Der dunkle Wald - Cixin Liu - E-Book

Der dunkle Wald E-Book

Cixin Liu

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13,99 €

Beschreibung

Invasion

Der erste Kontakt mit einer außerirdischen Spezies hat die Menschheit in eine Krise gestürzt, denn die fremde Zivilisation hat sich Zugang zu jeglicher menschlicher Informationstechnologie verschafft. Der einzige Informationsspeicher, der noch vor den Aliens geschützt ist, ist das menschliche Gehirn, weshalb das Wallfacer- Projekt ins Leben gerufen wird: Vier Wissenschaftler sollen die ultimative Verteidigungsstrategie gegen die Aliens ausarbeiten - doch können sie einander trauen?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 915




Das Buch

Seit die Astrophysikerin Ye Wenjie vor Jahrzehnten Kontakt mit einer außerirdischen Zivilisation hergestellt hat, ist die Welt in Aufruhr. Die Trisolarier, benannt nach ihrem viele Lichtjahre entfernten Planeten, der um drei Sonnen kreist, sind mit einer Invasionsflotte in Richtung Erde gestartet. Nichts kann sie aufhalten, haben sie doch bereits künstliche Partikel zur Erde gesandt, die die physikalischen Vorgänge auf der ganzen Welt manipulieren können und die alles für die Ankunft der Fremden in vierhundert Jahren vorbereiten sollen. In dieser verzweifelten Situation beschließen die Vereinten Nationen, ein besonderes Abwehrprogramm ins Leben zu rufen: die sogenannten »Wandschauer«. Vier Auserwählte erhalten den Auftrag, unabhängig voneinander und unter größter Geheimhaltung Pläne zur Abwehr der trisolarischen Flotte zu entwickeln. Drei von ihnen sind berühmte Wissenschaftler und Politiker, der Vierte aber ist ein völlig Unbekannter.

Als Astronom und Soziologe hat Luo Ji nicht viel erreicht. Als er eines Tages eine Einladung zur Vollversammlung der Vereinten Nationen erhält und bei der Bekanntgabe des Abwehrprogramms gegen die Invasion der Trisolarier auch noch nach vorn auf das Podium gerufen wird, versteht er die Welt nicht mehr. Er soll der vierte Wandschauer sein? Sein Leben nimmt von einem Tag auf den anderen eine völlig neue Bahn. Schon bald muss Luo Ji feststellen, dass er der einzige Wandschauer ist, den die Trisolarier um jeden Preis tot sehen wollen. Denn Luo Jis Plan ist anders als alles, was die Menschheit je zuvor unternommen hat.

Vor einem gewaltigen, kosmischen Hintergrund entwickelt Cixin Liu seine große Vision für das Schicksal der Menschheit. Nach Die drei Sonnen führt Der dunkle Wald die weltberühmte Trisolaris-Trilogie fort:

Erster Roman: Die drei Sonnen

Zweiter Roman: Der dunkle Wald

Dritter Roman: Jenseits der Zeit

Der Autor

Cixin Liu ist einer der erfolgreichsten und produktivsten chinesischen Science-Fiction-Autoren. Er hat lange Zeit als Ingenieur in einem Kraftwerk gearbeitet, bevor er sich ganz seiner Schriftstellerkarriere widmen konnte. Seine Romane und Erzählungen wurden bereits mehrfach prämiert. Cixin Lius erfolgreichster Roman Die drei Sonnen wurde mit dem Galaxy Award, dem bedeutendsten Genre-Literaturpreis Chinas, und 2015 als erster chinesischer Roman überhaupt mit dem Hugo Award ausgezeichnet und wird international als ein Meilenstein der Science-Fiction gefeiert.

Mehr zu Autor und Werk auf:

Cixin Liu

DER DUNKLE WALD

Roman

Aus dem Chinesischen von

Karin Betz

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe ist unter dem Titel HEIAN SENLIN ()

2008 bei Chongqing Publishing Group in Chongqing, VR China, erschienen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Deutsche Erstausgabe 04/2018

Redaktion: Urban Hofstetter

Copyright © 2008 by Liu Cixin ()

German rights authorized by

China Educational Publications Import & Export Corp., Ltd.

Co-published by Hunan Science & Technology Press

Copyright © 2018 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung

by Wilhelm Heyne Verlag,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds e.V.

für die Förderung durch ein Arbeitsstipendium.

Umschlagillustration: Stephan Martinière

Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-17458-3V006

diezukunft.de

Inhalt

Personenverzeichnis

Prolog

ERSTER TEIL

Die Wandschauer

ZWEITER TEIL

Der Fluch

DRITTER TEIL

Der dunkle Wald

Erläuterungen zu Schreibweise und Aussprache

Anmerkungen

Personenverzeichnis

Chinesische Namen bestehen aus einem meist einsilbigen Familiennamen und einem Vornamen. Der Familienname wird immer zuerst genannt, dann der Vorname.

Organisationen

ETO

Erde-Trisolaris-Organisation

PDC

Planetenverteidigungsrat (Planetary Defense Council)

SFJC

Oberkommando der Weltraumflotte (Solar Fleet Joint Conference)

Personen

Luo Ji

Astronom und Soziologe

Ye Wenjie

Astrophysikerin

Mike Evans

Ein Anführer und Finanzier der ETO

Wu Yue

Kapitän der Volksbefreiungsarmee

Zhang Beihai

Politkommissar der Volksbefreiungsarmee, später der Asiatischen Weltraumflotte

Chang Weisi

General der Volksbefreiungsarmee, später Kommandeur der Weltraumstreitkräfte

George Fitzroy

General und militärischer Leiter des Hubble-II-Projekts

Albert Ringier

Astrophysiker, Erfinder von Hubble II

Zhang Yuanchao

Rentner, genannt Lao Zhang

Yang Jinwen

Ehemaliger Lehrer, genannt Lao Yang

Miao Fuqian

Bergbauunternehmer, genannt Lao Miao

Shi Qiang

Polizeikommissar, genannt Da Shi

Shi Xiaoming

Sohn von Shi Qiang

Gordon Kent

Operation Wandschauer

Isabella Sayi

Generalsekretärin der Vereinten Nationen

Frederick Tyler

US-Verteidigungsminister a. D.

Manuel Rey Diaz

Ehemaliger Staatspräsident von Venezuela

Bill Hines

Neurobiologe und ehemaliger Präsident der EU

Keiko Yamazuki

Neurobiologin und Ehefrau von Bill Hines

Vladimir Garanin

Amtierender Vorsitzender des Planetenverteidigungsrats

Ding Yi

Theoretischer Physiker

Zhuang Yan

Malerin

Ben Jonathan

Operation Wandschauer

Dongfang Yanxu

Kapitän des Raumkreuzers Natürliche Selektion

Major Xizi

Wissenschaftsoffizier derQuantum

DER DUNKLE WALD

Prolog

Die braune Ameise hatte schon vergessen, dass sie hier einmal zu Hause gewesen war. Für die im Dämmerlicht liegende Erde und die eben aufgegangenen Sterne mochte die seitdem vergangene Zeitspanne lächerlich kurz gewesen sein – für die Ameise war es eine Ewigkeit.

In jenen längst vergessenen Tagen war ihre Welt auf den Kopf gestellt worden. Erdreich war davongeflogen und hatte eine tiefe und breite Kluft hinterlassen. Dann war das Erdreich donnernd zurückgekehrt, die Kluft verschwand, und aus einem Ende der zuvor aufgerissenen Erde ragte ein einsamer schwarzer Felsblock auf. Tatsächlich passierte so etwas auf diesem ausgedehnten Territorium ständig, die Erde flog davon und kam zurück, Klüfte taten sich auf und schlossen sich wieder, und wenn alles vorbei war, ragten diese Felsblöcke empor wie Markierungen für die vorangegangenen Katastrophen. Gemeinsam mit ihren Gefährten hatte die Ameise die überlebende Königin in Richtung der untergehenden Sonne davongetragen und einen neuen Staat errichtet. Gerade war sie auf Nahrungssuche und nur zufällig in der alten Heimat gelandet.

Die Ameise gelangte an den Fuß des schwarzen Felsblocks, wo sie seine kolossale Präsenz mit den Fühlern ertastete. Die Oberfläche war hart und glatt, jedoch begehbar. Also lief sie hinauf, ohne bestimmte Absicht, einem willkürlichen Impuls ihrer primitiven Neuronenbahnen folgend. Einem Impuls, wie er jedem Grashalm innewohnte, jedem Tautropfen auf den Blättern, jeder Wolke am Himmel und jedem Stern hinter den Wolken. Der ursprüngliche Impuls war zwar absichtslos, doch aus einer Masse willkürlicher Impulse formte sich schließlich eine Absicht.

Die Ameise fühlte die Erde vibrieren. Aus der Art, wie die Erschütterungen zunahmen, schloss sie, dass sich ein anderes, riesiges Wesen auf sie zubewegte. Unbeirrt setzte sie ihren Weg den Felsblock hinauf fort. Im rechten Winkel zwischen dem Fuß des Felsblocks und der Erde hing ein Spinnennetz. Was das war, wusste die Ameise. Vorsichtig umschiffte sie die am Abhang klebenden Spinnenfäden und krabbelte an der Spinne vorbei, die mit eingezogenen Beinen auf jede Bewegung der Fäden lauerte. Jeder der beiden wusste von der Existenz des anderen, doch wie schon seit vielen Millionen Jahren gab es keinerlei Kommunikation zwischen ihnen.

Die Vibration erreichte ihren Höhepunkt – und brach ab. Das riesige Wesen war bereits am Fuß des Felsens angekommen. Die Ameise bemerkte, dass es noch gigantischer war als der Felsblock und ein großes Stück des Himmels verdeckte. Diese Wesen waren der Ameise nicht fremd, sie waren lebendig, das wusste sie, und sie tauchten häufiger auf diesem Gelände auf. Ihre Erscheinung stand in engem Zusammenhang mit den entstehenden und sich wieder schließenden Klüften und den am Ende darauf thronenden Felsblöcken.

