Wer die Wahrheit sucht - Elizabeth George - E-Book

Wer die Wahrheit sucht E-Book

Elizabeth George

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Beschreibung

Auf der britischen Kanalinsel Guernsey wird der Millionär und Mäzen Guy Brouard ermordet aufgefunden. Hauptverdächtige ist die junge Amerikanerin China. Fest überzeugt von Chinas Unschuld stellt ihre Freundin Deborah gemeinsam mit ihrem Mann Simon St. James, dem engsten Vertrauten von Chief Inspector Lynley, Nachforschungen an. Doch je tiefer sie in das Beziehungsgeflecht der verschworenen Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind ..

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Elizabeth George

Wer die

Wahrheit sucht

Ein Inspector-Lynley-Roman

Deutsch

von Mechtild Sandberg-Ciletti

Buch

 

Der Millionär und Mäzen Guy Brouard plant auf der britischen Kanalinsel Guernsey ein Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Doch schon einen Tag, nachdem er die Baupläne des amerikanischen Architekten vorgestellt hat, wird Brouard ermordet am Strand aufgefunden. Die junge Fotografin China River, die gemeinsam mit ihrem Bruder Cherokee die Architekturpläne von Kalifornien nach Guernsey gebracht hat, wird unter Mordverdacht verhaftet, nachdem man ihre Spuren am Tatort gefunden hat.

Cherokee bittet ihre Londoner Studienfreundin Deborah, vor Jahren mit Thomas Lynley liiert und mittlerweile mit dessen engstem Vertrauten Simon St. James verheiratet, um Hilfe. Deborah glaubt nicht an Chinas Schuld. Gemeinsam mit ihrem Mann Simon stellt sie auf Guernsey eigene Nachforschungen an – und stößt dabei auf eine ganze Reihe von Personen, die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: Brouards Exfrau, sein Sohn, seine junge Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge und nicht zuletzt der benachteiligte einheimische Architekt. Als auf einmal ein rätselhaftes Gemälde auftaucht, nimmt der Fall eine neue Wendung. Simon kommt auf die Idee, dem Mörder eine Falle zu stellen. Ohne zu ahnen, dass er damit seine Frau Deborah in Lebensgefahr bringt …

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »A Place of Hiding« bei Bantam Dell Random House Inc., New York.

 

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

 

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Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Copyright © der Originalausgabe 2003 by Susan Elizabeth George Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2004 by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München. Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München Umschlagmotiv: Robert Smith/Alamy Live News/Alamy Stock Foto; FinePic®, München

ISBN 978-3-641-21352-7V005

www.goldmann-verlag.de Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

www.randomhouse.de

 

 

 

 

 

 

Dieses Buch handelt von Geschwistern. Ich widme es meinem Bruder Robert Rivelle George in Liebe und Bewunderung für seine Begabung, seinen Geist und seine Klugheit.

 

 

»Wir leben doch davon, dass der Freund den Freund verrät. Ist das recht gehandelt?

Inhaltsverzeichnis

CopyrightWidmungMONTECITO, KALIFORNIEN - 10. November, 14 Uhr 45INSEL GUERNSEY Ärmelkanal - 5. Dezember, 6 Uhr 30LONDON - 15. Dezember, 23 Uhr 15
1234567891011121314151617181920212223242526272829303132
Danksagung

MONTECITO, KALIFORNIEN

10. November, 14 Uhr 45

Die Santa-Ana-Winde sind der Feind jedes Fotografen. Aber wie sollte man das einem egozentrischen Architekten beibringen, der fest glaubte, sein ganzes Renommee hinge davon ab, dass genau heute fünftausend Quadratmeter Bauland in Hanglage für die Nachwelt – und den Architectural Digest – im Bild festgehalten wurden. Alles Bemühen, ihm das zu erklären, wäre sinnlos gewesen, denn erreichte man, nachdem man mindestens zehnmal falsch abgebogen war, endlich den Treffpunkt, hatte man sich bereits verspätet, er war wütend, und der trockene Wind wirbelte schon solche Mengen Staub auf, dass man nur noch den Wunsch hatte, so schnell wie möglich zu verschwinden. Das ging aber nur, wenn man sich nicht erst lange mit ihm herumstritt, ob man die Aufnahmen überhaupt machen sollte. Also fotografierte man eben, ohne Rücksicht auf den Staub und die Steppenhexen, diese vom Wind getriebenen Knäuel aus vertrocknetem Unkraut und Pflanzenresten, die eigens von einem Team für Spezialeffekte importiert schienen, um eine kalifornische Parade-Immobilie mit Meeresblick im Wert von mehreren Millionen Dollar aussehen zu lassen wie Barstow im August. Und ohne Rücksicht darauf, dass einem die Staubkörner unter die Kontaktlinsen krochen, sich die Haut anfühlte wie aufgerautes Leder und das Haar wie verbranntes Heu. Wichtig war nur der Job; er war das Einzige, was zählte. Er finanzierte China Rivers Leben, und darum musste er getan werden.

Aber Spaß hatte sie dabei nicht. Als sie die Arbeit beendet hatte, waren ihre Kleider und ihre Haut von einer dicken Staubschicht bedeckt, und sie wollte – abgesehen von einem großen Glas eiskalten Wassers und einem ausgedehnten Bad in einer kühlen Wanne – nur eines: weg von hier, runter von diesem Hügel und zum Strand. Darum sagte sie: »Das wär’s dann. Die Abzüge können Sie sich übermorgen ansehen. Ein Uhr? In Ihrem Büro? Gut. Ich werde da sein.« Sie ging, ohne dem Mann die Chance zu einer Erwiderung zu geben. Seine Reaktion auf ihren abrupten Abgang war ihr ziemlich egal.

In ihrem museumsreifen Plymouth fuhr sie den Hang wieder hinunter, auf einer gut geteerten, glatten Straße, denn Schlaglöcher wurden in Montecito nicht geduldet. Der Weg führte sie an den Häusern der Superreichen von Santa Barbara vorbei, die ihr behütetes Luxusleben hinter hohen Mauern mit elektronisch gesteuerten Toren führten, wo sie in Designerpools badeten und sich danach mit Frotteetüchern abtrockneten, die so weich und weiß waren wie der Schnee in Colorado. Sie bremste gelegentlich aus Rücksicht auf einen der mexikanischen Gärtner, die hinter diesen schützenden Mauern schufteten, oder auf ein paar halbwüchsige Mädchen, die in eng sitzenden Bluejeans und knappen T-Shirts hoch zu Ross dahergaloppierten. Das Haar dieser Mädchen schwang im Sonnenlicht. Alle trugen sie es lang und glatt und glänzend, wie von innen heraus erleuchtet. Sie hatten eine makellose Haut und perfekte Zähne. Und nicht eine von ihnen hatte auch nur ein Gramm unerwünschtes Fett auf dem Körper – ganz gleich, wo. Wie auch? Nicht ein Milligramm zu viel konnte sich länger halten als die Viertelstunde, die sie brauchten, um auf die Badezimmerwaage zu steigen, einen hysterischen Anfall zu bekommen und sich über die Toilette zu werfen.

Einfach erbärmlich, dachte China, diese verwöhnte, magersüchtige Bande. Und was es für die kleinen Gänse noch schlimmer machte: Ihre Mütter sahen wahrscheinlich genauso aus, die perfekten Rollenvorbilder für ein Leben, das aus Fitnesswahn, Schönheitsoperationen, täglichen Massagen, wöchentlicher Maniküre und regelmäßigen Sitzungen beim Analytiker bestand. Es ging doch nichts über einen zahlungskräftigen Versorger, dem das Äußere seiner Frauen das Wichtigste war.

Wenn China in Montecito zu tun hatte, war es jedes Mal das Gleiche, sie konnte nicht schnell genug wieder wegkommen. Heute erging es ihr nicht anders. Und der Wind und die Hitze dieses Tages trieben sie zusätzlich an, diesen Ort möglichst schnell hinter sich zu lassen. Sie drückten auf ihre Stimmung, und die war ohnehin schon übel genug. So etwas wie ein allgemeines Unbehagen belastete sie, seit heute Morgen der Wecker geklingelt hatte.

Nur der Wecker. Nicht das Telefon. Das war das Problem. Gleich beim Erwachen hatte sie automatisch den Drei-Stunden-Sprung errechnet: zehn Uhr in Manhattan. Warum hatte er noch nicht angerufen? Und in den darauf folgenden Stunden bis zu ihrem Aufbruch nach Montecito hatte sie fast unablässig auf das Telefon gestarrt und innerlich gekocht, was bei beinahe sechsundzwanzig Grad morgens um neun Uhr keine Kunst war.

