Denn sie betrügt man nicht - Elizabeth George - E-Book

Denn sie betrügt man nicht E-Book

Elizabeth George

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Beschreibung

Es ist drückend heiß in London. Inspector Lynleys Assistentin Barbara Havers spielt mit dem Gedanken an Urlaub. Schon bald bricht sie in ein kleines, altmodisches Seebad auf – allerdings um dort den mysteriösen Tod eines jungen Pakistani aufzuklären. Aber bei ihren Nachforschungen stößt Barbara auf eine Mauer aus Schweigen und Hass.

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Inhaltsverzeichnis

WidmungProlog12 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 Danksagung Copyright

Für KossurIn Freundschaft und Liebe

Where is the man who has the power and skill To stem the torrent of a woman’s will? For if she will, she will, you may depend on’t; And if she won’t, she won’t; so there’s an end on’t.

(Welcher Mann besitzt die Gewandtheit und die Kraft, den machtvollen Willen einer Frau zu bändigen? Denn wenn sie will, dann will sie, darauf ist Verlaß; Und wenn nicht, dann will sie eben nicht, und fertig.)

Inschrift auf einer Säule auf dem Dane John Field in Canterbury

Prolog

Der Abstieg in Ian Armstrongs Leben hatte an dem Tag begonnen, an dem er seinen Arbeitsplatz verlor. Schon als man ihm die Stellung zugesagt hatte, war ihm klar gewesen, daß es nur eine Arbeit auf Zeit war. Die Annonce, auf die er sich gemeldet hatte, hatte nichts anderes vorgegeben, und man hatte ihm nie einen festen Vertrag angeboten. Doch nachdem zwei Jahre vergangen waren, ohne daß je das Wörtchen Entlassung gefallen wäre, hatte Ian unklugerweise zu hoffen gewagt. Das war dumm gewesen.

Ians vorletzte Pflegemutter hätte die Nachricht vom Verlust seiner Arbeitsstelle mit den Worten aufgenommen: »Tja, mein Junge, wie der Wind weht, kann man nicht ändern. Wenn er über Kuhmist weht, hält sich ein kluger Mensch die Nase zu.« Sie hätte sich dabei lauwarmen Tee in ein Glas gegossen – sie benutzte niemals Teetassen – und hinuntergekippt. Dann hätte sie gesagt: »Nimm’s, wie’s kommt, mein Junge« und sich wieder der neuesten Ausgabe von Hello zugewandt, um die Bilder der Reichen und Schönen zu bewundern, die in schicken Londoner Wohnungen und auf eleganten Landsitzen ein luxuriöses Leben führten.

Das wäre ihre Art gewesen, Ian zu raten, sich mit seinem Schicksal abzufinden, ihr wenig taktvoller Hinweis darauf, daß einer wie er für ein Leben im Luxus eben nicht geschaffen sei. Aber Ian hatte ein solches Leben nie angestrebt. Er hatte nie mehr gewollt, als anerkannt und akzeptiert zu werden, und diese beiden Ziele verfolgte er mit der Inbrunst eines verlassenen Kindes, das es nie geschafft hatte, adoptiert zu werden. Er hatte schlichte Wünsche: eine Frau, eine Familie und die Gewißheit, daß seine Zukunft rosiger ausfallen würde als seine harte Vergangenheit.

Diese Ziele waren einst erreichbar erschienen. Er machte seine Arbeit gut. Er war jeden Morgen überpünktlich ins Büro gekommen. Er hatte Überstunden ohne Bezahlung geleistet. Er hatte sich die Namen seiner Mitarbeiter eingeprägt. Er war sogar so weit gegangen, sich die Namen ihrer Ehepartner und Kinder zu merken, und das war keine Kleinigkeit. Und zum Dank für all seine Anstrengungen hatte man ihm im Büro eine Abschiedsfeier mit Fertigbowle ausgerichtet und ihm eine Schachtel Taschentücher aus einem Billigkaufhaus geschenkt.

Ian hatte versucht, dem Unvermeidlichen zuvorzukommen, es vielleicht sogar abzuwenden. Er hatte auf seine Leistungen hingewiesen, auf die vielen freiwilligen Überstunden, die er gemacht hatte, auf das Opfer, das er gebracht hatte, indem er sich nicht nach einer anderen Anstellung umgesehen hatte, solange er den Posten auf Zeit innegehabt hatte. In dem Bemühen um einen Kompromiß hatte er angeboten, sich mit einem niedrigeren Gehalt zufriedenzugeben, und zum Schluß hatte er darum gebettelt, seinen Job behalten zu dürfen.

Es hatte Ian nichts ausgemacht, sich vor seinem Arbeitgeber zu erniedrigen. Hauptsache, er behielt seine Arbeit. Denn nur wenn er Arbeit hatte, konnte er weiterhin sein neues Haus abzahlen. Und dann konnten Anita und er in ihren gemeinsamen Bemühungen fortfahren, Mikey ein kleines Geschwisterchen zu bescheren, dann brauchte Ian seine Frau nicht zur Arbeit zu schicken. Vor allem aber wäre ihm Anitas verächtlicher Blick angesichts seiner erneuten Arbeitslosigkeit erspart geblieben.

»Es ist diese gemeine Rezession, Schatz«, hatte er zu ihr gesagt. »Die nimmt einfach kein Ende. Die Bewährungsprobe unserer Eltern war der Zweite Weltkrieg. Unsere ist diese Wirtschaftskrise.«

Ihr geringschätziger Blick hatte gesagt: »Komm mir nicht mit Philosophie. Du hast deine Eltern ja nicht mal gekannt, Ian Armstrong.« Tatsächlich jedoch sagte sie mit ganz unangemessener und daher unheilverkündender Freundlichkeit: »Na, da lande ich wohl wieder in der Bibliothek. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, was groß übrigbleiben soll, wenn ich jemanden bezahlen muß, der auf Mikey aufpaßt, solange ich weg bin. Oder hattest du vielleicht vor, ihn selbst zu hüten, anstatt auf Arbeitssuche zu gehen?« Sie lächelte mit verkniffener Unaufrichtigkeit.

»Ich hab’ noch gar nicht darüber nachgedacht –«

»Das ist ja das Schlimme an dir, Ian. Du denkst nie nach. Nie hast du einen Plan. Wir schlittern vom Problem in die Krise und weiter an den Rand der Katastrophe. Wir haben ein neues Haus, das wir nicht bezahlen können, und ein Kind, das wir ernähren müssen, und trotzdem fällt dir nicht ein, mal nachzudenken. Wenn du vorausgeplant hättest, wenn du dich bei der Firma unentbehrlich gemacht und gedroht hättest zu gehen, als der Betrieb vor anderthalb Jahren umgestellt werden mußte und du der einzige in Essex warst, der das hätte durchziehen können –«

»Das stimmt doch gar nicht, Anita.«

»Na bitte! Da hast du’s!«

»Was?«

»Du bist viel zu bescheiden. Du machst nichts aus dir. Sonst hättest du bestimmt längst einen Vertrag. Wenn du nur einmal planen würdest, hättest du damals, als sie dich am dringendsten gebraucht haben, auf einen festen Vertrag bestanden.«

Es war sinnlos, Anita erklären zu wollen, wie es im Geschäftsleben zuging, wenn sie so aufgebracht war. Und Ian konnte es seiner Frau im Grund nicht verübeln, daß sie aufgebracht war. In den sechs Jahren ihrer Ehe hatte er dreimal die Stellung verloren. In den ersten zwei Perioden der Arbeitslosigkeit hatte sie ihn unterstützt, aber damals hatten sie auch noch bei ihren Eltern gelebt und nicht die Geldsorgen gehabt, die sie jetzt niederdrückten. Ach, wenn doch alles anders sein könnte, dachte Ian. Wenn sein Arbeitsplatz doch nur sicher gewesen wäre. Aber sich in die unsichere Welt von »wenn doch nur« zu flüchten, war keine Lösung.

Anita begann also wieder zu arbeiten. Sie bekam eine erbärmliche und schlechtbezahlte Stellung bei der Stadtbibliothek, wo sie Bücher ordnete und Rentnern half, ihre Zeitschriften zu suchen. Und Ian begab sich wieder einmal auf den demütigenden Weg der Arbeitssuche, und das in einem Teil des Landes, der schon lange tief in der wirtschaftlichen Krise steckte.

Er begann jeden Tag damit, daß er sich sorgfältig kleidete und das Haus vor seiner Frau verließ. Er hatte sein Glück im Norden bis nach Ipswich versucht, im Westen bis nach Colchester. Er hatte sich in Clacton im Süden bemüht und war sogar bis nach Southend-on-Sea vorgestoßen. Er hatte sein Bestes getan, aber erreicht hatte er nichts. Und jeden Abend sah er sich Anitas schweigender, aber wachsender Verachtung gegenüber. An den Wochenenden floh er.