Die Ameise kletterte weiter. Sie wusste, dass diese Wesen – von seltenen Ausnahmen abgesehen – keine Gefahr für sie darstellten. Eine solche Ausnahme widerfuhr der Spinne unten, als das Wesen offenkundig das Netz zwischen Felsblock und Boden bemerkte. Mit den Stängeln eines Blumenstraußes, den es in einer seiner Gliedmaßen hielt, fegte es die Spinne weg, sodass sie mitsamt ihrem zerrissenen Netz im dichten Gestrüpp landete. Anschließend legte es die Blumen behutsam am Fuß des Felsblocks ab.

In diesem Augenblick gab es eine neuerliche Erschütterung, die ebenfalls schwach begann und an Intensität zunahm. Die Ameise begriff, dass sich ein weiteres Lebewesen derselben Art auf den Felsblock zubewegte. Gleichzeitig entdeckte sie eine lange Furche, eine Vertiefung im Fels, die sich viel rauer anfühlte und auch von anderer Farbe war, gräulich-weiß. Sie folgte der Furche, die sie dank ihrer rauen Beschaffenheit viel leichter begehen konnte. An beiden Enden mündete sie in eine dünnere Vertiefung. Unten war es eine horizontale Rinne, von der die Hauptfurche aufstieg, und oben eine kurze Linie, die in einem engen Winkel zur Hauptfurche nach unten verlief. Als die Ameise wieder zurück auf die glatte, schwarze Oberfläche kletterte, hatte sie sich ein vollständiges Bild von der Form der drei zusammenhängenden Furchen gemacht: 1.

Das Lebewesen war plötzlich nur noch halb so groß, etwa genauso hoch wie der Felsblock. Es hatte sich offenbar hingehockt und gab den Blick auf den dunkelblauen Himmel frei, an dem bereits einzelne Sterne funkelten. Die Augen des Lebewesens waren auf den oberen Teil des Felsblocks gerichtet. Die Ameise zögerte einen Moment und entschied sich, besser nicht direkt in sein Blickfeld zu laufen. Stattdessen änderte sie die Richtung und bewegte sich nun in horizontaler Linie weiter. Schnell stieß sie auf eine weitere Furche und trieb sich lange in der rauen Vertiefung herum, in der es sich wohlig krabbeln ließ. Außerdem erinnerte die Farbe sie an die Eier der Ameisenkönigin. Ohne zu zögern folgte sie der Furche abwärts. Diese entwickelte sich zu einer etwas komplexeren, gebogenen Form. Zuerst beschrieb sie einen vollständigen Kreis, dann verlief sie weiter in einem Bogen nach unten. Manchmal krabbelte die Ameise in einem ähnlichen Muster – wenn sie so lange ihrem Geruchssinn folgte, bis sie auf den Heimweg stieß. Ihre Neuronenbahnen vermittelten ihr ein Bild: 9.

Nun gab das vor dem Felsblock hockende Wesen eine Reihe von Lauten von sich, die die Verständnisfähigkeit der Ameise bei weitem überstiegen: »Das Leben selbst ist ein Wunder. Wie konntest du bloß nach etwas Bedeutungsvollerem suchen, wenn du nicht einmal das begriffen hast?«

Das Lebewesen machte einen Laut wie der Wind, der durch die Gräser fährt. Ein Seufzer. Dann richtete es sich auf.

Die Ameise krabbelte weiter parallel zum Boden und geriet in eine dritte Furche hinein, die erst annähernd vertikal verlief und dann eine scharfe Biegung machte. Im Ganzen sah sie so aus: 7. Die Form missfiel ihr. Solche abrupten Biegungen kündigten in der Regel Gefahren an.

Die Laute des ersten Lebewesens hatten die Erschütterungen übertönt. Daher bemerkte die Ameise erst jetzt, dass mittlerweile auch das zweite Wesen vor dem Felsblock angekommen war. Es war wesentlich kleiner und gebrechlicher als das erste und hatte schlohweißes Haar, das vor dem nachtblauen Himmel silbrig schimmerte, als wäre es mit den vielen funkelnden Sternen verbunden.

Das erste Wesen richtete sich auf, um das zweite zu begrüßen. »Dr. Ye, was … Wie kommen Sie hierher?«

»Sind Sie … Xiao Luo?«

»Luo Ji. Ich bin mit Yang Dong zur Schule gegangen. Wieso … sind Sie hier?«

»Ich mochte diesen Ort schon immer, und er ist mit dem Bus gut zu erreichen. In letzter Zeit komme ich häufiger her, um ein bisschen spazieren zu gehen.«

»Mein Beileid, Dr. Ye.«

»Ach, das ist nun schon so lange her …«

Die Ameise auf dem Felsblock wollte sich eigentlich gerade wieder nach oben wenden, doch da entdeckte sie eine weitere Furche vor sich, von derselben Form wie die 9, in der sie sich so wohl gefühlt hatte, bevor sie zu der 7 gekommen war. Also durchlief sie, statt senkrecht weiter zu krabbeln, die 9. Sie mochte diese Form lieber als die 7 oder die 1. Warum, konnte sie nicht genau sagen. Ihr Sinn für Ästhetik war primitiv und einzellig. Das behagliche Gefühl, mit dem sie vorhin durch die andere 9 gekrabbelt war, intensivierte sich noch. Auch diese Freude war ein primitiver und einzelliger Zustand. Die einzellige Natur dieser beiden Ameisensinne hatte sich nie weiterentwickeln können. So waren sie bereits seit hundert Millionen Jahren, und sie würden sich auch in den nächsten hundert Millionen Jahren nicht verändern.

»Dongdong hat oft von dir erzählt, Xiao Luo. Sie sagte, du arbeitest … als Astrophysiker?«

»Früher, ja. Jetzt unterrichte ich an der Uni Soziologie. An Ihrer Universität, um genau zu sein, auch wenn Sie schon pensioniert waren, als ich dort anfing.«

»Soziologie? So ein krasser Fachwechsel?«

»Stimmt. Yang Dong sagte immer, ich wisse nicht, was ich wolle.«

»Sie hat mir immer erzählt, wie intelligent du bist.«

»Naja, bestenfalls schlau. Kein Vergleich mit Ihrer Tochter. Mir kam die Astronomie einfach wie ein stählerner Block vor, in den man nicht das kleinste Loch bohren kann. Soziologie ist eher wie ein Holzbrett, in dem man immer eine dünne Stelle findet, an der man durchkommt. Es ist nicht so kompliziert.«

In der Hoffnung auf eine weitere 9 setzte die Ameise ihren horizontalen Weg fort. Doch stattdessen traf sie auf eine gerade Rinne. Sie war wie die erste Furche, nur länger, und verlief parallel zum Boden. Außerdem hatte sie keine zusätzlichen Furchen an den Enden. Sie war ein –.

»Das dürfen Sie nicht so sehen. So ist das Leben. Nicht jeder kann wie Dongdong sein.«

»Ich bin einfach nicht ehrgeizig. Ich lasse mich eher treiben.«

»Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte: Warum widmest du dich nicht der Kosmosoziologie?«

»Kosmosoziologie?«

»Den Begriff habe ich mir ausgedacht. Angenommen, im Universum gäbe es viele große Zivilisationen, womöglich so viele wie sichtbare Sterne. Unzählige Zivilisationen also, die zusammen die kosmische Gesellschaft bilden. Kosmosoziologie wäre dann die Wissenschaft von der Natur dieser universalen Gesellschaft.«

Die Ameise war nicht viel weitergekommen. Nach der »–«-Furche hatte sie auf eine behagliche 9 gehofft, traf aber auf eine 2. Sie begann mit einer angenehmen Kurve, am Ende machte sie jedoch einen genauso scharfen und furchterregenden Knick wie die 7. Das Vorzeichen einer unsicheren Zukunft.

Als sie auf die nächste Furche stieß, meinte sie, das sei nun die ersehnte 9. Doch die Kreisbahn, auf der sie lief, war eine Falle, denn die Rinne formte eine geschlossene 0. Sanfte Rundung, schön und gut, doch das Leben brauchte eine Richtung, man konnte doch nicht immer wieder an seinen Ausgangspunkt zurückkehren. Das begriff sogar eine Ameise. Obwohl noch zwei weitere Furchen vor ihr lagen, hatte sie das Interesse verloren und kletterte lieber weiter nach oben.

»Nun gut, aber … augenblicklich wissen wir nichts von einer anderen Zivilisation außer unserer eigenen.«

»Deshalb hat sich bislang auch niemand damit befasst. Das wäre dann deine Chance.«

»Faszinierend. Bitte fahren Sie fort, Dr. Ye.«

»Auf diese Weise könntest du deine beiden Fächer miteinander verbinden. Im Gegensatz zur Humansoziologie liefert die Kosmosoziologie mathematisch viel genauere Ergebnisse.«

»Wie meinen Sie das?«

Ye Wenjie deutete auf den Himmel, den im Westen noch die Abenddämmerung erhellte und wo nun die ersten Sterne leuchteten. Es fiel nicht schwer, sich daran zu erinnern, wie das eben noch sternenlose Firmament ausgesehen hatte: eine tiefblaue Leere in der Unendlichkeit oder ein Gesicht mit pupillenlosen Augen, wie bei einer Marmorstatue. Obwohl bislang nur wenige Sterne zu sehen waren, hatten die riesigen Augen Pupillen bekommen. Die weite Leere war gefüllt, und der Kosmos konnte sehen. Doch die Sterne waren klitzekleine, kaum wahrnehmbare silbrige Pünktchen, als wäre sich ihr Schöpfer nicht sicher gewesen. Es wirkte beinahe so, als hätte er dem Wunsch nicht widerstehen können, dem Universum Pupillen einzusetzen, gleichzeitig aber entsetzliche Angst davor gehabt, sie mit Sehkraft auszustatten. Zerrissen zwischen Wunsch und Widerwillen, hatte er das All riesig und die Sterne winzig gemacht und damit gezeigt, dass ihm die Vorsicht über alles ging.

