Die drei Sonnen - Cixin Liu - E-Book + Hörbuch
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Die drei Sonnen Hörbuch

Cixin Liu

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Beschreibung

Die Science-Fiction-Sensation aus China

China, Ende der 1960er-Jahre: Während im ganzen Land die Kulturrevolution tobt, beginnt eine kleine Gruppe von Astrophysikern, Politkommissaren und Ingenieuren ein streng geheimes Forschungsprojekt. Ihre Aufgabe: Signale ins All zu senden und noch vor allen anderen Nationen Kontakt mit Außerirdischen aufzunehmen. Fünfzig Jahre später wird diese Vision Wirklichkeit – auf eine so erschreckende, umwälzende und globale Weise, dass dieser Kontakt das Schicksal der Menschheit für immer verändern wird.

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Zeit:14 Std. 52 min

Sprecher:Mark Bremer




Das Buch

China, 1967: Im ganzen Land tobt die Kulturrevolution, Millionen Menschen werden verfolgt und sterben. Die junge Astrophysikerin Ye Wenjie verliert ihre Familie und kommt an eine geheime Militärbasis namens Rotes Ufer weit im Norden Chinas. Eine große Radiowellenantenne erhebt sich dort. Ye Wenjie beginnt mit der Erforschung von Himmelskörpern, findet allerdings nach und nach heraus, dass mit der Antenne auch nach intelligentem Leben im All gesucht wird. Als eines Tages ungewöhnliche Radiowellen aufgezeichnet werden, ergreift Ye Wenjie die Gelegenheit und trifft eine folgenreiche Entscheidung.

Die nahe Zukunft: Der Nanowissenschaftler und Professor Wang Miao wird zu einer von der Öffentlichkeit abgeschotteten Sitzung hochrangiger Militärs und Physiker eingeladen. Auf der ganzen Welt, so erfährt er, wird versucht, eine Erklärung für eine Reihe geheimnisvoller Phänomene zu finden, die das naturwissenschaftliche Fundament des Universums erschüttern. Gleichzeitig beginnt Wang Miao, Dinge zu sehen, die er sich nicht erklären kann und die, je länger er nach Antworten sucht, nur einen Schluss zulassen: Irgendwo da draußen in den Weiten des Alls befindet sich eine außerirdische Zivilsation – eine intelligente Spezies, beheimatet auf einem von drei Sonnen umgebenen Planeten. Und diese Zivilisation hat nun Kontakt zur Menschheit aufgenommen. Ein Ereignis, das nicht nur Wang Miaos Leben, sondern den Lauf der Geschichte auf existenzielle Weise verändern wird.

Vom ergreifenden Einzelschicksal bis zum Lichtjahre umfassenden Menschheitshorizont erstreckt sich die erzählerische Vision von Die drei Sonnen, dem Auftaktroman zu Cixin Lius vielfach preisgekrönter und international gefeierter Trisolaris-Trilogie.

Der Autor

Cixin Liu ist einer der erfolgreichsten und produktivsten chinesischen Science-Fiction-Autoren. Er hat lange Zeit als Ingenieur in einem Kraftwerk gearbeitet, bevor er sich ganz seiner Schriftstellerkarriere widmen konnte. Seine Romane und Erzählungen wurden bereits mehrfach prämiert. Cixin Lius erfolgreichster Roman Die drei Sonnen wurde mit dem Galaxy Award, dem bedeutendsten Genre-Literaturpreis Chinas, und 2015 als erster chinesischer Roman überhaupt mit dem Hugo Award ausgezeichnet und wird international als ein Meilenstein der Science-Fiction gefeiert.

Liu Cixin

DIE DREI SONNEN

Roman

Aus dem Chinesischen von Martina Hasse

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe ist unter dem Titel SAN TI ()

zunächst 2006 in der Zeitschrift Science Fiction World () in Fortsetzungen publiziert worden. Der Roman ist 2008 bei Chongquing Publishing Group in Chongquing, China, erschienen.

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2. Auflage

Deutsche Erstausgabe 01/2017

Redaktion: Urban Hofstetter, Elisabeth Bösl

Das Nachwort des Autors übersetzte Jakob Schmidt

Copyright © 2006 by Liu Cixin ()

German rights authorized by

China Educational Publications Import & Export Corp., Ltd.

Co-published by Hunan Science & Technology Press

Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe

und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlagillustration: Stephan Martinière

Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-17307-4V009

diezukunft.de

Inhalt

Personenverzeichnis

ERSTER TEIL

Der stumme Frühling

ZWEITER TEIL

Three Body

DRITTER TEIL

Sonnenuntergang der Menschheit

Nachwort des Autors

Erläuterungen zu Schreibweise und Aussprache

Anmerkungen

Personenverzeichnis

Chinesische Namen bestehen aus einem meist einsilbigen Familiennamen und einem Vornamen. Der Familienname wird immer zuerst genannt, dann der Vorname.

Familie Ye

Ye Zhetai

Physikprofessor an der Tsinghua-Universität in Peking

Shao Lin

Physikerin, Ye Zhetais Frau

Ye Wenjie

Astrophysikerin, Ye Zhetais Tochter

Ye Wenxue

Ye Wenjies Schwester, eine Rotgardistin

Rotes Ufer

Lei Zhicheng

Politkommissar an der Basis Rotes Ufer

Yang Weining

Chefingenieur, ehemaliger Student von Ye Zhetai

Gegenwart

Yang Dong

Theoretische Physikerin, Tochter von Ye Wenjie und Yang Weining

Ding Yi

Theoretischer Physiker, Yang Dongs Freund

Wang Miao

Physiker, forscht zu Nanomaterialien

Shi Qiang

Polizeiinspektor

Chang Weisi

Generalmajor der Chinesischen Volksarmee

Shen Yufei

Japanische Physikerin, Mitglied bei Frontiers of Science

Wei Cheng

Genialer Mathematiker, Shen Yufeis Ehemann

Pan Han

Biologe, Freund von Shen Yufei und Wei Cheng, Mitglied bei Frontiers of Science

Sha Ruishan

Astronom, einer von Ye Wenjies Studenten

Mike Evans

Nachkomme eines Ölmagnaten

Colonel Stanton

US Marine Corps, Kommandant der Operation Guzheng

ERSTER TEIL

Der stumme Frühling

1

Zeiten der Raserei

China, 1967

Der Angriff der Roten Vereinigung auf das Hauptquartier der Kompanie des 28. April lief bereits seit zwei Tagen. Rund um das Gebäude blähten sich ihre roten Fahnen im Wind, wie Flammen, die gierig nach Feuerholz züngelten.

Dem Kommandeur der Roten Vereinigung stand das Wasser bis zum Hals. Nicht dass er die über zweihundert Rotgardisten der Kompanie des 28. April fürchtete, die das Hauptquartier verteidigten. Sie waren noch unerfahren und konnten sich mit seinen Veteranen der Roten Vereinigung nicht messen, die sich zu Beginn der Großen Proletarischen Kulturrevolution Anfang 1966 zusammengeschlossen hatte und deren Gesinnung im Laufe der revolutionären Kampagnen im ganzen Land und bei den großen Truppenparaden auf dem Tiananmen-Platz erprobt worden war.

Was er dagegen fürchtete, waren über ein Dutzend große Kanonenöfen im Gebäude, die mit hochexplosivem Sprengstoff vollgestopft und über elektrische Sprengzünder miteinander verbunden waren. Er konnte sie zwar nicht sehen, aber wie durch Magnetkraft spürte er, dass sie da waren. Wenn einer der Verteidiger den Stromkreis schloss, würden Revolutionäre und Konterrevolutionäre gleichermaßen draufgehen. Wie bei einem Feuer, das die Jade in einem Haufen Steine nicht schont, würden alle in den Flammen umkommen.

So einen Wahnsinn traute er den von Eifer zerfressenen kleinen Rotgardisten durchaus zu. Im Vergleich zu den Roten Garden der ersten Stunde, die sich ihre Hörner in den Stürmen der vergangenen Jahre längst abgestoßen hatten, waren die umstürzlerischen Fraktionen der Neuen wie eine Wolfsmeute auf glühenden Kohlen. Verrückter als verrückt.

Auf dem Dach des Gebäudes erschien die zierliche Gestalt eines hübschen Mädchens, das die große Fahne der Kompanie des 28. April schwenkte. Ihr Erscheinen löste sofort ein chaotisches Sperrfeuer aus, das aus den verschiedensten Waffen abgefeuert wurde. Darunter waren Antiquitäten wie amerikanische Karabiner, Maschinenpistolen von tschechischer Bauart und japanische Typ-38-Infanteriegewehre. Andere schossen mit brandneuen Standardinfanteriegewehren und Maschinenpistolen, die sie den Truppen nach Erscheinen des Leitartikels im August gestohlen hatten. Zusammen mit den Schwertern und Säbeln sahen sie aus wie ein dichtgedrängtes Schaubild der neueren Geschichte.

Die kleinen Rotgardisten vom 28. April hatten dieses Spielchen schon oft getrieben. Sie stellten sich auf das Dach und schwenkten eine Fahne. Dabei brüllten sie gelegentlich auch noch Parolen durch ein Megafon und warfen Flugblätter auf die Angreifer hinunter. Bislang war es ihnen noch jedes Mal gelungen, unversehrt aus dem Kugelhagel zu entkommen und den Ruhm für ihren Heldenmut zu kassieren.

Das Mädchen, das sich diesmal auf das Dach gestellt hatte, glaubte offensichtlich, dass es ebenso viel Glück haben würde. Es ließ die Kriegsflagge tanzen, als würde es die brennende Leidenschaft seiner Jugend schwenken. Es vertraute darauf, dass die Flammen der Revolution die Feinde zu Asche verbrennen würden. Dass aus der Begeisterung und der Inbrunst, die durch ihre Adern pulsierten, schon morgen eine ideale neue Welt entstünde.

