Der Alpha Ermittler - Lili B. Wilms - E-Book

Der Alpha Ermittler E-Book

Lili B. Wilms

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Beschreibung

Kyle Unzählige Male hat sich Kyle vorgestellt, wie er seinen Erzfeind zur Rechenschaft ziehen kann. Doch niemals hat er sich ausgemalt, dass Aiden mitten in der Nacht blutend in Kyles Wohnung zusammenbricht. Natürlich wird er sein Leben retten, aber dann ist der arrogante Alpha wieder auf sich allein gestellt. Soweit Kyles Plan. Als Aidens Ermittlungen Kyle aber auf die Spur der verschwundenen Omegas bringen, wankt sein Entschluss, Aiden aus seinem Leben zu streichen. Die ungeplante Nähe zwischen ihnen weckt jedoch nicht nur überraschend verlockende Gefühle, sondern lenkt auch den Blick gefährlicher Leute auf Kyle. Aiden Aiden hätte sich niemals träumen lassen, dass Ermittlungen derart schieflaufen können. Und ausgerechnet der nervigste und süßeste Omega der Welt ist der Einzige, der ihn retten kann. Dazu kommt noch die Erkenntnis, dass sie beide viel enger miteinander verbunden sind, als es für alle Beteiligten gut ist. Zu allem Überfluss ist Kyle gar nicht so naiv wie gedacht und vor allem der Einzige, der Aiden in seinen riskanten Ermittlungen weiterbringt. Bis auf einmal alles auf dem Spiel steht. Der Alpha Ermittler ist eine Enemies to Lovers, Opposites attract, forced Proximity, just one Bed Geschichte voller Wortgefechte, Liebe auf den zweiten (oder dritten?) Blick und dann mit vielen Schmetterlingen Omegas und Alphas in Ejdon: Romantasy, Suspense, Fated Mates Male pregnancy ist im Omegaverse der Ejdon-Reihe als Teil der Welt vorgesehen. Sie geschieht in keinem der Bücher on page. Alle Bücher enden mit einem Happy End für die Liebesgeschichte, einem Happy for now in der begleitenden Hintergrundgeschichte und enthalten keine Cliffhanger.

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Lili B. Wilms

Der Alpha Ermittler

Omegas und Alphas in Ejdon Band 2

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2026

http://www.deadsoft.de

Bei Fragen zur Produktsicherheit:

[email protected]

Querenbergstr. 26, 49497 Mettingen, Germany

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte: © Binder Medienagentur – stock.adobe.com

© james – stock.adobe.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-833-7

ISBN 978-3-96089-834-4 (ebook)

Inhalt:

Kyle

Unzählige Male hat sich Kyle vorgestellt, wie er seinen Erzfeind zur Rechenschaft ziehen kann. Doch niemals hat er sich ausgemalt, dass Aiden mitten in der Nacht blutend in Kyles Wohnung zusammenbricht.

Natürlich wird er sein Leben retten, aber dann ist der arrogante Alpha wieder auf sich allein gestellt. Soweit Kyles Plan.

Als Aidens Ermittlungen Kyle aber auf die Spur der verschwundenen Omegas bringen, wankt sein Entschluss, Aiden aus seinem Leben zu streichen. Die ungeplante Nähe zwischen ihnen weckt jedoch nicht nur überraschend verlockende Gefühle, sondern lenkt auch den Blick gefährlicher Leute auf Kyle.

Aiden

Aiden hätte sich niemals träumen lassen, dass Ermittlungen derart schieflaufen können. Und ausgerechnet der nervigste und süßeste Omega der Welt ist der Einzige, der ihn retten kann. Dazu kommt noch die Erkenntnis,  dass sie beide viel enger miteinander verbunden sind, als es für alle Beteiligten gut ist.

Zu allem Überfluss ist Kyle gar nicht so naiv wie gedacht und vor allem der Einzige, der Aiden in seinen riskanten Ermittlungen weiterbringt. Bis auf einmal alles auf dem Spiel steht.

Der Alpha Ermittler ist eine Enemies to Lovers, Opposites attract, forced Proximity, just one Bed-Geschichte voller Wortgefechte, Liebe auf den zweiten (oder dritten?) Blick und dann mit vielen Schmetterlingen

Omegas und Alphas in Ejdon: Romantasy, Suspense, Fated Mates

Für Hana und Maia

und Natasha, den Menschen, den sie sich halten.

Vorwort

Siebzig Jahre nach dem Kriegsende in einer Welt, die der unseren gleicht, leben die Nachbarstaaten Ejdons, die nördlich davon hinter einem Gebirge ansässigen Wolfswandler und die östlichen Sitari-Inseln in einem angespannten Frieden.

Doch auch die Bewohner Ejdons, unter der Herrschaft einer Alphaoberklasse, leiden immer noch unter den Folgen.

In Geschichten erzählt man sich, dass es Seelengefährten waren, die unbeherrscht ihren eigenen Interessen nachgegangen sind, um bei ihren Omegas oder Alphas zu sein, und so den schrecklichen Krieg heraufbeschworen hatten.

Jedoch dienen diese Geschichten nur dazu, von den eigentlichen Gründen abzulenken. Orchestrierte digitale Berichterstattung und Geschichtsschreibung ließen die Leute einen eingeschränkten Blick auf die Vorkommnisse einnehmen.

Auch, wenn es immer wieder private Auseinandersetzungen über die Grenzen hinaus zwischen Seelengefährten, die unabhängig von Geschlecht oder Stand von den Göttinnen zusammengewürfelt worden waren, gab, lag der tatsächliche Grund des Beginns in der Gier der Ejdon-Alphas. Diese wollten sich einen wichtigen Teil des nördlich von Ejdon gelegenen Wandlerterritoriums einverleiben. Immer in der Hoffnung, von der Magie der Berge, die die beiden Völker auf dem Kontinent in der Mitte trennte und den Wandlern die Macht gab, ihre Form zu ändern, zu profitieren.

Doch auch die Verwicklung der Omegas auf den östlich gelegenen Sitari-Inseln brachte keine territorialen Veränderungen oder eine Entwicklung der Fähigkeiten der Bewohner Ejdons.

Das Resultat des Krieges waren unzählige Tote, Misstrauen auf allen Seiten, abgeriegelte Grenzen und das Gefühl in ständiger Bedrohung zu leben.

Nichts davon hielt die herrschenden Alphas in Ejdon davon ab, die Schuld für den Zustand, in dem sich die Region befand, den vermeintlich liebestollen und instabilen Omegas zuzuschreiben.

Nun sind alle Seelengefährten per Gesetz gezwungen, sich zu vermählen. Egal, wer die Parteien sind. Einmal verbunden, ist das Band unverrückbar. Wird es vernachlässigt, erleiden Omegas schwere physische und Alphas psychische Schäden. Doch dies wird in Kauf genommen, um die politische Stabilität in Ejdon zu garantieren. Individuelle Schicksale müssen hinter der Sicherheit des Landes zurückstehen.

Egal, ob Hofadel, Militäradel, Kämpfer für Omega-Rechte, Politiker oder Wohnungslose, alle müssen sich den Gesetzen beugen.

Trennungen werden von den Priestern nie durchgeführt.

Die Omegas, die über die östlich der Staatsgebiete Ejdons und der Wandler gelegenen Sitari-Inseln herrschen, haben sich von derartigen barbarischen Praktiken in Ejdon und den verfeindeten Nachbarn abgewandt. Sie leben isoliert auf ihrer Insel.