Er floh in lange Wanderungen. Im Lauf der vergangenen Wochen hatte er die ganze Halbinsel Tendring kennengelernt wie seine Westentasche. Sein Lieblingsspaziergang begann nicht weit vom Ort, wo hinter der Brick Barn Farm eine Seitenstraße zu dem Fußpfad über den Wade führte. Am Ende des Sträßchens pflegte er den Morris stehenzulassen, und wenn Ebbe war, stieg er in seine Gummistiefel und stapfte über den morastigen Damm zu dem Buckel Land, der Horsey Island hieß. Hier beobachtete er die Wasservögel und ging auf Muschelsuche. In der Natur fand er den Frieden, den sein Alltag ihm verwehrte. Und an den frühen Wochenendmorgen zeigte sich ihm die Natur von ihrer schönsten Seite.

An diesem besonderen Samstagmorgen war Flut, darum wählte Ian den Nez für seine Wanderung. Der Nez war ein beeindruckendes, von Ginster überwuchertes Kap, das sich knapp fünfzig Meter über der Nordsee erhob und sie von den Salzwiesen eines Wattgebiets trennte, die man die Saltings nannte. Wie die Siedlungen an der Küste führte auch der Nez einen immerwährenden Kampf gegen die See. Doch im Gegensatz zu den Dörfern und Städten schützten ihn keine Molen; seine Hänge waren nicht mit Beton befestigt, der verhindert hätte, daß der unsichere Boden aus Lehm, Kiesel und Erdreich bröckelte und brach und zum untenliegenden Strand abrutschte.

Ian beschloß, am Südostende des Kaps loszugehen, bis zur Spitze hinauszuwandern und auf der Westseite, wo Wattvögel wie Rotschenkel und Grünschenkel nisteten und in den Prielen nach Nahrung suchten, zurückzukehren. Fröhlich winkte er Anita bei der Abfahrt zu, die seinen Gruß mit ausdrucksloser Miene erwiderte, und schlängelte sich aus der Siedlung hinaus. Nach fünf Minuten erreichte er die Straße nach Balford-le-Nez, und noch einmal fünf Minuten später war er auf der Hauptstraße von Balford, wo im Dairy Den Diner gerade das Frühstück serviert wurde und vor Kemps Supermarkt die Gemüseauslagen gerichtet wurden.

Er brauste durch den Ort und bog nach links ab, um der Küste zu folgen. Schon jetzt war zu spüren, daß es wieder ein heißer Tag werden würde. Er kurbelte das Fenster herunter, um die angenehme Salzluft zu genießen, und überließ sich ganz der Freude über diesen Morgen, entschlossen, die Schwierigkeiten zu vergessen, mit denen er zu kämpfen hatte. Einen Moment lang erlaubte er sich so zu tun, als wäre alles in bester Ordnung.

In dieser Stimmung nahm Ian die Abzweigung zur Nez Park Road. Das Wächterhäuschen an der Einfahrt zum Kap war so früh am Morgen verlassen; es war niemand da, der ihm für das Privileg eines Spaziergangs über die Landzunge sechzig Pence abknöpfte. Ians Wagen rumpelte ungehindert über die Schlaglöcher zum Parkplatz über dem Meer.

Und dort sah er den Nissan, ein Hecktürmodell, der einsam im Licht des frühen Morgens dastand, nur wenige Schritte von den Grenzpfählen entfernt, die den Parkplatz absteckten. Ian hielt auf den Wagen zu und bemühte sich dabei, den Schlaglöchern so gut wie möglich auszuweichen. In Gedanken war er schon bei seiner Wanderung und fand nichts Bemerkenswertes an der Anwesenheit des anderen Fahrzeugs, bis ihm auffiel, daß eine seiner Türen offenstand und Motorhaube und Dach naß waren vom nächtlichen Tau.

Er runzelte die Stirn. Er trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad des Morris und dachte über den unangenehmen Bezug zwischen einem verlassenen Auto mit offener Tür und einem steilen Küstenfelsen nach. Beinahe hätte er angesichts der Richtung, die seine Gedanken einschlugen, kehrtgemacht, um wieder nach Hause zu fahren. Aber die Neugier siegte. Er ließ den Morris langsam vorwärtsrollen, bis er auf gleicher Höhe mit dem Nissan war.

»Hallo, guten Morgen. Brauchen Sie vielleicht Hilfe?« rief er aufgeräumt aus seinem offenen Fenster für den Fall, daß jemand auf dem Rücksitz ein Nickerchen machte. Dann sah er, daß die Klappe des Handschuhfachs herabhing und der Inhalt über den Wagenboden verstreut lag.

Er kombinierte rasch: Da hatte jemand etwas gesucht. Er stieg aus dem Morris und beugte sich in den Nissan hinein, um sich genauer umzusehen.

Die Suche war brutal gründlich gewesen. Die Polsterung der Vordersitze war aufgeschlitzt, und der Rücksitz war nicht nur aufgeschnitten, sondern auch nach vorn gezogen, als hätte man dahinter versteckte Schätze vermutet. Die Innenwände der Türen schienen abgerissen und dann notdürftig wieder festgemacht worden zu sein, die Konsole zwischen den Sitzen war offen, das Verdeckfutter hing lose herunter.

Ian ging noch etwas weiter in seiner Schlußfolgerung: Drogen, dachte er. Die Hafenstädte Parkeston und Harwich waren nicht weit von hier. Lastzüge, Personenautos und riesige Container trafen dort jeden Tag auf Dutzenden von Fähren ein. Sie kamen aus Schweden, Holland und Deutschland, und der gerissene Schmuggler, dem es gelang, den Zoll zu überlisten, war sicher klug genug, sich an einen abgelegenen Ort zu verkrümeln – wie zum Beispiel den Nez –, ehe er seine Schmuggelware auslud. Dieser Wagen, sagte sich Ian, war stehengelassen worden, nachdem er seinen Zweck erfüllt hatte. Und er würde jetzt seine Wanderung machen und danach die Polizei anrufen, um das Fahrzeug abschleppen zu lassen.

Er war so zufrieden wie ein Kind über seine scharfe Kombinationsgabe. Belustigt über seine erste Reaktion beim Anblick des Wagens, nahm er seine Gummistiefel aus dem Kofferraum, und während er seine Füße in sie hineinschob, lachte er leise vor sich hin bei dem Gedanken, daß sich irgendein verzweifelter Zeitgenosse ausgerechnet diese Stelle ausgesucht haben sollte, um seinem Elend ein Ende zu machen. Alle Welt wußte, daß die Kante der Küstenfelsen hier auf dem Nez äußerst brüchig war. Ein Selbstmordkandidat, der vorhatte, sich an dieser Stelle ins ewige Vergessen zu stürzen, würde eher in einer durch das eigene Gewicht losgetretenen Lawine aus Lehm, Kies und Schlick zum Strand hinunterrutschen. Er würde sich vielleicht ein Bein brechen, aber seinem Leben ein Ende machen? Wohl kaum. Auf dem Nez starb man nicht.

Ian knallte den Kofferraumdeckel zu. Er sperrte den Wagen ab und gab ihm einen Klaps aufs Dach. »Treuer alter Kasten«, sagte er anerkennend. »Dank dir vielmals.« Die Tatsache, daß der Motor jeden Morgen brav ansprang, war ein Wunder, aber abergläubisch, wie Ian war, fand er, das müsse man unterstützen.

Er hob fünf Papiere irgendwelcher Art auf, die neben dem Nissan auf dem Boden lagen, und steckte sie in das Handschuhfach, aus dem sie zweifellos gekommen waren. Ordnung ist das halbe Leben, dachte er und schlug die Wagentür gewissenhaft zu. Dann ging er zu der alten Betontreppe, die zum Strand hinunterführte.

Auf der obersten Stufe blieb er stehen. Selbst um diese Zeit schon war der Himmel strahlend blau, ungetrübt vom kleinsten Wölkchen, und die Nordsee lag in heiterer sommerlicher Ruhe. Weit draußen am Horizont hing wie eine Watterolle eine Nebelbank, ferne Kulisse für einen Fischkutter – vielleicht eine halbe Meile vor der Küste –, der in Richtung Clacton tuckerte. Ein Schwarm Möwen umspielte ihn wie eine Mückenwolke. Und Möwen flogen scharenweise oben an den Küstenfelsen entlang. Die Vögel hielten direkt auf ihn zu. Sie kamen von Norden, aus Harwich, dessen Kräne er selbst aus dieser Entfernung jenseits der Pennyhole-Bucht erkennen konnte.

Das reinste Empfangskomitee, dachte Ian beim Anblick der Vögel, deren gesammeltes Interesse einzig auf ihn gerichtet zu sein schien. Ja, sie schossen mit solch blinder Entschlossenheit auf ihn los, daß ihm unwillkürlich du Mauriers Erzählung, Hitchcocks Film und die grusligen Vogelattacken auf Tippi Hedren in den Sinn kamen. Schon dachte er an hastigen Rückzug – oder wenigstens Maßnahmen zum Schutz seines Kopfes –, als die Vögel in geschlossener Formation einen Bogen schlugen und zu einem kleinen Bauwerk am Strand hinunterstießen. Es war ein Betonbau, ein ehemaliger Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Schutz britische Truppen auf der Lauer gelegen hatten, um ihr Land gegen eine Invasion der Nazis zu verteidigen. Der Bunker hatte früher einmal auf der Höhe des Nez gestanden, doch die Zeit und die See hatten den Küstenfelsen abgetragen, und nun stand er unten im Sand.