Sie hatte versucht, sich zu beschäftigen. Sie hatte den ganzen Garten vorn und hinten und sogar den Rasen mit der Kanne gegossen. Sie hatte am Zaun mit Anita Garcia geschwatzt – Hey, China, macht dich das Wetter auch so fertig? Ich bin echt nur noch ein Wrack – und sich teilnahmsvoll angehört, wie sehr ihre Nachbarin in diesem letzten Monat ihrer Schwangerschaft unter Wassereinlagerungen in den Beinen litt. Sie hatte den Plymouth gewaschen und es dank sofortigem Trockenpolieren geschafft, dem Staub, der sich auf ihm niederlassen und sich in Schmiere verwandeln wollte, eine Nasenlänge voraus zu bleiben. Und zweimal war sie ins Haus gerannt, als das Telefon klingelte, aber es waren nur zwei so widerlich schmierige Vertretertypen gewesen, die sich immer erst erkundigten, wie es einem ging, ehe sie loslegten und einem einzureden versuchten, dass sich mit dem Wechsel der Telefongesellschaft auch das eigene Leben von Grund auf verändern würde.

Schließlich war es Zeit gewesen, nach Montecito aufzubrechen. Doch sie war nicht losgefahren, ohne vorher ein letztes Mal den Telefonhörer abzuheben, um sich zu vergewissern, dass ein Signal zu hören war, und ihren Anrufbeantworter zu überprüfen, um sicher zu sein, dass er Nachrichten aufzeichnete.

Die ganze Zeit über war sie wütend auf sich selbst, weil sie es nicht schaffte, ihm den Laufpass zu geben. Aber das war seit Jahren ihr Problem. Seit dreizehn Jahren, genau gesagt. Ach, verdammt, dachte sie, ich hasse die Liebe!

Schließlich klingelte das Telefon doch noch, ihr Handy, als sie auf der Rückfahrt vom Strand schon fast daheim angekommen war. Sie hatte es auf dem Sitz neben sich liegen, und keine fünf Minuten vor dem Stück holprigem Gehweg, von wo der betonierte Fußweg zu ihrer Haustür abbog, begann es zu klingeln. Sie nahm das Gespräch an und hörte Matts Stimme.

»Hallo, du Schöne.« Er wirkte ausgesprochen gut gelaunt.

»Hallo!« Sie ärgerte sich über die Erleichterung, die in ihr hochschoss, als wäre eine Flasche gärender Angst entkorkt worden, und sagte weiter nichts.

Er verstand sofort. »Bist du sauer?«

Sie schwieg. Soll er ruhig schmoren, dachte sie.

»Jetzt hab ich wohl endgültig verspielt?«

»Wo warst du?«, fragte sie gereizt. »Ich dachte, du wolltest heute Morgen anrufen. Ich hab extra zu Hause gewartet. Ich hasse das, Matt. Wieso kapierst du das nicht? Wenn du keine Lust hast zu reden, dann sag es vorher, dann kann ich mich darauf einstellen. Warum hast du nicht angerufen?«

»Tut mir Leid. Ich wollte ja. Ich habe den ganzen Tag immer wieder daran gedacht.«

»Und –?«

»Es klingt leider ziemlich dünn, China.«

»Versuch’s trotzdem.«

»Okay. Gestern Abend wurde es plötzlich lausekalt. Ich bin den ganzen Morgen rumgerannt und habe versucht, einen anständigen Mantel zu finden.«

»Du konntest nicht von deinem Handy aus anrufen, während du unterwegs warst?«

»Ich habe es im Hotel liegen lassen. Tut mir wirklich Leid.«

Sie hörte die allgegenwärtigen Hintergrundgeräusche Manhattans, den Lärm, den sie immer hörte, wenn er aus New York anrief. Das Hupen der Autos in den Straßenschluchten, das Dröhnen der Presslufthämmer, das wie Geschützdonner klang. Aber wenn er sein Handy im Hotel gelassen hatte, wieso stand er dann jetzt damit auf der Straße?

»Ich bin auf dem Weg zum Essen«, erklärte er. »Die letzte Besprechung. Des Tages, meine ich.«

Sie hatte den Wagen etwa dreißig Meter von ihrem Haus entfernt in eine freie Lücke eingeparkt. Sie hasste es, im stehenden Auto sitzen zu bleiben, die Klimaanlage des Wagens war zu schwach, um gegen die stickige Hitze im Innern anzukommen. Aber bei Matts letzter Bemerkung wurde die Hitze plötzlich unwichtig und war kaum noch wahrnehmbar. Chinas ganze Aufmerksamkeit war schlagartig auf die Bedeutung seiner Worte konzentriert.

Immerhin hatte sie mittlerweile gelernt, den Mund zu halten, wenn er eine seiner kleinen verbalen Bomben losließ. Früher einmal wäre sie bei einer Bemerkung wie: »Des Tages, meine ich«, wie ein Berserker über ihn hergefallen und hätte versucht, seine Andeutung zu zerpflücken, um ihn festzunageln. Aber im Lauf der Jahre hatte sie begriffen, dass Schweigen ebenso gut wirkte wie Forderungen oder Anschuldigungen. Und es garantierte ihr die überlegene Position, wenn er endlich aussprach, was auszusprechen er hatte vermeiden wollen.

Es kam dann auch in einem Wortschwall: »Also, pass auf, die Situation ist Folgende: Ich muss noch eine Woche hier bleiben. Ich habe die Möglichkeit, mit ein paar Leuten über eine Finanzierung zu reden. Ich muss unbedingt mit ihnen sprechen.«

»Ach, Mensch, Matt, hör doch auf!«

»Nein, wirklich. Hör mir zu, Baby. Diese Typen haben einem Filmemacher von der NYU letztes Jahr ein Vermögen nachgeschmissen. Sie sind auf der Suche nach einem Projekt. Hast du das gehört? Sie sind auf der Suche!«

»Woher weißt du das?«

»Ich hab’s gehört.«

»Von wem?«

»Also habe ich angerufen, und es ist mir tatsächlich gelungen, einen Termin zu bekommen. Aber erst am nächsten Donnerstag. Deshalb muss ich bleiben.«

»Dann können wir Cambria vergessen.«

»Nein, das machen wir auf jeden Fall. Nur nächste Woche geht’s eben nicht.«

»Klar. Wann dann?«

»Tja, das ist das Problem.« Der Straßenlärm am anderen Ende der Leitung schien einen Moment lauter zu werden, als hätte sich Matt, von den Menschenmengen der Stadt am Ende eines Arbeitstags vom Bürgersteig gedrängt, zwischen die Autos gestürzt.

Sie sagte: »Matt? Matt?«, und glaubte einen panikerfüllten Moment lang, die Verbindung wäre abgerissen. Verdammte Handys, verdammtes Netz!

Aber er meldete sich wieder, und es war ruhiger. Er sagte, er sei rasch in ein Restaurant gesprungen. »Für den Film geht es jetzt um alles, China. Wir haben einen Festivalsieger. Mindestens Sundance-Qualität, glaub mir, und du weißt, was das heißen kann. Ich enttäusche dich wirklich nicht gern, aber wenn ich diese Chance sausen lasse, bin ich’s nicht wert, überhaupt mit dir wegzufahren. Nicht mal nach Kalamazoo in Michigan. So ist das nun mal.«

»Na gut«, sagte sie, aber es war gar nicht gut, und das würde er an ihrem ausdruckslosen Ton auch merken. Das letzte Mal hatte er es vor einem Monat geschafft, sich zwischen Kontaktgesprächen in Los Angeles und der Jagd nach Geldgebern kreuz und quer im ganzen Land zwei Tage freizuschaufeln, und davor waren es sechs Wochen gewesen, in denen er sich ohne einen Tag Pause der Verfolgung seines Traums gewidmet hatte, während sie sich in ihrer Verzweiflung in eine ungeplante Telefonaktion gestürzt hatte, um ein paar Kunden an Land zu ziehen. »Manchmal frage ich mich«, sagte sie, »ob du’s je auf die Reihe kriegen wirst, Matt.«

»Ich weiß. Es kommt einem vor, als dauerte es eine Ewigkeit, einen Film ins Rollen zu bringen. Und manchmal ist es ja auch so. Du kennst doch die Storys. Jahre der Vorbereitung und dann – bum! – auf Anhieb ein Riesenerfolg. Und ich möchte das machen. Ich muss es machen. Es tut mir nur Leid, dass wir dadurch kaum noch Zeit füreinander haben.«

China hörte sich das alles an, während sie einen kleinen Jungen beobachtete, der auf seinem Dreirad den Gehweg hinunterstrampelte, gefolgt von seiner wachsamen Mutter und einem noch wachsameren Schäferhund. Der Kleine gelangte an eine Stelle, wo sich der Beton unter dem Druck einer Baumwurzel aufgewölbt hatte, und das Vorderrad seines Gefährts prallte gegen die Verwerfung. Er versuchte, das Hindernis zu überwinden, aber er war machtlos, bis seine Mutter ihm zu Hilfe kam. Diese Szene rief bei China eine unerklärliche Traurigkeit hervor.

Matt wartete auf ihre Reaktion. Sie hätte gern eine neue Art des Ausdrucks für ihre Enttäuschung gefunden, aber ihr fiel nichts ein. »Ich habe vorhin eigentlich nicht den Film gemeint, Matt«, sagte sie.

»Oh.«

Danach gab es nichts mehr zu bereden. Sie wusste, dass er in New York bleiben würde, um den Termin wahrzunehmen, den er sich so hart erkämpft hatte, und dass sie allein zurechtkommen musste. Wieder ein gebrochenes Versprechen; wieder eine Faust voll Sand im Getriebe des großen Lebensplans.