»Überlege nur: Alle Elemente von Chaos und Beliebigkeit in der komplexen Struktur der Zivilisationen des Universums werden durch die enorme Distanz gefiltert, sodass die Zivilisationen von uns aus betrachtet über Parameter verfügen, die sich relativ leicht mathematisch erfassen lassen.«

»Aber sagen Sie mir, Dr. Ye, was ließe sich mit der Kosmosoziologie denn konkret erforschen? Es ist doch kaum möglich, Untersuchungen und Experimente durchzuführen.«

»Damit erhältst du ein rationales Ergebnis und kannst zunächst wie in der euklidischen Geometrie einige einfache, offensichtliche Axiome aufstellen und auf der Grundlage dieser Axiome eine ganze Theorie etablieren.«

»Das … klingt wirklich sehr spannend, Dr. Ye. Aber was wären die Axiome der Kosmosoziologie?«

»Erstens: Überleben ist das oberste Gebot jeder Zivilisation. Zweitens: Zivilisationen wachsen und dehnen sich ununterbrochen aus, aber die im Kosmos verfügbare Materie bleibt konstant.«

Nach wenigen Schritten hatte die Ameise festgestellt, dass es auch weiter oben Furchen gab. Ziemlich viele sogar, und sie waren kompliziert wie ein Labyrinth. Sie hatte ein gutes Gefühl für Formen und war sich sicher, auch diese neuen Strukturen erfassen zu können. Wegen der beschränkten Aufnahmekapazität ihres winzigen Neuronennetzes musste sie dafür jedoch zuerst die Formen vergessen, durch die sie zuvor gekrabbelt war. Auch die schöne 9, was sie allerdings nicht weiter bedauerte, denn das Vergessen gehörte nun einmal zum Leben. Es gab nur wenige Dinge, die sie nicht vergessen durfte – und die hatten ihre Gene im Speicherbereich der Instinkte abgelegt.

Nachdem sie ihre Erinnerungen gelöscht hatte, betrat die Ameise den Irrgarten und krabbelte durch Windungen und Biegungen, bis in ihrem schlichten Bewusstsein eine neue Form entstand: . Dieses chinesische Schriftzeichen wurde mu ausgesprochen und bedeutete Grab, aber das wusste die Ameise natürlich nicht. Darüber geriet sie in ein weiteres Furchengebilde. Es war wesentlich unkomplizierter als das vorherige. Dennoch musste sie erst das mu aus ihrem Gedächtnis löschen, um mit ihrer Entdeckungsreise fortzufahren. Als es so weit war, durchlief sie eine wunderbare Vertiefung und fühlte sich dabei an den Hinterleib einer frisch verendeten Heuschrecke erinnert, die sie vor Kurzem entdeckt hatte. Diese neue Struktur hatte sie schnell erfasst: , die chinesische Besitzanzeige zhi. Auf dem Weg nach oben stieß sie auf zwei weitere Furchengebilde. Das erste bestand aus zwei kurzen, tropfenförmigen Vertiefungen mit einem Heuschreckenleib darüber: . Es wurde dong ausgesprochen und bedeutete Winter. Das andere setzte sich aus zwei Teilen zusammen, die miteinander das Zeichen , yang für Pappel ergaben. Das war die letzte Form und die einzige, die die Ameise von ihrer kurzen Kletterpartie im Gedächtnis behielt. All die übrigen interessanten Strukturen waren vergessen.

»Aus soziologischer Perspektive sind diese beiden Axiome ziemlich handfest … Sie haben sie so schnell formuliert, dass man meinen könnte, Sie hätten sie bereits im Kopf gehabt«, sagte Luo Ji überrascht.

»Ich habe darüber schon mein ganzes Leben nachgedacht, aber mit niemandem darüber geredet. Ich weiß auch nicht, warum ich jetzt darauf komme … Aber das ist noch nicht alles. Damit du aus diesen beiden Axiomen eine grundlegende Vorstellung von Kosmosoziologie entwickeln kannst, musst du nämlich noch zwei weitere wichtige Konzepte mit einbeziehen: Zweifelsketten und technologische Explosion.«

»Das sind äußerst interessante Begriffe. Könnten Sie sie mir erläutern?«

Ye Wenjie sah auf ihre Uhr. »Dazu ist leider keine Zeit. Doch du bist ein intelligenter Mensch und wirst zweifellos von selbst darauf kommen. Nimm diese beiden Axiome als Fundament für deine Forschung, dann wirst du eines Tages der Euklid der Kosmosoziologie sein.«

»Aus mir wird kein Euklid, Dr. Ye. Aber ich werde mir merken, was Sie gesagt haben, und den Versuch wagen. Allerdings kann es sein, dass ich dazu nochmal Ihren Rat brauche.«

»Ich fürchte, das wird nicht möglich sein … In dem Fall wäre es besser, wenn du vergisst, was ich gesagt habe. Aber es liegt bei dir, was du daraus machst. Ich habe meine Pflicht erfüllt. Auf Wiedersehen, Xiao Luo.«

»Alles Gute, Dr. Ye.«

Ye Wenjie verschwand in der Dämmerung und machte sich auf den Weg zu ihrem letzten Treffen.

Die Ameise kletterte weiter, in eine runde Senke hinein, auf deren glatter Oberfläche sich eine extrem komplizierte Form abzeichnete. Niemals würde sich ihr winziges Neuronennetz so etwas merken können. Die ungefähre Form, die sie erfasste, war für ihren primitiven Ästhetiksinn jedoch ähnlich betörend wie die 9. Außerdem glaubte sie, in einem Teil des Bildes ein Augenpaar zu erkennen. Was Augen anging, war sie sensibel, denn ihr Blick verhieß normalerweise Gefahr. Mit diesen Augen war das allerdings anders, denn sie wusste, dass sie leblos waren.

Längst hatte sie vergessen, dass das riesige Lebewesen namens Luo Ji, während es schweigend vor dem Stein kniete, diese beiden Augen betrachtet hatte. Sie kletterte aus der Senke heraus und weiter nach oben, bis auf die Spitze des Felsblocks. Da sie sich nicht davor fürchtete runterzufallen, fehlte ihr auch das Bewusstsein dafür, hoch über ihrer Umgebung zu thronen. Der Wind hatte sie in der Vergangenheit schon oft von wesentlich höheren Orten heruntergeweht, doch dabei war sie jedes Mal vollkommen unversehrt geblieben. Ohne Höhenangst weiß man allerdings auch die Schönheit der Aussicht von oben nicht zu schätzen.

Am Fuß des Steingebildes war die Spinne, die Luo Ji mit dem Blumenstrauß zur Seite gefegt hatte, derweil mit dem Bau eines neuen Netzes beschäftigt. Nachdem sie sich viermal wie ein Pendel an einem schimmernden Faden vom Felsblock aus Richtung Boden geschwungen hatte, war sie bereits wieder mit dem Grundgerüst fertig. Und selbst wenn ihr Netz zehntausend Mal zerstört würde, würde sie es zehntausend Mal wieder aufbauen. Sie war deswegen weder wütend noch verzweifelt oder begeistert. So war das eben. Und das schon seit einer Milliarde Jahren.

Luo Ji hielt einen Moment inne. Dann ging auch er. Als die Erschütterungen des Bodens verebbt waren, krabbelte die Ameise auf einem anderen Weg den Felsblock wieder hinunter. Sie wollte jetzt nur noch rasch zurück zum Bau und dort berichten, wo ein toter Käfer zu finden war. Der Himmel war inzwischen dicht mit Sternen übersät. Am Fuß des Felsblocks kam sie wieder am Netz der Spinne vorbei. Wieder nahmen die beiden die Existenz des jeweils anderen wahr, beachteten einander jedoch nicht.

Weder Ameise noch Spinne wussten, dass sie abgesehen von der fernen Welt, die lauschend den Atem anhielt, soeben die einzigen Zeugen der Geburtsstunde der Kosmosoziologie geworden waren.

Nur wenige Stunden zuvor, in tiefer Nacht, stand Mike Evans am Bug der Jüngstes Gericht, während der Pazifik wie schwarzer Satin unter dem Sternenhimmel vorüberglitt. Evans mochte es, um diese Zeit mit der fernen Welt zu kommunizieren, weil sich der Text, den die Sophonen auf seine Netzhäute projizierten, so wunderschön vor dem nächtlichen Meer und dem Himmel abzeichnete.

Das ist unsere zweiundzwanzigste Echtzeitkonversation. Es gibt gewisse Schwierigkeiten mit der Kommunikation.

»Ja, Herr. Ich habe bemerkt, dass Ihr einen Großteil des Datenmaterials über die Menschheit, das wir Euch geschickt haben, nicht wirklich verstehen konntet.«

So ist es. Du hast die enthaltenen Elemente wirklich sehr gut erklärt, aber wir sind nicht in der Lage, es vollständig zu verstehen. Manchmal scheint es, als gebe es etwas zu viel in eurer Welt, und dann wieder etwas zu wenig.

»Handelt es sich dabei um ein und dasselbe?«

Ja, doch wir wissen nicht, ob es etwas zu viel oder zu wenig ist.

»Wie kann das sein?«

Wir haben die Dokumente sorgfältig studiert und festgestellt, dass der Schlüssel zum Verständnis in den Synonymen liegt.

»Synonyme?«

In euren Sprachen gibt es zahlreiche Synonyme und Pseudosynonyme. Zum Beispiel enthielt das Chinesisch eurer ersten Nachrichten einige Begriffe mit derselben Bedeutung, wie »kalt« und »eisig«, »schwer« und »gewichtig« oder »weit« und »fern«.