Und auf dem Dach des Bunkers vollführte eine weitere Möwenmeute ihre schwimmfüßigen Steptänze, während durch eine sechseckige Öffnung im Dach, wo früher einmal vermutlich eine Maschinengewehrstellung gewesen war, unablässig Vögel ein und aus flogen. Sie kreischten und krächzten mit heiseren Stimmen wie in aufgeregtem Gespräch, und was sie berichteten, schien sich telepathisch zu den Vögeln draußen auf See fortzupflanzen, denn sie begannen, von dem Fischkutter auszuschwärmen und Kurs aufs Festland zu nehmen.

Ihr zielgerichteter Flug erinnerte Ian an eine Szene, die er als Kind am Strand in der Nähe von Dover erlebt hatte. Ein großer, grimmig bellender Hund war von einem Schwarm ähnlicher Vögel ins Meer hinausgelockt worden. Für den Hund war es ein Spiel gewesen zu versuchen, sie vom Wasser aus zu schnappen, sie aber hatten aus dem Spiel tödlichen Ernst gemacht und ihn immer weiter hinausgelockt, bis das arme Tier gut fünfhundert Meter vom Strand entfernt gewesen war. Weder barsche Befehle noch flehentliche Beschwörungen hatten den Hund zurückholen können. Und niemand hatte die Vögel in Schach halten können. Hätte Ian nicht mit eigenen Augen gesehen, wie die Möwen mit dem rasch schwächer werdenden Hund ihr Spiel trieben – wie sie neckend über ihm kreisten, immer knapp außer Reichweite, kreischend zu ihm hinunterschossen, um gleich wieder in die Höhe zu steigen –, er hätte niemals geglaubt, Vögel könnten mörderische Absichten hegen. Aber an diesem Tag hatte er es erfahren, und seither glaubte er es. Und hielt immer sicheren Abstand zu ihnen.

Jetzt fiel ihm dieser arme Hund wieder ein. Es war offensichtlich, daß die Möwen mit irgend etwas ihr höhnisches Spiel trieben, und was auch immer dieses bedauernswerte Etwas sein mochte, es befand sich im Inneren des alten Bunkers. Handeln war angesagt!

Ian rannte die Treppe hinunter. »Hey, hey, weg da!« rief er und wedelte mit den Armen. Aber die Möwen, die auf dem mit Vogelmist verschmierten Betondach herumstolzierten und drohend mit den Flügeln schlugen, kümmerte das nicht. Dennoch dachte Ian nicht daran aufzugeben. Die Möwen damals in Dover hatten ihren hündischen Verfolger besiegt, die Möwen aus Balford jedoch würden Ian Armstrong auf keinen Fall besiegen.

Er lief in ihre Richtung. Der Bunker war ungefähr fünfundzwanzig Meter vom Fuß der Treppe entfernt, und auf diese Distanz konnte er sich zu ansehnlicher Geschwindigkeit steigern. Mit fuchtelnden Armen und lautem Gebrüll stürzte er den Vögeln entgegen und vermerkte mit Befriedigung, daß seinen Einschüchterungsversuchen Erfolg beschieden war. Die Möwen stiegen in die Lüfte und ließen Ian mit dem Bunker und dem, was sie in seinem Inneren aufgestöbert hatten, zurück.

Der Eingang war nur ein Loch von weniger als einem Meter Höhe, gerade richtig für einen schutzsuchenden kleinen Seehund, sich da durchzurobben. Und einen Seehund erwartete Ian auch zu finden, als er geduckt durch den kurzen Tunnel kroch und in die dämmrige Düsternis des Bunkers gelangte.

Vorsichtig richtete er sich auf. Sein Kopf streifte die feuchte Decke. Ein durchdringender Geruch nach Tang und sterbenden Schalentieren schien vom Boden aufzusteigen und aus den Wänden zu sickern, die über und über mit Graffiti, vornehmlich obszöner Art, bedeckt waren.

Durch schmale Fensteröffnungen fiel Licht, und Ian konnte sehen, daß der Bunker – den er trotz seiner vielen Ausflüge auf den Nez nie zuvor erkundet hatte – aus zwei konzentrischen Mauerringen bestand. Er hatte die Form eines Donuts, und eine Öffnung in der inneren Mauer bot Zugang zu seinem Zentrum. Dorthin hatte es die Möwen gezogen, und nachdem Ian auf dem von Abfällen übersäten Boden nichts von Bedeutung entdeckt hatte, bewegte er sich auf diese Öffnung zu und rief: »Hallo? Ist da jemand?«, obwohl er sich hätte sagen müssen, daß ein Tier – ob verletzt oder nicht – ihm wohl kaum antworten würde.

Die Luft war muffig. Draußen kreischten die Vögel. Als er die Öffnung erreichte, konnte er ihren Flügelschlag hören und das Tippeln ihrer Schwimmfüße, als einige der kühneren schon wieder Stellung bezogen. Nein, so geht das nicht, dachte Ian grimmig. Schließlich war er hier der Mensch, Herr des Planeten und König all dessen, was er überblickte. Undenkbar, daß eine Bande frecher Vögel sich anmaßte, ihm die Herrschaft streitig zu machen.

»Haut ab!« rief er. »Los, ab mit euch! Weg da!« und stieß ins Zentrum des Bunkers vor. Vögel flatterten himmelwärts. Ians Blick folgte ihrem Flug. »Das ist schon besser«, sagte er und schob die Ärmel seiner Jacke bis zu den Ellbogen hoch, um dem von den Möwen gemarterten Geschöpf Hilfe zu leisten.

Es war kein Seehund, und nicht alle Möwen hatten sich vertreiben lassen. Das sah er mit einem Blick. Ihm drehte sich der Magen um, und sein Schließmuskel erzitterte.

Ein junger Mann mit dünnem Haar saß aufrecht an die alte betonierte MG-Stellung gelehnt. Daß er tot war, demonstrierten die zwei verbliebenen Möwen, die sich über seine Augen hergemacht hatten.

Ian Armstrong trat einen Schritt an den Toten heran. Er fühlte sich selbst wie tot. Als er wieder Luft bekam und seinen Augen trauen konnte, stieß er nur zwei Worte aus: »Heiliger Himmel!«

1

Wer behauptet, der April sei der grausamste Monat des Jahres, war nie während einer sommerlichen Hitzewelle in London. Etwas Grausameres als die letzten Junitage, da die Luftverschmutzung den Himmel in elegantes Braun kleidete, Dieseldämpfe Gebäude – und Nasenwände – mit schlichtem Schwarz umschleierten und das Laub der Bäume sich in hochmodischem Staubgrau präsentierte, gab es nicht. Es war die Hölle. Zu dieser unsentimentalen Bewertung der Hauptstadt ihres Heimatlandes gelangte jedenfalls Barbara Havers, als sie in ihrem klappernden Mini durch die Stadt heimwärts fuhr.

Sie war ganz leicht – aber dennoch angenehm – angesäuselt. Nicht so sehr, daß sie sich selbst oder andere auf der Straße hätte gefährden können, aber doch so weit, daß sie auf die Ereignisse des Tages durch das rosige Licht zurückblicken konnte, das teurer französischer Champagner zu entzünden pflegt.

Sie kehrte von einer Hochzeit nach Hause. Sie war nicht das gesellschaftliche Ereignis des Jahrzehnts gewesen, was sie von einem Tag, an dem ein hochwohlgeborener Earl endlich seine langjährige Angebetete heimführte, eigentlich erwartet hätte. Es war vielmehr eine Trauung in aller Stille auf dem Standesamt in Belgravia gewesen, wo besagter Earl seinen Wohnsitz hatte. Und statt blaublütiger Gäste in Samt und Seide waren nur die engsten Freunde des Earl geladen gewesen sowie einige seiner Polizeikollegen von New Scotland Yard. Barbara Havers gehörte zur letzteren Gruppe, obwohl sie sich manchmal schmeichelte, auch zur ersteren zu gehören.

Bei genauerer Überlegung war Barbara klar, daß sie von Inspector Thomas Lynley eigentlich nichts anderes hatte erwarten können als so eine Trauung im engsten Kreis. Solange sie ihn kannte, hatte er, der den Titel Lord Asherton trug, sein adeliges Licht stets unter den Scheffel gestellt, und das letzte, was er gewollt hätte, wäre ein rauschendes High-Society-Fest gewesen. So hatten sich also statt dessen sechzehn Gäste, die entschieden nicht High-Society waren, versammelt, um Lynley und Helen Clyde beim Sprung in die Ehe Beistand zu leisten, und hinterher hatte man sich ins La Tante Claire in Chelsea begeben, wo sechs verschiedene Arten von Hors d’œuvres, Champagner, ein Mittagessen und noch mehr Champagner gewartet hatten.