Trunken schwelgte das Mädchen in seinen strahlend roten Fantasiebildern – so lange, bis eine Gewehrkugel ihre Brust durchbohrte. Der Körper der Fünfzehnjährigen war so zart und weich, dass die Kugel beim Durchschuss kaum langsamer wurde und pfeifend wieder aus ihrem Rücken austrat. Die junge Rotgardistin stürzte mitsamt ihrer Flagge vom Dach in die Tiefe. Ihr leichter Körper fiel fast langsamer als die Flagge und taumelte wie ein Vöglein, das den Himmel nicht verlassen möchte.

Die Soldaten der Roten Vereinigung jubelten begeistert. Ein paar von ihnen rannten zum Gebäude hin und rissen die Flagge des 28. April an sich. Wie eine Siegestrophäe ergriffen sie den zierlichen Leichnam und reckten ihn eine Zeit lang prahlerisch in die Höhe. Dann hängten sie ihn über das Eisentor zum Hof.

Die meisten der spitzen Metallstangen am Tor waren bereits zu Beginn der Kampfhandlungen abgesägt worden, um als Speere zu dienen. Aber zwei waren übrig geblieben. Als sich ihre spitzen Enden in das Mädchen bohrten, schien für einen kurzen Augenblick Leben in ihren weichen Körper zurückzukehren. Die Rotgardisten der Roten Vereinigung traten ein paar Schritte zurück und verwendeten die aufgespießte Leiche für Zielübungen. Für das Mädchen unterschied sich der dichte Kugelhagel nicht von einem sanften Regen. Sie spürte ihn nicht mehr. Gelegentlich schwangen ihre Arme leicht wie rankende Reben im Frühling hin und her, als wollten sie die Regentropfen von ihrem Körper fortwischen.

Dann wurde die eine Seite ihres jugendlichen Kopfes von einer Kugel weggerissen. Nur eines ihrer hübschen Augen war noch übrig und starrte hinauf in den blauen Himmel von 1967. In seinem Blick lag kein Schmerz, nur noch eingefrorene Leidenschaft und Sehnsucht.

Und doch hatte es das Mädchen, das muss gesagt werden, besser als seine Kameraden getroffen. Zumindest hatte es sein Leben für seine Ideale geopfert und war in qualvoller Leidenschaft gestorben.

Solche grässlichen Hotspots sah man überall in Peking, wie unzählige parallel geschaltete CPUs, deren gesammelter Output die Kulturrevolution bildete. Die Stadt versank in dieser Raserei wie in einer reißenden Flutwelle, die auch noch den hintersten Winkel überschwemmte.

Auf dem Campus der berühmten Universität am Stadtrand war bereits seit fast zwei Stunden eine Kampf- und Kritiksitzung im Gange, an der ein paar tausend Leute teilnahmen. Zu dieser Zeit, in der revolutionäre Fraktionen wie Pilze aus dem Boden schossen, mündete jegliche Meinungsverschiedenheit in komplizierten Auseinandersetzungen. Auf dem Campus eskalierten die Konflikte zwischen Rotgardisten, Arbeitstrupps der Kulturrevolutionäre sowie maoistischen Agitprop-Verbänden von Arbeitern und Soldaten, und von Zeit zu Zeit splitterte sich jede Fraktion in neue Rebellengruppen auf, die alle eigene Hintergründe und Grundsätze hatten – und die noch erbitterter und brutaler miteinander rangen.

Aber bei der heutigen Kampf- und Kritiksitzung ging es gegen die sogenannten reaktionären Akademikerautoritäten. Sie waren allen Fraktionen ein Dorn im Auge und wurden von sämtlichen Seiten grausam attackiert. Die Autoritäten der akademischen Lehre zeichneten sich im Vergleich zu den anderen »Rinder- und Schlangenteufeln« durch eine Besonderheit aus: Bei den frühen Kampf- und Kritiksitzungen hatten sie sich zumeist arrogant und starrköpfig gezeigt. Und deshalb waren sie in der Anfangsphase auch besonders zahlreich gestorben. Allein in Peking wurden innerhalb von vierzig Tagen mehr als eintausendsiebenhundert von ihnen während der Kampf- und Kritiksitzungen bei lebendigem Leibe erschlagen. Noch größer war die Zahl jener, die einen leichteren Ausweg aus diesem Irrsinn wählten. Lao She, Wu Han, Jian Bozan, Fu Lei, Zhao Jiuzhang, Yi Qun, Wen Jie und Hai Mo sowie viele andere einst hochangesehene Intellektuelle beendeten ihr Leben von eigener Hand.

Wer diese erste Zeit überlebte, wurde im Verlauf der nachfolgenden Sitzungen immer abgestumpfter. Diese mentale Schutzschale bewahrte sie vor dem völligen Zusammenbruch. Während der langen Kampf- und Kritiksitzungen, in denen man sie sich vornahm, schienen sie häufig in eine Art Halbschlaf zu versinken. Sie schreckten nur dann auf, wenn ihnen jemand ins Gesicht schrie, damit sie wie schon unzählige Male zuvor automatenhaft die Liste ihrer Sünden herunterbeteten.

Als Nächstes traten ein paar von ihnen in eine dritte Phase ein. In den pausenlos abgehaltenen Sitzungen sickerten die leuchtenden Bilder der gewünschten Politik wie Quecksilber in ihr Bewusstsein ein, bis ihr aus Wissen und Vernunft entwickelter Geist schließlich unter dem Ansturm zusammenbrach. Sie glaubten wirklich, dass sie Unrecht getan hatten, dass sie Sünder waren. Sie erkannten, wie sehr sie der Sache der Revolution geschadet hatten. Sie vergossen bitterliche Tränen, und ihre Reue war oft viel größer und ehrlicher als die der nichtintellektuellen Rinder- und Schlangenteufel.

Für die Rotgardisten war die Misshandlung ihrer Opfer in diesen letzten beiden Phasen sehr langweilig. Nur diejenigen Rinder- und Schlangenteufel, die sich noch in der ersten Phase befanden, gaben ihren überreizten Gehirnen den lange ersehnten Kick, wie das rote Tuch eines Toreros. Doch solche begehrenswerten Opfer wurden immer rarer. In dieser berühmten Hochschule gab es vermutlich nur noch ein einziges, und weil es so ein seltenes Exemplar war, sparte man es sich bis zum Ende der Kampf- und Kritikversammlung auf.

Der Physikprofessor Ye Zhetai hatte die Kulturrevolution bislang überlebt und stand immer noch auf der ersten mentalen Stufe. Er weigerte sich, seine Schandtaten zuzugeben, Selbstmord zu begehen oder empfindungslos zu werden. Als er im Angesicht der Menge die Bühne bestieg, brachte seine Haltung nur eines zum Ausdruck: Macht mir das Kreuz, das ich auf dem Rücken trage, noch etwas schwerer!

Die roten Garden hatten ihm tatsächlich einiges zu tragen gegeben, aber es war kein Kreuz. Die anderen Kampf- und Kritiksubjekte, die neben ihm in einer Reihe auf dem Podium standen, trugen riesenhafte Spitzhüte, die aus einem Bambusgerüst gefertigt und mit Papier bespannt waren. Seinen Hut jedoch hatten sie aus fingerdickem, grobem Eisen zusammengeschweißt. Und das Schild, das sie ihm um den Hals gehängt hatten, war nicht wie bei den anderen aus Holz, sondern eine Eisentür, die sie von einem Ofen aus seinem Labor abgerissen hatten. Darauf stand in schwarzen, auffälligen Schriftzeichen sein Name geschrieben. Man hatte ihn mit dicker roter Farbe von der einen Ecke bis zur anderen durchgestrichen.

Sechs Rotgardisten, zwei Männer und vier Frauen, eskortierten Ye Zhetai auf die Bühne, doppelt so viele wie bei den anderen. Die beiden jungen Männer gingen mit energischem Schritt voran und waren das Musterbild reifer, jugendlicher Bolschewiken. Sie waren beide im achten Semester und studierten theoretische Physik im Hauptfach. Ye Zhetai war ihr Lehrer gewesen. Die vier Mädchen waren um einiges jünger und besuchten die zweite Klasse der höheren Mittelschule, die an die Universität angeschlossen war. In ihren Uniformen und mit ihren Patronengürteln versprühten die kleinen Soldatinnen eine große jugendliche Vitalität, mit der sie jeden gefangen nahmen. Wie vier grüne Flammensäulen umringten sie Ye Zhetai.

Mit seinem Auftritt kam wieder neues Leben in die Zuschauer vor der Bühne. Die bis eben nur noch müde gerufenen Parolen schwollen wie eine ansteigende Flut erneut an und übertönten alles andere.