Sie sagte: »Also dann, Hals- und Beinbruch für die Besprechung.«

»Wir bleiben in Kontakt. Die ganze Woche. In Ordnung?«, erwiderte er. »Ist das okay für dich, China?«

»Hab ich eine Wahl?«, entgegnete sie und verabschiedete sich.

Sie nahm es sich selbst übel, dass sie das Gespräch so abrupt beendet hatte, aber ihr war heiß, sie fühlte sich elend, mutlos und niedergeschlagen … Man konnte es nennen, wie man wollte. Tatsache war, dass sie nichts mehr zu geben hatte.

Sie hasste jene Seite an sich, die an der Zukunft zweifelte, und meistens gelang es ihr, sie zu unterdrücken. Wenn sie jedoch mit ihr durchging und die Herrschaft an sich riss, um ihr das drohende Chaos vor Augen zu halten, führte das niemals zu etwas Gutem. Es machte sie zu einer ängstlichen Person, die sich an den Glauben in eine von ihr seit langem verabscheute Frauenrolle klammerte, in der die Frau sich einzig über den Mann definiert und daher mit allen Mitteln einen finden muss, um ihn zu heiraten und möglichst schnell mit einem Haufen Kindern festzunageln. Niemals würde sie sich dazu hergeben, schwor sie sich immer wieder. Und trotzdem wünschte es ein Teil von ihr.

Dieser trieb sie dazu, Fragen und Forderungen zu stellen und ihre Aufmerksamkeit auf ein Wir zu richten, statt auf das Ich. Und wenn das geschah, kam es zwischen ihr und dem Mann – der immer Matt gewesen war – zur Wiederholung einer Debatte, die sie seit nunmehr fünf Jahren führten. Stets ging es um Heirat und Ehe, und stets war der Ausgang der Gleiche: Auf der einen Seite sein offenkundiges Widerstreben – als brauchte sie das noch zu hören und zu sehen! –, auf der anderen ihre wütenden Vorwürfe und zum Schluss der Bruch, jeweils von demjenigen herbeigeführt, den die Differenzen, die zwischen ihnen aufbrachen, am heftigsten aufregten.

Aber eben diese Differenzen brachten sie auch immer wieder zusammen. Denn sie würzten die Beziehung mit einer unleugbaren Spannung, die bisher weder sie noch er bei einem anderen Partner gefunden hatten. Matt hatte es wahrscheinlich versucht, da war China sicher. Sie hatte es nicht versucht. Sie wusste seit Jahren, dass Matthew Whitecomb der Richtige für sie war.

Und bei dieser Erkenntnis war China wieder einmal angelangt, als sie ein paar Minuten später ihren Bungalow erreichte: einhundertzehn Quadratmeter Wohnfläche, Baujahr 1920, ehemaliges Wochenendhaus eines Angeleno, eines Bewohners des damaligen Los Angeles. Der Bungalow stand in Gesellschaft ähnlicher kleiner Häuser in einer von Palmen gesäumten Straße, nahe genug am Wasser, um in den Genuss der Meereswinde zu kommen, weit genug entfernt, um erschwinglich zu sein.

Es war ein bescheidenes Häuschen mit fünf kleinen Räumen – wenn man das Badezimmer mitrechnete – und nur neun Fenstern, einer breiten Vorderveranda und jeweils einem rechteckigen Fleckchen Garten hinten und vorn. Vorn begrenzte das Grundstück ein Lattenzaun, von dem der weiße Lack abblätterte und auf die Blumenbeete und den Gehweg fiel.

China schleppte ihre Fotoausrüstung zu dem Tor in diesem Zaun, nachdem sie das Telefongespräch mit Matt beendet hatte. Die Hitze war hier kaum weniger drückend als draußen in den Hügeln, aber der Wind wehte nicht so stürmisch. Die Palmenblätter knisterten in den Bäumen wie ein Haufen Gebeine, und die Verbene vorn am Zaun, unter der der Boden so trocken war, als wäre er am Morgen nicht gewässert worden, ließ in der weißen Glut müde die lavendelblauen Sternblüten hängen.

Mit den schweren Fototaschen über der Schulter, hob China das schief hängende Tor an und stieß es auf, nichts anderes im Sinn, als sofort den Gartenschlauch zu holen und den Blumen Wasser zu geben. Aber bei dem Anblick, der sich ihr bot, vergaß sie dieses Vorhaben: Ein Mann, der bis auf die Unterhose nackt war, lag bäuchlings mitten auf ihrem Rasen, den Kopf auf ein Bündel aus Bluejeans und verwaschenem gelben T-Shirt gebettet. Schuhe waren nirgends zu sehen, seine Fußsohlen waren schwarz wie die Nacht und die Fersen so schwielig, dass die Haut wie Leder wirkte. Nach dem Sauberkeitsgrad seiner Fesseln und Ellbogen zu urteilen, hielt er nicht viel von Körperpflege. Auf ausreichendes Essen und körperliche Bewegung hingegen schien er durchaus Wert zu legen; er war kräftig gebaut, ohne dick zu sein. Und es war ihm offenbar wichtig, auch genug zu trinken, denn im Augenblick hielt er eine beschlagene Flasche Pellegrino in der Hand.

Ihr Pellegrino, wenn sie nicht alles täuschte. Das Wasser, nach dem sie die ganze Fahrt gelechzt hatte.

Er drehte sich träge herum und blinzelte, halb aufgerichtet auf seinen schmutzigen Ellbogen, zu ihr herauf. »Also, bei dir kann echt jeder ins Haus, China.« Er trank einen ausgiebigen Schluck aus der Flasche.

China warf einen Blick zur Veranda. Die Fliegengittertür und die Haustür standen weit offen. »Verdammt noch mal!«, schrie sie. »Bist du schon wieder bei mir eingebrochen?«

Ihr Bruder setzte sich auf und beschattete die Augen. »Hey, wie schaust du denn aus? Dreißig Grad im Schatten, und du rennst rum wie eine Motorradbraut im tiefsten Winter.«

»Und dich wird gleich einer wegen Exhibitionismus anzeigen. Herrgott noch mal, Cherokee, denkst du eigentlich nie nach? Hier wohnen überall kleine Mädchen. Wenn eine dich so sieht, kreuzen hier binnen einer Viertelstunde die Bullen auf.« Sie runzelte die Stirn. »Hast du Sonnenschutz aufgelegt?«

»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, sagte er. »Was soll die Ledermontur? Verspätete Rebellion?« Er lachte. »Wenn Mam diese Hose sähe, würde sie total –«

»Ich trag sie, weil ich sie mag«, unterbrach sie ihn. »Sie ist bequem.« Und ich kann sie mir leisten, fügte sie im Stillen hinzu. Das war beinahe der Hauptgrund: Aus reiner Lust für ein Stück sinnlosen Luxus Geld auszugeben, nachdem sie ihre ganze Kindheit und frühe Jugend hindurch in den Secondhand-Läden die abgelegten Klamotten anderer Leute durchstöbert hatte, um etwas zu finden, das einigermaßen passte, nicht abgrundtief scheußlich war und – darauf achtete sie ihrer Mutter zuliebe – nicht aus Fell oder Tierhaut verarbeitet war.

»Na klar.« Er sprang auf die Füße, als sie an ihm vorüber zur Veranda ging. »Leder bei einem Santa-Ana-Wind. Das ist doch mal so richtig gemütlich. Und so vernünftig.«

»Das ist mein Pellegrino!« Sie ließ ihre Fotoausrüstung fallen, sobald sie im Haus war. »Ich hab mich die ganze Heimfahrt darauf gefreut.«

»Wo warst du denn?« Als sie es ihm sagte, lachte er. »Aha! Aufnahmen für einen Architekten. Reich und schön, hoffentlich? Und zu haben? Das ist ja echt cool. Dann lass dich mal ansehen.« Er hob die Flasche mit dem Wasser an den Mund und musterte China, während er trank. Als er genug hatte, reichte er die Flasche an sie weiter und sagte: »Den Rest kannst du haben. Deine Haare schauen Scheiße aus. Hör endlich auf, sie zu bleichen. Das steht dir nicht. Und fürs Grundwasser sind die Chemikalien, die da durch den Abfluss rauschen, ganz bestimmt nicht gut.«

»Als ob dich das Grundwasser interessieren würde!«

»Hey, ich hab gewisse Prinzipien.«

»Respekt vor anderer Leute Eigentum gehört offensichtlich nicht dazu.«

»Du kannst von Glück reden, dass nur ich der Einbrecher war«, sagte er. »Wegzufahren und die Fenster offen zu lassen, ist schon ganz schön blöd. Und deine Fliegenfenster sind ein Witz. Für die hat ein Taschenmesser gereicht.«

China sah, wie ihr Bruder sich Zugang zu ihrem Haus verschafft hatte. Er hatte sich, wie das seine Art war, gar nicht bemüht, seine Spuren zu verwischen. In einem der beiden Wohnzimmerfenster fehlte das alte Fliegengitter, das nur mit Haken und Ösen am Fensterbrett verankert und daher für Cherokee leicht herauszunehmen gewesen war. Wenigstens war ihr Bruder so schlau gewesen, durch ein Fenster einzudringen, das der Straße abgewandt und außer Sicht der Nachbarn lag, von denen jeder sofort die Polizei geholt hätte.