Nachdem alle Reden gehalten waren und das Hochzeitspaar in die Flitterwochen aufgebrochen war, deren Ziel preiszugeben es sich lachend geweigert hatte, löste sich die Gesellschaft auf. Barbara stand auf dem glühendheißen Pflaster der Royal Hospital Road und schwatzte noch ein wenig mit den anderen Gästen, unter ihnen Lynleys Trauzeuge Simon St. James, seines Zeichens Gerichtsmediziner. Nach bester englischer Manier hatte man sich zunächst über das Wetter unterhalten. Je nachdem, welche Einstellung der Sprecher zu Hitze, Luftfeuchtigkeit, Smog, Abgasen, Staub und grellem Licht hatte, wurde die derzeitige Witterung als wunderbar, gräßlich, angenehm, verdammt unangenehm, herrlich, köstlich, unerträglich, himmlisch oder schlicht höllisch eingestuft. Die Braut erhielt das Prädikat bezaubernd, der Bräutigam gutaussehend. Das Essen erhielt die Note hervorragend. Danach trat eine allgemeine Pause ein, während der die Gesellschaft sich entscheiden mußte, ob man das Gespräch fortsetzen und riskieren wollte, daß es über Banalitäten hinausging, oder sich lieber freundlich verabschiedete.

Die Gruppe löste sich auf. Barbara blieb mit St. James und seiner Frau Deborah zurück. Beide stöhnten unter der gnadenlosen Sonne. St. James tupfte sich die Stirn immer wieder mit einem weißen Taschentuch, und Deborah fächelte sich mit einem alten Theaterprogramm, das sie aus ihrer geräumigen Strohtasche gekramt hatte, eifrig Kühlung zu.

»Kommen Sie noch mit zu uns, Barbara?« fragte sie. »Wir setzen uns den Rest des Tages in den Garten und lassen uns von Dad mit dem Gartenschlauch abspritzen.«

»Das klingt sehr verlockend«, sagte Barbara. Sie rieb sich den schweißfeuchten Hals.

»Wunderbar.«

»Aber ich kann nicht. Ehrlich gesagt, ich bin ziemlich fertig.«

»Verständlich«, meinte St. James. »Wie lang ist es jetzt her?«

»Wie dumm von mir«, sagte Deborah hastig. »Entschuldigen Sie, Barbara. Ich hatte es ganz vergessen.«

Das bezweifelte Barbara. Angesichts des Pflasters über ihrer Nase und der Blutergüsse im Gesicht – ganz zu schweigen von dem angeschlagenen Schneidezahn – konnte wohl kaum jemand übersehen, daß sie kürzlich noch im Krankenhaus gelegen hatte. Deborah war nur zu höflich, um es zu erwähnen.

»Zwei Wochen«, antwortete Barbara auf St. James’ Frage.

»Was macht die Lunge?«

»Sie funktioniert.«

»Und die Rippen?«

»Die tun nur noch weh, wenn ich lache.«

St. James lächelte. »Haben Sie Urlaub genommen?«

»Ich bin dazu verdonnert worden. Ich darf erst wieder arbeiten, wenn ich die Genehmigung des Arztes habe.«

»Das war wirklich eine schlimme Geschichte«, sagte St. James. »So ein Pech.«

»Hm, na ja.« Barbara zuckte die Achseln. Zum ersten Mal hatte sie in einem Mordfall einen Teil der Ermittlungen ganz selbständig geleitet, und prompt war sie in Ausübung ihrer Pflicht verwundet worden. Sie sprach ungern darüber. Ihr Stolz hatte so sehr gelitten wie ihr Körper.

»Und was haben Sie nun vor?« fragte St. James.

»Sehen Sie zu, daß Sie der Hitze entkommen«, riet Deborah. »Fahren Sie in die Highlands. Oder ins Seengebiet. Oder fahren Sie ans Meer. Ich wollte, wir könnten hier weg.«

Barbara sann über Deborahs Vorschläge nach, während sie die Sloane Street hinauffuhr. Nach Abschluß des letzten Falles hatte Inspector Lynley ihr strengen Befehl gegeben, Urlaub zu machen, und hatte diesen Befehl bei einem kurzen persönlichen Gespräch nach der Hochzeit noch einmal wiederholt.

»Es ist mir ernst, Barbara«, hatte er gesagt. »Sie haben Urlaub gut, und ich möchte, daß Sie ihn nehmen. Ist das klar?«

»Klar, Inspector.«

Nur war leider gar nicht klar, was sie mit der aufgezwungenen Muße anfangen sollte. Der Gedanke, eine Zeitlang ganz ohne Arbeit auskommen zu müssen, war für sie so beängstigend, wie er nur für eine Frau sein konnte, die ihr Privatleben, ihre wunde Seele und ihre empfindlichen Gefühle allein dadurch in Schach hielt, daß sie nie Zeit hatte, sich um sie zu kümmern. In der Vergangenheit hatte sie ihre Urlaube vom Yard dafür verwendet, ihren schwerkranken Vater zu betreuen. Nach seinem Tod hatte sie ihre freien Stunden dazu genutzt, mit der geistigen Verwirrung ihrer alten Mutter fertig zu werden, für die Renovierung und den Verkauf des elterlichen Hauses zu sorgen und ihren eigenen Umzug in ihr jetziges Häuschen zu erledigen. Muße war nichts für sie. Allein die Vorstellung von Minuten, die sich zu Stunden summierten, zu Tagen dehnten, zu einer ganzen Woche oder vielleicht sogar zwei… Ihre Hände wurden feucht bei dieser Aussicht. Schmerz schoß bis in ihre Ellbogen. Jede Faser ihres kleinen, stämmigen Körpers bäumte sich auf und schrie: »Panik«!

Während sie ihren Wagen durch den Verkehr steuerte und ein Rußteilchen wegzwinkerte, das auf einem glühenden Luftzug durch das offene Fenster hereingetragen worden war, fühlte sie sich wie eine Frau am Rand eines Abgrunds, der jäh ins Nichts abfiel und mit dem gefürchteten Wort »Freizeit« ausgeschildert war. Was sollte sie tun? Was sollte sie unternehmen? Wohin fahren? Wie die endlosen Stunden füllen? Mit der Lektüre von Liebesromanen? Mit der gründlichen Reinigung der lächerlichen drei Fenster, die ihr Häuschen hatte? Mit Übungsstunden im Backen, Bügeln und Nähen? Wahrscheinlich würde sie sowieso gleich einen Hitzekoller bekommen. Diese verdammte Hitze, diese elende Hitze, diese widerliche, ätzende, beschissene Hitze, diese –

Reiß dich zusammen, Barbara, fuhr sie sich an. Du bist zum Urlaub verurteilt, nicht zu Einzelhaft.

Am Ende der Sloane Street wartete sie geduldig, bis sie in die Knightsbridge Road abbiegen konnte. Sie hatte im Krankenhaus täglich die Fernsehnachrichten angesehen und wußte, daß das ungewöhnlich warme Wetter einen noch größeren Schwall ausländischer Touristen als sonst nach London gelockt hatte. Aber hier sah sie sie in Fleisch und Blut: Horden von Menschen, die sich mit Mineralwasserflaschen bewaffnet die Bürgersteige entlangschoben. Weitere Horden drängten aus dem U-Bahnhof Knightsbridge herauf und spritzten auseinander, um direkten Kurs auf die schicken Geschäfte der Gegend zu nehmen. Und fünf Minuten später, als Barbara es geschafft hatte, sich die Park Lane hinaufzuschlängeln, sah sie sie – Seite an Seite mit ihren eigenen Landsleuten – im Hyde Park, wo sie auf durstigem Rasen ihre lilienweißen Körper dem Sonnengott darboten. Unter der glühenden Sonne zuckelten Doppeldeckerbusse mit offenem Verdeck durch die Straßen, beladen mit Passagieren, die begierig den Ausführungen der Fremdenführer an den Mikrofonen lauschten. Große Reisebusse spieen vor jedem Hotel Deutsche, Koreaner, Japaner und Amerikaner aus.

Und alle atmen wir die gleiche Luft, dachte sie. Die gleiche heiße, verpestete Luft. Vielleicht wäre ein Urlaub doch das richtige.

Sie mied die ewig verstopfte Oxford Street und fuhr statt dessen durch die Edgware Road in nordwestlicher Richtung. Hier draußen lichtete sich die Masse der Touristen, wich den Immigrantenmassen: dunkelhäutige Frauen in sari, chādor und hijab; dunkelhäutige Männer in Aufmachungen, die von Bluejeans bis zum Kaftan reichten. Während Barbara, in den Verkehrsstrom eingekeilt, im Schrittempo dahinkroch, beobachtete sie diese einstigen Fremden, die sicher und zielstrebig ihrer Wege gingen, und gedachte flüchtig der Veränderungen, die London im Lauf ihrer dreiunddreißig Lebensjahre durchgemacht hatte. Das Essen war eindeutig besser geworden. Doch als Polizeibeamtin wußte sie, daß diese multikulturelle Gesellschaft auch ein gerüttelt Maß an multikulturellen Problemen hervorbrachte.

Sie machte einen Schlenker, um dem Gewimmel auszuweichen, das sich stets rund um Camden Lock staute, und zehn Minuten später zuckelte sie endlich Eton Villas hinauf und betete zum Gott für Verkehr und Transport, daß er ihr einen Parkplatz in der Nähe ihrer Wohnung bescheren möge.

Der Gott bot einen Kompromiß an: ein Plätzchen um die Ecke, ungefähr fünfzig Meter entfernt. Mit Schuhlöffelmanövern quetschte Barbara ihren Mini in die Lücke, die eigentlich nur für ein Motorrad geeignet war. Sie stapfte den Weg, den sie gekommen war, zurück und stieß das Tor zu dem gelben edwardianischen Haus auf, hinter dem ihr kleiner Bungalow stand.