Die zwei Rotgardisten auf dem Podium warteten geduldig, bis das Geschrei abebbte. Dann wandte sich einer der Männer dem Kampf- und Kritiksubjekt zu: »Ye Zhetai, du kennst dich im Fachgebiet der Mechanik gut aus. Du solltest eigentlich erkennen, wie stark diese großartige, vereinte Bewegung ist, der du dich widersetzt. Wenn du halsstarrig bleibst, bedeutet das deinen sicheren Tod! Heute fahren wir mit der Tagesordnung unserer letzten Großversammlung fort. Und ich komme direkt zur Sache. Beantworte mir ohne deine üblichen Täuschungsmanöver die folgende Frage: Hast du eigenmächtig das Unterrichtsmaterial deines Physikgrundkurses in den Kapiteln zweiundsechzig bis fünfundsechzig um Inhalte aus der Relativitätstheorie ergänzt?«

»Die Relativitätstheorie ist eine der klassischen Theorien der Physik. Wie könnte man sie in einem Grundkurs aussparen?«

»Du redest blanken Unsinn!«, fuhr ihn die kleine Rotgardistin an seiner Seite scharf an. »Einstein ist ein reaktionärer Akademiker. Ein Opportunist, der sein Fähnlein immer nach dem Wind gehängt hat. Er ging sogar nach Amerika und baute dort für die amerikanischen Imperialisten die Atombombe! Wenn wir eine revolutionäre Wissenschaft aufbauen wollen, müssen wir die schwarze Fahne der bourgeoisen Theorien vernichten, für die die Relativitätstheorie nun mal ganz maßgeblich steht!«

Ye Zhetai schwieg. Es kostete ihn viel Mühe, die Schmerzen von dem schweren Eisenhut und der Eisentafel vor seiner Brust zu ertragen. Und er hatte keine Kraft, auf Aussagen zu antworten, die es nicht wert waren. Seine beiden Studenten, die hinter ihm standen, blickten besorgt. Das Mädchen, das gesprochen hatte, war die intelligenteste der vier Mittelschülerinnen. Sie hatte sich augenscheinlich vorbereitet. Gerade hatte man sie noch vor der Bühne stehen sehen, wo sie ihre vorbereitete Anklagerede auswendig gelernt hatte. Aber Ye Zhetai war mit ein paar Parolen nicht beizukommen. Sie beschlossen, die neue Angriffstaktik einzusetzen, die sie für ihren Lehrer vorbereitet hatten. Also gab einer von ihnen einer Person vor der Bühne ein Handzeichen.

Ye Zhetais Ehefrau Shao Lin, wie er Physikprofessorin in seinem Seminar, erhob sich aus der ersten Zuschauerreihe und kam auf die Bühne. Sie trug einen schlecht sitzenden grasgrünen Anzug, ganz offensichtlich bemüht, die Farbe der Roten Garden zu imitieren. Aber alle, die sie näher kannten, erinnerten sich, dass sie in ihren Vorlesungen in die edelsten Cheongsams gekleidet gewesen war. Dieser Aufzug wollte nicht so recht zu ihr passen.

»Ye Zhetai!« Shao Lin deutete mit dem Finger auf ihren Ehemann, während sie seinen Namen schrie. An eine solche Umgebung war sie offensichtlich nicht gewöhnt, und weil sie sich bemühte, laut zu sprechen, war auch das Zittern in ihrer Stimme deutlich zu hören. »Das hast du wohl nicht geglaubt, dass ich hier aufstehe und dich entlarve und verurteile? Oh ja! Deinen Betrügereien bin ich früher auch auf den Leim gegangen. Du hast mich mit deiner reaktionären Sicht auf die Welt und die Naturwissenschaften blind gemacht! Jetzt ist mir die Erleuchtung gekommen. Mit Hilfe der ›kleinen Generäle der Revolution‹ werde ich in Zukunft für das Volk Partei ergreifen, ich werde auf der Seite der Revolution stehen!«

Sie wandte sich an die Zuschauer vor der Bühne. »Genossen und Genossinnen, kleine Generäle der Revolution und Instrukteure der Revolution! Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass die Relativitätstheorie Einsteins an sich reaktionär ist. Dieser reaktionäre Charakter lässt sich am deutlichsten an der Allgemeinen Relativitätstheorie ablesen: Sie nimmt ein statisches Universum als gegeben an und verneint damit die grundlegende Wesensart von Materie: dass sie immer in Bewegung ist. Die Allgemeine Relativitätstheorie bestreitet die marxistische Dialektik! Die Annahme eines statischen Universums zeigt gründlich, dass sie vom reaktionären Idealismus erfüllt ist …«

Als er seine Ehefrau wie einen Wasserfall schwadronieren hörte, erlaubte Ye Zhetai sich ein schiefes Lächeln: Lin, du hast dich von mir blenden lassen? Ich muss, wenn ich ehrlich bin, bekennen, dass du, gerade du, für mich immer ein Rätsel geblieben bist. Einmal habe ich vor deinem Vater deine überragende Begabung gelobt. Welch ein Glück für ihn, dass er früh starb und diese Katastrophe nicht miterleben musste. Er hatte den Kopf geschüttelt und gesagt, er glaube nicht, dass du es in der Wissenschaft je zu etwas bringen würdest. Und die tiefe Wahrheit von dem, was er dann sagte, sollte mir erst später bewusst werden: »Linlin ist viel zu intelligent. Um Grundlagenforschung zu betreiben, muss man dumm sein.« In den darauffolgenden Jahren verstand ich immer besser, was er damit gemeint hatte. Lin, du bist wirklich schlau! Schon vor Jahren hast du erkannt, dass der politische Wind in den intellektuellen Kreisen bald aus einer anderen Richtung wehen würde. Und du hast ein paar Dinge getan, mit denen du deiner Zeit damals weit voraus warst. Zum Beispiel hast du in deinen Vorlesungen die meisten Namen für die physikalischen Gesetze und Konstanten geändert: Das Ohm’sche Gesetz benanntest du in Gesetz des elektrischen Widerstands um, die Maxwell-Gleichungen in Gleichungen zum Elektromagnetismus, und aus dem Planck’schen Wirkungsquantum wurde bei dir das elementare Wirkungsquantum. Deinen Studenten erklärtest du deine Änderungen so: Alle Erkenntnisse der Wissenschaft wären die Früchte des großen und strahlenden Geistes des arbeitenden Volkes. Die bourgeoisen Akademikerautoritäten hätten nichts anderes getan, als sich mit diesen Erkenntnissen wie mit fremden Federn zu schmücken.

Aber trotzdem hast du keinen Zugang zu den etablierten revolutionären Kreisen gefunden. Und schau dich jetzt an: Es ist dir nicht erlaubt, die rote Armbinde der Instrukteure der Revolution zu tragen. Du kommst mit leeren Händen hier herauf, darfst nicht mal die Mao-Bibel bei dir haben. Was für ein Pech, dass du zu einer Familie gehörst, die im alten China hohes Ansehen genoss. Und dann war dein Vater auch noch so ein berühmter Wissenschaftler.

Und wenn wir schon über Einstein reden, dann hast du doch viel mehr zu bekennen als ich: Im Winter 1922 hat Einstein Shanghai besucht. Weil dein Vater sehr gut Deutsch sprach, hat man ihn gebeten, ihn abzuholen und durch die Stadt zu begleiten. Du hast mir so oft erzählt, dass es Einstein war, der deinen Vater dazu ermutigt hat, die Physikerlaufbahn einzuschlagen. Und dass du selbst Physikerin geworden bist, weil dein Vater dich dazu inspiriert hat. Deswegen, so meintest du, könnte man den großen Einstein indirekt als deinen Lehrer bezeichnen. Und auf diese Verbindung warst du mal unheimlich stolz.

Später hast du herausgefunden, dass dir dein Vater etwas vorgeflunkert hatte. Er und Einstein haben sich nur ganz kurz miteinander unterhalten. Am 13. November 1922 begleitete er Einstein bei einem Morgenspaziergang auf der Nanking Road. Und sie waren nicht allein unterwegs. Unter anderem waren auch noch Yu Youren, der Präsident der Shanghai-Universität, und Cao Gubing, der Geschäftsführer der Zeitung Ta Kung Pao, mit von der Partie. Sie kamen an eine Baustelle, wo die Straßendecke erneuert wurde. Einstein blieb neben einem jungen Arbeiter stehen, der Steine schleppte. Er hatte aufgerissene Hände und ein Gesicht, das schwarz vor Dreck war. Einstein sah ihm eine Weile dabei zu, wie er in seiner dünnen Kleidung im eisigen Wind arbeitete. Dann fragte er deinen Vater: »Wie viel verdient er pro Tag?«

Dein Vater erkundigte sich bei dem Jungen und antwortete Einstein: »Fünf Kupferstücke.«

Das war die einzige Unterhaltung deines Vaters mit diesem Wissenschaftler, der die ganze Welt veränderte. Es ging nicht um Physik, nicht um die Relativitätstheorie, nur um das nackte Leben. Dein Vater erzählte, dass Einstein, nachdem er die Antwort erhalten hatte, noch lange da stand und dem jungen Arbeiter dabei zusah, wie er stumpf seine Schwerstarbeit verrichtete. Und die Zigarette in seiner Hand verglomm, ohne dass er noch einen Zug von ihr nahm. Nachdem mir dein Vater von dieser Sache erzählt hatte, seufzte er und sagte: »In China enden geistige Höhenflüge immer ganz schnell mit einem krachenden Absturz. Das Gravitationsfeld unserer Realität ist zu schwer.«

»Kopf runter!«, befahl ein Rotgardist laut. Ye Zhetai konnte nicht genau sagen, ob es sein eigener Schüler war, der damit ein letztes Fünkchen Mitleid für seinen Lehrer bewies. Wenn es einem in einer Kampf- und Kritiksitzung an den Kragen ging, musste man immer mit gesenktem Kopf dastehen. Wenn Ye Zhetai ihn hängen ließe, fiele der hohe Eisenhut herunter, und ab diesem Punkt gäbe es keinen Grund mehr, ihn wieder aufzusetzen. Aber er stand mit hoch erhobenem Haupt, und sein dünner Hals stemmte sich gegen die eiserne Last.

»Kopf runter, du starrsinniger Reaktionär!« Die Rotgardistin neben ihm zog sich mit einem Ruck den Gürtel aus der Hose und peitschte damit auf Ye Zhetai ein. Die Messingschnalle traf ihn an der Stirn und hinterließ einen deutlich sichtbaren Abdruck, der sofort zu einem schwarzvioletten Bluterguss anschwoll. Einen Moment lang geriet Ye Zhetai ins Taumeln, dann stand er wieder fest auf den Beinen.