»Und welches Synonympaar hat nun das Verständnis des Materials verhindert?«

»Denken« und »sagen«. Wir haben soeben erst überrascht festgestellt, dass das gar keine Synonyme sind.

»Nein, das sind keine Synonyme.«

Nach unserem Verständnis sollten sie das aber sein. »Denken« bedeutet, mit Denkorganen gedankliche Aktivitäten durchzuführen. »Sagen« bedeutet, den Inhalt der Gedanken einem anderen mitzuteilen. Für Letzteres benötigt man in eurer Welt sogenannte Stimmbänder, die die Luft in Schwingungen versetzen. Sind diese Definitionen korrekt?

»Das sind sie. Aber zeigt das nicht, dass ›denken‹ und ›sagen‹ keine Synonyme sind?«

Nach unserem Verständnis zeigt das, dass sie Synonyme sind.

»Darf ich kurz darüber nachdenken?«

Bitte sehr. Wir sollten beide darüber nachdenken.

Während der folgenden zwei Minuten betrachtete Evans, wie der Ozean unter dem Sternenhimmel wogte. »Welche Organe gebraucht Ihr zur Kommunikation, Herr?«

Wir haben keine Kommunikationsorgane. Unsere Gehirne tauschen sich aus, indem sie unsere Gedanken der Außenwelt anzeigen.

»Gedanken anzeigen? Wie funktioniert das?«

Die Gedanken in unseren Gehirnen senden elektromagnetische Wellen im gesamten Frequenzspektrum, darunter auch im Bereich des sichtbaren Lichts. Sie können über ziemlich weite Entfernungen hinweg projiziert werden.

»Das heißt also, für Euch ist denken gleich sprechen.«

Deshalb sind das Synonyme.

»Aha … Doch selbst wenn das so ist, sollte es eigentlich das Verständnis der Dokumente nicht erschweren.«

Das ist richtig. Was Denken und Kommunikation angeht, sind die Diskrepanzen zwischen uns und euch gering. Wir alle haben ein Gehirn, und unsere Gehirne produzieren durch eine Unmenge neuronaler Verbindungen Intelligenz. Der einzige Unterschied ist, dass die elektromagnetischen Wellen unserer Gehirne so stark sind, dass sie von unserem Gegenüber direkt erfasst werden können. Weswegen wir keine Kommunikationsorgane brauchen. Das ist alles.

»Nein, ich glaube wir übersehen da etwas Wichtiges, Herr. Lasst mich noch einmal darüber nachdenken.«

Nur zu.

Evans verließ den Bug und spazierte über das Deck. Unterhalb der Reling hob und senkte sich lautlos der nächtliche Ozean. Er stellte sich ihn als denkendes Gehirn vor.

»Ich möchte Euch eine Geschichte erzählen, Herr. Um sie zu begreifen, müsst Ihr die folgenden Elemente verstehen: Wolf, Kind, Großmutter, ein Häuschen im Wald.«

Das sind alles sehr verständliche Elemente, abgesehen von der Großmutter. Ich weiß, dass dieser Begriff eine Form der Blutsverwandtschaft zwischen menschlichen Wesen bezeichnet und dass er sich üblicherweise auf eine Frau fortgeschrittenen Alters bezieht. Ihre genaue Position innerhalb des verwandtschaftlichen Beziehungsgeflechts bedarf jedoch näherer Erläuterung.

»Das spielt keine Rolle, Herr. Ihr müsst lediglich wissen, dass ihre Beziehung zum Kind sehr eng ist. Sie ist die einzige Person, der das Kind vertraut.«

Ich verstehe.

»Ich vereinfache die Geschichte ein wenig. Die Großmutter hatte etwas zu erledigen und ließ das Kind allein im Haus zurück. Sie schärfte ihm ein, die Tür verschlossen zu halten und sie niemandem außer ihr zu öffnen. Unterwegs begegnete die Großmutter einem Wolf, der sie auffraß und dann ihre Kleider anlegte. Danach ging der Wolf zu dem Häuschen, klopfte an die Tür und sagte: ›Ich bin es, die Großmutter, öffne die Tür.‹ Das Kind machte sie einen kleinen Spaltbreit auf und sah jemanden, der die Großmutter zu sein schien. Also öffnete es die Tür ganz, der Wolf kam herein und fraß das Kind auf. Versteht Ihr diese Geschichte, Herr?«

Ich verstehe überhaupt nichts.

»Dann stimmt meine Vermutung vielleicht.«

Der Reihe nach. Der Wolf hatte von Anfang an vor, in das Haus einzudringen und das Kind zu fressen, richtig?

»Richtig.«

Er hat mit dem Kind kommuniziert. Richtig?

»Richtig.«

Und genau das verstehe ich nicht. Um sein Ziel zu erreichen, hätte er nicht mit dem Kind kommunizieren dürfen.

»Warum?«

Aber das ist doch klar: Hätte zwischen den beiden Kommunikation stattgefunden, hätte das Kind doch gewusst, dass der Wolf hereinkommen und es fressen wollte, und es hätte ihm die Tür nicht geöffnet.

Nach einem kurzen Schweigen sagte Evans: »Ich verstehe, Herr. Ich verstehe.«

Was hast du verstanden? Versteht sich das nicht von selbst?

»Eure Gedanken sind für die Außenwelt unmittelbar zu erkennen, ihr könnt sie nicht verbergen.«

Wie könnte man seine Gedanken verbergen? Diese Vorstellung ist verwirrend.

»Ich meine damit, dass Eure Gedanken und Erinnerungen für die Außenwelt stets transparent sind, wie ein offenes Buch oder ein öffentlich vorgeführter Film oder ein Fisch in einem durchsichtigen Aquarium. Absolut sichtbar, sofort von der Außenwelt erfassbar. Hm. Vielleicht sind Euch ein paar der Elemente, die ich gerade erwähnt habe …«

Ich begreife sie alle. Aber ist das alles nicht selbstverständlich?

Evans schwieg eine Weile. Schließlich sagte er: »Das ist es also … Wenn Ihr mit einem Gegenüber kommuniziert, ist alles, was kommuniziert wird, wahr. Ihr könnt weder lügen noch betrügen, also könnt Ihr euch wahrscheinlich auch keine komplexen Strategien ausdenken.«

Wir können nicht nur von Angesicht zu Angesicht kommunizieren, sondern auch über weite Distanzen hinweg. Mit den Begriffen »lügen« und »betrügen« haben wir ebenfalls Verständnisschwierigkeiten.

»Was ist das für eine Gesellschaft, in der alle Gedanken transparent sind? Welche Art von Kultur entsteht dadurch, und was für eine Politik? Ohne Intrigen und Täuschungsmanöver?«

Was sind Intrigen und Täuschungsmanöver?

Evans schwieg.

Die Kommunikationsorgane der Menschen sind das Resultat eines evolutionären Defizits, ein notwendiger Ausgleich dafür, dass eure Gehirne keine ausreichend starken Gedankenwellen produzieren können. Das ist eine eurer biologischen Schwachstellen. Gedanken direkt transparent machen zu können, ist eine wesentlich effizientere Form der Kommunikation.

»Ein Defizit? Eine Schwachstelle? Nein, Ihr täuscht Euch, Herr. Was das betrifft, seid Ihr vollkommen im Irrtum.«

Tatsächlich? Darüber muss ich nun einen Augenblick nachdenken. Schade, dass du meine Gedanken nicht sehen kannst.

Das Gespräch blieb für eine ganze Weile unterbrochen. Nachdem zwanzig Minuten lang keine Schrift mehr erschienen war, spazierte Evans vom Bug zum Heck, wo er einen Schwarm Fische beobachtete, der immer wieder aus dem Ozean sprang und dabei einen im Mondlicht silbrig schimmernden Bogen in die Luft zeichnete. Einige Jahre zuvor hatte er den Einfluss der Überfischung auf die Lebewesen an der Küste untersucht und dazu eine Weile auf einem Fischerboot im Südchinesischen Meer verbracht. »Die Parade der Drachenarmee« hatten die Fischer diesen Anblick genannt. Für Evans sahen sie aus wie Text, der auf das Auge der Meeresoberfläche projiziert wurde. Noch während er das dachte, erschien vor seinen eigenen Augen ein neuer Text.

Du hast recht. Wenn ich mir den Inhalt der Dokumente noch einmal vergegenwärtige, verstehe ich sie jetzt etwas besser.

»Ihr habt noch einen langen Weg vor Euch, mein Herr, bis Ihr die menschliche Natur wirklich begreifen werdet. Ich fürchte sogar, es wird Euch nie ganz gelingen.«

Stimmt, es ist wirklich sehr kompliziert. Immerhin weiß ich jetzt, warum ich zuvor nicht alles verstanden habe … Du hast recht.

»Ihr braucht uns, mein Gebieter.«

Ich habe Angst vor euch.

Die Konversation brach ab. Das war die letzte Nachricht, die Evans von Trisolaris erhielt.

Er stand noch eine Weile am Heck und sah zu, wie die schneeweiße Gischt hinter der Jüngstes Gericht in den Schemen der Nacht verschwand. Wie verflossene Zeit.

ERSTER TEIL

Die Wandschauer

Jahr 3 der Krise

Abstand der Trisolaris-Flotte zum Sonnensystem:

4,21 Lichtjahre

Wie alt es aussieht…

Das war Wu Yues erster Gedanke, als er im flackernden Schein gleißender Lichtbögen beim Bau des riesigen Schiffes Tang zusah. Natürlich lag das nur an den zahllosen, unbedeutenden Flecken auf dem fast fertiggestellten Rumpf, die beim Zusammenschweißen der Manganstahlplatten entstanden waren. Er versuchte vergeblich, sich vorzustellen, wie neu und robust die Tang erst aussehen würde, sobald man ihr einen frischen grauen Anstrich verpasst hatte.

