Spiegel - Cixin Liu - E-Book

Spiegel E-Book

Cixin Liu

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Beschreibung

China in der nahen Zukunft. Der junge, ehrgeizige Beamte Song Cheng stößt auf einen gewaltigen Korruptionsskandal. Doch plötzlich wird er selbst ins Gefängnis geworfen. Dort taucht ein geheimnisvoller Mann mit einem Supercomputer auf, der ebenfalls verfolgt wird – weil er alles weiß. Einfach alles. Wie kann das sein? Und welche Konsequenzen hat das?

Mit seiner Novelle Spiegel erweist sich Cixin Liu, Autor des Weltbestsellers Die drei Sonnen, einmal mehr als scharfer Beobachter der chinesischen Gegenwart und als literarischer Visionär der Welt von morgen. Dieses Buch enthält eine Leseprobe aus Der dunkle Wald, dem Nachfolger zu Die drei Sonnen, sowie ausführliche Anmerkungen zur Übersetzung und ein Nachwort.

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Das Buch

In China beschließt man, in den Verwaltungsbehörden mehr Akademiker einzustellen. Einer dieser jungen, idealistischen Professoren ist Song Cheng, der in der Antikorruptionsbehörde schnell Karriere macht. Eines Tages stößt er auf einen Skandal, der sich wie ein Geschwür durch die ganze zentralchinesische Provinz Henan zieht: Industriebosse, Parteikader und Verwaltungsbeamte auf allen Ebenen sind darin verstrickt. Als Song Cheng aber kurz davor ist, den Skandal aufzudecken, wird er ins Gefängnis geworfen. Mächtige Gegenspieler wollen ihn für immer loswerden. Doch dann kündigt sich ein seltsamer Besucher bei Song Cheng an und erzählt ihm Dinge über den Skandal und aus Song Chengs Leben, die eigentlich niemand wissen dürfte und die nur einen Schluss zulassen: dieser Mann weiß alles. Aber wie ist das möglich, und was hat der geheimnisvolle Supercomputer mit der kosmologischen Simulationssoftware zu tun? Die Konsequenzen dieser Unterredung sind allerdings noch viel weitreichender, als Song Cheng jemals hätte ahnen können …

Mit seiner Novelle Spiegel erweist sich Cixin Liu, Autor des Weltbestsellers Die drei Sonnen, einmal mehr als scharfer Beobachter der chinesischen Gegenwart und als literarischer Visionär der Welt von morgen.

Dieses Buch enthält eine Leseprobe aus Der dunkle Wald, dem Nachfolger zu Die drei Sonnen, sowie ausführliche Anmerkungen zur Übersetzung und ein Nachwort.

Der Autor

Cixin Liu ist einer der erfolgreichsten und produktivsten chinesischen Science-Fiction-Autoren. Er hat lange Zeit als Software-Ingenieur in einem Kraftwerk gearbeitet, bevor er sich ganz seiner Schriftstellerkarriere widmete. Seine Romane und Erzählungen wurden bereits mehrfach prämiert. Cixin Lius erfolgreichster Roman Die drei Sonnen wurde mit dem Galaxy Award, dem bedeutendsten Genre-Preis Chinas, und 2015 als erster chinesischer Roman überhaupt mit dem Hugo Award ausgezeichnet und wird international als ein Meilenstein der Science-Fiction gefeiert.

Mehr über Cixin Liu und sein Werk auf:

www.diezukunft.de

Cixin Liu

SPIEGEL

Novelle

Aus dem Chinesischen von

Marc Hermann

Mit Anmerkungen des Übersetzers

und einem Nachwort von Sebastian Pirling

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Novelle »Spiegel« ist unter dem Titel (Jìngzi) erschienen undwurde 2004 mit dem Galaxy Award ausgezeichnet. Sie ist in demSammelband (Shíjiān yímín) enthalten.
Übersetzung »Die drei Sonnen«: Martina HasseÜbersetzung »Der dunkle Wald«: Karin Betz
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Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.
Redaktion: Sebastian PirlingCopyright © 2004 by Liu CixinGerman rights authorized by FT Culture (Beijing) Co., Ltd.Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabeund der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenUmschlaggestaltung: Das Illustrat, MünchenUmschlagillustration: Jeremy PaillotinSatz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-21966-6V002
www.diezukunft.de