Auf der langen Fahrt quer durch die Stadt hatte sich die rosige Champagnerlaune verflüchtigt, und übrig war nur das, was nach alkoholinduzierter Hochstimmung meist zurückbleibt: brennender Durst. Sie folgte dem Fußweg, der am Haus entlang in den hinteren Garten führte. An seinem Ende stand ihr Häuschen und sah im Schatten einer Robinie kühl und einladend aus.

Aber wie üblich trog der Schein. Als Barbara die Tür aufsperrte und eintrat, schlug ihr brütende Hitze entgegen. Sie hatte die drei Fenster in der Hoffnung auf einen kühlenden Durchzug offengelassen, aber draußen regte sich kein Lüftchen, daher überfiel sie die schwüle Hitze wie eine grausame Heimsuchung.

»Ach, Mist«, murmelte sie mürrisch. Sie warf ihre Umhängetasche auf den Tisch und ging zum Kühlschrank. Eine Literflasche Vitell überragte wie ein Turm den Hort der übrigen Vorräte: Pappkartons und Styroporbehälter mit den Resten von Mahlzeiten aus dem Imbiß und Fertiggerichten. Barbara packte die Flasche und ging mit ihr zur Spüle. Sie kippte fünf kräftige Züge hinunter, dann beugte sie sich über das Becken und goß sich die Hälfte des restlichen Wassers über Kopf und Nacken. Der plötzliche Strahl eiskalten Wassers auf ihrer Haut trieb ihr fast die Augen aus dem Kopf. Es war eine Wohltat.

»Himmlisch«, prustete Barbara. »Ich habe Gott entdeckt.«

»Duschst du gerade?« erklang hinter ihr eine Kinderstimme. »Soll ich später wiederkommen?«

Barbara drehte sich zur Tür um. Sie hatte sie offengelassen, aber sie hatte nicht erwartet, daß Besucher das als Einladung auffassen könnten. Seit ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus in Wiltshire, in dem sie mehrere Tage zugebracht hatte, hatte sie ihre Nachbarn gemieden. Um die Möglichkeiten einer Zufallsbegegnung zu begrenzen, hatte sie ihr Kommen und Gehen auf Zeiten beschränkt, zu denen die Bewohner des großen Haupthauses ihres Wissens nicht da waren.

Aber nun war sie doch ertappt worden. Das kleine Mädchen kam hüpfend einen Schritt näher und riß die blanken braunen Augen auf. »Was hast du denn mit deinem Gesicht angestellt, Barbara? Hast du einen Zusammenstoß mit dem Auto gehabt? Es schaut ganz furchtbar aus.«

»Danke, Hadiyyah.«

»Tut es weh? Was ist passiert? Wo bist du gewesen? Ich hab’ mir solche Sorgen gemacht. Ich hab’ sogar zweimal angerufen. Heute. Schau! Dein Anrufbeantworter blinkt. Soll ich es dir vorspielen? Ich weiß, wie das geht. Du hast es mir gezeigt, weißt du noch?«

Hadiyyah hüpfte vergnügt durch das Zimmer und ließ sich auf Barbaras Bettcouch fallen. Der Anrufbeantworter stand auf einem Bord neben dem kleinen offenen Kamin. Selbstsicher drückte das Mädchen einen der Knöpfe an dem Gerät und strahlte Barbara an, als ihre eigene Stimme hörbar wurde.

»Hallo«, schallte es aus dem Anrufbeantworter. »Hier ist Khalidah Hadiyyah. Deine Nachbarin. Aus dem Vorderhaus im Parterre.«

»Dad hat gesagt, ich muß immer genau sagen, wer ich bin, wenn ich jemanden anrufe«, erklärte Hadiyyah. »Er hat gesagt, das wär’ nur höflich.«

»Ja, es ist nützlich«, stimmte Barbara zu. »Dann gibt’s am anderen Ende der Leitung keine Verwechslung.« Sie griff nach einem Geschirrtuch, das an einem Haken hing, und trocknete sich damit das kurzgeschnittene Haar und den Nacken.

»Es ist furchtbar, nicht?« schwatzte die Stimme im Anrufbeantworter weiter. »Wo bist du? Ich ruf’ an, weil ich dich fragen wollte, ob du mit mir ein Eis essen gehst. Ich hab’ Geld gespart. Es reicht für zwei, und Dad hat gesagt, ich darf einladen, wen ich will. Also lade ich dich ein. Ruf mich bald zurück. Aber keine Angst, ich lade inzwischen bestimmt niemand anders ein. Tschüs.« Nach einer kurzen Pause, einem Piepton und einer Zeitangabe folgte die nächste Nachricht. »Hallo. Hier ist noch mal Khalidah Hadiyyah. Deine Nachbarin. Aus dem Vorderhaus im Parterre. Ich will immer noch ein Eis essen gehen. Hast du Lust? Ruf mich doch bitte an. Wenn du kannst, meine ich. Ich lade dich ein. Ich hab’ Geld genug. Ich hab’s gespart.«

»Hast du gewußt, wer es ist?« fragte Hadiyyah. »Habe ich genug gesagt? Ich hab’ nicht genau gewußt, was ich alles sagen muß, damit du gleich Bescheid weißt, aber ich fand, es wäre genug.«

»Es war total in Ordnung«, versicherte Barbara. »Besonders nett war’s, daß du mir gesagt hast, daß du im Erdgeschoß wohnst. Da weiß ich doch gleich, wo ich deine Kohle finde, wenn ich welche klauen muß, um mir ein paar Kippen zu kaufen.«

Hadiyyah kicherte. »Das würdest du doch nie tun, Barbara!«

»Da kennst du mich aber schlecht, Schatz«, entgegnete Barbara. Sie ging zum Tisch und kramte eine Packung Players aus ihrer Tasche. Sie zündete sich eine Zigarette an und inhalierte tief. Ein kleiner Schmerzstich durchzuckte ihre Lunge, und sie verzog einen Moment das Gesicht.

»Das tut dir überhaupt nicht gut«, stellte Hadiyyah fest.

»Das sagst du mir dauernd.« Barbara legte die Zigarette auf den Rand eines Aschenbechers, in dem bereits acht Stummel lagen. »Ich muß mir unbedingt was anderes anziehen, Hadiyyah, wenn du nichts dagegen hast. Ich vergehe vor Hitze.«

Hadiyyah verstand den Wink offensichtlich nicht. Sie nickte nur und sagte: »Ja, das kann ich mir vorstellen. Dein Gesicht ist schon ganz rot.« Dann machte sie es sich auf der Bettcouch etwas bequemer.

»Na ja, wir sind ja unter uns Pfarrerstöchtern«, murmelte Barbara seufzend. Sie ging zum Schrank und blieb davor stehen. Als sie sich das Kleid über den Kopf zog, kam ihr bandagierter Brustkorb zum Vorschein.

»Hast du einen Unfall gehabt?« fragte Hadiyyah.

»So was Ähnliches, ja.«

»Hast du dir was gebrochen? Hast du darum so viele Pflaster?«

»Meine Nase und drei Rippen.«

»Das muß doch schrecklich weh getan haben. Tut es immer noch weh? Soll ich dir beim Anziehen helfen?«

»Danke, ich schaff’ das schon.« Barbara schleuderte ihre Schuhe in den Schrank und zog die Strumpfhose von den Beinen. Zusammengeknüllt unter einem schwarzen Plastikregenmantel lag eine purpurrote Pumphose mit einem Bund zum Schnüren. Genau das richtige, sagte sie sich. Sie stieg hinein und zog ein zerknittertes pinkfarbenes T-Shirt dazu an. In dieser Aufmachung wandte sie sich wieder dem kleinen Mädchen zu, das neugierig in einem Taschenbuch blätterte, das es auf dem Tisch neben dem Bett entdeckt hatte. Am vergangenen Abend war Barbara bei ihrer Lektüre bis zu der Stelle gekommen, wo der begierige Wilde, der dem Buch den Titel gab, vom Anblick des strammen, runden und günstigerweise entblößten Gesäßes der Heldin, die vorsichtig ihr Bad im Fluß nehmen wollte, an den Rand des Wahnsinns getrieben worden war. Barbara meinte, Khalidah Hadiyyah müsse nicht unbedingt erfahren, was danach geschehen war. Sie nahm ihr das Buch aus der Hand.

»Was ist ein steifes Geschlecht?« erkundigte sich Hadiyyah mit gerunzelten Brauen.

»Frag deinen Dad«, antwortete Barbara. »Oder nein, besser nicht.« Sie konnte sich nicht vorstellen, daß Hadiyyahs ernster Vater eine solche Frage mit dem gleichen Aplomb aus dem Weg räumen konnte wie sie. »Das ist eine vornehme und große alte Familie«, erklärte Barbara.

Hadiyyah nickte nachdenklich. »Aber da stand, sie berührte sein –«

»Wie sieht’s jetzt mit dem Eis aus?« unterbrach Barbara munter. »Kann ich die Einladung sofort annehmen? Ich hätte Lust auf Erdbeer. Und du?«

»Ach, deswegen bin ich ja hergekommen.« Hadiyyah glitt vom Bett und verschränkte die Arme feierlich hinter dem Rücken. »Ich muß die Einladung nämlich zurücknehmen, weißt du«, erklärte sie. »Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben«, fügte sie altklug hinzu.

