euch?«, richtete ich mich an sie.

»Viel besser. Ich habe die Sonne sehr vermisst.«

Sazel schaute sie an. »Seid Ihr schon einmal im Winterreich gewesen?«

»Nein, leider war mir nicht vergönnt, allzu viel von Arkasia zu sehen.« Ihre Miene wurde dunkler.

Sazel reagierte schnell und schenkte ihr ein einnehmendes Lächeln. »Dann habt Ihr Glück. Ich kenne mich recht gut aus und ich könnte Euch die schönsten Orte zeigen, wenn Ihr wollt.«

Wenn er die Absicht hatte, sie zu umgarnen, hatte er wenig Erfolg. Anders als die meisten Frauen hier errötete Aïrael keineswegs, sondern nickte dankend. »Es wäre mir eine Ehre, General.«

Sazel wirkte für einen Moment verdutzt, dann eroberte ein stolzer Ausdruck seine Augen.

Naesh öffnete gerade den Mund, um etwas zu sagen, da ertönte ein mir bekanntes Surren hinter meinem Rücken. Ich drehte mich um und erblickte Grau und Kazra, die noch von ihren Nebeln umtanzt wurden.

»Sieh an, unser Zauberkünstler.«

Kazra ließ sich von dieser unterkühlten Begrüßung nicht beeindrucken. »Feuerspucker.«

»Hoheit.« Aïrael neigte ergeben den Kopf.

Grau erwiderte es, wenn auch auf steife, angespannte Art und Weise.

»Wie kommen wir zu dieser Ehre?«, fragte Sazel mit verschränkten Armen.

»Es gibt einen netten Plan, den unsere Ciara sich ausgedacht hat. Ich schätze, der Winterkönig hätte gern, dass ich ihn euch erkläre«, teilte Kazra mit.

Sazel wandte sich an mich. »Und wie lautet der?«

»Wir werden eine Dämonin beschwören.«

Sazels rote Augen wurden groß, ebenso die von Naesh. Grau zog eine Braue in die Höhe.

»Man kann ihr trauen. Sie ist eine uralte Seherin.«

»Sie ist eine unabhängige Entität«, schob Kazra noch hinterher.

»Ach, es ist also nicht klar, auf wessen Seite sie steht?« Sazel schien misstrauisch.

»So ist es.« Kazra lächelte.

Ich rollte mit den Augen. »Sie ist eine gute Seele. Ich denke, sie kann uns helfen.«

»Und wie beschwört man eine solche Dämonin?«, fragte Naesh.

»Das solltest du Ciara fragen, sie kennt sich da bestens aus.«

Was zum …? Ich sandte ihm einen durchdringenden Blick. »Du bist kein Dämon, falls du das vergessen hast.«

»Und trotzdem kann Wein Wunder wirken.«

»Keine Ahnung, was für eine Geschichte das ist, aber es wäre besser, wenn du endlich zur Sache kommen würdest«, ging Sazel dazwischen, der Grau soeben noch einen kurzen prüfenden Blick zugeworfen hatte. Der Winterkönig wirkte wie aus Eis gemeißelt. Vollkommen ruhig, wenngleich er eine immense abweisende Kälte ausstrahlte.

»Ich muss im Zuge der Beschwörung die Aura von Under durchdringen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Dabei benötige ich Hilfe. Von dir.«

Wir waren alle überrascht, als Kazra den letzten Satz an seinen Bruder richtete.

»Moment mal, gestern sagtest du noch, du würdest das allein schaffen«, warf ich ein.

»Bisher habe ich mich nicht ausreichend erholen können. Mein Bruder hatte recht, als er sagte, der Turm sei verlassen. Es gibt niemanden, dem ich einen Traum stehlen könnte, es sei denn, ich würde mich an seinen Schutzzaubern gütlich tun, die das Gemäuer von den Kräften der Stadt abschirmen, aber das würde gewiss Misstrauen wecken. Also habe ich brav gewartet, bis sich zum Morgengrauen die Versiegelung der Tür wieder aufgelöst hat.«

Ich holte hörbar Luft. Kazra war vielleicht in keinem dreckigen Loch von einem Verlies gelandet, aber Grau hatte schon dafür gesorgt, dass der Turm dem nahekommen würde.

»Aber wenn dir nicht danach ist, mir ein wenig deiner Macht zu leihen, großer König, dann kann ich auch Ciara bitten«, bot Kazra mit samtener Stimme an. »Ich habe gehört, ihre Magie braucht ein wenig Beschäftigung.«

Am liebsten hätte ich ihn hier und jetzt für seinen Ton geohrfeigt. Alles klang so furchtbar zweideutig und zwielichtig. Als würde er wollen, dass man ihm jeden Moment die Faust ins Gesicht donnerte.

»Schon gut.« Grau klang ruhig und beherrscht. Dann hielt er Kazra die Hand entgegen. »Wenn du Energie brauchst, kannst du sie haben. Aber ich werde dir nicht helfen, irgendwelche Barrieren zu durchbrechen.«

»Keine Sorge, Bruder, du musst mich nicht berühren.«

Ich zuckte zusammen. Die Art und Weise, wie er dieses Wort aussprach … Bruder.