Mit der Flasche in der Hand ging sie in die Küche, goss das, was von dem Mineralwasser noch übrig war, in ein Glas und warf ein Limettenschnitz hinein. Sie schwenkte es ein paar Mal herum, dann trank sie das Glas leer und stellte es, unbefriedigt und verärgert, ins Spülbecken.

»Was tust du überhaupt hier?«, fragte sie ihren Bruder. »Wie bist du hergekommen? Hast du dein Auto repariert?«

»Den Schrotthaufen?« Er ging auf nackten Füßen über das Linoleum zum Kühlschrank, öffnete ihn und wühlte in den Plastikbeuteln voll Obst und Gemüse herum. Mit einer roten Paprika in der Hand richtete er sich wieder auf, ging mit der Frucht zur Spüle und wusch sie gründlich, bevor er ein Messer aus einer Schublade nahm und sie durchschnitt. Er reinigte beide Hälften und reichte die eine seiner Schwester. »Ich hab einiges am Laufen, da brauch ich sowieso keinen Wagen.«

China biss nicht an. Sie kannte die Art ihres Bruders, sie mit Andeutungen zu locken. »Jeder Mensch braucht ein Auto.«

Sie legte die Paprika auf den Küchentisch und ging in ihr Schlafzimmer, um sich umzuziehen. In der Lederkluft schwitzte man bei diesen Temperaturen wie in einer Sauna. Man sah zwar toll aus darin, aber man fühlte sich beschissen.

»Ich hoffe, du bist nicht hergekommen, weil du dir meines ausleihen willst«, rief sie zu ihm hinaus. »Das bekommst du nämlich nicht. Frag Mam, ob sie dir ihres leiht. Ich nehme an, sie hat’s noch.«

»Kommst du zu Thanksgiving runter?«, rief Cherokee zurück.

»Wen interessiert das?«

»Rate mal.«

»Ach, telefonieren kann sie wohl nicht?«

»Ich hab ihr erzählt, dass ich zu dir fahre, da hat sie gesagt, ich soll dich fragen. Also – kommst du?«

»Ich rede mal mit Matt.« Sie hängte die Lederhose und die Weste in den Schrank und warf die seidene Bluse zu den Sachen für die Reinigung. In einem losen Hawaii-Kleid und Sandalen ging sie wieder zu ihrem Bruder hinaus.

»Wo ist der gute Matt überhaupt?« Er hatte seine halbe Paprika schon gegessen und sich ihre Hälfte vorgenommen.

Sie riss sie ihm aus der Hand und biss hinein. Das Fruchtfleisch war kühl und süß, half ein wenig gegen die Hitze und den Durst. »Weg«, sagte sie. »Cherokee, würdest du dir bitte was anziehen?«

»Warum denn?« Er grinste anzüglich und schob ihr sein Becken entgegen. »Mach ich dich an?«

»Du bist nicht mein Typ.«

»Was heißt weg?«

»Er ist in New York. Geschäftlich. Also, ziehst du dir jetzt was über?«

Mit einem Schulterzucken ging er, und einen Moment später hörte sie die Fliegengittertür hinter ihm zuschlagen. In der muffigen Besenkammer, in der sie ihre Vorräte aufbewahrte, fand sie noch eine Flasche Wasser, goss sich ein Glas ein und gab ein paar Eiswürfel dazu.

»Du hast überhaupt nicht gefragt.«

Sie drehte sich herum. Cherokee präsentierte sich angekleidet – wie verlangt – in einem T-Shirt, das vom vielen Waschen eingegangen war, und einer Bluejeans, die tief auf seinen Hüften hing und so lang war, dass die Säume der Hosenbeine den Fußboden streiften. Nicht zum ersten Mal dachte China, als sie ihn betrachtete, dass er wie ein Anachronismus wirkte. Mit den zu langen rotblonden Locken, den schmuddeligen Kleidern, den nackten Füßen und seinem ganzen Auftreten nach hätte er ein verspäteter Hippie sein können. Was ihre gemeinsame Mutter zweifellos mit Stolz erfüllte, bei seinem Vater Beifall hervorrief und bei ihrem Vater Gelächter. Bei China jedoch – ärgerliche Ungeduld. Trotz seines Alters und seines straffen Körpers wirkte Cherokee immer noch so, als wäre er zu verletzlich, um das Leben allein zu meistern.

»Hey, du hast mich gar nicht gefragt«, sagte er noch einmal.

»Was denn?«

»Was ich am Laufen hab. Warum ich kein Auto mehr brauche. Ich bin übrigens per Anhalter gekommen. Aber das ist auch nicht mehr das, was es mal war. Ich bin seit gestern Mittag unterwegs.«

»Genau deswegen brauchst du ein Auto.«

»Aber nicht für das, was ich vorhabe.«

»Ich hab’s dir schon gesagt, mein Auto kriegst du nicht. Das brauch ich für die Arbeit. Und wieso bist du nicht in der Uni? Hast du’s wieder mal geschmissen?«

»Ich hab aufgehört. Ich brauche mehr Zeit für die Papers. Das ist ein Riesengeschäft, sag ich dir. Du hast keine Ahnung, wie viele gewissenlose Studenten es heutzutage gibt, China. Wenn ich daraus eine berufliche Karriere machen wollte, könnte ich mich wahrscheinlich mit vierzig zur Ruhe setzen.«

China verdrehte die Augen. Die Papers waren Prüfungsarbeiten, Hausarbeiten, Aufsätze, gelegentlich eine Magisterarbeit und, bisher, zwei Dissertationen. Cherokee schrieb sie für zahlungskräftige Studenten, die keine Lust hatten, sich selbst zu bemühen. Das hatte schon vor langem Anlass zu der Frage gegeben, warum Cherokee – der auf nichts, was er gegen Bezahlung geschrieben hatte, etwas Schlechteres als eine Zwei bekommen hatte – es nicht schaffte, sein Studium durchzuziehen. Es war nicht mehr zu zählen, wie oft er an der Universität von Kalifornien angefangen und wieder aufgehört hatte. Cherokee allerdings hatte eine simple Erklärung für seine durchwachsene Universitätskarriere: »Wenn mir die Uni für meine Arbeit das Gleiche bezahlen würde wie die Studenten, die mich anheuern, würde ich gern arbeiten.«

»Weiß Mam, dass du’s schon wieder geschmissen hast?«, fragte China ihren Bruder.

»Ich häng nicht mehr am Gängelband.«

»Natürlich nicht.« China, die nichts zu Mittag gegessen hatte, merkte, dass sie hungrig war. Sie nahm aus dem Kühlschrank die Zutaten, die sie für einen Salat brauchte, und stellte einen Teller auf den Tisch – ein Wink, von dem sie hoffte, ihr Bruder würde ihn verstehen.

»Also frag mich endlich.« Er zog einen Stuhl zu sich heran und setzte sich. Aus dem bunten Korb in der Mitte des Tischs nahm er sich einen Apfel und schien erst, als er schon hineinbeißen wollte, zu merken, dass es eine künstliche Frucht war.

Sie packte den Romanasalat aus und begann, die Blätter zu zerpflücken. »Was soll ich dich fragen?«

»Das weißt du ganz genau. Du fragst absichtlich nicht. Okay, dann frag ich eben für dich. ›Was hast du denn Tolles vor, Cherokee? Was hast du am Laufen? Warum brauchst du kein Auto mehr?‹ Jetzt kommt die Antwort: Weil ich mir ein Boot kaufe. Und das Boot deckt alles ab – Transport, Einkommen, Unterkunft.«

»Träum weiter, Butch«, murmelte China. Cherokees Lebenseinstellung hatte in vielerlei Hinsicht eine fatale Ähnlichkeit mit der dieses Banditen aus dem Wilden Westen: Immer ging es darum, das schnelle Geld zu machen, etwas umsonst zu bekommen, gut zu leben.

»Nein«, widersprach er. »Das ist eine todsichere Sache. Das richtige Boot hab ich schon gefunden. Es liegt unten in Newport – ein Fischkutter. Im Augenblick nehmen sie Leute zum Fang mit raus. Gute Kohle. Sie fischen Tunfisch und Makrelen. Meistens sind es Tagesausflüge. Die richtig fette Kohle verdienen sie mit Fahrten runter zur Baja. Es muss einiges dran gemacht werden, aber ich würde auf dem Boot wohnen, während ich es richte. Was ich an Material brauche, würde ich mir dort in den Ausstattungsgeschäften besorgen – dazu brauche ich kein Auto –, und ich würde das ganze Jahr über Leute mit rausnehmen.«

»Was verstehst du denn schon von der Hochseefischerei? Und von Booten? Und woher willst du überhaupt das Geld nehmen?« China schnitt ein Stück Gurke in den Romanasalat. Sie betrachtete Cherokees unerwartetes Auftauchen im Licht ihrer letzten Frage und sagte: »Fang gar nicht erst davon an, Bruderherz.«

»Hey! Wofür hältst du mich? Ich sagte doch, dass ich was am Laufen habe, und das stimmt auch. Verdammt noch mal, ich dachte, du würdest dich für mich freuen. Ich hab nicht mal versucht, Mam anzupumpen.«

»Weil die so viel Geld hat!«

»Sie hat immerhin das Haus. Ich hätte sie bitten können, es mir zu überschreiben, damit ich eine zweite Hypothek aufnehmen und mir das Geld auf die Weise beschaffen kann. Sie hätte sofort mitgemacht, und das weißt du auch.«

China musste ihm zustimmen. Wann hatte ihre Mutter zu Cherokees zweifelhaften Projekten je nein gesagt? Er hat Asthma, pflegte sie in seiner Kindheit entschuldigend zu sagen. Und später war der Spruch zu: Er ist eben ein Mann mutiert.

