Gipfelstürmer - Cixin Liu - E-Book

Gipfelstürmer E-Book

Cixin Liu

0,0
0,99 €

Beschreibung

Ganz weit oben

Feng Fan kennt nur eine Leidenschaft im Leben: das Bergsteigen. Doch bei einer Expedition auf den Mount Everest kam es vor Jahren zu einer Katastrophe, und Feng Fan musste seine Kameraden zurücklassen. Nun arbeitet er als Geologe auf einem Forschungsschiff und hat seit Jahren das Festland nicht mehr betreten, aus Angst, den Bergen nicht widerstehen zu können. Eines Nachts erscheint ein gigantisches Raumschiff, genau über Fengs Schiff. Wie unser Mond zieht es die Wassermassen an und erzeugt so den höchsten Berg der Welt. Feng muss diesen Berg um jeden Preis besteigen – doch was er dort oben findet, übersteigt seine Vorstellungskraft …

Die Erzählung „Gipfelstürmer“ erscheint als exklusives E-Only bei Heyne und ist auch in dem Sammelband „Die wandernde Erde“ von Cixin Liu enthalten. Sie umfasst ca. 57 Druckseiten.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 73

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Cixin Liu

GIPFELSTÜRMER

Eine Erzählung aus

Die wandernde Erde

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Das Buch

Feng Fan kennt nur eine Leidenschaft im Leben: das Bergsteigen. Doch bei einer Expedition auf den Mount Everest kam es vor Jahren zu einer Katastrophe, und Feng Fan musste seine Kameraden zurücklassen. Nun arbeitet er als Geologe auf einem Forschungsschiff und hat seit Jahren das Festland nicht mehr betreten, aus Angst, den Bergen nicht widerstehen zu können. Eines Nachts erscheint ein gigantisches Raumschiff, genau über Fengs Schiff. Wie unser Mond zieht es die Wassermassen an und erzeugt so den höchsten Berg der Welt. Feng muss diesen Berg um jeden Preis besteigen – doch was er dort oben findet, übersteigt seine Vorstellungskraft …

Die Kurzgeschichte »Gipfelstürmer« erscheint als exklusives E-Only bei Heyne und ist auch in dem Sammelband »Die wandernde Erde« von Cixin Liu enthalten. Sie umfasst ca. 57 Druckseiten.

Der Autor

Cixin Liu ist einer der erfolgreichsten chinesischen Science-Fiction-Autoren. Er hat lange Zeit als Ingenieur in einem Kraftwerk gearbeitet, bevor er sich ganz seiner Schriftstellerkarriere widmen konnte. Seine Romane und Erzählungen wurden bereits viele Male mit dem Galaxy Award prämiert. Cixin Lius Roman »Die drei Sonnen« wurde 2015 als erster chinesischer Roman überhaupt mit dem Hugo Award ausgezeichnet und wird international als ein Meilenstein der Science-Fiction gefeiert.

Eine Übersicht aller Veröffentlichungen von Cixin Liu im Heyne-Verlag finden Sie am Ende dieser Ausgabe.

(Shan)

Aus dem Chinesischen von Johannes Fiederling

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2006 by Cixin Liu

Copyright © 2019 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: Das Illustrat, München

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-25397-4V001

Inhalt

Gipfelstürmer

Anhang

Anmerkung

Erläuterungen zu Schreibweise und Aussprache

GIPFELSTÜRMER

Im Original ist diese Erzählung mit (Shan) betitelt, was so viel wie »Berg« bedeutet. Sie erschien im Januar 2006 im Magazin Science Fiction World und ist die erweiterte Fassung der Kurzgeschichte (Haishui gaoshan), die Cixin Liu 2003 für jugendliche Leser geschrieben hatte. »Gipfelstürmer« wurde von Johannes Fiederling übersetzt.

Wo ein Berg ist

»Heute ist es so weit, Feng Fan«, sagte der Kapitän. »Du wirst mir endlich verraten, was hinter dieser Marotte von dir steckt: Warum gehst du nie an Land? Es sind jetzt schon fünf Jahre, in denen wir wer weiß wie viele Häfen in wer weiß wie vielen Ländern mit der Blue Ocean angelaufen haben, aber nie verlässt du das Schiff, nicht einmal, wenn wir daheim in China anlegen. Und selbst während des großen Umbaus letztes Jahr in Qingdao, als hier überall gehämmert und geschweißt wurde, hast du keinen Fuß an Land gesetzt, sondern lieber zwei Monate allein in deiner Kajüte verbracht.«

»Ich erinnere dich an Die Legende vom Ozeanpianisten, stimmt’s?«, antwortete Feng Fan.

»Soll das heißen, du hast vor, mit der Blue Ocean unterzugehen, wenn sie irgendwann einmal außer Dienst gestellt wird?«

»Nein, ich werde mir ein neues Schiff suchen. Forschungsschiffe haben immer Verwendung für einen Geo-Ingenieur, der nie von Bord geht.«

»Aber da fragt man sich doch, ob es an Land etwas gibt, vor dem du dich fürchtest.«

»Im Gegenteil, es gibt dort etwas, zu dem es mich hinzieht.«

»Und das wäre?«

»Berge«, antwortete Feng Fan.

Die Blicke der beiden schweiften über den Pazifik, während sie auf der Backbordseite des ozeanografischen Forschungsschiffs Blue Ocean standen, das in unmittelbarer Nähe des Äquators trieb. Als das Schiff im vorigen Jahr zum ersten Mal die Trennlinie zwischen Nord- und Südhalbkugel überquert hatte, war das von der Mannschaft noch ausgiebig mit einer althergebrachten Äquatortaufe gefeiert worden. Doch nachdem sie in diesem Gebiet eine Ablagerung von Manganknollen entdeckt hatten, waren sie im Laufe von zwölf Monaten so oft über die Nulllinie gekreuzt, dass sie ihre Existenz völlig vergessen hatten.