Die Wolfswandler und die Bewohner Ejdons, getrennt durch ein Gebirge, gehen aber nach wie vor einem Austauschprogramm nach, um den erkämpften wackligen Frieden zu halten. Wichtige Familien aus Ejdon schicken ausgewählte Omega-Kinder zu den Wandlern und diese im Gegenzug Alpha-Kinder als Bodyguards nach Ejdon, um sich gegenseitig zu erpressen und so den Frieden zu erzwingen.

Kontakt über die zugewiesenen Aufgaben hinausgehend oder gar Berührungen zwischen den Austauschmündeln und den Einwohnern Ejdons sind strengstens verboten. Freundschaftliche oder gar Seelenverbindungen sollen so strengstens unterbunden werden.

Doch auch in Ejdon kämpfen alle, die dort leben, um ihre Rechte und ihren Platz.

Der einst gewählte Präsident Kaneda schwingt sich zum Alleinherrscher auf.

Die Omega-Rechte werden weiter beschnitten, Hof- und Militäradel kämpfen um ihre Stellung im Alpha-Rat, der schweren Eingriffen in die Verfassung Ejdons zustimmen muss, und Kaneda schafft innen- und außenpolitisch Bedrohungen, wo keine wirklichen sind, um seine Macht zu legitimieren.

Während in der Hauptstadt Ejdon City Omega-Rechtler um ihre Rechte kämpfen, versucht eine Gruppe von Traditionalisten in der adeligen ländlichen Gegend des Landes, das Volk in eine ganz alte Zeit zurückzuführen.

Die Fronten verhärten sich.

Die unterschiedlichen Gruppierungen verfangen sich in gegenseitigen Vorwürfen.

Das Pulverfass droht hochzugehen.

Das Schicksal der ganzen Region hängt von den Entscheidungen einzelner Personen ab.

Was bisher geschah:

Bei einem Angriff auf das Haus des Alpha-Ratsmitglieds Keke Nurmi werden verborgene Staatsgeheimnisse gestohlen. Anhand der zurückgebliebenen Datenreste wird dem eingeschworenen Kreis um Keke klar, dass es sich um Ergebnisse der verbotenen DNA-Forschung am Band von Seelengefährten handelt. Eine Gruppe von Betas hatte noch in Zeiten vor dem großen Krieg versucht, das Seelenband in der DNA von Betas einzusetzen.

Wichtige Personen:

Keke Nurmi: Alpha-Ratsmitglied, Militäradel, Träger von Staatsgeheimnissen

Ryo Nakatsun: Omega-Prinz aus dem Hofadel, IT-Spezialist

Keiko Sakai: Alphaprinzessin, Mitglied des Alpha-Rates, Vertraute Kekes

Ren Watanabe: Straßenganove und Informant der verschiedenen Gruppierungen

Aiden Minato: Investigativjournalist, Social-Media-Person, Alpha

Kyle Nezu: Mitarbeiter im Omega-Haus, engagierter Aktivist für Omega-Rechte, Hundebesitzer

Sobo (förmliche Anrede) bzw. Obaachan (informelle Anrede): Großmutter bzw. Oma Kyles

Esa: Kollege von Kyle, Beta und interessiert an alter Forschung

Kapitel 1

Kyle

ὦμέγα – Ω

»Aus! Hana, aus!«

Meine Chihuahuahündin bellte unbeeindruckt weiter, während ihre Schwester Maia an ihrer Leine zog. Mein bester Freund beugte sich über meine Fellbabys und küsste mich auf die Wange.

Was Hana prompt dazu bewegte, Esa anzuknurren.

»Jetzt ist aber Schluss!«, herrschte ich sie an, was sie ebenfalls komplett ignorierte.

»Ist schon gut.« Esa, die Seele von Beta, die er war, beugte sich zu Hana, ließ sie kurz seine Hand beschnüffeln, strich hastig über ihr Fell und zog blitzschnell die Hand zurück. Ich war mir ziemlich sicher, dass sie nicht zubeißen würde. Manchmal schnappte sie nach ihm. Aber ich wollte fest glauben, dass sie ihre Drohungen nicht wahrmachte. Vermutlich.

»Irgendwann krieg ich dich schon rum, Hana! Vielleicht sollte ich anfangen, Leckerlis mitzunehmen, um dich milde zu stimmen.«

»Zum Glück bist du so geduldig!«

Esa zwinkerte mir zum Abschied zu. »Immer! Ich kann warten. Und jetzt geh rein. Ihr holt euch noch den Tod!«

Tatsächlich hatte der Frühlingsregen mittlerweile meine Jacke durchweicht und ein Kälteschauer durchfuhr mich. Eilig verfrachtete ich meine Babys und mich in unsere Einzimmerwohnung.

Wie jedes Mal, wenn ich sie betrat, wurde mir die Präsenz meiner Großmutter bewusst. Obaachan lebte noch in jeder Ritze. Ihr Geist erfüllte das kleine Zimmer, in dem wir zunächst zu zweit und dann mit den Fellnasen zu viert gelebt hatten. Und tatsächlich hatte ihr Geist Residenz über der Hintertür bezogen.

Nein, ich konnte sie weder sehen noch hören. Aber ihre Präsenz war allgegenwärtig. Mein Bewusstsein fühlte sie. Genauso wie wenn man ein Fenster öffnete. Oder schloss. Mein Körper spürte sofort ihren Geist wie den Windhauch, der in meine kleine Wohnung drang.

Egal, was in der Welt passierte, egal, wie ausweglos manche Situation wirkte, hier in unseren vier Wänden konnte ich auftanken und zu Kräften kommen.

Maia und Hana stürmten los, als ich ihre Leinen löste.

»Nicht auf das Bett! Ihr habt dreckige Pfoten!« Mein Protest verhallte. Ungehört. Oder vielmehr unbeachtet. Die beiden hatten ein hervorragendes Gehör, wenn sie wollten.

Während sie protestierten, als würde ich ihnen die Pfotennägel ausreißen, reinigte ich schnell ihre schmutzigen Körperchen und ließ sie dann auf meinem Bett, wo sie sich einkuschelten. Wir waren alle müde von der Demo. Aber Omega-Rechte fielen nun mal nicht vom Himmel. Dass in einer Millionenmetropole wie unserer Hauptstadt letztendlich auch nur wenige Tausend heute zur Kundgebung gekommen waren, frustrierte mich. Andererseits war ich um jede einzelne Person mehr als dankbar.

Ich zog meine nassen und verdreckten Klamotten aus und hing sie über die beiden Stühle, die ich hatte. Sie mussten trocknen, wenn ich sie in den Wäschesack stecken wollte. Den Wäschesack, der überquoll. Ein Gang zum Waschsalon war überfällig.

Die Dusche, die ich mir genehmigte, war kurz und heiß. Umso größer war der Kontrast, als ich in die kühle Wohnung zurücktrat. Wenn es nicht nötig war, würde ich nicht heizen. Diese Kosten sparte ich mir. Schnell schlüpfte ich in Unterwäsche und meinen flauschigen Hasenanzug. Ich zog ein paar Wollsocken über meine Füße und steckte sie dann in große Pantoletten, auf denen auf jedem Fuß ein Hasengesicht prangte. Wenn ich sie unter der Decke hervorschauen ließ, sah es aus, als ob zwei Kaninchen aus dem Unterholz lugten. Zu niedlich.