Erneut richtete ein Rotgardist das Wort an ihn: »Während deiner Vorlesung zur Quantenmechanik hast du große Mengen reaktionärer Theorien eingestreut.« Dann nickte er Ye Zhetais Frau Shao Lin zu und bedeutete ihr weiterzumachen.

Shao Lin konnte es gar nicht erwarten fortzufahren. Sie befand sich augenscheinlich am Rande eines Nervenzusammenbruchs und durfte keine Pause machen, um nicht völlig zusammenzuklappen. »Ye Zhetai, das kannst du nicht bestreiten! Du hast sehr oft Inhalte der reaktionären Kopenhagener Deutung in den Unterricht einfließen lassen!«

Ye Zhetai blieb trotz der schweren Schläge ruhig und sachlich. »Es ist ja auch die Erklärung der Quantenmechanik, die am meisten den Versuchsergebnissen entspricht.«

Shao Lin überraschte und ängstigte seine Gelassenheit. »Diese Theorie besagt, dass externe Beobachtung den Kollaps der Wellenfunktion bewirkt. Und das ist eine ganz besonders dreiste Aussage des reaktionären Idealismus.«

»Ist es die Philosophie, die zum Experiment hinführt, oder ist es das Experiment, das die philosophische Erklärung hinterfragt?« Ye Zhetais Konter verwirrte die Roten Garden, die die Kampf- und Kritiksitzung leiteten, so sehr, dass sie einen Moment lang nichts zu erwidern wussten.

»Natürlich ist es die richtige Philosophie, nämlich der Marxismus, die den Experimenten den Weg weist«, entgegnete einer von ihnen schließlich.

»Das würde bedeuten, dass die richtige Philosophie vom Himmel herabgefallen ist. Damit würde dem marxistischen Grundsatz widersprochen, dass wahres Wissen der Praxis entspringt. Und dass die Natur die Grundlage der Erkenntnis ist.«

Shao Lin und die zwei Studenten konnten dem nichts entgegensetzen. Anders als die Rotgardistinnen, die immer noch auf der Mittelschule waren, konnten sie die Logik nicht komplett ignorieren.

Aber die kleinen Schülerinnen machten bei ihrem Kampf für die Sache der Revolution vor nichts halt. Das Mädchen, das Ye Zhetai eben schon geschlagen hatte, holte erneut mit ihrem Ledergürtel aus. Die drei anderen Mädchen machten es ihr nach und schlugen ihn ebenfalls mit ihren Gürteln. Wenn ihre Gefährtin sich so revolutionär verhielt, wollten sie noch revolutionärer oder doch zumindest genauso wie sie sein. Die beiden männlichen Rotgardisten gingen nicht dazwischen. Wenn sie sich jetzt einmischten, würde man sie womöglich für nicht revolutionär genug halten.

Stattdessen versuchte einer der beiden jungen Männer, das Thema zu wechseln: »Außerdem hast du in deinen Vorlesungen auch noch die Urknalltheorie behandelt. Und das ist nun wirklich die reaktionärste aller wissenschaftlichen Theorien!«

»Vielleicht wird man diese Theorie eines Tages widerlegen, aber zwei große kosmologische Entdeckungen dieses Jahrhunderts – das Hubble’sche Gesetz und die kosmische Mikrowellenstrahlung – belegen, dass die Urknalltheorie den Ursprung des Universums derzeit am plausibelsten erklärt.«

»Alles Lügen!«, brüllte Shao Lin los. Dann hielt sie einen langen Vortrag über die Urknalltheorie und vergaß dabei natürlich nicht, kenntnisreiche Kritik am extrem reaktionären Charakter dieser Theorie zu üben.

Da meldete sich plötzlich das klügste der vier Mädchen zu Wort: »Und die Zeit soll erst mit der Singularität begonnen haben? Was ist denn davor gewesen?«

»Nichts, absolut nichts.« Ye Zhetai beantwortete seine Frage, wie er jede Frage eines jungen Menschen beantwortet hätte. Er wandte sich dem Mädchen zu und schaute es freundlich an. Wegen des riesigen Eisenhuts und seiner schweren Verletzungen fiel ihm diese Bewegung sehr schwer.

»Wie? Nichts? Du Reaktionär! Du ausgemachter Reaktionär!«, brüllte das Mädchen in panischer Angst. Hilfesuchend drehte es sich zu Shao Lin um, die es nur zu gerne unterstützte.

»Diese Theorie lässt Raum für die Existenz Gottes.« Shao Lin nickte dem Mädchen zu.

Die verstörte kleine Rotgardistin fand endlich ihren roten Faden wieder. Mit dem Ledergürtel, den sie in der Hand hielt, wies sie auf Ye Zhetai. »Du! Du willst damit sagen, es gibt einen Gott?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was sagst du da?«

»Ich sage, ich weiß es nicht. Wenn mit Gott etwas gemeint ist, was außerhalb unseres Kosmos liegt und unser Bewusstsein übersteigt, weiß ich nicht, ob es existiert oder nicht. Die Wissenschaft kann weder beweisen noch widerlegen, dass es so etwas gibt.« In diesem albtraumhaften Moment neigte Ye Zhetai allerdings eher zu der Annahme, dass Gott nicht existierte.

Nach dieser ketzerischen und hochverräterischen Antwort brach unter den Zuschauern ein Tumult aus. Einer der Rotgardisten auf der Bühne feuerte die Menge dazu an, Parolen zu skandieren. Ihre Schreie tosten wie ein gewaltiger Sturm.

»Nieder mit der reaktionären Akademikerautorität Ye Zhetai!«

»Nieder mit allen reaktionären Akademikerautoritäten!«

»Nieder mit allen reaktionären Lehren!«

Als das Brüllen wieder abebbte, rief das kleine Mädchen: »Gott existiert nicht! Alle Religionen sind nur Opium für das Volk! Die herrschende Klasse hat sie erfunden, um das Volk zu lähmen!«

»Das zeugt von einer sehr einseitigen Sicht auf die Dinge.« Ye Zhetai klang noch immer ruhig.

In diesem Augenblick entschied die kleine Rotgardistin, bei der alle Scham zu Wut geworden war, dass man diesem gefährlichen Feind mit Worten nicht beikommen konnte. Sie holte mit dem Riemen zum Schlag aus, und ihre drei Genossinnen taten es ihr ohne zu zögern nach. Ye Zhetai war ein großer Mann, und die vier vierzehnjährigen Mädchen mussten mit den Lederriemen weit ausholen, um seinen immer noch hocherhobenen Kopf zu treffen. Nach den ersten paar Schlägen fiel der große Eisenhut herunter, der Ye Zhetai einen gewissen Schutz geboten hatte. Und als die Messingschnallen immer weiter wie ein harter Hagelschauer auf seinen Kopf und Körper einprasselten, brach er schließlich unter den Hieben zusammen. Von ihrem Erfolg angespornt, stürzten sich die kleinen Rotgardistinnen noch eifriger in diesen ruhmreichen Kampf. Sie kämpften für ihren Glauben, für ihre Ideale und waren ganz berauscht von der hell strahlenden Mission, die ihnen die Geschichte auferlegt hatte. Sie bebten vor Stolz, weil sie nun Heldinnen waren …

»Anordnung von oberster Stelle: Es soll vor allem ein Kampf mit Worten und nicht mit Waffen sein!«, brüllten jetzt Ye Zhetais Schüler, die sich schließlich doch noch zu einer Entscheidung durchgerungen hatten. Sie stürzten herbei und rissen die vier halb wahnsinnigen Mädchen von ihrem Lehrer fort.

Aber es war zu spät. Der Physiker lag reglos am Boden. Seine Augen standen offen, und aus seinem Schädel quoll Blut. Von einem Augenblick zum anderen war die Raserei vorüber, und auf dem Platz herrschte Totenstille. Das fließende Blut war die einzige noch wahrnehmbare Bewegung, wie eine rote Schlange schlängelte es sich langsam vorwärts bis zum Rand der Bühne und tropfte auf einen leeren Kasten, der darunter stand. Die rhythmischen Töne hörten sich wie langsam verhallende Schritte an.

Ein unheimliches Lachen durchbrach die Stille. Es kam aus Shao Lins Mund, die einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte – es war grauenvoll. Die Leute verließen fluchtartig den Platz, denn alle wollten so schnell wie möglich weg von diesem Ort. Schon bald war der gesamte Platz leer bis auf eine junge Frau, die vor der Bühne zurückgeblieben war.

Es war Ye Zhetais Tochter Ye Wenjie.

Als die vier Mittelschülerinnen mit roher Gewalt ihres Vaters Leben zerstört hatten, hatte sie sich auf die Bühne stürzen wollen. Aber zwei alte Professoren aus dem Wohnheim hielten sie fest und flüsterten ihr ins Ohr, sie solle ihr eigenes Leben nicht auch noch wegwerfen. In dem Tumult hätte ihr Erscheinen noch mehr Gewalttäter auf den Plan gerufen. Sie weinte und kreischte wie von Sinnen, aber ihr Geheul ging im Wirrwarr der gellenden Parolen und Anfeuerungsschreie unter.

Als dann alles still war, war auch sie verstummt. Ihr Blick war starr auf den Leib ihres totgeschlagenen Vaters gerichtet. Und die Gedanken, die sie nicht aussprechen konnte, lösten sich in ihrem Blut auf und pulsierten durch ihren Körper. Sie sollten sie ein Leben lang begleiten. Als alle ihrer Wege gegangen waren, blieb sie wie eine Statue stehen, in der gleichen Haltung, in der sie die beiden alten Professoren zurückgehalten hatten.