Inhalt

Spiegel

Anmerkungen

Nachwort

Leseprobe aus »Die drei Sonnen«

Leseprobe aus »Der dunkle Wald«

SPIEGEL

Tiefer und tiefer dringt die Forschung der Menschheit. Man entdeckt, dass Quanteneffekte bloßes Wellengekräusel auf der Oberfläche des Meeres der Materie sind. Sie sind lediglich Schatten von Störeffekten, die aus den grundlegenden Gesetzen der Materie erwachsen. Je deutlicher diese Gesetze zutage treten, desto mehr gewinnt das Bild einer schwankenden Realität, das uns die Quantenmechanik suggeriert, wieder stabile Konturen. Feste Determinanten treten wieder an die Stelle von Wahrscheinlichkeiten.

In diesem neuen Modell des Universums feiern die bereits tot geglaubten Kausalketten klarer denn je ihre Wiederauferstehung.

1

Die Fahndung

Im Büro waren die Flaggen der Volksrepublik China und der Kommunistischen Partei gehisst. An dem breiten Schreibtisch saßen zwei Männer einander gegenüber.

»Ich weiß, Sie sind sehr beschäftigt, Genosse Kommandant, aber über diese Angelegenheit muss ich Sie informieren. Etwas Derartiges habe ich wirklich noch nie erlebt«, sagte der Mann vor dem Schreibtisch. Er trug die Uniform eines Polizeioberkommissars und war schon an die fünfzig, aber seine Haltung war stramm und seine Gesichtszüge energisch.

»Xufeng, mir ist klar, was für ein Gewicht dein letzter Satz hat. Schließlich bringst du dreißig Jahre kriminalistische Erfahrung mit.« Der Kommandant blickte auf den rot-blauen Bleistift, den er langsam zwischen seinen Fingern drehte, als wollte er die geschärfte Spitze begutachten. Er pflegte seinem Gegenüber nur höchst selten in die Augen zu sehen – soweit Chen Xufeng sich erinnerte, hatte ihn der Kommandant in all den Jahren nur dreimal eines direkten Blicks gewürdigt, und jedes Mal war dieser Blick mit einem Schlüsselmoment in Chens Leben zusammengefallen.

»Immer wenn wir Maßnahmen gegen die Zielperson ergreifen wollen, entkommt sie uns. Sie weiß stets, was wir vorhaben.«

»Aber so was erlebst du doch gewiss nicht zum ersten Mal.«

»Zugegeben, das allein wäre noch nichts Besonderes. Wir haben auch sofort an ein internes Leck gedacht.«

»Aber bei deinen Untergebenen ist das eher unwahrscheinlich …«

»Es ist mehr als unwahrscheinlich. Gemäß Ihren Anweisungen haben wir den Kreis der Kollegen, die an diesem Fall arbeiten, auf ein Minimum beschränkt. Unsere Sondereinheit umfasst nicht mehr als vier Leute, und nur zwei davon sind tatsächlich mit allen Hintergründen vertraut. Trotzdem war ich auf das Schlimmste gefasst und wollte eine Besprechung einberufen, um alle Beteiligten der Reihe nach zu überprüfen. Ich wies Chenbing an, unser Team zusammenzurufen. Sie kennen ihn, ein zuverlässiger Mann von der elften Abteilung. Er hat sich um die Sache mit Song Cheng gekümmert … Aber dann ist etwas Merkwürdiges passiert. Bitte glauben Sie mir – was ich sage, ist kein Unsinn! Es ist die reine Wahrheit …« Chen lachte verlegen, als wäre ihm seine Rechtfertigung peinlich. »Genau in dem Moment rief er uns an – unsere Zielperson! Auf meinem Handy hörte ich ihn sagen: ›Die Besprechung könnt ihr euch sparen. Unter euch ist kein Verräter.‹ Dabei hatte ich keine dreißig Sekunden davor erst zu Chenbing gesagt, dass ich eine Besprechung einberufen wollte!«

Der Bleistift erstarrte in der Hand des Kommandanten.