»Bei mir brauchst du es jedenfalls auch nicht zu versuchen«, sagte China. »Was ich habe, ist für mich und Matt und die Zukunft.«

»Als ob …« Cherokee stand auf, ging zur Küchentür und öffnete sie. Die Hände an den Rahmen gestützt, blickte er hinaus in den ausgedörrten Garten.

»Als ob was?«

»Ach, vergiss es.«

China wusch zwei Tomaten und begann, sie aufzuschneiden. Sie warf einen Blick auf ihren Bruder. Mit zusammengezogenen Augenbrauen stand er da und kaute auf der Unterlippe. Sie konnte in seinem Gesicht lesen wie in einem offenen Buch: Er heckte etwas aus.

»Ich hab was gespart«, sagte er. »Es reicht natürlich nicht, aber ich sehe eine Möglichkeit, mir einen ganz netten Batzen dazuzuverdienen.«

»Du willst behaupten, du hättest dir die ganze mühselige Tramperei hier herauf nicht angetan, um mich um einen kleinen Zuschuss zu bitten? Du hast dir vierundzwanzig Stunden am Straßenrand um die Ohren geschlagen, um mir einen Freundschaftsbesuch zu machen und von deinen Plänen zu erzählen? Mich zu fragen, ob ich Thanksgiving zu Mam fahre? Logisch ist das nicht gerade. Es gibt Telefone. E-Mail. Telegramme. Zur Not auch Rauchzeichen.«

Er drehte sich zu ihr um und sah einen Moment schweigend zu, während sie eine Hand voll Champignons säuberte. »Wenn du’s genau wissen willst«, sagte er schließlich, »hab ich zwei kostenlose Flugtickets nach Europa und dachte, meine kleine Schwester hätte vielleicht Lust, mitzukommen. Darum bin ich hier. Um zu fragen, ob du mitfliegst. Du warst doch noch nie dort, oder? Nenn’s einfach ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk.«

China ließ das Messer sinken. »Wie, zum Teufel, bist du an zwei kostenlose Tickets nach Europa gekommen?«

»Kurierdienst.«

Kuriere, erklärte er, wurden eingesetzt, um Dokumente und Unterlagen von den Vereinigten Staaten an Bestimmungsorte rund um die Erde zu befördern, wenn der Absender fürchtete, die üblichen Beförderungsdienste wie Post, Federal Express oder UPS würden sie nicht sicher und rechtzeitig an den Empfänger ausliefern können. Unternehmen oder Privatpersonen kauften daher dem interessierten Reisenden ein Ticket an den Zielort – manchmal zahlten sie obendrein ein Honorar –, und sobald die Sendung in den Händen des Empfängers angelangt war, konnte der Kurier sich entweder ein paar schöne Tage vor Ort machen oder aber von dort aus weiterreisen, ganz wie er wollte.

Bei Cherokee war es so gewesen, dass er am Schwarzen Brett der Universität in Irvine eine Anzeige gesehen hatte – »von einem Anwalt in Tustin, wie sich herausstellte« –, in der es hieß, man suche einen Kurier zur Beförderung einer Sendung nach Großbritannien und sei bereit, neben zwei Flugtickets ein angemessenes Honorar zu bezahlen. Cherokee hatte sich beworben und war unter der Bedingung genommen worden, dass er »auf korrekte Kleidung und einen ordentlichen Haarschnitt« achtete.

»Fünftausend Dollar Honorar«, schloss Cherokee aufgekratzt. »Wenn das kein guter Deal ist!«

»Was?! Fünftausend Dollar?« China war augenblicklich misstrauisch. »Moment mal, Cherokee. Was ist das für eine Sendung?«

»Baupläne. Deswegen hab ich ja bei dem zweiten Ticket sofort an dich gedacht. Architektur – das ist doch genau dein Ding.« Cherokee kehrte an den Tisch zurück, drehte den Stuhl herum und ließ sich diesmal rittlings darauf nieder.

»Und warum bringt der Architekt die Pläne nicht selbst rüber? Oder mailt sie übers Internet? Dafür gibt’s extra ein Programm, oder wenn der Empfänger es nicht hat, warum schickt er dann die Pläne nicht per Diskette rüber?«

»Keine Ahnung! Ist mir auch egal. Fünf Riesen und ein Flugticket, China. Überleg doch mal.«

»Eben!« China schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sauber sein. Nein, auf mich brauchst du da nicht zu zählen.«

»Hey! Wir reden von Europa. Big Ben. Der Eiffelturm. Das Kolosseum!«

»Dann amüsier dich mal gut. Wenn du nicht vorher am Zoll wegen Heroinschmuggel verhaftet wirst.«

»Glaub mir, die Sache ist total einwandfrei.«

»Fünftausend Dollar, nur um ein harmloses Päckchen zu befördern? Das glaub ich nie.«

»Mensch, China, sei nicht so. Du musst mitkommen.«

In seiner Stimme schwang ein Unterton, der sich als Ungeduld zu tarnen suchte, aber zu Verzweiflung zu werden drohte, und China sagte argwöhnisch: »Was ist los, Cherokee? Sag mir die Wahrheit.«

Cherokee zupfte an der Vinylkordel rund um den Rand der Stuhllehne. »Also, der Deal läuft nur, wenn ich mit meiner Frau reise.«

»Was?«

»Ich meine, die Tickets sind für ein Ehepaar. Das wusste ich erst nicht, aber als der Anwalt gefragt hat, ob ich verheiratet bin, hab ich ja gesagt, weil ich ihm angesehen habe, dass er darauf gewartet hat.«

»Aber warum denn?«

»Ist doch völlig egal. Merkt doch kein Mensch, dass wir kein Paar sind. Wir haben den gleichen Nachnamen. Wir sehen uns nicht ähnlich. Wir tun einfach so –«

»Nein! Ich meine, warum muss ein Ehepaar das Päckchen rüberbringen? In ›korrekter Kleidung‹ und mit einem ›ordentlichen Haarschnitt‹. Damit sie nicht auffallen, sondern möglichst harmlos aussehen und auf keinen Fall Verdacht erregen? Mensch, Cherokee, jetzt schalte doch mal dein Hirn ein. Das ist garantiert eine Schmuggelgeschichte, und du landest im Knast.«

»Du siehst wirklich überall Gespenster. Ich hab’s nachgeprüft. Wir haben es mit einem Anwalt zu tun. Er ist echt, sag ich dir.«

»Na klar, das erhöht mein Vertrauen ganz ungemein.« Sie verteilte kleine Karotten auf dem Tellerrand, streute eine Hand voll Kürbiskerne über den Salat, träufelte Zitrone darauf und trug den Teller zum Tisch. »Also, ich mach da nicht mit. Du musst dir schon eine andere Mrs. River suchen.«

»Aber es ist niemand anders da. Und selbst wenn ich auf die Schnelle jemanden finden könnte – auf den Tickets muss River stehen, und der Pass muss mit dem Ticket übereinstimmen und … Komm schon, China.« Er hörte sich an wie ein kleiner Junge, der nicht glauben konnte, dass sein schöner Plan, von dem er geglaubt hatte, er ließe sich mit einem Abstecher nach Santa Barbara leicht verwirklichen, ins Wasser zu fallen drohte. Das war typisch Cherokee: Hey, ich hab eine Idee – und natürlich machten die anderen einfach mit.

Aber China war dazu nicht bereit. Sie liebte ihren Bruder. Obwohl er der Ältere war, hatte sie ihn immer bemuttert, nicht nur in der Kindheit, sondern auch später noch, als sie beide Teenager gewesen waren. Aber so sehr sie Cherokee liebte, sie würde ihn keinesfalls bei einem Plan unterstützen, der zwar vielleicht leicht verdientes Geld, aber auch sie beide in Gefahr bringen würde.

»Kommt nicht in Frage«, sagte sie. »Vergiss es. Such dir einen Job. Irgendwann musst du mal dem wahren Leben ins Gesicht sehen.«

»Das versuch ich doch gerade.«

»Dann such dir eine geregelte Arbeit. Früher oder später musst du das sowieso tun. Dann am besten gleich.«

»Na toll!« Er sprang auf. »Das ist echt klasse, China. Such dir eine geregelte Arbeit. Sieh dem wahren Leben ins Gesicht. Und ich bemüh mich, hab sogar schon eine Idee, wie ich drei Fliegen mit einer Klappe schlage – Job, Haus und Geld –, aber dir ist das offensichtlich nicht gut genug. Es muss das wahre Leben sein und ein Job, so wie du ihn dir vorstellst.« Er stürmte zur Tür hinaus in den Garten.