Soeben war für die Mannschaft der Tang das vierte Küstengewässermanöver zu Ende gegangen. Während dieser beiden Monate hatten sich die leitenden Offiziere des Schiffes, Wu Yue und der neben ihm stehende Zhang Beihai, in einer heiklen Situation befunden: Die Kommandeure befehligten den Gefechtsverband aus Zerstörern, U-Booten und Versorgungsschiffen. Doch da die Tang immer noch in der Werft lag, übernahm bei dem Manöver entweder das Trainingsschiff Zheng He ihre Position, oder es blieb eine Lücke in der Formation. Wu Yue hatte oft auf die leere Stelle hinausgestarrt, wo die Wasseroberfläche von den Heckwellen der kreuz und quer fahrenden Schiffe aufgewirbelt wurde. Dieser Anblick hatte ihn an seinen eigenen Gemütszustand erinnert. Wiederholt hatte er sich gefragt, ob diese Leerstelle wohl jemals gefüllt werden würde.

Als er nun die unfertige Tang betrachtete, kam sie ihm nicht nur alt vor, sondern wie ein Sinnbild für Vergänglichkeit. Sie wirkte wie eine riesige, verlassene Festung, ihr fleckiger Rumpf wie eine bröckelnde Steinmauer und die vom Baugerüst herunterregnenden Funken wie Kletterpflanzen auf antikem Mauerwerk … Alles in allem sah sie wie ein archäologisches Fundstück aus und nicht wie eine Neukonstruktion.

Wu Yue machte dieser Gedanke Angst. Also wandte er sich an Zhang Beihai und fragte: »Geht es Ihrem Vater wieder besser?«

Zhang Beihai schüttelte sacht den Kopf. »Nein. Aber er ist stabil.«

»Sie sollten um Urlaub bitten.«

»Das habe ich bereits getan, als er eingeliefert wurde. Jetzt warte ich erst einmal ab und sehe dann weiter.«

Die Unterhaltung verstummte. So wie jedes Mal, wenn es persönlich wurde. Berufliche Gespräche fielen ihnen leichter, aber auch dabei schien immer irgendetwas zwischen ihnen zu stehen.

»Unsere Arbeit wird immer wichtiger, Beihai. Da wir uns diese Verantwortung teilen, sollten wir meines Erachtens mehr miteinander reden.«

»Wir reden doch schon genug miteinander. Hätten wir nicht so erfolgreich auf der Chang’an zusammengearbeitet, wären wir von denen da oben sicher nicht für die Tang abgestellt worden.« Zhang Beihai lachte, als er das sagte. Doch es war die Art von Lachen, die Wu Yue nur schwer deuten konnte. Zhang Beihai konnte tief in die Herzen sämtlicher Besatzungsmitglieder blicken, egal ob Kapitän oder Matrose. Auch Wu Yue war für ihn wie ein offenes Buch.

Wu hingegen hatte keine Ahnung, was in Zhang vorging. Er war sich sicher, dass sein Lachen nicht aufgesetzt war, aber er machte sich keine Hoffnungen, je aus diesem Menschen schlau zu werden.

Für eine gute Zusammenarbeit war es nicht unbedingt nötig, dass man sich auch gut verstand. Zweifellos war Zhang Beihai der fähigste Politkommissar auf dem Schiff, er war sehr geradeheraus und analysierte alles gründlich bis ins kleinste Detail. Doch was in ihm vorging, blieb Wu Yue rätselhaft. Ständig kam es ihm so vor, als wolle Zhang Beihai ihm zu verstehen geben: Mach ruhig, so ist es am besten oder zumindest einigermaßen in Ordnung.Aber eigentlich möchte ich es anders haben. Anfangs war es nur ein vages Gefühl, doch irgendwann ließ es sich nicht mehr leugnen. Selbstverständlich verhielt sich Zhang Beihai stets mustergültig und korrekt, aber was ihn wirklich umtrieb … Wu Yue wusste es nicht.

Für Wu Yue galt der Grundsatz: Wenn man sich eine so gefährliche Aufgabe wie das Kommando über ein Schiff teilte, musste man sich in den anderen hineinversetzen können. Aber mit Zhang schien das unmöglich zu sein. Er hatte das Gefühl, dass Zhang ihm misstraute, und das kränkte ihn. Gab es denn irgendjemanden, der den schwierigen Posten eines Zerstörerkapitäns aufrechter und integrer versah als er? Womit habe ich diesen Argwohn verdient?

Als Zhang Beihais Vater für kurze Zeit ihrer beider Vorgesetzter gewesen war, hatte Wu Yue ihn auf die Verständigungsschwierigkeiten mit seinem Politkommissar angesprochen.

»Was soll’s?«, hatte ihn der General freundlich gefragt. »Solange die Arbeit reibungslos funktioniert, ist doch alles bestens.« Und dann hatte er hinzugefügt: »Und um ehrlich zu sein: Ich verstehe ihn auch nicht.«

»Lassen Sie uns etwas näher herangehen«, sagte Zhang Beihai und deutete auf die im Funkenmeer gebadete Tang. In diesem Augenblick piepsten gleichzeitig ihre Handys: Eine SMS beorderte sie zurück zu ihrem Auto. Das verhieß nichts Gutes, da nur die Kommunikationsanlage im Wagen abhörsicher war. Wu Yue öffnete die Wagentür und nahm den Hörer ab. Der Anruf kam von einem Berater aus der Zentrale.

»Kapitän Wu, Eilbefehl an Sie und Politkommissar Zhang: Machen Sie sofortige Meldung beim Hauptquartier des Generalstabs.«

»Beim Generalstab? Und was ist mit den Truppenübungen der Fünften Flotte? Der halbe Gefechtsverband ist bereits auf See, und die übrigen Schiffe werden morgen dazustoßen.«

»Davon weiß ich nichts, aber der Befehl ist eindeutig. Die genaueren Details erfahren Sie vor Ort.«

Der Kapitän und der Politkommissar der noch nicht seetüchtigen Tang sahen einander an und erlebten einen der seltenen Augenblicke, in denen sie das Gleiche dachten: Sieht so aus, als würde dieser Fleck Wasser für immer leer bleiben.

Festung Greely, Alaska. Der Damhirsch, der eben noch sorglos über die verschneite Ebene getrabt war, erstarrte, als der Boden unter dem Schnee zu vibrieren begann. Vor ihm öffnete sich eine weiße Halbkugel. Der Damhirsch kannte dieses riesige, halb in der Erde vergrabene Ei schon seit Langem, aber er hatte immer das Gefühl gehabt, dass es nicht in seine kalte Welt gehörte. Das Ei brach auf, dichter Rauch und Flammen stiegen empor, und mit lautem Getöse schlüpfte ein zylindrischer Körper heraus, der nach allen Seiten Feuerbälle ausstieß und in enormem Tempo Fahrt nach oben aufnahm. Die Flammen wirbelten die Schneewehen der Umgebung in die Luft, von wo sie als Regen niedergingen. Sobald der Zylinder an Höhe gewonnen hatte, ebbten die Erschütterungen, die das Wild erschreckt hatten, wieder ab, und alles war so friedlich wie zuvor. Während der Zylinder im Himmel verschwand, hinterließ er einen ausgedehnten weißen Schweif. Es sah aus, als wäre die Schneelandschaft ein riesiges Wollknäuel, aus dem eine unsichtbare Hand einen langen Faden herauslöste.

»Verdammt!«, sagte Leitstandoffizier Raeder und knallte seine Computermaus auf den Tisch. »Hätte ich ein paar Sekunden mehr Zeit gehabt, hätte ich den Abschuss abgebrochen!« Er saß im mehrere tausend Kilometer entfernten Raketenabwehrkontrollraum der NORAD-Kommandozentrale. Die Anlage befand sich unweit von Colorado Springs, dreihundert Meter unter dem Gipfel des Cheyenne Mountain.

»Ich habe mir schon gedacht, dass da nichts ist, als der Systemalarm losging«, sagte Jones und schüttelte den Kopf. Er war für die Überwachung der Umlaufbahn zuständig.

»Und was greift das System dann an?«, fragte General Fitzroy. Die Abwehr von Atomraketen war nur eine der vielen Aufgaben in seiner neuen Funktion, und er hatte sich noch nicht komplett eingearbeitet. Fitzroy blickte auf die Monitorwand und suchte angestrengt nach der intuitiven grafischen Darstellung, die er von der NASA her kannte: eine rote Linie, die sich über die Weltkarte bewegte und eine auffällige Sinuskurve über der zweidimensionalen Projektion der Erdkugel beschrieb. Auch wenn Uneingeweihte damit nicht viel anfangen konnten, genügte sie, um zu begreifen, dass da etwas in die Luft geschossen wurde. Doch so leicht wurde es einem hier nicht gemacht. Die Linien auf den Bildschirmen bildeten ein undurchschaubares, abstraktes Durcheinander. Noch schlimmer waren die Bildschirme mit den schnell aufsteigenden Zahlenkolonnen, die ausschließlich die Leitstandoffiziere lesen konnten.

»General, erinnern Sie sich daran, wie im vergangenen Jahr die Reflexionsfolie auf dem Multifunktionsmodul der ISS ausgetauscht wurde? Dabei haben sie die alte Folie verloren. Und die hat jetzt den Alarm ausgelöst. Sie bewegt sich im Solarwind, knäult sich zusammen und entfaltet sich wieder.«

»Aber … die sollte dann doch in den Daten der Objektüberwachung aufgeführt sein, oder nicht?«

»Ist sie auch. Hier.« Raeder öffnete die entsprechende Seite mit der Maus. Unter einem Haufen komplizierter Texte, Daten und Graphen tauchte ein wenig aussagekräftiges Foto auf, das vermutlich mit einem gewöhnlichen geostationären Teleskop aufgenommen worden war. Es zeigte einen silbrig-weißen Fleck vor schwarzem Hintergrund. Wegen der starken Reflexion ließen sich keine Details ausmachen.