»Oh.« Barbara war erstaunt darüber, daß ihr Stimmungsbarometer bei dieser Eröffnung merklich sank. Sie verstand ihre Enttäuschung nicht. Mit einem kleinen Mädchen ein Eis essen zu gehen war doch nun wirklich kein gesellschaftliches Großereignis, auf das man sich wochenlang freuen konnte.

»Dad und ich müssen nämlich verreisen. Nur für ein paar Tage. Wir müssen jetzt gleich losfahren. Aber ich hatte dich ja angerufen und dich eingeladen, und da wollte ich dir auf jeden Fall Bescheid sagen, daß wir das verschieben müssen. Ich meine, für den Fall, daß du zurückrufen wolltest. Darum bin ich hergekommen.«

»Ach so. Natürlich.« Barbara nahm die brennende Zigarette, die immer noch im Aschenbecher lag, und setzte sich auf einen der beiden Stühle am Tisch. Sie hatte noch nicht einmal die Post von gestern aufgemacht, sondern sie nur auf die Daily Mail vom Morgen gelegt, und sah jetzt, daß oben auf dem dünnen Stapel ein Umschlag mit dem Aufdruck Auf der Suche nach Liebe? lag. Suchen wir die nicht alle, dachte sie mit grimmigem Spott und schob sich die Zigarette zwischen die Lippen.

»Du bist mir doch nicht böse?« erkundigte sich Hadiyyah besorgt. »Dad hat gesagt, es wär’ gut, wenn ich dir selbst Bescheid sage. Ich wollte doch nicht, daß du glaubst, erst lade ich dich ein, und dann bin ich gar nicht da, wenn du kommst. Das wär’ doch gemein, nicht?«

Eine kleine, steile Falte erschien zwischen Hadiyyahs dichten dunklen Augenbrauen. Barbara beobachtete, wie die Last der Sorge sich auf den schmalen Kinderschultern niederließ, und dachte darüber nach, wie das Leben doch jeden einzelnen Menschen formt. Ein achtjähriges kleines Mädchen, das das Haar noch in Zöpfen trug, sollte es nicht nötig haben, sich so um andere zu sorgen.

»Keine Spur bin ich dir böse«, sagte Barbara. »Aber ich werde dich an die Einladung erinnern. Wenn’s um Erdbeereis geht, lass’ ich mich nicht abwimmeln.«

Hadiyyahs Gesicht hellte sich wieder auf. Sie hüpfte. »Wir gehen, sobald Dad und ich wieder da sind, Barbara. Wir fahren ja nur ein paar Tage weg. Nur ein paar Tage. Dad und ich. Zusammen. Hab’ ich das schon gesagt?«

»Ja.«

»Wie ich dich angerufen habe, hab’ ich das noch nicht gewußt, weißt du. Aber dann hat Dad einen Anruf bekommen, und er sagte: ›Was? Wie? Wann ist das denn passiert?‹, und danach hat er zu mir gesagt, daß wir ans Meer fahren. Stell dir nur mal vor, Barbara!« Sie drückte beide Hände auf ihre magere kleine Brust. »Ich war noch nie am Meer. Du?«

Am Meer? dachte Barbara. Aber ja doch. Muffelnde Strandhäuser und Sonnencreme. Feuchte Badeanzüge, die zwischen den Beinen kratzen. Sie hatte jeden Sommer ihrer Kindheit am Meer verbracht und sich jedesmal bemüht, braun zu werden, hatte sich jedoch immer nur einen Sonnenbrand und Sommersprossen geholt.

»In letzter Zeit nicht«, sagte Barbara.

Hadiyyah machte einen kleinen Luftsprung. »Komm doch mit! Ich meine, mit mir und Dad. Ach ja, komm doch. Das wäre so lustig.«

»Ich glaube nicht –«

»Doch, doch, es wäre bestimmt lustig. Wir könnten Sandburgen bauen und im Meer schwimmen. Und Fangen spielen. Wir könnten den ganzen Strand entlanglaufen. Wenn wir einen Drachen mitnehmen, könnten wir sogar –«

»Hadiyyah. Hast du gesagt, was du sagen wolltest?«

Hadiyyah verstummte augenblicklich und drehte sich nach der Stimme an der Tür um. Dort stand ihr Vater mit ernster Miene.

»Du hast gesagt, es würde nur eine Minute dauern«, bemerkte er. »Und wenn man einen kurzen Besuch bei einer Freundin zu lang ausdehnt, wird er zur Störung.«

»Sie stört mich nicht«, versicherte Barbara.

Taymullah Azhar schien sie erst jetzt wirklich wahrzunehmen. Seine schmalen Schultern strafften sich mit einem kleinen Ruck, das einzige Zeichen seiner Überraschung. »Barbara, was ist Ihnen denn passiert?« fragte er. »Hatten Sie einen Unfall?«

»Barbara hat sich die Nase gebrochen«, erklärte Hadiyyah und trat an die Seite ihres Vaters. Er legte den Arm um sie und umfaßte ihre Schulter. »Und außerdem drei Rippen. Sie hat Pflaster von oben bis unten, Dad. Ich hab’ gesagt, sie soll doch mit uns ans Meer kommen. Das täte ihr bestimmt gut. Findest du nicht auch?«

Azhars Gesicht verschloß sich augenblicklich bei diesem Vorschlag, und Barbara sagte rasch: »Es ist sehr lieb von dir, mich einzuladen, Hadiyyah, aber die Zeiten, wo ich ans Meer gefahren bin, sind endgültig vorbei.« Sie wandte sich dem Vater des kleinen Mädchens zu. »Das kam wohl ganz überraschend?«

»Er hat einen Anruf bekommen«, begann Hadiyyah.

Azhar schnitt ihr das Wort ab. »Hadiyyah, hast du dich von deiner Freundin verabschiedet?«

»Ich hab’ ihr erklärt, daß ich keine Ahnung hatte, daß wir wegfahren, bis du gekommen bist und gesagt hast –«

Barbara sah, wie sich Azhars Hand an der Schulter seiner Tochter verkrampfte. »Du hast deinen Koffer offen auf dem Bett liegengelassen«, sagte er. »Lauf und bring ihn in den Wagen.«

Hadiyyah senkte gehorsam den Kopf. »Tschüs, Barbara«, sagte sie und sprang zur Tür hinaus. Ihr Vater nickte Barbara zu und machte Anstalten, ihr zu folgen.

»Azhar«, sagte Barbara. Als er stehenblieb und sich zu ihr umdrehte, fragte sie: »Rauchen Sie noch eine, bevor Sie fahren?« Sie bot ihm die Packung an, und ihre Blicke trafen sich. »Zur Stärkung.«

Sie sah, wie er überlegte. Sie hätte nicht versucht, ihn zurückzuhalten, hätte er nicht so darum bemüht gewirkt, seine Tochter daran zu hindern, über die bevorstehende Reise zu plaudern. Das jedoch hatte Barbaras Neugier geweckt.

Als er nicht antwortete, fand sie, ein kleiner Anstoß könne nicht schaden. »Haben Sie was aus Kanada gehört?« fragte sie herausfordernd und haßte sich sofort dafür, diese Frage gestellt zu haben. Seit Barbara das Kind und seinen Vater kannte, acht Wochen insgesamt, hielt Hadiyyahs Mutter sich zum Urlaub in Ontario auf. Und täglich durchsuchte Hadiyyah die Post nach Karten oder Briefen – oder einem Geburtstagsgeschenk –, die niemals kamen. »Entschuldigen Sie«, sagte Barbara. »Das war gemein von mir.«

Azhars Gesicht war, wie es immer war: das unergründlichste Gesicht, das Barbara kannte. Und er sah nicht die geringste Veranlassung, das nun entstehende Schweigen zu brechen. Barbara ertrug es, solange sie konnte, aber dann sagte sie doch: »Azhar, ich habe mich entschuldigt. Ich bin ins Fettnäpfchen getreten. Ich trete dauernd in irgendein Fettnäpfchen. Das ist mein größtes Talent. Kommen Sie, nehmen Sie eine Zigarette. Das Meer ist auch noch da, wenn Sie fünf Minuten später abfahren.«

Azhar gab nach, jedoch zögernd. Er wirkte vorsichtig und mißtrauisch, als er die dargebotene Packung nahm und eine Zigarette herausschüttelte. Während er sie anzündete, zog Barbara mit nacktem Fuß den zweiten Stuhl am Tisch heraus. Er setzte sich nicht.

»Schwierigkeiten?« fragte sie.

»Wie kommen Sie darauf?«

»Ein Anruf, eine plötzliche Reise. In meinem Geschäft bedeutet das immer nur eins: unerfreuliche Nachrichten.«

»In Ihrem Geschäft«, sagte Azhar mit Betonung.

»Und in Ihrem?«

Er führte die Zigarette zum Mund. »Eine kleine Familienangelegenheit.«

»Familie?« Er hatte nie etwas von einer Familie erzählt. Er sprach allerdings auch nie über persönliche Dinge. Er war der zugeknöpfteste Mensch, den Barbara außerhalb von Verbrecherkreisen kannte. »Ich wußte gar nicht, daß Sie hier im Land Familie haben, Azhar.«

»Ich habe eine ansehnliche Familie in diesem Land«, sagte er.