»Vielleicht denken Sie jetzt, wir wurden belauscht, aber das ist ausgeschlossen. Als Ort für unsere Unterhaltung habe ich willkürlich die Halle einer Regierungsbehörde gewählt. Wir standen mittendrin, während um uns herum gerade ein Chor für den Nationalfeiertag probte. Wir mussten uns direkt ins Ohr sprechen … Immer wieder ist es danach zu solchen seltsamen Vorfällen gekommen. Achtmal hat er uns angerufen, und jedes Mal hat er Dinge gesagt, die wir gerade erst besprochen oder getan hatten. Das Schlimmste ist, dass er nicht nur alles hören kann – er sieht auch alles! Einmal wollte Chenbing eine Hausdurchsuchung bei den Eltern der Zielperson durchführen. Zwei Mitglieder unserer Sondereinheit waren gerade aufgestanden, um sich auf den Weg zu machen, aber sie hatten noch nicht mal die Büros unserer Abteilung verlassen, da bekamen sie einen Anruf von ihm. ›Ihr habt den falschen Durchsuchungsbefehl eingesteckt‹, sagte er. ›Meine Eltern nehmen solche Dinge sehr genau, womöglich halten sie euch noch für Betrüger.‹ Daraufhin warf Chenbing noch mal einen Blick auf den Durchsuchungsbefehl – er hatte tatsächlich den falschen mitgenommen, Genosse Kommandant!«

Der Kommandant legte seinen Bleistift sachte auf den Tisch und wartete schweigend darauf, dass sein Untergebener weitersprach, aber Chen hatte seinen Bericht offenbar beendet. Als sich der Kommandant eine Zigarette nahm, klopfte Chen hastig seine Hemdtaschen nach einem Feuerzeug ab, doch ohne Erfolg.

Eines der zwei Telefone auf dem Schreibtisch klingelte.

»Das ist er«, flüsterte Chen nach einem flüchtigen Blick auf die angezeigte Nummer. Der Kommandant blieb gelassen. Auf seinen Wink hin drückte Chen auf die Taste für die Freisprechanlage. Im nächsten Moment hörten beide eine Stimme, die auffallend jung und matt klang.

»Das Feuerzeug ist in der Aktenmappe.«

Chen wechselte einen Blick mit dem Kommandanten und blätterte die Mappe durch, die auf dem Tisch lag, ohne etwas zu finden.

»Es steckt in einer Akte. In der über die Reform des städtischen Einwohnermeldewesens.«

Chen nahm die Akte heraus, und das Feuerzeug fiel klirrend auf den Tisch.

»Das ist ein edles Stück, ein französisches Luxusfeuerzeug von S.T. Dupont aus massivem Palladium mit dreißig Diamanten auf jeder Seite, das kostet … ich schaue mal nach … 39.960 Yuan.«

Der Kommandant rührte sich nicht, während Chen den Kopf hob und das Büro musterte. Es war nicht das Büro des Kommandanten, sondern eines, das sie willkürlich unter den Räumen des Gebäudes ausgewählt hatten.

Die Zielperson fuhr fort mit ihrer Machtdemonstration: »Herr Kommandant, in Ihrer Schachtel Chunghwa-Zigaretten sind nur noch fünf Stück, und in Ihrer Hemdtasche haben Sie nur noch eine von den Mevacor-Tabletten zur Cholesterinsenkung. Sie sollten sich von Ihrer Sekretärin Nachschub besorgen lassen.«

Chen hob die Zigarettenschachtel vom Tisch auf, während der Kommandant die Tablettenpackung aus seiner Hemdtasche zog. In beiden Fällen erwiesen sich die Behauptungen der Zielperson als wahr.

»Hört auf, nach mir zu fahnden«, fuhr die Zielperson fort. »Ich sitze in der Klemme. Ich weiß nicht, was ich tun soll.«

»Können wir das in einem persönlichen Gespräch erörtern?«, fragte der Kommandant.

»Glauben Sie mir, das würde für beide Seiten in einer Katastrophe enden.« Damit legte er auf.

Chen atmete auf. Nun hatten seine Worte eine Bestätigung gefunden. Dass der Kommandant seine Worte als Unfug abtun könnte, hatte ihn mehr beunruhigt als die Kapriolen seines Gegenspielers. »Es ist gespenstisch …«, sagte er mit einem Kopfschütteln.