Bevor es aber unter meine Decke ging, brühte ich mir Tee auf. Der süß-bittere Geruch dampfte aus dem Kännchen und ich hatte fast alles, was ich für einen perfekten Abend brauchte.

Hinter mir hörte ich Maia und Hana über das Parkett tippeln. Sie setzten sich neben mich und ich drehte mich zu ihnen. Als ich zu ihnen hinabsah, schauten mich vier riesige Kulleraugen an.

Maia ging auf die Hinterbeine und machte Männchen. Hana, die ewige Streitnudel, bellte.

Demonstrativ sah ich auf die Küchenuhr. »Nun. Was wollt ihr von mir? Es ist noch nicht Essenszeit. Und das wisst ihr.«

Hana versuchte es mit einem Winseln und Maia atmete demonstrativ aus.

»Nein, nein. Ihr kommt jetzt mit und ich ziehe euch an. Das lenkt sicher vom Hunger ab.«

Mit gezieltem Griff kramte ich ihre rosa Pullis aus ihrer Kiste und zog meine Babys an. »Jetzt sind wir im Partnerlook. Ist das nicht herrlich?«

Ein Bellen war Hanas Antwort.

»Wie dem auch sei. Essen gibt es erst in einer Stunde.« Ich warf ihnen einen strengen Blick zu, setzte mich an den Küchentisch und wärmte mich an meinem Tee.

Bis zum Dinner für uns drei pflegte ich meine Social-Media-Accounts. Postete Bilder von der Demo, den Plakaten und von der Scheckübergabe für das Heim für obdachlose Omegas durch den Stadtteilvorsteher. Als Highlight teilte ich die niedlichsten Fotos von Hana und Maia. Bearbeitete einige und postete noch ein paar mehr. Sie waren einfach zu süß.

Alles in allem war ich sehr zufrieden mit dem Ergebnis des Tages – verewigt auf meinem Account. Meine Hundebabys, Omega-Rechte, mir selbst schmeichelnde Bilder.

Für die Social-Media-Betreuerin des Omega-Hauses suchte ich ebenfalls ein paar gute Fotos raus und schickte sie ihr.

Als ich das nächste Mal von meiner Arbeit aufsah, fiel mein Blick auf meine Hunde. Hana begann sofort zu bellen und Maia stimmte mit ein. Ich sah auf die Uhr meines Handys und lachte.

»So lange musstet ihr hungern. Fünf Minuten nach eurer Zeit. Das ist ja unerträglich.«

Beide stimmten mir mit einem erbärmlichen Hundegeheule zu.

Während sie fraßen, aß ich eine Schale Tütensuppe.

Die Erschöpfung des Spendenmarathons durch die Stadt, die Kälte, der Regen, die vielen Menschen, Anfeindungen, die uns begegnet waren, die Zustimmung von Passanten, der ganze Tag forderte seinen Tribut und ich drehte meine kleine Runde durch meine Miniwohnung. Ich verschloss die Tür zur Straße, verriegelte die Hintertür zum Hinterhof, in dem die Mülltonnen waren, und überprüfte, ob das Kippfenster in der Nasszelle sicher verschlossen war.

Im Erdgeschoss zu wohnen, hatte Vorteile. Doch es brachte auch immer ein Gefühl von Angreifbarkeit mit sich. In diesen Momenten war das Bewusstsein, dass mich Obaachan mit ihrem Tod nicht komplett verlassen hatte, beruhigend.

Als ich in die Wohnküche zurückkam, drängte sich Hana an Maia, um die Reste aus deren Futternapf zu ergattern, während Maia sie anknurrte. »Schluss! Aus!«

Ich schnappte mir Hana und Maia verschlang die letzten Bissen. »Ihr zwei! Könnt ihr nicht einen Tag friedlich sein?«

Hana bellte, leckte mir über die Hand, bellte wieder.

Kopfschüttelnd setzte ich sie ab, als Maia fertig war, und ging in mein Bett. Samt Socken und Häschenschuhen.

Ich klopfte mein Kissen zurecht, kuschelte mich ein und genoss die letzten Sekunden Vorfreude auf den schönsten Teil meines Tages. Mit schnellen Fingerbewegungen war ich auf dem Account Dr. McWonders und begann zu träumen. Vom wunderbarsten Alpha, den diese Welt und die Welt der Geister und Göttinnen gesehen hatte. Mit Sicherheit. Nicht, dass ich die größte Erfahrung hatte, in welcher Welt auch immer. Ich war noch nie aus Ejdon City herausgekommen. Die Stadt war meine Heimat, mein Arbeitsplatz, mein Freundeskreis, der Ort, an dem meine Obaachan war. Es gab keinen Grund, irgendwo anders hinzugehen.

Überhaupt würde das magische Band den perfekten Alpha, der für mich vorbestimmt war, finden, egal, wo ich lebte. Ob es jemand wie Dr. McWonder war? Ich scrollte durch die Bilder des Alphas, die ihn auf einer Kinderstation zeigten. Umringt von lauter Omega–Babys lachte er. Die Lebensfreude und Wärme, die diesen einzigartigen Menschen ausmachte, waren ihm auf jedem Bild anzusehen. Ich konnte uns und unsere zwanzig Babys vor meinem inneren Auge sehen. Und er würde alle gleichermaßen lieben. Die Omegas hätten jedoch einen besonderen Platz in seinem Herzen.

Würde er es erkennen, dass wir beide füreinander bestimmt waren, wenn wir uns einmal treffen würden?

Die Worte meiner Oma klangen hell und klar in meinem Kopf. »Kyle-Chan, wenn du deinen Seelenpartner triffst, wirst du es merken. Das Band ist einzigartig. Es ist unverkennbar. Eine Magie so wundervoll und großartig, wie es sie nur einmal zwischen zwei Leuten gibt. Du wirst keinen Zweifel spüren. Nur Sicherheit und Gewissheit. Das Band irrt nie.«

Ich musste mich auf diese Worte verlassen. Nie hatte ich eine Beziehung, von Personen, die durch das magische Band verbunden waren, aus nächster Nähe gesehen. Meine Eltern waren gestorben, als ich klein war, sodass ich keine konkrete Erinnerung an sie hatte.

Meinen Großvater hatte ich nie kennengelernt. Natürlich kannte ich gebundene Eltern meiner Freunde oder Freunde selbst waren gebunden. Ich war vierundzwanzig. Einige meiner ehemaligen Schulfreunde und Kollegen hatten bereits ihre Seelenpartner gefunden und die Verbindung durch einen Biss verewigt.

Ich selbst konnte nur davon träumen. Von dieser tiefen Verbindung mit einer Person, die mich völlig verstand. Die jede Regung von mir vorausahnen konnte, der ich vertrauen konnte, die sich mir anvertrauen würde. Die ein Spiegel meiner selbst war. Für die ich das Wichtigste auf der Welt war. Und die ich mit allem, was ich hatte, lieben konnte. Und dies alles mit einem Blick. Mit einer Berührung, die tiefer sein würde, als jeder Sex, den ich je gehabt hatte. Bedeutender als jede Freundschaft, die mich je begleitet hatte.

Ich schaute mir zum tausendsten Mal die Bilder meines Traumalphas an. Ob er für mich bestimmt war oder nicht, war gleichgültig.

Mit einem Seufzen wechselte ich zu Hαrissons Account. Wieso konnten nicht alle Alphas wie der Sänger sein? Dann wäre die Welt ein besserer Ort für alle. Er hatte heute auf einer anderen Demonstration für Omega-Rechte auf einer Insel im Süden ein Abschlusskonzert gehalten.