Die Sonne war bereits hinter dem Horizont versunken, und das Meer war ungewöhnlich still. Feng Fan erinnerte es an die Gebirgsseen im Himalaya, so klar und so dunkel, als wären sie die Pupillen der Erde. Einmal hatte er mit zwei Kameraden aus seiner Seilschaft heimlich ein paar junge Tibeterinnen dabei beobachtet, wie sie sich in einem See wuschen – mit dem Ergebnis, dass ihnen wenig später eine Horde von Hirtennomaden mit gezückten Langmessern auf den Fersen war. Sie wären ihnen beinahe entkommen, doch irgendwann packten die Hirten ihre Steinschleudern aus, mit denen sie so verdammt treffsicher waren. Also blieb Feng Fan und den beiden Jungs nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben und sich zu ergeben. Die Tibeter musterten sie grimmig, dann zogen sie ab. Feng Fan verstand ein paar Brocken Tibetisch und hörte, wie sie sich im Gehen zuraunten: »Hab noch nie Flachländer getroffen, die hier oben so schnell rennen konnten.«

»Du magst also Berge? Dann bist du sicher im Gebirge aufgewachsen«, mutmaßte der Kapitän.

»Da irrst du dich. Leute, die im Gebirge aufgewachsen sind, können Berge meistens nicht ausstehen. Für sie sind Berge das, was sie von der Außenwelt abschneidet. Ich kenne einen Sherpa-Bergführer in Nepal, der schon einundvierzig Mal auf dem Mount Everest war. Jedes Mal bleibt er kurz vor dem Gipfel stehen und sieht seinen Kunden dabei zu, wie sie ihn bezwingen. Wenn er wollte, könnte er den Aufstieg jederzeit in unter zehn Stunden absolvieren, von der Nord- wie auch von der Südflanke. Aber es reizt ihn nicht. Die Berge verzaubern den Menschen eben nur aus zwei Perspektiven: aus dem Blick der Ebene auf weit entfernte Gebirgszüge, und von ganz oben auf einem Gipfel.« Feng Fan hielt einen Augenblick lang inne.

»Ich bin in der Ebene von Hebei aufgewachsen, von wo aus man im Westen die Taihang-Berge sehen kann«, fuhr er fort. »Zwischen unserem Haus und dem Gebirge erstreckte sich eine endlos flache Landschaft, ohne die geringste Erhebung, genau wie der Ozean hier. Ich war noch ein kleines Baby, als mich meine Mutter zum ersten Mal mit nach draußen nahm. Mein Hals war gerade erst stark genug, um meinen Kopf zu stützen, aber ich gluckste und quiekte schon die Berge an. Kaum hatte ich laufen gelernt, tapste ich mit schwankenden Schritten auf sie zu. Als ich etwas älter geworden war, lief ich eines Morgens los in ihre Richtung, entlang der Shitai-Eisenbahntrasse, und kehrte erst um, als es Mittag wurde und ich den Hunger nicht mehr aushielt – die Berge waren noch kein Stück näher gekommen. Als Schulkind fuhr ich mit dem Fahrrad auf sie zu, doch es war, als wichen sie vor mir zurück. So sehr ich mich auch abstrampelte, ich konnte sie nicht erreichen. Mit der Zeit wurden die Berge für mich zu einer Art Symbol. Sie standen für die Dinge im Leben, die ewig unerreichbar bleiben, auch wenn wir sie ganz klar vor Augen haben: ein in der Ferne erstarrter Traum.«

»Ich war mal in der Gegend«, sagte der Kapitän mit einem Kopfschütteln. »Die Berge dort sind kahl und unwirtlich, weit und breit nichts als Geröll und Gestrüpp. Dir stand eine große Enttäuschung bevor.«

»Ich ticke da etwas anders, als du denkst. Ich will nichts vom Berg. Ich will einfach nur zu ihm hin und auf ihn rauf. Als ich das erste Mal auf dem Grat des Taihang stand und die Ebene überblickte, in der ich groß geworden war, fühlte ich mich tatsächlich wie neugeboren.«

Feng Fan hielt inne, denn er hatte bemerkt, dass der Kapitän ihm nur noch mit halbem Ohr zuhörte, weil er hinauf in den Himmel starrte, an dem bereits matt die ersten Sterne zu sehen waren. »Da oben«, deutete er mit seiner Pfeife auf eine Stelle über ihnen, »dürfte eigentlich kein Stern sein.«

Dennoch war dort einer, auch wenn er nur sehr schwach leuchtete und leicht zu übersehen war.

»Bist du sicher?« Feng Fan wandte seinen Blick vom Abendhimmel ab und sah den Kapitän fragend an. »Das GPS hat den Sextanten doch schon vor Ewigkeiten ersetzt. Meinst du wirklich, dass du die Sterne noch so gut kennst?«

»Selbstverständlich! Das ist Elementarwissen für jeden Seemann. Also, wo warst du stehengeblieben?«

Feng Fan nickte wenig überzeugt. »An der Universität habe ich ein Expeditionsteam gegründet und mehrere Siebentausender bestiegen. Das Ziel unserer letzten Expedition war der Mount Everest.«

»Hab ich’s doch gewusst!« Der Kapitän fixierte Feng Fan. »All die Zeit kamst du mir bekannt vor. Du hast deinen Namen geändert, richtig?«

»Ja. Ich hieß früher Feng Huabei.«

»Es gab vor ein paar Jahren einen ziemlichen Rummel um dich. Ist es wahr, was die Medien damals berichtet haben?«