»Ich glaube nicht an Gespenster«, erwiderte der Kommandant. »Aber ich sehe Gefahr im Anzug.«

Zum vierten Mal in seinem Leben sah Chen den Blick des Kommandanten auf sich gerichtet.

2

Der Häftling und die Zielperson

Im Untersuchungsgefängnis Nr. 2 am Stadtrand

Song Cheng wurde in eine Zelle überführt, die bereits mit sechs Gefangenen belegt war. Die meisten von ihnen waren schon seit längerer Zeit in Haft. Kalte Blicke musterten ihn, und kaum hatte der Wärter die Tür hinter ihm geschlossen, erhob sich ein schmächtiger Kerl und baute sich vor ihm auf.

»He, Schweineschwarte!«, schrie er Song an. Als er die Verwirrung im Gesicht des Neuen sah, erklärte der Schmächtige: »Unsere Regeln hier besagen: Wir haben Große Schwarte, Zweite Schwarte, Dritte Schwarte … Und ganz zuletzt kommt Schweineschwarte, das bist du. He, glaub bloß nicht, wir schikanieren dich, weil du neu bist.« Er zeigte mit dem Daumen hinter sich auf einen vollbärtigen Mann, der in der Ecke lehnte. »Bao ist erst vor drei Tagen hierhergekommen, aber er ist schon Große Schwarte. Du dagegen bist vielleicht vorher ein ziemlich hohes Tier gewesen, aber hier bist du bloß ein Stück Dreck!« Er drehte sich zu dem Bärtigen um und fragte ihn respektvoll: »Wie sollen wir ihn empfangen?«

»Stereo«, war die gleichgültige Antwort.

Zwei Gefangene, die auf ihren Pritschen gelegen hatten, sprangen auf, packten Song an den Knöcheln und hoben ihn kopfüber in die Luft. Sie hielten ihn über das Klo und ließen ihn langsam hinunter, bis sein Kopf zum Großteil in der Kloschüssel hing.

»Sing uns was vor!«, kommandierte der Dünne. »Das bedeutet Stereo. Sing uns irgendein Schwulenlied wie ›Linke Hand, rechte Hand‹!«

Als Song nicht sang, lockerten sie ihren Griff, sodass sein Kopf ganz im Becken untertauchte und er zu Boden stürzte.

Mühsam zog er seinen Kopf wieder aus der stinkenden Brühe. Im nächsten Moment musste er sich heftig erbrechen. Die Geschichte, die man ihm angehängt hatte, machte ihn zur Zielscheibe der allgemeinen Verachtung, das wusste er nun.

Plötzlich zerstreuten sich seine fröhlichen Mitgefangenen und zogen sich flink zurück auf ihre Pritschen. Die Tür ging auf, und der Wärter von eben kam wieder herein. Angeekelt betrachtete er Song, der vor dem Klo kauerte. »Halt deinen Kopf mal unter den Wasserhahn! Du hast Besuch.«

Nachdem Song seinen Kopf gewaschen hatte, folgte er dem Wärter in ein geräumiges Büro. Sein Besucher erwartete ihn schon. Er hatte ein hageres Gesicht, wirres Haar und eine große Brille, und er wirkte noch sehr jung. In der Hand trug er einen großen Aktenkoffer. Song setzte sich teilnahmslos und ohne den Besucher eines Blickes zu würdigen. Weil der andere schon zu diesem Zeitpunkt die Erlaubnis zu einem Besuch erhalten hatte – und das hier und nicht im Besuchsraum mit der gläsernen Trennwand –, war sich Song sicher, auf welcher Seite sein Besucher stand. Umso überraschter hob er den Kopf, als sein Gegenüber mit den Worten begann:

»Ich heiße Bai Bing. Ich bin Ingenieur im Zentrum für Wettersimulation. Sie fahnden nach mir aus dem gleichen Grund wie bei Ihnen.«

Verwundert über die Art, wie sein Besucher redete, sah Song ihn an – statt zu flüstern, sprach Bai in einer normalen Lautstärke, als hätte er nichts zu verbergen.