China folgte ihm. Ein Vogelbad stand in der Mitte des vertrockneten Rasens, Cherokee kippte das Wasser aus, packte eine Drahtbürste neben dem Sockel und attackierte damit zornig schrubbend die Algen im geriffelten Becken. Er lief zum Haus, wo ein zusammengerollter Schlauch lag, drehte das Wasser auf und zog den Schlauch zum Vogelbecken, um es neu zu füllen.

»Jetzt hör doch mal zu«, sagte China.

»Vergiss es«, entgegnete er. »Du findest es blöd. Und mich findest du genauso blöd.«

»Hab ich das gesagt?«

»Ich will nicht so leben wie alle anderen – jeden Tag malochen von acht bis fünf für ein paar lausige Kröten –, aber das passt dir nicht. Für dich gibt es nur eine Art, sein Leben zu führen, und jeder, der andere Vorstellungen hat, ist unrealistisch und blöd und kann nur im Knast enden.«

»Wo kommt denn das alles her?«

»Deiner Ansicht nach soll ich mich für Peanuts krumm und bucklig schuften und die paar Mäuse auch noch brav auf die hohe Kante legen, damit ich am Ende mit einer Hypothek und einem Stall voll Kinder und einer Ehefrau dastehe, die vielleicht eine bessere Ehefrau und Mutter ist als Mam. Aber das ist dein Lebensentwurf! Nicht meiner.« Er schleuderte den Schlauch auf die Erde.

»Das hat mit Lebensentwürfen gar nichts zu tun. Hier geht’s um vernünftige Überlegung. Schau dir doch mal genau an, was du da vorhast, was man dir anträgt!«

»Geld«, sagte er. »Fünftausend Dollar. Fünftausend Dollar, die ich, verdammt noch mal, brauche.«

»Um dir ein Boot zu kaufen, obwohl du von Booten nichts verstehst? Und mit irgendwelchen Leuten weiß Gott wohin zum Fischfang rauszufahren, von dem du auch keine Ahnung hast? Denk doch wenigstens mal nach! Wenn schon nicht über das Boot, dann wenigstens über die Kuriergeschichte.«

»Ich?« Er lachte scharf. »Ich soll nachdenken? Und wann fängst du mal damit an?«

»Ich? Wie –«

»Ich kann’s nicht fassen. Du sagst mir, wie ich mein Leben zu führen habe, während deines ein einziger Witz ist und du es nicht mal merkst. Ich biete dir eine Chance, da rauszukommen, zum ersten Mal seit Jahren – zehn Jahren oder mehr – was zu ändern, und dir fällt nichts Besseres ein, als –«

»Was? Wo soll ich rauskommen?«

»– mich niederzumachen, weil dir mein Lebensstil nicht gefällt. Dass deiner viel erbärmlicher ist, das siehst du gar nicht.«

»Was weißt du denn schon über mein Leben?« Sie war jetzt auch aufgebracht. Sie hasste diese Art ihres Bruders, die Dinge zu verdrehen. Wenn man mit ihm über die Entscheidungen sprechen wollte, die er getroffen hatte oder zu treffen gedachte, drehte er unweigerlich den Spieß um und nahm einen selbst aufs Korn. Immer ging er sofort zum Angriff über, dem man nur unbeschadet entkommen konnte, wenn man schlagfertig war. »Erst lässt du dich monatelang nicht sehen, dann brichst du in mein Haus ein, verlangst meine Hilfe bei irgendeinem zwielichtigen Geschäft, und wenn ich dann nicht spure, wie du es erwartet hast, bin plötzlich ich an allem schuld. Aber dieses Spiel mache ich nicht mit, mein Lieber.«

»Logo. Du machst nur Matts Spielchen mit.«

»Was soll das heißen?«, fragte China scharf, aber sie konnte es nicht ändern: Bei der Nennung von Matts Namen erschrak sie.

»Mein Gott, China. Du findest mich dumm! Aber wann wirst du eigentlich mal gescheit?«

»Wie meinst du das? Wovon redest du?«

»Na, dieses ganze Getue mit Matt. Du lebst für Matt. Du sparst für Matt. Lächerlich ist das. Ach was, jämmerlich! Mensch, du bist so blind, dass du bis heute nicht gemerkt hast –« Er brach ab, als wäre ihm plötzlich eingefallen, wo er sich befand, mit wem er zusammen war und wie sie an diesen Punkt gekommen waren. Er bückte sich, hob den Schlauch auf, trug ihn zum Haus zurück und stellte das Wasser ab. Mit übertriebener Genauigkeit rollte er den Schlauch wieder zusammen.

China sah ihm zu. Ihr war auf einmal, als sei ihr ganzes Leben – die Vergangenheit und die Zukunft – auf diesen einen Moment geschrumpft, in dem sie wusste und nicht wusste, beides zugleich.

»Was weißt du von Matt?«, fragte sie ihren Bruder.

Einen Teil der Antwort kannte sie schon. Sie waren alle drei Teenager in demselben heruntergekommenen Viertel einer Stadt namens Orange gewesen, wo Matt Surfer gewesen war, Cherokee sein Fan und China der Schatten der beiden. Einen anderen Teil der Antwort jedoch hatte sie nie erfahren, weil der in den Stunden und Tagen versteckt war, in denen die beiden Jungen allein losgezogen waren, um in Huntington Beach die Wellen zu reiten.

»Vergiss es.« Cherokee drängte sich an ihr vorbei und ging wieder ins Haus.

Sie folgte ihm. Aber er machte weder in der Küche noch im Wohnzimmer Halt. Er ging direkt nach vorn durch, zog die Fliegengittertür auf und trat auf die windschiefe Veranda. Erst dort blieb er stehen und sah mit zusammengekniffenen Augen zur hellen, heißen Straße hinaus, wo die Sonne auf die geparkten Autos herunterbrannte und ein Windstoß welkes Laub raschelnd über das Pflaster fegte.

»Ich finde, du solltest mir sagen, worauf du anspielst«, sagte China. »Du hast davon angefangen. Jetzt bring es auch zu Ende.«

»Vergiss es«, sagte er erneut.

»Du hast von jämmerlich gesprochen. Von lächerlich. Von einem Spiel.«

»Das ist mir nur so rausgerutscht«, sagte er. »Ich war sauer.«

»Du triffst Matt doch, wenn er seine Eltern besucht. Und dann redest du auch mit ihm, oder nicht? Was weißt du, Cherokee? Hat er –« Sie wusste nicht, ob sie es wirklich aussprechen konnte, so groß war ihre Angst vor der Gewissheit. Aber da waren seine langen Abwesenheiten, seine Reisen nach New York, seine Absagen. Er lebte zwar in Los Angeles, wenn er nicht auf Reisen war, aber wenn er wirklich einmal zu Hause war, hatte er fast immer so viel zu tun, dass nicht einmal Zeit für ein Wochenende mit ihr blieb. Sie hatte sich einzureden versucht, dass das alles – gemessen an den gemeinsam verbrachten Jahren – keine Bedeutung hatte. Aber ihre Zweifel waren gewachsen, und jetzt standen sie vor ihr und forderten, anerkannt oder verworfen zu werden.

»Hat Matthew eine andere?«, fragte sie ihren Bruder.

Prustend schüttelte er den Kopf. Aber es schien weniger eine Antwort auf ihre Frage zu sein als eine Reaktion auf die Tatsache, dass sie die Frage überhaupt gestellt hatte.

»Fünfzig Dollar und ein Surfbrett hab ich verlangt«, sagte er. »Ich hab für die Ware garantiert – sei einfach nett zu ihr, hab ich gesagt, dann macht sie schon mit –, und daraufhin hat er gezahlt.«

China hörte die Worte, und im ersten Moment weigerte sich ihr Hirn, sie aufzunehmen. Aber sie erinnerte sich; erinnerte sich, wie Cherokee damals mit dem Surfbrett nach Hause gekommen war und triumphierend gerufen hatte: »Matt hat es mir geschenkt!« Und sie erinnerte sich an das, was folgte: Sie war siebzehn Jahre alt gewesen, ungeküsst und unberührt, ohne jede Erfahrung mit jungen Männern, und eines Tages war Matthew Whitecomb gekommen – groß und schüchtern, auf dem Surfbrett ein Ass, aber Mädchen gegenüber ein Tollpatsch – und hatte sie vor Verlegenheit stammelnd gefragt, ob sie einmal mit ihm ausgehen würde. Nur war das nicht Verlegenheit gewesen, sondern das Verlangen danach, die Ware in Besitz zu nehmen, die er ihrem Bruder abgekauft hatte.

»Du hast mich verkauft –«

Cherokee drehte sich herum und sah sie an. »Er findet dich gut im Bett, China. Das ist es. Das ist alles. Weiter nichts.«

»Das glaube ich dir nicht.« Aber ihr Mund war trocken, trockener als ihre Haut sich im heißen Wüstenwind angefühlt hatte, trockener sogar als die ausgedörrte, brüchige Erde, in der die Blumen welkten und die Regenwürmer sich verkrochen.