Egal, wer mein Seelenpartner war, die Person würde meine Werte, meine Sehnsüchte, meine Ziele teilen. Es gab keinen Grund, mich zu sorgen. Aber sehnen konnte ich mich dennoch danach. Nach dieser Verbindung, die mein Leben verändern würde.

Wie jeden Abend stellte ich mir dieses erfüllte Leben vor.

Hana ging über die Bettdecke auf mich zu und machte Männchen. Sie legte ihren Kopf schräg und bettelte, wie es nur ein Chihuahua konnte. Doch ich ließ mich nicht erweichen. Der kleine Vielfraß musste sich genau wie jeder andere in diesem Haushalt an Regeln halten.

»Komm her, du! Es gibt nichts mehr zu futtern. Freu dich aufs Frühstück. Du hattest sogar was von Maia. Sieh, wie schön sie schon schläft.«

Sie machte weiter, bis sie wohl merkte, dass sie mich nicht erweichen würde. Dann drehte sie mir ihren Hintern zu, setzte sich und begann demonstrativ ihren Arsch zu lecken. Manchmal war ich mir nicht sicher, wie viel sie von unseren gesellschaftlichen Eigenheiten verstand und kopierte. »Du mich auch Hana, du mich auch.«

Ich widmete mich wieder meinem Telefon und zögerte. Wie eine Sucht zog es mich zu einem weiteren Account. Ich wollte ihn nicht aufrufen. Nicht heute. Nicht an einem wunderschönen Tag, wie diesem. Ich hatte ihn mit Freunden und Gleichgesinnten verbracht. Es war spät. Ich war in Gedanken schon bei meiner großen Liebe, wer auch immer es sein würde. Das Dümmste, was ich machen konnte, war jetzt meine Laune mit dem abscheulichsten Alpha des Internets zu verderben.

Doch wie jeden Abend – jeden einzelnen Abend – machten sich meine Finger selbstständig und ich starrte – wie jeden einzelnen Abend – völlig fixiert, irritiert und aufgewühlt auf die Seite von @TheA. Dem Alpha. Wobei in diesem Fall das A für Arschloch stand.

Kaum jemand machte sich so wenige Gedanken darüber, seine Missbilligung von Omegas nicht zu verstecken wie Aiden, das Arschloch, @TheA. Sein dämliches Profilbild zeigte ihn mit nacktem Oberkörper, vor einem Spiegel, wie er seinen Bizeps küsste. Ekelhaft, billig und einfach peinlich.

Mein Herz schlug wie wild, als ich sah, dass er ein neues Video hochgeladen hatte. Mit zittrigen Fingern klickte ich es an. Aiden lachte. Laut. Er hockte an einem Wegesrand und hielt die Kamera in sein Gesicht.

»Leute, heute war ich wandern. Es war so herrliches Wetter und ich wollte den letzten Schnee in den Bergen genießen. Doch irgendwann wurde ich hungrig. Und durstig. Ich konnte es ja gar nicht glauben, wie viel Glück ich hatte. In dieser hübschen Kuschelkoje …«, er schwenkte die Kamera hinter seine Schulter zu einem der Erdbebenbunker, wie sie an den Stadträndern und Parks zu finden waren, »… gab es leckere Riegel und sogar Wasser für mich.«

Mein ganzer Körper begann zu beben. Er hatte nicht wirklich Erdbebennotnahrung, die für Leute in Gefahr gedacht war, gegessen? Dieser abscheuliche Möchtegern. Omegaverächter. Das Video zeigte Aiden, das Arschloch weiter, wie er einen Riegel verputzte, eine Flasche Wasser öffnete, es sich über die Hand kippte und sich damit über das Gesicht fuhr. Er hatte nicht … Er hatte nicht …! Ich konnte es nicht glauben. Das überschritt eine Grenze.

»Aber macht euch keine Sorgen!« Er zwinkerte in die Kamera. »Ich hab den süßen Omegas, die hier vor den bösen Steinen Schutz suchen, nichts genommen.« Mein Herz schlug immer schneller. Was kam als Nächstes? Aiden zoomte in den Vorsprung. »Ich hab ein Autogramm von mir hier gelassen. Als Tausch für den Snack. Ich meine, was will ein Omega wirklich? Wasser oder meine Aufmerksamkeit?« Das breite Grinsen wurde noch weiter. »Richtig, Leute. So großzügig bin ich. Das wars für heute, Fans!«

Das Video endete und ich bebte. Wie konnte er es wagen? Ich zoomte näher heran. Irgendwie musste ich herausfinden, wo er diese Schandtat vollbracht hatte. Wenn ich in dem Moment irgendeinen Hinweis entdeckt hätte, wäre ich sofort aufgebrochen, um den verdammten Zettel mit seinem Gekrakel zu zerreißen und das Shelter mit Notnahrung aufzufrischen. Die Vorstellung, dass jemand in Not nur ein Autogramm dieses Widerlings fand, war unerträglich. Doch natürlich konnte ich anhand der Sträucher nichts ausmachen. Es war aussichtslos.

Und somit kam ich an diesem Abend zu meiner allerletzten Handlung eines Tages. Einen gesalzenen Kommentar unter seinem dämlichen Post und eine DM, in der ich versuchte, Verstand in diesen hohlen Alpha-Kopf zu bekommen.

Die Kommentarspalte überschlug sich mit Beifall spendenden Followern, die sich über das Video kaputtlachten. Omega-Hasser, die endlich wieder eine Plattform hatten, um sich auszutoben.

Es wurde Zeit, mich warm anzuziehen, diesmal im virtuellen Sinne und mich auf eine Reihe von Antworten seiner Freunde auf meinen öffentlichen Kommentar gefasst zu machen.

Aiden, dein Verhalten schadet nicht nur Omegas. Diese Shelter sind für alle Leute gleichermaßen gedacht. Durch deine Aktion kann es sein, dass du einen Alpha tötest. Bedenke einmal in deinem Leben, welche Konsequenzen deine Handlungen für andere haben. Du musst erkennen, dass du mit deinen Vorurteilen nicht nur Omegas schadest. Ein derartiges Verhalten ist grausam. Nutze deine Bekanntheit für etwas Sinnvolles. Verschwende nicht deine Zeit mit dummen Jungenstreichen.

Ich schloss die Augen. Die Wut trieb meinen Puls in die Höhe. Ich wischte die App weg. Diese Ohnmacht schnürte mir die Luft ab. Wie sollte ich nun schlafen? Zum Glück hatte ich am nächsten Tag eine Spätschicht im Krankenhaus des Omega-Hauses. Dennoch. Wieso tat ich mir das an? Als ob ich jemanden wie Aiden, @TheA, zu irgendetwas bewegen könnte.

Maia kuschelte sich auf meinem Bauch ein und Hana legte ihren Kopf auf meine Brust. Sie sah mich mitleidig an. Ja. Sogar meine Hunde hatten Mitleid mit mir.

Ich schaltete das Licht aus. Was mich in keiner Weise beruhigte. Nun konnte ich den Regen überdeutlich hören. Klopf, klopf, poch, poch.

Dieses Arschloch. Ein Autogramm. Es war unfassbar. Die Welt verrohte.

Unablässig prasselte der Regen auf die Tonnen im Hinterhof.

Ich durfte nie wieder auf diesen Account sehen. Irgendwann würde ich einen Schlaganfall erleiden, wenn ich mich weiter so aufregte.