Bai schien Songs Misstrauen zu bemerken. »Vor zwei Stunden habe ich den Kommandanten angerufen. Er wollte sich mit mir treffen, aber ich habe abgelehnt. Danach sind sie mir bis hierher gefolgt. Nur aus einem Grund haben sie mich noch nicht verhaftet: Sie sind neugierig auf unser Gespräch. Sie wollen wissen, was ich Ihnen sagen will. In diesem Moment belauschen sie gerade unsere Unterhaltung.«

Song ließ den Blick von seinem Besucher zur Decke wandern. Er konnte diesem Mann schwer glauben, und im Übrigen interessierte ihn die ganze Angelegenheit auch gar nicht. Selbst wenn er mit viel Glück der Todesstrafe entgehen sollte – seine geistige Hinrichtung war schon vollstreckt worden. Er war seelisch tot und brachte für nichts mehr Interesse auf.

»Ich kenne die ganze Wahrheit«, sagte Bai.

Über Songs Mundwinkel huschte der Anflug eines spöttischen Grinsens. Niemand kennt die Wahrheit außer denen, dachte er, aber er hatte keine Lust, es auszusprechen.

»Vor sieben Jahren begannen Sie für die Disziplinarkommission der Provinz zu arbeiten, und vor nicht mal einem Jahr hat man Sie in Ihre gegenwärtige Position befördert.«

Song hüllte sich weiter in Schweigen. Er war wütend, weil Bais Worte von Neuem die Erinnerungen heraufbeschworen, die er so angestrengt zu verdrängen suchte.

3

Der große Fall

Anfang dieses Jahrhunderts begann die Administration von Zhengzhou, der Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Henan, für eine Reihe von Stellen auf der Ebene stellvertretender Abteilungsleiter promovierte Akademiker einzustellen. Viele andere Städte folgten diesem Beispiel, und später machten sich auch einige Provinzregierungen diese Praxis zu eigen – nun sogar unabhängig vom Promotionszeitpunkt und für höhere Einstiegspositionen. Auf diese Weise demonstrierten die Behörden ihre Großherzigkeit und Umsicht, während sie in Wirklichkeit nur ihre politische Bilanz aufpolieren wollten. In diesem Sinne erwiesen sie sich tatsächlich als weitblickend, denn sie wussten genau: Diese jungen, hochqualifizierten Akademiker, die zwar Buchgelehrsamkeit, aber keinerlei politische Erfahrung mitbrachten, würden sich in der fremden, unbarmherzigen Welt der Politik hoffnungslos verirren wie in einem ungeheuren Labyrinth. Sie würden in dieser Sphäre niemals Fuß fassen. Die ganze Angelegenheit kostete nur wenige freie Stellen, bescherte den Anwerbern aber einen beträchtlichen politischen Nutzen.

Eine solche Gelegenheit veranlasste auch Song Cheng, der damals schon Jura-Professor war, die beschauliche Welt von Campus und Studierstube zu verlassen und sich in die Politik zu begeben. Die anderen Quereinsteiger warfen nach nicht einmal einem Jahr vollkommen resigniert das Handtuch, und das Einzige, was sie aus ihrem Scheitern mitnahmen, waren ihre zerplatzten Ideale. Song jedoch bildete eine Ausnahme: Er blieb nicht nur in der Politik, er machte sogar eine beachtliche Karriere.

Zu verdanken hatte er dies zwei Männern. Der eine war sein ehemaliger Kommilitone Lü Wenming. Während Song nach dem Bachelor-Examen die Aufnahmeprüfung für ein Masterstudium abgelegt hatte, hatte Lü die Beamtenprüfung bestanden. Dank seines guten familiären Hintergrundes, aber auch aufgrund seines eigenen Einsatzes war Lü in gut zehn Jahren zum jüngsten Sekretär einer Disziplinarkommission auf Provinzebene in ganz China aufgestiegen. Er war derjenige, der Song gedrängt hatte, in die Politik zu gehen. Als der weltfremde Gelehrte noch am Anfang seiner politischen Karriere gestanden hatte, hatte Lü ihn an der Hand genommen und ihn Schritt um Schritt vorangeführt. Stets war er ihm mit umsichtigen Ratschlägen zur Seite gestanden. Ohne seinen alten Studienfreund wäre Song in eine Falle nach der anderen getappt, so aber hatte er sich seinen Weg nach oben gebahnt.