Lange Zeit verging, bis sie die Arme sinken ließ und langsam auf die Bühne ging. Dort setzte sie sich neben die Leiche ihres Vaters und umklammerte eine seiner Hände. Sie war bereits erkaltet. Ihr leerer Blick ging in die Ferne. Als schließlich jemand kam, um die Leiche wegzutragen, holte sie etwas aus ihrer Jackentasche und legte es ihrem Vater in die kalte Hand. Es war seine Pfeife.

Schweigend verließ sie den menschenleeren, verwüsteten Platz und schlug den Weg nach Hause ein. Als sie vor dem Lehrkörper-Wohnheim ankam, hörte sie aus dem ersten Stock das irre Lachen einer Verrückten. Es stammte von der Frau, die sie einst Mama genannt hatte.

Ye Wenjie wandte sich ab und achtete nicht darauf, wo ihre Füße sie hintrugen.

Bis sie bemerkte, dass sie vor der Haustür von Professorin Ruan Wen angekommen war. Ruan Wen war während ihrer vier Studienjahre Ye Wenjies Tutorin und engste Freundin gewesen, genau wie in den zwei Jahren danach, als sie Studentin an der Fakultät für Astrophysik war. Und auch als mit der Kulturrevolution das Chaos ausbrach, blieb Ruan Wen neben ihrem Vater Ye Wenjies engste Vertraute.

Ruan Wen hatte in Cambridge studiert. Früher hatte ihr Haus eine große Anziehungskraft auf Ye Wenjie ausgeübt, denn dort hatte es vieles gegeben, was sie aus Europa mitgebracht hatte: wunderbare Bücher, Ölbilder und Schallplatten, sogar ein Klavier. Da waren auch europäische Tabakpfeifen, die hübsch aufgereiht in einem filigranen Holzgestell standen. Die Pfeife ihres Vaters war ein Geschenk von Ruan Wen gewesen. Die Pfeifenköpfe waren aus dem Wurzelholz der Mittelmeerhundsrosen oder aus türkischem Meerschaum geschnitzt. Jede dieser Pfeifen schien noch die Intelligenz ihrer vormaligen Besitzer zu atmen. Ruan Wen hatte sie nicht ein einziges Mal zum Rauchen in die Hand genommen.

Diese elegante, Geborgenheit ausstrahlende, kleine Welt war wie eine sichere Bucht gewesen, in der Ye Wenjie Zuflucht vor den Stürmen der schmutzigen Welt fand. Aber dann hatten sie Ruan Wens Zuhause durchsucht und ihr Vermögen konfisziert. Sie hatte unter der Kulturrevolution genauso sehr gelitten wie Ye Wenjies Vater. Auf den Kampf- und Kritiksitzungen hängten die Roten Garden Ruan Wen Stöckelschuhe um den Hals und beschmierten ihr Gesicht mit Lippenstiftstrichen, um ihren dekadenten, bourgeoisen Lebenswandel zu brandmarken.

Ye Wenjie stieß die Tür zu Ruan Wens Wohnung auf und stellte fest, dass die Verwüstungen der Hausdurchsuchung beseitigt waren und alles wieder aufgeräumt war. Die zerrissenen Ölgemälde waren geleimt und hingen wieder an der Wand. Das umgestürzte Klavier stand wieder aufrecht an seinem ursprünglichen Platz. Es war zwar kaputt und ließ sich nicht mehr spielen, aber es war sauber geputzt. Die wenigen noch verbliebenen, aufwendig gebundenen Bücher waren wieder ordentlich ins Bücherregal zurückgestellt …

Ruan Wen saß kerzengerade auf ihrem Drehstuhl am Schreibtisch und hatte die Augen geschlossen. Ye Wenjie stellte sich neben sie und strich ihr über die Stirn, das Gesicht und die Hände. Das leere Schlaftablettenröhrchen auf dem Schreibtisch hatte sie bereits beim Eintreten gesehen.

Eine Weile lang stand sie schweigend neben Ruan Wen. Dann wandte sie sich um und ging hinaus. Sie war nicht mehr in der Lage, Kummer zu empfinden, wie ein Geigerzähler, der zu viel Strahlung abbekommt und deshalb nicht mehr reagiert, sondern nur noch Null anzeigt.

Aber als sie zur Tür hinausging, drehte sie sich doch noch einmal um und warf Ruan Wen einen letzten Blick zu. Sie bemerkte, dass Ruan Wen sich schön geschminkt und Lippenstift aufgetragen hatte, und dass sie hochhackige Schuhe trug.

2

Der stumme Frühling

Zwei Jahre später, im Großen Hinggan-Gebirge im äußersten Nordosten der Inneren Mongolei, dem nördlichsten Punkt Chinas

»Achtung, Baum fällt!«

Mit diesem weithin hallenden Ruf fiel donnernd eine Dahurische Lärche, die so groß wie eine der Riesensäulen des Parthenon war. Ye Wenjie spürte, wie die Erde erzitterte. Sie griff nach Axt und Baumsäge und begann damit, die Äste von dem riesigen Stamm zu entfernen. Diese Arbeit kam ihr immer so vor, als säuberte sie den Leichnam eines Riesen. Manchmal stellte sie sich sogar vor, dieser Riese wäre ihr Vater. Es war dann das gleiche Gefühl wie vor zwei Jahren an jenem entsetzlichen Abend, an dem sie in der Leichenhalle versucht hatte, den Leichnam ihres Vaters zurechtzumachen. Die aufgeraute und rissige Borke der Lärche glich dem von Verletzungen übersäten Körper ihres Vaters.

In den weiten Steppen und Wäldern verteilten sich mehr als hunderttausend Soldaten. Sie gehörten zum Produktions- und Aufbaukorps der Inneren Mongolei, das aus sechs Divisionen und einundvierzig Regimentern bestand. Viele der Jugendlichen, die gerade von der Stadt in diese fremde Wildnis versetzt worden waren, träumten einen romantischen Traum: Sobald die Panzer des sowjetischen Imperialismus die chinesische Grenze zur Mongolei überrollen würden, wären sie die Ersten, die sich blitzschnell bewaffneten und mit ihrem Fleisch und Blut einen Schutzschild für ihre Volksrepublik bildeten. Tatsächlich war das einer der strategischen Gründe, warum man das Produktions- und Aufbaukorps zusammengestellt hatte.

Aber der Krieg, den sie mit Inbrunst ersehnten, war so weit entfernt wie die Berge am Horizont hinter der Steppe. Auf dem Weg dorthin hätte man mit Leichtigkeit ein Pferd zu Tode gehetzt. Deshalb begnügten sie sich damit, das Grasland urbar zu machen, die Wälder zu roden und das Vieh weiden zu lassen.

Während der Kulturrevolution hatten sie mit brennendem, jugendlichem Eifer in den Städten gekämpft. Doch sie merkten schnell, dass die Städte hier in den weiten Steppen der Inneren Mongolei nicht größer als ein Schafpferch waren. In der Eiseskälte des Graslands und der Wälder war ihre Inbrunst bedeutungslos. Ein heißblütiger Temperamentsausbruch war da schneller abgekühlt als ein frischer Kuhfladen, mit dem Unterschied, dass der Kuhfladen noch einen reellen Nutzwert besaß. Dennoch war es das Schicksal ihrer Generation, vom Feuer verbrannt zu werden. Und so verwandelten sich unter dem Ansturm ihrer hydraulischen Kettensägen weite Teile der mongolischen Wälder in Ödland und kahle Hügel. Ihre Traktoren und Mähdrescher machten aus großflächigen Graslandschaften zunächst Getreidefelder und dann Wüsten.

Ye Wenjie hielt diesen Kahlschlag für Irrsinn. Große, kerzengerade gewachsene Dahurische Lärchen aus dem Hinggan, immergrüne mongolische Pinien, grazil gewachsene Weißbirken, hoch in den Himmel reichende Zitterpappeln, Sibirische Tannen, dann noch Schwarzbirken, Eichen, Ulmen, mandschurische Eschen, Riesenweiden, mongolische Eichen. Aufs Geratewohl fällten sie alles, was ihnen in den Weg kam. Hundert Kettensägen waren am Werk, wie ein Schwarm eiserner Heuschrecken. Wo immer ihre Kompanie aufkreuzte, hinterließ sie nur Baumstümpfe.

Die fertig vorbereitete Lärche konnte nun mit dem Kettentraktor weggezogen werden. Ye Wenjie strich sanft über die frische Schnittstelle am Stamm. Sie tat das oft intuitiv, denn es kam ihr vor, als hätte der Baum dort eine große Wunde, und sie meinte, sich in seinen Schmerz einfühlen zu können. Plötzlich bemerkte sie, dass ein paar Meter von ihr entfernt jemand über die Sägestelle am Baumstumpf streichelte. Am Zittern der Hand, die zwar blass war, aber eindeutig einem Mann gehörte, erkannte sie ein Herz, das wie ihres empfand.

Sie blickte auf und sah Bai Mulin. Er war ein bebrillter, feingliedriger Jüngling und arbeitete als Reporter für die Große Produktion, die Zeitung ihres Truppenverbands. Erst vorgestern war er zu ihrer Kompanie gestoßen, um Interviews zu führen. Ye Wenjie hatte schon Artikel von ihm gelesen. Sie erinnerte sich an seinen Schreibstil, der sich durch Feinheit und Sensibilität auszeichnete und gar nicht zu dieser wüsten Umgebung passen wollte.

»Ma Gang, komm doch mal!«, rief er einem Jungen in der Nähe zu. Wie die Lärche, die er gerade gefällt hatte, strotzte Ma Gang nur so vor Kraft. »Weißt du, wie alt dieser Baum ist?«

»Ich zähl mal nach.« Ma Gang deutete auf die Jahresringe am Baumstumpf.