»Hört auf. Ich helfe dir ja«, sagte ich im nächsten Moment, um die Situation zu entschärfen. Ich trat an Kazra heran. »Was müssen wir tun?«

Er lächelte auf mich herab. »Der Schleier muss für einen Augenblick geöffnet werden, andernfalls kann ich Mundi nicht hierherholen.«

Graus Augen verdunkelten sich, als er die Worte seines Bruders vernahm. »Du verlangst zu viel.«

»In Anbetracht dessen, was es bringen könnte, ist es lächerlich wenig. Sei nicht so ängstlich, großer König.«

»Ein Fehler und du wirst den heutigen Abend nicht mehr erleben.« Eine düstere Drohung.

Kazra konnte nur müde darüber lächeln.

»Ciara, du bist noch zu erschöpft«, kam es von Sazel.

Ich wedelte seine Bedenken hinfort. »Schon gut, ich schaffe das.« Nun hielt ich Kazra die Hand hin. »Ich vertraue ihm. Er wird mich schon nicht aussaugen.«

»Gib mir beide«, forderte er mich auf. Also hob ich auch den zweiten Arm. Sachte umfasste er meine Hände mit seinen Fingern.

Nur unwillig ließ ich es zu. »Muss das sein?«

»Deine Magie ist noch empfindlich, darum sollten wir sehr vorsichtig sein.«

Zweifelnd sah ich dabei zu, wie er eine gerade Haltung einnahm und die Augen schloss. »Und jetzt?«, fragte ich leise.

»Konzentrier dich«, raunte er lächelnd. »Das wird jetzt vielleicht ein wenig unangenehm.«

In ängstlicher Erwartung spannte ich sämtliche Muskeln an. Irgendwann wurde mein Atem ganz flach. Ein seichter Schauer ging durch meinen Geist, aber der große Schock blieb aus. Also wartete ich weiter.

Und weiter. Und weiter.

»Kommt da noch was?«, flüsterte ich irgendwann nach einer gefühlten Ewigkeit und öffnete ein Auge.

»Hm, ruhig bleiben, ich bin fast da«, murmelte Kazra zurück.

Ich wollte schon etwas entgegensetzen, da leuchteten auf einmal mehrere ineinander verschlungene Symbole auf seiner Stirn auf. Auch auf seinen Händen erwachten glühende Male. Ein kühler Wirbel ging durch mich hindurch, aber er fühlte sich keinesfalls nach dem an, was ich erwartet hatte. Dennoch konnte ich Kazras Macht klar und deutlich spüren.

Nur erfasste sie mich nicht.

»Eldra.«

Erschrocken japste ich nach Luft. Blütenblätter in den Farben von Jade und Amethyst trieben durch die Luft. Eine in lange Gewänder gehüllte Gestalt war neben mir erschienen. Zwei Hörner ragten zwischen dem glänzenden braunen Haar empor. Auf dem alterslosen Gesicht lag ein sanfter Ausdruck.

»Mundi.« Der Anblick der Seherin ließ mich mit heftig pochendem Herz zurück. Sie war ein schönes, anmutiges Wesen, eigentlich vollkommen, wären da nicht die weißen Knochenfinger, die unter den weiten Ärmeln zum Vorschein kamen.

»Du hast dich verändert«, sagte sie und richtete den Blick anschließend auf Kazra. »Und du …«

»Wir haben nicht viel Zeit«, begann er ohne Umschweife. »Weißt du, warum wir dich gerufen haben?«

Sie nickte. »Das tue ich.«

»Wir wollen die Dämonen mit den Menschen von Arkasia vereinen. Aber sie trauen einander nicht. Wie können wir das ändern?«, fragte ich.

»Da ist ein Märchen, von dem ich euch erzählen könnte, aber dafür reicht dieser Augenblick nicht aus.«

»Welches? Wie heißt es?«

»Oh, es hat keinen Namen. Dafür ist es viel zu alt. Es ging um einen Mann, der loszog, um drei Dinge zu finden. Drei Artefakte, die sich in den Rätseln der Welt verborgen hatten.«

»Was für Dinge waren das?«, bohrte ich nach.

Mundi drehte den Kopf und schmunzelte. »Ah, seht an, der Winter­­könig.«

Verwirrt starrte ich die Seherin an. »Mundi?«

»Ihr seht eurem Vater so ähnlich, ihr zwei. Wusstest ihr das?«

Graus Starren wurde eindringlicher, Kazra zog lediglich eine Braue in die Höhe.

»Mundi!«, rief ich abermals. Die Blütenblätter, die sie umtanzten, wurden allmählich weniger.

»Antwortet ihr nicht«, wandte sich Aïrael unvermittelt an Grau. »Wenn Ihr es tut, dann wird sie Eure Vergangenheit lesen und dann wird sie niemals erklären, was zu tun ist. Dafür reicht die Zeit nicht aus.« Die Augen der Fae wurden schmal. »Ich kann sehen, dass ihre Macht nach den Windungen des Schicksals greift.«

»Mundi.« Kazras Stimme war weitaus sanfter als meine. »Erzähl mir von dem Märchen.«