»Aber zu Hadiyyahs Geburtstag ist niemand –«

»Hadiyyah und ich verkehren nicht mit meiner Familie.«

»Ach so. Ich verstehe.« Aber sie verstand gar nichts. Er reiste Hals über Kopf in einer kleinen Familienangelegenheit, die eine ansehnliche Familie betraf, mit der er nicht verkehrte, ans Meer? »Und wissen Sie schon, wie lange Sie wegbleiben werden? Kann ich in der Zwischenzeit hier was für Sie tun? Die Blumen gießen? Mich um die Post kümmern?«

Er schien über diese Frage viel länger nachzudenken, als das unbekümmerte Angebot erforderte. Schließlich sagte er: »Nein, danke, das ist nicht nötig. Es hat nur einen kleinen Aufruhr unter meinen Verwandten gegeben, und ein Vetter hat mich angerufen, um mir seine Besorgnis mitzuteilen. Ich fahre hin, um ihnen meine Unterstützung und meine Sachkenntnis in diesen Dingen anzubieten. Es wird sich höchstens um ein paar Tage handeln. Die –« Er lächelte. Er besaß ein ausgesprochen attraktives Lächeln, wenn er es einmal zeigte, blitzweiße Zähne unter nußbrauner Haut. »Die Pflanzen und die Post können warten.«

»In welche Gegend fahren Sie denn?«

»Nach Osten.«

»Essex?« Als er nickte, fügte sie hinzu: »Seien Sie froh, da entkommen Sie wenigstens der Hitze hier. Am liebsten würde ich gleich nachkommen und meinen Hintern die nächsten acht Tage in die Nordsee hängen.«

Seine einzige Reaktion bestand in den Worten: »Ich fürchte, Hadiyyah und ich werden auf dieser Reise wenig vom Meer zu sehen bekommen.«

»Oh, da wird sie aber enttäuscht sein.«

»Sie muß lernen, mit Enttäuschungen fertig zu werden, Barbara.«

»Finden Sie nicht, daß sie noch ein bißchen jung ist, um schon jetzt die bitteren Lektionen des Lebens zu lernen?«

Azhar trat etwas näher an den Tisch und legte seine Zigarette in den Aschenbecher. Er hatte ein kurzärmeliges Baumwollhemd an, und als er sich neben ihr über den Tisch beugte, fing sie den frischen, sauberen Geruch seiner Kleidung auf und sah die feinen schwarzen Härchen auf seinem Arm. Er war zartgliedrig wie seine Tochter. Doch seine Hautfarbe war dunkler. »Leider können wir uns das Alter nicht aussuchen, in dem wir anfangen wollen, uns mit den Entsagungen auseinanderzusetzen, die das Leben uns abverlangt.«

»Hat das Leben Ihnen so übel mitgespielt?«

»Danke für die Zigarette«, sagte er.

Und weg war er, ehe sie einen zweiten Hieb anbringen konnte. Als er fort war, fragte sie sich, wieso sie überhaupt das Bedürfnis gehabt hatte zu sticheln. Sie sagte sich, es sei ihr um Hadiyyah gegangen: Jemand mußte die Interessen des Kindes wahrnehmen. In Wahrheit aber wirkte Azhars unerschütterliche Verschlossenheit wie eine ständige Herausforderung auf sie, ein Dorn, der ihre Wißbegier anstachelte. Verdammt noch mal, wer war der Mann? Was hatte es mit seinem tiefen Ernst auf sich? Und wie schaffte er es, sich die Welt vom Leib zu halten?

Sie seufzte. Die Antworten auf ihre Fragen würde sie bestimmt nicht finden, indem sie hier mit einer Zigarette zwischen den Lippen wie ein Faultier am Tisch herumhing. Ach, vergiß es, dachte sie. Es war viel zu heiß, um sich Gedanken zu machen und nach plausiblen Erklärungen für das Verhalten der Mitmenschen zu suchen. Zum Teufel mit den Mitmenschen. Zum Teufel mit der ganzen blöden Welt, bei dieser Affenhitze. Sie griff nach dem kleinen Stapel Briefe auf dem Tisch.

Auf der Suche nach Liebe? grinste es ihr höhnisch entgegen. Die Frage war von einem Herz umrahmt. Barbara schob ihren Zeigefinger unter die Klappe des Kuverts und zog ein einzelnes Blatt heraus, einen Fragebogen. »Haben Sie genug vom ewigen Herumprobieren in der Liebe?« stand oben groß darüber. »Können Sie sich vorstellen, daß sich der oder die Richtige eher mit dem Computer finden läßt als mit Glück?« Danach folgte der Fragebogen mit Fragen über Alter, Interessen, Beruf, Einkommen und Bildungsstand. Barbara dachte daran, ihn zum Spaß auszufüllen, aber als sie ihre Interessen Revue passieren ließ und sah, daß sie praktisch keine hatte, die der Erwähnung wert waren – wer wollte schon vom Computer mit einer Frau verbandelt werden, die sich mit der Lektüre von Der begierige Wilde in den Schlaf wiegte? –, knüllte sie den Fragebogen zusammen und schnippte ihn in den Mülleimer ihrer Miniküche. Dann wandte sie sich der restlichen Post zu: Telefonrechnung, eine Offerte für eine private Krankenversicherung, Reklame für eine Luxuswoche für zwei auf einem Schiff, das als schwimmendes Paradies für all jene angepriesen wurde, die sich einmal nach Herzenslust verwöhnen lassen und die sinnlichen Freuden des Lebens genießen wollten.

Gar nicht übel, so eine Kreuzfahrt, dachte sie. Sie hätte nichts dagegen, sich eine Woche lang verwöhnen zu lassen, ob nun mit oder ohne Genuß sinnlicher Freuden. Doch ein Blick auf die Broschüre ernüchterte sie: gertenschlanke, knackig braune junge Dinger, die sich mit lackierten Fingernägeln und leuchtendroten Schmollmündern auf Barhockern oder in Liegestühlen am blauen Pool räkelten, während athletische junge Männer mit stolz behaarter Brust sie umschwirrten. Barbara stellte sich vor, wie sie feengleich durch diese Gesellschaft schwebte, und lachte vor sich hin. Sie hatte seit Jahren keinen Badeanzug mehr angehabt. Manche Dinge, fand sie, blieben besser unter viel Stoff verborgen und der Phantasie überlassen.

Die Broschüre nahm den gleichen Weg wie der Fragebogen. Barbara drückte seufzend ihre Zigarette aus und sah sich auf der Suche nach weiterer Beschäftigung in ihrem Häuschen um. Nichts. Sie wechselte den Platz, ließ sich auf ihre Bettcouch fallen und griff nach der Fernbedienung des Fernsehapparats.

Sie drückte den ersten Knopf. Ah, die königliche Prinzessin, nicht ganz so pferdegesichtig wie sonst, bei der Inspektion eines Krankenhauses für unterprivilegierte Kinder irgendwo in der Karibik. Stinklangweilig. Dann ein Dokumentarbericht über Nelson Mandela. Auch zum Einschlafen. Sie drückte schneller und zappte durch einen Orson-Welles-Film, eine Kindersendung, zwei Quasselsendungen und ein Golfturnier.

Und dann wurde ihre Aufmerksamkeit vom Bild einer Phalanx von Polizisten gefesselt, die einer Menge dunkelhäutiger Demonstranten gegenüberstand. Gerade glaubte sie, einen halbwegs spannenden Krimi genießen zu können, als am unteren Bildschirmrand ein roter Balken mit dem Wort »Live« aufleuchtete. Eine aktuelle Nachrichtensendung also. Sie verfolgte sie neugierig.

Ist ja auch nicht anders, sagte sie sich, als wenn ein Erzbischof einen aktuellen Bericht über die Kathedrale von Canterbury verfolgt. Sie war schließlich Polizistin. Dennoch zwickte sie das schlechte Gewissen – eigentlich war sie doch im Urlaub! –, als sie begierig in den Fernseher starrte.

Sie sah plötzlich das Wort »Essex« auf dem Bildschirm. Ihr ging auf, daß die dunkelhäutigen Menschen unter den Transparenten Asiaten waren. Sofort drehte sie den Apparat lauter.

» – Leiche heute morgen in einem alten Bunker am Strand gefunden wurde«, berichtete die junge Reporterin. Sie schien mit ihrer Aufgabe um einiges überfordert zu sein – während sie sprach, strich sie sich immer wieder besorgt über ihr gepflegtes blondes Haar und warf furchtsame Blicke auf die Menschenmenge hinter sich, als hätte sie Angst, sie würden sich ohne ihre Erlaubnis über ihre Frisur hermachen. Sie drückte eine Hand auf ihr Ohr, um den Lärm abzuhalten.