»Das hab ich schon getan, es sind mehr als dreihundertdreißig Jahre. Kannst du dich erinnern, wie lange du dazu gebraucht hast, ihn umzusägen?«

»Keine zehn Minuten. Ich kann dir sagen, bei uns in der Kompanie bin ich der schnellste Kettensägenführer. In welcher Gruppe ich auch arbeite, die Rote Wanderfahne folgt mir immer.« Ma Gang war aufgeregt. Alle, die Reporter Bai Mulin befragte, waren aufgeregt. Es war ja auch eine große Ehre, wenn man in der Großen Produktion erwähnt wurde.

»Mehr als dreihundert Jahre, das sind fast fünfzehn Generationen Menschenleben. Als die Lärche ein Sämling war, regierten noch die Ming-Kaiser. Wie viele Regengüsse dieser Baum erlebt hat, bei wie vielen Ereignissen er Zeuge war. Und du sägst ihn in ein paar Minuten um. Hast du dabei nichts empfunden?«

»Was soll ich denn dabei empfinden?« Ma Gang stutzte. »Das ist doch nur ein Baum. Und Bäume gibt’s in dieser Gegend wie Sand am Meer. Hier stehen überall Kiefern rum, die noch viel älter als diese Lärche sind.«

»Ist schon in Ordnung. Du kannst mit deiner Arbeit weitermachen, und ich störe dich nicht mehr.« Kopfschüttelnd setzte sich Bai Mulin auf den Baumstumpf und seufzte leise.

Ma Gang schüttelte ebenfalls den Kopf. Es frustrierte ihn, dass der Reporter kein Interview mit ihm führen wollte. »Ihr Intellektuellen habt vielleicht Probleme …« Als er das sagte, streifte er auch Ye Wenjie mit seinem Blick und bezog sie offensichtlich in sein Urteil mit ein.

Der Baumriese wurde weggeschleift. Dabei rissen die Steine und Baumwurzeln am Boden weitere klaffende Wunden in seine Rinde. Von seinem Gewicht blieb in der dicken Schicht aus verrottetem Laub ein breiter Graben zurück, in dem sich rasch Wasser sammelte. Das zerfallende Laub färbte das Wasser dunkelrot, wie Blut.

»Ye Wenjie, komm doch rüber und gönn dir eine Pause.« Bai Mulin deutete auf die freie Stelle neben sich. Sie war wirklich müde. Also legte sie das Werkzeug beiseite und setzte sich Rücken an Rücken mit dem Reporter auf den Baumstumpf.

Nachdem sie eine Zeit lang geschwiegen hatte, sagte Bai Mulin plötzlich: »Ich konnte sehen, was du fühlst. Hier fühlen nur wir beide so.«

Ye Wenjie schwieg weiter. Bai Mulin hatte schon erwartet, dass sie gar nicht mehr antworten würde. Sie war ein schweigsamer Mensch, der selten mit anderen sprach. Neuankömmlinge hielten sie manchmal für stumm.

Bai Mulin sprach wie zu sich selbst: »Als wir im letzten Jahr die Planung machten, bin ich schon einmal in diesem Waldstück gewesen. Ich erinnere mich noch, dass ich gegen Mittag angekommen bin. Meine Gastgeber sagten mir, dass es Fisch zum Essen geben sollte. Ich ging in der kleinen Holzhütte umher und sah einen Topf Wasser über der Herdstelle hängen. Aber von einem Fisch war nichts zu sehen. Als das Wasser zu sprudeln begann, sah ich den Koch mit einem Nudelholz in der Hand nach draußen gehen. Er spazierte zu dem kleinen Gießbach vor der Hütte, schlug ein paar Mal mit dem Holz – peng, peng – ins Wasser und hatte gleich ein paar dicke Lachse gefangen. Was für ein Ort, an dem so ein Überfluss herrscht! Und jetzt? Im Bach ist nur noch trübes, totes Wasser. Ich frage mich, welches Ziel unser Truppenverband hier eigentlich verfolgt. Wollen die hier was aufbauen oder alles nur zerstören?«

»Wie kommst du zu solchen Ansichten?«, fragte Ye Wenjie ihn leise. Sie ließ nicht durchblicken, ob sie sie teilte oder ablehnte. Aber schon dass sie überhaupt etwas sagte, erfüllte Bai Mulin mit großer Dankbarkeit.

»Ich habe gerade ein Buch gelesen, das mich tief berührte. Kannst du Englisch lesen?«

Sie nickte.

Daraufhin fischte er ein blau eingebundenes Buch aus seiner Tasche. Bevor er es Ye Wenjie gab, blickte er sich um, weil er sichergehen wollte, dass niemand sie beobachtete. »Dieses Buch ist 1962 erschienen und hat im Westen viel bewegt.«

Sie drehte sich zu ihm um und nahm das Buch. Sie sah, dass es Der stumme Frühling hieß und von einer Autorin namens Rachel Carson stammte. »Woher hast du es?«, fragte sie leise.

»Die Parteioberen sind darauf aufmerksam geworden und möchten es zur internen Verwendung an ausgewählte Kader verteilen. Ich soll den Teil übersetzen, der sich auf die Wälder bezieht.«

Ye Wenjie schlug das Buch auf und war gleich davon gefangen. Im kurzen Anfangskapitel beschrieb die Autorin ein Dorf, das wegen des Gebrauchs von Pestiziden allmählich unbemerkt verendete. Aus den einfachen, schmucklosen Sätzen sprach Rachel Carsons tiefe Besorgtheit.

»Ich möchte an die Führung in Peking schreiben und denen mitteilen, wie grob verantwortungslos das Produktions- und Aufbaukorps hier vorgeht«, sagte Bai Mulin.

Ye Wenjie sah vom Buch hoch. Es dauerte ein bisschen, bis sie begriff, was er da sagte. Ohne zu antworten steckte sie den Kopf wieder ins Buch und las weiter.

»Wenn du es lesen willst, nimm es erst mal mit. Aber lass es niemanden sehen. Du weißt ja, was sie von solchen Büchern halten.«

Achtunddreißig Jahre später erinnerte sich Ye Wenjie in ihrer letzten Stunde daran, wie sehr das Buch Der stumme Frühlingihr Leben beeinflusst hatte. Vor seiner Lektüre hatte sie unter der Bosheit der Menschen schrecklich gelitten. Aber danach war es ihr möglich, zum ersten Mal sachlich über das Böse im Menschen nachzudenken. Das Buch befasste sich mit einem ziemlich eng gesteckten Thema: wie sehr der Missbrauch von Pestiziden der Natur schadete. Aber der Blickwinkel, den die Autorin dabei einnahm, hatte sie bis ins Mark erschüttert. Ye Wenjie hatte den Einsatz von Pestiziden immer für etwas ganz Normales gehalten, hatte darin nichts Positives oder Negatives gesehen, lediglich einen neutralen Eingriff in die Natur. Das Buch zeigte ihr jedoch, dass der Einsatz von Pestiziden aus Sicht der Natur nicht weniger böse als die Kulturrevolution war. Und der Schaden, den Pestizide der Natur zufügten, war ebenso groß. Sobald sie das erkannt hatte, fragte Ye Wenjie sich, wie viel Böses eigentlich an dem war, was der Mensch tat und was er für ganz selbstverständlich, ja sogar für richtig hielt. Und sie gelangte zu einer Schlussfolgerung, bei der es ihr eiskalt den Rücken herunterlief: Kann es sein, dass das Verhältnis zwischen der Menschheit und dem Bösen das gleiche ist wie das Verhältnis zwischen dem Ozean und dem Eisberg, der auf ihm schwimmt? Ozean und Eisberg bestehen beide aus demselben Element. Der Eisberg scheint nur deswegen anders zu sein, weil er eine andere Form hat. Aber tatsächlich ist er auch nur ein Teil des riesigen Ozeans.

Die meisten Menschen waren der Ansicht, dass Ye Wenjie das abgrundtief Böse in der erhabenen Kulturrevolution erkannt hatte. Sie wiederum war der Meinung, dass Rachel Carson das Böse im normalen, rechtmäßigen Einsatz von Pestiziden gesehen hatte. Es war doch sehr wahrscheinlich, dass das Verhalten der Menschheit seinem Wesen nach insgesamt und der Mensch selbst von Natur aus böse war. Und dass bei unterschiedlichen Menschen nur unterschiedliche Teile eines Ganzen erkennbar wurden. Die Menschheit konnte gar kein intuitives Gefühl für Moral entwickeln, genauso wenig wie es möglich war, sich selbst am Schopf in die Höhe zu ziehen und sich daran hinauf ins Weltall zu schwingen. Daher konnte der Impuls für die moralische Erweckung der Menschheit nur von außerhalb der menschlichen Spezies kommen.

Dieser Gedanke sollte Ye Wenjies ganzes Leben verändern.

Vier Tage später gab Ye Wenjie das Buch zurück. Bai Mulin bewohnte das einzige Gästezimmer ihrer Kompanie. Als sie seine Zimmertür aufstieß, sah sie ihn völlig erschöpft, über und über mit Schlamm und Sägemehl bedeckt, auf seinem Bett liegen. Als er sie bemerkte, setzte er sich eilig auf.

»Hast du heute gearbeitet?«, fragte sie ihn.

»Ich bin jetzt schon so lange in eurer Kompanie. Da muss ich auch die Arbeit mittun und kann nicht nur untätig herumschlendern. Es funktioniert eben alles als Dreierverbindung, und Politik, Kultur und Technik müssen zusammen anpacken. Wir waren auf dem Radargipfel im Einsatz. Dort ist der Wald so dicht, dass wir bis zu den Knien im Laub standen. Ich habe Angst, dass ich mir in diesem Mief was geholt haben könnte.«

»Radargipfel?« Ye Wenjie war überrascht.