Es würde Stunden dauern, bis ich schlafen konnte. Ich musste an was Schönes denken. An Dr. McWonder. An kleine Omega–Babys. An meine Freunde. An meinen gesichtslosen Seelenpartner.

Ein Krachen ließ den Hinterhof erbeben. Ich erschrak so sehr, dass die Decke aus dem Bett fiel. Die Blechtonnen schepperten so laut, dass die Wände wackelten. Hana und Maia sprangen auf. Sie bellten aus voller Kehle die Hintertür an. Angestrengt lauschte ich, was sich dort befand. Doch sollten andere Geräusche zu hören gewesen sein, wurden sie vom Regen weggespült und gingen im Gekläffe unter.

»Aus, ihr zwei.« Zu meinem größten Erstaunen hörten beide sofort auf und schwiegen. Außer dem Regen konnte ich nichts vernehmen.

»Vermutlich nur eine Katze. Oder eine Ratte.« Wen ich genau damit beruhigen wollte, wusste ich nicht. Der Knall war zu laut für ein derart kleines Tier gewesen. Eine Person? Was sollte jemand in unserem Hinterhof? Ein Dieb, der sich in diese Gegend verirrte, war zu bedauern. Niemand brach hier freiwillig ein.

Ein Junkie? Mein Magen zog sich zusammen. Davor war natürlich niemand sicher.

»Na kommt, ihr beiden. Schlafen wir.« Ich fingerte nach meiner Decke, zog sie zu mir, legte mich zurück, doch Hana und Maia sprangen aus dem Bett und liefen zur Tür. »Was wollt ihr da? Kommt zurück.« Ich brauchte meine Babys bei mir. Mir war die ganze Situation mit zwei Hunden an meiner Seite schon zu unheimlich. Ohne die beiden wäre sie schier unerträglich.

Unbeholfen fummelte ich nach dem Lichtschalter an der Wand und kam natürlich nicht hin. Ich drehte mich weiter. Ein Klopfen rüttelte an der Hintertür und um mich war es geschehen.

 Mit einem dumpfen Schlag landete ich auf dem Fußboden und hätte mir vor Angst beinahe in die Hosen gemacht. Ich drückte mich panisch auf das Linoleum und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Doch das Pochen meines Herzens dröhnte in meinen Ohren und ich konnte nichts mehr hören. Weder meine Gedanken noch … erneut klopfte es. Dieses Mal lauter. Eindringlicher. Eine Drohung.

So als würde der Jemand vor der Tür zu anderen Mitteln greifen, falls er nicht eingelassen wurde.

Maia sprang an der Tür hoch und Hana winselte. Was war bitte mit den Hunden los?

»Kyle! Kyle, mach auf!«

Der Einbrecher kannte meinen Namen? Dann war es kein Einbrecher. Richtig? Ich zwang mich, aufzustehen. »Hana. Maia. Hierher.« Natürlich ignorierten sie mich.

»Kyle, mach die Tür auf. Bitte. Ich bitte dich. Lass mich rein.« Die Stimme kam mir überhaupt nicht bekannt vor. Doch das war wahrscheinlich dem Regen, der Tür, der Nacht, alldem geschuldet. Meine Hand zitterte, als ich mich zum Lichtschalter drehte und das spärliche Licht der Deckenlampe anschaltete. Langsam trat ich auf die Hintertür zu und zog den Vorhang vorm Glas einen winzigen Spalt zurück.

Ein Mann, ganz in Schwarz gekleidet, stand davor. Details konnte ich nicht erkennen. Er hatte die Kapuze seines Pullis zu tief ins Gesicht hineingezogen. Er sah unheimlich aus.

Als hätte ich mich verbrannt, zog ich meine Hand zurück.

Ich stolperte beinahe, als ich einen Schritt rückwärtsging.

»Kyle!« Die Stimme brachte mich mehr ins Wanken. Erneut winselte Hana und Maia sah mich an, als wüsste sie nicht, worauf ich noch wartete. Die Hunde waren verrückt geworden.

Vorsichtig ging ich noch mal ans Fenster in der Tür und lugte hinaus. Der Fremde hatte die Kapuze abgenommen und sah mich eindringlich aus dunklen Augen an. Was … machte … Aiden … hier?

Wie hypnotisiert löste ich den Riegel und öffnete die Tür. Aiden, @TheA, das Arschloch trat über meine Schwelle und sank auf seine Knie. »Ich wusste nicht wohin. Nur zu dir.« Und er kippte vorn über.

Hilferuf oder nicht. Ich hatte nicht vergessen, was dieses Scheusal in seinem Video getan hatte. »Hana, fass!« Dennoch war es ein bisschen unerklärlich, dass dies mein erster Gedanke war. Ich hatte durchaus gehört, was Aiden gesagt hatte. Aber es machte keinen Sinn. Nicht den Geringsten.

Hana sah mich an, legte den Kopf schief und lief winselnd auf Aiden zu. Maia stupste ihn mit ihrer Schnauze an und sprang aufgeregt um ihn herum.

Wie paralysiert starrte ich auf den Unfall vor mir. Eine Windböe trieb mir einen Schwung Regen ins Gesicht. Das kühle Nass riss mich aus meiner Starre. »Hana, Maia, aus! Kommt her.« Ich hätte genauso gut mit meinen beiden Stühlen reden können. Vielleicht hätte ich es auf einen Versuch ankommen lassen sollen. Schlimmer konnte es nicht kommen.

Hana stand vor Aidens Gesicht und leckte seine Nase. Die Wange. »Aus. Pfui! Pfui, pfui, pfui! Bäh. Aus. Hana, aus!«

Hanas Reaktion nach war ich ein Cheerleader, der wollte, dass sie alles daransetzte, so viel Hautkontakt wie möglich mit Aiden zu haben. »Hana, nein! Er ist eklig. Du holst dir sicher eine Krankheit. Wer weiß, wo dieser Mund war.« Obwohl … »Wenn ich daran denke, wo du deinen Mund gerade hattest … leck ihm doch noch mal zwischen die Lippen. Brave Hana, so ist es gut.«

Hana verteilte ihre Hundeküsschen über Aidens Gesicht, leckte über seinen Mund. Ich konnte mein Grinsen nicht verhindern. Ich konnte es nicht. Ich wollte es auch nicht. Aber die Vorstellung von Hanas Arschleckzunge in Aidens Mund war … so befriedigend. Eine Schadenfreude unfassbaren Ausmaßes. Schmunzelnd betrachtete ich den riesigen Alpha und mein Hündchen vor mir.

Ein Schreck durchfuhr mich. Dieser Mann machte mich zu einem Monster. Vielleicht starb er und ich freute mich über … Mit einem Satz war ich bei ihm und konnte endlich wieder klar denken. Mein medizinisches Training aktivierte meinen Verstand. In dieser Situation war ich schon so oft gewesen. In der Notaufnahme. In irgendeiner Gasse.

Puls. Vorhanden. Atmung. Vorhanden. Ruhig und völlig normal – in diesen Alpha kam Sauerstoff.

Erneut drückte eine Regenwand in die Wohnung. Hier konnte der Kerl nicht liegenbleiben. Die Wohnung würde innerhalb von Minuten unter Wasser stehen.