»Aber wenn Ihnen diese Daten vorgelegen haben, Major, warum haben Sie dann das Startprogramm nicht gestoppt?«

»Das System hätte die Datenbank mit den Angriffszielen automatisch durchsuchen müssen. Menschliche Reaktionszeiten sind dafür viel zu lang. Aber es gibt Daten aus dem alten System, die noch nicht für das neue umformatiert worden sind, deshalb waren sie noch nicht mit dem Systemerkennungsmodul verknüpft.« Raeder klang ein wenig angespannt, und der Subtext war klar: Reicht es nicht, dass ich Ihnen bewiesen habe, wie schnell ich eine manuelle Suche durchführen kann, an der selbst der Computer scheitert? Können Sie sich Ihre unqualifizierten Fragen nicht sparen?

»General, der Befehl, das System scharfzuschalten, erging, nachdem der Nuclear-Missile-Defense-System-Computer den Abfangkurs berechnet hat«, meldete sich einer der diensthabenden Offiziere zu Wort. »Zu diesem Zeitpunkt war der Softwareabgleich noch nicht komplett.«

Fitzroy sagte nichts mehr. Das Geschwätz im Kontrollraum ging ihm auf die Nerven. Hier hatten sie also das erste Planetenverteidigungssystem der Menschheit, und es war nicht mehr als ein herkömmliches NMD, dessen Abfangkurse von den verschiedenen Kontinenten weg auf das All gerichtet worden waren.

»Wir sollten ein Erinnerungsfoto machen«, sagte Jones. »Es ist schließlich das erste Mal, dass die Erde geschlossen gegen einen gemeinsamen Feind losschlägt.«

»Kameras sind verboten«, erwiderte Raeder kühl.

»Wovon reden Sie überhaupt, Captain?«, sagte Fitzroy, der plötzlich wütend wurde. »Das System hat keinerlei feindliche Ziele ausgemacht. Von einem Erstschlag kann keine Rede sein.«

Verlegenes Schweigen. Dann sagte jemand: »Die Abwehrraketen haben nukleare Sprengköpfe.«

»Anderthalb Megatonnen schwere, um genau zu sein. Ja, und?«

»Es ist beinahe dunkel, und da sich das Ziel in unserem Blickfeld befindet, müssten wir die Blitze der Explosion erkennen können.«

»Das können Sie auf dem Monitor verfolgen.«

»Draußen im Freien ist es aber cooler«, sagte Raeder.

Jones sprang nervös auf. »General, ich … meine Schicht ist zu Ende.«

»Meine auch«, sagte Raeder. Das war reine Höflichkeit, denn Fitzroy war zwar ein hochrangiger Koordinator des Planetary Defence Council PDC, hatte aber keine Befehlshoheit über NORAD und das NMD.

Fitzroy winkte ab. »Tun Sie, was Sie nicht lassen können, ich bin nicht Ihr Vorgesetzter. Ich möchte Sie jedoch darauf hinweisen, dass wir langfristig zusammenarbeiten werden.«

Raeder und Jones rannten so schnell sie konnten vom Kontrollzentrum nach oben, wo sie durch die tonnenschwere strahlungssichere Tür auf den Gipfel des Cheyenne Mountain hinaustraten. Es dämmerte, und der Himmel war klar, aber vom Blitz einer Atomexplosion im All war nichts zu sehen.

»Dort sollte es eigentlich sein.« Jones deutete auf die entsprechende Stelle am Firmament.

»Vielleicht haben wir das Ziel verfehlt«, sagte Raeder, ohne nach oben zu schauen. Mit einem ironischen Grinsen fügte er hinzu: »Glauben die wirklich, dass sich die Sophon in eine niedrigere Dimensionalität auffalten wird?«

»Ich halte das für unwahrscheinlich. Dafür ist es zu intelligent«, sagte Jones. »Den Gefallen wird es uns kaum tun.«

»Das NMD richtet den Blick nach oben, als ob es nichts gäbe, wogegen wir uns auf der Erde zu verteidigen hätten! Selbst wenn die Terrorstaaten plötzlich alle zu Heiligen werden, gibt es immer noch die ETO, oder?« Raeder schnaubte. »Und sehen Sie sich den PDC an. Diese Militärs wollen doch bloß schnelle Ergebnisse sehen. Fitzroy ist auch so einer. Jetzt können sie behaupten, dass die erste Stufe des Planetenverteidigungssystems einsatzbereit ist, obwohl sie praktisch nichts an der Hardware verändert haben. Das ganze System soll nur verhindern, dass sich die Sophon nahe der Erdumlaufbahn in niedrigere Dimensionen entfaltet. Die dazu notwendige Technologie ist sogar noch primitiver als die zur Abwehr von Lenkflugkörpern, denn wenn das Objekt wirklich auftaucht, wird es sich über eine ungeheure Fläche ausdehnen … Aus diesem Grund habe ich Sie auch hier heraufgebeten, Captain. Was sollte diese Kinderei, diese Geschichte mit dem Erinnerungsfoto? Sie haben den General gegen sich aufgebracht. Sehen Sie nicht, was das für ein kleinkarierter Typ ist?«

»Aber … ich dachte, ich hätte ihm damit geschmeichelt.«

»Fitzroy ist eine der größten Marketingkanonen im gesamten Militär. Er wird einen Teufel tun und bei der Pressekonferenz zugeben, dass es einen Systemfehler gegeben hat. Stattdessen wird er, genauso wie die anderen auch, von einem erfolgreichen Manöver sprechen. Warten Sie’s nur ab.« Raeder setzte sich auf den Boden, stützte die Hände hinter dem Rücken auf und starrte zurückgelehnt in den inzwischen sternenbedeckten Himmel. Sehnsucht lag in seinem Blick. »Wissen Sie, Jones, wenn die Sophon sich tatsächlich wieder entfaltet, haben wir die Chance, sie zu vernichten. Das wäre was!«

»Wozu soll das gut sein? Tatsache ist, dass die auf dem Weg in unser Sonnensystem sind. Aber wer weiß, wie viele … Moment mal, warum sagen Sie eigentlich immer sie und nicht es?

Raeders Gesicht nahm einen verklärten Ausdruck an. »Gestern erzählte mir ein chinesischer General, der gerade in der Kommandozentrale angekommen ist, dass in seiner Sprache die Schriftzeichen für Sophon dieselben sind wie für den japanischen Frauennamen Tomoko.«

Am Vortag hatte Zhang Yuanchao seine Pensionsunterlagen abgegeben und der Chemiefabrik, in der er mehr als vier Jahrzehnte gearbeitet hatte, den Rücken gekehrt. Sein Nachbar Lao Yang nannte es den Beginn seiner zweiten Jugend. Sechzig sei, sagte er zu ihm, genauso wie sechzehn, ein wunderbares Alter, in dem man die Lasten seiner Vierziger und Fünfziger ablege, aber noch nicht so nachlasse und gebrechlich werde wie in seinen Siebzigern und Achtzigern. Das richtige Alter, um sein Leben zu genießen. Sein Sohn und seine Schwiegertochter waren fest angestellt. Sie hatten zwar erst spät geheiratet, doch bald würde Zhang Yuanchao einen Enkelsohn in den Armen wiegen. Ohne die Abfindung, die sie beim Abriss ihrer alten Siedlung bekommen hatten, hätten Zhang Yuanchao und seine Frau sich ihre jetzige Wohnung nicht leisten können. Seit einem Jahr wohnten sie jetzt hier.

Im Grunde konnte er zufrieden sein. Was seine persönliche Situation anging, hatte Lao Yang zweifellos recht. Dennoch fühlte er, als er seinen Blick aus dem achten Stock in den blauen Himmel über der Stadt richtete, keinerlei Sonnenschein in seinem Herzen, von einer zweiten Jugend ganz zu schweigen.

Lao Yang, der eigentlich Yang Jinwen hieß, war ein pensionierter Mittelstufenlehrer, der Zhang Yuanchao ständig dazu riet, sein Rentenalter zu nutzen, um noch etwas Neues dazuzulernen. Zum Beispiel: »Das Internet. Das beherrschen sogar die kleinen Kinder, warum nicht du?« Zhang Yuanchaos größtes Versäumnis sei sein mangelndes Interesse an der Außenwelt. »Deine Alte kann sich wenigstens die Tränen abwischen, während sie vor dem Fernseher sitzt und sich diese albernen Seifenopern ansieht. Aber du guckst nicht mal Fernsehen. Du solltest dich mehr für Politik interessieren, nationale und internationale. Das gehört zum Leben dazu.« Dass Zhang Yuanchao ein waschechter Pekinger war, wollte man gar nicht glauben. Wo jeder Taxifahrer sich versiert über das politische Weltgeschehen auslassen konnte, wusste Zhang Yuanchao gerade einmal, wie der chinesische Staatspräsident hieß, beim Namen des Premiers musste er schon passen. Und er war stolz darauf. Er lebe als einfacher Mann ein solides und anständiges Leben, pflegte er zu sagen, was scherten ihn solche Belanglosigkeiten! Sie interessierten ihn nicht, und dass er sich nicht damit befasste, ersparte ihm eine Menge Kopfschmerzen.

Yang Jinwen, ja, der verfolgte die Politik mit großem Interesse und legte viel Wert darauf, allabendlich die Nachrichten zu sehen, sich online mit anderen Kommentatoren über die aktuelle Wirtschaftspolitik und das atomare Wettrüsten zu streiten, bis er rot anlief. Und was hatte er davon? Er bekam trotzdem keinen Cent mehr Rente von der Regierung. »Du spinnst. Das hat nichts mit dir zu tun, behauptest du?«, ereiferte er sich gegenüber Zhang Yuanchao. »Hör mal, Lao Zhang. Jede nationale und internationale Angelegenheit, jede politische Entscheidung, jede UN-Resolution hat etwas mit deinem Leben zu tun, direkt oder indirekt. Du meinst, die Invasion der USA in Venezuela ginge dich nichts an? Ich kann dir versichern: Das verändert deine Rentenentwicklung nicht nur um Centbeträge, glaub mir das.« Zhang Yuanchao hatte immer nur gelacht, wenn sein Nachbar sich so pedantisch echauffierte. Doch jetzt wusste er, dass Yang Jinwen recht hatte.