»Ja. Das Regiment hatte einen Eilauftrag. Wir hatten Befehl, um den Gipfel herum alle Bäume zu roden und einen Sicherheitsstreifen anzulegen.«

Der Radargipfel war ein mysteriöser Ort. Der steil aufragende, eigentlich namenlose Berg trug seine Bezeichnung nur wegen der riesigen Parabolantenne auf seiner Spitze. Wer ein bisschen gesunden Menschenverstand besaß, wusste natürlich, dass es sich dabei nicht um eine Radarantenne handelte. Denn obwohl sie täglich ihre Richtung änderte, drehte sie sich niemals gleichmäßig. Bei Wind erzeugte sie ein Heulen, das man weithin hören konnte.

Innerhalb der Truppe wusste man nur, dass es sich beim Radargipfel um eine Militärbasis handelte. Die Einheimischen erzählten, dass das Militär drei Jahre zuvor beim Bau des Standortes einen gewaltigen Aufwand betrieben hatte. Zuerst musste eine Starkstromleitung zum Gipfel gelegt werden. Dann wurde eine Straße bis ganz nach oben gebaut, auf der große Mengen Material hinaufgeschafft wurden. Nachdem die Basis fertiggestellt war, wurde die zum Gipfel hinaufführende Straße wieder zerstört. Jetzt schlängelte sich nur noch ein schwer zu begehender Waldweg durch die Bäume nach oben. Dafür sah man nun häufig Hubschrauber auf dem Gipfel landen.

Die Antenne war nicht ständig zu sehen. Wenn der Wind zu stark blies, wurde sie umgelegt. Und wenn sie aufgestellt war, passierten in der Umgebung die merkwürdigsten Dinge. Die Tiere im Wald wurden unruhig, die Waldvögel flogen aufgeschreckt in großen Schwärmen auf. Und den Menschen wurde schwindlig, sie bekamen Brechreiz und zeigten andere, unerklärliche Symptome. Außerdem neigten die Anwohner zu auffällig starkem Haarausfall. Wenn man ihnen glaubte, war das erst seit dem Bau der Antenne so.

Um den Radargipfel rankten sich viele Geheimnisse. Als es einmal stark schneite und die Antenne ausgefahren wurde, schmolz der Schnee innerhalb eines Umkreises von ein paar Kilometern sofort zu Regen! Da der Boden gefroren war, bildete der Regen an allen Bäumen dicke Eiszapfen. Der Wald wurde zum Eispalast, und man hörte ununterbrochen Äste mit lautem Krachen unter dem Gewicht zerbrechen und das Geräusch von schweren Eisbrocken, die donnernd zu Boden gingen. Manchmal, wenn die Antenne ausgefahren war, blitzte und donnerte es trotz strahlendem Sonnenschein, und am nächtlichen Himmel zeigten sich seltsame Lichthöfe …

Der Radargipfel war Sperrgebiet und stand unter ständiger Alarmbereitschaft. Daher hatte der Kompaniechef gleich nach der Stationierung des Produktions- und Aufbaukorps den Befehl ausgegeben, dass sich niemand eigenmächtig in der Nähe des Radargipfels aufhalten dürfe, weil es den Beobachtungsposten der Militärbasis erlaubt sei, ohne Vorwarnung scharf zu schießen.

Noch in der letzten Woche hatten zwei Soldaten der Kompanie im Wald einen Rehbock gejagt und waren dabei in die Nähe des Radargipfels geraten. Daraufhin eröffneten die auf halber Höhe des Berges stationierten Wachposten sofort das Feuer auf die beiden. Zum Glück standen die Bäume dort sehr dicht, sodass sie sich unverletzt retten konnten. Aber einer der Männer pinkelte sich vor Schreck in die Hose. Tags darauf hatten die beiden bei der Kompaniesitzung einen Tadel kassiert. Vielleicht hatte das Korps wegen dieses Vorfalls um den Gipfel herum alle Bäume für einen Sicherheitsstreifen roden müssen. Dass sie nach Belieben über die Arbeitskraft der Kompanie verfügen konnten, zeigte jedenfalls, dass diese Leute in der Befehlskette sehr weit oben standen.

Bai Mulin nahm das Buch entgegen, legte es vorsichtig unter sein Kopfkissen und zog ein paar eng bekritzelte Papierbögen hervor. »Das ist ein Entwurf für meinen Brief. Könntest du ihn bitte einmal durchlesen?«

»Brief?«

»Ich habe dir doch erzählt, dass ich der Zentrale in Peking schreiben möchte.«

Seine Schrift war ziemlich schlampig, und Ye Wenjie brauchte eine halbe Ewigkeit, bis sie den Brief entziffert hatte. Aber Bai Mulin hatte sein Anliegen lückenlos argumentiert. Er begann mit einer Beschreibung des Taihangshan-Gebirges, wie es sich aufgrund der Zerstörung seiner Vegetation von einem historisch artenreichen, üppig bewachsenen Biotop in eine öde Wüstenei mit kahlen Bergkämmen verwandelt hatte. Als Nächstes widmete er sich dem Gelben Fluss, dessen Sedimentbelastung gegenwärtig sprunghaft anstieg. Sein Fazit war, dass die Verwüstungen, die das Produktions- und Aufbaukorps in der Inneren Mongolei anrichtete, ernste ökologische Konsequenzen haben würden. Ye Wenjie fiel auf, dass sein Schreibstil dem in Der stumme Frühling ähnelte, einfach und präzise, aber auch poetisch. Er war für sie, die Naturwissenschaften studiert hatte, sehr angenehm zu lesen.

»Er ist sehr gut«, sagte Ye Wenjie und meinte es auch so.

Bai Mulin nickte. »Dann schicke ich ihn so ab.« Er nahm ein neues Stück Papier zur Hand, um den Text ins Reine zu schreiben, aber seine Hand zitterte so stark, dass er kein einziges Schriftzeichen zustande brachte. Die Arbeit mit der Kettensäge war einfach zu schwer gewesen. Manche, die zum ersten Mal mit ihr hantierten, konnten danach nicht mal eine Reisschale ruhig halten, geschweige denn leserlich schreiben.

»Lass mich das doch machen.« Ye Wenjie nahm ihm den Stift aus der Hand und begann zu schreiben.

»Du hast eine schöne Schrift«, sagte Bai Mulin mit Blick auf die erste fertig geschriebene Zeile. Als er ihr ein Glas Wasser eingoss, zitterte seine Hand so stark, dass er etwas verschüttete. Ye Wenjie zog schnell das Briefpapier zur Seite.

»Bist du Physikerin?«, fragte er sie.

»Astrophysikerin. Damit kann man jetzt nichts mehr anfangen.« Sie widmete sich weiterhin dem Brief und sah nicht zu ihm auf.

»Dabei erforscht man doch die Sterne. Wieso sollte man damit nichts anfangen können? Aber du hast natürlich recht. An den Unis stellen sie keine Assistenten mehr ein. Eine Schande, dass jemand, der so hervorragend ausgebildet ist wie du, hier landet!«

Ye Wenjie antwortete nicht und schrieb einfach weiter ab. Sie wollte Bai Mulin nicht sagen, dass es für jemanden wie sie schon ein großes Glück war, im Aufbaukorps unterzukommen. Und sie wollte auch nicht kommentieren, wie es derzeit um die Welt stand. Denn dazu gab es nichts zu sagen.

In der Hütte wurde es still. Nur das Kratzen des Federhalters auf dem Papier war zu hören. Ye Wenjie konnte den Sägemehlgeruch riechen, der dem Körper des Reporters entströmte. Zum ersten Mal seit dem grausamen Tod ihres Vaters wurde ihr warm ums Herz, und sie fühlte sich entspannt genug, um wenigstens für kurze Zeit ihre vorsichtige Wachsamkeit gegenüber der Welt aufzugeben.

Nach etwas mehr als einer Stunde hatte sie den Brief fertig. Zuletzt schrieb sie noch die Empfängeradresse, die Bai Mulin ihr diktierte, auf den Briefumschlag. Dann stand sie auf und verabschiedete sich.

An der Tür wandte sie sich noch mal um. »Gib mir deine Jacke mit, ich wasche sie dir.« Die Worte waren kaum heraus, da erschrak sie schon über ihre Kühnheit.

»Nein, das geht doch nicht!« Bai Mulin winkte ab. »Ihr Soldatinnen vom Aufbaukorps arbeitet den ganzen Tag genauso hart wie die Männer. Geh schnell und ruh dich aus. Du musst doch morgen früh schon um sechs Uhr wieder ins Gebirge. Ach, Ye Wenjie, übermorgen fahre ich zum Divisionsstab zurück. Ich werde meinen Vorgesetzten von deiner Situation hier berichten. Vielleicht hilft das ja.«

»Danke, aber ich finde es hier gar nicht so schlecht. Schön ruhig.« Ye Wenjie blickte auf die endlosen Wälder des Großen Hinggan-Gebirges, die im schwachen Mondlicht kaum zu erkennen waren.

»Läufst du vor irgendetwas davon?«

»Ich muss jetzt los«, sagte sie sanft. Dann wandte sie sich um und ging hinaus.

Bai Mulin sah zu, wie ihr graziler Körper im Mondlicht verschwand. Dann blickte er auf und schaute, wie sie es getan hatte, auf die endlosen Wälder des Hinggan. In der Ferne erkannte er den Radargipfel, und darauf die riesenhafte Antenne, die sich mit kaltem, metallischem Schimmer langsam aufrichtete.