Ich drehte Aiden auf den Rücken, packte ihn unter den Achseln und zog ihn in mein Zimmer. Beinahe hätte ich ihn fallen lassen. Dort, wo ich ihn berührte, erhielt ich einen elektrischen Schlag. Was bei meinem Linoleumboden kein Wunder war. Was mich aber erstaunte, war, dass der Impuls nicht verpuffte, sondern sich die Luft zwischen uns veränderte. So als ob sie sich verfestigte. Ihre Elemente eine körperliche Form annahmen. Was völliger Blödsinn war.

Abrupt ließ ich ihn los. Was, wenn er vergiftet war? Und das Gift auf mich überging?

Es war nicht völlig außerhalb jeder Vorstellungskraft. Der Kerl war derart unsympathisch, es gab sicherlich Millionen, die ihn umbringen wollten. Umbringen …

Göttin der Ozeane, verdammt noch mal. Da war Blut auf meinem Fußboden. Das war es, was mich vollständig in Krankenpflegermodus brachte. Ich knallte die Tür zu und in zwei Schritten war ich bei meinem Erste-Hilfe-Koffer. Zog sterile Handschuhe an und eilte zurück zu Aiden, der weiterhin von Maia, die sich an ihn kuschelte und Hana, die weiter winselnd um ihn herumlief, bewacht wurde. Eine Untersuchung war überflüssig. Über seinem Oberschenkel klaffte eine Wunde, die seine Jeans durchtrennt hatte. Bedächtig tastete ich den Bereich ab. Die komische energetische Bewegung oder irgendein elektrischer Impuls blieben aus. Ob das an den Handschuhen lag oder ich mir es zuvor eingebildet hatte, war mir egal. Das beklemmende Gefühl, nichts dagegen machen zu können, blieb nämlich auch verschwunden. Und das war gut.

Ich betrachtete sein Bein. Die Blutung hatte zum Glück aufgehört. Ich könnte die Hose aufschneiden. Die Wunde desinfizieren und nähen. Aber nicht jetzt. Jetzt musste der Typ erst mal aufwachen.

»Hana, Maia, kommt her.« Beide sahen mich wehleidig an und wichen Aiden nicht von der Seite. Was war mit den Hunden los?

Ich ging vor Aiden in die Knie und legte ihn in die stabile Seitenlage. Zumindest würde er nicht an seiner Kotze ersticken, sollte er erbrechen.

Unschlüssig stand ich vor ihm. Was sollte ich mit einem Alpha auf meinem Fußboden?

Ein Alpha, der laut stöhnte. Ich zuckte zusammen. Seine Augenlider flatterten.

Kapitel 2

Aiden

ἄλφα – Α

Schmerzen. Mein ganzer Körper war ein einziger Schmerz. Ohne zu sehen, wo ich war, wusste ich, dass alles falsch war. Jede Faser meines Körpers war zum Zerbersten gespannt. Mein Kopf fühlte sich an, als ob ein Elefant darauf stehen würde. Mein Oberschenkel brannte. Komplett falsch.

Dieser Verdacht bestätigte sich, als ich die Augen öffnete. Wobei öffnete eine großzügige Beschreibung dessen war, was meine Augen machten. Ich musste sie gewaltvoll aufreißen. Um zwei pinke Hasen zu sehen, die mich anstarrten. War ich gestorben? War das der Himmel? War ich irgendwo falsch abgebogen und im Hasenhimmel gelandet?

In meiner Peripherie nahm ich ein Bett wahr. Und Licht. Und … Hunde? Waren Hunde im Hasenhimmel?

»Aiden?«

Ich hob meinen pochenden Kopf und sah pinke Flauschbeine an den Hasenköpfen. Und am Ende der Flauschbeine war … @ChihuWaWuffO.

Göttin der Ozeane. Ich war in der Hölle. @ChihuWaWuffO war der einfältigste Mensch in den Weiten des Internets.

»Aiden, bist du tot?«

Ja. Kyle war der einfältigste Mensch sämtlicher Welten. Virtuell, analog, metaphysisch. Er übertraf alle.

Und ich war hier. Vor seinen Füßen. Denn das Einzige, an was ich auf meiner Flucht denken konnte, war er gewesen. Kyle! Verdammt und zugenäht.

Panik hüllte meinen Kopf ein. Meine Flucht! Wo war meine Tasche? Mein Handy? Der Datenträger? Nein. Mein Handy war sicher. Ich hatte die Tasche an einen sicheren Ort gebracht. Dort war auch der Datenträger. Das hatte ich doch? War ich bei Ren gewesen? Ich versuchte, meinen Fluchtweg zu rekonstruieren, und war mir ziemlich sicher, dass Ren bei Haru Teil davon gewesen war. Mein Kopf brummte, so als würden Bienen ihren Stock einrichten, was mir das Denken nicht wirklich erleichterte. Gequält setzte ich mich auf. Keine optimale Idee, da mein Kopf dies zum Anlass nahm, mich kurz zum Wanken zu bringen. Der Schwindel hielt aber nur Sekunden an. Ich hatte mich sicher nur zu schnell aufgesetzt.

Ich sah mich um. Der Raum war nicht wirklich groß. In meine Penthousewohnung passte er mit Sicherheit … etliche Male. Mein Blick wanderte zurück zu Kyle, der mich aus zu Schlitzen zusammengekniffenen Augen ansah.

Beinahe hätte ich gelacht. Was er wohl gesagt hätte, wenn er gewusst hätte, dass meine Füße mich wie von selbst hierhergetragen hatten? Und mit jedem Schritt, der mich ihm näherbrachte, war meine Zuversicht gewachsen, dass ich auf dem richtigen Weg war. So überstürzt, wie ich aufbrechen musste, als mich die Wachen entdeckt hatten – ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie mich nicht erkannt und nur einen Schatten gesehen hatten –, war ich entlang der zuvor ausgelegten Route geflohen. Aber auch nach Kilometern hatte ich das Gefühl, verfolgt zu werden, unsichtbare Verfolger nicht abschütteln können. Und die Polizeiautos, die aus jeder zweiten Seitengasse kamen, hatten das ihre dazugetan. Ob sie mich verfolgt hatten, hatte ich bis zum Schluss nicht nachvollziehen können.

Doch egal, wie sicher ich mich bei Kyle fühlte, meine Berufserfahrung hatte mich früh gelehrt, dass Sicherheit ein wackliges Konzept war. »Sind wir hier allein?«

Kyle zuckte mit den Schultern und deutete neben mich. »Maia und Hana sind hier.«

Ich folgte seinem Fingerzeig und blickte in vier braune Kulleraugen. Seine Hunde. Natürlich kannte ich Maia und Hana von Kyles Account. Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht irgendwas über die beiden Wollknäuel postete. Und sie trugen rosa Pullis. »Ach, richtig. Deine Köter.«

Ein Knurren drang durch den kleinen Raum. Es kam unbestritten von Kyle. Seine beiden Hunde kletterten auf mich. Es war so einfach, Kyle zu reizen. Insgeheim war ich höchst amüsiert. Auch wenn ich mich wie ein Kleinkind aufführte. Eine innere Zufriedenheit machte sich breit, als ich registrierte, dass ich es wieder geschafft hatte, eine Emotion aus ihm zu locken. Ich streichelte Hana oder Maia und ließ mir von beiden die Hand ablecken. Kyles Hunde hatten mich definitiv schneller durchschaut als ihr Herrchen. Ich war nur Bellen und Knurren. Niemals würde ich beißen.

Mein Blick wanderte zurück zu Kyle, über dessen symmetrisches Gesicht ein Mix aus Enttäuschung, Frust und Entschlossenheit aufzog. Ursache für den Frust war definitiv ich.