Es klingelte an der Tür, und als Zhang Yuanchao sie öffnete, stand Yang Jinwen vor ihm. Er wirkte sehr entspannt und aufgeräumt. Offenbar war er eben erst nach Hause gekommen. Zhang Yuanchao bat ihn herein und sah seinen Nachbarn an wie ein einsamer Wanderer in der Wüste, der endlich einen Gefährten gefunden hat und ihn nie mehr ziehen lassen will. »Ich habe nach dir gesucht, wo warst du denn?«

»Auf dem Markt. Deine Frau war auch da und hat eingekauft.«

»Warum ist das ganze Haus so leer? Ich fühle mich wie auf einem … Friedhof.«

»Ganz einfach. Weil heute kein Feiertag ist.« Yang Jinwen lachte. »Ha, dein erster Tag als Rentner! Ja, so fühlt man sich dann. Wenigstens warst du nicht der Chef von irgendwem, solchen Leuten geht es noch viel schlimmer. Daran gewöhnst du dich. Komm, mal sehen, was im Nachbarschaftszentrum los ist.«

»Nein, nein. Es ist nicht, weil ich jetzt Rentner bin. Es ist wegen … wie soll ich sagen, naja … der Weltlage.«

»Der Weltlage?« Yang Jinwen zeigte lachend mit dem Finger auf ihn. »Dass ich dich einmal das Wort ›Weltlage‹ benutzen höre!«

»Na gut. Bislang habe ich mich nie um die großen Zusammenhänge gekümmert, aber was jetzt passiert, das ist dann doch zu wichtig! Wer hätte das ahnen können?«

»Das ist schon witzig, Lao Zhang, ausgerechnet jetzt, wo ich gerade angefangen habe, mich für deine Denkweise zu erwärmen. Mich jucken diese Geschichten nämlich nicht mehr. Ob du es glaubst oder nicht: Ich habe seit zwei Wochen keine Nachrichten mehr gesehen. Früher habe ich mich dafür interessiert, weil ich meinte, dass man als Mensch Einfluss auf diese Dinge nehmen könnte. Aber das, was jetzt passiert … Da hilft uns keiner raus. Warum sich also deswegen auch noch verrückt machen?«

»Aber das kann man doch nicht einfach ignorieren. In vierhundert Jahren wird die Menschheit aufhören zu existieren!«

»Na und? Du und ich, wir werden so etwa in vierzig Jahren aufhören zu existieren.«

»Und unsere Nachkommen? Die werden ausgelöscht werden!«

»Das betrifft mich nicht im gleichen Maße wie dich. Mein Sohn ist in den USA verheiratet und will keine Kinder. Also, was soll’s. Und die Familie Zhang kann immerhin noch ein Dutzend Generationen hervorbringen. Reicht das nicht?«

Zhang Yuanchao fixierte Yang Jinwen ein paar Sekunden lang. Dann blickte er auf seine Uhr und schaltete schnell den Fernseher ein, wo der Nachrichtenkanal gerade die wichtigsten Meldungen des Tages brachte:

Nach einem Bericht der amerikanischen Nachrichtenagentur AP hat heute, am 29., um 18:30 Uhr ostamerikanischer Zeit das Nationale Raketenabwehrsystem der USA erfolgreich die Zerstörung eines in niedrigeren Dimensionen aufgefalteten Sophons im erdnahen Orbit getestet. Das war der dritte Test mit einer NMD-Abwehrrakete, seit das Frühwarnsystem das Weltall überwacht. Diesmal war das Angriffsziel eine Reflexionsfolie, die sich im vergangenen Oktober von der Internationalen Raumstation ISS gelöst hatte. Ein Sprecher des Planetenverteidigungsrates PDC sagte, die mit einem Sprengkopf ausgestattete Abfangrakete habe das dreitausend Quadratmeter große Objekt zerstört. Das bedeutet, dass das NMD-System ein Sophon zerstören kann, während es sich in die Dreidimensionalität auffaltet, also noch bevor es eine so große reflektierende Oberfläche entwickelt, dass es eine Bedrohung für die Bewohner der Erde darstellt …

»So ein Blödsinn. Warum sollte sich ein Sophon auseinanderfalten?«, sagte Yang Jinwen und griff nach der Fernbedienung in Zhang Yuanchaos Hand. »Schalt mal um auf den Sportkanal. Ich glaube, die wiederholen gerade das Halbfinale der Europameisterschaft. Gestern Abend bin ich auf dem Sofa eingeschlafen …«

»Das kannst du dir zu Hause ansehen.« Zhang Yuanchao gab die Fernbedienung nicht aus der Hand. Die Nachrichten liefen weiter:

Jia Weibins behandelnder Arzt am Militärhospital 301 bestätigte, dass der verstorbene Wissenschaftler an einer malignen Erkrankung des Blutes, besser bekannt als Leukämie, gelitten habe. Der Tod sei letztlich durch Organversagen und Blutverlust in der fortgeschrittenen Phase der Krankheit eingetreten. Nichts an den Umständen deute auf eine äußere Einwirkung hin. Jia Weibin, ein bekannter Experte auf dem Gebiet der Supraleitung, der viel zur Erforschung von Supraleitfähigkeit bei Raumtemperatur beigetragen hat, starb am 10. des Monats. Gerüchte, denen zufolge Jia bei einem Sophonenangriff ums Leben gekommen sei, werden als haltlos bezeichnet. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums versicherte, dass auch andere Todesfälle, die angeblich auf Angriffe von Sophonen zurückgingen, in Wahrheit auf gewöhnliche Krankheiten oder Unfälle zurückzuführen seien. Unser Reporter sprach darüber mit dem bekannten Physiker Ding Yi.

Reporter:Was halten Sie von der gegenwärtigen Panik in der Bevölkerung angesichts der Bedrohung durch Sophonen?

Ding Yi:Diese Angst entsteht aus einem Mangel an Wissen im Bereich der Physik. Wie Vertreter der Regierung und der Wissenschaft bereits mehrfach dargelegt haben: Ein Sophon ist ein mikroskopisch kleines Partikel, das aufgrund seiner Winzigkeit trotz seiner großen Intelligenz nur begrenzt Einfluss auf die makroskopische Welt nehmen kann. Im Wesentlichen bedrohen Sophonen die Menschheit nur insofern, als sie bei Experimenten in der Hochenergiephysik und in der weltweiten Quantenkommunikation falsche und chaotische Ergebnisse verursachen können. In seiner mikroskopischen Form ist ein Sophon nicht tödlich und zu keiner Art von Angriff fähig. Um einen signifikanten Effekt auf die makroskopische Welt auszuüben, müsste sich ein Sophon zunächst in eine niedrigere Dimensionalität auseinanderfalten. Und selbst dann wäre sein Einfluss immer noch sehr begrenzt, denn ein zu niedriger Dimensionalität entfaltetes Sophon ist auf makroskopischer Ebene sehr schwach. Außerdem verfügt die Menschheit mittlerweile über ein funktionsfähiges Abwehrsystem. Daher würden die Sophonen uns nur eine ausgezeichnete Gelegenheit zu ihrer Vernichtung geben, wenn sie sich auseinanderfalten würden. Ich denke, dass die Medien sich verstärkt darum bemühen sollten, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse zu verbreiten und damit die völlig unbegründete Panik in der Bevölkerung einzudämmen.

Zhang Yuanchao hörte, wie jemand ohne anzuklopfen die Wohnung betrat und »Lao Zhang« und »Meister Zhang« rief. Er hatte den Neuankömmling bereits an den stampfenden Schritten auf der Treppe erkannt. Und tatsächlich trat nun Miao Fuqian ein, ein weiterer Nachbar auf ihrem Stockwerk. Er war ein Kohlenmagnat mit einigen Minen in der Provinz Shanxi und ein paar Jahre jünger als Zhang Yuanchao. Ihm gehörte auch noch eine größere Wohnung in einem anderen Stadtteil Pekings. In diesem Gebäude hatte er seine Geliebte aus Sichuan untergebracht, die ungefähr so alt war wie seine Tochter. Bei seinem Einzug hatten die Zhangs und die Yangs ihn, abgesehen von einer Auseinandersetzung wegen der Sachen, die er im Flur herumstehen ließ, nicht weiter beachtet. Doch dann hatten sie festgestellt, dass dieser Miao Fuqian zwar ein bisschen vulgär, aber ansonsten ganz in Ordnung war. Nachdem die Hausverwaltung ein oder zwei kleinere Dispute zwischen ihnen geschlichtet hatte, waren sich die drei Parteien allmählich nähergekommen. Obwohl Miao Fuqian die Geschäfte mittlerweile angeblich an seinen Sohn übergeben hatte, war er immer noch sehr viel unterwegs und verbrachte nur selten Zeit in seinem zweiten Zuhause. Meistens hatte sein Sichuanmädchen die Dreizimmerwohnung für sich allein.

»Dich habe ich ja seit Monaten nicht gesehen, Lao Miao, wo hast du denn zuletzt Kohle gescheffelt?«, fragte Yang Jinwen.

Miao Fuqian griff nach einem Glas, füllte es halbvoll mit Wasser aus dem Wasserspender und stürzte es gluckernd herunter. Dann wischte er sich über den Mund und sagte: »Ich habe Ärger wegen einer Mine … von wegen verdammte Kohle scheffeln. Wir sind im Krieg, so sieht es aus. Die Regierung macht ernst. Es war schon bei der bisherigen Gesetzeslage nicht einfach, aber nun werden die Minen wohl nicht mehr lange laufen.«

»Die Zeiten sind hart«, sagte Yang Jinwen. Er hatte die Fernbedienung erobert und hielt den Blick fest auf das Fußballspiel im Fernsehen gerichtet.