Der andere Förderer, dem er Dank schuldete, war der Kommandant …

Bei diesem Gedanken krampfte sich sein Herz zusammen.

»Sie müssen zugeben: Das war alles Ihre eigene Entscheidung. Man hatte Ihnen eine Hintertür offengelassen.«

Song nickte. Ja, das hatte man – und es war eine prächtige, komfortable Hintertür gewesen.

»Vor ein paar Monaten haben Sie sich mit dem Kommandanten getroffen«, fuhr Bai fort. »Sie erinnern sich bestimmt noch gut daran. Das war in einer Villa im Umland, am Ufer des Yang-Flusses. Normalerweise empfängt der Kommandant dort keine Außenstehenden. Als Sie aus dem Auto stiegen, bemerkten Sie, dass er Sie am Tor erwartete – eine Ehre, die er nur wenigen erweist. Nach einem herzlichen Händedruck führte er Sie in das Wohnzimmer. Die Einrichtung dort wirkte auf Sie im ersten Moment gewiss eher schlicht und bescheiden, aber da täuschen Sie sich: Allein schon die etwas alt aussehende Möbelgarnitur aus Mahagoni ist Millionen wert. Das einzige Gemälde im Raum – eine unscheinbare Bildrolle, die noch älter ist und bei genauerer Betrachtung Spuren von Mottenfraß zeigt – heißt ›Ansicht eines einsamen Tals‹ und stammt von Wu Bin, einem Maler aus der Ming-Dynastie. Der Kommandant hat es bei Christie’s in Hongkong für acht Millionen Hongkong-Dollar ersteigert. Und der Tee, den er persönlich für Sie aufgebrüht hat, wurde beim Chinesischen Teewettbewerb mit fünf Sternen bewertet. Ein Pfund davon kostet 900.000 Yuan.«

Song erinnerte sich tatsächlich an den Tee, von dem der andere sprach. Die smaragdgrüne Flüssigkeit hatte kristallklar geschimmert, nur ein paar zarte Blätter waren gemächlich in der zierlichen Tasse getrieben, so entrückt wie die überirdische Melodie einer Zither … Ihm kam sogar wieder in den Sinn, was er in jenem Moment gedacht hatte: Könnte die Welt da draußen doch auch so rein sein! Mit einem Schlag war der Schleier der Apathie von seinem Geist gerissen und sein vorher so stumpfes Bewusstsein wieder geschärft. Mit schreckgeweiteten Augen starrte er sein Gegenüber an.

Wie konnte Bai all das wissen?

Die ganze Angelegenheit war ein absolutes Geheimnis, besser gehütet als jedes andere. Auf der ganzen Welt waren nicht mehr als vier Leute, er selbst mitgezählt, darin eingeweiht.

Und so brach Song endlich sein Schweigen: »Wer sind Sie?«

Bai lächelte. »Ich habe mich schon vorgestellt. Ich bin bloß ein ganz gewöhnlicher Kerl. Allerdings weiß ich nicht nur eine Menge – ich weiß alles. Oder ich bin zumindest in der Lage, alles zu erfahren. Aus genau diesem Grund will man mich erledigen, genauso wie man Sie erledigt hat.«

Dann fuhr Bai in seiner Erzählung fort.