Eine Woche später wurde Ye Wenjie um die Mittagszeit vom Holzfällen in die Kompanie zurückberufen. Sie war kaum im Büro angelangt, da spürte sie schon, dass etwas nicht stimmte. Neben dem Kompaniechef und dem Drillmeister war auch noch ein frostig dreinschauender Fremder anwesend. Vor sich auf dem Schreibtisch hatte er eine schwarze Aktentasche abgestellt. Daneben lagen ein Briefumschlag und ein Buch. Der Briefumschlag war offen. Bei dem Buch handelte es sich um die Ausgabe von Der stumme Frühling, die sie gelesen hatte.

Die Menschen dieser Epoche verfügten über ein feines Gespür für die eigene politische Situation. Bei Ye Wenjie war dieser Sinn besonders ausgeprägt. Sie fühlte sofort, wie sich die Welt um sie herum zusammenzog und sie wie in einen engen Sack einschnürte. Alles schien gleichzeitig auf sie einzustürzen.

»Ye Wenjie. Dies ist der leitende Kader Zhang aus dem Politbüro des Divisionsstabs.« Der Drillmeister deutete auf den Fremden. »Wir hoffen, dass du uneingeschränkt mit uns kooperierst und die Wahrheit sagst.«

»Hast du diesen Brief geschrieben?« Leiter Zhang zog das Schreiben aus dem Umschlag. Ye Wenjie streckte die Hand danach aus, aber er behielt den Brief und zeigte ihn ihr Bogen für Bogen. Zuletzt kam er zu der Seite, die sie hatte sehen wollen.

Der Brief war nicht namentlich unterschrieben, stattdessen standen da nur diese vier Schriftzeichen:

Die revolutionären Massen

»Nein, der ist nicht von mir.« Erschrocken schüttelte sie den Kopf.

»Aber es ist deine Schrift.«

»Richtig, aber ich habe ihn für jemanden abgeschrieben.«

»Für wen?«

Normalerweise wehrte sie sich nie, wenn sie in der Kompanie ungerecht behandelt wurde. Ungerechtigkeiten schluckte sie immer schweigend herunter, erst recht wenn auch andere beteiligt waren. Doch diesmal war es anders. Sie wusste sehr genau, was dies hier bedeutete.

»Für den Reporter unserer Zeitung Große Produktion, der letzte Woche hier war, um Interviews zu führen. Er hieß …«

»Ye Wenjie.« Der Kader Zhang richtete seine schwarzen Augen wie zwei schussbereite Gewehrläufe auf sie. »Ich warne dich. Wenn du andere verleumdest, machst du es für dich nur noch schlimmer. Wir haben von Genosse Bai Mulin bereits in allen Einzelheiten erfahren, dass er nur der Überbringer des Briefs war. Er hat ihn für dich nach Hohhot mitgenommen, aber er wusste nicht das Geringste über seinen Inhalt.«

»Das … hat er gesagt?« Ihr wurde schwarz vor Augen.

Statt zu antworten, nahm Kader Zhang das Buch zur Hand. »Für diesen Brief hast du dich sicherlich von dem hier inspirieren lassen.« Er zeigte es dem Kompaniechef und dem Drillmeister. »Es heißt Der stumme Frühling und ist 1962 in Amerika erschienen. Es war in der kapitalistischen Welt sehr einflussreich.«

Dann entnahm er seiner Aktentasche noch ein zweites Buch. Sein weißer Umschlag war mit schwarzen Schriftzeichen bedruckt. »Das ist die chinesische Übersetzung von Derstumme Frühling. Sie ist an ausgewählte Kader verteilt worden, die sich kritisch mit dem Inhalt des Buchs auseinandergesetzt haben. Inzwischen hat sich die Führung eindeutig zu diesem Werk geäußert und es als besonders giftiges Stück Propaganda bezeichnet. Es fußt auf den Ansichten eines historischen Idealismus. Indem es Umweltprobleme thematisiert, verbreitet es eine eschatologische Endzeitstimmung. Das Buch liefert nur faule Ausreden für die Dekadenz und den unausweichlichen Untergang des Kapitalismus. Sein Inhalt ist stinkreaktionär.«

»Aber dieses Buch … gehört mir doch gar nicht«, protestierte Ye Wenjie kraftlos.

»Die zuständigen Stellen haben Genosse Bai Mulin damit beauftragt, einen Teil dieses Buchs zu übersetzen. Er durfte es also besitzen. Er hätte es natürlich unter Verschluss halten müssen. Er hätte dir nicht die Gelegenheit geben dürfen, es heimlich zu stehlen und zu lesen, während er bei der Arbeit für das Aufbaukorps war. Du hast dieses Buch als ideologische Waffe gegen den Sozialismus verwendet.«

Ye Wenjie schwieg. Sie wusste, dass sie in eine Falle getappt war, aus der es kein Entkommen gab. Es hatte keinen Sinn, sich zu wehren.

In die offizielle Geschichtsschreibung ging später eine völlig andere Schilderung dieser Ereignisse ein. Obwohl einige Historiker es so darstellten, hatte Bai Mulin nicht von Anfang an geplant, Ye Wenjie eine Falle zu stellen. Vermutlich hatte er den Brief an das Zentralkomitee aus eigenen Stücken und ehrlicher Überzeugung geschrieben. Damals wendeten sich zahlreiche Menschen mit den unterschiedlichsten Anliegen an die oberste Führung. Der Großteil dieser Briefpost verschwand spurlos, wie ein Stein, der im Meer versinkt. Einigen wenigen aber winkte über Nacht eine große Karriere, oder sie erlebten den alles vernichtenden Schlag. Die politischen Strömungen in China waren damals hochkomplex. Bai Mulin glaubte, als Journalist wäre er in der Lage, diese Strömungen zu deuten und zu erkennen, wenn es gefährlich wurde. Aber er war zu selbstsicher. Mit diesem Brief hatte er ein ihm unbekanntes Minenfeld betreten. Nachdem er davon erfahren hatte, hatte er ängstlich alles heruntergespielt und beschlossen, Ye Wenjie zu opfern, um seine eigene Haut zu retten. Allerdings waren sich ein halbes Jahrhundert später alle Historiker darin einig, dass dieser Vorfall im Jahre 1969 einen Wendepunkt im Verlauf der Menschheitsgeschichte markierte.

Bai Mulin war unbeabsichtigt zu einer Schlüsselfigur der Geschichte geworden. Leider erfuhr er selbst davon nichts mehr. Man merkt den Historikern die Enttäuschung an, wenn sie darüber berichten, wie ereignislos sein weiteres Leben verlief. Bis zum Jahr 1975 war er bei der Zeitung Große Produktion angestellt. Damals wurde das Aufbaukorps aus der Inneren Mongolei abgezogen und aufgelöst. Bai Mulin wurde in eine Stadt in der Mandschurei versetzt, wo er bis Anfang der Achtziger für einen Wissenschaftsverband tätig war. Dann reiste er nach Kanada aus und unterrichtete bis 1991 an einer chinesischen Schule in Ottawa. Er starb an Lungenkrebs. Während seines restlichen Lebens hat er Ye Wenjie nie erwähnt, und wir werden wohl auch nicht mehr erfahren, ob er sich jemals Selbstvorwürfe machte oder bereute, was er getan hatte.

»Ye Wenjie, wir haben dich immer sehr gut behandelt.« Der Kompaniechef blickte zu Boden und blies eine große Wolke Machorka-Tabakqualm aus. »Mit deinem Familienhintergrund bist du politisch verdächtig. Aber wir haben dich immer wie eine von uns behandelt. Wie oft haben Drillmeister Wang und ich mit dir darüber gesprochen, dass du dich zu sehr abgesondert hast? Und du hast dir auch nicht wirklich Mühe gegeben, dich weiterzuentwickeln. Wir wollten dir helfen. Und was tust du? Du machst so einen schrecklichen Fehler.«

Nun schaltete sich auch noch der Drillmeister ein. »Ich habe schon früh bemerkt, dass sie eine tiefverwurzelte Abneigung gegen die Kulturrevolution hat.«

»Heute Nachmittag schicken wir zwei Leute, die sie zusammen mit den Beweisen ihrer Tat abholen und zum Divisionsstab bringen werden.« Auf Leiter Zhangs Miene zeigte sich keinerlei Regung.

Ihre drei weiblichen Mithäftlinge wurden eine nach der anderen abgeholt, und schließlich war Ye Wenjie allein in ihrer Zelle. Die wenigen Kohlen in der Ecke des Raums waren längst verbraucht. Niemand hatte neue gebracht, und mittlerweile war der Ofen ausgegangen. In der Zelle war es so kalt, dass sie sich in eine Decke wickeln musste.

Bevor es dunkel wurde, kamen zwei Leute. Eine ältere Kaderoffizierin und ihr Assistent. Der Assistent wies die Offizierin als die militärische Vertreterin beim mittleren Volksgericht aus.

»Ich heiße Cheng Lihua«, stellte sie sich dann noch einmal selbst vor. Sie war eine Frau über vierzig in einem großen Militärmantel. Sie trug eine Brille mit breitem Rahmen und besaß weiche Gesichtszüge. In ihrer Jugend musste sie sehr hübsch gewesen sein. Wenn sie sprach, lächelte sie, und sie wirkte gar nicht überheblich. Ye Wenjie war sich im Klaren darüber, wie selten es war, dass ein so hochrangiger Kader einen Häftling in Untersuchungshaft besuchte. Zurückhaltend nickte sie Cheng Lihua zu und stand von dem schmalen kleinen Bett auf, damit sich ihre Besucherin setzen konnte.

»Hier ist es ja eiskalt. Was ist denn mit dem Ofen los?« Cheng Lihua warf dem Gefängnisdirektor, der in der Tür stand, einen unwirschen Blick zu. Dann wandte sie sich wieder an Ye Wenjie. »Und wie blutjung du bist. Noch jünger, als ich dachte.«