Sie tastete hinter sich nach dem rostigen Knauf der alten Fliegengittertür und ging ins Haus. Ihr Bruder folgte ihr betreten, sie hörte es an seinem schlurfenden Schritt.

»Ich wollte es dir nicht sagen«, erklärte er. »Es tut mir Leid. Ich wollte es dir niemals sagen.«

»Hau ab!«, erwiderte sie. »Geh einfach weg. Los, geh!«

INSEL GUERNSEY Ärmelkanal

5. Dezember, 6 Uhr 30

Ruth Brouard fuhr erschrocken aus dem Schlaf. Irgendetwas stimmte nicht im Haus. Sie blieb still liegen und lauschte in die Dunkelheit, wie sie es vor vielen Jahren gelernt hatte, als es galt, abzuwarten, ob das Geräusch sich wiederholen würde, und daraus zu schließen, ob sie in ihrem Versteck sicher war oder fliehen sollte. Was für ein Geräusch das eben gewesen war, hätte sie in diesem Moment angestrengten Horchens nicht sagen können, aber es war nicht einer der gewohnten nächtlichen Laute gewesen wie das Ächzen des Hauses, das Klappern eines Fensters in seinem Rahmen, das Rauschen des Windes oder der Schrei einer Möwe, die im Schlaf gestört worden war. Ihr Puls begann schneller zu schlagen, während sie sich, immer noch angespannt lauschend, zwang, die verschiedenen Gegenstände im Zimmer zu unterscheiden, um jeden Einzelnen zu mustern und seinen Standort in der Dunkelheit mit jenem zu vergleichen, den er bei Tag innehatte, wenn weder Gespenster noch Einbrecher es wagen würden, den Frieden des alten Herrenhauses zu stören, in dem sie lebte.

Sie hörte nichts Ungewöhnliches mehr und schrieb ihr plötzliches Erwachen einem Traum zu, an den sie sich nicht erinnern konnte. Die Überempfindlichkeit ihrer Nerven lastete sie ihrer Fantasie an und dem Medikament, das sie einnahm, das stärkste Schmerzmittel, das der Arzt ihr anstelle des Morphiums, das ihr Körper brauchte, zu geben bereit war.

Sie stöhnte leise, als der Schmerz sich in ihren Schultern sammelte und in ihre Arme ergoss. Ärzte, dachte sie, waren moderne Krieger, ausgebildet, den Feind im Inneren bis auf die letzte Zelle zu bekämpfen. Darauf waren sie programmiert, und sie war dankbar dafür. Doch es gab Momente, da wusste der Patient mehr als der Arzt, und so ein Moment war jetzt gekommen. Sechs Monate, dachte sie. Zwei Wochen bis zu ihrem sechsundsechzigsten Geburtstag, den siebenundsechzigsten würde sie nicht mehr erleben. Nach einer Ruhepause von zwanzig Jahren, in der sie sich zum Optimismus hatte verführen lassen, hatte die teuflische Krankheit es geschafft, von ihrer Brust in ihre Knochen vorzustoßen.

Sie drehte sich vom Rücken auf die Seite, und ihr Blick fiel auf die rote Digitalanzeige des Weckers neben ihrem Bett. Es war später, als sie gedacht hatte. Sie hatte sich von der Jahreszeit irreführen lassen und wegen der Dunkelheit angenommen, es wäre erst zwei oder drei Uhr; aber es war schon halb sieben, nur eine Stunde vor der Zeit, zu der sie gewöhnlich aufstand.

In dem Zimmer nebenan nahm sie ein Geräusch wahr, aber kein ungewöhnliches, das Traum oder Fantasie entsprungen war. Es war das sachte Reiben von Holz auf Holz, als eine Schranktür geöffnet und wieder geschlossen, eine Kommodenschublade aufgezogen und wieder zugeschoben wurde. Etwas schlug mit gedämpftem Aufprall auf den Boden, und Ruth sah ihn augenblicklich vor sich, wie er in der Hast die Laufschuhe fallen ließ.

Er hatte sich wahrscheinlich schon in seine Badehose hineingezwängt – dieses Zipfelchen himmelblauen Lycras, das sie für einen Mann seines Alters absolut unpassend fand – und seinen Trainingsanzug darüber gezogen. Nun brauchte er nur noch in die Schuhe zu schlüpfen, und eben das tat er im Moment, wie ein Knarren des Schaukelstuhls Ruth verriet.

Lächelnd lauschte sie dem Tun ihres Bruders. Guy war so zuverlässig wie die Wiederkehr der Jahreszeiten. Er hatte gestern Abend gesagt, dass er am Morgen schwimmen gehen würde, also tat er das auch – wie im Übrigen jeden Morgen. Durch den Park pflegte er zur Straße zu laufen und in strammem Tempo, um warm zu werden, zum Strand hinunterzumarschieren, allein auf der schmalen Serpentinenstraße, die einen Zickzacktunnel in die Bäume schnitt. Mehr als alles andere bewunderte Ruth an ihrem Bruder seine Fähigkeit, an seinen Plänen festzuhalten und sie zum Erfolg zu führen.

Sie hörte ihn seine Zimmertür schließen und wusste schon, wie es weitergehen würde: In der Dunkelheit würde er sich den Weg zum Wäscheschrank ertasten und ein Handtuch herausnehmen. Dafür würde er vielleicht zehn Sekunden brauchen, danach aber sicher fünf Minuten, um seine Schwimmbrille zu suchen, die er bei seiner Heimkehr gewöhnlich gedankenlos irgendwo hinzuwerfen pflegte, in den Messerkasten oder den Zeitungsständer oder aufs Büfett im Frühstückszimmer. Mit der Schwimmbrille in der Hand würde er in die Küche gehen, um sich einen Tee zu kochen – eine dampfende Mischung aus Ginkgo und Grüntee, die er stets auf seinen Morgenausflug mitnahm, als Belohnung nach einem Bad bei Wassertemperaturen, die gewöhnliche Sterbliche abgeschreckt hätten –, und dann losgehen, über den Rasen zu den Kastanien, zur Auffahrt dahinter und weiter bis zu der Mauer, die das Anwesen begrenzte. Wie immer. Wieder lächelte sie bei dem Gedanken an diese Zuverlässigkeit ihres Bruders, ein Wesenszug, den sie an ihm am meisten liebte und dem es zu verdanken war, dass Ruth sich geborgen fühlte, obwohl es eigentlich anders hätte sein müssen.

Sie sah zu, wie die Ziffern auf ihrer Digitaluhr umsprangen, während die Minuten verstrichen und ihr Bruder seine Vorbereitungen traf. Jetzt stand er wahrscheinlich am Wäscheschrank, jetzt ging er die Treppe hinunter, suchte die Schwimmbrille und verfluchte sein Gedächtnis, das ihn nun, da er sich den Siebzig näherte, immer öfter im Stich ließ, jetzt war er vermutlich in der Küche und genehmigte sich vielleicht sogar heimlich einen kleinen Imbiss vor dem Schwimmen.

In dem Moment, an dem das allmorgendliche Ritual Guy aller Voraussicht nach aus dem Haus führen würde, stand Ruth auf und hängte sich ihren Morgenrock um die Schultern. Mit nackten Füßen ging sie zum Fenster und zog den schweren Vorhang auf die Seite. Sie zählte von zwanzig rückwärts, und als sie bei fünf ankam, sah sie ihn unten aus dem Haus treten, so zuverlässig wie der Ablauf der Stunden, die den Tag bestimmten, wie der Dezemberwind, der das Salz des Ärmelkanals über das Land wehte.

Er hatte an, was er immer anhatte: eine rote Wollmütze, die er über das volle, ergrauende Haar tief in die Stirn gezogen trug, so dass sie seine Ohren bedeckte, den marineblauen Trainingsanzug, der an Ellbogen, Manschetten und Knien noch Flecken von der weißen Farbe hatte, mit der er im vergangenen Sommer den Wintergarten gestrichen hatte, Laufschuhe ohne Socken – das allerdings konnte sie von oben nicht erkennen, aber sie kannte ihren Bruder und wusste, wie er sich zu kleiden pflegte. Er trug die Thermoskanne mit dem Tee in der Hand. Ein Badetuch lag um seinen Hals. Die Schwimmbrille steckte vermutlich in einer seiner Taschen.

»Viel Spaß beim Schwimmen«, sagte sie, die Lippen an der eisigen Fensterscheibe. Und fügte hinzu, was er immer zu ihr sagte, was ihre Mutter ihnen vor langer Zeit zugerufen hatte, als der Fischkutter abgelegt hatte, um sie von zu Hause fort in die pechschwarze Nacht hinauszutragen: »Au revoir et adieu, mes chéris.«

Ihr Blick folgte ihm, als er wie jeden Morgen unten den Rasen überquerte, um die Bäume und die Auffahrt hinter ihnen zu erreichen.

Aber an diesem Morgen blieb er nicht allein. Als er bei den Kastanien anlangte, löste sich aus ihrem Schatten eine Gestalt und folgte ihm.