Die Entschlossenheit war es, die mich, seit ich sein Profil das erste Mal gesehen hatte, immer zu ihm gezogen hatte. Seine hohen Wangenknochen wirkten dadurch noch schärfer, seine Nase, die ein bisschen zu groß für sein zartes Gesicht war, gab ihm den letzten Schliff und allen, die ihn sahen, die Gewissheit, dass mit ihm nicht zu scherzen war.

»Und meine Großmutter.«

Irritiert sah ich mich um. »Was?«

»Meine Großmutter wohnt hier.«

Wieso wusste ich nicht, dass er mit seiner Großmutter zusammenlebte? »Ist sie gerade unterwegs?« Ich wollte mich schon weiter aufrichten, um das Weite zu suchen. Kyle würde auf meiner kleinen Reise wohl nur ein kurzer Zwischenstopp sein.

»Nein. Sie ist … nur hier. Sie ist tot. Ihr Geist …«, er deutete über den Türrahmen, »… wohnt noch hier.«

Ich verzog das Gesicht und ließ mich aber beruhigt wieder zurückgleiten. »Abergläubisch bist du also auch. Ein Hunde besitzender abergläubischer Omega.« Was sollte da schon schief gehen? Ich war ja nur auf der Flucht vor einer kriminellen Organisation, die ich immer noch nicht genau benennen konnte – vielleicht Dealer – mit den besten Kontakten in die obere Gesellschaftsschicht. Wer konnte mich besser retten als Kyle?

»Es ist kein Aberglaube, wenn es so ist.« Kyle reckte sein Kinn in die Luft und diese aufgeregte Freude, wann immer er mir Kontra gab, streckte sich in mir. »Was machst du hier überhaupt?«

Tja. Eine berechtigte Frage. Eine Frage, die zu erwarten war. Eine Frage, auf die Kyle keine Antwort erhalten würde, egal wie ansprechend ich sein Äußeres und wie bemerkenswert ich seine ganze Art fand.

»Keine Ahnung. Zufällig hier gelandet.«

Mit einer filmreifen Geste zog Kyle eine Augenbraue hoch und sah mich in jedem Sinne des Wortes von oben herab an.

»Das war kein Zufall …«

Ein Messerstich jagte durch meinen Oberschenkel und ich sog scharf die Luft ein. Doch es war nur eine kleine Hundepfote, die auf einer Wunde, die über meinen Oberschenkel lief, stand. Die Verletzung war mir noch gar nicht aufgefallen. Der Schmerz in meinem Bein machte jetzt aber durchaus mehr Sinn. Energisch nahm ich den kleinen Kläffer von der Verletzung und setzte ihn neben mich. »Ah, fuck! Meine Lieblingsjeans.«

»Maia kann absolut gar nichts … deine Lieblingsjeans? Das ist deine einzige Sorge?«

Ich sah Kyle in die Augen. Das Funkeln darin tanzte wie kleine Stromschläge bis zu mir. »Äh, ja. Aua und Lieblingsjeans.«

Mein Gastgeber wider Willen stieß einen ungläubigen Laut aus. Gleichzeitig ging er in die Hocke und betrachtete meinen Oberschenkel. »Das muss genäht werden. Und die Hose ist wohl unwiederbringlich ruiniert.«

Mit zusammengekniffenen Lippen hob er den Blick und sah mich abwartend an.

»Das geht schon.« Krankenhaus war ausgeschlossen, bis ich sicher war. Und die Hose …

»Wenn das nicht gereinigt und ordentlich versorgt wird, bekommst du eine Nekrose. Und eine Entzündung. Ich gebe dir drei Tage, bis das Bein abfault. Und danach stirbst du an einer Sepsis.«

Mein Mund klappte auf. Das war nicht sein Ernst. Doch ich konnte Kyles Ausdruck nicht lesen. Er sah mich nur – fast gelangweilt – an.

»Und wie soll ich das deiner Meinung nach versorgen lassen? Ich kann da nämlich grade nicht raus.«

Kyles Blick folgte meinem Finger, der zur Haustür deutete. Der Regen prasselte immer noch unaufhörlich auf die Erde. Kyle nickte. Ob er mich nicht in den Regen schicken wollte oder vermutete, dass ich hier Schutz suchte, konnte ich nicht erahnen.

»Überhaupt kein Problem. Das mach ich.«

Nun war ich es, der ihn aus zusammengekniffenen Augen musterte. »Du bist kein Arzt.«

»Ich bin Krankenpfleger. Aber wenn du so lange wie ich in dem Viertel hier lebst, lernst du das ein oder andere dazu. Wenn jemand vor mir liegt, kann ich nicht immer darauf warten, dass ein Krankenwagen kommt oder hoffen, dass dieser einen mittellosen Omega mitnimmt.« Zurück war der herausfordernde Blick. Er wollte, dass ich ihm widersprach. Er erwartete eine Antwort à la @TheA. Und sie lag mir auf der Zunge. Es war ein Leichtes, die Person des influencenden High-Society-Gigolos zu sein. Doch mein Oberschenkel brannte. Und plötzlich schien der Versuch mein Bein zu versorgen, eine hervorragende Idee. »Dann rette mich mal.«

Kyles braune Augen wurden groß. Die Wimpern verfingen sich in den schwarzen Strähnen, die ihm ins Gesicht hingen. Er blinzelte. Um seine Strähnen in den Augen loszuwerden, oder weil er nicht glauben konnte, was ich gesagt hatte, war mir nicht klar. Doch das sanfte Rosa, das sich auf die Haut über seinen Wangenknochen setzte, war bezaubernd und gleichzeitig ein Hinweis, dass ich ihn überrascht hatte. Gut. Wieder dieses Flattern in mir. Eine weitere Emotion, die ich aus ihm locken konnte. Erstaunen. Eine kleine Überraschung.

Kyle räusperte sich, stand abrupt auf, dass seine Hunde regelrecht erschraken, und drehte sich hastig um. »Zieh die Hose aus. Ich muss die Wunde reinigen und nähen.«

Bevor ich mir noch überlegen konnte, ob ich seinen Anweisungen folgen wollte, stand er mit einer schwarzen Tasche vor mir.

Mit einer Kinnbewegung forderte er mich auf, endlich seinem Befehl nachzukommen.

Den Versuch aufzustehen, gab ich zugunsten meiner schmerzenden Glieder auf. Dieser Sturz vom Dach war von den Tonnen gebremst worden, aber so ganz hatten sie die Erschütterung durch meine Knochen nicht verhindern können.

Ich zog die Stiefel aus und mühte mich ab, die enge Jeans auszuziehen, die mir dank des Regens schwer an den Beinen klebte. Es war eine richtige Erleichterung, das Ding loszuwerden. Zufrieden sah ich zu Kyle auf, der über mir stand und mein Bein anstarrte.

»Was ist?« Beunruhigt von seiner Haltung sah ich den Schnitt an. Er sah nicht sonderlich schön aus, aber auch nicht super erschreckend.

»Nichts.« Kyle schüttelte leicht den Kopf und setzte sich dann neben mich. »Zappel nicht rum. Ich öffne das sterile Besteck und ich will nicht, dass du mir irgendwas kontaminierst.«

»Zu Befehl, Herr Doktor!«

»Verarschst du mich?« Er riss die Handschuhe, die ich erst jetzt an ihm entdeckte, von den Händen und pfefferte sie in einen Mülleimer.