»Jetzt! Jetzt!« schrien die Demonstranten. Ihre Transparente forderten »Gerechtigkeit!« und »Handeln!« und »Die Wahrheit!«

»Das, was als Stadtratssitzung über städtische Sanierungspläne begann«, leierte die Blondine in ihr Mikrofon, »wuchs sich zu dem Massenauflauf aus, den Sie jetzt hinter mir sehen. Es ist mir gelungen, mit dem Anführer der Demonstration Kontakt aufzunehmen, und –« Blondie wurde von einem stiernackigen Polizisten zur Seite gestoßen. Das Bild geriet in heftige Turbulenzen, als der Kameramann offenbar den Boden unter den Füßen verlor.

Wütende Stimmen wurden laut. Eine Flasche flog in die Luft. Ein Brocken Beton folgte. Die Phalanx der Polizisten hob die Plexiglasschilde.

»Wahnsinn!« murmelte Barbara. Was zum Teufel ging da vor?

Die blonde Berichterstatterin und der Kameramann fingen sich wieder. Blondie zerrte einen Mann vor die Kamera, einen muskulösen Pakistani in den Zwanzigern, mit zerrissenem Hemdsärmel, dessen langes Haar sich aus seinem Pferdeschwanz löste. Er brüllte über die Schulter: »Mensch, laßt ihn, verdammt noch mal!«, ehe er sich der Reporterin zuwandte.

Sie sagte: »Ich stehe hier mit Muhannad Malik, der –«

»Wir lassen uns nicht mit Ausflüchten, Beschönigungen und Lügen abspeisen«, unterbrach der Mann sie. »Wir fordern für unsere Leute Gleichbehandlung vor dem Gesetz. Wenn die Polizei nicht bereit ist, diesen Todesfall als das zu behandeln, was er ist – ein Verbrechen aus Haß, ein gemeiner Mord –, dann werden wir uns auf eigene Faust Gerechtigkeit verschaffen. Wir haben die Macht, und wir haben die Mittel.« Er drehte sich vom Mikrofon weg und rief die Menge durch einen Lautsprecher an. »Wir haben die Macht! Wir haben die Mittel!«

Sie brüllten. Sie drängten. Die Kamera wackelte wie wild. Die Reporterin sagte: »Peter, wir müssen uns in Sicherheit bringen«, und das Bild wechselte zum Nachrichtenstudio des Senders.

Barbara kannte den Nachrichtensprecher mit der gewichtigen Miene. Peter Soundso. Sie hatte ihn schon immer verabscheut. Sie verabscheute alle Männer mit gemeißeltem Haar.

»Lassen Sie mich die Situation in Essex rekapitulieren«, sagte er und tat genau das, während Barbara sich eine frische Zigarette anzündete.

Ein morgendlicher Spaziergänger, berichtete Peter, hatte in einem ehemaligen Bunker am Strand von Balford-le-Nez einen Toten entdeckt. Man hatte ihn bereits identifiziert. Es handelte sich um einen gewissen Haytham Querashi, der vor kurzem aus Karachi in Pakistan nach England gekommen war, um die Tochter eines wohlhabenden Geschäftsmanns der Stadt zu heiraten. Die kleine, aber wachsende pakistanische Gemeinde des Städtchens behauptete, es handle sich um ein rassistisch motiviertes Verbrechen – also eindeutig um einen Mord –, die Polizei jedoch hatte sich noch nicht dazu geäußert, in welcher Richtung sie ihre Ermittlungen führen würde.

Pakistani, dachte Barbara. Pakistani. Wieder hörte sie Azhar sagen: »… ein kleinerer Aufruhr unter meinen Verwandten.« Ja. Genau. Unter seinen pakistanischen Verwandten. Ein echter Kracher war das.

Sie starrte auf den Bildschirm, wo Peter immer noch mit monotoner Stimme quasselte, aber sie hörte ihm gar nicht zu. Sie war mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.

Eine größere pakistanische Gemeinde außerhalb einer Großstadt war etwas so Ungewöhnliches, daß es schon ein unglaublicher Zufall wäre, wenn es an der Küste von Essex zwei solche Gemeinden gäbe. Azhar selbst hatte ihr gesagt, daß er auf dem Weg nach Essex war, um, wie er es ausdrückte, »einen kleineren Aufruhr unter seinen Verwandten« zu schlichten, und unmittelbar nach seiner Abfahrt erschien nun diese Live-Sendung, die zeigte, daß sich da ein »kleinerer Aufruhr« offensichtlich zu einem größeren Aufstand auszuwachsen drohte … Nein, an solche Ketten von Zufällen glaubte Barbara nicht. Taymullah Azhar befand sich auf dem Weg nach Balford-le-Nez.

Er wollte, wie er gesagt hatte, seine »Sachkenntnis in diesen Dingen« anbieten. Aber Sachkenntnis worin? Im Steinewerfen? In Demonstrationsstrategie? Oder erwartete er, sich in die Ermittlungen der zuständigen Polizei einzuschalten? Hoffte er, Zugang zur Pathologie zu erhalten? Oder hatte er vielleicht vor, sich an jener Art von Bürgeraktivismus zu beteiligen, den sie gerade im Fernsehen beobachtet hatte und der unweigerlich zu mehr Gewalt, Festnahme und Knast führte?

»Verdammt«, brummte Barbara. Was zum Teufel dachte sich der Mann dabei? Und was fiel ihm ein, seine kleine Tochter in diesen Schlamassel hineinzuziehen?

Barbara blickte zur Tür hinaus, auf den Weg, auf dem Hadiyyah und ihr Vater davongegangen waren. Sie dachte an Hadiyyahs strahlendes Lächeln und die Zöpfe, die ihr um den Kopf flogen, wenn sie fröhlich durch die Gegend hüpfte. Dann drückte sie ihre Zigarette aus.

Sie ging zu ihrem Kleiderschrank und holte den Matchsack vom oberen Bord.

2

Rachel Winfield beschloß, den Laden zehn Minuten vor der Zeit zu schließen, und hatte überhaupt kein schlechtes Gewissen dabei. Ihre Mutter war um halb vier gegangen, da sie, wie jede Woche um diese Zeit, einen Termin beim Friseur hatte. Zwar hatte sie strenge Anweisungen bezüglich der Pflichten einer tüchtigen Verkäuferin hinterlassen; doch seit einer halben Stunde war kein einziger Kunde mehr in den Laden gekommen, nicht einmal zum »Schauen«.

Rachel hatte Wichtigeres zu tun, als den quälend langsamen Marsch des Sekundenzeigers rund um das Zifferblatt der Wanduhr zu verfolgen. Nachdem sie sich pflichtbewußt vergewissert hatte, daß die Vitrinen alle abgeschlossen waren, verriegelte sie die Ladentür. Sie drehte das Schild mit der Aufschrift Offen zu Geschlossen um und ging ins Lager, wo sie aus dem Versteck hinter den Mülltonnen einen liebevoll verpackten Karton holte, den sie ihre Mutter auf keinen Fall hatte sehen lassen wollen. Mit dem Päckchen unter dem Arm lief sie in die Gasse hinaus, wo ihr Fahrrad stand, und legte es behutsam in den Korb. Dann schob sie das Rad um die Ecke nach vorn und nahm sich einen Moment Zeit, um nochmals zu prüfen, ob die Tür richtig abgeschlossen war.

Wenn herauskäme, daß sie früher gegangen war, wäre der Teufel los. Und wenn sich dann auch noch herausstellen würde, daß sie die Tür nicht richtig abgeschlossen hatte, zöge das ewige Verdammnis nach sich. Der Riegel war alt und klemmte manchmal. Da war es geraten, zur Beruhigung noch einen schnellen, erfolglosen Einbruchsversuch zu machen. Gut, dachte Rachel, als die Tür fest geschlossen blieb. Jetzt konnte ihr nichts mehr passieren.

Obwohl es spät am Tag war, hatte die Hitze noch nicht nachgelassen. Der gewohnte Nordseewind – der Balford-le-Nez im tiefen Winter zu einem so unwirtlichen Ort machte – blies an diesem Nachmittag überhaupt nicht. Er hatte schon seit zwei Wochen den Betrieb eingestellt, seufzte nicht einmal genug, um die Wimpelketten, die quer über der High Street gespannt waren, zu bewegen.

Unter den schlaff herabhängenden Fähnchen roter und blauer Fröhlichkeit vom laufenden Meter radelte Rachel zielstrebig nach Süden, dem besseren Teil des Städtchens entgegen. Sie wollte nicht nach Hause. Da hätte sie in die entgegengesetzte Richtung fahren müssen, am Meer entlang zu den drei kurzen Straßen hinter dem Gewerbegebiet, wo sie in einem der Reihenhäuser in arg strapazierter Eintracht mit ihrer Mutter zusammenlebte. Sie war vielmehr auf dem Weg zu ihrer ältesten und besten und einzig wahren Freundin, die eben von einem schweren Schicksalsschlag getroffen worden war.

ENDE DER LESEPROBE

Originaltitel: Deception on His Mind Originalverlag: Bantam Books, a division of Bantam Doubleday Dell Publishing Group, Inc., New York

Der Blanvalet Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann

3. Auflage© der Originalausgabe 1997 by Susan Elizabeth George © der deutschsprachigen Ausgabe 1997 byBlanvalet Verlag GmbH, München Umschlaggestaltung: UNO WerbeagenturUmschlagmotiv: Roger Coulam/getty ImagesSatz: Uhl + Massopust, Aalen

eISBN 978-3-641-13645-1

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