»Der Kommandant setzte sich ganz dicht zu Ihnen. Eine Hand hatte er auf Ihr Knie gelegt, und der innige Blick, mit dem er Sie betrachtete, hätte jeden jungen Beamten ergriffen. Soweit ich weiß – und vergessen Sie nicht, ich weiß alles –, hatte er sich noch nie zuvor so vertraut gegeben. ›Junger Mann‹, sagte er zu Ihnen, ›machen Sie sich keine Sorgen. Wir sind Genossen, und solange wir nur offen und ehrlich miteinander sind, können wir über alles reden … Sie sind intelligent und tüchtig, und Sie besitzen Verantwortungsgefühl und ein Bewusstsein für Ihre Aufgabe. Besonders die beiden letzteren Eigenschaften sind unter jungen Kadern heutzutage so kostbar wie eine klare Quelle in der Wüste. Deshalb schätze ich Sie so sehr. In Ihnen erkenne ich mich selbst in jungen Jahren wieder.‹ Dazu muss man sagen, dass diese Worte vielleicht wirklich aufrichtig gemeint waren. Vorher hatte sich bei der Arbeit nur wenig Gelegenheit zum Gespräch zwischen Ihnen beiden ergeben, aber ein paar Mal, wenn Sie sich zufällig in den Bürofluren begegnet waren oder wenn Sie aus einer gemeinsamen Sitzung herauskamen, knüpfte der Kommandant von sich aus eine Unterhaltung mit Ihnen an. Dazu lässt er sich gegenüber niedriger gestellten Kollegen sonst nur selten herab, vor allem wenn sie noch so jung sind. Entsprechend genau hat Ihr Umfeld das registriert. Auch wenn er bei keiner Sitzung seiner Behörde je ein Wort für Sie eingelegt hat, war sein Verhalten Ihrer Karriere doch sehr förderlich.«

Song nickte erneut. Das alles war ihm nicht neu. Er hatte deswegen eine grenzenlose Dankbarkeit empfunden und immer nach einer Gelegenheit gesucht, sich bei seinem Wohltäter erkenntlich zu zeigen.

»Der Kommandant hob die Hand und gab einen Wink nach hinten. Sogleich trug jemand einen großen Stapel mit Akten und Dokumenten herein und legte ihn behutsam auf den Tisch. Gewiss haben Sie bemerkt, dass es sich bei dem Mann nicht um den Sekretär handelte, der dem Kommandanten für gewöhnlich zu Diensten steht. Der Kommandant strich mit der Hand über den Stapel und sagte: ›Die Arbeit, die Sie gerade abgeschlossen haben, belegt Ihre außerordentlichen Qualitäten zur Genüge. Dem gewaltigen Umfang Ihrer Untersuchung zum Trotz haben Sie keine Mühen gescheut, um Ihre Beweise zu sammeln. Ihr Material ist ausführlich und umfassend, Ihre Schlussfolgerungen sind tiefschürfend, und es ist kaum zu glauben, dass Sie all dies in nicht mehr als einem halben Jahr geleistet haben. Hätten wir mehr Beamte von Ihrem Schlag in der Disziplinarkommission, könnte sich die Partei wirklich glücklich schätzen.‹Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, wie Sie sich in diesem Moment fühlten.«

Natürlich brauchte er das nicht – es war der schockierendste Augenblick in Songs Leben gewesen. Erst war er beim Anblick des Aktenstapels zusammengezuckt wie bei einem Stromschlag, dann war er zu Stein erstarrt.

»Alles begann mit einer Untersuchung im Auftrag der Disziplinarkommission des ZK. Es ging dabei um ein illegales Genehmigungsverfahren für staatlichen Grundbesitz … Ich erinnere mich, wie Sie als Kind einmal mit zwei Kameraden die Höhle erkundet haben, welche die Einheimischen die ›Höhle des ehrwürdigen Alten‹ nennen. Ihr Eingang ist nur einen halben Meter hoch, sodass Sie sich tief hinabducken mussten, aber im Innern tat sich vor Ihnen eine Halle auf, die so gewaltig war, dass das Licht Ihrer Taschenlampe nicht bis zur Kuppel drang. Sie sahen allerlei Fledermäuse durch den Lichtkegel flattern, und noch der kleinste Laut rief ein Echo hervor, das sich in der Ferne verlor. Die unheilschwangere Kälte kroch Ihnen bis ins Mark … Das ist ein anschauliches Bild für Ihre Untersuchung: Je weiter Sie Ihren scheinbar so gewöhnlichen Spuren folgten, desto weniger trauten Sie Ihren Augen. Je tiefer Sie drangen, desto gewaltiger war das Netzwerk der Korruption, das sich vor Ihren Augen entfaltete. Es erfasste die ganze Provinz, aber seine Fäden liefen an einem Ort, bei einem Mann, zusammen – und jetzt waren die streng vertraulichen Unterlagen, die Sie der Kommission des ZK