 

Vor sich sah Guy Brouard die Lichter im Haus der Duffys, einem kompakten Steinbau, der einen Teil der Grenzmauer des Besitzes bildete. In dem Häuschen mit dem steilen Giebeldach, in dem früher die Pächter des Freibeuters, der Le Reposoir zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts erbaut hatte, ihre Abgaben entrichten mussten, lebte jetzt das Ehepaar, das Guy und seiner Schwester bei der Pflege und Instandhaltung des Besitzes half: Kevin Duffy, der für die Außenarbeiten zuständig war, und seine Frau Valerie, die den Haushalt führte.

Das Licht im Haus verriet, dass Valerie schon auf den Beinen war, vermutlich machte sie gerade Kevin das Frühstück. Typisch Valerie – Ehefrauen wie sie, die es als ihre Aufgabe und ihr Privileg betrachteten, für ihren Mann zu sorgen, gab es heute nicht mehr. Hätte er, sagte sich Guy, gleich so eine Frau gefunden, so hätte er es nicht nötig gehabt, sein ganzes Leben damit zu vertun, sämtliche sich bietenden Möglichkeiten durchzuprobieren, um vielleicht doch noch die Richtige zu finden.

Die beiden Frauen, mit denen er verheiratet gewesen war, hatten dem traurigen Stereotyp entsprochen. Ein Kind mit der Ersten, zwei Kinder mit der Zweiten, ein schönes Zuhause, schöne Autos, schöne Urlaube in der Sonne, Kindermädchen, Internate … das alles hatte nicht gezählt: Du arbeitest zu viel. Du bist nie zu Hause. Du liebst deine Arbeit mehr als mich. Endlose Variationen zu einem tödlichen Thema. Kein Wunder, dass er es nicht geschafft hatte, treu zu bleiben.

Guy ließ die kahlen Kastanien hinter sich und folgte der Auffahrt in Richtung zur Straße. Noch war alles still, aber als er das eiserne Tor erreichte und den einen Flügel aufzog, begannen in den Bombeersträuchern, im Schwarzdorn und im Efeu, der an der schmalen Straße wucherte und sich an der von Flechten überzogenen Steinmauer emporzog, die ersten Vögel zu zwitschern.

Es war kalt. Dezember. Was konnte man da anderes erwarten. So früh am Tag ging wenigstens noch kein Wind, wenn auch für später ein seltener Südostwind angesagt war, der das Schwimmen nach Mittag unmöglich machen würde. Aber es war ohnehin nicht zu erwarten, dass außer ihm jemand auf den Gedanken kam, im Dezember zu schwimmen. Das war einer der Vorteile, wenn man nicht kälteempfindlich war: Man hatte das Wasser für sich allein.

Und so war es Guy Brouard am liebsten. Denn beim Schwimmen ließ sich gut nachdenken, und er hatte meistens eine Menge nachzudenken.

Heute war das nicht anders. Mit der Grenzmauer des Besitzes zu seiner Rechten und den hohen Hecken des umgebenden Ackerlands zu seiner Linken, ging er durch das graue Morgenlicht die Straße entlang zur ersten scharfen Kurve auf dem Weg, der ihn den steilen Hügel hinunter zur Bucht führen würde. Er dachte darüber nach, was er in seinem Leben in den letzten Monaten angerichtet hatte, einiges bewusst und nach reiflicher Überlegung, anderes als Konsequenz von Ereignissen, die niemand hätte voraussehen können. Bei seinen engsten Weggefährten hatte er nicht nur Enttäuschung und Befremden hervorgerufen, sondern auch das Gefühl, betrogen worden zu sein. Und weil es seit langem seine Gewohnheit war, die Dinge, die ihm am meisten am Herzen lagen, für sich zu behalten, hatten sie nicht begreifen können, wie sie sich in ihren Erwartungen hinsichtlich seiner Person so gründlich hatten irren können. Nahezu ein Jahrzehnt lang hatte er sie ermuntert, in Guy Brouard den ewigen Wohltäter zu sehen, väterlich besorgt um ihre Zukunft und auf die großzügigste Weise bemüht, diese Zukunft zu sichern. Er hatte sie damit nicht irreführen wollen. Im Gegenteil, es war stets seine Absicht gewesen, jedem von ihnen seinen geheimen Traum zu erfüllen.

Aber nur so lange, bis er das erste Mal auf Ruths Gesicht die Grimasse des Schmerzes wahrgenommen hatte, die sie sich erlaubte, wenn sie dachte, er sähe es nicht, und bevor er begriffen hatte, was diese Grimasse bedeutete. Er hätte vermutlich nichts gemerkt, hätte sie nicht plötzlich angefangen, sich unter dem Vorwand, auf den Klippen wandern zu wollen, fortzustehlen. Am Icart Point mit seinen von Feldspatkristallen durchzogenen Gneisfelsen hole sie sich die Inspiration für eine künftige Petit-Point-Arbeit, behauptete sie. In Jerbourg, berichtete sie, bildeten die Schieferschichten im Stein Bänder in unterschiedlichem Grau, die es einem erlaubten, den Weg zu verfolgen, den Zeit und Natur bei der Ablagerung von Schlick und Sedimenten in dem uralten Gestein genommen hatten. Sie skizziere den Stechginster, sagte sie, und zeichne mit ihren Stiften Grasnelke und Lichtnelke in Rosa und Weiß. Sie sammle Margeriten, arrangiere sie auf der zerklüfteten Oberfläche eines Granitblocks und fertige Zeichnungen von ihnen an. Sie pflücke beim Wandern je nach Jahreszeit und persönlicher Neigung Glockenblumen, Ginster, Heidekraut, Stechginster, wilde Narzissen und Lilien. Aber irgendwie schafften es die Blumen nie bis nach Hause. »Sie haben zu lange im Auto gelegen, ich musste sie wegwerfen«, pflegte sie zu erklären. »Wilde Blumen halten nicht, wenn man sie pflückt.«

Monat um Monat war das so gegangen. Aber Ruth war keine Klippenwanderin. Sie war auch keine Blumensammlerin oder Geologiestudentin. Natürlich wurde Guy misstrauisch.

Anfangs glaubte er törichterweise, es gäbe endlich einen Mann im Leben seiner Schwester und es sei ihr peinlich, ihm das zu sagen. Dann aber sah er eines Tages ihren Wagen vor dem Princess-Elizabeth-Hospital stehen, und dieser Zufall, mit ihrem häufig schmerzverzerrten Gesicht und den langen Rückzügen in ihr Zimmer in Verbindung gebracht, zwang ihn, zur Kenntnis zu nehmen, was er nicht zur Kenntnis hatte nehmen wollen.

Seit der Nacht, als sie von Frankreichs Küste abgelegt hatten, um in einem Fischkutter unter Netzen versteckt die Flucht anzutreten, die viel zu lange hinausgezögert worden war, war sie in seinem Leben die einzige Konstante gewesen. Sie war sein Überlebensgrund gewesen, sein Ansporn, erwachsen zu werden, Pläne zu machen, erfolgreich zu sein.

Aber dies? Daran konnte er nichts ändern. Vor dem, woran seine Schwester jetzt litt, konnte kein Fischkutter in der Nacht sie retten.

Wenn er die anderen enttäuscht, befremdet und betrogen hatte, so war das nichts im Licht des drohenden Verlusts von Ruth.

Das morgendliche Schwimmen brachte ihm Erleichterung von den überwältigenden Ängsten, die diese Überlegungen auslösten. Er wusste, ohne das tägliche Bad in der Bucht würden die Gedanken an seine Schwester ihn aufzehren, ganz zu schweigen von dem Hadern mit seiner Ohnmacht, an ihrem Schicksal etwas zu ändern.

Die Straße, auf der er sich befand, war steil und schmal, die Ostküste der Insel war dicht bewaldet. Dank dem seltenen Auftreten rauer Winde aus Frankreich gediehen hier Bäume in üppiger Vielfalt. Das Geäst von Platanen und Kastanien, Eschen und Buchen bildete über Guy ein filigranes Gewölbe, das sich als graue Silhouette vom dunklen Zinn des noch beinahe nächtlichen Himmels abhob. Die Bäume standen auf schroffen, mit steinernen Mauern befestigten Hängen, zu deren Füßen das Wasser aus einer weiter landeinwärts gelegenen Quelle floss und auf seinem raschen Lauf zum Meer die Felsen umspülte.

Die Straße führte in Serpentinen abwärts, vorbei an einer schattigen Wassermühle und einem Hotel im Stil eines Schweizer Chalets, das fehl am Platz wirkte und über den Winter geschlossen war. Sie endete an einem kleinen Parkplatz mit einer Imbissbude, die verriegelt und mit Brettern gesichert war, und einer glitschigen Granitrampe, die früher Pferdefuhrwerken Zugang zum vraic geboten hatte, einer für die Kanalinseln typischen Tangart, die den Bauern als Dünger diente.

Die Luft war still, die Möwen hatten sich noch nicht von ihren Ruheplätzen auf den Felsen erhoben. Das Wasser in der Bucht war ruhig, ein aschefarbener Spiegel, der die Farbe des heller werdenden Himmels reflektierte. Es gab keine Wellen an diesem geschützten Ort, nur den sanften Schlag von Wasser auf Kiesel, eine sachte Berührung, die im Tang die kontrastierenden Gerüche erwachenden Lebens und lautlosen Verfalls freizusetzen schien.