»Nein!« Nur ein bisschen. Er war so todernst, als ob er eine Herztransplantation durchführen musste.

»Es ist dein Bein, Aiden. Ich muss nicht mit einer Prothese rumlaufen, wenn es dir abfällt.«

»Wäre das aber dann nicht deine Schuld?« Wieso konnte ich es nicht lassen, diesen Omega zu reizen? Als ob ich nicht genug zu tun hätte.

Kyle würdigte diesen Kommentar nicht. Er ging durch eine winzige Tür wohl ins Bad. Ich konnte nicht sehen, was er tat, sondern hörte nur den Wasserhahn laufen. Mit erhobenen Händen kam er schließlich zurück, zog ein neues Paar Handschuhe aus einem kleinen Tütchen und holte ein Päckchen aus seiner Tasche, das er aufriss und vor uns ausbreitete. »Erste-Hilfe-Nähset. Speziell für Einsätze hier im Viertel entwickelt.«

»Also für Omegas?«

Kyle riss den Kopf hoch. »Alphas und Betas leben hier genauso.«

»Ich weiß …« Was wollte ich eigentlich sagen?

Währenddessen hatte sich Kyles Blick schon wieder verändert. Mit geschürzten Lippen sah er über seine Utensilien. »Hm. Mir scheint, ich habe gar kein Anästhetikum in dieser Packung. Das ist ja schade.« Seine Tonlage und seine blitzenden Augen verrieten jedoch, dass es ihm überhaupt nicht leidtat. »Es ist ja nur ein Set für Omegas. Das hältst du doch sicher aus?«

Nach diesem Abend war mir langsam alles egal. Nichts war nach Plan verlaufen. Meine Gedanken verselbstständigten sich erneut. War ich in eine Falle getappt, als ich in die Halle gelangt war? Nein, das machte keinen Sinn. Ich war nicht erwartet worden. Die Wachen waren genauso erschrocken, wie ich, als sie plötzlich vor mir standen. Weder sie noch ich hatten mit dem jeweils anderen gerechnet. Genau für so einen Mist hielt ich mich fit. Aber der Lauf durch die halbe Stadt hatte mich erschöpft. Insbesondere, da das Adrenalin aus meinem Körper zu verdampfen schien, seit ich hier gelandet war. Warum auch immer fühlte ich mich hier sicher. Musste wohl an der toten Oma liegen, die als Hausgeist ein Auge über alles hielt.

»Ich werde es schon aushalten«, antwortete ich gelassen.

»Mhm.«

Ich zupfte an meinen Boxerbriefs, die ein paar Zentimeter über dem Schnitt endeten, und schob sie etwas nach oben, um Kyle die Arbeit zu erleichtern. Sein Blick folgte meinen Fingern und ich bildete mir sicher ein, dass seine Pupillen größer wurden.

Mit einem Ruck sah er zurück auf das blutende Etwas an meinem Oberschenkel. Er inspizierte die Wunde mit gerunzelter Stirn.

»Wie oft hast du das schon gemacht?«

»Oft genug, dass du dir keine Gedanken darüber machen musst.«

»Ich wollte nur Konversation betreiben.«

»Lass mich mal lieber arbeiten.« Er fuhr mit einem Finger ein gutes Stück vom Wundrand entfernt über meine Haut. Schlagartig entspannte ich mich. Verrückt. Meine Mütter hatten immer wieder von Leuten erzählt, die eine Berührung voll Magie hatten. Vielleicht war Kyle einer von diesen. So würde er gar kein Betäubungsmittel brauchen.

Sanft tupfte er mein Bein und die Wunde ab. »Zuerst desinfiziere ich.« Irgendwie sagte er es eher zu sich selbst als zu mir. So konnte ich mich weiter auf die magische Berührung konzentrieren, die wie ein echt gutes Beruhigungsmittel wirkte.

Den Gedanken verwarf ich sofort wieder, als der Schnitt erneut zu brennen begann. Es könnte sein, dass ich kurz aufschrie.

»Ich kann keine Fremdkörper darin sehen. Aber vorsorglich reinige ich das mit etwas Salzwasser.«

»Mhm.« Ich biss die Zähne aufeinander. Als er mich erneut mit einem Finger berührte, injizierte er an dieser Stelle wieder sein unsichtbares Beruhigungsmittel, das jedoch nicht gegen meinen physischen Schmerz ankam. Aber ich machte mir über diesen zumindest nicht die größten Sorgen. Langsam fühlte ich mich ein bisschen gespalten. In Körper und Geist. Und keiner von beiden wusste, was mit dem anderen los war.

Schließlich begann Kyle zu nähen. Und es war nicht angenehm. Ich gab irritierte Laute von mir, die ihn aber nicht sonderlich störten. Es schien sogar, als umspielte ein kleines Lächeln seinen Mund.

Er hielt inne und sah auf sein Werk. »Ein Stich geht noch.«

»Ah.«

»Ich meine, es wäre wahrscheinlich besser, einen weiteren Stich zu setzen. Damit es gut hält.«

Ich sah auf die Naht. Die bereits im letzten Winkel des Schnitts endete. »Ah!« Was genau hatte Kyle vor? Wollte er aus mir ein Stickset machen und sich mit einem Landschaftsbild verewigen?

Mit hochgezogener Augenbraue sah er mich an. »Du hast recht. Vermutlich ist es genug.«

»Meinst du?« Ich konnte den Sarkasmus nicht aus meiner Stimme halten.

Er begann seine Sachen zusammenzuräumen und ich musterte sein Werk. Es sah okay aus. Zumindest würde es seine Aufgabe erfüllen.

»Ach, schau an. Ich hatte doch noch ein Lokalanästhetikum da. Und ganz frisch.«

Er hielt mir eine Ampulle hin. Der herausfordernde Blick war wieder da. Dieser kleine Omega hatte mich an der Nase herumgeführt und mich absichtlich mit seiner Nadel traktiert. Als ich nichts sagte, schob Kyle sein Kinn weiter nach vorne. Er war offenbar auf alles gefasst und würde es nehmen, wie es kam. Mir war nicht klar, ob er lebensmüde war, einen ihm völlig unbekannten Alpha derart zu reizen, oder einfach von sich und seinen Mitteln überzeugt war.

Vielleicht fühlte er sich aber genauso sicher wie ich mich mit ihm.

In jedem Fall war es eine Erinnerung daran, dass ich ihn nicht unterschätzen sollte. Was mich beruhigte. Ein Lächeln stahl sich auf meine Lippen, das sich sofort auf Kyles Gesicht widerspiegelte.

»So ein Zufall. Jetzt, da du mit der Tortur an mir fertig bist.«

»Tja.« Gleichgültig zuckte er mit den Schultern. »Zufälle gibt es. Lass mich noch einen leichten Verband anlegen.« Er stellte mein Bein auf und wickelte sorgsam einen dünnen Verband um meinen Oberschenkel. Es fühlte sich nicht nur wie ein Schutz an, sondern wie Balsam, der durch mich hindurchdrang.

»Jetzt steh mal auf. Ob du überhaupt gehen kannst.«

Während ich mich aufrappelte, zog Kyle die Handschuhe aus, schmiss sie in den Mülleimer und stellte seine Tasche zur Seite.

Als ich schließlich in der Senkrechten ankam, begann das Zimmer zu wanken. Mein Kopf pochte. Autsch. Den hatte ich mir wohl stärker gestoßen als gedacht.