Der Mann lag schon seit Stunden bewegungslos auf dem Bett. Das Licht, das durch das Fenster des Untergeschosses fiel, war nur noch Mondlicht. Seine fahlen Strahlen zeichneten helle Punkte auf den Fußboden. Der restliche Raum lag im Schatten, und alles darin sah aus, als wäre es aus grauem Stein gemeißelt. Wie in einer Gruft.

Niemand würde je den richtigen Namen des Mannes erfahren, aber er sollte später als Wandbrecher Nummer 2 bekannt werden.

Wandbrecher Nummer 2 hatte in den vergangenen Stunden sein Leben Revue passieren lassen. Nachdem er sich sicher war, nichts ausgelassen zu haben, wälzte er seinen beinahe vollständig tauben Körper herum, griff nach der Pistole unter dem Kopfkissen und setzte sich die Mündung bedächtig an die Schläfe. In diesem Augenblick erschien der Text des Sophons vor seinen Augen.

Nicht. Wir brauchen dich.

»Seid Ihr es, Herr? Ein Jahr lang habe ich jede Nacht geträumt, Ihr würdet Euch melden! Vor Kurzem hat es aufgehört, und ich habe geglaubt, dass ich einfach ein Mensch ohne Träume geworden bin. Doch das stimmt offenbar nicht.«

Das ist kein Traum. Wir reden in Echtzeitkommunikation miteinander.

Wandbrecher Nummer 2 lachte humorlos. »Gut, dann ist es also vorbei. Im Jenseits gibt es bestimmt keine Träume.«

Brauchst du Beweise?

»Dafür, dass es im Jenseits keine Träume gibt?«

Dafür, dass ich es wirklich bin.

»Schön. Erzählt mir etwas, das ich nicht weiß.«

Deine Goldfische sind tot.

»Na, das macht nichts. Wir werden uns bald im ewigen Licht wiedersehen.«

Überzeuge dich selbst. Heute Morgen hast du gedankenverloren eine Zigarettenkippe weggeworfen, und sie ist im Aquarium gelandet. Das Nikotin war tödlich für die Fische.

Wandbrecher Nummer 2 öffnete die Augen, legte die Pistole weg und rollte sich aus dem Bett. Seine Lethargie war mit einem Schlag wie weggeblasen. Er tastete nach dem Lichtschalter, ging hinüber zu dem Aquarium auf dem kleinen Tisch und sah die fünf Teleskopaugen-Goldfische mit ihren weißen Bäuchen nach oben im Wasser treiben. Zwischen ihnen schwamm die halbgerauchte Zigarette.

Ich gebe dir noch einen Beweis. Evans hat dir einmal eine verschlüsselte Nachricht geschickt, aber das Passwort wurde geändert, und er starb, bevor er dir das neue mitteilen konnte. Du konntest die Nachricht nie lesen. Ich verrate dir das Passwort: CAMEL. Die Zigarettenmarke, mit der du deine Fische vergiftet hast.

Wandbrecher Nummer 2 holte hastig seinen Laptop. Während er darauf wartete, dass das Betriebssystem hochfuhr, rannen ihm Tränen über das Gesicht. »Seid Ihr es wirklich, Herr? Seid Ihr das?« Er schluchzte.

Sobald der Laptop lief, öffnete er den Anhang der E-Mail mit einem speziellen Programm der ETO. Er gab das Passwort ein. Als die Datei aufging, war er schon nicht mehr in der Lage, sie richtig zu lesen, sondern warf sich auf die Knie und rief: »Herr! Ihr seid es tatsächlich!« Es dauerte ein wenig, bis er sich beruhigte. Aber schließlich hob er den Kopf und sagte mit feuchten Augen: »Ihr habt uns nie über den Überraschungsangriff auf die Versammlung unterrichtet, an der der Oberbefehlshaber teilnahm, und auch nicht über den Hinterhalt auf dem Panamakanal. Warum habt Ihr uns aufgegeben?«

Wir hatten Angst vor euch.

»Weil unsere Gedanken nicht transparent sind? Aber Ihr wisst doch, dass das keine Rolle spielt! All diese Fähigkeiten, die Euch abgehen – Betrug, Heuchelei, Verstellung, Irreführung – setzen wir zu Euren Diensten ein.«

Wir wissen nicht, ob das wahr ist. Und selbst wenn es so wäre, hätten wir trotzdem Angst. In eurer Heiligen Schrift kommt ein Tier namens Schlange vor. Wenn eine solche Schlange vor dir auftauchte und behauptete, sie sei dir zu Diensten, empfändest du dann keine Angst und keinen Ekel mehr vor ihr?

»Wenn sie die Wahrheit sagt, würde ich meine Angst und meinen Ekel überwinden und sie akzeptieren.«

Das ist nicht so leicht.

»Natürlich nicht. Ich weiß, dass Ihr schon einmal von dieser Schlange gebissen worden seid. Als es möglich wurde, uns in Echtzeit zu verständigen, und Ihr uns detaillierte Antworten auf unsere Fragen gegeben habt, hättet Ihr uns viele Dinge nicht verraten müssen. Zum Beispiel, wie Ihr das erste Signal von der Erde empfangen habt, oder wie die Sophonen konstruiert sind. Wir nahmen es anfangs als besonderen Vertrauensbeweis, heute wissen wir, dass das falsche Eitelkeit war. Es ist für uns einfach schwer zu verstehen: Warum habt Ihr Eure Informationen nicht stärker gefiltert? Schließlich habt Ihr doch nicht in transparenter Gedankenanzeige mit uns kommuniziert.«

Das wäre durchaus möglich gewesen, aber auch dann hätten wir nicht so viel verbergen können, wie ihr euch vielleicht vorstellt. Wir verfügen in unserer Welt durchaus über Formen der Kommunikation, die keine Gedankenanzeige nötig machen – besonders seit Beginn des Technologiezeitalters. Aber Gedankentransparenz ist ein fester Bestandteil unserer Kultur und Gesellschaft. Das mag für euch natürlich nicht leicht zu verstehen sein, genauso wie ihr für uns schwer verständlich seid.

»Ich kann nicht glauben, dass Ihr in Eurer Welt weder Betrug noch Intrigen kennt.«

Die gibt es bei uns auch, aber in einer wesentlich schlichteren Form als bei euch. Wenn wir Kriege führen, tarnen sich die Gegner auch. Doch wenn einer der Gegner Verdacht schöpft und direkt nach der Wahrheit fragt, erhält er normalerweise eine ehrliche Antwort.

»Das ist unvorstellbar.«

Ihr seid für uns genauso unvorstellbar. Auf deinem Regal steht ein Buch mit dem Titel Die Geschichte von den drei Reichen …

»Die drei Reiche heißt es. Das könnt Ihr wahrscheinlich nicht verstehen.«

Etwas davon schon, so wie ein durchschnittlich intelligenter Mensch ein kompliziertes mathematisches Werk mit großer geistiger Anstrengung und unter Aufbietung seiner ganzen Fantasie ansatzweise verstehen kann.

»Dieses Buch behandelt allerdings die höchste Kunst menschlicher Intrigen und Kriegslisten.«

Aber wir haben Sophonen, die für uns alles Wissen der menschlichen Welt ausspionieren.

»Außer dem menschlichen Denken.«

Richtig. Sophonen können keine Gedanken lesen.

»Ihr wisst sicher von der Operation Wandschauer.«

Mehr als du. Damit soll demnächst begonnen werden. Und aus genau diesem Grund wende ich mich an dich.

»Was denkt Ihr darüber?«

Dasselbe wie du, wenn du eine Schlange siehst.

»Doch die Schlange in der Bibel brachte den Menschen die Erkenntnis. Aus der Operation Wandschauer werden dagegen ein oder mehrere für Euch schwer zu durchschauende und gefährliche Irrgärten entstehen. Wir können Euch helfen, aus ihnen herauszufinden.«

Die Unterschiede in der Transparenz des Denkens sind für uns nur ein Grund mehr, die Menschheit zu vernichten. Bitte helft uns dabei. Danach werden wir euch vernichten.

»Ihr drückt Euch etwas ungeschickt aus, wenn ich das so sagen darf, Herr. Mir ist klar, dass Ihr wegen der direkten Anzeige eurer Gedanken nicht anders könnt. Aber in unserer Welt äußert man sich, selbst wenn man seine wahren Gedanken mitteilt, etwas taktvoller. Was Ihr gerade gesagt habt, entspricht zum Beispiel zwar den Idealen der ETO, aber wenn Ihr es derart unverblümt formuliert, könnte es auf einige unserer Mitglieder abschreckend wirken. Und das hätte dann vielleicht unvorhersehbare Folgen. Andererseits werdet Ihr vermutlich nie lernen, Euch in dieser Hinsicht geschickter auszudrücken.«

Genau diese Art von verqueren Gedanken lässt die Kommunikation der menschlichen Gesellschaft und vor allem die literarischen Werke der Menschen wie ein seltsam gewundenes Labyrinth erscheinen … Soweit ich es beurteilen kann, steht die ETO kurz vor dem Zusammenbruch.

»Weil Ihr uns im Stich gelassen habt. Diese beiden Angriffe waren fatal. Inzwischen hat sich die Erlöserfraktion in alle Winde zerstreut, und nur die Adventisten sind noch organisiert. Am schlimmsten war der psychologische Effekt. Aber das wisst Ihr bestimmt, Herr. Dass Ihr uns im Stich gelassen habt, fühlt sich an, als wolltet Ihr unsere Loyalität zu Euch prüfen. Um diese Loyalität weiter aufrechtzuerhalten, bedarf die ETO dringend Eurer Unterstützung, Herr.«

Wir können euch keine Technologie überlassen.

»Das ist auch nicht nötig, solange Ihr uns nur weiterhin Informationen durch die Sophonen zukommen lasst.«

Das ist kein Problem, nur muss die ETO